Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Die Drei in der Nacht

Max Brand: Die Drei in der Nacht - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Drei in der Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180225
projectid30d7648f
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Gewitterwolken

O'Brien drängte sich dicht an Barry heran. »Nachbar,« sagte er hastig, »Ihr seid jetzt gut davongekommen. Mann, wenn Ihr bloß wüßtet, in was Ihr da beinahe hineingeraten wäret! Die Hölle ist ein Kinderspiel dagegen! Ich sag's Euch, Mann, jetzt klettert schleunigst auf Euren Gaul und gebt ihm die Peitsche, bis Ihr Brownsville ein tüchtiges Stück im Rücken habt, und wenn Ihr für einen guten Rat Verwendung habt, dann sag' ich Euch, Ihr wagt Euch in Zukunft besser nicht mal einen Tagmarsch weit an die Drei B.s heran.«

Die milden braunen Augen öffneten sich erstaunt.

»Ich kann so viele Menschen nicht ausstehen«, murmelte Barry vor sich hin.

»Mann,« grinste der Schankwirt, »Bubi, du hast mehr Grütze im Kopf, als du selbst noch weißt. Mach', daß du dich trollst.«

Und er machte kehrt, um sich den Leuten anzuschließen, die in seine Kneipe strömten. Aber Jerry Strann hatte außen an der Tür haltgemacht. Er spähte aufmerksam umher und sah, wie Barry unschlüssig unter den Nachzüglern herumstand.

»Na, kommt Ihr nicht?« rief er.

»Ich habe 'ne Verabredung«, antwortete die samtige Stimme.

»Ihr habt hier auch 'ne Verabredung«, entgegnete Strann spöttisch. »Verstanden?!«

Der andere zögerte und seufzte dann tief auf. »Denke, ich werde bleiben«, murmelte er und ging in den Schankraum. Jerry Strann lächelte, das peinliche Lächeln, das seine sämtlichen Zähne zeigte. Als Barry an ihm vorbeischritt, sagte er sanft: »Ich seh' schon, wir beide werden miteinander keinen Krach haben«, und hob die Hand, um den anderen, der kleiner war als er, auf die Schulter zu klopfen. Seltsam genug verfehlte die Hand ihr Ziel, denn Barry schnellte blitzgleich zur Seite, wie ein Wolf sich vor einem stürzenden Ast zur Seite schnellt. Es war kaum zu sehen, es erforderte bei ihm kein plötzliches gewaltsames Anspannen der Muskeln, sondern geschah so sacht und gleitend, daß es fast unbemerkbar blieb, aber Stranns Hand plumpste in die leere Luft.

»Ihr seid fix, Mann,« meinte er, »wenn Ihr so fix mit den Händen seid wie mit den Beinen ...«

Barry blieb stehen, und seine melancholischen braunen Augen ruhten voll auf Stranns Gesicht.

»Verdammt«, schnarrte der und drehte sich auf dem Absatz herum. »Was zu trinken her!« kommandierte er am Schanktisch.

Hinten im Raum schrie einer auf. Man hörte ein Knurren.

»Großer Gott, ein Wolf!« kreischte einer.

Barry glitt rasch und unauffällig durch das Gedränge und schob sich zwischen seinen Hund und einen Mann, dessen Finger nervös mit dem Kolben eines Revolvers spielten.

»Der Hund tut Euch nichts«, murmelte die seidige, beruhigende Stimme.

»Ja, den Teufel tut er!« antwortete der Mann. »Grad' eben ist er mir ans Bein gefahren, und um ein Haar hätt' ich's ihm in den Zähnen lassen müssen. Das Biest hat Zähne wie Messerklingen.«

»Fehlgeschossen, Sam«, rief ein anderer dazwischen. »Das ist kein Wolf. Sieh dir ihn mal jetzt an.«

Das riesige, zottige Tier war bis vor die Füße seines Herrn gekrochen und blinzelte scheu, den Kopf auf den Boden gedrückt, zu seinem Gesicht hinauf. Eine kleine Handbewegung genügte, und er glitt wie ein Schatten in seine Ecke zurück, wo er, den Kopf auf den Pfoten, zusammenkroch. Die grünen Augen glühten im Dunkel. Barry ließ sich auf einen Stuhl in seiner Nähe nieder.

O'Brien ließ vergnügt Gläser und Flaschen über den Schanktisch tanzen. Es klirrte und klingelte um ihn her, und der Raum füllte sich mit den gedämpften Baßlauten zufriedener Zecher.

»Whisky für alle!« rief Jerry Stranns laute Stimme. »Aber da sitzt noch einer trocken. Wer ist das? Ah! Das ist ER! Heh, O'Brien, Limonade für die junge Dame!«

Der Witz löste ein dröhnendes, zufriedenes Lachen aus, und eine Salve von spöttischen Zurufen folgte, aber Barry trat unbeirrt an den Schanktisch, nahm ein Glas Limonade aus der Hand des Wirts entgegen, und während die anderen ihr Feuerwasser herunterstürzten, nahm er langsam einen nachdenklichen Zug. Draußen hatte sich ein Wind erhoben. Er rüttelte an dem Hotel und trug einen Chorus verworrener Stimmen mit, als er um die Ecken heulte und durch die Ritzen pfiff. Vielleicht waren die Stimmen des Windes daran schuld, daß mit einemmal der Hund seinen riesigen Kopf von den Pfoten hob und in ein leises Wimmern ausbrach, vielleicht war derselbe Ton daran schuld, daß Barry, der an der Bar stand, sich plötzlich aufreckte und den Kopf nachdenklich auf die Seite legte – gewiß ist jedenfalls, daß niemand anders in der Schenke etwas hörte. Barry setzte sein Glas auf den Schanktisch. »Mister Strann!« rief er, und seine sanfte Stimme drang nur schwach durch das Getümmel, das um ihn her war.

»Schwesterchen hat Euch was zu sagen«, meinte O'Brien zu Strann.

»Well!« brüllte Jerry hinüber. »Was ist los?«

Alle anderen verstummten und horchten auf. Sie lächelten in Erwartung des Kommenden.

»Wenn's Euch nichts ausmacht,« sagte die musikalische Stimme Barrys, »so denke ich, ich werde mich jetzt auf den Weg machen.«

In allen Menschen lebt ein rätselhafter kleiner Teufel. Es ist der Teufel, der schuld daran ist, daß Kinder ihr eigenes Spielzeug zerbrechen, daß der Mann seine Frau verprügelt, daß der Herr seinen Hund schlägt, der vor ihm winselt. Derselbe Teufel schlüpfte jetzt in Jerry Stranns Herz und ließ es zu einem kalten Stein zusammenschrumpfen.

»Ihr möchtet Euch auf den Weg machen?« äffte der kleine Teufel in Jerry Stranns Brust dem Fremden nach. »Well, Mann, Ihr werdet Euch noch ein bißchen Zeit nehmen. Wir sind noch nicht miteinander fertig. Kann sein ...« Er hielt inne und suchte nach Worten. »Ihr habt mir dazu verholfen, daß ich in den Dreck gefallen bin, und kann sein, Ihr schafft uns jetzt – was zum Lachen.«

Ein erwartungsvolles Kichern lief den Raum entlang.

»Ich möchte wissen,« fuhr Jerry Stranns Teufel fort, »wo Ihr den Gaul herhabt.«

»Er ist in der Wildnis groß geworden«, kam die gelassene Antwort. »Eines Tages habe ich mich auf den Weg gemacht und ihn mit nach Hause gebracht.«

»Vielleicht«, grinste Jerry, »habt Ihr ihn gelähmt?«

Denn es ist eine der schwierigsten Aufgaben der Welt, ein wildes Pferd zu fangen, und manchmal entschließen sich die Jäger in der Verzweiflung, das Tier mit einem sicher gezielten Schuß an einem Bein zu lähmen. Es erfordert eine sichere Hand, denn ein Schuß, der fehlgeht, kann den Tod des unvorsichtigen Jägers bedeuten. So kam es, daß Jerry Stranns Bemerkung von neuem bei allen ein verständnisvolles Kichern auslöste.

»Nein,« antwortete Barry, »ich bin hinausgegangen und nahm nur einen Halfter mit, und nach einer Weile hatte sich Satan so an mich gewöhnt, daß er von selbst nach Hause mitlief.«

Die ganze Gesellschaft nahm sich gerade noch Zeit, einen herzhaften Atemzug zu tun, dann brüllten sie geradezu vor Entzücken. Aber in Stranns Brust gewann der geheimnisvolle Teufel immer mehr die Oberhand. Er schlug auf den Schanktisch, bis alle schwiegen. Dann beugte er sich vor, um Barry in die Augen zu starren.

»Mann,« quetschte er zwischen den Zähnen heraus, »das ist eine verdammte Lüge!«

In den Bergen gibt es auf eine solche Bemerkung nur eine Antwort. Barry unterließ sie. Seine melancholischen braunen Augen schienen noch größer zu werden. Er seufzte, führte sein Glas zum Mund und schlürfte langsam einen Schluck Limonade. Ein peinliches Schweigen verbreitete sich in dem weiten Schankraum. Männer sahen sich an und blickten rasch und scheu zur Seite. Es geht nicht an, daß einer, der wie ein Mann dreinblickt und spricht wie ein Mann, sich solche Dinge bieten läßt – selbst nicht von Jerry Strann. Und selbst Jerry Strann wandte langsam den Blick von seiner Beute weg. Er schüttelte sich. Der Anblick der scheußlichsten Todesszene ist nicht so grauenhaft wie der der Feigheit.

Und der Teufel, der in Stranns Brust immer mächtiger wurde, trieb ihn, sich nach einer neuen Zielscheibe umzusehen – Barry schien jetzt durch eine unsichtbare Schranke von den anderen getrennt zu sein. Und es war nicht schwer, die neue Zielscheibe zu finden, denn auf den ersten Blick entdeckte er in der Ecke hinten die grünschimmernden Augen des riesenhaften Hundes. Er hieb mit der Faust auf den Schanktisch.

»Ist hier ein Hundestall?« brüllte er. »In Dreiteufelsnamen! Was hat der Hund hier zu suchen?«

Und damit packte er das dicke, kleine Whiskyglas und warf es nach dem Tier. Man hörte es schwer aufklatschen. Aber es folgte kein Aufheulen des Schmerzes. Statt dessen schoß ein schwarzer Blitz hinter dem Tisch heraus und fegte das Zimmer entlang. Es war das ungewohnte Schweigen, was diesen plötzlichen Angriff so furchtbar machte, und Strann riß mit einem Fluch den Revolver heraus. Er hätte nie mehr Zeit gehabt, ihn abzudrücken. Es war schon um eine ganze – halbe Sekunde zu spät. Aber eine scharfe Stimme rief: »Bart!« Der Anruf riß das Tier mitten im Sprung zurück. Es fiel auf die steif ausgestreckten Pfoten und rutschte unter der Wucht der Bewegung bis dicht vor Stranns Füße.

»Bart!« hallte dieselbe Stimme.

Und der Hund kroch langsam rückwärts, Zoll um Zoll, dicht auf den Boden gekauert. Der Geifer troff ihm vom Maul, und rasende Wut schillerte in seinen Augen.

»Seht euch das an!« rief Strann. »Das Vieh ist toll!«

Und er hob den Revolver, um nach dem Tier zu zielen.

»Halt!« rief dieselbe Stimme, die den Hund am Springen gehindert hatte. Eines war gewiß, es konnte nicht Barrys Stimme sein. Es war eine Stimme wie klirrendes Metall. Sie war nicht übermäßig laut, aber sie schallte wie eine Glocke. »Laßt das, Strann!«

Es war ein Augenblick, in dem einem jeden der Anwesenden zum Bewußtsein kam, daß es gesundheitsschädlich war, sich in dem Raum zwischen Strann und dem Fremden aufzuhalten. Plötzlich öffnete sich eine breite Gasse von einem zum anderen.

»Bart!« kam ein neuer Befehl. »Hierher!«

Der Hund glitt geduckt, aber blitzschnell zu seinem Herrn. Jerry Strann ließ den Revolver sinken und lächelte.

»Ich überrumple keinen«, erklärte er in der freundschaftlichsten Weise der Welt. »Das hab' ich nicht nötig. Aber ich möchte dir raten, du feiger Hund da drüben, pack' dich aus der Schußlinie! Denn ich werde jetzt deinem verdammten Wolf das Lebenslicht ausblasen.«

Im ganzen Umkreis der Drei B.s kannten die Leute das Gesicht, das Jerry Strann trug, wenn's zum Schießen kam. Seine »Kampfmaske« war eine Erinnerung, die in jedem, der sie einmal erblickt hatte, lebendig blieb bis zu seinem letzten Stündlein. Aber heute warf keiner der Anwesenden auch nur einen Blick zu ihm hinüber. Sie standen glatt an die Wände gepreßt und starrten wie fasziniert den schlanken Unbekannten an. Der Anblick war es wert. Nicht etwa, daß Barrys Antlitz plötzlich durch die Verwandlung, die darin vorgegangen war, häßlicher geworden wäre. Der Mann stand da und lächelte. Er war schöner denn je. Seine Augen waren es, die alle in Bann schlugen. In ihrem merkwürdigen Braun glitzerte, wachsend und heftiger werdend, ein gelber, geisterhafter Schein, wie er in tintenschwarzen Nächten über den Sturmhimmel huscht.

Jerry Strann besaß auch nicht ein Gran von Feigheit, er blickte offenen Auges in dieses unstete, flackernde, wechselnde Licht. Er stand und starrte unverwandt hinein, und ein unheimliches Gefühl kroch ihm über den Rücken. Nein, Furcht war es nicht, Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß es im ganzen Umkreis der Drei B.s, mit der einzigen Ausnahme seines Bruders, nicht einen einzigen Mann gab, der die Waffe rascher aus dem Halfter hatte als er selbst. Und doch wußte er plötzlich, daß er es in diesem Augenblick mit mehr als menschlicher Fixigkeit und Sicherheit der Hand aufzunehmen hatte. Er hätte selbst nicht sagen können, worauf dieses Gefühl beruhte. Es war eine unbestimmte, aber riesig sich aufrichtende Vorahnung, die das Blut in seinen Adern zum Gerinnen brachte.

»Wenn ein toller Hund mir über den Weg läuft, dann erschieß ich ihn«, sagte er und lächelte von neuem.

Einen Augenblick lang, eine Ewigkeit, standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Man sah, wie jeder Muskel von Stranns Körper sich straffte, das Lächeln schien auf seinen Lippen festzufrieren, und schließlich bewegte er sich. Sein Arm zuckte jäh in die Höhe – und alle, die dabei waren, erzählten nachher, daß sein Revolver den Halfter längst verlassen hatte, ehe der Fremde ihm gegenüber auch nur einen Muskel rührte. Das nächste geschah so rasch, daß kein Auge folgen konnte.

Man hörte nur einen Schuß. Stranns Zeigefinger, der auf dem Abzug ruhte, krümmte sich nicht mehr. Der Revolver glitt schwerfällig herunter, und die Hand, die ihn hielt, hing lose und wie nicht dazugehörig an Jerrys Schulter. Er machte einen Schritt vorwärts, ein idiotisches Grinsen auf den Lippen, und plötzlich blühte mitten auf seiner Brust ein scharlachroter Fleck auf. Dann fiel er schwankend kopfüber zu Boden.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.