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Die drei Garridebs

Arthur Conan Doyle: Die drei Garridebs - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorConan Doyle
titleDie drei Garridebs
translatorMartin Langwaldt
submitted20050925
sendermartin@langwaldts.de (Martin Langwaldt)
created20051111
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Conan Doyle

Die drei Garridebs

Übersetzt von Martin Langwaldt © 2005

Es mag eine Komödie gewesen sein, es mag aber auch eine Tragödie gewesen sein. Es kostete einen Mann seinen Verstand, es kostete mich ein wenig Blut, und es kostete einen weiteren Mann die Strafe des Gesetzes. Trotzdem war auf jeden Fall auch ein Hauch von Komödie vorhanden. Nun, Sie sollen selbst urteilen.

Ich erinnere mich sehr gut an das Datum, denn es war im selben Monat, als Holmes einen Ritterschlag ablehnte für Dienste, die vielleicht eines Tages berichtet werden dürfen. Ich erwähne diese Angelegenheit nur am Rande, denn in meiner Position als Partner und Vertrauter bin ich verpflichtet, besonders darauf zu achten, jegliche Indiskretion zu vermeiden. Ich wiederhole jedoch, daß ich anhand dessen das Datum bestimmen kann, nämlich Ende Juni 1902, kurz nach dem Ende des Südafrikanischen Krieges. Holmes hatte mehrere Tage im Bett verbracht, wie es von Zeit zu Zeit seine Gewohnheit war, doch an jenem Morgen tauchte er mit einem langen Kanzleipapier-Dokument in der Hand und einem amüsierten Blitzen in seinen nüchternen grauen Augen wieder auf.

»Hier ist eine Gelegenheit für Sie, etwas Geld zu machen, Freund Watson«, sagte er. »Haben Sie den Namen Garrideb schon einmal gehört?«

Ich gestand, daß dem nicht so war.

»Nun, wenn Sie einen Garrideb auftreiben können, gibt es Geld dafür.«

»Wieso das?«

»Ach, das ist eine lange Geschichte – eine ziemlich absonderliche noch dazu. Ich glaube nicht, daß wir bei all unseren Erkundungen menschlicher Komplexitäten schon einmal auf etwas Eigentümlicheres gestoßen sind. Der Bursche wird gleich zum Kreuzverhör erscheinen, also werde ich den Fall nicht eröffnen, bis er kommt. Aber einstweilen ist das der Name, den wir suchen.«

Das Telefonverzeichnis lag auf dem Tisch neben mir, und ich blätterte die Seiten ohne große Hoffnung suchend um. Doch zu meiner Verblüffung stand dieser seltsame Name genau dort, wo er hingehörte. Ich gab einen Triumphschrei von mir.

»Bitte sehr, Holmes! Hier ist er!«

Holmes nahm mir das Buch aus der Hand.

»›Garrideb, N.‹«, las er, »›Little Ryder Street 136, West.‹ Tut mir leid, Sie zu enttäuschen, mein lieber Watson, aber das ist der Mann höchstselbst. Das ist die Adresse auf seinem Brief. Wir brauchen einen anderen, der zu ihm paßt.«

Mrs. Hudson war mit einer Visitenkarte auf einem Tablett hereingekommen. Ich nahm sie entgegen und warf einen Blick darauf.

»Na, da haben wir ihn doch schon!« rief ich verblüfft. »Das ist ein anderer Anfangsbuchstabe. John Garrideb, Rechtsanwalt, Moorville, Kansas, U.S.A.«

Holmes lächelte, als er sich die Karte ansah. »Ich fürchte, Sie müssen es noch ein weiteres Mal versuchen, Watson«, sagte er. »Dieser Gentleman ist auch schon im Spiel, obwohl ich keineswegs erwartet hatte, ihn heute Morgen zu sehen. Er ist jedoch in der Lage, uns eine ganze Menge zu erzählen, was ich wissen will.«

Einen Augenblick später war er im Zimmer. Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, war ein kleiner, kräftiger Mann mit einem runden, frischen, glattrasierten Gesicht, wie es für so viele amerikanische Geschäftsmänner charakteristisch ist. Seine allgemeine Erscheinung war pummelig und ziemlich kindlich, so daß man den Eindruck eines ziemlich jungen Mannes mit einem breiten Lächeln im Gesicht bekam. Seine Augen waren jedoch fesselnd. Selten habe ich in irgend einem Menschenkopf ein Paar gesehen, das ein intensiveres Innenleben verriet, so leuchtend waren sie, so aufmerksam, so schnell reagierten sie auf jeden neuen Gedanken. Sein Akzent war amerikanisch, wurde jedoch nicht von exzentrischer Ausdrucksweise begleitet.

»Mr. Holmes?« fragte er und blickte von einem zum anderen. »Ah, ja! Ihre Bilder sind Ihnen nicht unähnlich, Sir, wenn ich so sagen darf. Ich glaube, Sie haben einen Brief bekommen von meinem Namensvetter, Mr. Nathan Garrideb, ist es nicht so?«

»Bitte setzen Sie sich doch«, sagte Sherlock Holmes. »Wir werden eine ganze Menge zu besprechen haben, schätze ich.« Er nahm seine Kanzleipapierblätter in die Hand. »Sie sind natürlich der Mr. John Garrideb, der in diesem Dokument erwähnt wird. Aber Sie sind doch gewiß schon seit längerem in England?«

»Wie kommen Sie darauf, Mr. Holmes?« Es schien mir, als würde ich plötzliches Mißtrauen in jenen ausdrucksvollen Augen lesen.

»Ihre ganze Garderobe ist englisch.«

Mr. Garrideb lachte gezwungen. »Ich habe von Ihren Kunststücken gelesen, Mr. Holmes, aber ich hätte nie gedacht, daß ich mal ihr Gegenstand sein würde. Woran erkennen Sie das?«

»Der Schulterschnitt Ihres Gehrocks, die Spitzen Ihrer Stiefel – könnte irgend jemand Zweifel haben?«

»Tja, tja, ich hatte keine Ahnung, daß ich so ein offensichtlicher Brite bin. Aber die Arbeit hat mich vor einiger Zeit hier herüber geführt, und so ist meine Garderobe, wie Sie sagen, fast ganz aus London. Wie dem auch sei, ich schätze, Ihre Zeit ist kostbar, und wir haben uns nicht getroffen, um über den Schnitt meiner Socken zu reden. Wie wäre es, wenn wir zu diesem Papier da kommen würden, das Sie in der Hand haben?«

Holmes hatte unseren Besucher, dessen pummeliges Gesicht einen weit weniger liebenswürdigen Ausdruck angenommen hatte, in irgendeiner Weise aufgebracht.

»Geduld! Geduld, Mr. Garrideb!« sagte mein Freund mit begütigender Stimme. »Dr. Watson könnte Ihnen sagen, daß diese kleinen Abschweifungen von mir sich am Ende manchmal als bedeutsam für den Fall erweisen. Aber weshalb ist Mr. Nathan Garrideb nicht gleich mit Ihnen gekommen?«

»Warum hat er Sie da eigentlich überhaupt hineingezogen?« sagte unser Besucher mit plötzlich aufflammendem Zorn. »Was zum Donnerwetter haben Sie damit zu schaffen? Es geht hier bloß um eine kleine geschäftliche Angelegenheit zwischen zwei Herren, und einer von ihnen muß unbedingt einen Detektiv dazuholen! Ich habe ihn heute Morgen getroffen, und er hat mir von diesem Narrenstück erzählt, das er mir gespielt hat, und deswegen bin ich hier. Aber ich fühle mich gekränkt, trotz alledem.«

»Das ging doch nicht gegen Sie, Mr. Garrideb. Er war lediglich mit Eifer darum bemüht, Ihr Ziel zu erreichen – ein Ziel, das, soweit ich weiß, für Sie beide gleichermaßen von größter Bedeutung ist. Er wußte, daß ich Mittel und Wege kenne, Informationen zu beschaffen, und daher war es ganz natürlich, daß er sich an mich wenden würde.«

Die zornige Miene unseres Besuchers klärte sich allmählich.

»Nun, das ist etwas anderes«, sagte er. »Als ich ihn heute Morgen besucht habe, und er mir sagte, daß er einen Detektiv hinzugezogen hat, habe ich nur nach Ihrer Adresse gefragt und bin gleich hergekommen. Ich will nicht, daß die Polizei sich in eine Privatangelegenheit einmischt. Aber wenn Sie sich damit begnügen, uns lediglich dabei zu helfen, den Mann zu finden, kann es ja nicht schaden.«

»Nun, genau so steht es«, sagte Holmes. »Und nun, Sir, da Sie schon einmal hier sind, sollten wir uns am besten einen ausführlichen Bericht aus Ihrem eigenen Munde anhören. Mein Freund hier weiß noch nichts über die Einzelheiten.«

Mr. Garrideb musterte mich mit nicht allzu freundlichem Blick.

»Muß er denn unbedingt bescheid wissen?« fragte er.

»Wir arbeiten gewöhnlich zusammen.«

»Na ja, es gibt keinen Grund, ein Geheimnis daraus zu machen. Ich gebe Ihnen die Fakten und mache es so kurz, wie ich kann. Wenn Sie aus Kansas kommen würden, müßte ich Ihnen nicht erklären, wer Alexander Hamilton Garrideb war. Er machte sein Geld mit Immobilien und später an der Weizenbörse in Chicago, und er hat es dafür ausgegeben, so viel Land aufzukaufen, daß es für eine Ihrer Grafschaften reichen würde; es liegt am Arkansas River, westlich von Fort Dodge. Es ist Weideland und Holzland und Agrarland und Mineralienland, also so ziemlich jede Sorte Land, die dem Mann, der es besitzt, Dollars einbringt.

Er hatte keinerlei Verwandte – und wenn doch, habe ich jedenfalls nie davon gehört. Aber er war in gewisser Weise stolz auf die Ausgefallenheit seines Namens. Und genau das hat uns zusammengebracht. Ich war Anwalt in Topeka, und eines Tages hatte ich Besuch von dem alten Mann, und er war ganz aus dem Häuschen, jemand anderen mit seinem Namen zu treffen. Das war seine Marotte, und er war fest entschlossen herauszufinden, ob es auf der Welt noch mehr Garridebs gibt. ›Finden Sie mir noch einen!‹ hat er gesagt. Ich habe ihm gesagt, daß ich ein vielbeschäftigter Mann sei und mein Leben nicht damit verbringen könne, auf der Suche nach Garridebs in der Weltgeschichte herumzurennen. ›Trotzdem‹, hat er gesagt, ›werden Sie genau das tun, wenn alles so klappt, wie ich es geplant habe.‹ Ich dachte, er macht Witze, aber die Worte hatten mächtig viel Bedeutung, wie ich bald merken sollte.

Kein ganzes Jahr, nachdem er sie ausgesprochen hatte, ist er nämlich gestorben, und er hat ein Testament hinterlassen. Es war das seltsamste Testament, das je im Staate Kansas hinterlegt worden ist. Sein Besitz wurde in drei Teile aufgeteilt, und einen davon soll ich bekommen, unter der Bedingung, daß ich zwei Garridebs finde, die sich den Rest teilen. Es sind fünf Millionen Dollar für jeden, wenn es hinhaut, aber wir können es nicht anrühren, bis wir alle drei antreten.

Das war eine so große Chance, daß ich meine Anwaltspraxis einfach sausen ließ, und ich fing an, nach Garridebs zu suchen. In den Vereinigten Staaten gibt es keinen einzigen. Ich habe sie durchkämmt, Sir, mit einem feinen Kamm, und nie konnte ich einen Garrideb erwischen. Dann habe ich es im alten Land versucht. Und tatsächlich, da war der Name im Londoner Telefonverzeichnis. Vor zwei Tagen bin ich zu ihm hin und habe ihm die ganze Sache erklärt. Aber er ist ein alleinstehender Mann, so wie ich, mit ein paar weiblichen Verwandten, aber keine Männer. Im Testament steht: drei erwachsene Männer. Sie sehen also, wir haben immer noch eine freie Stelle, und wenn Sie helfen können, sie zu besetzen, sind wir ohne weiteres bereit, Ihr Honorar zu zahlen.«

»Nun, Watson«, sagte Holmes mit einem Lächeln, »ich sagte ja, es ist ziemlich absonderlich, nicht wahr? Ich hätte gedacht, Sir, daß es für Sie am einfachsten gewesen wäre, in den Seufzerspalten der Zeitungen zu inserieren.«

»Das habe ich getan, Mr. Holmes. Keine Antworten.«

»Oh je! Nun, das ist jedenfalls ein höchst kurioses kleines Problem. Ich werde vielleicht in meiner Freizeit einen Blick darauf werfen. Übrigens ist es schon ein komischer Zufall, daß Sie ausgerechnet aus Topeka kommen. Ich hatte einen Briefpartner dort – er ist inzwischen tot –, den alten Dr. Lysander Starr, der 1890 Bürgermeister war.«

»Der gute alte Dr. Starr!« sagte unser Besucher. »Sein Name wird immer noch geehrt. Tja, Mr. Holmes, ich nehme an, alles, was wir tun können, ist, Ihnen Bericht zu erstatten und Sie wissen zu lassen, wie wir vorankommen. Ich rechne damit, daß Sie in ein oder zwei Tagen etwas hören werden.« Mit dieser Versicherung verbeugte sich unser Amerikaner und verließ uns.

Holmes hatte seine Pfeife angezündet, und eine Weile saß er nur da mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht.

»Nun?« fragte ich schließlich.

»Ich überlege, Watson – ich überlege nur!«

»Und was?«

Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund.

»Ich überlege, Watson, was um alles in der Welt dieser Mann damit bezwecken könnte, uns ein derartiges Lügengeschwätz zu erzählen. Beinahe hätte ich ihn direkt danach gefragt – es gibt nämlich Zeiten, da ist ein brutaler Frontalangriff die beste Politik –, aber ich hielt es dann doch für besser, ihn glauben zu lassen, daß er uns zum Narren gehalten hat. Wir haben hier einen Mann mit einem englischen Mantel, der am Ellbogen schon abgewetzt ist, und Hosen, die nach einem Jahr Tragen an den Knien ausgebeult sind, aber laut diesem Dokument und seiner eigenen Aussage ist er ein amerikanischer Provinzler, der erst vor kurzem in London gelandet ist. In den Seufzerspalten hat es keine Anzeigen gegeben. Sie wissen, daß mir dort nichts entgeht. Das ist mein Lieblingsgehege, um einen Vogel aufzujagen, und einen Fasanenhahn wie den hätte ich niemals übersehen. Ich habe auch nie einen Dr. Lysander Starr aus Topeka gekannt. Wo man ihn auch anpackt, ist er nicht echt. Ich denke, der Bursche ist wirklich Amerikaner, aber sein Akzent hat sich geglättet durch Jahre in London. Was also spielt er für ein Spiel, und welches Motiv steht hinter dieser lächerlichen Suche nach Garridebs? Das verdient unsere Aufmerksamkeit, denn angenommen, daß der Mann ein Schurke ist, dann ist er mit Sicherheit ein komplexer und einfallsreicher. Jetzt müssen wir herausfinden, ob unser anderer Briefschreiber auch ein Betrüger ist. Rufen Sie ihn mal an, Watson.«

Ich tat es und hörte eine dünne, zittrige Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Ja, ja, ich bin Mr. Nathan Garrideb. Ist Mr. Holmes da? Ich würde sehr gerne kurz mit Mr. Holmes sprechen.«

Mein Freund nahm das Gerät, und ich hörte den üblichen synkopierten Dialog.

»Ja, er ist hier gewesen. Soweit ich weiß, kennen Sie ihn nicht. … Wie lange? … Nur zwei Tage! … Ja, ja, natürlich, das sind höchst erfreuliche Aussichten. Werden Sie heute Abend zu Hause sein? Ich nehme an, Ihr Namensvetter wird nicht da sein? … Sehr gut, dann werden wir vorbeikommen, denn ich würde lieber ohne ihn plaudern. … Dr. Watson wird mit mir kommen. … Ich entnehme Ihrem Brief, daß Sie nicht oft ausgehen. … Also, wir werden so um sechs vorbeikommen. Das brauchen Sie aber dem amerikanischen Anwalt gegenüber nicht unbedingt zu erwähnen. … Sehr gut. Auf Wiederhören!«

Es war Dämmerung an einem hübschen Frühlingsabend, und sogar die Little Ryder Street, eine der kleineren Abzweigungen von der Edgware Road, nur einen Steinwurf entfernt vom alten Tyburn Tree, mit dem böse Erinnerungen verbunden sind, sah golden und wunderschön aus in den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne. Das spezielle Haus, zu dem man uns den Weg zeigte, war ein großes, altmodisches, frühgeorgianisches Bauwerk mit einer flachen Ziegelsteinfassade, die lediglich von zwei tiefen Erkerfenstern im Erdgeschoß unterbrochen wurde. In diesem Erdgeschoß wohnte unser Klient, und in der Tat erwiesen sich die niedrigen Fenster als die Frontseite des riesigen Raumes, in dem er seine wachen Stunden verbrachte. Holmes zeigte im Vorbeigehen auf das kleine Messingschild, das den kuriosen Namen trug.

»Hängt schon ein paar Jahre dort, Watson«, bemerkte er und deutete auf die verfärbte Oberfläche. »Es ist auf jeden Fall sein echter Name, und das ist bedeutsam.«

Das Haus hatte eine gemeinsame Treppe, und im Hausflur waren einige Namen aufgemalt, von denen manche auf Büros, manche auf private Räumlichkeiten hindeuteten. Es war keine Ansammlung von Wohnungen, sondern eher die Unterkunft von alleinstehenden Bohemiens. Unser Klient öffnete uns selbst die Tür und entschuldigte sich, indem er sagte, daß die Hausmeisterin um vier Uhr gegangen sei. Mr. Nathan Garrideb erwies sich als sehr große, schlaksige Person mit gebeugtem Rücken, hager und kahlköpfig, über sechzig Jahre alt. Er hatte ein Kadavergesicht mit der stumpfen toten Haut eines Mannes, dem körperliche Betätigung unbekannt war. Große runde Brillengläser und ein kleiner vorstehender Ziegenbart gaben ihm zusammen mit seiner gebeugten Haltung einen Ausdruck von spähender Neugier. Der Gesamteindruck war jedoch liebenswürdig, wenn auch exzentrisch.

Der Raum war genauso kurios wie sein Bewohner. Er sah aus wie ein kleines Museum. Er war lang und breit, mit Schränken und Regalen überall, vollgestopft mit Sammelstücken, geologischen und anatomischen. Schaukästen mit Schmetterlingen und Motten flankierten zu beiden Seiten den Eingang. Ein großer Tisch in der Mitte war mit allen möglichen Gesteinsbrocken übersät, zwischen denen das hohe Messingrohr eines starken Mikroskops aufragte. Als ich mich umsah, war ich überrascht von der Vielfalt der Interessen dieses Mannes. Hier war ein Kasten mit antiken Münzen. Dort war ein Regal mit Werkzeugen aus Feuerstein. Hinter seinem zentralen Tisch war ein großer Schrank mit fossilen Knochen. Darüber befand sich eine Reihe von Gipsschädeln mit Namen wie »Neanderthal«, »Heidelberg« und »Cro-Magnon«, die unter ihnen aufgedruckt waren. Er war eindeutig ein Student vieler Fächer. Als er nun vor uns stand, hielt er ein Stück Chamoisleder in der rechten Hand, mit dem er gerade eine Münze polierte.

»Syracusisch – aus der besten Periode«, erklärte er und hielt sie hoch. »Gegen Ende haben sie stark nachgelassen. Die besten von ihnen halte ich für unübertrefflich, obwohl manche die alexandrische Schule bevorzugen. Hier finden Sie einen Stuhl, Mr. Holmes. Gestatten Sie, daß ich diese Knochen wegräume. Und Sie, Sir – ah, ja, Dr. Watson –, wenn Sie die Güte hätten, die japanische Vase zur Seite zu stellen. Sie sehen hier um mich herum meine kleinen Interessen im Leben. Mein Arzt hält mir Vorträge, weil ich nie ausgehe, aber weshalb sollte ich ausgehen, wenn ich so vieles habe, das mich hier hält? Ich kann Ihnen versichern, daß ich für die angemessene Katalogisierung eines einzigen dieser Regale gute drei Monate brauchen würde.«

Holmes sah sich neugierig um.

»Aber wollen Sie damit sagen, daß Sie überhaupt nie ausgehen?« fragte er.

»Hin und wieder fahre ich rüber zu Sotheby's oder Christie's. Ansonsten verlasse ich mein Zimmer nur sehr selten. Ich bin nicht allzu kräftig, und meine Forschungen nehmen mich sehr in Anspruch. Aber Sie können sich vorstellen, Mr. Holmes, was für ein fürchterlicher Schock – freudig, aber fürchterlich – es für mich war, als ich von diesem unvergleichlichen Glücksfall gehört habe. Es ist nur noch ein weiterer Garrideb nötig, um die Sache komplett zu machen, und wir können bestimmt einen finden. Ich hatte einen Bruder, aber der ist tot, und weibliche Verwandte sind ausgeschlossen. Aber es muß bestimmt noch andere auf der Welt geben. Ich hatte gehört, daß Sie ungewöhnliche Fälle bearbeiten, und deswegen habe ich nach Ihnen geschickt. Natürlich hat dieser amerikanische Gentleman völlig recht, und ich hätte mir zuerst bei ihm Rat holen sollen, aber ich habe getan, was ich für das Beste hielt.«

»Ich denke, Sie haben in der Tat sehr klug gehandelt«, sagte Holmes. »Aber haben Sie ernsthaft die Absicht, Ländereien in Amerika zu erwerben?«

»Mit Sicherheit nicht, Sir. Nichts könnte mich dazu bringen, meine Sammlung zu verlassen. Aber dieser Gentleman hat mir versichert, daß er mir meinen Anteil abkaufen wird, sobald unser Anspruch anerkannt worden ist. Fünf Millionen Dollar war die genannte Summe. Es sind in diesem Moment ein Dutzend Stücke auf dem Markt, die Lücken in meiner Sammlung füllen, und die ich nicht erwerben kann, weil mir dazu ein paar hundert Pfund fehlen. Denken Sie nur, was ich mit fünf Millionen Dollar tun könnte. Ich habe ja hier den Kern einer Sammlung von nationaler Bedeutung. Ich werde der Hans Sloane meiner Epoche sein.«

Seine Augen leuchteten hinter seiner großen Brille. Es war sonnenklar, daß Mr. Nathan Garrideb keine Mühen scheuen würde, um einen Namensvetter zu finden.

»Ich bin lediglich hergekommen, um Ihre Bekanntschaft zu machen, und es gibt keinen Grund, weshalb ich Ihre Studien unterbrechen sollte«, sagte Holmes. »Ich lerne die Leute, mit denen ich geschäftlich zu tun habe, nur gerne persönlich kennen. Es sind nur wenige Fragen, die ich stellen muß, denn ich habe ja Ihren sehr ausführlichen Bericht in meiner Tasche, und ich habe die Lücken gefüllt, als dieser amerikanische Gentleman uns besucht hat. Soweit ich weiß, hatten Sie bis diese Woche keine Ahnung von seiner Existenz.«

»So ist es. Er hat mich letzten Dienstag besucht.«

»Hat er Ihnen von unserem Gespräch heute erzählt?«

»Ja, er ist gleich danach wieder zu mir gekommen. Er hatte sich sehr geärgert.«

»Worüber sollte er sich ärgern?«

»Er schien zu glauben, es ginge irgendwie gegen seine Ehre. Aber er war wieder ganz fröhlich, als er zurückkam.«

»Hat er irgend eine Vorgehensweise vorgeschlagen?«

»Nein, Sir, hat er nicht.«

»Hat er von Ihnen jemals Geld bekommen oder darum gebeten?«

»Nein, Sir, niemals!«

»Sie können sich keine möglichen Absichten vorstellen, die er verfolgt?«

»Keine, außer dem, was er sagt.«

»Haben Sie ihm von unserer telefonischen Verabredung erzählt?«

»Ja, Sir, das habe ich.«

Holmes war in Gedanken versunken. Ich konnte sehen, daß er verwirrt war.

»Haben Sie irgendwelche Stücke von großem Wert in Ihrer Sammlung?«

»Nein, Sir. Ich bin kein reicher Mann. Es ist eine gute Sammlung, aber keine sehr wertvolle.«

»Sie haben keine Angst vor Einbrechern?«

»Nicht im geringsten.«

»Wie lange sind Sie schon in diesen Räumlichkeiten?«

»Fast fünf Jahre.«

Holmes' Kreuzverhör wurde von einem lauten Klopfen an der Tür unterbrochen. Kaum daß unser Klient sie entriegelt hatte, stürmte der amerikanische Anwalt aufgeregt ins Zimmer.

»Bitte sehr!« rief er und wedelte mit einer Zeitung über dem Kopf. »Ich dachte mir, daß ich Sie noch rechtzeitig erwischen würde. Mr. Nathan Garrideb, mein Glückwunsch! Sie sind ein reicher Mann, Sir. Unser Geschäft ist glücklich abgeschlossen, und alles ist gut. Was Sie betrifft, Mr. Holmes, können wir nur sagen, daß es uns leid tut, falls wir Ihnen umsonst Mühe bereitet haben.«

Er übergab die Zeitung unserem Klienten, der dastand und auf ein angestrichenes Inserat starrte. Holmes und ich beugten uns nach vorn und lasen es über seine Schulter. Es lautete wie folgt:

 

HOWARD GARRIDEB

KONSTRUKTEUR VON LANDWIRTSCHAFTLICHER MASCHINERIE

Garbenbinder, Mäher, Pflüge für Dampf- und Handbetrieb, Bohrer, Eggen,

Karren, Bockwagen und alle anderen Gerätschaften.

Kostenvoranschläge für artesische Brunnen

Anfragen an Grosvenor Buildings, Aston

 

»Herrlich!« japste unser Gastgeber. »Das wird unser dritter Mann.«

»Ich hatte in Birmingham Nachforschungen veranlaßt«, sagte der Amerikaner, »und mein dortiger Agent hat mir diese Anzeige aus einer Lokalzeitung geschickt. Wir müssen uns beeilen und die Sache erledigen. Ich habe diesem Mann geschrieben und ihm mitgeteilt, daß Sie ihn morgen Nachmittag um vier in seinem Büro treffen werden.«

»Sie wollen, daß ICH mich mit ihm treffe?«

»Was sagen Sie, Mr. Holmes? Meinen Sie nicht, das wäre klüger? Hier bin ich, ein reisender Amerikaner mit einer wunderlichen Geschichte. Weshalb sollte er glauben, was ich ihm erzähle? Aber Sie sind ein Brite mit soliden Referenzen, und was Sie sagen, muß er ernst nehmen. Ich würde mit Ihnen gehen, wenn Sie es wünschen, aber ich habe morgen einen sehr geschäftigen Tag, und ich könnte Ihnen immer noch nachkommen, wenn Sie in irgendwelchen Schwierigkeiten sind.«

»Nun ja, ich habe schon seit Jahren keine solche Reise mehr gemacht.«

»Das ist doch gar nichts, Mr. Garrideb. Ich habe unsere Zugverbindung schon rausgesucht. Sie fahren um zwölf ab und sollten kurz nach zwei dort sein. Dann können Sie noch am selben Abend zurück sein. Alles, was Sie tun müssen, ist diesen Mann besuchen, ihm die Sache erklären und eine offizielle Bescheinigung seiner Existenz besorgen. Du lieber Gott!« fügte er hitzig hinzu, »wenn man bedenkt, daß ich den ganzen Weg von mitten in Amerika hergekommen bin, ist es bestimmt nicht zuviel, wenn Sie hundert Meilen fahren, um diese Sache zu erledigen.«

»Allerdings«, sagte Holmes. »Ich denke, was dieser Gentleman sagt, ist sehr richtig.«

Mr. Nathan Garrideb zuckte mit untröstlicher Miene die Schultern. »Nun, wenn Sie darauf bestehen, werde ich fahren«, sagte er. »Es ist sicher nicht leicht für mich, Ihnen irgend etwas abzuschlagen, wenn man die herrliche Hoffnung bedenkt, die Sie in mein Leben gebracht haben.«

»Dann ist es also abgemacht«, sagte Holmes, »und zweifellos werden Sie mir einen Bericht zukommen lassen, sobald Sie können.«

»Dafür werde ich sorgen«, sagte der Amerikaner. »Tja dann«, fügte er hinzu und schaute auf seine Uhr, »ich muß weiter. Ich komme morgen vorbei, Mr. Nathan, und verabschiede Sie nach Birmingham. Müssen Sie in meine Richtung, Mr. Holmes? Nun, dann auf Wiedersehen, und morgen Abend haben wir vielleicht schon gute Neuigkeiten für Sie.«

Ich bemerkte, daß sich das Gesicht meines Freundes aufhellte, als der Amerikaner das Zimmer verließ, und der Ausdruck nachdenklicher Perplexität war verschwunden.

»Ich wünschte, ich könnte mir Ihre Sammlung einmal ansehen, Mr. Garrideb«, sagte er. »In meinem Beruf ist jede Art von Spezialwissen nützlich, und Ihr Zimmer hier ist ein Lagerhaus davon.«

Unser Klient strahlte vor Freude, und seine Augen leuchteten hinter seiner großen Brille hervor.

»Ich hatte immer gehört, Sir, daß Sie ein sehr intelligenter Mann sein sollen«, sagte er. »Ich könnte Sie gleich jetzt herumführen, wenn Sie Zeit haben.«

»Bedauerlicherweise habe ich keine. Aber diese Stücke sind so gut beschriftet und klassifiziert, daß sie Ihre persönlichen Erläuterungen kaum nötig haben. Falls es mir morgen möglich sein sollte, mal vorbeizuschauen, darf ich dann annehmen, daß nichts dagegen spricht, wenn ich mich etwas umsehe?«

»Überhaupt nichts. Sie sind höchst willkommen. Es wird hier natürlich abgeschlossen sein, aber Mrs. Saunders ist bis vier Uhr im Keller und würde Sie mit ihrem Schlüssel hereinlassen.«

»Nun, zufällig habe ich morgen Nachmittag noch nichts vor. Wenn Sie Mrs. Saunders bescheid sagen würden, wäre das völlig in Ordnung. Übrigens, wer ist Ihr Makler?«

Unser Klient war verdutzt von der plötzlichen Frage.

»Holloway und Steele in der Edgware Road. Aber warum?«

»Ich bin selbst ein bißchen Archäologe, wenn es um Häuser geht«, sagte Holmes lachend. »Ich habe mich gefragt, ob dieses hier aus der Queen-Anne-Epoche ist oder georgianisch.«

»Georgianisch, ohne jeden Zweifel.«

»Wirklich. Ich hätte gedacht, etwas früher. Aber das ist ja leicht festzustellen. Also, auf Wiedersehen, Mr. Garrideb, und mögen Sie bei Ihrer Birmingham-Reise jeglichen Erfolg haben.«

Die Maklerfirma war ganz in der Nähe, doch wir fanden sie für heute bereits geschlossen, also machten wir uns auf den Weg zurück zur Baker Street. Es war erst nach dem Abendessen, daß Holmes auf das Thema zurückkam.

»Unser kleines Problem neigt sich dem Ende zu«, sagte er. »Zweifellos haben Sie die Lösung selbst schon in Gedanken umrissen.«

»Ich werde hinten und vorne nicht schlau aus der Sache.«

»Das vordere Ende ist sicherlich klar genug, und das hintere dürften wir morgen sehen. Ist Ihnen an diesem Inserat nichts Merkwürdiges aufgefallen?«

»Ich habe gesehen, daß das Wort ›Pflug‹ falsch geschrieben war: ›PLOW‹ statt ›PLOUGH‹.«

»Oh, das haben Sie also bemerkt, ja? Na bitte, Watson, Sie werden mit der Zeit immer besser. Ja, es war schlechtes Englisch, aber gutes Amerikanisch. Der Drucker hatte es so gesetzt, wie er es bekommen hatte. Dann die Bezeichnung ›BUCKBOARDS‹ für Bockwagen. Das ist auch amerikanisch. Und artesische Brunnen sind bei denen häufiger als bei uns. Es war ein typisch amerikanisches Inserat, das aber vorgab, von einer englischen Firma zu sein. Was halten Sie davon?«

»Ich kann nur vermuten, daß dieser amerikanische Anwalt es selbst aufgegeben hat. Was er damit bezwecken will, verstehe ich allerdings nicht.«

»Nun, da gibt es verschiedene Erklärungen. Auf jeden Fall wollte er dieses gute alte Fossil rauf nach Birmingham schaffen. Das ist sonnenklar. Ich hätte ihm gleich sagen können, daß diese Fahrt mit Sicherheit verlorene Liebesmüh' ist, aber auf den zweiten Blick schien es besser, die Bühne zu räumen, indem wir ihn ziehen lassen. Morgen, Watson – nun, der morgige Tag wird für sich selbst sprechen.«

Holmes war zeitig auf und unterwegs. Als er zur Mittagszeit wiederkam, bemerkte ich, daß sein Gesicht sehr bedrückt war.

»Das ist eine ernstere Angelegenheit, als ich erwartet hatte, Watson«, sagte er. »Es ist nur fair, Ihnen das zu sagen, obwohl ich weiß, daß es für Sie nur noch mehr Grund ist, sich kopfüber in die Gefahr zu stürzen. Ich sollte meinen Watson ja inzwischen kennen. Aber es besteht Gefahr, und Sie sollten das wissen.«

»Nun, es wäre nicht die erste, die wir miteinander geteilt haben, Holmes. Ich hoffe, es wird auch nicht die letzte sein. Welche Gefahr genau besteht diesmal?«

»Wir haben es mit einem ganz schweren Jungen zu tun. Ich habe Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, identifiziert. Er ist niemand anderes als ›Killer‹ Evans von düsterem und mörderischem Ruf.«

»Ich fürchte, ich bin immer noch ahnungslos.«

»Ah, es gehört auch nicht zu Ihrem Beruf, einen tragbaren Kalender des Newgate-Zuchthauses in ihrem Gedächtnis herumzuschleppen. Ich war drüben beim Yard, um Freund Lestrade zu treffen. Es mag da drüben zwar gelegentlich an Fantasie und Intuition mangeln, aber sie haben den ersten Rang in der Welt inne, was Gründlichkeit und Methode angeht. Ich hatte so eine Ahnung, daß wir in ihren Akten auf die Fährte unseres amerikanischen Freundes stoßen könnten. Und tatsächlich habe ich sein pummeliges Gesicht entdeckt, wie es mich aus der Portraitgalerie der Verbrecher anlächelte. ›James Winter, alias Morecroft, alias Killer Evans‹ stand darunter geschrieben.«

Holmes zog einen Umschlag aus der Tasche. »Ich habe mir ein paar Punkte aus seinem Dossier aufgeschrieben: Alter vierundvierzig. Gebürtig aus Chicago. Hat in den Staaten nachweislich drei Männer erschossen. Durch politischen Einfluß dem Gefängnis entgangen. 1893 nach London gekommen. Im Januar 1895 hat er in einem Nachtclub in der Waterloo Road beim Kartenspielen auf einen Mann geschossen. Der Mann ist gestorben, aber es wurde nachgewiesen, daß er bei dem Kampf der Angreifer war. Der Tote wurde identifiziert als Rodger Prescott, in Chicago als Fälscher und Falschmünzer berühmt. Killer Evans wurde 1901 wieder entlassen. Steht seitdem unter Polizeiaufsicht, aber soweit bekannt ist, hat er ein ehrliches Leben geführt. Sehr gefährlicher Mann, trägt gewöhnlich Waffen und benutzt sie auch. Das ist unser Vogel, Watson – ein Vogel, der die Jagd wert ist, wie Sie zugeben müssen.«

»Aber was für ein Spiel spielt er?«

»Nun, das beginnt sich abzuzeichnen. Ich war bei der Maklerfirma. Unser Klient wohnt seit fünf Jahren dort, wie er gesagt hat. Davor war es ein Jahr lang unvermietet. Der Vormieter war ein ungebundener Gentleman namens Waldron. An Waldrons Aussehen konnte man sich im Büro noch gut erinnern. Er war plötzlich verschwunden, und man hatte nichts mehr von ihm gehört. Er war ein großer, bärtiger Mann mit sehr dunklen Gesichtszügen. Nun war Prescott – der Mann, den Killer Evans erschossen hat – laut Scotland Yard ein großer, dunkler Mann mit Bart. Als Arbeitshypothese können wir, glaube ich, davon ausgehen, daß Prescott, der amerikanische Kriminelle, in eben jenem Zimmer gewohnt hat, das unser unschuldiger Freund jetzt seinem Museum widmet. Sie sehen, wir haben also endlich eine Verbindung.«

»Und die nächste Verbindung?«

»Nun, die müssen wir jetzt suchen gehen.«

Er nahm einen Revolver aus der Schublade und gab ihn mir.

»Ich habe mein altes Lieblingsstück dabei. Wenn unser Wildwest-Freund versucht, seinem Spitznamen Ehre zu machen, müssen wir auf ihn vorbereitet sein. Ich gebe Ihnen eine Stunde für eine Siesta, Watson, und dann wird es, denke ich, Zeit sein für unser Ryder-Street-Abenteuer.«

Es war gerade vier Uhr, als wir die kuriose Wohnung von Nathan Garrideb erreichten. Mrs. Saunders, die Hausmeisterin, war eben am Gehen, doch sie ließ uns ohne Zögern hinein, denn die Tür besaß ein Schnappschloß, und Holmes versprach, dafür zu sorgen, daß alles sicher war, bevor wir gingen. Wenig später schloß sich die Haustür, ihre Haube passierte das Erkerfenster, und wir wußten, daß wir allein waren im Erdgeschoß des Hauses. Holmes führte eine rasche Untersuchung der Räumlichkeiten durch. Es gab einen Schrank in einer dunklen Ecke, der sich ein wenig von der Wand abhob. Hinter diesem kauerten wir uns schließlich hin, während Holmes im Flüsterton seine Absichten umriß.

»Er wollte unseren liebenswürdigen Freund aus seinem Zimmer herausbekommen – das ist völlig klar, und da der Sammler nie ausgeht, war ein wenig Planung vonnöten, um es zu bewerkstelligen. Diese ganze Garrideb-Erfindung hatte offenbar keinen anderen Zweck. Ich muß sagen, Watson, das Ganze hat eine gewisse teuflische Genialität, auch wenn der sonderbare Name des Mieters ihm einen Ausgangspunkt gegeben hat, den er kaum erwartet haben konnte. Er hat seinen Plan mit bemerkenswerter Gerissenheit ausgeklügelt.«

»Aber was will er?«

»Nun, um das herauszufinden, sind wir hier. Es hat nicht das geringste mit unserem Klienten zu tun, soviel ich der Situation entnehmen kann. Es ist etwas, das mit dem Mann in Verbindung steht, den er ermordet hat – dem Mann, der möglicherweise sein Partner bei Verbrechen gewesen ist. Es gibt irgend ein schuldbeladenes Geheimnis in dem Zimmer. So sehe ich die Sache. Zuerst dachte ich, daß unser Freund womöglich etwas in seiner Sammlung hat, das wertvoller ist, als er weiß – etwas, das die Aufmerksamkeit eines Schwerkriminellen wert ist. Aber die Tatsache, daß Rodger Prescott unseligen Andenkens diese Räume bewohnt hat, deutet auf einen verborgeneren Grund hin. Nun, Watson, wir können uns nur in Geduld üben und abwarten, was die Stunde bringen mag.«

Es dauerte nicht lange, bis diese Stunde schlug. Wir kauerten uns tiefer in den Schatten, als wir hörten, wie die Haustür geöffnet und geschlossen wurde. Dann kam das scharfe, metallische Schnappen eines Schlüssels, und der Amerikaner war im Zimmer. Er machte die Tür leise hinter sich zu, sah sich scharf um, um zu sehen, ob alles sicher war, warf seinen Mantel ab und ging mit der hurtigen Art von jemandem, der genau weiß, was er zu tun hat und wie es zu tun ist, auf den zentralen Tisch zu. Er schob den Tisch zur Seite, riß den viereckigen Teppich hoch, auf dem dieser gestanden hatte, rollte ihn vollständig auf, und dann kniete er sich, ein Brecheisen aus seiner Innentasche hervorholend, hin und bearbeitete kraftvoll den Boden. Bald hörten wir das Geräusch von rutschenden Brettern, und einen Augenblick später hatte sich ein quadratisches Loch in den Dielen aufgetan. Killer Evans riß ein Streichholz an, entzündete einen Kerzenstummel und entschwand unseren Blicken.

Unser Moment war eindeutig gekommen. Holmes berührte mein Handgelenk als Signal, und gemeinsam schlichen wir hinüber zu der offenen Falltür. So behutsam wir uns auch bewegten, der alte Boden mußte dennoch unter unseren Füßen geknarrt haben, denn der Kopf unseres Amerikaners, der ängstlich herumspähte, tauchte plötzlich aus der Öffnung auf. Sein Gesicht wandte sich uns voll verblüfftem Zorn zu, der sich allmählich in ein verschämtes Grinsen auflöste, als er bemerkte, daß zwei Pistolen auf seinen Kopf gerichtet waren.

»Tja, tja!« sagte er kühl, während er herauskletterte. »Ich schätze, Sie waren wohl einer zuviel für mich, Mr. Holmes. Haben mein Spiel durchschaut, nehme ich an, und mich von Anfang an zum Narren gehalten. Nun ja, Sir, ich muß es Ihnen lassen; Sie haben mich geschlagen und – –«

Im nächsten Augenblick hatte er einen Revolver aus der Brusttasche gezogen und zwei Schüsse abgefeuert. Ich spürte eine plötzliche heiße Verbrennung, als ob ein rotglühendes Eisen an meinen Schenkel gepreßt worden wäre. Es gab ein Krachen, als Holmes' Pistole auf den Kopf des Mannes niedersauste. Ich sah undeutlich, wie er ausgestreckt auf dem Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, während Holmes ihn nach Waffen durchsuchte. Dann umschlangen mich die drahtigen Arme meines Freundes, und er führte mich zu einem Stuhl.

»Sie sind doch nicht verletzt, Watson? Um Gottes willen, sagen Sie, daß Sie nicht verletzt sind!«

Es war eine Verwundung wert – es war sogar viele Verwundungen wert –, die Tiefe der Loyalität und Zuneigung zu kennen, die hinter jener kalten Maske lagen. Die klaren, harten Augen waren für einen Moment getrübt, und die festen Lippen zitterten. Dieses einzige Mal erhaschte ich einen Blick nicht nur auf einen großen Intellekt, sondern auch auf ein großes Herz. All meine Jahre des bescheidenen, doch redlichen Dienstes gipfelten in jenem Augenblick der Offenbarung.

»Es ist nichts, Holmes. Es ist nur ein Kratzer.«

Er hatte mit seinem Taschenmesser meine Hose aufgeschnitten.

»Sie haben recht«, rief er mit einem ungeheueren Seufzer der Erleichterung. »Es ist wirklich nur oberflächlich.« Sein Gesicht wurde hart wie Feuerstein, als er wütend auf unseren Gefangenen starrte, der sich gerade mit benommenem Gesicht aufsetzte. »Bei Gott, das ist auch Ihr Glück. Wenn Sie Watson getötet hätten, dann wären Sie nicht lebend aus diesem Zimmer herausgekommen. Also, Sir, was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?«

Er hatte nichts zu seiner Verteidigung zu sagen. Er saß nur da und schaute finster drein. Ich stützte mich auf Holmes' Arm, und gemeinsam blickten wir hinunter in den kleinen Keller, der durch die geheime Klappe enthüllt worden war. Er war immer noch erleuchtet von der Kerze, die Evans mit heruntergebracht hatte. Unsere Blicke fielen auf eine Masse verrosteter Maschinerie, große Papierrollen, eine Ansammlung von Flaschen und, säuberlich arrangiert auf einem kleinen Tisch, eine Anzahl ordentlicher kleiner Bündel.

»Eine Druckerpresse – eine Fälscherwerkstatt«, sagte Holmes.

»Jawohl, Sir«, sagte unser Gefangener, der wankend langsam wieder auf die Beine kam und sich dann auf den Stuhl sinken ließ. »Die des größten Fälschers, den London je gesehen hat. Das ist Prescotts Maschine, und diese Bündel da auf dem Tisch sind zweitausend von Prescotts Banknoten, jede einhundert wert und so gut, daß sie überall als echt durchgehen. Bedienen Sie sich, meine Herren. Lassen wir's damit gut sein und lassen Sie mich abhauen.«

Holmes lachte.

»So etwas tun wir nicht, Mr. Evans. In diesem Land gibt es kein Schlupfloch für Sie. Sie haben diesen Prescott erschossen, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir, und fünf Jahre dafür gekriegt, obwohl er es war, der gegen mich die Waffe gezogen hat. Fünf Jahre – dabei hätte ich einen Orden kriegen müssen so groß wie ein Suppenteller. Kein einziger Mensch könnte einen Prescott-Schein und einen von der Bank of England auseinanderhalten, und wenn ich ihn nicht weggepustet hätte, dann hätte er London damit überschwemmt. Ich war der einzige Mensch auf der Welt, der wußte, wo er sie machte. Wundern Sie sich da noch, daß ich da ran wollte? Und wundern Sie sich da noch, als ich diesen verrückten Knallkopf von Insektenjäger mit dem komischen Namen vorfand, der direkt drauf sitzt und nie sein Zimmer verläßt, daß ich da mein Bestes tun mußte, um ihn aus dem Weg zu schaffen? Vielleicht wäre es klüger gewesen, wenn ich ihn alle gemacht hätte. Leicht genug wär's gewesen, aber ich bin ein weichherziger Kerl, der keine Schießerei anfangen kann, wenn der andere nicht auch eine Waffe hat. Aber sagen Sie mal, Mr. Holmes, was habe ich denn überhaupt angestellt? Ich habe diese Werkstatt nicht benutzt. Ich habe dieser alten Mumie nichts getan. Wofür können Sie mich eigentlich drankriegen?«

»Nur für versuchten Mord, soweit ich sehen kann«, sagte Holmes. »Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Das übernimmt die nächste Instanz. Was wir im Moment wollten, war lediglich Ihre holde Wenigkeit. Rufen Sie bitte beim Yard an, Watson. Der Anruf wird nicht ganz unerwartet kommen.«

Dies also waren die Fakten über Killer Evans und seine bemerkenswerte Lügengeschichte von den drei Garridebs. Wir hörten später, daß unser armer alter Freund den Schock über seine zunichte gemachten Träume nie überwunden hat. Als sein Luftschloß einstürzte, hat es ihn unter den Trümmern begraben. Zuletzt hat man aus einem Pflegeheim in Brixton von ihm gehört. Beim Yard war es ein freudiger Tag, als die Prescott-Werkstatt entdeckt wurde, denn obwohl sie wußten, daß sie existierte, hatten sie es, nachdem der Mann tot war, nie geschafft herauszufinden, wo sie war. Evans hatte in der Tat einen großen Dienst geleistet und etliche würdige Kripomänner ruhiger schlafen lassen, denn der Fälscher ist als öffentliche Gefahr eine Klasse für sich. Sie hätten bereitwillig für jenen Suppenteller-Orden unterschrieben, von dem der Verbrecher gesprochen hatte, doch eine wenig verständnisvolle Geschworenenbank war nicht so wohlwollender Ansicht, und der Killer kehrte in jene Schatten zurück, aus denen er gerade erst wieder aufgetaucht war.