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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Zwölftes Kapitel.
Diplomatische Feinheiten

»Was ein Mann ist, der schwatzt, weil er besoffen ist oder sich einsam fühlt, – was ein Weib ist, die tut's, damit sie nicht aus der Übung kommt.« Dies war eine Weisheit, die Buck Daniels geprägt hatte, und Buck Daniels wußte über die Frauen Bescheid. Das konnte ihm so manche junge Schullehrerin in den Bergdörfern, so manche Tochter von den Höfen ringsherum bestätigen.

Buck Daniels saß in O'Briens »Speisesaal«. Es war in der faulen und müßigen Zeit zwischen drei und vier Uhr nachmittags, und da die Gebirgler mit großer Pünktlichkeit um sechs, zwölf und wieder um sechs Uhr ihre Mahlzeiten verzehren, war nicht eine Menschenseele in dem Raum, als er ihn betrat. Auf den leeren Tischen war nicht einmal ein Besteck zu sehen. Trotzalledem verlor Buck Daniels die Hoffnung nicht. Er suchte sich einen ihm zusagenden Tisch in einem Winkel und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Es gab einen Knall wie ein Revolverschuß. Schwere Schritte schlürften draußen über den Gang. Eine Tür flog auf und eine schieläugige und schlampige Magd stand vor ihm. Als sie Daniels erblickte, der freundlich grinsend in seiner Ecke saß, die Hände in die Hüften gestützt und den Sombrero jovial ins Genick geschoben, kollerte sie vor Wut.

»Mann!« brüllte sie, daß es von den vier Wänden widerhallte. »Wo denkt Ihr eigentlich, daß Ihr seid? Ihr seid drei Stunden hinter der Zeit. Hier gibt's nichts zu futtern! Und nun trollt Euch!«

Buck Daniels hob sich langsam zu seiner vollen Höhe. Feierlich und umständlich nahm er den Sombrero ab und verbeugte sich so tief, daß er mit dem Hutrand über den Boden streifte.

»Meine Dame,« sagte er unterwürfig, »dachte, 's ist irgendein Mannsbild, das hier Wirtschaft hält. Nämlich jetzt, wenn Sie erlauben, werd' ich mich erst mal hinaustrollen und mir den Dreck 'n bißchen abspülen. Natürlich, wenn ich gewußt hätte, daß Sie hier sind, wär' ich nicht hier mit Dreck und Speck hereingestolpert.«

Die Dame mit dem Augenfehler starrte ihn durchdringend an. Sie war unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte. Zunächst jedenfalls fühlte sie sich zu der Annahme veranlaßt, daß der Bursche sich im geheimen über sie lustig machte und sie überließ sich diesem ersten Impuls immerhin so weit, um eine solide Zuckerschale, die sich gerade in erreichbarer Nähe befand, in ihre enorme und vielversprechende Faust zu nehmen. Aber dann schlich sich doch ein liebenswürdigerer Gedanke in ihr Hirn und verbreitete sich langsam darin, wie ein schwaches Echo in einem weiten Keller.

»Braucht Euch nicht extra herauszuschniegeln, Mann, wenn Ihr mit mir zu reden habt«, sagte sie gedankenschwer. »Aber zu knabbern gibt's hier nichts mehr, Ihr kommt zu spät.«

»Madam,« entgegnete Buck Daniels, »wie ich hier hereingestolpert bin, da hatt' ich 'nen Hunger, ich hätte Schuhsohlen fressen mögen, aber wenn Ihr mich mit einem Schwatz beehren wollt, Madam, dann vergeß ich, daß ich überhaupt hungrig gewesen bin.«

Die gewaltige Hand der schieläugigen Dame griff verstohlen von neuem nach der Zuckerschale.

»Just, sagt das noch einmal«, meinte sie argwöhnisch.

»Einsamkeit ist schlimmer als Hunger«, erklärte Buck Daniels und seine schwarzen Augen begegneten ihrem Blick ohne Wimperzucken.

Sie entschloß sich, die Zuckerdose wieder loszulassen. Über ihre lederbraunen Backen stahl sich ein jungfräuliches Erröten.

Nachgiebiger geworden, meinte sie: »Ihr kommt von den Minen herunter, denke ich.«

Buck Daniels tat einen schweren Atemzug.

»Von den Minen?« Er lachte bitter. »Wenn ich sonst nichts zu tun hätt' ...« meinte er schwermütig und brach ab.

Die Dame schien tief berührt.

»'s kann sein, 's ist für manchen Tag meine letzte Chance, was Solides in den Magen zu kriegen. Well, laßt's gut sein, wenn ich in Eurer Gesellschaft bliebe, würd' ich doch zu viel ausplaudern.«

Und damit steuerte er langsam der Tür zu – sehr langsam allerdings.

»Wartet doch noch 'nen Augenblick«, rief ihm die Jungfrau nach. »Braucht das Stück nicht zu spielen. Wenn's Euch so bitter not tut, so pflanzt Euch auf den Stuhl da. Werde Euch ein paar Eier mit Speck auffahr'n, eh' Ihr 'ne Minute älter seid.«

Und ehe er noch Zeit hatte sich herumzudrehen, hatte sie die Tür wieder hinter sich zugeknallt. Buck nahm Platz und lächelte.

Kurz darauf war eine Reihe von Schüsseln mit Brot, Butter, knusprig gebratenen Kartoffeln, eine mächtige Scheibe Speck und eine Anzahl gebackener Eier vor ihm aufmarschiert und außerdem ein gewaltiger Zinnbecher mit einem Kaffee, der schwärzer war als Nacht und süßer als Sünde. Verzehrende Sehnsucht befiel ihn, aber Politik war wichtiger als Essen. Er erhob sich wieder und schob einen zweiten Stuhl zurecht.

»Madam,« sagte er, »Ihr werdet doch die Güte haben, hier Platz zu nehmen?«

Madam blinzelte mit ihren schiefen Augen.

»Natürlich,« fuhr er rasch fort, »ich weiß, Ihr habt großmächtig viel zu tun. Habt just keine Zeit zu vergeuden für einen Fremden wie mich.«

»Was mag Euch hierhergeführt haben?« fragte sie, sich niederlassend. »Kann sagen, im allgemeinen plag' ich die Leute nicht mit Fragen. Braucht mir just nur so viel zu erzählen, wie Euch paßt.«

»Danke auch«, sagte Buck prompt. »Hab's Euch auf den ersten Blick angemerkt, daß Ihr von der Art seid. 's ist nicht schwer, auf den ersten Blick zu sehen, was 'ne Dame ist. Um von meinen Geschäften zu reden, kann ich Euch für den Anfang just so viel sagen: bin auf der Suche nach 'nem ruhigen Städtchen, wo sich einer auf die Dauer niederlassen könnte. Und muß sagen, soviel ich sehen kann, ist Brownsville so 'n stilles, gemütliches Nest.«

Die Dame kämpfte mit sich selbst. Aber es gelang ihr nicht, mit der Wahrheit hinter dem Berg zu halten.

»Wenn Ihr's im großen und ganzen nehmt,« sagte sie schließlich, »ist Brownsville just so friedlich wie ein anderes Nest. Aber grade eben sieht's aus, als sollte es 'nen gewaltigen Krach setzen.«

Sie drehte sich schwerfällig in ihrem Stuhl herum, um zu sehen, ob sie noch allein waren. Dann legte sie die hohlen Hände um den Mund und verkündete in einem melodramatischen Flüstern:

»Mac Strann ist da!«

Buck Daniels Augen blieben verständnislos.

»Ihr kennt ihn nicht?« fragte sie.

»Nicht die Bohne.«

»Nie von ihm gehört?«

»Nicht die Bohne.«

»Mann, dann könnt Ihr von Glück sagen. Er ist genau so schlimm wie ein Bluthund und ein Mustang und ein Berglöwe zusammengenommen. Jawoll, Mann, das ist Mac Strann, und er ist hier, um einen kalt zu machen.«

»So? Aber wen denn?«

»Den Kerl, der seinem Bruder Jerry eins ausgewischt hat.«

»Scheint mir also, er hat Grund, hinter dem Kerl her zu sein.«

»Nicht 'ne Bohne! Jerry hatt' sich lang' 'nen Denkzettel verdient. Ein ewiger Stänkerer war der Kerl, jawoll, Mann, und diesmal hat er das Schießeisen zuerst herausgelangt. Alle, die dabei waren, können's bezeugen.«

»Na, und? Und diesmal ist er einem richtigen Raufbold vor den Revolver geraten?«

»Raufbold?« Sie lachte laut auf. »Nachbar,« sagte sie, »wenn er nicht so 'n komischen Blick in den Augen hätte, der Kerl – ich hätte vor der Sorte Raufbold nicht soviel Respekt wie vor unserer Katze. Und wo ich ein schwaches Frauenzimmer bin obendrein! 's ist nie einer zu uns nach Brownsville gekommen, der friedlicher ausgesehen hat. Aber irgendwie ist's mit dem nicht ganz richtig. Er weiß, daß Mac Strann hier ist. Er weiß, daß Mac Strann bloß darauf wartet, daß Jerry die Augen schließt. Er weiß, daß Mac Strann, wenn Jerry stirbt, ihm ans Leben will und – was soll ich Euch sagen, Mann – bei alldem sitzt der fremde Kerl hier herum und wartet darauf, daß Mac Strann ihm den Hals umdreht. Könnt Ihr daraus schlau werden?«

Buck Daniels schien von einer seltsamen Erregung befallen.

»Was habt Ihr da gesagt? Was war mit seinen Augen?« fragte er scharf.

Sie wurde plötzlich argwöhnisch.

»Kennt Ihr ihn denn?«

»Nein, aber Ihr sagtet etwas von seinen Augen.«

»Na ja, was soll's schon sein? Ich kann's auch nicht sagen. Aber ich bin nicht die einzige, die wo's gesehen hat. Wie soll man's sagen, was es ist. Es ist halt so und damit basta.«

Buck Daniels Stimme senkte sich zum Flüstern.

»Ist's ne Art Feuer?« meinte er. »Ne Art Licht, tief drin hinter den Augen?«

Sie starrte ihn fassungslos an. »Feuer? Hinter den Augen? Ihr wollt mich wohl zum Narren halten?«

»Wie heißt er denn?«

»Weiß ich's?«

»Madam,« sagte Daniels und sprang hastig auf, »hier ist 'n Dollar für Euch, wenn Ihr mich mit dem Mann zusammenbringt.«

»Habt keinen Führer nötig, Mann«, sagte sie. »Spitzt mal die Ohren. Hört Ihr das?«

Und als Buck Daniels gehorsam aufhorchte, hörte er eine Kette feiner nadelspitzer Töne. Jemand pfiff in der Ferne.

»Das ist er!« sagte das Weib mit ermunterndem Kopfnicken. »Den ganzen Tag läuft er herum und pfeift sich was. Hat 'nen Sparren, der Kerl, denke ich.«

»Das ist er ja,« schrie Buck Daniels, »das ist er ja!«

Und mit diesem Freudenausbruch sauste er aus der Tür.

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