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Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Die Dorfcoquette

Friedrich Spielhagen: Die Dorfcoquette - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Dorfcoquette
authorFriedrich Spielhagen
firstpub1868
yearca. 1900
publisherVerlag von Carl Krabbe
addressStuttgart
isbn
titleDie Dorfcoquette
pages3-30
created20050118
sendergerd.bouillon
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Friedrich Spielhagen

Die Dorfcoquette

 

Friedrich Spielhagen: Die Dorfcoquette

Es war nach dem Abendbrod. Vier von der Jagdgesellschaft, Gutsbesitzer und Gutsbesitzerssöhne aus der Nachbarschaft, waren weggefahren. Der lange Lieutenant von Prinzhelm, der die frische Landluft der dumpfen Atmosphäre seiner Garnison so entschieden vorzog, hatte sich – nicht zum ersten Mal – die so freundlich angebotene Gastfreundschaft gern gefallen lassen, um so mehr, als sein Urlaub erst übermorgen früh zu Ende und morgen ein paar Kaninchenbaue frettirt werden sollten. Dann war noch ein junger Herr zurückgeblieben; das Gut seines Vaters grenzte an die diesseitigen Felder, und er pflegte deshalb die Stunde seines Aufbruchs möglichst hinauszuschieben, besonders wenn es ihm, was auffallenderweise fast jedesmal geschah, gelungen war, im Salon einen Platz neben der jüngeren der beiden Töchter vom Hause zu erobern. Diese und außerdem Otto, dessen gutes Gesicht um diese Zeit des Tages einen weltvergessenen, traumseligen Ausdruck anzunehmen pflegte, und die ältere verheirathete Tochter plauderten an dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers. In einiger Entfernung am Kamin, in welchem mehr der Behaglichkeit als der Wärme wegen die Buchenkohlen glühten, saß in ihrem Fauteuil, das Gesicht dem Feuer zugewandt, die Frau vom Hause. Ich ging in dem großen teppichbelegten Gemache auf und ab, und blickte bald nach der scherzenden und lachenden Gesellschaft, die um den Tisch versammelt war, bald nach den dunkeln Bildern an den Wänden, den Ahnherren und Ahnfrauen der Familie, die mit ihren Geisteraugen in dasselbe Gemach schauten, wo sie als Kinder gespielt hatten und ihre Kinder hatten spielen sehen. Endlich trat ich zu der Dame am Kamin und fragte, mich an ihrer Seite niederlassend: Ich störe Sie nicht in Ihren Meditationen?

Nicht im mindesten, antwortete die Dame, oder vielmehr, wenn Sie mich stören, thun Sie es in der angenehmsten Weise. Meine Gedanken waren nicht heiter.

Woran dachten Sie?

Ihr werdet nun in wenigen Tagen uns wieder verlassen, erwiderte die Dame. Ihre Stimme zitterte; ich küßte schweigend ihre Hand, die sie zärtlich drückte.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, fuhr sie fort; der alte Spruch, der so viel Millionen schweren Herzen schon gepredigt ist und noch gepredigt werden wird: es muß ja sein! Wohl! es muß sein, und so wollen wir nicht weiter darüber reden. Werden Sie in diesem Winter fleißig arbeiten? Haben Sie auf Ihrer Reise viel neuen Stoff gesammelt? Von Ihrem Aufenthalte hier erwarte ich nichts. Sie sind glücklicherweise kein Dorfgeschichtenschreiber.

Und wenn ich nun doch unter die Fahne ginge?

Thun Sie es nicht! es kommt nicht viel, wenigstens nicht viel Gutes dabei heraus.

Meinen Sie?

Ich bin dessen gewiß, und jeder, der, wie ich, seit fünfundzwanzig Jahren auf dem Lande gelebt hat, wird es sein. Was diese Herren den Geist der Leute heißen, die sie zu schildern unternehmen, das ist im Grunde auch nur der Herren eigener Geist.

Aber das ist schließlich die Formel für alle und jede Kunst und Poesie. Die Poesie ist nichts anderes und kann auch nichts anderes sein als ein Bild der Welt im Spiegel der Dichterseele.

Ich will mit Ihnen nicht streiten; Sie müssen das besser wissen, es ist Ihr Metier; aber ich bleibe mit Ihrer Erlaubniß nichtsdestoweniger bei meinem Verdict. Eure Dorf- und Bauerngeschichten mögen allen gefallen, nur nicht denen, die auf dem Dorfe zwischen Bauern leben. Ach, glauben Sie, lieber Freund: das Leben auf dem Lande wäre das Paradies auf Erden, wenn die fortwährende Berührung mit den Leuten nicht wäre, an die wir, wie ich es gethan habe, mit der größten Liebe herantreten, um für unsere guten Absichten, für unsere Mühen und Sorgen schließlich verlacht, verspottet und verhöhnt, wenn nicht gar gehaßt zu werden. Und wie könnte es auch anders sein? Wir sind von diesen Menschen durch eine Welt getrennt: die Welt der Bildung, die jenen Aermsten verschlossen ist. So verstehen sie uns nicht, ja, was noch schlimmer ist, wir mit all unserer Bildung verstehen sie kaum besser. Sie wollen nicht verstanden sein. Sie haben ihre eigenen Gedanken, ihre eigenen Gefühle, wie sie ihre eigene Sprache haben. Und je mehr wir uns bemühen, diese Sprache zu lernen und in dieser Sprache mit ihnen zu sprechen, je mißtrauischer werden sie. Wir sind ihnen die Herren, die Gebieter: wir haben keine andere Absicht als sie auszubeuten; unsere Freundlichkeit ist nur Schein, unser guter Rath eine Falle, unsere werkthätige Hilfe nur eine Kette, mit der wir sie an uns zu fesseln versuchen. Fern sei es von mir, die armen Leute dafür verantwortlich zu machen. Ich weiß, was sie zumeist auf diese tiefe Stufe herabgedrückt, was der brutale Hochmuth der Herren und Ritter durch die Jahrhunderte hindurch an ihnen gesündigt hat. Aber eben weil dieses Elend das Produkt jahrhundertelanger Knechtung ist und das traurige Erbe so vieler Generationen, steht der Einzelne ihm machtlos gegenüber, kann der Einzelne den Fluch des Proletariats, der auf den Aermsten liegt, nicht bannen. Und glauben Sie mir, dieser Fluch drückt auf dem Lande viel schwerer als in den Städten. Dort ist doch eine Möglichkeit ihm zu entrinnen, hier kaum. Dort kann mit vereinten Kräften geholfen werden, hier sind Sie auf sich angewiesen, und Sie sind ein Tropfen im Meer. Und nun kämpfen Sie einmal, wie ich, ein Vierteljahrhundert hindurch diesen hoffnungslosen Kampf mit dem Unverstand, der Dummheit, der Rohheit; und Sie werden für den, der verlangt, daß man an Euren geschminkten Dorfgeschichten Geschmack finde, nur noch ein mitleidiges Lächeln haben. Darum wiederhole ich, schreiben Sie alles, aber schreiben Sie keine Dorfgeschichten, oder wenn Sie welche geschrieben haben, verlangen Sie nicht von mir, daß ich sie lese.

Ein gütiges Lächeln umspielte die seinen blassen Lippen der Dame, während sie also sprach, und machte mir Muth, die Verteidigung der so hart gescholtenen bukolischen Dichter zu wagen. Ich sprach von der Berechtigung, ja der Pflicht des epischen Dichters, die ganze Welt und also auch die der Bauern in den Kreis seiner Betrachtung zu ziehen; ich gab die Schwierigkeit der Aufgabe zu, aber bestritt auf das Lebhafteste die Unmöglichkeit einer befriedigenden Lösung, Ja, ich behauptete, daß die Aufgabe – und ich nannte hier klangvolle Namen einheimischer und ausländischer Dichter – bereits oft genug auf das schönste gelöst sei. Ich deutete zuletzt an, daß die verehrte Frau, als Gutsherrin, gewissermaßen Partei in der Sache und also kaum in der Lage sei, hier die erste Bedingung aller Kunstbetrachtung zu erfüllen, das heißt: ganz unbefangen, ganz frei von allen Vorurtheilen, an das Kunstwerk heranzutreten und es so auf sich wirken zu lassen – umsonst: sie schüttelte lächelnd das Haupt und sagte:

Alles schön und gut, mein Lieber, aber mich überzeugen Sie nicht; mögen Sie mich deshalb immerhin eine Barbarin schelten. Dieser Stoff ist Euch wahrlich zu spröde. So wie er in Wirklichkeit sich findet, könnt Ihr ihn nicht verarbeiten; und durch den Zusatz von Sentiment, den Ihr ihm gebt, macht Ihr eben etwas daraus, das mit der Wirklichkeit nur noch den Namen gemein hat. Bedenken Sie nur das eine: diese Menschen sind stumm, sind gerade dann stumm, wenn sie für Eure Zwecke am meisten sprechen müßten, und wo Ihr sie – Gott sei es geklagt! – am meisten sprechen laßt. Mein Gott! ich lebe doch nun so lange auf dem Lande und weiß so ziemlich Alles, was hier bei uns und in der Nachbarschaft zwei Meilen in der Runde geschehen ist und sich zugetragen hat, aber eine Dorfgeschichte in Eurem Stil habe ich noch nicht erlebt.

Nicht in unserm Stil, sagte ich lachend; nun, ich gebe gern den Stil preis, wenn ich nur die Geschichte rette. Und die haben Sie erlebt, nicht eine, nein! hunderte. Das Leben von Hunderten dieser Leute hat sich vor Ihnen abgespielt, in die Schicksale von Hunderten hat Ihr klares Auge geschaut; an den Leiden und Freuden von Hunderten hat Ihr mitfühlendes Herz teilgenommen.

Nun ja, erwiderte die verehrte Frau: wie könnte ich das in Abrede stellen! Aber weil wir uns für die Leute interessiren und sie uns also in gewissem Sinne interessant sind, brauchen sie es deshalb nicht auch für Andere zu sein, die wir nicht zwingen können mit unsern Augen zu sehen, die mit unsern Augen nicht sehen wollen. Ich wüßte mich, so viel ich auch nachsinne, nur eines Falles zu erinnern, in welchem ein paar Menschen vorkommen, die man allenfalls zu Helden einer Dorfgeschichte in Eurem Stil machen könnte, und welcher doch gerade wieder für mich spricht. Wollen Sie die Geschichte hören? Sie ist nicht allzulang, und ich sehe, man amüsirt sich dort ganz gut ohne uns. Wollen Sie?

Können Sie fragen?

So hören Sie!

Die Dame schlug die Falten ihres seidenen Kleides nieder, mir so die Erlaubniß gebend, noch näher zu rücken. Ich that es, und sie begann mit sanfter melodischer Stimme:

Es war nicht lange nach meiner Verheirathung, und ich promenirte mit meinem Gatten in der Kastanienallee hinter dem Teichgarten. Er war den ganzen Morgen auf dem Felde gewesen, die drückende Hitze des Augusttages lag noch auf seiner perlenden Stirn, auf seinen glühenden Wangen, aber sein Auge blickte freudig, wie Jemandes, der rechtschaffen gearbeitet hat; ich war stolz auf ihn und durfte es sein. Wir plauderten, während wir Arm in Arm langsam in dem labenden Schatten der breitkronigen Bäume dahinschritten, wie junge Eheleute zu plaudern pflegen: von unseren Plänen, unseren Hoffnungen, wir bauten spanische Schlösser in die funkelnde Sommerlust, als ich unser Gespräch plötzlich mit dem Ausruf: »Die armen Kinder!« unterbrach. »Was hast du?« fragte mein Gatte. Ich deutete mit der Hand nach einem Felde in unserer Nähe, auf welchem eine lange Reihe von Kindern mit Mohnbrechen beschäftigt war. Der Anblick war mir damals neu, und mich jammerte der armen Kleinen, wie sie sich, eines neben dem andern, durch das harte stachlige Mohnstroh arbeiteten, von dem manche Halme höher waren als sie selbst, und wie sie mit ihren Händchen unermüdlich die Köpfe abbrachen und die Säckchen, die sie trugen, damit füllten, während die glühende Sommersonne ihnen mitleidlos die unbedeckten Köpfe versengte. »Die armen, armen Kinder,« wiederholte ich seufzend. Mein Glückstraum war zerronnen; ich schämte mich eines Glückes, das Kindern ihre Spiele raubte und sie in eine so grausame Frohn zwang. Das ist nun nicht anders, sagte mein Gatte und zuckte die Achseln. Gethan muß die Arbeit werden, und die Erwachsenen haben anderweitig alle Hände voll, und dabei besseren Verdienst. Ein paar Groschen bringt es immer in die Wirtschaft, das ist keine Kleinigkeit für die armen Leute. Und überdies: die Kinder da sind keine Stubenpflänzchen; solange sie auf ihren Beinen laufen und noch früher – in der Kiepe auf dem Rücken der Mutter, in dem Wägelchen, das die Eltern mit aufs Feld genommen – hat ihnen die Sommersonne auf die harten kleinen Schädel gebrannt; sie sind es gewohnt. Ich versichere dich, daß sie sich gar nicht so unglücklich fühlen. Im Gegentheil, sie schwatzen und lachen und singen den ganzen Tag.

Als sollten die Worte meines Gatten sofort Bestätigung erhalten, fingen die Kleinen in diesem Augenblicke an zu singen: eines sang vor, und die andern fielen bei einer bestimmten Stelle unisono ein. Das klang allerliebst, es paßte für den Ort und die Stunde, als ob die heiße Luft, die über dem Felde zitterte, zu klingen und zu singen begonnen hätte. Besonders war die Stimme der kleinen Vorsängerin von einer merkwürdigen Kraft und Ausdauer. Sie schmetterte die Töne nur so heraus, und im Chor, den sie jedesmal mitsang, hörte man sie noch ganz deutlich, daß, wenn sie ihr Solo wieder aufnahm, es war, als habe sie immer allein gesungen.

Wer ist das Kind? fragte ich.

Bertha! rief mein Gatte mit starker Stimme, Bertha!

Der Gesang verstummte alsbald, alle die kleinen Gesichter waren plötzlich uns zugewandt. Bertha! rief mein Gatte noch einmal.

Eine Gestalt löste sich von der Gruppe los und kam über die Wiese, welche noch zwischen der Allee und dem Mohnfelde lag; während des Gehens bückte sie sich ein paar Mal ganz schnell, und als sie vor uns erschien, hatte sie in den braunen Händchen ein paar einfache Blumen, die sie mir mit einem Knix überreichte.

Bertha war damals vielleicht zwölf Jahre alt; ich hatte selten ein so schönes Kind gesehen; und diese strahlenäugige, lockenumflatterte, sonnverbrannte Schönheit, die so glorreich durch die Lumpen, mit denen sie kaum bedeckt war, schimmerte, dazu die schelmische Anmuth, mit der sie mir den Strauß gereicht hatte, die plötzliche Verlegenheit, in welcher sie jetzt vor mir stand – das Alles rührte mich so, daß ich in Thränen ausbrach, das holde Geschöpf in die Arme schloß und leidenschaftlich küßte.

Aber liebes Kind! sagte mein Gatte.

Ich ließ die Kleine aus meinen Armen; sie sah ein wenig verwirrt aus, faßte sich aber sehr schnell wieder und sprang auf ein Wort meines Gatten zu den andern zurück.

Aber liebes Kind! wiederholte er, als wir allein waren.

Verzeih mir, erwiderte ich, aber ich konnte nicht anders. Wem gehört die Kleine?

Dem schlechtesten Kerl und dem schlechtesten Weib, die wir im Dorfe haben, erwiderte er.

Wir müssen für sie sorgen, sagte ich.

Das war meine erste Bekanntschaft mit Bertha, und ich habe das Versprechen, das ich mir an jenem Morgen gegeben, treulich zu halten gesucht. Noch an demselben Tage ließ ich mich von meinem Gatten nach der Hütte ihrer Eltern bringen, so sehr er sich auch gegen meine »romantischen Grillen«, wie er es nannte, sträubte und behauptete, daß »dergleichen nicht für mich« sei. Es war in der That kein lieblicher Anblick, jene Hütte in ihrer Zerfallenheit und in ihrem Schmutz, aber schlimmer waren die Menschen, die sie bewohnten: ein gänzlich verkommener Mann, dem die Trunksucht aus jedem Zuge seines verwüsteten Gesichtes sprach, und ein schlottriges Weib, das abwechselnd keifte und heulte und ihr schlimmes Loos beklagte, an welchem sie, wie ich bereits von meinem Gatten wußte, zum größten Theil selbst schuld war. Der Mann war seinerzeit ein guter Musikant gewesen, als erste Geige auf allen Lustbarkeiten weit und breit in der Runde hochgepriesen. Sie hatte ihn geheirathet, weil er viel Geld verdiente, und hatte dem armen schwachen Menschen das Haus zu einer Hölle gemacht, daß er bald nicht einmal mehr versuchte, seiner verhängnißvollen Neigung zu widerstehen und schnell auf die Stufe sank, von der sich ein solcher Unglücklicher nie wieder erhebt. Von diesen Eltern war das Kind geboren, in dieser Umgebung der Noth, des Lasters war es aufgewachsen – es würde ein Wunder gewesen sein, wenn es seine Paria-Abkunft gänzlich hätte verleugnen können. Und in der That überzeugte ich mich bald, daß an dieser reizenden Blüthe der Wurm nagte. Ich hatte reichlich Gelegenheit, sie zu beobachten, da ich sie von Stund an beinahe jeden Tag auf den Hof kommen ließ, wo ich sie beschäftigte, wie es eben ging: im Garten, in der Nähstube, mich auch oft selbst mit ihr abmühte, sie in meiner Gegenwart lesen und schreiben ließ, und was man denn sonst für ein Kind thut, an welchem man Antheil nimmt und aus dem man gern ein ordentliches Mädchen machen möchte. Ach, es war eine schwere Aufgabe, und ich war oft genug daran, eine Arbeit aufzugeben, bei welcher der folgende Tag immer wieder verdarb, was der vorhergehende vielleicht gut gemacht hatte.

Dazu kam, daß es dem Kinde, welches von der launischen Natur mit dem verhängnißvollen Geschenk der Schönheit und Anmuth so reich ausgestattet war, entschieden an eigentlich geistiger Begabung fehlte. Sie lernte nur mit großer Mühe, was man sie lehrte, das Meiste noch dazu, um es alsbald wieder zu vergessen, weniges, um es zu behalten; nur ihr Talent für Musik war ganz entschieden. Sie war eben das Kind ihres armen talentvollen Vaters, und sie war es auch in jeder Hinsicht. Ihr Leichtsinn war grenzenlos; Aufrichtigkeit, Dankbarkeit, Selbstachtung – das Alles war für sie ein leerer Schall. Ich fragte mich manchmal, ob dieses Kind eine Seele habe, eine Menschenseele, der zwischen gut und böse die bange Wahl wurde, oder ob sie nicht eine jener märchenhaften Nixen sei, die dahinleben, wie das Element, dem sie entstiegen, das sinnlose Element, welches nicht darnach fragt, ob es schaffe oder zerstöre. Sie konnte zärtlich sein, wie ein Vögelchen, das sich zutraulich an dich schmiegt, und grausam, wie eine Katze, die mit dem Opfer spielt, welches sie im nächsten Augenblicke zerreißen wird. Der Zug aber, der am meisten hervorstach und in diesem leichtlebigen, flatterhaften Geschöpf das einzig unveränderliche schien, war ihre Sucht zu gefallen. Als ob sie von einem Dämon besessen sei, der sie über die Macht ihrer sich täglich mehr entfaltenden Reize auf das gewissenhafteste unterrichtete und sie lehrte, wie man diese Reize anzuwenden und wie man die Menschen in ihren Schwächen zu fassen habe, so wußte sie zu schmeicheln, zu schmollen, zu lächeln, zu weinen, die Aufmerksamkeit zu erregen, zu fesseln mit einer Virtuosität, die in ihrer Art geradezu genial war. Da war Niemand, an dem sie ihre Künste nicht probirte, und kaum Einer, der sich nicht hätte fangen lassen. Selbst mein klarer, vorsichtiger, ruhiger Gatte, der mir immer wiederholte, daß man nicht Feigen pflücken könne von den Disteln, und mir über meine Erziehungsresultate ironische Complimente machte, beobachtete doch im stillen das schöne Kind sehr genau und nahm den aufrichtigsten Antheil an ihrem Wohlergehen. Daß sämmtliche Volontärs in sie verliebt waren, versteht sich von selbst. Wir hatten damals immer zwei oder drei dieser Herren, die sich in die Schule des renommirten Landwirthes drängten, manche aus vornehmen Familien, alle guter Eltern Kind. Es war scherzhaft genug, die jungen ungeleckten Bären um das hübsche Aeffchen ihre grotesken Tänze tanzen zu sehen; einige fühlten sich auch poetisch begeistert und schrieben bogenlange Gedichte, die sie mir vorlesen mußten, wie ich denn stets das Glück hatte, die mütterliche Vertraute unserer Zöglinge zu sein, und, indem ich die Fäden der Komödie immer in der Hand behielt, sicher war und sicher sein durfte, daß keines von den Püppchen zu Schaden kam.

Etwas ernstlicher war ein Zwischenfall, der sich ein paar Jahre später ereignete, als Bertha vielleicht fünfzehn Jahre und bereits eingesegnet war. Um diese Zeit hielt sich hier ein Predigeramtscandidat auf, zur Aushilfe unseres damaligen hochbetagten, kränklichen Pfarrers. Es war ein stiller, bescheidener, junger Mann, etwas beschränkt, in engen, drückenden Verhältnissen aufgewachsen, von stark pietistischer Färbung, im übrigen aber gut und brav, und, was ihn für mich besonders oder vielmehr einzig interessant machte: ein ausgezeichneter Klavierspieler. Ich musicirte oft mit ihm, und da er mir in der Technik weit überlegen, auch theoretisch vollkommen durchgebildet war, so hatte ich ihn gebeten, sich auch Bertha's auzunehmen, deren vorzügliche musikalische Begabung die wärmste Förderung verdiente. Sonderbarerweise machte der Candidat, der sonst die Gefälligkeit und Dienstwilligkeit selbst war, Schwierigkeiten; er sei ein schlechter Lehrer, in der Musik sei der erste Unterricht entscheidend; Bertha werde später alles wieder verlernen und umlernen müssen, und was dergleichen mehr war. Ich hielt es für nichts anderes als den Ausfluß seiner übergroßen Bescheidenheit, ich drang in ihn; er kreuzte endlich die Arme über der Brust, verbeugte sich tief und sagte, daß mein Wunsch für ihn Befehl sei. Ich ließ das gelten. Die Stunden nahmen ihren Anfang, und ich hatte nichts dagegen, daß der Lehrer sehr methodisch, sehr streng war, auch nicht den kleinsten Fehler durchgehen ließ, der Flatterhaftigkeit seiner Schülerin auch nicht den mindesten Vorschub leistete. Ich sehe sie noch an dem alten Clavier in der grünen Stube sitzen, er zwei Schritte vom Instrument entfernt, mit gefalteten Händen, zusammengepreßten Knieen, die bebrillten Augen starr auf die Finger der Kleinen geheftet, während sie bald sich Mühe gab, bald absichtlich Fehler machte; jetzt sich mit dem anmuthigsten Lächeln umwandte und fragte: ob es so recht sei? jetzt, wenn sie sah, daß sich auch keine Miene in dem Gesicht des gestrengen Herrn Lehrers regte, das Köpfchen wieder über die Tasten beugte und heimliche Thränen des Zornes und der gekränkten Eitelkeit weinte.

So ging es ein paar Wochen; ich bekümmerte mich wenig um das wunderliche Paar, ich hatte in der Kinderstube genug zu thun; auch sonst fehlte es mir an Beschäftigung nicht: die Herrin eines so großen Hauswesens hat gar Manches zu sorgen, zu denken, zu schaffen. Da ließ mich der Candidat eines Morgens um eine Unterredung bitten. Er trat ein; ich brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, um zu wissen, daß etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein mußte. Er nahm auf dem Rande eines Stuhles vor mir Platz, drehte seinen breitkrämpigen Hut in hoffnungsloser Verzweiflung, seine stockende Zunge zu bemeistern, hob die thränenden Augen über den Rand seiner Brillengläser zur Zimmerdecke, und endlich kam es denn heraus. Er habe sich umsonst gesträubt, er habe umsonst gebetet, daß der Herr ihn nicht möge in Versuchung führen; wie willig auch sein Geist sein möge, sein Fleisch sei schwach; er müsse das Gut, das ich seinen Händen anvertraut, zurückgeben, da er nicht länger im Stande sei, es treu zu bewahren. Dabei liefen dem armen Menschen die heißen Thränen über die mageren Wangen, er zitterte wie ein Blatt im Herbsteswind, ich wußte nicht, ob ich mit weinen, ob ich lachen sollte. Vergebens, daß ich ihm vernünftig zusprach, er wollte oder konnte keine Vernunft annehmen; es gebe für ihn nur eine Rettung aus den Banden sündiger Liebe, wie er es nannte, das sei schleunige Flucht. Der Herr habe sich seiner erbarmt und ihm eine Zufluchtsstätte geboten aus dieser Welt Wirren; seit drei Tagen bereits trage er die Vocation zu einer kleinen Pfarramtsstelle ein paar Meilen von uns in der Tasche; drei Tage habe er mit dem Versucher gerungen, jetzt habe er sein trotziges Herz gebändigt; er komme mir Lebewohl zu sagen.

Der arme Mensch! er that mir von Herzen leid; wie confus es auch in seinem Kopfe aussah, sein Herz war gut und treu; ich hätte ihn gern gehalten, und doch war ich froh, daß er ging; er verdiente ein besseres Schicksal, als von einer Coquette genasführt zu werden, und das würde doch wohl schließlich sein Loos gewesen sein. Ich war ernstlich böse auf die kleine Circe, und konnte doch wieder kaum ernsthaft bleiben, wenn sie, froh von den langweiligen Stunden erlöst zu sein, ihrem Uebermuth die Zügel schießen ließ und die pedantische Haltung, die grotesken Maniren, die wunderliche Sprechweise ihres Ex-Lehrers auf die komischste Weise copirte.

Eben damals wurde unsere Gegend von einer fürchterlichen typhosen Krankheit heimgesucht, auch in unser Dorf zog die Seuche ein und wüthete vorzugsweise auf dem südlichen Ende, wo gerade die Aermsten zusammengedrängt wohnen. Zu den ersten, welche erlagen, gehörten Bertha's beide Eltern. Sie weinte keine Thräne und schien nach ein paar Tagen nicht mehr zu wissen, daß sie jemals ihre Eltern gekannt habe. Ich will nicht leugnen, daß dieses Mal Manches zur Entschuldigung des Mädchens sprach. Die Mutter hatte sie wirklich stets nur mißhandelt, aber der Vater war in seiner Weise immer gut gegen sie gewesen; wie oft war er in das Haus gekommen und hatte den Leuten in seiner Trunkenheit vorgeweint, daß seine Tochter ihren alten Vater ganz vergessen habe; wie oft hatte ich ihn den Hof umschleichen sehen, ob es ihm nicht gelingen würde, den Liebling zu erblicken! Ich war empört über ihre Gefühllosigkeit und überlegte zum ich weiß nicht wie vielten Male, ob ich nicht besser thäte, mich bei Zeiten von einem Geschöpfe loszusagen, dessen Wohlthäter nur die leidige Rolle des Mannes in der Fabel zu spielen schienen, der eine Schlange an seinem Busen hegte, um hinterher von der Undankbaren in's Herz gestochen zu werden.

Aber wie kann man sich von Jemand lossagen, um dessen Wohl und Wehe man sich lange Zeit ehrlich gekümmert hat! Wir mögen das Capital der Sorgfalt und Arbeit, das wir auf diese Weise angelegt haben, nicht verloren geben, und dürfen es auch nicht; die so kläglich geringe Möglichkeit, die dem privaten Menschen geboten wird, Gutes anzustreben, zu vollbringen, läßt eine solche Verschwendung nicht zu. Ueberdies lebte Bertha schon seit mehr als zwei Jahren ausschließlich in unserem Hause; ich glaube nicht, daß sie bei ihrem Leichtsinn über ihre Situation jemals ernstlich nachdachte, oder sich gar über ihre Zukunft Sorgen machte; sie war wie die Lilien auf dem Felde, die nicht säen und nicht arbeiten, und sich doch keineswegs wundern, vielleicht es als ihr gutes Recht in Anspruch nehmen, daß sie glänzender gekleidet sind, als Salomo in aller seiner Herrlichkeit.

Sie werden mich fragen, weßhalb ich denn nicht, wenn das Mädchen wirklich so ausgezeichnete musikalische Gaben besaß, daran gedacht habe, sie zur Künstlerin ausbilden zu lassen. Nun, ich habe wohl daran gedacht; aber es war da so Manches, was mich immer wieder schwankend machte. Zuerst durfte ich kaum hoffen, für mein Project die Billigung meines Gatten zu erlangen. Sein einfacher Sinn war allem Flitterkram und Firlefanz des Virtuosenthums, wie er es nannte, abhold. Ueber das Theaterwesen dachte er wie ein Landedelmann aus der alten Schule; es war ihm ein unsauberes Buch, das er gern mit sieben Siegeln verschlossen sah. – Mach' mit ihr, was Du willst, pflegte er zu sagen, nur unglücklich mache sie nicht, und was soll aus den Narrenspossen anders als Unglück für das Mädchen hervorgehen? Oder dünkt es Dich eine so lohnende Aufgabe, sie mit Aufwand von ich weiß nicht wie viel tausend Thalern zur Maitresse des ersten besten vornehmen Taugenichts zu erziehen? und das würde doch wohl das Ende vom Liede sein. Fahre fort, wie Du es thust, sie zu einer tüchtigen Landwirthin, zu einer praktischen Hausfrau auszubilden; dann mag sie einmal einen Bauer oder kleinen Pächter heirathen; das ist, Alles wohl erwogen, doch ihre Bestimmung, und sie wird schließlich auch nichts Anderes wollen; Art läßt nicht von Art.

So sprach mein Gatte; ich für mein Theil hatte ganz andere Bedenken. So gering er die Kunst achtete, so hoch stand sie mir. Ihm war das Mädchen zu gut für den Concertsaal, für das Theater; mir war sie nicht gut genug. Ich war damals noch jung, mein Freund, und enthusiastisch; ich meinte, die Kunst sei ein Priesterthum, und wer sich ihr weihe, müsse sich ihr hingeben ganz und gar mit allen Kräften seines Gemüthes, mit der vollen Leidenschaft seiner Seele. Ich hatte dies erhebende Schauspiel bei einer Jugendfreundin aus der Pension, die, allen Vorurtheilen ihrer hocharistokratischen Verwandten zum Trutz, durch tausend Schwierigkeiten hindurch sich den Weg bahnte und eben damals die ersten Blätter des Lorbeers zu ernten begann, der jetzt – Sie wissen, wen ich meine – im vollsten Kranze ihr musengeküßtes Haupt schmückt. Ich meinte, wenn Bertha von dem Genius auserwählt sei, so würde er sie zu finden wissen früher oder später; und indem ich sie so an dem höchsten Maßstabe maß, konnte mir freilich nicht entgehen, wie viel ihr zu der vollen Größe fehlte. Ja, ich war in solchen Augenblicken geneigt, das Urtheil, welches mein ruhig beobachtender Gatte über sie fällte, zu unterschreiben und zu finden, daß sie mit all' ihrer Schönheit, mit all' ihren anmuthigen Gaben ihre Abstammung denn doch nicht verleugnen könne, und, Alles in Allem, eine enge Seele sei, die mit kleinen Mitteln nach kleinen Zielen strebe, – eine bäurische Coquette, die der Zufall in eine Sphäre gebracht, in der sie sich niemals wahrhaft heimisch fühlen könne und die sie aller Wahrscheinlichkeit nach über kurz oder lang ohne großes Herzeleid wieder verlassen werde, um in ihr heimisches Element zurückzutauchen.

Diese Ansicht sollte früher, als ich glaubte, eine vollkommene Bestätigung finden.

Eines Tages erschien auf dem Hofe ein junger Mensch, der um ein Stück Brod und einen Trunk Wasser bat, nicht demüthig, sondern mit einem gewissen Trotz, ja, ich möchte sagen Stolz, wie Jemand, der ein Recht zu fordern hat, um was er bittet. Ich stand vor der Thür, auf meinen Gatten wartend, mit dem ich einen Spazierritt machen wollte und der noch in seinem Arbeitscabinet beschäftigt war. So hatte sich der Mann an mich gewandt. – In dieser Weise, mein Freund, heischt man keine Gabe, sagte ich. – Es kommt auch nichts darauf an, ob ich einen Tag früher oder später verhungere, antwortete er und wandte sich zu gehen.

Ein Schauder durchzuckte mich; aus des Mannes hohlen Augen hatte wahrlich der Hungertod geschaut. Ich rief ihn zurück, zögernd gehorchte er meinem Ruf. So war es nicht gemeint, sagte ich, Sie sollen haben, was Sie verlangen. Ich hieß einen der Leute den Mann in das Gesindehaus führen, aber sie hatten sich kaum ein paar Schritte entfernt, als er zusammenbrach. Ich schrie laut auf, mein Gatte kam eiligst herbei; es zeigte sich, daß das Leben des Aermsten wirklich nur noch an einem Faden hing, daß ein unfreundliches Wort von mir fast hingereicht hatte, diesen dünnen Faden zu zerreißen.

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