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Die Donau

Eduard Duller: Die Donau - Kapitel 2
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authorEduard Duller
titleDie Donau
publisherVerlag Lothar Borowsky
yearo.J.
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Vorwort

Die Aufgabe, deren Lösung wir in den folgenden Blättern versucht haben, war einerseits beschränkter, andererseits ausgedehnter, als der Titel der von uns übernommenen Sektion »Die Donau« erwarten läßt; beschränkter, weil wir, dem Zweck und dem Plan des »malerischen und romantischen Deutschland« gemäß, die skizzierten Schilderungen der Donaugegenden nur bis an die deutsch-ungarische Grenze verfolgen durften; ausgedehnter, weil wir, wenn wir einen vollständigen Überblick der deutschen Donauländer geben wollten, die Flußgebiete des Lechs, der Isar, des Inns, der Salzach und mehrerer anderer sowenig wie die interessantesten Städte und Gegenden Altbayerns, Salzburgs, des österreichischen Salzkammerguts und der Länder ob und unter der Enns umgehen konnten, für die keine eigenen Sektionen bestimmt waren. Der Stoff, der sich uns darbot, war zu reichhaltig, als daß wir ihn in dem engen Raum, über den wir zu verfügen hatten, vollständig erschöpfen konnten; aus dieser Rücksicht dürfen wir wohl getrost die Billigkeit der Beurteiler in Anspruch nehmen, die in den nachfolgenden Blättern kein streng wissenschaftliches Werk zu erwarten haben; wir suchten aus einer Fülle von Erinnerungen und Materialien vornehmlich das Charakteristische – ob es nun in Natur, Geschichte, Sage oder Volkssitte sich zeige – hervorzuheben.

Wir begannen mit einer Charakteristik der Donau im allgemeinen. Unmittelbar an diese reihten wir eine gedrängte Schilderung der Kaiserstadt, in der ein großartiges, reich bewegtes Volksleben mit glänzenden geschichtlichen Erinnerungen zusammentrifft. Hierauf entwarfen wir eine rasche Schilderung der Donaugegenden vom Ursprung des Stroms bis Regensburg, zur Markscheide jene Stätte nehmend, wo ein deutsches Pantheon sich in den Fluten spiegelt. Wir übersahen das Land und die alte Reichs- und Handelsstadt an den Ufern des Lechs nicht; die denkwürdige, neu hergestellte Alpenfeste Hohenschwangau bildete das Ziel unserer ersten Abstecher. Bevor wir jedoch die sanften Windungen des Stroms bis Passau weiterverfolgten, wanderten wir von der Mündung der Isar aufwärts bis nach der prachtvollen Königsstadt München, in der sich eine reiche Kunstwelt vor unseren Blicken entfaltet, und von dort bis an die reizenden Alpengrenzen des bayrischen Hochlandes.

Die nächste Rast der neu begonnenen Donaufahrt war für uns dann Passau. An den Silberfäden des Inns und der Salzach wandelten wir hierauf bis in die entzückenden Labyrinthe Salzburgs, Berchtesgadens und des österreichischen Salzkammerguts. In Passau stiegen wir wieder zu Schiff und steuerten bis Linz, von da bis Enns, wo der Fluß, der Ober- und Niederösterreich scheidet, in die Donau mündet. Dann trieben uns die raschen Wogen, an den durch landschaftliche Schönheit, durch Geschichte und Sage eigentümlichen Ufern vorbei, zum zweiten Mal nach der Kaiserstadt, deren nähere und fernere Umgebungen bis an den Schneeberg wir durchwanderten; endlich aber streiften wir über die großen weltgeschichtlichen Schlachtfelder, die Wien umgeben, und durchmaßen den Rest der deutschen Donau bis an die Grenze Ungarns.

 

Donau – Rhein! Gewaltige Schlagadern zweier Zivilisationen, im Herzen Europas, in Deutschland, zusammentreffend! – Der Rhein, in gleicher Richtung mit der Strömung der Menschheitsentwicklung jenem Westen zustrebend, wo das Ideal bürgerlicher Freiheit sich zu einem neuen, wahrhaften Festland verwirklicht hat – weit ins Meer hinaus streckt er seine Arme, die Errungenschaften jener neuen Erde an sich ziehend, um sie der alten zu übergeben. – Die Donau, einer frommen Tochter gleich, die, mit dem Antlitz gen Osten gewandt, um Verjüngung der gealterten Erzeuger betet, bringt die fröhliche Botschaft, die geistigen Güter des Westens, den Ländern des Aufgangs zu, auf den Gräbern der Völker, auf den ungeheuren Schutthaufen der Geschichte die Hoffnungen neuer Lebensepochen einzupflanzen. Dem Osten entströmte ja – wie das Licht – die erste Zivilisation, die in immer weiteren Kreisen dem Westen zu vorrückte; als schöne Liebespflichtspende empfängt nun jener ihre Segnungen von diesem zurück. Das ist der große Friedens- und Versöhnungsbund, dessen ganze Bedeutung in voller Klarheit zu erkennen und dauernd festzustellen unserer Zeit vorbehalten war. Von allen öffentlichen Angelegenheiten, denen der mächtige Herrscher des Jahrhunderts, der Industrialismus, im jüngsten Dezennium huldigte, ist keine großartiger, drückt keine die Mission, die unserem deutschen Vaterland geworden ist, deutlicher aus als die Verbindung der Donau mit dem Rhein; hier ist ein Triumph der Idee über menschliche Berechnung, welche sogar erstrebten und verdienten Nachruhm überlebt.

Solchen Gedanken an das symbolische Brautfest des Rheins mit der Donau liegt ein Vergleich beider nahe.

Als König der deutschen Ströme begrüßt ihr und preist in hundert frohen Liedern den Rhein. Auswanderer, die dem deutschen Boden auf ewig Lebewohl gesagt haben und auf dem Weltmeer der neuen, unbekannten Heimat entgegensteuern, reichen sich auf dem Verdeck des Schnellseglers die Hände; im grünen Römer schimmert Rüdesheims Gold, da stimmen die ernsten Männer wie auf ein geheimes Losungswort die wohlbekannte Weise an: »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben, gesegnet sei der Rhein!« Wie Lenz und die erste Liebe lebst du im deutschen Gesang! Die stattlichen Burgen auf deinen rebenbepflanzten Bergufern widerhallen seit alten Zeiten von des Vaterlandes Ehrenpreis, von dröhnenden, weckenden Kampf- und Siegesliedern, von Freiheit und Treue; und wie die Trophäen fremder Zwingherrschaft, so verschlangst du brausend höfischer Schmeichelei unwürdiges Wort; um Mitternacht aber läßt die Lorelei, am Felsenhang in Nebelschleiern sich wiegend, von Königskindern, die sich treu bis in den Tod geliebt haben, vom Hort der Nibelungen erschütternde Sagen leise erklingen. Am Tag aber singt dem Rheinfahrer im schaukelnden Kahn des Schiffers rotwangiges Kind davon und schlägt mit dem Ruder den Takt, indessen jener – die Lorelei hat es ihm angetan – träumerisch hinabblickt in die frischen, klaren, kräuselnden Wogen.

Jetzt wecken ihn Schüsse, er fährt empor, und nicht mehr allzufern sieht er die Rauchsäulen emporwirbeln, welche, wie einst die Feuersäule vor dem auserwählten Volke, vor dem neuen Weltverkehr einherzieht; die weithin bewegten Wogen schlagen an den leichten Kahn, schon droht er umzuschlagen, da trotzt ihn die nervige Faust dem zürnenden Element ab und treibt ihn ans Ufer, indessen der Riesenschwan, die Fluten stolz durchfurchend, vorüberzieht; Tücher flattern auf des Dampfboots Verdeck, Hüte werden gelüftet, ein Lebehoch erschallt, der Uferfelsen gibt es zehnfach zurück, und neue Schüsse und lustige Waldhornklänge locken neues Echo immerfort. Schon ist der Riesenschwan den Blicken entschwunden, der Zorn der Fluten legt sich allgemach, der Rheinfahrer steuert wieder frisch in des Stromes Mitte und läßt den Kahn dahintreiben.

Am Ufer aber begegnen dem Wanderer, sobald er gelandet ist, fröhliche Menschen überall; der Winzer, der mit reichem Segen belastet vom Weinberg heimkehrt, begrüßt ihn jubelnd, indessen die Freudenfeuer auf den Höhen zu lodern beginnen; Musikanten ziehen mit klingendem Spiel die freundlichen Zeilen der Städte entlang, die sich an sanfte Berghänge lehnen. Da hörst du ein freies Wort aus deutschem Mund, Wanderer; im edlen Mannesstolz spricht es der Rheinländer, im Bewußtsein des Doppelreichtums, den ihm die Natur zugeteilt hat, den er tüchtig schaffend, nimmer rastend, sich selber erringt; das ist der Gottessegen, der den fröhlichen Lebensmut immer frisch erhält und nicht altern läßt. Und heiter wie der Fleiß des Rheinländers ist seine Frömmigkeit; nicht zu dumpfer Weltentsagung rufen die Glocken von jenen Türmen, auf denen der Storch sein Nest baut; seht die lachenden Kirchgängerinnen mit dem Blumenstrauß im Gebetbuch – der Gottesdienst, zu dem sie wandeln, ist ihnen ein Fest, und in ihren Herzen liegt der Himmel so klar und verständlich, wie er sich auf der Wellenglätte des Rheins spiegelt, wenn der von Bergen eingefriedete Strom zum ruhigen See zu werden scheint.

Die Donau aber hat noch kein Sänger gepriesen. Obwohl sie deutschen Ursprungs ist und mancher deutscher Volksstämme Länder durchströmt, fehlt ihr die Eigentümlichkeit eines sich gleichbleibenden Charakters, der sich ebenso auf den ersten Blick und stets als deutscher erkennen ließe wie jener des Rheins; sie wechselt ihre Physiognomie wie ihr Bett; die Donau bei Ingolstadt und die Donau bei Weltenburg scheinen zwei verschiedene Ströme. Aber wo sie den deutschen Charakter trägt und mit dem Rhein verglichen werden kann, zeigt sie jenen Charakter noch entschiedener ausgeprägt, gleichsam noch in vorzeitlicher Abgeschiedenheit, und übertrifft die anmutigen Schönheiten des Rheins bald durch wilde, bald durch erhabene, die oft nur belebt sind durch den heiseren Schrei des Geiers, der vom dunklen Felsenhorst von einem Ufer in den gelichteten Wald am anderen hinüberschwirrt, oder durch das Gebrüll der rohen Jodel, die ihre starkknochigen, breitbrüstigen Hochenauer Rosse zum Gegentrieb auf dem Treppelweg (Leinpfad) dahinpeitschen. Das fromme, naive, mutwillige Volkslied flüchtet wie ein verscheuchtes Waisenkind aus den öden Wirtshäusern an den Donauufern, wo fast einzig der plumpe Witz der Handwerksburschen und die Späße der Schiffsleute willkommene Gäste sind und die Wirte, durch solche Besuche verwildert und nur für solche empfänglich, dennoch froh sind, das übernächtige Volk bald wieder loszuwerden; da wird die Gastfreundschaft bezahlt, der echte volkstümliche, freudige Lebensmut aber kann vor der Roheit und dem Stumpfsinn nicht aufkommen. Auf manchen weiten Uferstrecken, die sich von einer größeren oder geringeren Stadt zur anderen hindehnen, siehst du nur im üppigen Fruchtfeld die Spuren nimmermüden Menschenfleißes; traurige Abgeschiedenheit aber – wie bei Halbwilden – in jenen armseligen Dörfchen, die an die Säume dichter Uferwälder, an die Grundgemäuer zerfallener Raubschlösser sich lehnen, wo die Bewohner, von Not oder Unwissenheit zu Boden gedrückt, unterm Joch urväterlicher Gewohnheiten und Vorurteile ihr Leben hinschleppen; Gewerbefleiß ist dort unbekannt; von heimlichen Schauern überrieselt, als sah' er Zauberspuk und Teufelswerk, mag wohl in manch enger Bergwaldschlucht, durch die die Donau sich eilig zwängt, der Dörfler, die Arme über der Brust verkreuzt, am Ufer gestanden und gestarrt haben, als kürzlich das erste Dampfschiff voll froher Gesichter, das Banner der neuen Zivilisation siegreich entfaltend, durch dieselben Fluten dahinbrauste, auf denen er bis dahin nur die elend gezimmerten Ulmer oder Regensburger »Ordinari« mit den rudernden Handwerksburschen, die unter schwerer Fracht tief gehenden »Kelhamer« und »Plätten« oder die einfachen Holzflöße, die armseligen Waizzillen gesehen hat und – wenn es hoch kam – die segellosen, plumpen Hochenauen, die von dreißig Rossen und mehr – den »Wagehals« an der Spitze – stromaufwärts gezogen werden.

Am Rhein ist der Mensch mehr eine bloße Staffage der reizenden Landschaft; an der Donau ist er nicht selten noch nicht einmal Staffage, und oft verdirbt er, wenn er sich zeigt, die abgeschlossene, feierliche Stimmung, die durch die Großartigkeit und Erhabenheit der Natur in uns geweckt wurde; wir wünschen sein Antlitz in das Waldesdunkel zurück, dem es entschlüpfte, und die dumpfen Töne der Axtschläge, die aus diesem zu uns dringen, sind uns willkommener als die fast unverständlichen Laute der breiten Mundart. Sogar über die Rebenpflanzungen, die hier und da auf den Abhängen der Uferberge sich zeigen, schattet jene düstere Melancholie, die sehr viele bergige und waldige Donaugegenden charakterisiert; da wird das alte Lied »Der Wein erfreut des Menschen Herz« zur Lüge; wie das saure Getränke selbst, das aus jenen Reben gepreßt wird, nur eine Parodie des Weines ist. Armut aber und geistige Stumpfheit, in deren schwüler, stickiger Atmosphäre nicht Mut noch Freude gedeihen kann, hält auch die Entwicklung körperlicher Wohlbildung nieder; lang getragene Last erdrückt endlich die Kraft.

Vergebens sucht ihr an Uferstrecken der Donau, wo die Natur so herrlich und oft schöner ist als die am Rhein, die Anmut weiblicher Formen, die freie Entschiedenheit männlicher Kraft, wie ihr sie am Rhein findet; nur in einzelnen wohlhabenden Städten an der Donau werdet ihr beiden begegnen. Selbst die Frömmigkeit trägt nur in den Städten die heitere Physiognomie des Katholizismus; in manchen vereinzelten, vom Verkehr der Menschen abgeschiedenen Flecken, Dörfern und Höfen starrt sie düster vor sich hin und klammert sich gern an den Aberglauben, der in früheren Zeiten gerade den Lauf der Donau entlang durch kluge Lenker der Volkserziehung sorglich genährt wurde, so daß nicht selten aus dem Aschenhaufen, in dem rein menschliche Bande zerfielen, aus dem Düngerhaufen die verzehrende Flamme des Fanatismus hervorschlug; erinnert euch an den Herd der Glaubensgerichte in Ingolstadt, an die Passauer Kunst und den Amulettenhandel! Noch reden zahllose Legenden und Klostersagen am Strand der deutschen Donau von der großen Gläubigkeit der Altvorderen; die Legende lebt im Mund des Volkes noch heute statt der Heldensage, die erloschen ist, statt der großen geschichtlichen Erinnerungen, die ausgetilgt scheinen; fast einzig in den Geleisen der Wallfahrten hat sich hie und da die Spur eines Volksgesangs erhalten.

Die Kultur der Uferanwohner steht, wie wir eben andeuteten, mit den Eigentümlichkeiten der verschiedenen Landschaften im Widerspruch; sie steht aber mit den Richtungen der Handelszüge und mit den Charakteren der verschiedenen Volksstämme, deren Ausläufe an die Ufer reichen, in inniger Wechselwirkung, obwohl die Eigentümlichkeiten derselben, je mehr sie sich an die Stromufer hinabsenken, sich allmählich verwischen oder in Grenznachbarlichkeiten neutralisieren.

Am schroffsten stehen Schwaben und Bayern neben-, fast gegeneinander, zwei so völlig widerstrebende Temperamente, wie das sanguinische und das phlegmatische. Minder scharf sondern sich die rüstigen Pfälzer und die tätigen Wäldler; beide wieder schärfer gegen die stämmigen Altbayern; Ober- und Niederösterreicher treten einander nicht sowohl gegenüber, als vielmehr die letzteren hinter den ersteren an Eigentümlichkeit zurückstehen; der Oberösterreicher ist vielleicht vor allen übrigen Uferanwohnern am reichsten nuanciert, fleißig auf der sicheren Basis eines wohlgeordneten Besitzes, frisch wie die Alpenluft, die ihn noch erreicht, aufgeweckt, fröhlich und klug, neuen Ideen zugänglich; auf die Anwohner des linken Ufers (vom Mühlviertel) reflektiert hin und wieder die Färbung Böhmens, während die Niederösterreicher (wir sprechen hier stets nur von den Anwohnern der Donau!) im allgemeinen bloß durch eine überwiegende Gutmütigkeit sich charakterisieren, die, je näher dem gewaltig ausgedehnten Rayon des Einflusses der Kaiserstadt, um so rascher mit allen Abschattungen der letzteren zusammenfließt.

Der landschaftliche Charakter der Donaugegenden wechselt – man kann sagen: in Übereinstimmung mit jenem der Bewohner; gleichwohl ist es mißlich, einen Vergleich beider streng durchzuführen, wenn man nicht Gefahr laufen will, sie bloß als ein Spiel der Einbildungskraft verurteilt zu sehen. Nur eine flüchtige Skizze finde hier Platz. Vom Zusammenfluß der Brigach und der Brege (unter Donaueschingen) bis Ulm ist der jugendliche Strom die Seele eines reizenden Idylls; sanfte Höhen umschmiegen liebliche, stille Täler mit reinlichen Häusern, woraus so frische und frohe Gesichter herausgucken, wie man sie nirgendwo im patriarchalischen Schwaben findet; wohlgenährte Herden weiden behaglich auf den saftigen Ufertriften, und fleißige Menschen schaffen in den großen Familien (so scheinen diese kleinen schwäbischen Städte mit ihren Pappelalleen und Gewerken) die Tagesstunden über rüstig drauflos. In solchen Gegenden ist's, wo auch die Natur mit dem Menschen nur ein Glied einer Familie ist, wo sie ihre Werktagsphysiognomie hat und mit den Menschen zugleich am Sonntag sich in einen besonderen Staat zu werfen scheint.

Von Ulm an breitet herrliches Fruchtland sich aus, in dem manche Städte und Schlösser auftauchen, deren Türme im letzten Schimmer geschichtlichen Abendrots erglühen: Günzburg, der Burgauer Markgrafen Hofhalt, Höchstädt, wo des alten Marlborough Schatten sein Schlachtfeld umwandelt, Donauwörth, an dessen Mauern das Blut Mariens von Brabant klebt, Neuburg, wo Ludwig im Bart zum Lear und der Buckel, der Graf von Graisbach, sein Sohn, an ihm zum Ischariot wurde.

Von Grünau, unfern Neuburg, bis Ingolstadt zieht sich das Donaumoos – ein trostloser Anblick für den Maler. Von Ingolstadt bis Vohburg – öde Fläche; Schloß Wackerstein – hoch auf dem schroffen Felsen, der senkrecht aus den Fluten emporsteigt, rings von sanften bewaldeten Uferpartien umgeben – und Pförring erfrischen die Sinne wieder; von Irnsing an, wo die Römerstraße auf die Römerschanze stößt, sondern sich die Ufer zu anmutigen Profilen. Bei Weltenburg gipfeln die schroffen Kalkfelsen wie Wände eines ungeheuren Sarges sich empor, dessen Deckel des Himmels Blau, dessen Boden der Strom ist. Beklommener atmest du, wenn du, auf dem schmalen, leichten Kahn stromab getrieben, dicht an den Klippen vorbeistreifst; die nächste Welle vermag dich dagegenzuwerfen; wenn ein Sturm tückisch erwacht, jäh durch die Schluchten dahinbraust, bist du verloren, da ist kein Ufer, an das du dich flüchten und retten kannst; dein letzter Halt ist, wenn du mit dem Enterhaken ihn noch zu erreichen vermagst, einer der eisernen Ringe, die von Strecke zu Strecke aus den Felsen hervorragen; mit all deiner Kraft, mit all deinem Stolz mußt du in diesen Strompässen die Herrschaft der Natur huldigend anerkennen, auf Gnade oder Ungnade dich ihr übergeben. Du atmest, als wärest du dem Verderben wie durch ein Wunder entronnen, leichter auf, wenn du die Felsen wie eine offene Pforte hinter dir, vor dir die freundliche Einsiedelei siehst, wenn dein Gemüt sich von den Schauern der Erhabenheit an der Heiterkeit der Landschaft erholt, die dich an die Ufer des Rheins bei Andernach erinnert. Von der Mündung der Altmühl in die Donau bei Kelheim bis Regensburg behalten die Ufergegenden diesen Charakter; das Auge labt sich an der reichen Abwechslung von dunklen Waldhöhen und lachendem Feld, und hie und da bilden Reste alter Burgen die Mittelpunkte reizender Gruppen und anmutiger Bergeslinien, die den Horizont begrenzen.

Von Regensburg bis Donaustauf und zur Walhalla liegt ein herrliches Panorama vor deinen Blicken ausgebreitet – reiches Land am rechten Ufer, von Regensburgs Türmen der Horizont abgeschlossen, am linken Ufer steigen in sanften Wogen die Waldberge empor. Je näher du an Straubing kommst, um so ferner weicht die Bergkette zurück; nur ihrer graziösen Linien kannst du dich noch erfreuen. Bei Deggendorf, wo die Isar mündet, und nach kurzer Pause, nach der du die Kuppen des fernen Böhmerwaldes gewahrst, bei Oberwinzer, Hofkirchen und Hilgartsberg rücken die Berge, geschlossenen Kolonnen gleich, zu beiden Seiten des Stromes wieder näher aneinander und gönnen bis Passau dem Auge keine Rast im Genuß landschaftlicher Schönheit.

Von der alten Bischofsstadt an bis Engelhartszell, wo die Donau Bayern verläßt und in das gesegnete Oberösterreich tritt, von Engelhartszell bis Aschach, wo sie um zahlreiche Inseln mit öden Auen sich zersplittert, von Ottensheim bis Linz strömt sie zwischen imposanten, dicht umwaldeten Bergen dahin, von denen ernst und trotzig die alten Burgen in den Strom hinabschauen; da wandelt die Natur ihre Züge nicht nach den Freuden und Leiden der Menschen – in feierlicher Ruhe, in stiller, stolzer Abgeschlossenheit träumt sie, um das Treiben des Menschen unbekümmert, ihre Elegie hin; kein Märchen, das der Trug ersann und der Aberglaube heiligte, stört in grellen Mißtönen dieses lebendig gewordene und nie veraltende Gedicht, erst bei Linz ist's der Schall der Freude und des Lebensmutes, der ihres Ernstes Meister wird, daß sie als Zeugin menschlichen Glücks mit Menschen zu leben, zu atmen, sich mitzufreuen und zu lächeln scheint.

Nun aber wird der Charakter der Donaulandschaften ein unbestimmter; der Strom zerteilt sich in Inseln, die Ufer flachen sich allmählich ab; das Auge des Donaufahrers ermüdet an den Auen, zwischen denen das Schiff dahinsteuert. Bei Grein aber packen die Felsen den Strom, der, schäumend vor Zorn, durch ihre Klippen sich windet und zu entrinnen sucht. – Angriff, Notwehr, Kampf mit all seinem Grausen, was du jetzt siehst und hörst! Mit der Verzweiflung Gewalt zersprengt er die Kette der granitenen Gesellen und stürmt vor Siegeslust aufheulend über die Gefallenen dahin. Eine verfluchte Stätte; weiß, als bleiche Gebein darauf, die Sandbank umschleicht er stiller und tobt dann aufs neue, wie ihm die Wunden klaffen, und sucht in wilder Rachlust sich selber jetzt Opfer. Die dunklen Wälder senken die Kronen; hoch über dem Schlachtfeld aber, die zerfallenden Burgen und den Aufruhr der Natur überragend, steht das Symbol der Versöhnung und des Friedens: das Kreuz.

Wie ermattet vom Kampf zieht der Strom jetzt ruhiger durch sanftere Täler dahin, zum freundlichen Schloß Persenbeug und nach Ybbs, wo er rasch sich durch Flachland wendet und nun herrlichen Berggründen zueilt, in denen er mit Behagen verweilt. Die Landschaft wird weit und fruchtbar, ein herrlicher, großartiger Garten, aus dessen Saum sich Weiteneck und Lubereck erheben, im Hintergrund imposant geschlossen durch den Prachtbau des Stiftes Melk, hinter dessen Felsen bei Schönbühel sich Pforten in ein heimeliges, stilles Waldtal auftun. Je tiefer du aber, die Anmut suchend, in dieses dringst, um so ernster überrascht dich bei jeder neuen Wendung des Stroms die Natur, je höher scheinen dir die majestätischen Berge emporzuwachsen. In des Schreckwalds »Rosengärtlein« bist du geraten, der dräut dir herab vom Adlerhorst; noch scheuchen er und die zwei Hunde von Kuenring alles Lebendige aus den armseligen Dörflein und Flecken in der Wachau. Die Teufelsmauer senkt sich jetzt dicht vor dir in den Strom hinab, tausend Echos bergen sich unter den nackten Felsmassen: zahlreiche Sagen zugleich; wecke eine einzige, und von einer Menge widerhallt das schöne Tal. Der Fels scheint Mauer – die Trümmer des Gemäuers zerklüfteter Fels. Du siehst die gewaltige Sicherheit der Natur und bestaunst doch die malerische Zerstörung, in der auch ihre Gebilde zerfallen. Dürnstein, wo Löwenherz gefangen saß und Blondel, der Treue, sang, schließt wie ein kunstvoll geknüpfter Knoten das Zauberband der alten Geschichten und Sagen, das zwischen jenen Bergesufern sich schlingt. Von Stein, Mautern und Krems an verflacht sich die Physiognomie der Landschaft ganz und gar, sie trägt bis Tulln den breiten und nüchternen Ausdruck der Spießbürgerlichkeit. Erst Schloß Greifenstein fesselt die Blicke wieder, und Klosterneuburg, das stattliche Stift, und der Zeuge großer Kämpfe um die Kaiserstadt, der Kahlenberg, erfreuen dein Herz durch den Anblick der Rebenpflanzungen. Jetzt gewahrst du den anderen Zeugen von Wiens Vergangenheit, das Werk der Menschenhand, den Stephansturm, und bald vergißt du im Gewühl und Getümmel der Kaiserstadt die mannigfachen Wechsel der Donauphysiognomie. Unterhalb Wiens aber, wo der Halbmond von Bergen und sanften Waldhöhen, der die Kaiserstadt umschließt, gegen Osten und Norden sich öffnet, gewinnt das flache Ansehen der Uferstrecken, der Auen, des fruchtbaren Marchfeldes und der Heide bei Simmering eine nationale Bedeutung, eine geschichtliche Beleuchtung. Diese unabsehbaren Felder, diese weit ausgedehnten Auen und Heiden sind Walplätze, auf denen der Name Deutschland durch deutsches Blut der Nachwelt erhalten wurde. Diese Erinnerungen leiten zunächst zu einem Überblick des geschichtlichen Charakters der Donau.

Unbesungen, doch wert des Gesangs, ist sie durch geschichtliche Bedeutung Deutschlands deutschester Strom. Die Brauen des Isters (supercilia Histri) sind's, welche Rom als seines Weltreichs Grenze anerkennen muß, wenn auch die antoninische Siegessäule von Marc Aurels Donauübergang und seinem durch Götterhilfe am linken Donauufer über die Quaden erfochtenen Sieg in zwei Basreliefs redet; die römischen Geschichtsbücher reden von der Donauflotte; die römischen Itinerarien weisen die Reihe der gemauerten Standlager, der Städte an der Donau auf; in dem Oppidum Vindobona verscheidet jener edle kaiserliche Philosoph Marcus Aurelius. An der Enns, in Lorch, wirken der Bischof Maximilian, der Tribun Florian, die ersten Blutzeugen der weltversöhnenden Heilslehre, für die neue Gesittung. Auf der Donau schifft Julian, der Apostat, altrömischer Mannestugend voll, zu gewaltig für eine zerfallende Zivilisation, die auch ihn zermalmt, gen Sirmium und Bonostor. An der Donau breitet Attila, die Geißel Gottes, ihr blutiges Reich aus. Aus Sankt Severins Zelle zieht der Heruler Jüngling Odoaker gen Welschland, das ihm – nach des Heiligen Weissagung – für das Tierfell um seine Lenden den römischen Purpur und durch die Hand des letzten Kaiserknaben Romulus Augustulus das Diadem gibt. Von Regensburg schifft Rupert, der Gottesmann, die Donau hinab, um über Schutthaufen und Gräbern den verwilderten Völkern das Christentum zu predigen. An der Donau dringt Karl der Große mit gewaltigen Heeresmassen und dem Schrecken seines Namens hinab gegen die räuberischen Awaren und vertilgt das Volk; in seinem Hofhalt zu Regensburg sinnt er dem großen Gedanken nach, den Rhein und die Donau zu verbinden, den Okzident mit dem Orient. An der Donau steht der Magyaren trotzige Eisenburg Medelikke (Melk) dreißig Jahre lang, nachdem nur sieben Männer aus der Lechfeldschlacht den siegreichen Deutschen entronnen sind, die Grenzgrafen der Ostmark herausfordernd, bis der Babenberger Leopold der Erlauchte sie stürmt und die Erbfeinde deutschen Namens bis an das Kahlengebirge zurückdrängt.

Und wieder ein Leopold – der Heilige – ist es, der Ostmarkbeherrscher, der Gründer Klosterneuburgs, der bei dem Kampf zwischen Vater und Sohn durch den Übertritt zur Partei des letzteren die Katastrophe des unglücklichen greisen Heinrich IV. vollenden hilft, der die angebotene Kaiserkrone verschmäht; Leopolds zweite Gemahlin, Agnes, ebenjenes Heinrich IV. Tochter, des Schwabenherzogs Friedrich Witwe, ist der zwei mächtigsten Geschlechter – der Staufen und der Babenberger – Ahnfrau, deren letzte Sprosse später auf Neapels Blutgerüst brüderlich vereint fallen.

Seit Bernhard, der begeisterte Mönch, zu Speyer den Kreuzzug gepredigt hat, schimmert die Donau den frommen Streitern, die das Grab des Heilands zu befreien ins Morgenland fahren, als Silberfaden in den Labyrinthen unbekannter Länder und Völker. Von Regensburg ziehen König Konrad der Staufe und sein Neffe, der Rotbart, schiffen die Babenberger Heinrich, der Jasomirgott zubenannt, und Otto von Freising, der alte Welf von Bayern, Kirchenfürsten, Ritter und edle Herren in Pracht und frohen Siegesmuts voll, gen Wien, wo Bischof Reinbert von Passau die neue Kirche einweiht, die Jasomirgott dem ersten Blutzeugen Stephan erbaute. Regensburg und Wien sind von nun an, solange die fromme Begeisterung währt, die beiden Pole des süddeutschen Handels, die geräuschvollen Stapelplätze eines großartigen Verkehrs mit dem Morgenland und mit Rußland. In dem Fischerdorf Erdberg bei Wien wird Richard Löwenherz erkannt und gefangen, und Hadamar der Kuenringer bringt den König, der die Schmähung des österreichischen Banners büßen soll, auf die unangreifbare Burg Dürnstein. Den Herzog von Österreich preist Heinrich von Ofterdingen beim Sängerkrieg auf der Wartburg; vom minniglichen Hof Leopolds des Glorreichen zu Wien singt Walther von der Vogelweide. Der Sänger des Frauendienstes, Ulrich von Lichtenstein, erfüllt von Venedig bis Wien alle Herzen mit dem Ruhm seiner Lieder, seiner märchenhaften Züge. Zu Klosterneuburg und Wien strömt zahlloses Volk zu den prachtvollen Turnieren dieses heiteren Don Quixote seiner Zeit.

Dem gewaltigen Kaiser Friedrich II. steht der Donaubeherrscher Friedrich der Streitbare gegenüber; an einem Seitenfluß der Donau (dem Delphos des Chronisten) warfen Konrad und Enzio, die Kaisersöhne, das Heer der Mongolen zurück, das seit dem Blutbad bei Liegnitz alle abendländische Gesittung zu überschwemmen gedroht hatte; jener streitbare Friedrich, der letzte Babenberger, treibt in einer zweiten Schlacht an der Donau – bei Wien – die grausigen Gäste über Deutschlands Grenzen ins verwüstete Ungarland zurück. Auf dem Marchfeld, das, nicht fern von Wien von der Donau nordwärts unabsehbar ausgebreitet, ungeheuren Heeresmassen zum Schlachtfeld sich darbietet, gewinnt Rudolf I. von Habsburg durch des Böhmenkönigs Ottokar Fall sich die deutsche Kaiserkrone, dem deutschen Reich nach langen furchtbaren Wirren wieder Frieden, Ordnung und Gesetz. Die Donaulande vor allen empfinden Ludwigs des Bayern segensreiches Walten, sehen Friedrichs des Schönen Treue. An der Donau, in Wien, wächst und blüht, von Rudolf IV. gepflanzt, siebzehn Jahre nach der Stiftung der Prager die erste rein deutsche Hochschule.

In Ingolstadt herrscht der Bruder jener unseligen Isabeau, Ludwig der Bärtige, gehaßt und gefürchtet, der Frauen Liebling, seines guten Rechts trotziger Forderer, im höchsten Alter vom unnatürlichen Sohn Ludwig dem Buckel gefangen den Todfeinden verkauft. In Regensburg, der üppigen Stadt, verschließt des stolzen und strengen Vaters Gebot dem liebenden Sohn Albrecht um der schönen Bernauerin willen die Schranken des Turniers; in Straubing büßt dieses reine Weib des erbitterten Herzogs fürstlichen Stolz. Wien sieht den »Lieblingssohn des Mars«, Matthias Corvinus, die fünf letzten Jahre seines glorreichen Lebens zubringen und die kühne, königliche Seele in unsäglichen Schmerzen aushauchen. Wien sieht vor seinen Mauern den großen Suleyman die Blutfahne einer neuen Barbarei aufpflanzen; der 71jährige Niclas Salm, der Rogendorf, den Katzianer Hektor von Reischach, zahllose Herren vom Adel und Wiens edle Bürgerschaft rettete (1529), hinter Mauern, die kaum sechs Schuhe in der Dicke maßen, hinter elenden Zäunen von Palisaden, bloß durch Mannestugend und Begeisterung – gleich jenem Heinrich von Liegnitz, der bei Wahlstadt den Opfertod starb, gleich jenen Staufen und jenem Babenberger; 154 Jahre (1683) später retten der Polenkönig Sobiesky, der Herzog Karl von Lothringen, Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg und abermals die heldenmütigen Wiener gegen den stolzen Wesir Kara Mustapha das deutsche Vaterland vor dem Schicksal, eine Provinz des Osmanenreichs zu werden.

Die Fluten der Donau schwellen – wie im Dreißigjährigen Krieg – an vom Blut der Altgläubigen und der Protestanten, so im Bauernkrieg vom Blut der obderennsischen Bauern, die am Herberstorfer ihren Alba finden; solch ein roter Faden durchschlingt die neueren Geschicke der Donauländer. Als Max Emanuel der Übermacht unterlag, als Kaiser Joseph I. das bayrische Volk aushob und der Ruf durch Bayernland scholl: »Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben«, da geschahen an den Ufern der Flüsse, die der Donau zueilen – der Isar, der Vils und des Inn – Taten der Vaterlandsliebe, des klassischen Altertums würdig; das Sendlinger Weihnachtsfest, ein Fest der Volkstreue, mit Herzblut besiegelt, wird immerdar, solange Herzen schlagen, unvergessen sein.

In diesem jüngsten Jahrhundert aber sind die Ufer der Donau von Ulm bis Wien durch Taten bezeichnet, durch die die Geschicke der Völker bewegt und aufs neue festgestellt wurden; der alte Geschichtsruhm der Donaustädte verjüngt sich durch die Kämpfe französischer Tapferkeit gegen deutsche Kraft. Jene Höhen bei Ulm sind Zeugen namenloser Schmach. Bei Elchingens Erstürmung gewinnt Ney sich den Herzogstitel. Stadtamhof empfängt die Feuertaufe der Geschichte 1805, Abensberg 1809. Eferding empfindet 1800, 1805 und 1809 die Schrecken des Bauernkriegs von 1632 wieder. Um Ebelsberg an der Traun tobt 1809 die Mordschlacht Massenas gegen Hiller. In Enns hält im selben Jahr Napoleon auf seinem Siegeszug gegen Wien Rast und Hauptquartier. Bei Aspern stehen sich an jenem ewig denkwürdigen Maitag deutscher Ehren Napoleon und Erzherzog Karl von Österreich gegenüber, noch reden die Kugeln im Kirchturm von jenem Zweikampf, noch wirft des Landmanns Pflug die Gebeine der Tapferen aus den Furchen, die für den Ruhm Frankreichs und des Kaisers, die für ihres Vaterlandes Existenz auf jenen Feldern verbluteten. Wien selber, die althabsburgische Kaiserstadt, empfängt den Kaiser der Franzosen in seinen Mauern, der von Schönbrunn der Welt Gesetze gibt, nicht ahnend im Zenit des Glücks, daß in einem Zimmer dieses Schlosses sein Sohn einst kronenlos in der Blüte der Jugend dahinschwinden werde. – Wien endlich sah, als der große Kaiser erlegen war, den Fürstentag, der Europas Geschicke auf das Fundament eines heiligen Bundes stellte.

Nach diesen flüchtigen Skizzen landschaftlichen Charakters und der geschichtlichen Bedeutung der Donau nun noch einige Worte über ihren Ursprung, die Länge ihres Laufes, ihr Gefälle und ihre Nebenflüsse.

Über den Ursprung der Donau sind von den Alten, die die Donau bald Danubius, bald Ister nennen, Bei den Skythen heißt sie Matoa (Sumpffluß) und nach einem an dessen Ufern erlittenen Blutbad der »Todesfluß«, bei den Slawen Donava, bei den Türken Tanara, bei den Ungarn Duna. im Mittelalter bis auf neuere Gelehrte herab die mannigfachsten Sagen erzählt worden. Die Mythe von der Argonautenfahrt läßt Jason, nachdem er das Goldene Vlies glücklich gewonnen hatte, vor Absyrtos flüchtend, aus dem Schwarzen Meer die Donau stromaufwärts fahren bis zu den Quellen des Stroms im Herzynischen Wald. Herodot setzt dessen Ursprung bei Pyrrhme, einer Stadt der Kelten, Ptolomäus und Plinius in die abnobischen Berge. Tiber fand, als er mit Heeresmacht über den Bodensee gedrungen war, eine Tagereise davon die Quelle der Donau. Im ganzen Mittelalter erhielt sich die Sage, die Donau entspringe in Donaueschingen, und noch jetzt besucht mancher Reisende im guten Wahn den ummauerten Brunnen im dortigen Schloßhof, wo sich bald eine Gruppe erheben wird, die Donau als sitzende Jungfrau darstellend, von zwei Kindern (den Nebenflüssen) mit Urnen umgeben – ein Kunstwerk, das der Fürst von Fürstenberg bestellt hat.

Die Wahrheit lautet folgendermaßen: Die Donau wird unterhalb von Donaueschingen durch die Vereinigung der beiden Flüßchen Brigach und Breg gebildet, welche beide im Schwarzwald – die erstere unfern St. Georgen, die zweite südwestlich von dieser – entspringen und auf ihrem Lauf Villingen und Donaueschingen beziehungsweise Vöhrenbach, Bräunlingen und Hüfingen berühren.

Die Länge des Donaulaufes von ihrem Ursprung bis zur Mündung gibt der fleißige und genaue Forscher Schultes mit 400 Meilen, ihren Fall von Donauwörth bis Engelhartszell (nach Riedl) mit 688 (bayrischen) Fuß oder mit 1 Fuß auf 979, ihre mittlere Tiefe ungefähr mit 10 Fuß und ihre Geschwindigkeit in einer Sekunde bei dieser mittleren Tiefe mit 6 Fuß an.

Die Hauptflüsse, welche von Süden gen Norden, dem rechten Ufer zu, in die Donau münden, sind der Lech, die Isar, der Inn, die Traun, die Enns; dem linken Ufer zu, von Norden nach Süden, nur die Altmühl, die Nab, der Regen, die Ilz.

Die größeren und kleineren Flüsse, die sich in die deutsche Donau ergießen, sind am rechten Ufer: die Aitrach, die Ablach, die Ostrach, die Kanzach, die Riß, die Westernach, die Rot, die Iller, die Leiben, die zweite Roth (bei Fallheim), die Biber, die Günz, die Mindel, die Glött, die Zusam und die Schmutter, der Lech und die Ach, die Kleine Paar, die Große Paar, die Ilm, die Abens, die Pfatter, die Große Laaber, die Kleine Laaber, die Aiterach, die Isar, die Vils, der Inn, die Aschach, der Innbach, die Traun, die Enns, die Ybbs, die Erlauf, die Melk, die Pielach, die Traisen, die Perschling, die Tulln, die Wien, die Schwechat, die Fischa; am linken Ufer die Bära, die Schmiecha, die Lauchert, die Lauter, die Schmiech, die Blau, die Ach, die Brenz, die Egau, die Wörnitz, die Ussel, die Schutter, die Altmühl, die Schwarze Laaber, die Naab, der Regen, die Wiesent, die Kinsach, die Schwarzach, die Große Ohe, die Kleine Ohe, die Gaißa, die Ilz, der Erlaubach, die Ranna, die Kleine Mühl, die Große Mühl, die Rodl, die Gusen, die Aist, die Naarn, die Isper, die Krems, der Große Kamp, die Schmida, der Göllersbach, der Rußbach, die March.

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