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Die Donau

Eduard Duller: Die Donau - Kapitel 7
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authorEduard Duller
titleDie Donau
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Von Passau bis Mauthausen

Großartig ist die Szenerie des Stromtals, das sich, sobald wir von Passau weitergesteuert sind, vor uns auftut – Abhänge hoher Waldberge zu beiden Seiten, kahle Felsen mit alten Mauerresten zwischen und über den wogenden Wipfeln; im Grün versteckt stille Gehöfte, aus denen hie und da ein neugieriges Kind bald zur Tür hervoreilt, bald wieder sich scheu verbirgt. Am rechten Ufer, das von Passau ab bereits österreichisch ist, schwinden die Dörfer Achleiten, Parz, Breiteich, Unteresternberg und Dietzendorf an uns vorüber; einsamer ist's am linken, das bis Engelhartszell bayerisch bleibt. Wo der Strom sich rasch krümmt, dämmt ihn am rechten Ufer ein jähes Vorgebirge; auf dieser Donauleite steht das Schlößlein Krempelstein, wo ein Passauer Weihbischof lange in Verbannung gelebt haben soll. Die Schiffer nennen das alte Schlößlein das »Schneiderschlößl« und erzählen davon die Sage, die Platen in folgende Romanze verwandelte:

Ein Schneider flink mit der Ziege sein
Behauste den Krempelstein,
Sah oft von der felsigen Schwelle
Hinab zu der Donauwelle
In reißende Wirbel hinein.

So saß er oft, und so sang er dabei:
»Wie leb' ich sorgenfrei!
Meine Ziege, die nährt und letzt mich,
Manch Liedchen klingt und ergötzt mich,
Fährt unten ein Schiffer vorbei.«

Doch ach, die Ziege, sie starb, und ihr
Rief nach er: »Weh' mir!
So wirst du mich nicht mehr laben,
So muß ich dich hier begraben
Im Bett der Donau hier?«

Doch als er sie schleudern will hinein,
Verwickelt, o Todespein!
Ihr Horn sich ihm in die Kleider;
Nun liegen Zieg' und Schneider
Tief unter dem Krempelstein!

Weiter hinab gewahren wir, der Stromkrümmung folgend, den freundlichen Marktflecken Obernzell (Hafnerzell), dessen fleißige Bewohner den Mineralreichtum der Gegend auszubeuten verstehen. Gegenüber zeigen sich Ober- und Unterhütt, und schräg gegenüber liegt das Dörflein Kasten, auf dem Berg hinter diesem im Wald das dreifach getürmte alte Schloß Vichtenstein, einst der Wasserburger Grafen und seit 1226 des Passauers Hochstifts Eigen.

An Ober- und Untergrünau (am linken Ufer) vorüberschiffend, sehen wir plötzlich den Jochenstein mitten im Strom vor uns emporragen, weiter unterhalb bildet der Diähnlbach am linken Ufer die Grenze des bayerischen Gebietes, auf dem hohen Waldberg erscheint ein alter Turm, des Rieder Schlosses letzter Rest, gegenüber zeigt sich uns jetzt der Markt Engelhartszell, wo wir, der Zoll- und Paßangelegenheiten halber, landen und durch die Artigkeit der Beamten angenehm überrascht werden, welche ein altes Vorurteil beschämt. Während man die Ladung des Schiffes untersucht, durchwandern wir die herrliche Gegend; wie ein Binnensee liegt die Donau, von hohen Waldbergen umfriedet, vor uns; im Bauernkrieg hatten die Bauern den Strom mit Ketten gesperrt, um den Bayern zu wehren, dem Herberstorfer in Linz zu Hilfe zu eilen. Die Kirche und die Baulichkeiten des 1293 durch den Passauer Bischof Bernhard von Prambach gestifteten, durch Kaiser Joseph 1787 aufgehobenen Zisterzienserklosters bieten wenig Denkwürdiges.

Unsere Fahrt fortsetzend, erblicken wir bald auf den Felsenhöhen des linken Ufers, wo ein Tal gegen die Donau mündet, das Schloß Rannariedl, das bis zu den Schwedenzeiten wohl befestigt war, weiter unten am rechten Ufer Wesenufer, wo das Passauer Domkapitel einen Keller, in dem vierspännige Wagen umwenden können, in Felsen hauen ließ (Edle von Wesen und nach ihnen die Albrechtsheimer besaßen hier eine Burg; Herzog Adolf von Holsteins Truppen erlitten im obderennsischen Bauernkrieg hier eine gräßliche Niederlage). Schräg gegenüber am linken Ufer zeigt sich auf den Höhen über dem Dorf Marsbachzell im Wald der Turm des zerfallenen Schlosses Marsbach, nach dem sich im 13. Jahrhundert eigene Herren schrieben, das später an die gefürchteten Oberhaimer kam (die von hier aus die Donaufahrer plünderten) und das 1626 der Bauernhauptmann Spatt überfiel. Am rechten Ufer gewahren wir dann den aus dem Wald vorragenden Turm Waldkirchens und tiefer unten die Ruinen eines zerstörten Raubschlosses.

Rascher eilt jetzt der Strom, und bald begrüßen wir die auf Felsen trotzenden Reste des alten Schlosses Haichenbach, das die Schiffer zuweilen »Falkenstein«, die Anwohner aber das »Kirschbaumer Schloß« nennen; die Sage berichtet, daß ein Brudermörder sich büßend in diese Einsamkeit zurückgezogen und in derselben die Feste gebaut habe, in der er, einzig von seiner frommen Tochter gepflegt, seine Tage zubrachte. Das Schloß gehörte den Oberhaimern und wurde durch Kaiser Maximilian I. zerstört. Eilig wendet sich nun der Strom und bildet eine schmale Landzunge, auf der wir abermals die malerische Ruine gewahren; am rechten Ufer zieht sich die »Schlöglleiten« hin, ein Bergrücken, zu dessen Fuß die Mühle »Schlögen« liegt.

Die Landschaft verändert indessen allmählich ihren Charakter; ungeheure Felsen, halb zerklüftet, zerfallenen Mauern und Turmruinen nicht unähnlich, beengen den rasch dahintobenden Strom, mächtige Blöcke, die herabgerollt sind, wollen ihn aufhalten, zürnend umbrandet er sie; die Vegetation scheint erstorben, nur spärlich zeigen sich, scheu wie in Verstecken, ärmliche Hütten, den großen Zerstörungsprozeß, der hier am Werk ist, flieht alles Lebendige. Bei Obermühl, wo die kleine Mühl aus einem Tal der Donau zueilt, beginnt der Strom sich abermals im weiten Bogen zu wenden.

An den Weilern Dorf (am linken) und Hinteraigen (am rechten Ufer) vorbeisteuernd, erblicken wir hoch auf dem Rücken des herrlich bewaldeten Berges die gewaltige Trutzburg Neuhaus, ein Janushaupt, das uns hier das finstere, tief eingefurchte Greisenantlitz zeigt, während es uns, wenn wir von Landshag zurückschauen, ein männliches in der Fülle der Kraft und Behäbigkeit zukehrt. Recht wie ein unbezwinglicher Luginsland der an der Donau gewaltigen Schaumburger Grafen steht dieses Felsenschloß da, ein Zeuge vieler ernster Geschicke; mit Grausen sahen einst, da jene Grafen noch herrschten, die Schiffer den hochragenden Turm. Aber gastlich empfing die Burg die Oberösterreicher, als diese 1526 ihre Weiber und Kinder, ihr Hab und Gut vor der Türkengefahr hierher flüchteten. Im Bauernkrieg (hundert Jahre später) versuchte es das Volk, den Strom hier mit Ketten zu sperren, deren Gewicht zwei Felsblöcke entwurzelte und mit sich in die Fluten hinabriß. Am Fuß des Berges eilt die Mühl an dem Dorf Untermühl vorbei der Donau zu; ein großer Rechen, in dessen Nähe die Ruine Partenstein steht, hält das Schwemmholz auf, das die Mühl aus den Wäldern an der böhmischen Grenze herabträgt.

Das Stromtal erweitert sich nun wieder, und beim Markt Aschach, der sich am rechten Ufer hin ausbreitet, öffnet sich die Ebene, deren Horizont gen Süden die Linien der Alpen des Salzkammerguts säumen. Aschach wird schon im 8. Jahrhundert erwähnt, im 11. schrieben sich Ritter von Aschach; später kam der Ort in der Schaunburger Grafen Besitz, deren Schlösser rings in der Reihe sich erhoben, Stauf und die Stammburg des Geschlechts, die Feste Schaumburg, auf steilen bewaldeten Höhen, an denen in unvordenklichen Zeiten die Donau vorbeigeflossen sein soll. Der Stamm der Schaunburger die in steten Fehden mit den Bayernfürsten und den Habsburgern lebten, erlosch 1559 mit Wolfgang; die Sage berichtet, wie der greise Graf seinem einzigen Sohn ein schönes Fräulein zur Hausfrau bestimmt hatte, wie aber Wolfgang sich in heimlicher Ehe mit eines Müllers Tochter verbunden und des Vaters Fluch ihn dafür getroffen habe. Da habe Wolfgang in Verzweiflung sein junges Weib zu sich aufs Roß gehoben und sich mit ihr von der Brücke ins Wasser gestürzt – der Vater aber sei vor Entsetzen auf der Stelle gestorben. Aschach gegenüber gewahren wir den Flecken Landshag; beide Orte litten in den obderennsischen Bauernkriegen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts; Aschach war 1626 der Bauern Hauptquartier; auch hier sperrten sie den Strom mit Ketten, um dem Herberstorfer, der in Linz saß, die Zufuhr von Bayern her abzuschneiden, doch die bayerischen Schiffe sprengten die Ketten; 1632 gewannen und plünderten die Bauern Aschach abermals; in Landshag setzten sie ins Mühlviertel über, 1632 hatten sie dort ihr Lager, das der Oberst Traun niederbrannte.

Eine halbe Stunde oberhalb Landshag stehen auf dem Klausberg die Mauerreste des Schlosses Oberwallsee, das Eberhard aus dem tapferen schwäbischen Geschlecht der Wallseer 1364 erbaute; tiefer landeinwärts steht Eschelberg, das Stammschloß der Grafen von Abensberg und Traun.

Wir durchschiffen jetzt ein geschichtlich merkwürdiges Terrain. Von Aschach bis Linz und noch weiter hinab sind wenige Orte, wo im Bauernkrieg nicht Blut geflossen ist, nicht Greuel geschehen sind, wo die Nemesis nicht über Brandstätten und Leichenhaufen hinschreitend aufs neue die leider so oft ungehört verschollene Warnung gerufen hat: »Wehe denen, die das Volk zum äußersten treiben!«

Adam, Graf von Herberstorf, der Statthalter des dem Kurfürsten Maximilian von Bayern verpfändeten Landes ob der Enns, waltete grausam und unerträglich in Linz und versuchte von da aus die Bekehrung des Volkes zur Mutterkirche mit dem Henkerschwert durchzufechten; kein Mittel blieb den Unterdrückten mehr übrig als »das schlimmste auch in gerechter Sache« – Gewalt. Im sogenannten »Aschacher Winkel«, beim Minniwirt zu St. Agatha, brach der Aufstand des Volkes am 16. Mai 1626 los. Der kühne und schlaue Hutmacher Stephan Fadinger trat als Hauptmann an die Spitze. Aschach, Grieskirchen, Peuerbach wurden geplündert, Schloß Velden erstürmt, Herberstorf bei Peuerbach geschlagen. Binnen zehn Tagen standen 70 000 Männer voller Wut und Todesmut gegen die Unterdrücker; Wels, Kremsmünster, Gmunden, Vöcklabruck ergaben sich den Bauern; bald war fast das ganze Land ob der Enns in ihrer Gewalt, und Stephan Fadinger stand im Juni drohend vor Linz; am 28. dieses Monats umritt er die Stadt; da ereilte ihn vor dem »Landhaus« sein Geschick: eine feindliche Kugel tötete sein Pferd und verwundete seinen Schenkel; am 5. Juli starb er zu Ebelsberg, auf dem Friedhof zu Eferding wurde er begraben; Herberstorf ließ später seine Leiche ausgraben und durch den Henker in einen Sumpf werfen.

Nach Fadingers Tod erwählten die Bauern den Achaz Willinger von der Au, Herrn auf Kathering und Hinterdobel, zum Feldhauptmann; schon begann das Glück, das den Bauern bisher gelächelt hatte, ihnen den Rücken zuzuwenden; Steyr und Enns gingen wieder verloren, ein Sturm auf Linz wurde abgeschlagen. Nochmals schien ihnen ein Hoffnungsstern aufzugehen. Zu Wesenufer erschlugen sie des Holsteiners Kriegsvolk, den General Lindlo jagten sie bei Geiersberg, den Obrist Preuner bei Haslach, den Grafen Herberstorf bei Gmunden, den Obrist Löbl bei Wels in die Flucht.

Aber am 29. August wurde Linz nach 16wöchiger Belagerung entsetzt, und am 4. November vereinigte sich Gottfried Heinrich von Pappenheim, nachdem er die Vorsicht der Bauern überlistet hatte, mit seinem Stiefvater, dem Herberstorfer. Am 9. November bei Eferding griff der Pappenheimer die Bauern zum ersten Mal an. Psalmen singend, stürzten sie in die feindlichen Reihen und rissen in der Wut des Handgemenges die Reiter von den Rossen. Des Pappenheimers Kriegskunst und Geistesgegenwart allein vermochten es, die Kraft der Verzweiflung zu meistern. Rasch benützte er das Glück, entsetzte (am 15. November) Gmunden, schlug am 19. bei Vöcklabruck, am 30. bei Schloß Wolfsegg zu (wo das stumme Burgfräulein, das der strenge Vater einmauern ließ, um Mitternacht wandelt) und umstellte die Schanzen der Bauern bei Peuerbach. Binnen eines Monats hatte er den ganzen Krieg beendet, mit dem Beginn des Frühjahrs 1627 unterwarf sich das Volk, Achaz Willinger und acht seiner Genossen wurden am 26. März, zehn andere Hauptleute am 23. April zu Linz hingerichtet.

1632 und 1636 schlug die Flamme der Empörung wieder aus der Asche empor, doch schneller als das erste Mal wurde sie – und mit nicht geringeren Greueln – gedämpft.

Unter Landshag beginnt der Strom sich in zahlreiche Arme zu teilen, wir schiffen, vom ortskundigen Nauführer geleitet, der in Aschach zu uns stieß, zwischen den Inseln hindurch und gewahren unterhalb Brandstatt schon den Pöstlingberg. Eferding, im Nibelungenlied bereits als »Everdingen« erwähnt, wo Kriemhilde auf der Fahrt gen Hunnenland Nachtlager hielt, Einundzwanzigstes Abenteuer. in den Kriegsjahren 1800, 1805 und 1809 hart bedrängt, liegt am rechten Ufer; beide Ufer bis Ottensheim wimmeln von kleinen Ortschaften. Von Ottensheim, dem uralten Marktflecken am linken Ufer, wo die Berge wieder beginnen (am rechten eröffnet der Kirnberg bei Schönering den Zug), berichtet die Sage, daß ein Haus dort stehe, wo, der Inschrift zufolge,

im 1208ten Jahr,
da Ottensheim noch nicht genannt war,
ward Kaiser Otto auserkorn
allhier in diesem Haus geborn,

wobei die Sage übrigens vergißt, daß König Otto 1209 (Mitte August) bereits gen Welschland fuhr, um am 27. September desselben Jahres in der Peterskirche zu Rom die Kaiserkrone zu empfangen. Das Schloß zu Ottensheim, das früher den Jesuiten gehörte, heißt die »Frauenburg«. Die Berge rücken dort bereits näher an beide Ufer; wo der Strom sich im weiten Bogen niederzubeugen beginnt, zeigt sich am rechten Ufer auf dem Vorgebirge des Kettensteins das Zisterzienserkloster Wilhering, das Cholo und Ulrich von Wilheringen 1146 gestiftet haben; zwei schöne Grabmonumente der Schaumburger fesseln darin die Aufmerksamkeit des Kunst- und Altertumsfreundes.

Immer schöner und eigentümlicher entfaltet sich nun das Stromtal, am rechten Ufer erblicken wir den dunklen »Kirnberger Wald« (so heißt der mit Nadelholz bewachsene Bergrücken, zwischen dem und dem Strom sich die Chaussee hinzieht), die Berghöhen des linken Ufers prangen im freundlichen Grün des Laubholzes. Wir schiffen zwischen Puchenau und dem romantisch gelegenen Kalvarienberg bei Margarethen durch, die Befestigungstürme, ein Werk Erzherzog Maximilians, kündigen uns die Nähe von Linz, der freundlichen Hauptstadt des gesegneten Landes ob der Enns, an, und bald zeigt sie sich selber; schon sehen wir das Schloß auf dem Berg, die Häuser an dessen Fuß, die Brücke, hinter der die Berge in sanften Wellenlinien über den Türmen sich erheben und den Horizont schließen.

Kaum sind wir unterhalb der Brücke gelandet und haben unsere Paß- und Mautangelegenheiten in Ordnung gebracht, so eilen wir, einen Überblick des Panoramas von Linz und ihrer Umgegend zu gewinnen. Rüstiges Volk treibt sich vor der Brücke herum, wo die Eisenbahn mündet; allenthalben begegnen wir heiteren, freundlichen Gesichtern, und der Nächstbeste, den wir anreden wollen, liest unseren Wunsch aus den Augen und ist gerne bereit, uns zurechtzuweisen. Und so wandern wir denn, von einem Führer geleitet, über die Brücke nach dem Markt Urfahr, der 1809 durch die Brandkugeln der Franzosen gelitten hat, dann vom Schloß Hagen den Pöstlingberg, den wir schon bei Brandstatt sahen, hinab zu der Wallfahrtskirche, die auf seinem wohlverschanzten Gipfel thront, und blicken auf die herrliche Ebene gen Süden, an deren Rand die Berge des Salzkammerguts emporsteigen, gen Westen bis ans Hausruckgebirge, gen Osten auf das Stromgebiet der Donau bis Amstetten hinab; im Vordergrund dieses Gemäldes liegt Linz, dessen heitere Physiognomie den landschaftlichen Charakter des schönen Landes ob der Enns ebenso genügend repräsentiert, als es den Eigentümlichkeiten des Charakters der Bewohner zu entsprechen scheint.

Ein kräftig ausgeprägter Menschenschlag ist dieses oberösterreichische Volk, glücklich in schöner, gesunder Sinnlichkeit wie im rüstigen Fleiß; zwischen den Eigentümlichkeiten des bayerischen Volkes und der Hochländer in der Mitte stehend, hat es das Beste beider sich angeeignet, seine Naivität ist zugleich Empfänglichkeit, seine Lebhaftigkeit zugleich Strebsamkeit, seine Herzlichkeit ist mit Klugheit und Gewandtheit gepaart, und all diese Eigenschaften verbindet harmonisch und durchdringt bei den Linzern eine Bildung, die diese weit über das Niveau von Landstädtern erhebt. Die Schönheit der oberösterreichischen Frauen ist bekannt, die der Linzerinnen sogar sprichwörtlich, und wir möchten es nicht wagen, der Behauptung zu widersprechen, die den letzteren sogar vor den Frauen von Weibern (einem Ort im Hausruckkreis, in dem keine Häßliche zu finden sein soll) den Preis zuerkennt.

Linz, das römische Lentia, Auf dem Schloßberg wurden römische Altertümer gefunden. erscheint schon unter Ludwig dem Kind, und zwar als Zollstätte. Das Schloß auf dem Berg gehörte den Grafen von Kirnberg, deren letzter die Grafschaft den Markgrafen von Österreich verkaufte. 1098 hatte Linz bereits Mauern, 1106 eine Brücke. Auf dem Schloß läßt die Sage Richard Löwenherz auf der Heimkehr von Dürnstein einkehren. 1236, als des Reiches Acht auf Friedrich dem Streitbaren lag, belagerten der Böhmenkönig, der Bayernherzog, die Bischöfe von Passau, Freising und Bamberg und der Patriarch von Aquileja die Stadt, bis Friedrich der Streitbare und Albrecht von Bogen sie entsetzten. Zu Rudolf von Habsburgs Zeit eroberte sie Herzog Heinrich von Bayern. 1353 erhielt sie die peinliche Gerichtsbarkeit und die Vervollkommnung ihrer bürgerlichen Verfassung. 1476 überfielen sie die Lichtensteiner und steckten die Vorstädte in Brand. 1490 erweiterte und verschönerte sie Kaiser Friedrich und erklärte sie zur Hauptstadt des Landes ob der Enns; am 19. August 1493 starb er dort. 1521 feierte Ferdinand I. in Linz seine Hochzeit; er erweiterte und verschönerte das alte Schloß der Erzherzöge.

Die Stadt wurde 1509 durch einen furchtbaren Brand, 1541 und später 1562 und 1585 durch die Pest verheert. Die Reformation fand hier fast alle Herzen für sich offen, 1550 bekannte die Bevölkerung die evangelische Lehre. 1626 hielt die Stadt eine Belagerung durch das Bauernheer aus. 1741 besetzten sie die Franzosen für Karl VII., der sich dort am 2. Oktober als Erzherzog huldigen ließ; aber schon am 23. Januar des folgenden Jahres ergab sich Linz mit Kapitulation wieder an Maria Theresias Feldmarschall, den Grafen Khevenhüller. 1785 emanzipierte der unsterbliche Joseph Linz vom Sprengel des Hochstifts Passau, zu dem es bis dahin gehört hatte, und gab ihm ein eigenes Bistum; 1805 zogen die Franzosen, Sieger über die russische Arrièregarde, in Linz ein.

siehe Bildunterschrift

Linz

Der Beginn der Eisenbahnfahrten nach Budweis und Gmunden am Traunsee und die Verbindung der österreichischen mit der Bayrisch-Württembergischen Dampfschiffahrt – beides in unseren Tagen – schließen die Reihe der Denkwürdigkeiten der Hauptstadt Oberösterreichs als zwei Ereignisse von ebenso großer Wichtigkeit für materielle Wohlfahrt als von Bedeutsamkeit für den Fortschritt der geistigen Bewegung in Österreich, auf die unsere Touristen, in alten Vorurteilen befangen, zu achten sich so wenig Mühe geben – vielleicht nur deshalb, weil man sich in Österreich so wenig darum kümmert, prunkend das zur Schau zu stellen, was sich als ein naturgemäßes Produkt der beiden mächtigen Faktoren Zeit und Volk entwickeln mußte; wahrlich, in dieser Bescheidenheit achtet den Stolz! Bestehende Zustände erscheinen uns, nicht weil sie solche sind, preisenswert; nur als Resultate eines inneren Organismus fassen wir sie ins Auge, inwiefern sie zugleich, als Keime künftiger Entwicklungen, Hoffnungen anregen; der Augenschein sogenannter materieller Wohlfahrt genügt uns nicht, wenn wir nicht auch deren organischen Zusammenhang mit der moralisch-geistigen, mit der ersten Lebensbedingung jedes Volkes, mit dem Bewußtsein, zu erkennen vermögen. Darin allein liegt die Garantie jener höchsten und erhabensten Ruhe, aus der die Bewegung nach allen Radien ausgeht, die Garantie der Existenz. Auf solchem Standpunkt blicken wir denn voll freudiger Hoffnung in dieses gelobte Land Österreich; das Antlitz des jugendlich-kräftigen Volkes rötet sich im Frühlingshauch, Tausende streben rüstig nach den nächsten Zielen hin, aus der schützenden Knospe des materiellen Glücks entfaltet sich die Blüte des Geistigen, und stark nach innen zu, greift Österreich nur um so sicherer und nachhaltiger wirksam mit in die Vollbringung der Aufgabe ein, welche der Menschheit gestellt ist.

Es scheint uns hier der geeignete Ort, eine kurze Skizze der Geschichte der Donau-Dampfschiffahrt Ausführlich behandelt diesen Gegenstand ein sehr gediegener Aufsatz von Christian Wilhelm Huber in der »Österreichischen Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde« vom Jahre 1836. mitzuteilen, deren Ausdehnung bis Ulm aufwärts – neuesten Nachrichten zufolge – nahe bevorsteht und durch eine Eisenbahn von Ulm über Stuttgart an den Rhein Eine Eisenbahn von Stuttgart nach dem Rhein liegt von Seiten der württembergischen Regierung bereits im Entwurf, um auf Staatskosten ausgeführt zu werden; eine von Ulm nach Stuttgart war schon früher projektiert worden. mit der rheinischen Dampfschiffahrt in Verbindung kommen dürfte, so daß der nächste Weg von der Nordsee zum Schwarzen Meer den Rhein herauf und die Donau hinunter führen würde. Schon im Jahre 1819 erhielten Anton Bernhard und der Chevalier St. Leon österreichische Privilegien zur Dampfschiffahrt auf der Donau; an einer Menge ungünstiger Umstände scheiterten jedoch die ersten Versuche, und die Privilegien wurden 1828 und 1829 für erloschen erklärt. Fast gleichzeitig aber (am 17. April 1828) verlieh Österreich an John Andrews und Joseph Prischard ein neues auf 15 Jahre, das die Inhaber 1830 an eine Aktiengesellschaft abtraten, die sich unter dem Namen »Kaiserlich-königlich privilegierte erste Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft« organisierte und bereits am 17. September desselben Jahres die Freude hatte, daß das Dampfboot »Franz I.« von 60 Pferdestärken seine Probefahrt glücklich bestand.

Nicht lange währte es, so entschied sich das öffentliche Vertrauen, allen alten Vorurteilen zum Trotz, zugunsten des neuen Unternehmens; bereits 1832 wurde der Bau von zwei neuen Dampfbooten beschlossen, deren eines für die Strecke zwischen Raab und Pest, deren anderes für die zwischen Pest und Semlin bestimmt wurde, und nun wurde die großartige Idee gefaßt und festgehalten, auch die untere Donau bis zur Einmündung in das Schwarze Meer mit Dampfbooten zu befahren. – Die erste Anstrengung dazu ging von dem Fürsten von Metternich aus, und mit lebhafter Begeisterung und achtenswerter Beharrlichkeit wurde der Plan ins Werk gesetzt; dem Grafen Stephan Széchény gebührt das Verdienst, einer der Tätigsten gewesen zu sein, die sich dafür interessierten. Am Schluß des Jahres 1833 versahen, außer »Franz I.« auch die »Pannonia« (von 36 Pferdestärken) und die »Argo« (von 50 Pferdestärken) den Dienst, die letztere passierte mit Beginn des Frühjahrs 1834 die gefährlichen Katarakte des Ister am Eisernen Tor und erreichte glücklich Galacz.

Mittlerweile wurde der Gesellschaft von Seiten des Staates nicht bloß das Privilegium auf weitere 25 Jahre verlängert, sondern auch eine Reihe von Begünstigungen verliehen, durch die die österreichische Dampfschiffahrt seither die zahlreichen Schwierigkeiten überwand, deren Beseitigung früher kaum möglich schien, und so stellte sich endlich das erfreuliche Resultat heraus, daß sie jetzt die Wirksamkeit von Wien aufwärts bis Linz und abwärts bis Konstantinopel ausgedehnt, ja die Verbindung der Kaiserstadt mit Smyrna, Trapezunt, Saloniki und Odessa erwirkt hat. Zwischen Wien und Linz versieht bis jetzt die »Maria-Anna« (von 75 Pferdestärken) den Dienst; von Linz aus soll die »Habsburg« bis Orsova fahren, von Wien nach Pest fahren die »Nador« und die »Arpad«, zwischen Pest und Drenkova »Franz I.« und die »Zriny«, zwischen Drenkova und Skela-Kladova dienen leichtere Boote, von da bis Galacz die »Argo« und die »Pannonia«, zwischen Braila und Konstantinopel die »Ferdinand I.«, zwischen dort und Smyrna fährt die »Stambul«, von den Dardanellen nach Saloniki die »Maria Dorothea«, die Verbindung mit Trapezunt unterhält »Klemens Fürst Metternich«; die ganze Reise von Wien nach Konstantinopel wird in 12-13 Tagen vollbracht.

In Bayern bildete sich, auf Rudharts Anregung, 1835 zu Passau ein »Komitee zur Realisierung der Donau-Dampfschiffahrt in Bayern«; zwei ähnliche Vereine in Ulm und Regensburg schlossen sich dem Passauer an, und so entstand nach vorhergegangenen erfolgreichen Konferenzen mit der österreichischen Gesellschaft die »Bayrisch-Württembergische Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft«, welche zu Ende des Jahres 1836 ein königlich bayerisches Privilegium auf 40 Jahre erhielt, das erste Dampfschiff »Ludwig I.« am 15. Oktober 1837 in Regensburg, wo es gebaut worden war, vom Stapel laufen ließ und am 18. März 1838 seinen regulären Dienst nach Linz (in den Sommermonaten die Strecke von Regensburg dorthin in einem Tag zurücklegend) antrat. Am 25. Juli 1838 wurde das zweite Dampfboot, »Königin Therese«, vom Stapel gelassen; nach Vollendung des dritten ist die »Ludwig I.« (von 40 Pferdestärken) für den Dienst stromaufwärts bis Ulm bestimmt.

Wir können es uns nicht versagen, am Schluß dieser Skizze noch folgende Bemerkungen des sachkundigen Ch. W. Huber einzuschalten: »Die Schiffahrt auf der Donau wird ihre eigentliche Bedeutung für den Welthandel erst dann gewinnen, wenn die Verbindung der Donau mit dem Rhein hergestellt ist. Zu dieser Verbindung führen zwei Wasserläufe – der vom Obermain an die Donau leitende Kanal, ein ähnlicher Wasserlauf zwischen dem Neckar und der schwäbischen Donau – und eine Landbahn in dem Sinne, wie sie die Allgemeine Württembergische Eisenbahngesellschaft auszuführen beabsichtigt. Diese drei Verbindungslinien könnten bei der notwendigen Lebendigkeit des neu eröffneten Verkehrs auch unbeschadet nebeneinander bestehen. Durch die zweckmäßige Ausführung dieser Idee würden England, Frankreich und Deutschland auf dem kürzesten Weg durch eine ununterbrochene Verkehrskette mit dem südlichen Rußland, der Levante und selbst mit den Binnenländern von Asien in Berührung kommen ... Die größten Entfernungen werden durch die segensreiche Vermählung der beiden Hauptströme Europas wie mit einem Zauberschlag näher gerückt werden. Man wird, das Herz von Europa durchfurchend, in drei Wochen von London in Konstantinopel sein können. Die Erleichterung, die aus der Regulierung der Dampfschiffahrt auf der ganzen Donau für den Verkehr hervorgehen wird, erhellt schon aus dem Vergleich der Dimensionen, die das ungeheure Wassergebiet dieses Stroms beschreibt. Die Entfernung von Donaueschingen nach Konstantinopel beträgt auf der Flußbahn 435 deutsche Meilen! – Nicht minder wesentlich wird auf die Belebung der Donauschiffahrt die Anwendung jener zweiten Erfindung einwirken, wodurch das Menschengeschlecht einen glänzenden Sieg über seine Urfeindin, die Zeit, erkämpft hat. Das segensreichste Netz, in das sich Deutschland jemals verstrickt sah, ist gewiß das Netz der Eisenbahnen, das man nun über Deutschlands Fluren auszuspannen gedenkt ... Durch die zwischen Linz und Budweis bereits seit mehreren Jahren hergestellte Eisenbahn wird die Donau mit der Moldau und durch diese mit der Elbe und der Nordsee in Verbindung gesetzt. – Durch die Eisenbahn zwischen Wien und Bochnia und durch die einmündenden Seitenbahnen wird die Donau mit der Oder und der Weichsel und sonach in zwei Richtungen mit der Ostsee verbunden werden.«

Der Bau der die Donau mit der Moldau verbindenden Eisenbahn von Linz nach Budweis wurde im Jahre 1825 begonnen und 1832 vollendet, die erste Idee zur Anlegung derselben stammt von dem Ritter von Gerstner, dessen Sohn, Professor von Gerstner, 1824 ein Privilegium auf 50 Jahre erhielt und sich zur Realisierung des Plans mit einer Aktiengesellschaft verband, die sich jedoch später von ihm trennte und 1828 die Leitung des Baus dem Ingenieur Schönerer übertrug. Die Bahn führt vom Hauptzollamt in Linz über die Brücke durch Urfahr über Oberndorf und Lest nach Kerschbaum, über Suchental und Holkau nach Budweis (17 österreichische Meilen in der Länge messend). Die Eisenbahn von Linz nach Gmunden (ein im Jahre 1836 vollendetes Werk Schönerers) führt in einer Länge von 9 österreichischen Meilen über Neubau, Wels und Lambach an den Traunsee. Wir werden später auf derselben einen Ausflug unternehmen. Für jetzt wollen wir die Straßen von Linz durchwandeln. Auf dem geräumigen Marktplatz gewahren wir die aus Untersberger Marmor von dem Salzburger Stumpfegger von 1717-23 gefertigte Dreifaltigkeitssäule, dann besuchen wir die Stadtpfarrkirche, die Kapuzinerkirche mit dem Denkmal des alten Helden Raimund von Montecuccoli, der zu Linz am 16. Oktober 1680 starb, die 1679 von den Jesuiten erbaute Domkirche und das Landhaus der Stände von Oberösterreich. In historisch-artistischer Beziehung finden wir geringe Ausbeute; um so reichere, wenn wir die Bildungs- und Wohltätigkeitsanstalten in Linz besuchen; auch das Pönitentiarium im Schloß verdient unsere Aufmerksamkeit, und ein Überblick des Gewerbefleißes der braven, tüchtigen, lebensfrohen Bevölkerung muß uns in hohem Grad erfreuen. Von den ferneren Umgebungen der freundlichen Stadt sind die Heilbäder Mühllacken und Kirchschlag, Der Weg nach Kirchschlag führt über St. Magdalena und den romantischen Haselgraben, in der Mitte dieses Tals steht auf steiler Höhe die alte Feste Wildberg, wo die Starhemberger den Böhmenkönig Wenzel gefangenhielten (noch heißt ein Gemach dort »Königszimmer«); ¾ Stunden weiter gen Nordwesten, unter dem Schauerwald, liegt Kirchschlag. sodann das Stift St. Florian, Ebelsberg und das Stift Kremsmünster die interessantesten.

St. Florian, dessen gelehrten Chorherren von alters her bis in unsere Tage die Wissenschaft viel zu verdanken hat, liegt etwa zwei Stunden von Linz auf der Stelle, wo, wie die Legende berichtet, der römische Tribun Florianus von Cetium, der, weil er standhaft den christlichen Glauben bekannte und den Göttern zu opfern sich weigerte, auf Befehl des Präses Aquilinus 304 in die Enns gestürzt wurde, begraben liegt. Über seinem Grab erhob sich ein Altar, später (455) eine Kirche und ein Kloster, dessen Mönche beim Einbruch der Ungarn nach Passau flüchteten. 1071 restaurierte Bischof Altmann von Passau Kirche und Kloster und übergab letzteres regulierten Augustiner-Chorherren. Die in der Zeit Karls VI. im welschen Prachtstil neu erbaute Kirche (über einer Krypta) besitzt mehrere schätzbare Werke italienischer Meister und ein vortreffliches Werk neuester Kunst, ein Altarblatt »Der Tod des heiligen Florian« von Leopold Schulz aus Wien; das Stift eine ausgezeichnete Bibliothek von 40 000 Bänden und reiche Kunstschätze.

Ein halbes Stündchen von St. Florian erhebt sich am Abhang des Hargelsbergs die vierfach getürmte, jetzt dem Stift gehörige Tillysburg auf der Stelle, wo einst das Schloß der Volkerstorfer stand, das Ferdinand II., um dessen Herren für ihre Anhänglichkeit an den Protestantismus zu bestrafen, einzog und dem Vorfechter des Katholizismus, dem Grafen Tilly, schenkte, dessen Neffe es abbrechen und die neue Burg erbauen ließ.

Ebelsberg (auf der Stelle des alten Eporespurg, das Kaiser Arnulf dem Stift Kremsmünster schenkte, und der Grenzburg Sighards, des tapferen Grafen von Sempt, gegen die Ungarn) liegt am rechten Ufer der Traun, die eine Stunde weiter bei Zizelau in die Donau mündet. Als Rudolf von Habsburg 1276 gegen den gewaltigen Ottokar auszog, schlug er hier 120 Edle zu Rittern. Der Traunbrücke gaben am 3. Mai 1809 die Wiener Freiwilligen die Bluttaufe, ihrer dreihundert verbrannten im Schloß, als der Flecken im Getümmel der Mordschlacht aufloderte.

Zweieinhalb Meilen von Ebelsberg liegt in einer lieblichen Gegend die herrliche Benediktinerabtei Kremsmünster mit ihrer prachtvollen Kirche, ihrer kostbaren Bibliothek und ihrer berühmten Sternwarte. Herzog Tassilo stiftete 772 das Kloster, und zwar, wenn der Überlieferung zu glauben ist, im Schmerz über den Verlust eines geliebten Sohnes, den auf der Jagd ein angeschossener Eber getötet hatte; ein Hirsch mit strahlendem Geweih zeigte ihm auf einer Anhöhe den gottbestimmten Ort.

Die Gmundner Eisenbahn, auf der wir jetzt einen Ausflug nach dem Traunfall machen wollen, führt uns in das Trauntal. In Marchtrenk (über Neubau hinaus) an der Welser Heide, wo einst Edle saßen, wird eine große mit Eisen beschlagene Wiege gezeigt, in die, dem traditionellen Volkswitz zufolge, zänkische Eheleute zum Spott gepreßt wurden. In Wels (auf der Stelle des römischen Ovilabis), das wir, unsere Fahrt fortsetzend, erreichen, erregt die schöne altdeutsche Stadtpfarrkirche mit ihren Glasmalereien unsere Aufmerksamkeit; in einem Zimmer der Burg verkündet eine Tafel, daß Kaiser Maximilian I. hier (1519) gestorben sei; die Geschichte hat uns den poetischen Charakterzug des letzten Ritters aufbewahrt, wie er zu Innsbruck beim Anblick des Goldenen Dachls an sein letztes Haus gedacht und von da an auf allen seinen letzten Fahrten einen schwarz behängten Wagen mit sich geführt habe und wie dieser hinter ihm in die Burg zu Wels gefahren sei; gar viele dachten, er bewahre darin seine Schätze, von denen er sich nicht trennen wolle – es war aber sein Sarg. – In der Nähe von Wels liegt das Schloß Trauneck.

Eine Meile von Wels zeigt sich uns in malerischer Situation hoch oben an der Traun das durch einen reichen Bücherschatz und ein bedeutendes Archiv interessante Stift Lambach im gleichnamigen Markt. Die Sage berichtet, wie in den Zeiten, da alles Volk im Land noch heidnisch gewesen sei, ein reicher Mann am Attersee, wo jetzt das Schloß Kammer steht, gewohnt habe, dessen Tochter heimlich den christlichen Glauben bekannte; als der Vater dies entdeckte, habe er, vor Zorn entbrannt, die Jungfrau entblößt an ein Schifflein festbinden lassen und dies der Atter übergeben. Der Fluß habe den Kahn in die Traun getrieben, und auf dieser sei die fromme Flavia bis in die Gegend, wo jetzt Lambach ist, geschwommen; Hirten, die Lämmer weideten, seien auf den Hilferuf der Unglücklichen herbeigeeilt und hätten sie befreit. Das Stift soll Arnold Graf von Lambach um das Jahr 1032 gegründet haben, sein Sohn, Bischof Adalbert von Würzburg, besetzte es nach Abschaffung der früher vereinzelten Kleriker 1056 mit Benediktinermönchen.

Eine Viertelstunde von Lambach steht die »Kirche in der Baura«, ein bizarres Bauwerk des 18. Jahrhunderts; da sie zu Ehren der Dreieinigkeit errichtet worden ist, hat sie die Form eines Dreiecks, drei Türme, drei Tore, drei Fenster, drei Orgeln.

siehe Bildunterschrift

Lambach

siehe Bildunterschrift

Der Traunfall

Von Lambach unsere Fahrt auf der Eisenbahn fortsetzend, finden wir uns plötzlich in einem herrlichen Wald, wo der Fuhrmann uns einlädt, abzusteigen und den Berg hinunterzuwandeln. Wir kommen nach Roitham, und bald kündigt sich uns der Traunfall durch mächtiges Tosen schon von weitem an. Wir steigen das steile Ufer hinab und betreten die hölzerne Brücke, an deren Geländer gelehnt wir das erhabene Schauspiel genießen. In der Fülle seiner Kraft stürzt der herrliche Alpenstrom sieben Klafter hoch über die Felsen hinab; eine ganze Reihe von Wasserfällen glauben wir nebeneinander zu erschauen – wie eine Schar todesmutiger Jünglinge, die aufjauchzend in die feindlichen Kolonnen springen. Mit jedem Schritt weiter, den wir tun, ändert sich die Szenerie, am gewaltigsten ist der Eindruck, den wir empfangen, wenn wir unten, von den Felsen überwölbt, auf den unterwaschenen Felsplatten stehen, das Geriesel uns entgegensprüht und ringsum die ganze Natur wie im Kampf aufatmet, daß wir wähnen, die Felsen zitterten davon. Kaum mögen wir glauben, daß dieser Strom der Schiffahrt gehorchen könne; da führt man uns an den Seeauerschen Kanal am rechten Ufer, wo Menschenkraft das unbändige Element zum Frondienst zwang; 1248 Fuß in der Länge mißt dieser Kanal, 50 Fuß ist sein Fall. Wir wandern darauf den Waldweg zur Eisenbahn zurück, die über Laakirchen und Oberweis nach dem idyllischen Gmunden führt, das wir bereits von Ischl aus kennenlernten.

 

Gleich unterhalb Linz beginnt die Donau sich in viele Arme zu zersplittern, langsamer windet sie sich um die Auen. Das rechte Ufer ist flach, am linken steigen Waldberge empor, an deren einem, der Mündung der Traun bei Zizelau gegenüber, über dem durch die Au uns verborgenen Städtchen Steyregg sich das Schloß zeigt, das einst den Kuenringern, dann seit 1280 den Kapellern, hierauf den Lichtensteinern, dann den Jörgern gehörte und endlich den Grafen von Weißenwolf zufiel. Nicht weit davon liegt Pulgarn, wo bis zum Jahre 1576 ein Nonnenkloster Zum Heiligen Geist bestand, das später in den Besitz der Jesuiten kam. Unterhalb Pulgarn zeigt sich auf einem Waldberg das Schloß Luftenberg, wo 1635 und 1636 der Fanatiker Laimbauer, der später in Linz hingerichtet wurde, sein Wesen trieb. Weiterhin auf den Bergen des linken Ufers liegen St. Georgen an der Gusen und das Schloß Frankenberg. Nicht weit vom Dorf Gusen, wo das gleichnamige Flüßchen in die Donau fällt, schiffen wir an einer Insel vorbei, auf der sich uns ein viereckiger alter Turm zeigt, mit wenigen öden Mauern, der einzige Rest des Schlosses der Spielberger, der Walseer, Jörger und Weißenwolfe.

Weiter unterhalb am linken Ufer gewahren wir den alten Markt Mauthausen, dessen Bewohner einst die Flotte des Kreuzheeres unter dem Barbarossa um Zoll aufhielten und dafür die Rache des Kaisers empfanden, der den Ort in Brand stecken ließ; im Krieg der Brüder Rudolf II. und Matthias wie im Bauernkrieg erlitt Mauthausen schwere Drangsale, die schwersten 1809, zumal als der Obristleutnant Scheibler dort sein Hauptquartier nahm; auf einem Felsen trotzt der alte Pragstein, einst in der Edlen von Prager Besitz. Mauthausen gegenüber mündet die Enns, die zwei Meilen westlich von Radstadt entspringt und, an Admont und Steyr vorbei, vom Priel her der Donau zuströmt.

Am linken Ufer der Enns, eine geraume Strecke vor ihrer Vereinigung mit der Donau, überschaut die Stadt Enns von einer Anhöhe herab den klassischen Boden ringsum, den Geschichte und Legende geweiht haben. Weltherrscher sind hier an Vorabenden großer Ereignisse sinnend gestanden, Völkerschlachten haben hier getobt. Das Laureacum der Römer stand in dieser Gegend; der Name des Dörfleins Lorch zeugt, eine verstümmelte Reliquie, von jenen Tagen. In der ganzen Umgegend, zu Enns, Lorch, Ansfelden, auf dem Schildberg zwischen Enns und Ebelsberg wurden die wichtigsten römischen Altertümer gefunden, Grundfesten großer Bauten, Reste von Aquädukten, Sarkophage, Legionsziegel, Denksteine, Hausgeräte, Idole, Grablampen, Münzen. Die Bucht der Lorcher Donauflottille, »classis laureacensis« (bemerkt Hormayr), ist noch unter dem Namen Enghagen kenntlich.

Die Legende läßt von Laureacum aus den Christusglauben sich über Österreich verbreiten und versichert, daß der heilige Maximilian, der von Cilli hierhergekommen sei, ihn als Bischof gepredigt habe; eine (renovierte) alte Inschrift zu Enns bezeugte sogar:

Zu Enns St. Marx und Lukas lehrt,
Das Volk zu Christi Glaub' bekehrt ...
... his Marcus in oris
Cum Luca Christi dogma professus erat.

Auch St. Severin soll zu Laureacum geweilt und vom König der Rugier Gnade für die mit Flüchtlingen angefüllte Stadt erbeten und erhalten haben. Nach St. Severins Zeiten wird von Laureacum berichtet, daß ein Erzbischof hier seinen Sitz hatte. 737 wurde Laureacum durch die Awaren zerstört, Vivilo, der Seelenhirt, flüchtete nach Passau; 791 schlug Karl der Große, als er mit ungeheurer Heeresmacht auf beiden Ufern der Donau gegen die Awaren zog, an der Mündung der Enns Lager und führte, nachdem er drei Rasttage in Fasten und Beten zugebracht hatte, seine Sachsen, Friesen, Thüringer, Alemannen und Franken (die Riesen Kisher und Einheer darunter ) zum Vertilgungskampf gegen die Awaren; damals war Lorch an der Enns eine königliche Villa. Zwischen 824 und 827 wurde das alte Lorcher Erzbistum durch den Papst Eugen II. wiederhergestellt. Die Schrecken der Awaren erneuerten die Ungarn; Luitpold erbaute wider diese im Jahre 900 die Ennsburg (Anesiburgum); nach der großen Niederlage auf dem Lechfeld wichen die Ungarn bis Melk zurück, das ihre Trutzburg wurde. Um die Feste Ennsburg aber erhob sich allmählich die Stadt, als solche nennt sie Ottokar VI. von Steiermark, der dieses Land dem Babenberger Leopold VI. abtrat. Im 12. Jahrhundert war Enns bereits ein wichtiger Handelsort, den seine vom Montag nach Rogate bis zum Pfingstabend währende Messe berühmt machte; Rudolf von Habsburg erkaufte die Stadt von Eberhard von Spielberg für 600 Mark. Kaiser Maximilian I. erbaute in der Mitte des Marktplatzes den großen Turm, in dem eine an Ketten hängende »Riesenrippe« bewahrt wurde.

1552 drangen die Türken bis an die Brücke, auf der viele Bürger im Kampf den Tod fanden; die Stadt selbst vermochten sie nicht zu überwältigen. Im Bauernkrieg forderte Stephan Fadinger sie zur Übergabe auf, und Wurm beschoß sie; Obrist Löbl aber schlug die Bauern und verbrannte ihr Lager. Am 4. Mai 1809 hielt abermals ein Weltherrscher, Napoleon, zu Enns Rast, bevor er gegen die Kaiserstadt zog.

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