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Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
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Zehntes Kapitel.
Ein Rat, der nicht befolgt wird

Fatty Matthews schob sich schnaufend durch die Tür herein. Er war ein Mann, dessen Körperbau für ein beschaulicheres Dasein geschaffen war, aber es steckte eine unendlich amerikanische Aktivität in der schwerfälligen Hülle. Immer stand er unter Volldampf, und man hörte ihn immer ächzen. Wenn er sich auf ein Pferd schwang, brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Wenn er ein Glas Whisky herunterstürzte, schnaufte er wie ein Walfisch. Und doch war er fähig, schwere Anstrengungen lange Zeit hindurch zu ertragen, wie viele Einwohner der Drei B.s bezeugen konnten. Sein Haar war kurz und grau und starrte in die Höhe wie eine Bürste. Er hatte sich angewöhnt, sein schnaufendes Ausatmen dadurch zu verdecken, daß er ewig irgendein Lied vor sich hinsummte. Summend kniete er jetzt neben Strann auf den Boden, summend öffnete er ihm das Hemd, summend zog er aus seiner geräumigen Tasche – denn Fatty war mindestens ebensosehr Arzt, wie er Konstabler, Cowboy, Goldsucher und Spieler war – ein Paket Watte und Verbandszeug. Die Leute drängten sich interessiert um ihn herum, und auf seinen Befehl hin stürzten einige davon, um Wasser zu holen. Ein paar andere hoben Jerry vom Boden und legten ihn auf den Rücken, während der Konstabler seine Binden zurechtmachte. Jerry war ohnmächtig. Fatty Matthews begann jetzt hier und da zwischen seinen musikalischen Bemühungen auch ein Wort zu äußern.

»Hast du deine Bohne von vorne gekriegt, Söhnchen?« grunzte er. »Was?« und ließ wieder summend zur Melodie von »Sweet Adeline« die breite Mullbinde, die er um die Brust des Verwundeten wickelte, geschickt zwischen seinen Fingern ablaufen.

»Hat Jerry woanders hingesehen, wie es ihn erwischt hat?« fragte er die Umstehenden. »O'Brien, du hast doch dabeigestanden?«

O'Brien räusperte sich.

»Ich habe nichts gesehen«, sagte er liebenswürdig und begann den Schanktisch abzuwischen, obwohl die Zinkplatte längst im unwahrscheinlichsten Glanz erstrahlte.

»Well,« grunzte Fatty, »solche Knaben wie der kriegen früher oder später ihren Denkzettel. Und Jerry war längst fällig. Lew, warst du dabei?«

»'woll!«

»Wer war's? Irgendein besoffener Landstreicher?«

Lew beugte sich vor und flüsterte dem immer noch knienden Konstabler etwas ins Ohr. Fatty riß die Augen auf und fluchte, bis ihm der Atem ausging und er wieder zu einem Liedchen seine Zuflucht nehmen mußte.

»Und Jerry hat zuerst gezogen?« japste er schließlich.

»Jerry hatte das Schießeisen in der Hand, eh der Fremde nur 'nen Finger rührte«, versicherte Lew.

»Es ist nicht zu glauben!« murmelte Fatty, und dann summte er: »Bei Tag und Nacht nur dein gedacht.«

Und gleich darauf mit scharfer Stimme – der Verband war kunstgerecht vollendet –: »Wo ist der Kerl hin?«

»Er ist gerade aus der Tür«, antwortete Lew.

Der Konstabler leistete sich einen neuen Fluch, dann fragte er – es schien ihm ein neuer Einfall gekommen zu sein –: »Wird behaupten, 's war Notwehr. Was?«

O'Brien beugte sich über den Schanktisch.

»Hör' mal, Fatty,« sagte er mit Nachdruck, »da ist nicht dran zu tippen. Und Jerry war in voller Kriegsbemalung – sollte man sagen, du kennst doch sein Gesicht. Er wollte nach dem Wolf schießen, den dieser Barry mit sich schleppt.«

»Wolf?« unterbrach Fatty.

»Kalkuliere, soll ein Hund sein,« berichtigte sich der Schankwirt, »der Himmel weiß es. Auf alle Fälle hat Jerry den ganzen Kram angefangen. Was Barry ist, der hat bloß den Schlußpunkt druntergesetzt. Ich will dir was sagen. Du tust besser und bringst diesen Barry nicht ins Loch. Ihr müßt ihn hier behalten, bis Mac Strann kommt.«

»Das ist meine Sache«, knurrte der Konstabler. »Hallo da! Sechs Mann heran. Ihr könnt Jerry aufpacken und ihn in ein Zimmer schleifen. In 'ner Minute bin ich wieder da.«

Während diese Anweisungen befolgt wurden, trabte er schnaufend durch das Zimmer und zur Tür hinaus. Vor dem Haus war nur ein Mann zu finden, der gerade sich auf seinen Rappen schwingen wollte. Der Konstabler steuerte geradeswegs auf ihn los, als wie aus dem Nichts gezaubert ein schwarzer Hund erschien und ihm den Weg verlegte. Es war ein ungewöhnlich schweigsamer Hund, aber seine Zähne und seine Augen führten eine so beredte Sprache, daß Fatty schleunigst alle Bremsen anzog.

»Seid Ihr Barry?« fragte er.

»Das stimmt, hierher, Bart!«

Der riesige Hund verschwand hinter dem Pferd, ohne einen Blick von dem Konstabler zu wenden. Fatty schob sich behutsam näher an den Reiter heran, der kühl und gelassen im Sattel saß. Anscheinend lag ihm nicht das geringste an einem eiligen Aufbruch.

»Barry,« sagte der Konstabler, »hoffe, Ihr werdet keine Geschichten machen, wenn Ihr erfahrt, wer ich bin. Ich will Euch nichts Übles, Mann, aber mein Name ist Matthews und –« er drehte den Aufschlag seiner Jacke gerade weit genug nach außen, daß man das Abzeichen seiner Würde blitzen sah. Seine kleinen Knopfaugen waren dabei mit unverwandter Aufmerksamkeit auf Barry gerichtet. Der rührte sich nicht. Und nun sah er erst, wie zart der Mann gewachsen war, fast weibisch, genau so weibisch wie die großen, sanften Augen. Er trat dichter heran und ließ vertraulich seine dicke Hand auf den Sattelknopf fallen.

»Barry,« meinte er, »ich hab' gehört, was drin vorgegangen ist. Ich kenn' Strann. Ich weiß, wie er's treibt, und wenn ich mir's einfallen ließe, Euch zu verhaften, Ihr würdet freigesprochen. 's ist kein Zweifel dran, daß Ihr in der Notwehr gehandelt habt, deshalb werd' ich Euch auch nicht festhalten. Ihr seid frei, aber Mann, eins will ich Euch sagen: verduftet! Reitet nordwärts und macht, daß Ihr die Drei B.s möglichst weit im Rücken laßt. Ihr habt 'nen Gaul Unter Euch, Mann, von dem kann man sagen: Es ist ein Gaul! Und Ihr werdet ihn bitter nötig haben, eh Ihr sagen könnt, Ihr seid mit heiler Haut davongekommen.« Er senkte die Stimme, seine Augen traten beinahe aus ihren Höhlen, so sehr stand er selbst unter dem Eindruck dessen, was er mitzuteilen hatte. »Mann,« sagte er, »gebt dem Vieh die Peitsche, reitet, als ob der Teufel Euch im Nacken säße! Ich sag' Euch, solang' der Gaul noch traben kann, macht nicht halt! Was sag' ich? Wenn ihm die Puste ausgeht, dann nehmt Euch schleunigst 'nen andern. Barry, weißt du, was in drei Tagen ist? In drei Tagen spätestens sitzt dir Mac Strann auf den Fersen.«

Er trat einen Schritt zurück und schwang den Arm.

»Nun dalli!«

Der Rappe zuckte zusammen, als er die plötzliche Bewegung sah, und legte die Ohren zurück, aber der Reiter rührte kein Glied.

»Ich hab' nie was von Mac Strann gehört«, sagte Barry.

»Nie von Mac Strann gehört?« wiederholte Fatty.

»Aber ich würd' mich freuen, ihn kennenzulernen«, meinte Barry.

Der Konstabler blinzelte heftig mit den Augen. Es schien ihm eine Fliege hineingeraten zu sein.

»Barry,« sagte er heiser, »du hast Mark in den Knochen, das sieht ein Blinder im Dunkeln, aber bring' dich nicht in die Tinte. Wenn du Mac Strann in die Finger kommst, springt er mit dir um wie mit einem Wickelkind. Mann, es lebt keiner, der eine Chance hat gegen Mac Strann. Ihr habt Jerry ganz sauber zugerichtet. Soll mir nicht einfallen, Euch das abzustreiten, aber Jerry und Mac, das ist ein Unterschied, wie zwischen einem Hauskater und einem Löwen. Ich seh' schon, Mann, Ihr seid fremd hier herum, aber Ihr braucht bloß den Mund aufzutun, um mich zu fragen, und ich werd' Euch den besten Weg sagen, auf dem Ihr von hier wegkommt.«

Barry glitt aus dem Sattel.

»Ihr könntet mir den besten Platz sagen, wo man hier sein Pferd unterstellen kann.«

Der Konstabler war unfähig zu reden.

Barry machte auf dem Absatz kehrt und ging nach den Ställen hinüber. Der Rappe und der Hund folgten ihm auf dem Fuße, Konstabler Matthews befeuchtete sich die Lippen, aber er konnte sie spitzen wie er wollte, es gelang ihm nicht, einen Ton zu pfeifen. Schließlich raffte er sich auf, um in den Schankraum zurückzukehren. Sein Blick war gedankenschwer ins Leere gerichtet. Drin klammerte er sich mit seinen beiden Fäusten an den Rand des Schanktisches.

»O'Brien, Whisky!«

O'Brien schob ein leeres Whiskyglas vor ihn hin und schickte sich an, einzuschenken, aber Fatty wischte es zur Seite und packte statt dessen ein mächtiges Wasserglas.

»O'Brien,« sagte er, »ich brauch' kein Tröpfchen zur Ermunterung, ich brauch' was, was mir Kraft gibt«, und damit füllte er selbst das Glas bis zum Rand mit Whisky und stürzte es in einem Zug hinunter.

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