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Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Die Dorfcoquette

Friedrich Spielhagen: Die Dorfcoquette - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Dorfcoquette
authorFriedrich Spielhagen
firstpub1868
yearca. 1900
publisherVerlag von Carl Krabbe
addressStuttgart
isbn
titleDie Dorfcoquette
pages3-30
created20050118
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Aus unserem Spazierritt an dem Tage wurde nichts; ich wäre außer mir gewesen, ich würde es mir nie vergeben haben, wenn der Mann wirklich, mit einem Fluche gegen mich auf den Lippen, gestorben wäre. Glücklicherweise blieb er am Leben, ja, da er eine überaus kräftige Natur war, erholte er sich unter unserer sorgfältigen Pflege schnell genug so weit, daß er uns mittheilen konnte, wie er in diese Tiefe des Elends versunken.

Er stammte aus dem Kurhessischen; sein Vater war Knecht bei einem Pferdehändler gewesen, ein Ueberall und Nirgends, der weit in der Welt umherzog, und als er plötzlich auf der Reise tief im Ungarischen starb, seinen einzigen Sohn, der ihn als Roßbub begleitet hatte, mit kaum so viel Geld zurückließ, daß er seine Heimat wiedergewinnen konnte; nein, nicht seine Heimat! Der arme Junge hatte keine Heimat, wie die wohlweisen Behörden alsbald herausbrachten; sein Vater schon hatte keine gehabt. Wie das zusammengehangen, habe ich vergessen; es kommt auch nichts darauf an. Genug, das Leben Konrad Krüger's war von da an bis zu dem Augenblicke, wo er zu uns kam, das heißt zehn Jahre lang, ein Beitrag zu dem bekannten kläglichen Capitel unserer Culturgeschichte gewesen: wo er auch Arbeit gesucht und gefunden, überall hatte sich nach kurzer Zeit die Polizei hineingemischt und den heimathlosen Vagabunden auf die Landstraße gewiesen. Auf der Landstraße hatten ihn die Gensdarmen aufgegriffen und in das Kreisgefängniß abgeliefert. Aus dem Kreisgefängniß war er per Schub dahin transportirt, wo er zu Hause war und kein Haus besaß, und so war das unwürdige Stück weiter gespielt worden, das auf unserer Schwelle beinahe ein so trauriges Ende gefunden hätte.

Hier war etwas für meinen Gatten. Er, als praktischer Landwirth, wußte, wie gerade der Landbau unter dem Mangel eines Freizügigkeitsgesetzes seufzte, er hatte seit Jahren auf den Kreistagen dafür gekämpft; er machte die Sache des Vagabunden zu der seinen. Es kostete einen harten Kampf mit den schwerfälligen Behörden; endlich setzte er es durch; man hielt dem einflußreichen Manne seine Laune zu gute, und sein Schützling durfte zum ersten Male sagen, daß er habe, wohin er sein Haupt lege.

Wie schwer die Gesellschaft mit ihren aberwitzigen Institutionen sich an diesem Manne versündigt, dafür lieferte er uns täglich einen neuen Beweis. Es konnte keinen willigeren, fleißigeren und gewissenhafteren Arbeiter geben als Konrad Krüger. Und auch keinen geschickteren. Er war ein Meister in allen ländlichen Hantirungen; Alles was er in die Hand nahm, gelang ihm, oft in der überraschendsten Weise, und dabei schaffte er mit einer Energie, die an seiner gewaltigen Körperkraft und Zähigkeit eine, wie es schien, unerschöpfliche Quelle hatte.

Konrad wußte sich durch diese so trefflichen Eigenschaften meinem Gatten bald höchlichst zu empfehlen; vor Allem war es ein Zweig, in dem er sich ganz besonders auszeichnete und sich gewissermaßen unentbehrlich machte.

Mein Gatte, der sich bestrebte, seinen Nachbarn in jeder Hinsicht ein gutes Beispiel zu geben und die Cultur seines Districts nach Möglichkeit zu fördern, hielt ein nicht unbedeutendes Gestüt, das er sich viel Mühe und Geld kosten ließ. Er hatte immer gewünscht, anstatt seiner englischen Traineurs, mit denen er sich nie recht stellen konnte, einen Deutschen zu haben, der die Sache aus dem Grunde verstände, und hier war Konrad gerade der rechte Mann. Im Stalle gleichsam groß geworden und von Kindheit auf in der Gesellschaft von Roßkämmen, war er Meister in der Behandlung und der Dressur der Pferde. Mein Gatte erkannte bald, welchen Schatz, wie er sich ausdrückte, er an Konrad hatte, und da er sein Vertrauen gern voll schenkte, wo er vertrauen zu dürfen glaubte, so rückte er seinen Schützling bald in eine Stellung ein, um die ihn die Anderen wohl beneiden durften. Ich selbst war über die reißenden Fortschritte, die der Fremde in der Gunst seines Herrn machte, einigermaßen erstaunt; aber mein Gatte lachte und sagte, weshalb er nicht seinen Günstling haben solle, wie ich den meinen? und wenn sich sein Günstling auch nicht gerade durch Schönheit oder Zierlichkeit auszeichne, so habe er dafür den Vorzug, eine brave Seele zu sein; manche Leute schwärmten für geschmeidige Katzen, er für sein Theil bevorzuge die ehrlichen Hunde. Ich entgegnete, daß sowohl Hunden als auch Katzen, ja selbst Menschen gegenüber Vorsicht alle Wege ein gut Ding sei, worauf er dann etwas gereizt erwiederte, daß man die Vorsicht auch zu weit treiben könne, genau so wie die – Nachsicht. Ich mußte mir, da ich ihn um Bertha verdiente, diesen Spott gefallen lassen, aber ich nahm mir vor, mein Urtheil über Konrad Krüger nicht so bald gefangen zu geben, um so weniger, als er keineswegs zu denen gehörte, über die man im Reinen ist, wenn man ein halbes Dutzend Worte mit ihnen gesprochen.

Oder, um es anders auszudrücken: er war der seltsamste Mensch, der mir noch vorgekommen, und es wollte mir nicht gelingen, den Schlüssel zu diesem Räthsel zu finden, das da in Fleisch und Blut sich tagtäglich vor meinen Augen hin und wieder bewegte. Freilich, es konnte auch Niemand verschlossener sein, als dieser Mann; Niemand weniger bereit, sich an Andere anzuschließen, mit Anderen zu leben. Nehmen Sie dazu, daß diese seltsame Seele in einem Körper steckte, der für einen so rauhen Kern die entsprechende Schale war, so werden Sie es selbstverständlich finden, daß Alle auf dem Hofe dem Konrad so weit als möglich aus dem Wege gingen, ja, daß sich bald die abenteuerlichsten Gerüchte an seine Fersen hefteten. Nach den Einen war er ein vornehmer Graf, der ein schreckliches Verbrechen begangen und jetzt Knechtsgestalt angenommen habe, um sich desto sicherer vor den Häschern, die ihm auf der Spur seien, zu verbergen; die Anderen hatten nichts gegen die finstere That, die auf ihm laste, wollten aber von einer vornehmen Abkunft nichts wissen, ließen ihn im Gegentheil – um in ihrer Erfindung hinter Jenen nicht zurückzubleiben – früher ein Gewerbe betrieben haben, das in den Augen des gemeinen Mannes stets mit einem gewissen Makel behaftet sein wird und das ebenfalls viel mit Pferden zu thun hat, wenn auch vorzugsweise mit todten.

Sie können sich denken, daß solches Geschwätz auf mich keinen Eindruck machte; aber es war nicht zu leugnen, daß in dem Wesen des Mannes Gegensätze lagen, welche die kühnsten Annahmen gleichsam herausforderten. Er war ohne Zweifel, wie das seine Ausdrucksweise nur zu deutlich verrieth, niederer Abkunft; seine Schulkenntnisse beschränkten sich auf das Nothwendigste; wir hatten, mit einem Worte, nicht den mindesten Grund, an der Wahrheit der Angaben, die er uns nach und nach in seiner einsilbigen Weise über sein früheres Leben gemacht, irgendwie zu zweifeln; nichtsdestoweniger war ich selbst mehr als einmal nahe daran, an das Märchen von dem Grafensohn zu glauben.

Schweigsame Menschen, falls man sie nicht für stumpfsinnig oder beschränkt halten darf, umwittert ja immer der Duft einer gewissen Vornehmheit selbst dann, wenn sie auf einer niederen Gesellschaftsstufe stehen, ja in diesem Falle vielleicht um so mehr, als wir gewohnt sind, daß der Schwache, der Abhängige, zum mindesten über seine wirklichen oder vermeintlichen Leiden, redselig ist wie die Kinder. Und Konrad war die Schweigsamkeit selbst. Auch dann, wenn er zum Sprechen gezwungen war, that er es mit möglichst wenigen Worten, und konnte eine Geberde es thun, öffnete er gewiß nicht den Mund. So hatte es einen merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht, daß er, als ich ihm nach seiner Genesung zum ersten Male wieder begegnete und ihn freundlich anredete, er statt aller Erwiederung nach meiner Hand griff und dieselbe küßte, und als ich weiter frug, ob ich ihm sonst noch helfen könne, nur sagte: Ich danke, ich habe ja Arbeit. Und das war bei ihm keine Phrase. Wenn es sonst das Erbübel der Dienstleute ist, in allen Nöthen sofort an die Mildthätigkeit der Herrschaft zu appelliren, ohne oft auch nur den Versuch zu machen, wie weit sie mit den eigenen Kräften und Mitteln reichen, so schien dieser Mann nur Alles sich selbst, Anderen nichts verdanken zu wollen. Mein Gatte hatte ihn, da er, als er zu uns kam, selbst des Nothwendigen ermangelte, selbstverständlich mit Kleidung und Wäsche ausgestattet, aber er bestand darauf, dies nur als einen Vorschuß zu betrachten, den er abzuarbeiten habe, und er ruhte nicht eher, als bis dies wirklich geschehen war.

Dennoch durfte man ihn, so eigenwillig er sich auf sich selbst stellte, so eifersüchtig er seine Unabhängigkeit zu bewahren strebte, durchaus nicht der Undankbarkeit zeihen. War ja doch die treue Sorgfalt, mit der er das Eigenthum seines Herrn, als wäre es das seine, behütete, die schönste Dankbarkeit, die Dankbarkeit in Werken!

Aber auch sonst ließ er es nicht an Beweisen seiner Gesinnung fehlen, die einem schottischen Clanmann alle Ehre gemacht hätten. Wenn der Kinder oder meines Gatten wegen, dessen Kränklichkeit damals reißend zunahm, in die Stadt geschickt werden mußte – da war es der Konrad, der immer bereit war; ich erinnere mich, daß er in einer Schreckensnacht den weiten Weg dreimal hin und zurück machte.

Ein anderes Mal – es war im Frühjahr 1848 – als auf dem Hofe eine Art von Meuterei ausbrach und ein paar Knechte drohend auf den kranken Herrn eindrangen, warf er sich mit einer solchen Wuth auf den Rädelsführer, daß der Mann kaum mit dem Leben davon kam. Eben so wenig hatte er es mir vergessen, wie ich mein erstes unfreundliches Wort alsbald wieder gut zu machen versucht hatte; und da er selten in die Lage kam, mir persönlich gefällig sein zu können, so entrichtete er den Zoll seiner Dankbarkeit an die Kinder, indem er, wie der treue Eckart, über sie wachte, ihnen, wo er konnte, eine Freude, eine Ueberraschung bereitete mit irgend einer Beute von den Feldern, aus dem Walde, mit allerlei hübschem Spielzeug, das er gar geschickt aus Weidenruthen, Baumrinden und dergleichen zu fertigen verstand.

Ueberhaupt mußte es auffallen, mit welchem Vertrauen sich die Kinder an einen Mann drängten, dessen schweigsames, ja finsteres Wesen den meisten Erwachsenen so unheimlich dünkte. Es wohnten eben zwei Seelen in seiner Brust. Die eine weiche, zärtliche zeigte er den Kindern, mit denen er spielte, den Blumen, die er vor seinem Fenster zog, den Vögeln auf dem Felde, denen er im Winter Futterplätze zu schaffen wußte, seinem kranken Herrn, für den er keine Mühe, keine Anstrengung scheute; die andere harte, rauhe, ja grausame gegen Alles, wovon er glaubte, daß es ihm gegenüber im Unrecht sei: gegen einen Knecht, der sich träge im Dienst erwies, gegen ein Pferd, das sich nicht fügen wollte, gegen sich selbst, wenn er sich, so oder so, nicht genug gethan hatte. In solchen Fällen war es, als ob der Mann ganz unter der Herrschaft eines finstern Dämons stehe; man mußte sich sagen, daß es dann nur auf eine Gelegenheit ankomme, um ihn zu einer Gewaltthat, zu einem Verbrechen zu treiben.

Da ich Ihnen keinen Roman erzählen, sondern nur ein Stück Menschengeschichte, welches ich selbst mit erlebt habe, berichten will, so werden Sie mir nicht zumuthen, daß ich aus Dem, was Sie schon längst haben kommen sehen, ein spannendes Geheimniß mache, und Ihnen umständlich Rechenschaft gebe von dem Wo? und Wie? sich der Konrad und die Bertha gefunden haben. Um ganz aufrichtig zu sein, ich weiß es selbst nicht, oder, mich genauer auszudrücken: ich habe mir erst nachträglich die Sache zusammenreimen müssen, die mir anfänglich so ungereimt und abgeschmackt schien, wie nur möglich.

Oder sollten Sie mir die Ueberraschung nicht nachfühlen können, die ich empfand, als eines Tages Bertha, das hübsche Gesicht von Thränen überströmt, vor mir erschien und mir, nach manchen vergeblichen Ansätzen, gestand, daß sie schon lange ein Verhältniß mit Konrad Krüger habe, daß sie jetzt einig seien, und daß sie nun komme, sich meinen Segen für ihre Verbindung zu erstehen.

Aber Du bist toll, Bertha! sagte ich; und wahrhaftig, wenn sie mir mitgetheilt hätte, daß sie mit dem Manne im Monde verlobt sei und die Hochzeit demnächst auf dem Sirius stattfinden solle, ich würde das ebenso begreiflich gefunden haben. Indessen, das schöne Mädchen blieb bei ihrer Behauptung, und ich mußte mich denn wohl entschließen, das Unbegreifliche begreiflich zu finden. Uebrigens war nicht viel aus ihr herauszubekommen; ja sie verwickelte sich in offenbare Widersprüche. Bald wollte sie ihm vom ersten Augenblicke an gut gewesen sein, bald war sie sich erst seit gestern klar über ihre Gefühle; bald sollte Konrad sie schon lange mit Anträgen – nein, nicht mit Anträgen, aber mit Blicken, mit kleinen Aufmerksamkeiten aller Art – verfolgt haben, bald wollte sie erst seit gestern, seit heute, seit einer Stunde wissen, daß er sie liebe.

Ich schob diese Ungenauigkeiten auf die Verwirrung, die sich ja in solchen Augenblicken eines Mädchenherzens gar wohl bemächtigen darf, und fand mich erst selbst zurecht, als ich die praktische Seite des Romans in Erwägung zu ziehen begann und Bertha fragte, wie sie sich denn eigentlich ihre Zukunft denke, von der ich mir bei der gänzlichen Mittellosigkeit des Mannes ihrer Wahl nur ein ziemlich dürftiges, ja klägliches Bild machen können. O, der gnädige Herr und die gnädige Frau werden schon für uns sorgen, erwiederte sie. Dabei sah sie mich durch ihre Thränen hindurch mit demselben schelmischen Lächeln an, mit welchem sie mir an jenem Morgen vor sechs Jahren in der Allee die Wiesenblumen überreicht hatte. Und dann, fügte sie ernsthafter werdend hinzu, hat der gnädige Herr meinem Konrad ja auch die Verwalterstelle auf dem Vorwerk versprochen. Das ist für den Anfang schon immer etwas.

Dies Letztere war mir neu. Das Vorwerk kam allerdings zum Herbst außer Pacht, aber ich wußte nicht, daß mein Gatte beabsichtigte, es von da an selbst zu bewirthschaften, was bei seiner zunehmenden Kränklichkeit mir durchaus bedenklich schien. Ich ging, ihn aufzusuchen; er lachte, als ich ihm die große Neuigkeit mittheilte, und wiederholte mehr als einmal: die kleine Hexe, die Menschenfischerin! In Bezug auf das Vorwerk bestätigte er mir, was ich eben von Bertha gehört. Er habe mir nichts mittheilen wollen, weil er meine Aengstlichkeit kenne, aber die Sache werde sich so wirklich am besten arrangiren lassen. Er wollte dann das Gestüt, das ihn hier inmitten der weitläufigen Ackerwirthschaft nur belästige, auf das Vorwerk hinauslegen, wo es zwischen den großen Wiesen viel besser am Platze sei, und allerdings habe er dabei sehr an Konrad Krüger gedacht. Wen anders könne er auch mit größerem Vertrauen auf einen so verantwortlichen Posten stellen, als diesen fleißigen und treuen Mann? Das sei so gut, als ob er selbst beständig an Ort und Stelle wäre. Ueberdies habe er gegen Konrad auch wohl schon ein halbes Wort fallen lassen. Er fühlte sich dadurch allerdings nicht gebunden, aber es würde ihm doch, gerade einem so skrupulösen Menschen gegenüber, einigermaßen peinlich sein, sollte er es nachträglich wieder anders bestimmen, und vor allen Dingen jetzt, da Konrad seine Zukunft auf das Project zu bauen gedenke, würde er selbst es doppelt ungern aufgeben.

Dann fing er wieder an zu lachen über die kleine Hexe, die Menschenfischerin, die doch nicht ganz so albern sei, als es oft den Anschein habe, da sie sich den bravsten Menschen auf der Welt zum Eheherrn wünsche, und der überdies wohl ganz der Mann sei, gelegentlich den Herrn zu spielen und eine flatterhafte Coquette zur Raison zu bringen. – Ich weiß nicht, sagte ich; ich sehe vorläufig nur das Unpassende einer solchen Verbindung. Er ist, mag er in mancher Hinsicht auch noch so brav sein, Alles in Allem ein ungebildeter, rauher, um nicht zu sagen roher Mensch. – Und sie, unterbrach mich mein Gatte, eine hübsche Bauerndirne, die sich in unserem Umgang ein wenig Manier angeeignet hat, um im Grunde zu bleiben, was sie war, bevor sie zu uns kam. Willst Du einen Beweis? ich dächte der Umstand, daß sie an dem Konrad Geschmack finden konnte, wäre der beste. Laß Du sie nur machen; Gleich und Gleich gesellt sich gern. Du siehst es ja!

Freilich sah ich es und doch mochte ich kaum den eigenen Augen glauben. Mir ging die Sache wirklich recht nah, und das war am Ende erklärlich genug. Wie wenig Ursache ich auch hatte, auf Bertha besonders stolz zu sein, wie häufig sie mich auch durch ihren Leichtsinn, ihre Flatterhaftigkeit, ihre Gefallsucht gekränkt und beleidigt – ich konnte es nicht vergessen, daß sie als Kind in unser Haus gekommen, daß sie seit sechs Jahren beständig in unserem Hause gewesen war; und wenn ich auch die Hoffnung aufgegeben, sie könne sich einst durch ihre Talente eine glänzende Zukunft schaffen – so armselig hatte ich mir ihr Loos nie gedacht. Ich fragte mich immer wieder: wie ist es möglich? ich zürnte dem plumpen Menschen, der seine rauhe Hand nach meiner Lilie von dem Felde, wie ich sie oft nannte, ausstreckte; und war nahe daran, mit den Leuten im Dorfe an eine übernatürliche Einwirkung zu glauben, an Zaubertränke, welche die alte Hexe, die Anne-Kathrin, dem Konrad verkauft und mit denen der arge Mensch das schöne Mädchen berückt habe.

Und doch war Alles ganz natürlich zugegangen, wenn man Die hörte, welche der Sache näher standen. War ich für das, was unter meinen Augen vorgegangen war, blind gewesen, hatten Andere desto hellere Augen gehabt; ich erfuhr mehr, als ich zu wissen wünschte, als mir zu hören lieb war. Da hatten Alle ihre interessanten Beobachtungen gemacht: Die Haushälterin, die Köchin, das Stubenmädchen, die Kammerjungfer, und ich gestehe, daß ich – zum ersten und ich glaube zum letzten Male in meinem Leben – mich ein wenig auf's Horchen und Aushorchen legte. »Aber wissen denn die gnädige Frau nicht, daß die Bertha schon letzten Martini, als er kaum ein halbes Jahr hier war, zu der Lisbeth gesagt hat, der solle doch noch einmal erfahren, daß hinter dem Berge auch noch Leute wohnten? O, gnädige Frau, und von der Zeit an ist die Bertha ihm ja auf Tritt und Schritt nachgegangen, und hat ihm zu Weihnachten eine Weste gehäkelt, die er nie getragen hat, weil er nicht gewußt hat, von wem sie gekommen ist; aber ich glaube: er hat's nur nicht wissen wollen; und im Winter hat sie immer die Vögel gefüttert, weil sie gemerkt hat, daß er das gern sähe, und jetzt hat sie ihm immer heimlich die schönsten Blumen in sein Fenster gestellt, aber just so sehr heimlich wird's ja auch nicht gewesen sein, und –«

Was soll ich Sie noch weiter mit dem Geschwätz der Leute behelligen, das mich damals um so mehr empörte, als ich mich überzeugen mußte, daß es nicht aus der Luft gegriffen war. Indessen, geschehen war nun einmal geschehen, und ich mußte gute Miene zu einem Spiel machen, welches mir so wenig gefiel. Ich hatte nur daran zu denken, wie der bösen Sache eine möglichst gute Wendung zu geben sein möchte. Das Erste war, daß Konrad in den Augen der Leute mit einem gewissen Ansehen ausgestattet wurde, wie es sich für den Bräutigam meines Schützlings geziemte. Er wurde von Stunde an Herr Krüger genannt und auch sonst bei vorkommenden Gelegenheiten in schicklicher Weise ausgezeichnet. Es erwuchsen nun daraus, wie Sie sich denken können, manche Inconvenienzen, aber doch nicht so viele, als ich anfänglich gefürchtet. Konrad blieb auch jetzt, unter so wesentlich anderen Verhältnissen, seinem Charakter treu. Nicht der mindeste Versuch, sich vorzudrängen! im Gegentheil, er wurde scheuer, schweigsamer als je zuvor, und nur die womöglich noch größere Gewissenhaftigkeit, mit welcher er seinen Geschäften oblag, bewies, daß er die Gunst seiner Herrschaft dankbar empfand, daß er sich ihrer in seiner Weise werth zu machen strebte.

Nichtsdestoweniger vermochte ich noch immer nicht zu fassen, wie aus der Verbindung zwei so grundverschiedener Naturen ein Segen für Eines und das Andere erwachsen könne, um so weniger, als ich in Bertha, ich möchte sagen, von der Stunde ihrer Verlobung an, eine eigenthümliche Veränderung wahrnahm. Ich hatte mir gedacht, daß ein so leichtlebiges Geschöpf, dessen Uebermuth sonst schon keine Grenzen kannte, in einem solchen Glücksstadium vollends ausschweifen werde; aber das Umgekehrte trat ein. Scherz und Lachen schienen von ihren rothen Lippen mehr und mehr zu schwinden, auf ihrer sonst so heiteren Stirn schwebte jetzt oftmals eine trübe Wolke, ein paar Mal fand ich sie in Thränen. Dabei versicherte sie stets, daß sie sich vollkommen glücklich fühle, daß sie ihren Konrad über Alles liebe, daß sie nur den einen Wunsch habe, mit ihm auf immer vereinigt zu sein.

Dieser Zeitpunkt kam schnell herbei; im August hatte sie sich mit Konrad verlobt, Michaelis trat er auf dem Vorwerk seine Stelle an. Es war verabredet worden, daß ein paar Wochen später, nachdem die Verlegung des Gestüts, welche viel Arbeit erforderte, beendigt und in dem neu eingerichteten Hause Alles für das junge Paar bereit sein werde, die Hochzeit stattfinden solle. Da nahm die Krankheit meines Gatten, welche in ihrem launischen Verlauf die Kunst der Aerzte leider vollkommen getäuscht hatte, eine plötzliche fürchterliche Wendung. Man rieth, was noch ein Jahr vorher vielleicht seine Rettung gewesen wäre: einen Aufenthalt in einem milderen Klima; es war zu spät.

Ich durfte nicht des fraglichen Glückes genießen, mich in meinem Schmerze zu betäuben. Eine ungeheuere Verantwortung war auf meine Schultern gewälzt, deren ich mir vom ersten Augenblicke an vollkommen bewußt, die ganz zu tragen ich vom ersten Augenblicke durchaus entschlossen war. Es galt, den Kindern das Erbe ihres Vaters ungeschmälert zu erhalten, es galt, sie als die Kinder eines solchen Vaters zu erziehen. Am liebsten hätte ich die Güter sogleich verpachtet, aber die Conjunctur war sehr schlecht, ein ungünstiger Contract unvermeidlich. So mußte ich mich nach Jemand umsehen, der im Stande war, in die Fußstapfen meines Gatten zu treten und eine musterhafte Wirthschaft in seinem Sinne weiter zu führen. Ich dachte zuerst an Konrad, aber ließ diesen Plan alsbald wieder fallen. Kaum ein Jahr war es, daß er ein Knecht unter den andern Knechten gewesen war; auf dem kleinen Vorwerk machte das weniger aus, auf dem Herrenhofe würde man sich nicht so leicht in einen so jähen Wechsel gefunden haben. Aber auch ganz abgesehen davon, mußte ich mir sagen, daß er einer solchen Stellung nicht gewachsen war. Große Bücher zu führen, ausgedehnte Correspondenzen zu besorgen, wo und wann hätte er das gelernt haben sollen? und dann – gestehe ich es nur! – ich würde ihn, selbst wenn er mit der Feder ebenso gewandt gewesen wäre, als er praktisch unzweifelhaft tüchtig war, nicht dieser Stelle würdig erachtet haben – der, welcher da selbstständig Anordnungen treffen sollte, wo mein Gatte bis zuletzt befohlen hatte, konnte, durfte nur ein Gentleman sein. Unter den jungen Eleven, so nützlich sie sich meinem Gatten auch erwiesen hatten, war doch keiner hinreichend erfahren und gesetzt; ich mußte sie, so schwer es mir ankam, sämmtlich entlassen, da ich die Verantwortung für ihre weitere Ausbildung nicht übernehmen konnte; einige Wochen vergingen mit der abschlägigen Beantwortung der Briefe von Bewerbern, die nicht orthographisch schreiben konnten; endlich stellte sich ein junger Mann vor, der mir auf das Dringendste empfohlen war und den ich nach kurzem Schwanken acceptirte, um nur endlich einmal zu einer Art von Ruhe zu kommen, und weil er wirklich, soweit sich das in einer ersten Begegnung beurtheilen ließ, wenigstens eines Versuches werth schien.

Herr von Treche war ein Mann in dem Anfang der Dreißiger, hochgewachsen und schlank, mit Manieren von zweifelhafter Eleganz. Er wußte viel von der früheren, aber schon seit etwas lange untergegangenen Herrlichkeit seiner Familie zu erzählen, beklagte höchst elegisch das bittere Loos, welches ihm zu Theil geworden, und betrachtete es als selbstverständlich, daß er stets nur in adeligen Familien und auf Rittergütern conditionirt habe. Ich hielt ihm diese kleinen Schwächen zu gut, vorausgesetzt, daß er sich in der Hauptsache bewährte, und dies schien wirklich der Fall zu sein. Wenigstens legte er einen großen Eifer an den Tag und trug den Kopf voll von Projekten, deren Ausführung ich ihn bis zu dem Zeitpunkte zu verschieben bat, wenn er in den Besitz jener großen Erbschaft gelangt sein würde, die ihm von einem sehr entfernten Verwandten in allernächster Aussicht stehen sollte. Herr von Treche sprach beständig von dieser Erbschaft.

In seiner Eigenschaft als Cavalier war er natürlich ein sehr großer Pferdeliebhaber und, wenn man ihm glauben durfte, Pferdekenner. Das sei so recht eigentlich seine Force. Er lag mir fortwährend in den Ohren, daß aus dem Gestüt viel mehr gemacht werden könne, wenn man die Sache nur ordentlich angreife; vor Allem sei Konrad gar nicht der geeignete Mann für einen solchen Posten. Um etwas von Racepferden zu verstehen, müsse man selbst edles Blut in den Adern haben. Uebrigens habe er sich abermals über Herrn Krüger zu beklagen, der ihm noch immer nicht mit der Ehrerbietung begegne, auf welche er als Edelmann und als Vertreter der gnädigen Frau (hierbei eine insinuante Verbeugung) Anspruch zu haben glaube.

Ich pflegte ihm darauf zu entgegnen, daß die ganze Einrichtung, so wie sie da sei, von meinem Gatten herrühre, und er mich verbinden würde, wenn er hier, so wie in den übrigen Dingen, vorläufig Alles beim Alten lasse. Was seine Beschwerde über Konrad Krüger betreffe, so sollte er doch mittlerweile Zeit gehabt haben, sich an die eckigen Formen des allerdings sehr rauhen, aber durchaus erprobten Mannes zu gewöhnen, wie wir es Alle gethan und gern gethan hätten.

Diese Mißhelligkeiten verstimmten mich um so mehr, als ich, wie die Sachen lagen, kein Ende davon absah. Die jetzige Einrichtung des Vorwerks war durch den Tod meines Gatten eigentlich unhaltbar geworden. Daß ich, sobald als möglich, das so kostspielige Gestüt eingehen lassen müsse, schien unabweislich. Damit aber wäre Konrad gewissermaßen überflüssig geworden. Er hätte freilich noch immer Verwalter auf dem Vorwerk bleiben können, aber zwei Verwalter, einer auf dem Haupt-, der andere aus dem Nebengut – das hieß den Eifersuchtskrieg in Permanenz erklären. Hatte ich doch nun schon so viel Proben davon gehabt! Nach langem Ueberlegen kam ich auf den Ausweg, das Vorwerk Konrad, natürlich unter den günstigsten Bedingungen, in Pacht zu geben. Dann war seine Selbständigkeit, auf die er so eifrig hielt, gesichert, und seine so lange hinausgeschobene Verbindung mit Bertha konnte endlich stattfinden.

Es war nämlich mittlerweile der ganze Winter und der erste Theil des Frühlings vergangen. Konrad hatte gleich zu Anfang in seiner lakonischen Weise erklärt, in einem Trauerhause könne keine Hochzeit gehalten werden. Ich wußte, daß er seinen verstorbenen Herrn auf's tiefste betrauerte. Er hatte mir in den letzten Schreckenstagen die aufopferndsten Dienste geleistet, er hatte mit an dem Sterbebette gestanden. Später erzählte man mir, daß man ihn während der ersten Nächte in seiner einsamen Kammer laut mit sich selbst habe reden und weinen und schluchzen hören. Auch Bertha schien durch das Unglück, das mich betroffen, tiefer erschüttert zu sein, als ich bei ihrer Flatterhaftigkeit für möglich gehalten hätte. Auch sie wollte nichts wissen von der Hochzeit, auf die ich von Zeit zu Zeit gutmüthig drang. Sie könne mich jetzt nicht verlassen, ich könne sie jetzt nicht entbehren. Wirklich hatte sie sich während dieser ganzen Zeit der Wirthschaft mit einem Eifer angenommen, der sonst gar nicht ihre Sache war, und sich mir vielfach nützlich erwiesen, was sie freilich nicht abhielt, sich in ihren Trauerkleidern so zierlich als möglich herauszuputzen und ein melancholisches Lächeln vor dem Spiegel einzustudiren. Ihren Verlobten hatte sie während des Winters sehr selten gesehen. Das Wetter war meistens abscheulich gewesen, und sie hatte vielfach über ihr Befinden geklagt. Ich glaubte ihr deshalb eine große Freude zu bereiten, als ich sie an einem schönen Apriltage aufforderte, mit mir nach dem Vorwerk hinauszufahren, und ihr zugleich mittheilte, was ich in Betreff ihrer und Konrad's neuerdings beschlossen habe.

Wie groß war nun mein Erstaunen, als das schöne Kind während dieser Mittheilungen blasser und blasser wurde und endlich in leidenschaftliches Weinen ausbrach. Sie wolle, sie könne mich nicht so bald verlassen, ich solle sie nicht von mir stoßen, sie sei das unglücklichste Geschöpf auf Erden. Aber mein Kind, sagte ich, ich verstehe dein Gejammer nicht. Auch kann ich nicht glauben, daß es der Gedanke einer Trennung von mir ist, was Dich in diesem Augenblicke so fassungslos macht. Wie? liebst Du den Mann nicht mehr, den Du zuerst an Dich zu fesseln gesucht hast, der Dich vielleicht, ja ganz gewiß nie geliebt haben würde, wenn Du es ihn nicht gelehrt hättest? – Ach, daß Sie so etwas sagen können, gnädige Frau! schluchzte die schöne Sünderin. – Ich sage nur, was Andere sagen, und was ich, wie ich Dich hier jetzt sehe, nur für zu begründet halte, erwiederte ich, indem ich mich unwillig von ihr abwandte und nach dem Wagen klingelte. Ich war entschlossen, mich durch die Launen einer Coquette nicht in meinem wohlerwogenen Entschlusse aufhalten und vor Allem den braven Mann; dem ich mich aufrichtig verpflichtet fühlte, nicht darunter leiden zu lassen. Ich verbat mir die Begleitung der Weinenden; ich wollte allein nach dem Vorwerk fahren und mit Konrad sprechen. Machen Sie mich nicht unglücklich, gnädige Frau, rief sie händeringend und mir zu Füßen fallend. Heftig erzürnt, wie ich war, ließ ich sie, ohne sie weiter eines Wortes oder Blickes zu würdigen, liegen und fuhr ab in der übelsten Stimmung.

Unterwegs hatte ich Zeit, mich wieder einigermaßen zu beruhigen. Ich nahm mir vor, Konrad zu sondiren, und, wenn er unbefangen blieb, der Scene, von der ich kam, keine Erwähnung zu thun. Vielleicht hatte ich die Sache am Ende doch zu ernst genommen und konnte durch ein einziges unbedachtes Wort gerade das Unheil anrichten, welches ich vermeiden wollte.

Ich traf Konrad nicht auf dem Gehöft. Ein Knecht sagte mir, daß er nebenan auf der Wiese ein Pferd zureite. Ich hieß den Mann bei seiner Arbeit bleiben, ich wolle Herrn Krüger selbst aufsuchen.

Die Wiese war nur wenige Schritte entfernt. Als ich hinter einem Zaun, der sie von der Straße trennte, hinschritt, sah ich Konrad. Er ritt ein junges Pferd, das schon als Füllen ein besonderer Liebling von mir gewesen war, und das ich ihn gebeten hatte, für mich zu schulen. Schon von Weitem freute ich mich der Grazie, mit welcher das herrliche Thier sich im Trabe bewegte, so daß es mit den leichten Hufen kaum den Boden zu berühren schien. Dann setzte er es in Galopp, gerade auf einen breiten Graben zu, der die Wiese quer durchschnitt. Das Thier prallte, sobald es an den Graben gekommen, mit mächtigem Satz auf die Seite und schüttelte unwillig den schönen Kopf. Er warf es herum, führte es im Trabe eine Strecke zurück, dann wieder im Galopp nach dem Graben. Dasselbe Manöver von Seiten des Pferdes, nur daß es diesmal zu steigen begann; ich glaubte jeden Augenblick, es würde sich überschlagen. Aber er drückte es mächtig herunter, und von Neuem begann der Kampf. Ich rief, er solle es genug sein lassen; aber der Wind verwehte meine Stimme, auch mochte die Leidenschaft ihn taub machen. Auf einmal bäumte sich das geängstete Thier zu seiner vollen Höhe; im nächsten Augenblicke rollten Roß und Reiter auf dem Boden. Ich schrie laut auf, aber es war kein Unglück geschehen. Da standen sie Beide schon wieder da, das Pferd an allen Gliedern zitternd, der Mann neben ihm, es mit der einen Hand am Zügel haltend, mit der andern auf den schlanken Hals klopfend. Und ehe ich mich von meinem Schrecken noch erholt hatte, saß er mit einem Sprunge abermals im Sattel. Das Thier hatte es aufgegeben, seinen fürchterlichen Reiter los zu werden. Als es jetzt an den Graben kam, flog es wie ein Pfeil hinüber; er ließ es den Satz von der andern Seite aus noch einmal machen und kam dann auf mich, die er jetzt erst bemerkte, herangaloppirt, stieg ab und begrüßte mich mit dem ihm eigenen Ernst.

Aber wie konnten Sie, nachdem Sie gestürzt waren, es noch einmal wagen! rief ich.

Mit Verlaub, gnädige Frau, sagte er, das gehört sich so.

Wir waren in das Haus und in seine Stube getreten, die er mit klösterlicher Einfachheit ausgestattet hatte: ein Tisch, ein paar Stühle, ein kleines Pult, in welches er seine Rechnungsbücher verschloß – Alles von braun angestrichenem Tannenholz; an den Wänden Sättel, Zäume, Reitpeitschen, nicht ohne eine gewisse Zierlichkeit geordnet, die weißen Dielen mit frischem Sand bestreut.

Ich sagte ihm, ohne viel Worte zu machen, weshalb ich gekommen sei. Er hörte mir aufmerksam zu und erwiederte, als ich zu Ende war: Nein, gnädige Frau, das geht nicht; unter den Bedingungen ist das keine Pacht, das ist ein Geschenk; ich müßte mich schämen, wollte ich auch das noch nehmen nach Allem, was der gnädige Herr und Sie an mir bereits gethan haben. Ueberdies dürfen Sie das Vorwerk gar nicht verpachten; es gehört zum Gut und muß mit dem Gute bewirthschaftet werden, wenn es Vortheil bringen soll. Der gnädige Herr hat ganz richtig gesehen; er hatte immer Recht. Das Gestüt müssen die gnädige Frau natürlich aufgeben, dabei kommt nichts heraus.

Und was wird aus Ihnen? sagte ich; ich fürchte, Sie werden mit Herrn von Treche nicht mehr lange zusammen arbeiten können, auch wenn ich Ihnen eine möglichst freie Stelle ihm gegenüber verschaffen wollte.

Ja, ja, erwiederte er; solch ein Verhältniß thut nie gut. Wo Alles ineinander greifen soll, muß auch Alles aus einem Kopfe kommen.

Und was wird aus Ihnen? wiederholte ich.

Ich gehe eben fort, erwiederte er.

Es scheint Ihnen nicht eben schwer zu werden.

Mir that das Wort leid, als ich es kaum gesprochen. Durch seine plumpen Züge zuckte es seltsam; er sah mich mit starren Augen an, die sich mit Thränen zu füllen begannen.

Der stumme Vorwurf schnitt mir in's Herz. In der Verwirrung vergaß ich, was ich mir anfänglich vorgenommen, und sagte: Und dann schieben Sie dadurch auch Ihre Heirath in unbestimmte Ferne. Das ist nichts für Bertha, die man festhalten muß, wenn man sie einmal hat.

Ich halte sie, sagte Konrad langsam. In seinen Mienen war, während ich sprach, eine vollständige Veränderung vorgegangen; die Thränen in den Augen waren verschwunden, wie von glühenden Kohlen aufgesogen, und wie glühende Kohlen brannten die Augen unter den buschigen Brauen. Der rührend milde Zug, der nur eben noch sein finsteres Gesicht verschönert hatte, war verschwunden; es sah aus, als wäre es plötzlich in Zorn und Grimm versteinert.

Was ist das? rief ich erschrocken; was haben Sie?

Er gab keine Antwort: ich hatte nicht den Muth, dies sonderbare Gespräch fortzusetzen. Ich sagte nur noch: Nehmen Sie sich in Acht; Sie sind ein schwarzgalliger Mensch; solche Leute sehen Gespenster am hellen Tage.

Er schien es nicht zu hören, half mir in den Wagen, ehrerbietig grüßend; ich kam nach Hause, das Herz voll schwerer Sorge, die ich dadurch zu bannen suchte, daß ich mir sagte: Sie mögen sehen, wie sie mit einander fertig werden.

Aber so leicht ging das nicht; ich quälte mich förmlich mit der Lösung des Räthsels, welches ich in den zornglühenden Augen des Mannes gelesen hatte. Daß ich aus ihm noch mehr herausbringen werde, ließ sich nicht annehmen, noch weniger durfte ich hoffen, von Bertha die Wahrheit zu erfahren. So viel war klar: sie hatte ihm Veranlassung gegeben, an ihrer Liebe zu zweifeln; aber ich schob Alles auf ihren Flattersinn, der nicht wisse, was er wolle, und morgen schon wieder aufsuchen werde, wovor er, der Abwechselung halber, heute geflohen. Ich nahm mir vor, sie genau zu beobachten.

Die ersten Tage umschlich sie mich scheu und bebend, wie ein Kind, dessen Herz zwischen Furcht vor Strafe und der Hoffnung, noch einmal so durchzuschlüpfen, ängstlich schwankt. Als ich aber nichts sagte und auf ihre schüchterne Frage, wie es mit der bewußten Angelegenheit stehe, geantwortet hatte, es sei noch nichts entschieden und werde auch wohl so bald nichts entschieden werden, schöpfte sie sichtbar Athem und neuen Muth. Ihre Augen hörten auf, an jeder meiner Mienen, meiner Bewegungen zu hängen und wandten sich ganz allmälig, ganz verstohlen wieder dahin, von wo ich sie, zu ihrem größten Kummer jedenfalls, auf ein paar Tage verscheucht hatte.

Sie können sich meinen Unwillen vorstellen. Im ersten Moment wollte ich Herrn von Treche kündigen, Bertha fortschicken – was will man nicht Alles im ersten Moment! Dann kam die Ueberlegung, und ich sagte, daß jede Sache, sie habe auch ein noch so böses Aussehen, untersucht und geprüft werden müsse, ob nicht etwa Milderungsgründe für den Schuldigen zu finden seien, und waren denn hier keine solchen Gründe? Daß auf einen Mann, wie Herrn von Treche, dessen Leben wohl keinesfalls sehr exemplarisch gewesen war, ein Mädchen von Bertha's coquetter Schönheit einen großen Eindruck gemacht hatte, war am Ende begreiflich genug. Auf der andern Seite war dieser Herr in seinen hohen Stiefeln mit gelben Stulpen, seinen phantastischen Reitfracks und enganschließenden Pikeschen, seinem zierlich gekräuselten, über den ganzen Kopf gescheitelten Haar, seinem blonden Schnurrbart, dessen flatternde Enden er beständig durch die Hand gleiten ließ, so recht eigentlich »der schöne Mann« für die Kammerjungfern, und daß Bertha's Geschmack sich nicht über diese Sphäre erhob, war leider unzweifelhaft. Zwar ihre plötzliche Leidenschaft für Konrad schien dem zu widersprechen, aber diese Leidenschaft war ja eben nur ein Schein gewesen, hervorgerufen durch, der Himmel weiß, welche Caprice ihres schwankenden Gemüthes. Schade nur, daß Konrad nicht der Mann war, sich zum Spielball der Launen einer Coquette machen zu lassen! Jetzt war mir klar, was der fürchterliche Ausdruck in seinem Gesicht an jenem Morgen und sein eisernes Wort: ich halte sie! zu bedeuten hatten. Der Mann, der an die Bändigung eines Pferdes kaltblütig sein Leben setzte, würde ein Mädchen, das er liebte, sicherlich nicht ohne Kampf aufgeben. Ich zitterte für Bertha: ich mußte sie warnen; ich mußte sie zur Rede stellen.

Ein Zufall überhob mich der peinlichen Mühe, die Leichtsinnige von ihrer Schuld zu überführen. Als ich eines Abends, von einem Gange in das Dorf zurückkehrend, hier aus dem Salon heraus in das Speisezimmer trete, erblicke ich in der entgegengesetzten Thür nach dem Flur Bertha in den Armen ihres Galans. Er hatte ein Geräusch gehört und schlüpfte, ohne sich umzusehen, schnell hinaus; Bertha, deren Gesicht mir zugewandt gewesen war, hatte der Schreck festgebannt. Sie starrte mich voller Entsetzen an und gehorchte mechanisch, als ich ihr befahl, mir hierher in den Salon zu folgen, dessen Thür ich hinter ihr abschloß. Das erste war natürlich, daß sie mir zu Füßen stürzte und sich das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde nannte. Ich erwiderte, daß, wenn sie das wirklich sei, sie deswegen jedenfalls Niemand anklagen könne, als sich selbst. Sie habe ja von jeher eine Leidenschaft für Spiegel gehabt, ich wolle sie jetzt einmal in einen blicken lassen, der freilich die unangenehme Eigenschaft habe, nicht zu schmeicheln. Und nun führte ich ihr den Leichtsinn, ihre Gewissenlosigkeit, die Undankbarkeit, die Verlogenheit, deren sie sich schuldig gemacht hatte, in ruhigen, strengen Worten zu Gemüthe. Ich sagte ihr, daß ich Anfangs ihre Wahl Konrad's bedauert und ihr ein weniger dunkles Loos gewünscht habe, daß ich aber längst von dieser Ansicht zurückgekommen sei. Denn je länger ich Konrad kenne, desto höher sei er in meiner Werthschätzung gestiegen, während ich von ihr gerade das Gegentheil sagen müsse. Ein Mädchen, das erst mit aller Kunst und Berechnung einen Mann anziehe, nur weil er ihr nicht gleich den Gefallen gethan habe, sich in sie zu vergaffen, das diesen Mann dann sofort wieder aufgebe, um sich dem ersten Besten, der ihr über den Weg laufe, nachzuwerfen und dieses häßliche, unredliche Spiel noch dazu unter der Maske der tiefsten Trauer um den Tod ihres Wohlthäters treibe – ein solches Mädchen sei der Güte, die ich an sie verschwendet, nicht mehr werth, sei derselben nie werth gewesen.

Aber Konrad ist immer so finster, schluchzte die Sünderin, und Herr von Treche ist so freundlich, und er hat mir versprochen, daß er mich auf der Stelle heirathen will, sobald er die Güter seines Vetters geerbt hat.

Ich mußte lachen, so empört ich war. Also das ist es? rief ich: der arme Konrad muß vor dem Herrn Rittergutsbesitzer zurücktreten und wir würden uns überhaupt mit dem obscuren Menschen gar nicht eingelassen haben, wenn nicht die Verwalterstelle auf dem Vorwerk in Aussicht und eine vortheilhafte Pachtung in Reserve gestanden hätte! Und denkst Du wirklich, fuhr ich fort, daß Dich Konrad so leicht aufgeben wird, so gescheit es auch von ihm wäre, wenn er es thäte?

Ein Zittern flog bei diesen Worten durch ihre Glieder. Schützen Sie mich, gnädige Frau, rief sie, sich auf's neue vor mir niederwerfend; er ist ein schrecklicher Mensch. – Also weiß er Alles? sagte ich. – Er würde mich tödten, wenn er es wüßte, schluchzte sie. Nein, er weiß noch nichts; ich hoffe es wenigstens; er ahnt es nur. – Und tödtete er Dich nun! sagte ich. Denkst Du, es ist ein Spaß für einen ehrlichen Mann, wenn er sein Herz in einen goldenen Schrein gelegt zu haben glaubt und sieht, er hat es in einen Sumpf geworfen!

Sie zitterte immer stärker, sie war leichenblaß geworden, ihre Zähne klappten auf einander. Ich glaubte, daß ich für den Augenblick genug erreicht habe; befahl ihr, sich auf ihr Zimmer zu begeben und ließ dann Herrn von Treche ersuchen, sich zu mir bemühen zu wollen.

Er erschien; ich sah auf den ersten Blick, daß er sich, so gut es gelingen wollte, in der Eile auf eine Scene mit mir vorbereitet hatte, und sah auch, daß es ihm herzlich schlecht gelungen war. Er war augenscheinlich noch nicht mit sich im Reinen, ob es vortheilhafter sei, den Trotzigen oder den Sentimentalen zu spielen, und dieses Schwanken gab seinem blonden Gesicht, das sich so schon nicht durch Geist auszeichnete, etwas unbeschreiblich Albernes. Ich empfing ihn stehend und bot ihm keinen Stuhl an, um ihn von vornherein merken zu lassen, daß die beleidigte Herrin mit ihm spreche. Und von diesem Standpunkt – es war wohl der einzige, den die fünfundzwanzigjährige Frau einem Manne, wie Herrn von Treche, gegenüber in solchem Falle einnehmen konnte – hielt ich ihm eine kleine Rede, die ihre Wirkung nicht verfehlte, wie sehr er sich auch Mühe gab, seine Bestürzung zu verbergen. – Meine Absichten waren die redlichsten, stotterte er, als er endlich ein Wort anbringen zu können glaubte; ich hatte und habe die Absicht, Bertha zu heirathen, sobald ich die Güter meines Vetters –

Da ich dieselbe Phrase vor zehn Minuten aus Bertha's Munde gehört hatte, lächelte ich so ungläubig und, ich fürchte, verächtlich, daß es ihm die höchste Zeit schien, den Beleidigten zu spielen und so vielleicht, indem er mich einschüchterte, das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Wenn Sie nicht eine Dame wären, brauste er auf, –

Mein Blut war mittlerweile auch in Wallung gekommen. – Wenn ich nicht eine Dame wäre, rief ich; aber wem kann es lieber sein, als Ihnen, daß ich eine bin! Würden Sie sonst gewagt haben, in diesem Hause, dessen Ehre Ihnen heilig sein mußte, ein unwürdiges Liebesverhältniß anzuknüpfen und bis in diese Gemächer – meine Gemächer! – fortzuspielen? würden Sie wagen, selbst in diesem Augenblicke mit einer Erbschaft zu prahlen, deren notorische Unwahrheit Sie sich von jedem Edelmann in der Umgegend bestätigen lassen können? würden Sie wagen, Ihren Nebenbuhler zu beseitigen dadurch, daß Sie ihn unaufhörlich bei seiner Herrin herabzusetzen und zu verleumden suchen?

Unter diesen Umständen, gnädige Frau, sagte er, werde ich wohl nur Ihren Wünschen entgegenkommen, wenn ich Ihr Haus so bald als möglich verlasse. Er verbeugte sich mit leidlichem Anstand und ging.

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