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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Vierzehntes Kapitel.
Musik für Freund Hein

Ein Einfall wirkt manchmal wie ein Sporn. Wem plötzlich ein guter Einfall kommt, der trägt wieder den Kopf hoch wie ein Pferd, dem der Reiter die Sporen gegeben hat, und wenn sein Schritt vorher matt war, so wird er unmerklich wieder fest und kräftig. Buck Daniels hatte einen solchen Einfall, als er die Stufen zur Hotelveranda hinaufschritt. Unbedingt erfreulich schien dieser Einfall allerdings nicht zu sein, denn er biß plötzlich die Zähne zusammen und die Farbe verschwand aus seinem Gesicht. Im nächsten Augenblick lockerte er den Revolver in dem Halfter an seinem Gürtel.

Es war ein Einfall, der anscheinend reifliche Überlegung erforderte. Er ließ sich in einen geflochtenen Sessel fallen, der da auf der Veranda stand. Dort saß er mit gebeugtem Kopf, zündete eine Zigarette nach der anderen an und schleuderte die abgebrannten Stummel über das Geländer. Mehr als einmal preßte er, wie von einem plötzlichen Schmerz heimgesucht, die Lippen zusammen. Sein Gesicht blieb bleich und nahm nach und nach einen immer ausgeprägteren Ausdruck der Entschlossenheit an. Ein Plan schien langsam in ihm zu reifen. Sein Gesicht bot in diesem Augenblick keinen angenehmen Anblick.

Geraume Zeit verstrich, ehe er auch nur einen Muskel bewegte, aber schließlich drang von der Hinterfront des Hotels her ein feines, klares Pfeifen an sein Ohr. Es war keine erkennbare Melodie. Es war eine wilde, eigentümliche Improvisation, stürmende, unbändige Läufe und Triller mit Bruchstücken dazwischen, die eine sangbare Melodie ergeben hätten. Es klang, wie wenn ein besonders begnadeter Vogel in blinder Verzückung sein Lied aus voller Kehle herausschmettert. Buck hob plötzlich den Kopf. Schließlich riß er sich von den Tönen los und ging ins Innere des Hotels.

Er stieß auf die Magd, die ihm sein Essen gebracht hatte, und erkundigte sich nach dem Namen des Arztes, der den verwundeten Jerry Strann behandelte.

»Der hat keinen Doktor,« sagte sie, »Fatty Matthews, der Konstabler, hat sich seiner angenommen, und will's Gott, daß er ihn um die Ecke bringt. Fatty ist jetzt hier unten im Schankzimmer. Aber was ist los? Mann, Ihr seht aus, als hörtet Ihr was Besonderes?«

»Stimmt,« erwiderte Daniels rätselhaft, »ich höre etwas, und Freund Hein würde das Herz im Leibe lachen, wenn er's hörte.«

Damit drehte er sich auf dem Absatz herum und ging ins Schankzimmer hinüber. Fatty stand an der Bar und goß sich drei Finger hoch ungemischten Whisky in die Kehle. Daniels stellte sich neben ihn, schenkte sich ebenfalls zu trinken ein und spielte unentschlossen mit dem Glas.

»Werde noch einen nachgießen,« sagte Fatty, »hab's verdammt nötig.«

»Schlechter Tag gewesen heute?« fragte O'Brien voller Mitgefühl.

»Kann man sagen, Mann – ein Tag ist wie der andere. Mensch, O'Brien; ich sage dir, es gehört 'ne verdammte Masse Courage dazu, da oben im Zimmer zu sitzen, wenn man weiß, daß Jerry jeden Augenblick auslöschen kann wie ein Licht, und wenn Mac Strann, der verflixte Teufel, in seiner Ecke sitzt und einem nachstarrt bei jedem Schritt, den man tut. Ich will dir was sagen, 's ist mir just so, als würde mir der Kerl an die Kehle gehen in dem Augenblick, wo Jerry seinen letzten Seufzer tut.«

»Danebengeschossen, Fatty«, antwortete O'Brien. »'s ist just nicht die Art, wie's bei ihm losgeht. Der nimmt sich Zeit, wenn er einen abschlachten will. Der wartet, bis er einen auf der Straße stellen kann vor soundsoviel Zeugen, und dann sorgt er dafür, daß der andere mit dem Rummel zuerst anfängt. Just das ist Mac Stranns Art. Denk' an Fitzpatrick.«

»Keine Hoffnung mehr für Jerry Strann?« fragte Buck Daniels dazwischen.

»Nicht mal tausend gegen eins«, hustete Fatty, der ein neues riesiges Quantum Whisky hinter die Binde gegossen hatte.

»Und wenn Jerry stirbt, dann meint Ihr, wird Mac sich an den anderen heranmachen, an Dan Barry?«

»Wer hat Ihnen das gesteckt?« fragte O'Brien trocken. »Seid wohl 'ne Art von Gedankenleser, Fremder?«

Buck Daniels antwortete nicht. Er betrachtete seinen Wirt mit milder, aber konzentrierter Aufmerksamkeit. Das Lächeln auf seinen Lippen schien nichts als beste Laune zu verraten, und dennoch fühlte sich O'Brien zu einem unbehaglichen Erröten veranlaßt. Er machte sich verlegen mit seinen Gläsern zu schaffen.

»Ich frage mich,« fuhr Daniels fort, »ob die Sache zwischen Strann und Barry nicht auch so auslaufen wird wie die mit Jerry. Haltet Ihr's nicht für möglich?«

»Nein!« antwortete Fatty Matthews mit ruhiger Entschiedenheit. »Das ist just das Ding, das nicht möglich ist. Well, scheint mir, ich muß in meinen Raubtierkäfig zurück. Könntest hier und da mal nachsehen, O'Brien, ob ich noch am Leben bin.«

»Wird's oben noch lang dauern?« erkundigte sich O'Brien.

»Heute gegen Abend, denk' ich, wird Schluß sein.«

Buck Daniels Finger preßten sich plötzlich krampfhaft um sein noch unberührtes Glas. Seine Augen starrten mit einem wilden und unheimlichen Ausdruck ins Leere.

»Seid Ihr Eurer Sache sicher?« fragte er. »Wenn Jerry so lang ausgehalten hat, ist's doch gut möglich, daß er noch 'ne ganze Weile länger aushält. Könnt Ihr mit solcher Gewißheit behaupten, daß er heut noch abfährt?«

»Und ob ich kann!« sagte der Konstabler. »'s ist keine große Sache, wenn einer so viele hat um die Ecke gehen sehen wie ich. Wenn's bei einem schon anfängt bergab zu gehen, wird man wohl sagen können, Mann, wann er unten angelangt ist.«

»Ist denn keiner da, Fatty, der Euch manchmal ablöst?« mischte sich O'Brien ein.

»Sozusagen. Haw-Haw Langley ist mit oben. Aber er nützt mir nicht viel. Sitzt herum und legt die Hände in den Schoß. Manchmal, Mann, sieht's mächtig so aus, als wäre er just darauf versessen, daß Jerry um die Ecke geht.«

Und damit verließ Fatty Matthews summend den Schankraum.

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