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Die Donau

Eduard Duller: Die Donau - Kapitel 10
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authorEduard Duller
titleDie Donau
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Wiens Umgebung

Im weiten Halbkreis, dessen Sehne die Donau bildet, reihen sich um die Kaiserstadt jene Landschaften, deren Charakter im ganzen, so verschieden sie in ihren Nuancen sich darstellen, Anmut und Lieblichkeit ist; das fröhliche Wiener Volk findet ihr überall als Staffage, wie ihr keine freundlichere wünschen könnt. Von den der Donau nahen Rebenhügeln, auf denen St. Severin einst segensreich waltete, als dieses jetzt so herrliche Land noch eine von Barbaren durchstreifte Wildnis war, wollen wir unsere Ausflüge beginnen; leider dürfen unsere Blicke nur flüchtig über den Reichtum historischer Erinnerungen hinweggleiten, die so manchen charakteristischen Sagen in jenen Gegenden als Fundamente dienen.

Von Döbling auf den Himmel

»Hat Wien seinen eigenen Himmel?« fragt ihr erstaunt, da ihr doch den »Himmel auf Erden« und das »ewige Leben« in der Kaiserstadt gefunden habt. Geduld, ihr werdet jenen Himmel par excellence kennenlernen, folgt uns nur vor die Nußdorfer Linie hinaus nach den freundlichen Dörfern Ober- und Unterdöbling, wo den Hohlweg einst Türkenblut füllte; die große Batterie der Heiden über demselben donnerte damals sieben Stunden in einem fort, bis der Lothringer sie im Sturm errang. Jenes bescheidene Landhaus bewohnt während der Sommermonate der Geschichtsschreiber der Osmanen, dessen Name in Stambul mit gleicher Hochachtung genannt wird wie in Wien, dessen Verdienste der Reformator einer in letzten Zügen liegenden Nationalität, der Großherr, nicht genug ehren zu können glaubt – der edle Freiherr Hammer-Purgstall. In dem engen Salon dieser Villa, im gastlichen Hofraum und im daran anstoßenden Gärtchen findet ihr die Elite der geistigen Notabilitäten Österreichs um den liebenswürdigen Wirt versammelt, der, wenn auch in Jahren vorgerückt, noch mit jugendlicher Rüstigkeit und Vaterlandsliebe der heimischen Literatur vermittelnd und fördernd sich hingibt; wie oft sah dieses Haus den »Wiener Poeten« par excellence, den Dichter der Totenkränze, den tiefsinnigen Lenau, den heiteren Lustspieldichter Bauernfeld, der euch den vollkommensten Typus eines Wieners, wie er ist und wie er sein soll, darstellt, den berühmten Statistiker Adrian Balbi, den fleißigen Quellenforscher Kaltenpäck und so viele andere, deren Talente dem Vaterland zur Ehre gereichen, im traulichen Kreis versammelt und jeden von diesen Männern mit dem großen Orientalisten an Aufmerksamkeit wetteifern, um einen Fremden, der den Zirkel betrat, zu unterhalten! Von Döbling führt die vielbesuchte Straße zu dem Dorf Heiligenstadt, wo die Zelle stand, in der St. Severin dem Odoaker die Krone Italiens prophezeite; die alte Jakobskapelle soll auf dieser Stätte stehen. Von der Michaeliskirche führt der Weg nach Grinzing, das sich in Rebenpflanzungen birgt; Wiens Johannisberger reift dort, und der ist kein echter Wiener, der nicht für den Grinzinger schwärmen kann.

Von Grinzing wandern wir auf den Kobenzlberg, von dessen Villa aus wir die Metropole in ihrer ganzen Pracht und Größe und die unabsehbar ausgebreiteten Fruchtebenen des Marchfelds überblicken. Ein Fußpfad führt vom Kobenzlberg ins anmutige »Krapfenwaldl«; woher der Hain diesen wunderlichen Namen erhalten hat, fragt ihr? Vom Symbol der Wiener Faschingslust ohne Zweifel; der Ort ist so traulich und schön, daß ihm, um für ein Stück des Paradieses zu gelten, nichts fehlt, als daß die Bäume dieses natürlichen Parks Krapfen als Früchte tragen – ihr müßt nämlich wissen, daß die Wiener Faschingskrapfen eine Delikatesse sind, welche unseren alten Erbfeind, den Türken, schon an der Schwelle seines Paradieses lüstern machen könnte, daß er bedächtig wählend den Fuß zurückzöge und, solchen Krapfen, die ein Schalk ihm vor der Nase hertrüge, folgend, sich für den Wiener Himmel entschiede. Wir brauchen nicht weit zu gehen; ein trefflicher Pfad führt vom Kobenzlberg hin, eine wahrhaft himmlische Aussicht ist's, die er uns bietet.

Am Fuße dieses Wiener »Himmels« liegt das Dorf Sievering, dessen Namen das Andenken des frommen Severin erhält, mit einer uralten Kirche. Ihr lebensfrohen Wiener, die ihr hier unter kühl schattenden Bäumen die Gläser voller Grinzinger emporhebt, vergeßt im Genuß des Heute auch die Vergangenheit nicht; wie viele von euch wissen, daß ein Severin gelebt hat? Ihr anderen aber dort oben auf dem »Himmel«, die ihr, immerdar im Besitz des teuersten Gutes – des Vaterlands – schwelgt, ohne (wie Gesunde nicht wissen, was Krankheit ist) das Elend euch so recht lebhaft vorstellen zu können, wenn einer am Strand des Weltmeers steht und den Winden und Wellen Grüße an die ferne Heimat mitgibt, gedenkt in eurer Freude auch solcher, und ein Lebehoch aus voller Brust bringt dem schlichten deutschen Mann im Kaisermantel, der die schwerste Kunst auf Erden – die des Vergessens – kann und das schönste Recht übte, das Gott den Gewaltigen gibt: das Recht der Begnadigung.

Von Währing gen Neustift

Die Lustwanderung von Währing bis Neustift reiht sich an die vorige. Auch hier stoßen wir auf Reliquien jener welthistorisch bedeutsamen Türkenbelagerung Wiens vom Jahre 1683. Gleich außerhalb der von den Bewohnern der Kaiserstadt vielfach besuchten Dörfer Währing und Weinhaus gewahren wir die Türkenschanze. Wohl mochte dieser Standpunkt, von dem aus die herrliche Metropole ihre ganze Größe entfaltet, die Ungläubigen nochmals locken, alles daranzusetzen, um Wien als den Mittelpunkt eines Paschaliks zu gewinnen, von da aus der ganzen Christenheit Europas durch die Macht des Schreckens zu imponieren und Gesetze vorzuschreiben.

Von dort wandern wir in die Parkanlagen des Gersthofs und besuchen auf dem Friedhof das Grab des Dichters der »Landwehrlieder« und des »Regulus«, Heinrich von Collin. Ein anderes Dichtergrab bewahrt der Geymüllersche Garten zu Petzleinsdorf; dort schlummert Alxinger, der Verfasser des »Bliomberis« und des »Doolin von Mainz«. Gen Nordwesten von Petzleinsdorf liegt im anmutigen Talgrund Neustift im Walde, auf der Anhöhe das idyllische Salmannsdorf, hinter einem Rebenhügel birgt sich Sievering.

Von Hernais, das wir schon bei der Erzählung der Geschichte Wiens und später bei der Charakterisierung des Volkstreibens im Lerchenfeld erwähnten, führt ein Pfad nach Neuwaldegg und

Dornbach,

wo sich der herrliche Park des Fürsten Schwarzenberg zwei Stunden im Umfang ausdehnt; in dieser lieblichen Einsamkeit ruhen der Feldmarschall Lasey und der General Browne. Auch Dornbach sah die blutigen Kämpfe des 12. September 1683; aus dem Dornbacher Wald stürmten damals die Polen gegen die türkischen Geschwader hervor.

Von Neulerchenfeld wandern wir »durch des Korns hochwogende Gassen« dem »Predigtstuhl« oder Galizinberg zu. Rechts vor uns breitet sich ein großes Fruchtfeld, die »Schmelz«, aus, auf dem die Herbstmanöver stattfinden. Weiterhin zieht von der Mariahilfer Linie aus die Linzer Straße, deren einer Zweig nach Schönbrunn abläuft.

Von Penzing nach Mariabrunn und Mauerbach

Der Linzer Straße folgend kommen wir nach Penzing, das seinen Namen von den Turnieren empfangen haben soll, die unter den Babenbergern dort abgehalten wurden; die dortige alte Jakobskirche bewahrt ein schönes Werk Canovas, das Monument einer Frau von Rottmann. Von Penzing wandern wir nach dem freundlichen St. Veit und über Hacking nach Hütteldorf im Tal des Wienflüßchens. Dort seht ihr ein freundliches kleines Landhaus, ihr tretet in den Garten und pocht an der Tür; ein jovialer alter Herr kommt euch mit einer langen Pfeife entgegen, reicht euch treuherzig die Hand und tischt euch auf, was Küche und Keller liefern können; es ist Castelli, dessen Gedichte in österreichischer Mundart ihr von den frischen Lippen einer schönen Wienerin hören müßt, um die Naivität der Stoffe wie der Behandlung in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit kennenzulernen; wahrlich: diese Poesie ist so allerliebst wie die Wienerin selbst und lockt euch, wenn ihr Stoiker wäret, die Lippen zu küssen, denen dieser Dialekt entsprudelt. Wenn ihr Castelli ein gutes Wort gönnt, führt euch der Lebemann zu der Ruhestätte eines toten Dichters, der in einer Zeit, da das Saatfeld der österreichischen Poesie ziemlich brach lag, den literarischen Ruf des Vaterlands mächtig heben half; an der Andreaskirche schlummert Michael Denis. Auch unaufgefordert aber wird Castelli mit euch gern zu dem stattlichen Bräuhaus wandeln, wo unter schattigen Bäumen sich die Aussicht auf frisches, saftiges Waldesgrün des Tiergartens am jenseitigen Wienufer bietet; Musik schallt dort, und bunte Gesellschaft treibt sich munter herum, schwer wird es uns, zu scheiden; wer weiß, wann im Leben wieder wir einem von all diesen lieben Gesichtern begegnen und ob nicht, während wir uns schönen Hoffnungen hingeben, mitten im Gewühl schon der ernste Unsichtbare wandelt und sich seine Zugeteilten zeichnet – vielleicht eben die, an denen unser Herz mit tausend Banden hängt!

Weiter, weiter! Was kümmert es euch? Ihr wollt wandern und die frische Schönheit der Natur genießen, von der wir trunken vom Augenblick leichtsinnig wähnen, in ihr sei kein Tod; wollten wir schärfer sehen, in jeder Blüte, in jeder Welle würden wir den Keim des großen Sterbens erkennen. Getrost! Ist ja doch auch das Sterben nur ein Keimen neuen Lebens!

Mariabrunn ist die nächste Raststation auf unserem Ausflug; eine Wallfahrtskirche steht dort, welche von den Andächtigen an Marienfesten zahlreich besucht wird. In einer schönen Allee wandern wir jetzt nach Hadersdorf, in dessen Park wir Laudons Monument (von Zauner) besuchen, dann im Wald nach Mauerbach, in dessen lieblicher Einsamkeit einst Kartäuser lebten; der Prior Gottfried von Mauerbach war es – Friedrichs des Schönen Lehrer und treuer Freund –, der am 13. März 1325 dessen Lösung von der Haft auf der Trausnitz erwirkte und den versöhnten Gegenkönigen die Hostie teilte; jetzt ist die Kartause in ein Armenversorgungshaus verwandelt worden. Eine Stunde davon liegt die »Passauer Hütte«, von der aus sich ein Panorama der Donau von Tulln bis Krems entfaltet; eine Rundschau der Alpen vom Schneeberg bis zum Ötscher tut sich von der Hohen Wand auf, zu der ein Weg von einer halben Stunde vom freundlichen Hainbacher Tal hinanführt.

Schönbrunn und seine Umgebung

Eine weltgeschichtliche Erinnerung hat dieses Schloß geweiht, das wir Österreichs Versailles nennen könnten, wäre ein solcher Vergleich nicht eine Beleidigung für die Manen der tugendhaften Kaiserin Maria Theresia, welche den Neubau Schönbrunns vollendete. Zwei Adler seht ihr auf hohen Spitzsäulen den Eingang des Vorhofs bewachen; so nachbarlich standen sich der alte Schirmadler Deutschlands und der blitzeschleudernde Siegesaar, der in die Sonne von Austerlitz sah. Der Mann des Jahrhunderts lenkte von diesem Schloß aus, in dem Marie Antoinettes Mutter vom Glück ihrer Enkel träumte, die Zügel der Völkergeschichte, und dreiundzwanzig Jahre danach floh der im Purpur geborene »Sohn des Mannes« aus demselben Schloß, wo ein liebender Großvater ihn mit Tränen und Gebeten festhalten wollte, wo ein ganzes Volk seinen Atemzügen lauschte, dem Felsengrab im Ozean zu; einst als Kind hatte er hier mit einem jungen Löwen gespielt, das edle Tier ließ sich wie ein treues Hündlein streicheln und rollte und fing die Kugel, die man ihm hinwarf, wie einen Reichsapfel, aber lange konnte der Sohn Afrikas die Luft Schönbrunns nicht vertragen, so wenig wie der Sohn Korsikas die afrikanischen Lüfte, die auf sein Felseneiland hinstrichen.

Treten wir in den Hof, wo Gruppen von Hagenauer und Zauner zwei Bassins schmücken. Hier war's, wo Friedrich Staps den Plan gegen das Leben des siegreichen Kaisers der Franzosen ausführen wollte. Imposant stellt sich uns die Fassade des Schlosses dar, an das zwei lange Flügel sich reihen; eine breite Doppeltreppe führt zu dem Hauptgebäude hinauf, dessen großer Saal mit einem Deckengemälde von Gregor Guglielmi geschmückt ist. Durch die kühle Eingangshalle wandeln wir jetzt in den Garten, der im großartigsten Stil angelegt ist. Ein großes Parterre mit Rasenplätzen, in deren Mitte sich reicher Blumenflor befindet, breitet sich vor uns aus, zu beiden Seiten umschließen es die zierlich ausgeglichenen Baumwände, durch deren Torwölbungen wir in die Perspektiven schattiger Alleen blicken – 33 Marmorstatuen verbergen sich in den grünen Nischen. Am Ende des Parterre glänzt uns das große Bassin entgegen, aus dem die beiden hohen Fontänen emporsteigen, dem staunenden Volk an Sonn- und Feiertagen ein Gegenstand nimmer ermüdenden Entzückens. Wir wandern den Berg hinauf, der sich hinter der mythologischen Steingruppe erhebt, zu der »Gloriette«, einem für bequemen Genuß der Aussicht errichteten Prunkgebäude, auf dessen höchster Höhe auch der kurzsichtigste Wiener so gern zwischen den Doppelköpfen des Adlers hindurchguckt. Dann steigen wir nieder und besuchen die einsame (künstliche) Ruine, den Obelisk, die Quelle (an der Beyers Statue der Egeria sich befindet) und in der gegenüberliegenden Hälfte des Gartens das Labyrinth und die Menagerie, wohin der ehrsame Wiener Bürger so gern seine Kinder führt und wo er sich halb totlachen will, wenn er den Bären durch zugeworfene solide Kost zum Klettern bewegt.

Von diesem Teil des Gartens führt eine schräg laufende breite Allee nach dem Dorf Hietzing, das, stünde es irgendwo anders als in der Nähe Wiens und Schönbrunns, für eine allerliebste Landschaft gelten würde; so lebhaft ist das Getümmel der Gäste, die aus der Kaiserstadt herbeiströmen, das Gewühl der Equipagen, Fiaker und Omnibusse, welche sich vor Dommayers Kasino und auf dem Platz vor der Wallfahrtskirche kreuzen, deren Entstehung davon herrührt, daß ein Marienbild den von den Türken 1529 hatte Hassan Michaloghli in Hietzing sein Hauptquartier. gefangenen Christen im österreichischen Patois warnend zugerufen habe: »Hüt's eng (Hütet euch!)«; ihr seht aus dieser an und für sich unbedeutenden Anekdote, wie kindlich der naive österreichische Volkscharakter zum Himmel steht, wie er ihn gleichsam als eine unsichtbare Erweiterung seiner Familienbeziehungen zu betrachten gewohnt ist.

Der »Erbfeind« hat seither aufgehört, ein Schreckbild der Wiener zu sein, und ihr könnt an der Kirche, die das Andenken der Türkennot bis auf den heutigen Tag erhielt, jetzt türkische Offiziere, die der Sultan zu höherer Ausbildung nach Wien sandte, vorüberwandeln sehen; sie eilen über die Straße nach Dommayers Kasino, wo Strauß seine neuesten Walzer spielt, dort lassen sie sich, seit sie europäische Uniformen tragen, das vom Propheten verbotene Getränk gar wohl schmecken und beschwichtigen etwaige Gewissensskrupel damit, daß sie nicht Wein, sondern Essig trinken – so tief hat die Zivilisation bereits allenthalben eingegriffen; sie haben in Wien schon so viel Deutsch gelernt, daß sie den Namen »Staberl Dörfel«, den ein Franzose nicht über die Zunge zu bringen vermöchte, leidlich aussprechen und den Begriff damit verbinden können, daß jene Benennung eine Reihe von Häusern bezeichnet, die der unermüdlich raffinierende Direktor des Theaters an der Wien, an dessen Possen sie sich weidlich ergötzen, sich in Hietzing von den Resultaten seiner Spekulation erbauen konnte.

Von Hietzing führt ein schöner Weg den Tiergarten entlang über Lainz und Speising nach Mauer, wo die im altdeutschen Stil erbaute Pfarrkirche unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, durch eine herrliche Schlucht nach dem Dorf Kalksburg, wo der Hofjuwelier Mack 1793 durch den Architekten Zobel eine prachtvolle Kirche erbauen ließ, welche Keller, Mauer und Spreng mit Malereien schmückten; auch das Monument Macks (von Kähsmann) verdient Beachtung. Von Kalksburg wandern wir weiter nach Rodaun und dem alten Marktflecken Perchtoldsdorf, wo wir eine herrliche Kirche im altdeutschen Baustil erblicken – der freistehende, aus Quadern erbaute, viereckige, 180 Fuß hohe Turm trägt die Jahreszahl 1521 –, die das Andenken des greulichen Blutbades vom 14. Juli 1683 erhält. Am 14. Juli, wo der Großwesir vor Wien stand und das Heer sich in die ganze Gegend berennend und brennend ergoß, erschien eine Truppe vor Perchtoldsdorf und warf tags darauf Feuer hinein. Die Bürger retteten Gut und Blut, Weib und Kind in die Kirche und den festen Turm. Am dritten Tag unterhandelten sie mit einem von Wien gekommenen Pascha um freien Abzug gegen die Erlegung von 4000 Gulden. Das Geld wurde auf drei Schüsseln dargebracht, die Bürger zogen aus dem Turm, an ihrer Spitze eine Jungfrau mit einem Kranz auf dem Haupt, eine Fahne in der Hand. Kaum waren sie hinausgezogen, wurden sie überfallen und niedergemetzelt, 3800 an der Zahl. Noch erneuert alljährlich an diesem Tag ein Seelenamt das Andenken des Christenmordes von Perchtoldsdorf. Aus: Hammer-Purgstall, »Geschichte des Osmanischen Reiches«. Nicht weit von der Kirche stehen die letzten Reste der alten Herzogsburg, die, wie so viele andere alten Bauten in Österreich, vom Volk für Überbleibsel eines Sitzes der Tempelherren gehalten werden.

Ein anderer von Kalksburg abschweifender Weg führt ins Breitenfurter Tal, über Breitenfurt nach Hochrotherd hinan, wo sich uns mit einem Mal die riesigen, stolzen Grenzhüter Österreichs und der Steiermark zeigen, von dort nach Sulz, über den Totenkopfberg ins romantische Kaltenleutgebner Tal hinab, dessen Windung nach Rodaun zurück einlenkt. –

Schönbrunn zur anderen Seite liegt der freundliche Badeort Meidling, der mit Hietzing rivalisiert und über diesen stolzen fashionablen Nebenbuhler wohl ohne Zweifel den Sieg davontragen würde, wenn die braven Wiener nicht dem Grundsatz huldigten, daß der schlechteste Wein noch immer besser sei als das beste Wasser; und da sie schon am Wein nichts gründlicher hassen als den Schwefel, so ist es ihnen kaum zu verargen, wenn sie Dommayer ohne Schwefelwasser dem Tivoli mit Schwefelwasser vorziehen. Meidling hat nämlich zwei Schwefelquellen und eine Rutschanstalt, die den stolzen Namen Tivoli an der Stirn trägt, die nach ihrer Vollendung – wie in Wien alles Neue – das Glück hatte, Mode zu werden. Bliebe jedoch Baden, das wir bald kennenlernen werden, nicht stets in Mode, so würde Meidling sein Rivalisieren mit Hietzing ohne Zweifel mit Erfolg gekrönt sehen. Aber Baden ist ein zu erklärter Liebling der Wiener, als daß das bescheidene Meidling dagegen aufzukommen hoffen dürfte, und so sieht es sich gezwungen, statt der Rolle des Egmont die des Brackenburg zu spielen.

Von Schönbrunns Umgebung bleibt uns nur noch das kaiserliche Lustschloß Hetzendorf zum Besuch übrig, zu dem von Schönbrunn aus eine Allee führt. Das Element, das Hetzendorf berühmt gemacht hat, ist derart, daß die Wiener, die in allen Stücken am liebsten das Reelle erfassen, es lieber lobend erwähnen als aufsuchen: es ist nämlich die Luft; und doch sollten gerade die Wiener, die den Himmel fast immer nur durch eine schwere Dunst- und Staubschicht zu sehen gewohnt sind, einen Ort aufsuchen, wo es gesunde, reine Luft einzuatmen gibt. Indessen: sie kümmern sich in der Regel mehr um Hietzings Staub und Dommayers Wein als um die gesunde Luft, um den im französischen Geschmack angelegten Garten und um Daniel Grans Deckengemälde im Schloß zu Hetzendorf; das ist Temperamentssache, und wir werden uns wohl hüten, deshalb mit ihnen zu rechten.

Mödling und die Brühl – Heiligenkreuz

Einer der herrlichsten Ausflüge von der Metropole aus ist die Partie nach Mödling und in die Brühl. Wir wandern von der Matzleinsdorfer Linie den Wienerberg hinan, auf dessen Höhe wir bei der »Spinnerin am Kreuz« rasten und uns nicht enthalten können, noch einmal auf die Kaiserstadt zurückzublicken. Dann geht es bergab; bevor wir Neudorf erreichen, biegen wir in die Straße rechts ein und nähern uns über Brunn am Gebirge und Enzersdorf, wo eine Wallfahrtskirche zu »Maria, Heil der Kranken« steht und Zacharias Werner auf dem Friedhof ruht, dem mit einer Heilquelle gesegneten Markt Mödling, dessen Rathaus und Kirchen uns durch ihre Bauart die Erinnerung an das hohe Alter dieses Ortes erwecken; vor allen besuchen wir die St.-Othmar-Kirche, deren Bau vom 13. Jahrhundert datiert, ihr Glockenturm erhebt sich frei auf dem Platz.

Geschichte und Sage beschäftigen sich vornehmlich mit Mödling; die erstere geht in die Tage der Babenberger zurück, von deren alter Burg noch die Ruinen am Eingang der vorderen Brühl stehen; die letztere meldet von dem sogenannten Teufelsstein, der an der Ecke eines Hauses gezeigt wird, folgendes:

»Am Fuße des hohen Anninger«, erzählt unser Gewährsmann, Wir flechten diese Sage wörtlich nach Trimmels Erzählung »Romantisch-historische Skizzen aus Österreichs Vorzeit«« ein, da wir es nicht wagen, sie zu verbürgen. »in dem damals noch ungelüfteten Forst des Brühler Tals, saß ein blondgelockter Junge mit blassen Wangen, obwohl die schwere Arbeit des Holzfällens, von der er sich zu erholen schien, die jugendlichen Wangen gewöhnlich zu röten pflegte. Er dachte an die Tochter seines Brotherrn, des reichen Mödlinger Müllers Otfried, welche das Gefühl der Liebe mit ihm teilte, ohne dies dem Vater gestehen zu dürfen, der mehr als einmal feierlich erklärte, daß sein künftiger Eidam, wenn auch kein großes Vermögen, so doch wenigstens den freien Besitz eines Hauses gesichert haben müsse. Kein Hoffnungsstrahl erheiterte sein düsteres Gemüt. Seine teuren Eltern waren gar wohlhabende Leute in Bayern, doch wurden sie ungerecht von einem bösen Vogt von Haus und Hof vertrieben und starben in der Fremde. ›Ach, hätt' ich nur den Grundstein meines väterlichen Hauses!‹ rief Konrad verzweiflungsvoll aus.

siehe Bildunterschrift

Mödling

›Diesen kann ich dir wohl verschaffen, und auch ein Haus dazu‹, sprach ein rüstiger Weidmann, der im dichten Föhrenwald plötzlich vor ihm stand.

›Wie? Ein Haus? Ach, um diesen Preis würd' ich Euch gerne dienen mein Leben lang‹, erwiderte Konrad.

Und der Weidmann: ›Es sei drum! Mir genügt dein Wort! Doch verlange ich bloß das erste Kind, das dir geboren wird!‹

Konrads Blut wallte schneller durch die Adern bei dem Gedanken an Gertruds Besitz, und halb bewußtlos vor Entzücken sprach er: ›Warum sollte ich das Kind Euch nicht geben für solch einen Dienst, da Ihr es gewiß gut und christlich erziehen werdet?‹

Der Graurock runzelte die Stirn und sprach: ›Die Gabe muß mir ohne irgendeine Bedingung übergeben werden‹, und Konrad reichte ihm die Hand.

Der Weidmann entfernte sich, und jener fiel in seinen alten Trübsinn und kehrte düster nach Mödling zurück; denn bei ruhiger Überlegung hielt er das Zwiegespräch mit dem Graurock für einen Weidmannsschwank. Zur Zeit der Mitternachtsstunde aber wurden die Bewohner Mödlings von einem schauerlichen Gewitter geweckt, das, den Mond verdunkelnd, wie eine riesige Gestalt über die westlichen Berge der Klause daherkam. Der Nachtwächter, der sich scheu verbergen wollte, warf sich dennoch auf die Knie; denn der Pforte des kleinen Spitals, wo vorzeiten die Pilgrime verpflegt wurden, nahte ein Priester mit der heiligen Wegzehrung, um einem dort schmachtenden siechen Pilger den letzten Trost der Kirche zu bringen, und wie er den Knienden erblickte, erteilte er ihm den Segen trotz des furchtbaren Gebrülls in den Lüften und eines schweren Falles, von dem die nahen Häuser erschüttert wurden.

Als man des Morgens einen Toten aus dem Spital trug, wandte Konrad scheu den Blick ab. Es war die Leiche des bösen Vogts, der auf einer Reise nach Heiligenkreuz, seine Sünden abzubüßen, hier vom Tod ereilt wurde. ›So wie ich und meine Eltern wird auch Gott ihm verziehen haben‹, rief der gute Junge und hob dankend die Hände gen Himmel, als ihm der fremde Stein gezeigt wurde, den der Versucher fallen ließ, als der Priester den Segen sprach. Es war der Grundstein seines väterlichen Hauses, und der Böse war somit an der Erfüllung seines Versprechens gehindert worden.

Auch Herr Otfried bereute, bei der Wahl eines Bräutigams nur die zeitlichen Güter dieser Welt berücksichtigt zu haben. ›Der Segen des Himmels ruht auf dir‹, sprach er tief gerührt. ›Was dem Bösen mißlang, soll mit Gottes Hilfe mir gelingen und Haus, Frau und Kind dir ohne eine Verbindlichkeit zuteil werden.‹

Er hielt Wort, und der Grundstein ist noch heutzutage an der Ecke eines Hauses im Markt zu sehen.«

 

Wir wandern den Berg hinan in die Brühl, die der Wiener die österreichische Schweiz nennt, und gewiß erinnern euch diese Bergpartien, wenn auch nicht durch gleiche Großartigkeit, doch durch gleiche Anmut an die Schweiz; nur eins wird euch in jener Gegend, die eine geschichtliche Weihe hat, unangenehm auffallen: die Menge künstlicher Ruinen, durch die der Eindruck der echten offenbar verlieren muß. Auf dem hohen Wartberg, auf dem schon unter den Babenbergern eine Warte stand, gewahrt ihr den »Runden Turm«, den der Schöpfer der Brühler Anlagen, Österreichs unvergeßlicher Held Fürst Johann von Lichtenstein, erbauen ließ.

Langsam laßt uns jetzt durch die Anlagen dieses großen Bergparks wandeln – jede Stelle hat ihren eigenen Reiz –, bis wir die Ruinen der Feste Lichtenstein erreichen, deren Herren zur Zeit Leopolds des Heiligen schon als Söhne eines edlen Geschlechts in der Steiermark wie in der Ostmark auftreten. Ihre Stammburg stand in der Steiermark; der gewaltige Böhmenkönig Ottokar brach sie im Jahre 1268; Kaiser Albrecht gab Otto dem Lichtensteiner, des liederreichen Ulrichs Sohn, der in der Marchfeldschlacht tapfer für Rudolf von Habsburg gestritten hat, die früher den Arnsteinern gehörige Burg Enzersdorf, die von jetzt an Lichtenstein geheißen wurde. Als der »gewaltige Hofmeister« Johann von Lichtenstein 1395 die fürstliche Gunst verscherzte, verlor er die Burg, die nun in den Besitz der Grafen von Cilli kam und bis zum Jahre 1456 dort verblieb. Erst 1808 wurde die Burg, die 1477 durch Matthias Corvinus erobert, 1529 durch die Türken (bei deren erstem) und 1683 (bei deren zweitem Einfall in Österreich) in Brand gesteckt worden war, durch Kauf wieder Eigentum der Lichtensteiner Familie.

siehe Bildunterschrift

In der Brühl

Laßt uns jetzt die weitläufigen Räume dieser auf Felsgrund thronenden ehrwürdigen Ruine durchwandeln! Zuerst betreten wir den sogenannten Rittersaal (ursprünglich mehrere übereinander gelegene Gemächer, deren Decken ausgebrochen worden sind), darin zeigt man uns 26 Ahnenbilder der Lichtensteiner – wovon die wenigsten Originale sind –, in einem Seitengemach 13 weibliche Familienporträts. Die Pankrazkapelle, deren Baustil auf das 12. Jahrhundert hinweist, ist noch ganz wohl erhalten. Der Raum, der sonst als Küche diente, ist jetzt in eine Rüstkammer umgewandelt. In den oberen Räumen der Burg sind keine erhaltenen Gemächer mehr. Eine entzückende Aussicht, die sich durch die zerklüfteten Bogenfenster bietet, entschädigt uns reichlich.

Gegenüber dieser alten Burg Lichtenstein breitet das auf dem Platz eines im Jahre 1596 erbauten Schlosses in einfach-edlen Verhältnissen aufgeführte Sommerpalais seine Fassade aus, von hübschen Parkanlagen umgeben. In der Nähe steht auf einer die Aussicht der vorderen Brühl beherrschenden Höhe die »Pilgerkapelle«; einen anderen Standpunkt zum Überblick der landschaftlichen Schönheit bietet die Pyramide, in deren Nähe sich das »Urlaubskreuz« erhebt, wo die nach dem Gnadenort Mariazell wallenden Pilger Wien zum letzten Mal erblicken und von Freunden, die ihnen bis hierher das Geleit gaben, Abschied zu nehmen pflegen.

Der schönste Punkt der Brühl ist der Husarentempel auf dem einen Gipfel des Kleinen Anningers; der verewigte Fürst Johann von Lichtenstein ließ ihn, wie er jetzt steht, 1821 durch Kornhäusel erbauen, dem Andenken der tapferen Krieger, die ihrem fürstlichen Führer in der denkwürdigen Schlacht bei Aspern das eigene Leben opferten und ihn aus den Feindesscharen befreiten, in deren Mitte er in der Hitze des Kampfes geraten war. Die Gebeine von fünf österreichischen Kriegern ruhen an jener Stelle.

Von der Hinterbrühl führt nun die Straße weiter nach Gaaden Von Gaaden führt ein Pfad im Buchenwald auf den Hohen Anninger, rechts hinter Hilperichs Mühle windet sich der Weg nach Sparbach, zur Ruine Johannstein und nach Sittendorf; von dort zieht sich ein Fußpfad am Schloß Wildegg vorbei nach Sattelbach. und Sattelbach, zu der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz, deren höchst interessanter alter Bau im schönen stillen Waldtal am Fuße des Bodenbergs liegt. Markgraf Leopold der Heilige stiftete sie im Jahre 1134; die Kirche (zumal Front und Schiff), Das Schiff wurde von 1134 bis 1187 gebaut. der herrliche Kreuzgang, wo der sogenannte »bleierne Brunnen« und die mit historisch merkwürdigen Glasmalereien gezierte Brunnenkapelle stehen, der Schlafsaal und das Kapitelhaus gehören größtenteils noch der Zeit der Babenberger an. In dem Kapitelhaus ruhen die Leichen von zwölf Babenbergern (darunter die des letzten, Friedrichs des Streitbaren). Als kostbarstes Heiligtum der Schatzkammer wird der Kreuzpartikel gezeigt, den Leopold VI. von Jerusalem mitgebracht habe und Abt Robert (1738) in eine prachtvolle Monstranz setzte. Über dem Abteitor befindet sich das Hornwerk, das den Dienst der großen Glocke versieht.

Wir können uns nicht enthalten, Freunden des Hochgebirges die Route einer Wanderung nach dem berühmten Wallfahrtsort Mariazell in der Steiermark aufzurollen, die sich von Heiligenkreuz aus verfolgen läßt. Der Weg führt von dort aus über Alland, Altenmarkt, Kaumberg und Hainfeld nach St. Veit und Traisen, von da über Marktl nach der stattlichen Zisterzienserabtei Lilienfeld, die der Babenberger Leopold VII., der Glorreiche, der dort im Marmorsarg schläft, 1202 in diesem zauberisch schönen Alpental gründete. Von Lilienfeld aus folgt dem Weg nach Türnitz, dann wandert an dem Marienkirchlein vorbei, wo das siebenfach mündende Alpenbrünnlein euch zur Rast einlädt, und klimmt den Annaberg hinan, auf dessen Gipfel ihr des Ötschers schneegekröntes Fürstenhaupt erblickt. Vom Joachimsberg steigt hinab in das Lassingtal, darin birgt sich das Dörflein Wienerbruck. Von dort brecht auf und wandert auf den »Kaiserthron«, von dem aus ihr mit wonnigem Grausen in die wilde Schlucht hineinblickt; der Klausenmeister aus Wienerbruck geleitet euch und weist euch plötzlich den schönen Lassingfall (über senkrechte Felsen donnert der Wildbach 271 Fuß in die Tiefe hinab) oder gibt euch einen Führer auf den Ötscher mit, dessen Gipfel ihr nach 7 Stunden mühseligen Steigens erreichen könnt.

Von Mitterbach aus kommt ihr, die Wanderung fortsetzend, in die Steiermark; ihr übersteigt den Sebastiansberg und den Knieriegel und langt (über Weißenbach) in Mariazell an, das auf dem »Sandbühel« sich erhebt, in einem von hohen Nadelwäldern umfriedeten Gebirgstal; der Ursprung der Wallfahrt datiert vom Jahre 1157. Der Ungarnkönig Ludwig erbaute 1365 die große und prächtige Kirche, in deren Mitte die (ältere) Quadernkapelle das berühmteste Gnadenbild Österreichs umschließt, zu dem alljährlich über 100 000 Pilger wallen.

Den Rückweg nehmt über Lunz und Gaming (wo die Trümmer der großen Karthause sind), durch den Burger Paß und das Reutental an der Erlaufmauer vorbei, über Scheibbs und Purgstall nach Wieselburg, wo die Kleine Erlauf sich mit der Großen verbindet, und von dort nach Melk.

Baden und seine Umgebung

Eine Welt im kleinen umfaßt der Wiener in dem Begriff Baden. Die lauten Freuden des großstädtischen Treibens und die stillen der romantischen Natur findet er in dieser freundlichen Stadt und ihrer Umgebung, er findet alle Genüsse der Hauptstadt: Theater, Musik, Tanz, Freunde, mit denen er in Wien selbst vielleicht nur am Neujahrstag zusammenkommen würde, und – Gesundheit dazu; was will er mehr? Wohl ihm, daß er dort jene scheußlichen Bagnos nicht findet, die in anderen berühmten Bädern Tag und Nacht offenstehen, jene mit fürstlichem Glanz lockenden Räuber- und Mörderhöhlen, an deren prachtvollen Pforten galonierte Kuppler mit entblößten Häuptern und mit geschmeidig gekrümmten Rücken jedem Vorüberwandelnden zulächeln; Ehre und Dank einer Regierung, welche die Frequenz der vaterländischen Bäder nicht um den Preis der Sittenverderbnis seiner Bürger erkaufen will und die glänzende Täuschung aus ihrem Finanzsystem weist, als ob das bloße Zuströmen fremden Geldes (in so unsauberen Kanälen) Vermehrung des Wohlstandes zur Folge haben müsse! Es ist eine der schlimmsten Rebulistereien, durch die man den Gottessegen der Bäder zum Fluch der Menschheit macht und solchen Frevel beschönigen will; »ohne privilegierte Spielbanken kein Fremdenzug« oder »die Gefahr geheimer Banken wäre im Fall eines Verbots um so größer«. Wofür unterhielte man denn sonst wohl eine Polizei? Österreich kann, indem es in seinen Bädern keine Banken duldet, zugleich den faktischen Beweis darlegen, daß die Frequenz der ersteren (man denke nur an Karlsbad, Teplitz, Ischl usw.) immer im Steigen begriffen ist – eine erfreuliche Genugtuung für das Prinzip, von dem ausgegangen wurde!

Der Weg von Wien nach Baden führt außer der Matzleinsdorfer Linie den Wienerberg hinan, bei der Spinnerin am Kreuz, dem Dorf Maria Enzersdorf und der Teufelsmühle vorbei, die ihr bisher nur auf der Volksbühne kennenlerntet; einst war dieser Ort in der ganzen Umgegend übel berüchtigt, Gespenster und Räuber spukten darin um die Wette. Hierauf wandern wir nach Neudorf, wo der Wiener Erzbischof Migazzi 1778 die Kirche im römischen Prachtstil erbauen ließ, von dort nach Guntramsdorf und Pfaffstätten. Von den Abhängen des zetischen Gebirges umschlossen, gegen Osten eine unabsehbare Fläche beherrschend, breitet sich die Badestadt mit den sie umgebenden Ortschaften Kottingbrunn, Weikersdorf, Alland, Breiten, Rohrbach und Leesdorf aus, die mit ihr ein Ganzes zu bilden scheinen. Die jährliche Fremdenfrequenz Badens läßt sich im Durchschnitt an 3000 Familien angeben; der lebhafte Verkehr mit der Kaiserstadt, den zahlreiche Fiaker unterhalten, verdoppelt oft an schönen Tagen jene Zahl. Das Alter der Stadt reicht, wie aus aufgefundenen Fundamenten, Ruinen, Denksteinen und Münzen erhellt ist, in die Zeit der Römerherrschaft hinauf; die siegreichen Söhne des Südens hatten einen eigenen Instinkt, Heilquellen aufzufinden, und pflegten es selten zu versäumen, an solchen ihre Niederlassungen zu gründen. Ob die in hiesiger Gegend an Umfang je der »Civitas aurelia aquensis« und jener an den »fontibus mattiacis« gleichgekommen sind, möchte wohl ebenso schwer zu ermitteln sein, als ob mit Gewißheit die »Thermae cetiae« in der Gegend des heutigen Baden bei Wien anzunehmen sind.

Erst vom 11. Jahrhundert an läßt sich die Existenz des Ortes Baden urkundlich nachweisen; die Wiederentdeckung der heißen Quellen schreibt die Überlieferung Hunden zu, welche sie täglich aufsuchten und dadurch von ihrem Siechtum genasen. Im Jahre 1480 wurde der Ort, bis dahin ein Markt, in dem ein festes Schloß des Landesherrn stand, durch Kaiser Friedrich zur Stadt erklärt. Bei den Einfällen der Osmanen in Österreich (1529 und 1683) wurde Baden zerstört, nur sehr wenige alte Gebäude, worunter sich die Pfarrkirche befand, hielten in den Greueln der Verwüstung aus. Auch die Drangsale der französischen Kriege zu Anfang dieses Jahrhunderts empfand Baden hart genug; im Jahre 1812 sank es durch einen furchtbaren Brand fast ganz in Asche; doch viel freundlicher, als es je zuvor gewesen war, stieg es aus der Feuertaufe wieder auf.

Ihr werdet nach dieser flüchtigen Kunde des Schicksals Badens außer der Pfarrkirche und dem Herzoghof wenige ältere Monumente in der Stadt suchen, aber gewiß mit Wohlbehagen an den geschmackvollen neueren Bauten vorüberwandeln.

Besuchen wir jetzt die Heilquellen Badens; die Hauptquelle ist der sogenannte »Ursprung« am Fuß des Kalvarienbergs; durch einen dunklen Gang kommen wir an den dampfenden Krater, wo die heiße Schwefelquelle ihre unerschöpfliche Heilflut spendet. In 24 Stunden 13 440 Wiener Eimer. Nun wandeln wir zu der prächtigsten Badeanstalt, dem von anmutigen Gartenanlagen umgebenen Sauerhof, und besuchen die herrliche, von acht Säulen getragene Badehalle, die eine Sandsteingruppe von Klieber, »Äskulap und Hygiea«, schmückt; die größte ist das Militärbad in der Allandstraße. 17 Badehäuser befinden sich im Umkreis der Stadt und ihrer Umgebung.

Originell, wie so vieles in Österreich, ist die Sitte des gesellschaftlichen Badens; in den großen Bassins treibt sich eine bunte Menge von Badenden herum, drollig in der Badeuniform; in diesem Schwefelpfuhl geht es lustig her, und manche Teufelei wird ausgeübt, vor der die elegante Welt des deutschen Nordens voller Abscheu zurückbeben würde. Laßt immerhin den Wienern ihre gesellige Freude in der fatalen Atmosphäre der Schwefelquelle, und erfreut euch an dem edlen Geist der Milde und Bruderliebe, der, dem Österreicher besonders eigen, auch hier in so manchen Wohltätigkeitsanstalten sich betätigt; Ehre vor allen dem Verein adeliger Frauen zu Wien, der 1813 das Marienspital für 60 Kranke erbaute.

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Baden

Vor dem Kalvarienberg breitet sich der Park aus, dessen Anlagen sich an die unteren Partien jenes Berges reihen, auf dessen kahler Höhe sich eine reizende Aussicht auf den Anninger und den Eichkogel, auf den mit edlen Reben gesegneten Markt Gumpoldskirchen »Wer Gumpoldskirchners trinkt zwei Maß, Der kann allein nit gehn sein Straß'«, sang von dem dort gedeihenden Wein schon 1582 der Wiener Schulmeister Rasch. mit seiner uralten Pfarrkirche, auf Laxenburg, auf das Steinfeld, auf Schönau öffnet. Im Park unten (dem alten Herzogsgarten) stehen ein Äskulaptempel und ein Kiosk. Von den Anlagen der Gräfin Alexandrowitsch, die mit den Langschen am Kalvarienberg zusammenhängen, blicken wir auf die Weilburg, die Sommerresidenz des Helden Österreichs, des ebenso geistreichen wie gelehrten und tapferen Erzherzogs Karl, hinab, die am Fuß des Lindkogels »auf der Leithen« gegen die Schwechat und gegen St. Helena zu, liegt; Kornhäusel führte dieses Palais von 1820 bis 1823 in einfach-edlem Stil aus.

Hoch auf dem Rücken des Lindkogels thront die Ruine von Rauheneck (die Wiener hatten im 15. Jahrhundert diese Burg, damals dem Puchheim gehörig, gebrochen), gegenüber derselben Rauhenstein, von denen Johann Gabriel Seidl so gemütvoll spricht:

Es geht ein schönes Märlein von diesen Schlössern um,
Ererbt und aufbehalten aus grauem Altertum.

Hier oben hausten Brüder, da einer – einer dort,
Die ließen keinen Wandrer ganz graden Weges fort.

Es ging von Gold gediegen, wohl übers Tal gespannt,
In Tief geheimen Zügen ein Zauberkettenband,

Das faßte sacht und wiegte den lieben Wandersmann,
Bis staunend der Besiegte zum Berge klomm hinan.

Und kam er kaum gefangen zum einen Felsenhaupt,
So war ihm schon zur Hälfte sein liebes Gut geraubt,

Und rasch hinüber ward er gejagt aufs andre Nest,
Und dort ihm abgedrungen des Gutes letzter Rest.

Die Mär ist nicht verklungen, noch lebt sie wundervoll;
Ich will sie klar euch deuten, wie man sie deuten soll.

Die Brüder sind die Schlösser – hier eines, eines dort;
Sie lassen keinen Wandrer ganz unbefangen fort.

Die Kette, goldgediegen, die übers Tal sich spannt,
Das ist der Gottesaussicht süß zaubernd Wunderband.

Das faßt den Wandrer, zieht ihm den Blick zum Felsenknauf,
Daß er zum einen oder andern muß hinauf.

Der Schatz, den's ihm entlocket auf diesem Felsennest,
Ist heiliger Gefühle lang eingeschloßner Rest.

Dann drängt es ihn hinüber zum andern Bergeshort,
Und was hier noch geschwiegen – entfesselt strömt es dort.

Ins Tal niedersteigend, überrascht uns die pittoreske, durch die Felsen des Urtelsteins gesprengte Galerie; 120 Fuß in der Länge, 15 in der Höhe, 20 in der Breite messend; dem Kriegshauptmann Baron Waldstetten verdankt man die Anlegung dieser bequemen und schönen neuen Straße nach Heiligenkreuz. von da gelangen wir auf eine freundliche Wiese, von der sich ein Pfad zu der von einem Wiener Bürger 1832 erbauten Mariahilfkapelle hinanwindet und zu den Krainer Hütten; den Rückweg machen wir über die Hauswiese, gegenüber dem Dörfchen St. Helena.

Einer der schönsten Ausflüge von Baden aus ist der nach dem romantischen Merkenstein; über Vöslau, Gainfaren und den Haidlhof wandeln wir dahin. Zwei ungeheure türkische Haselnußbäume im Tiergarten und der 136 Schritte lange unterirdische Gang, der »Türkenbrunnen« genannt, erhalten das Andenken an die Not Merkensteins durch die Osmanen 1683.

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Die Ruine Rauhenstein

Die Feste, deren malerische Ruinen wir schauen, ging aus dem Besitz des schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts blühenden Geschlechts der Merkensteiner später (nachdem sie oft die Herren gewechselt hat) an die Dietrichsteiner über und gehört jetzt dem Bundestagspräsidenten Graf Münch-Bellinghausen. Zur Zeit jener Invasion kam ein großer Haufe Ungläubiger vor Merkenstein, versuchte die Burg zu stürmen, wurde aber mit allzu feurigen Grüßen empfangen. Schon schickten die Türken sich zum Abzug an, nur noch ein Aga umritt die Mauern; da trat eine kecke Zofe auf den Söller und verhöhnte ihn durch eine unanständige Stellung. Ergrimmt warf dieser seinen Speer nach ihr, führte seine Schar zurück, schleuderte Feuerpfeile und Pechkränze auf das Dach und drang während der allgemeinen Verwirrung in die Feste ein; 173 Menschen, welche sich darin befanden, büßten unter dem Eisen der Türken den frechen, voreiligen Spott jener Dirne.

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Der Urtelstein

Die großartigste Partie jedoch, die wir von Baden aus unternehmen, ist die ins Tal von

Gutenstein

Die ganze Herrlichkeit der Alpennatur kündigt sich uns hier an. Auf der Brücke, die sich zwischen den schroffen Wänden des Engpasses durchwindet, starren wir zu den Ruinen der Burg hinauf, die auf hohem Felsen die wilde Schlucht beherrscht. Uralt ist dieses Gemäuer, das ihr an manchen Stellen von den Felsblöcken, in denen es wurzelt, kaum unterscheiden könnt; schon im 13. Jahrhundert starb das Geschlecht der Gutensteiner aus, das der Burg den Namen gab. Laßt uns hinanwandern und, uns Bahn brechend durch das Labyrinth von Trümmern, jener Zeiten gedenken, da in den weiten Räumen jener Fürst weilte, dessen Treue Geschichte und Poesie verewigt haben. Friedrich der Schöne brachte in diesem romantischen Asyl, alle Freuden irdischer Macht und Hoheit vergessend, die letzten Jahre seines Lebens zu; kein Schwarm eifriger Höflinge störte ihn hier, nur seine Gattin, Isabella von Aragonien, die sich um sein Unglück und seine Gefangenschaft blindgeweint hatte, und der edle Prior Gottfried von Mauerbach waren um ihn; am 13. Januar 1330 starb Friedrich der Schöne dort. 1456 verwahrte Ladislav der Nachgeborene auf diesem Adlerhorst den jungen Königsaar Matthias Corvinus.

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Gutenstein

Auf jenem Bogen über dem Felsenriß schlummert eine Tradition aus den Zeiten der ersten türkischen Invasion; damals, heißt es, war der Erbfeind schon in die Feste gedrungen; schnell verdeckten deren Bewohner, um die Feinde zu verderben, jenen Bogen durch einen Vorhang, und wie nun die Türken heranstürmten und wähnten, dahinter einen reichen Saal zu finden, stürzten sie in den Abgrund hinab.

1595 kam Gutenstein durch Kauf an Luis Gomez von Hoyos, dessen Familie es noch heute besitzt. 1683 lagen die Osmanen abermals vor Gutenstein und bedrängten es mit 17 Stürmen.

Von der südwestlichen Seite der Burg steigen wir gegen den Markt nieder, im Tal zeigt sich uns das neue Schloß der Grafen Hoyos (1674 erbaut, 1818 wiederhergestellt), hinter dem sich die schönen Parkanlagen ausbreiten. Südwestlich vom Markt steigt der Mariahilfberg empor, so genannt, seit ein Mann aus Gutenstein im Wald ein Muttergottesbild gefunden und auf dem Bergrücken eine hölzerne Kapelle über demselben erbaut hatte; das war im Jahre 1660 (früher hieß der Berg »Im Buschach«). Alsbald pilgerten Gläubige zu dieser Waldkapelle, und ihre Zahl wuchs so bedeutend an, daß Graf Johann Balthasar von Hoyos 1665 einen eigenen Priester dahin berief und 1668 statt der hölzernen eine steinerne Kapelle erbaute und 1679 diese den Serviten, denen er ein Kloster erbaute, übergab. Nach dem Brand von 1709 erstand 1724 der neue Bau, wie wir ihn bald sehen werden.

Auf einem Abhang dieses Berges liegt der Friedhof, malerisch wie wenige andere; zwischen den einfachen Rasenhügeln der Dörfler erhebt sich ein Denkmal, unter dem Ferdinand Raimund schlummert. Bis zu dem von alten Linden beschatteten Christusbild (»Herrgott auf der Rast«) drangen die Türken (1683); beim Anblick desselben, so erzählt die fromme Überlieferung, flohen sie, blind vor Entsetzen, und so wurde das Kloster durch Gottes Huld vor ihnen gerettet.

Jetzt erreichen wir endlich den Hochrücken des Berges, wo das Kloster der Serviten und die Kirche mit dem Gnadenbild stehen. Auf dem freien Platz zwischen der Kirche und dem Wirtshaus, wo die Pilger sich laben, sehen wir die ernsten Häupter der Alpen über den freundlicheren bewaldeten Vorbergen emporsteigen; vom Friedenstempel aus den Schneeberg in seiner ganzen Pracht und Majestät. Westlich vom Kloster beginnt der Kreuzweg, dessen Windungen zu den herrlichsten Fernsichten leiten.

Wiener Neustadt

Von Neudorf führt uns der Weg über Traiskirchen, Günselsdorf, Sollenau und Theresienfeld nach der an historischen Erinnerungen überreichen, »allzeit getreuen« Neustadt, die sich am Steinfeld, wo die kleine Fischa und der Kehrbach zusammentreffen, ins Geviert gebaut ausbreitet. Vor der Stadt steht eine steinerne Kreuzsäule, die Herzog Leopold der Biderbe um 1384 durch Meister Michael von Neustadt errichten ließ; am 4. September 1452 wurde an dieser Säule der junge Ladislav dem Grafen von Cilli übergeben. Der Babenberger Leopold VI. war's, der nach der Vereinigung Steiermarks mit Österreich die Neustadt (zwischen 1192 und 1194) gründete; Friedrich der Streitbare wurde 1211 in Neustadt geboren. Im Jahre 1234 kam der ritterliche Minnesänger Ulrich von Lichtenstein in phantastischer Pracht gen Neustadt, das erste Mal als Königin Venus, das zweite Mal als König Artus, und fröhlich und ehrenreich empfing ihn dort der junge Fürst von Österreich. 1237 erklärte Kaiser Friedrich II. Neustadt durch eine goldene Bulle zur freien Reichsstadt, doch wankte die Stadt darum in ihrer Treue gegen den geächteten Herzog nicht. 1246 brachte Heinrich, der treue Schreiber, die Leiche seines in der Ungarnschlacht an der Leitha vom Frangipani erschlagenen Herrn, Friedrichs des Streitbaren, nach Neustadt; von dort wurde sie nach Heiligenkreuz zur Ruhestätte abgeführt.

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Wiener Neustadt

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Emmerberg bei Wiener Neustadt

In die Feste Neustadt flüchtete sich die Kaiserwitwe Elisabeth mit ihrem nach des Vaters Tod geborenen Söhnlein Ladislav; auf der Zugbrücke des Wiener Tors Nicht mit dem heutigen Wiener Tor identisch; es stand in der Nähe des vormaligen Posthauses. focht 1452 der riesige steirische Ritter Andreas Baumkircher, ein zweiter Horatius Cocles, für Kaiser Friedrich, ein einzelner gegen den Andrang zahlreicher Feinde; ein schlechtes Gedächtnis lohnte ihm später auf der Grazer Brücke die dreizehn Wunden, die er vor der Neustädter Brücke empfangen hatte. Im Bürgerkrieg nach Ladislavs Tod barg die treue Neustadt abermals jenen Friedrich, dem seine Gemahlin Eleonora von Portugal dort am 22. März 1459 den Erben seiner Würden, Maximilian, gebar. In der Neukloster-Stiftskirche, die einen von Friedrich für die Dominikaner bestimmten herrlichen Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert besitzt, steht das schöne steinerne Mausoleum der Kaiserin Eleonora – vielleicht ein Werk desselben kunstfertigen Meisters Niklas Lerch, der den Sarkophag ihres Gemahls (in der Stephanskirche zu Wien) schuf.

In der Kirche der Burg (die zu gleicher Zeit mit der Stadt entstand, 1612 durch die Stände wiederhergestellt und 1752 durch Maria Theresia in eine Militärakademie umgestaltet wurde) befindet sich ein steinernes Standbild Kaiser Friedrichs, Ein Werk des Niklas Lerch oder Peters von Pusika. ruht Kaiser Maximilian I. vor dem Hochaltar, »Ein Kirch', gar schön gezieret
Wohl in der Burg so fein,
Darein ward er geführet,
Der edel Kaiser rein,
Wohl für den hohen Altar gut,
Dahin ward er geleget,
Da rast's das edel Blut«,
sang der Wiener Spruchdichter Christoph Weiler.
zu seinen Füßen sein treuer Siegmund von Dietrichstein; die Fenster prangen mit kostbaren niederländischen Glasgemälden.

Die übrigen denkwürdigsten Ereignisse in der Geschichte von Neustadt sind deren drei Belagerungen durch Matthias Corvinus und durch die Türken. 1567 wurde der in die Grumbachschen Händel verwickelt gewesene Johann Friedrich von Sachsen von Wien nach Neustadt in ewige Haft gebracht. Er blieb dort bis zum Jahre 1596, in dem er nach Steyr abgeführt wurde; seine Gemahlin Elisabeth, sein Geschick mit rührender Treue teilend, starb zwei Jahre vor ihm zu Neustadt.

Die Reformation fand zu Ende des 16. Jahrhunderts Eingang in Neustadt; den Bemühungen des bekannten Melchior Kiesel, der dort Bischof war, gelang es, dieselbe wieder zu unterdrücken. Am 30. April 1671 wurden Peter Zriny und Franz Frangipani, der letzte seines Geschlechts (mit dem Grafen Franz Nadasdy und dem Grafen von Tättenbach und Franz Rakoczy verschworen, Ungarn den Habsburgern zu entziehen), in den Höfen des bürgerlichen Zeughauses zu Neustadt enthauptet.

Auf dem Hauptplatz der Stadt erhebt sich eine 1678 von Bischof Kollonits gestiftete Mariensäule. Die Kirche des Kapuzinerklosters (das bis 1542 ein Minoritenkloster war, in dem 1451 Capistran Gast war, und das noch früher – der Tradition nach – den Tempelherren gehört hatte) verdient den Besuch des Kunstfreundes, der auch in der jetzigen Umgestaltung die edlen Verhältnisse des alten Bauwerks erkennen und sich daran erfreuen wird. – Bei Neustadt endet jener Schiffahrtskanal, dessen Hafen wir vor dem Invalidenhaus in Wien gesehen haben; der Bau desselben wurde 1797 begonnen und 1803 vollendet, seine Länge erstreckt sich auf 8 Meilen, seine Tiefe mißt 4-6 Fuß, seine Breite 16 Fuß, er hat 52 Schleusen, und sein Fall beträgt 55°.

Der Weg von Neustadt bis zur Grenze, die Österreich und Steiermark scheidet, führt über das Steinfeld, durch den alten Markt Neunkirchen, dessen Kirche aus dem 9. Jahrhundert stammt, dann nach dem Markt Gloggnitz, westlich von diesem liegt Reichenau, wo das wild-schöne Höllental mündet. Schloß Wartenstein zeigt sich uns dann, und bald erreichen wir Schottwien am Fuß des 3120 Fuß über der Meereshöhe sich erhebenden Semmering und wandern an den auf imposanten Felsblöcken trotzenden Ruinen der Feste Klamm vorüber, den Semmering hinan, auf dessen Gipfel ein durch Kaiser Karl VI. 1728 errichtetes Monument die Grenzscheide Österreichs und der Steiermark bezeichnet.

Der Schneeberg

Von Neunkirchen führt eine Straße ab in die erhabene Einsamkeit des Puchberger Tals, in das sich die Pfade von Gutenstein her über den Öhler, den Gröstenberg und den Schober hereinwinden. Der Markt liegt am Abhang eines Hügels, den die Sierning umrauscht – hinter der Kirche auf des Hügels Rücken die Ruine des Schlosses, von dem die Sage berichtet, daß es einst dem Tempelherren gehört habe; gegenüber der Höhe, welche die Ruine trägt, erhebt sich der Romeikogel, auf dem ein Pavillon erbaut ist, dessen Fenster die abwechselnden Partien des herrlichen Tals wie ebenso viele selbständige Landschaftsgemälde umrahmen.

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Puchberg mit dem Schneeberg

Eine Stunde von Puchberg liegt die Allelujahöhle, in die sich einst die Talbewohner vor den Türken flüchteten, aber durch ein Feuer, das sie angezündet hatten, verraten haben sollen, worauf die Ungläubigen sie alle niedermetzelten. – Durch Nadelgehölz wandert ihr dem Hühnerbühel zu, an den Sägemühlen vorbei in die Schlucht, in der der Maumaufall tost.

Die Ruine Losenheim versäumt ja nicht zu besuchen, ebensowenig jenen mächtigen Fels, der aus grünem Rasen emporsteigt, den Predigtstuhl; dort zeigt sich euch der Riese des Tals, der Schneeberg, in seiner ganzen Majestät. Drei Gipfel streckt sein sargähnlich getürmter Rücken empor, den Waxriegl (993 Klafter), den Kaiserstein (1086 Klafter) und den Kreuzkogel (1094 Klafter über der Meereshöhe). Hoch auf dem Kaiserstein, wo der Riese gen Wien hinblickt, steht ein granitenes Monument, das Graf Ernst von Hoyos zum Andenken an Kaiser Franz I. Bergfahrt auf der Stelle, wo früher eine Dreifaltigkeitssäule gestanden hat, errichten ließ.

Über den Hengst und am Grünstein vorüber führt der Pfad hinan, wo der Berggeist Gar manche Sagen erzählt das Landvolk in Puchberg von der Gewalt des »Bergmandls«. einen unbarmherzigen jungen Älpler zur Strafe in eine Gemse verwandelte, dann steigen wir von der Matte »Am kalten Wasser« zum Sattel empor, wo die Region des Krummholzes beginnt, auf den Luchsboden, wo die letzten Wasser rinnen, auf die Weidetrift, den Ochsenboden, und nun kommen wir in die Region, wo der Schnee in den Felsenrissen nie schmilzt, an die »Schneegrube«, neben der die ärmliche Sennhütte steht, und wandeln über den Königsteig, wo die Bockgrube sich ins Höllental grausig hinabsenkt. Eine unermeßliche Aussicht liegt, sobald wir den Gipfel erklommen haben, rings um uns ausgebreitet; wir sehen der Donau leuchtende Arme, die Ebene Wiens, den Neusiedler See in Ungarn, im Westen und Süden das erhabene Rundgemälde der Alpenwelt.

Laxenburg

Drei Stunden von Wien, an der Poststraße nach Ödenburg, liegt das kaiserliche Lustschloß Laxenburg, wo wahrscheinlich die Römerstraße von Wien gen Ödenburg zog. Herzog Albrecht, zubenannt mit dem Zopf, gründete es 1377 und richtete einen großen Tiergarten dort ein. 1395 starb er hier. Vom Jahre 1600 datiert der neue, seither vielfach verschönerte und modernisierte Bau. Maria Theresia, Joseph II. und Franz I. liebten den Aufenthalt in dieser ländlichen Abgeschiedenheit, der letztverstorbene Kaiser bereicherte, dem Vorbild Albrechts nachtrachtend, die von ihm 1801 nach dem Muster eines Tiroler Schlosses im altdeutschen Stil vollendete Franzenburg (welche inmitten des herrlichen Parks am Spiegel eines großen Weihers sich erhebt) mit vielen Denkmälern mittelalterlicher deutscher Kunst, die er aus den verschiedensten Abteien und Schlössern Österreichs hierherbringen und hier aufstellen ließ. Der Park ist im großen Stil und mit edlem Geschmack angelegt.

 

Jenseits der Donau bietet Wiens Umgebung durchaus keine malerischen Partien. Den Mangel des Landschaftlichen ersetzt jedoch reichlich das Historische, das auf jener fruchtbaren Ebene ruht, die sich vom Bisamberg bis zum Marchfluß und von der Donau bis zum Hohenleitenzug ausdehnt und das »Marchfeld« heißt. Dort wurden die großen Schlachten geschlagen, welche zu wiederholten Malen die Geschicke Deutschlands beeinflußten; Ottokar und Rudolf von Habsburg, Napoleon und Erzherzog Karl weihten jene Gefilde der Geschichte. Jener Kirchturm von Aspern, an dem die Wogen der Schlacht brandeten, ragt, ein heiliger Pharus, künftigen Geschlechtern.

Aus der Lobau, dem Waffenplatz, hatte der Mann des Jahrhunderts seine sieggewohnten Scharen auf die Walstatt geführt, an Aspern und Eßling stützten sich diese. Gegen sie führte der Erzherzog Karl an jenem unvergeßlichen Pfingstsonntag (21. Mai) das 75 000 Mann starke österreichische Heer. Um 3 Uhr begann die Schlacht, mit Ungestüm warfen sich die Österreicher auf den Feind. Welch ein Kampf, der jetzt entbrannte! Mehr als zehnmal wurde Aspern wechselseits erstürmt und verloren, um Kirche und Friedhof, um jenen Turm, um jeden Baum, um jede Scholle wurde wie um Schanzen gestritten, die das Teuerste verwahrten. Das war der Tag, an dem des Kriegsgotts eiserne Reiter zermalmt hinsanken, an dem der Marschall Lannes, Herzog von Montebello, an dem d'Espagne, Albuquerque und St. Hilaire erlagen. Hoch schwang der Erzherzog Karl die Fahne, er und der Fürst Johann von Lichtenstein waren nur dort zu finden, wo der Tod fleißig Beute machte. In einem Nachen fuhr Napoleon nach Kaiserebersdorf zurück, dem verwundeten Massena das Heer überlassend. 11 000 Tote, über 5000 Verwundete deckten den Walplatz.

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Laxenburg

Bei Wagram, wohin euch jetzt in Blitzesschnelle der Dampfwagen Die Kaiser-Ferdinand-Nordbahn führt von Wien über Deutsch-Wagram, Stillfried, Lundenburg, Hradisch längs der March und der Beeyra nach dem Talgebiet der Oder über Mährisch-Ostrau, Freistadt, Pestwina, Zakor, Skawina an Krakau und Wieliczka vorbei bis Bochnia. bringt, tobte zwei Tage lang (am 5. und 6. Juni desselben Jahres) die zweite Marchfeldschlacht. 150 000 Krieger Napoleons standen 100 000 österreichischen gegenüber, lange schwankte die Waage der Entscheidung unter den gewaltigen Griffen der von Vaterlandsliebe und Ruhmeshoffnung begeisterten Kämpfer, schon gab Napoleon selbst den Tag für verloren, bis am Nachmittag des zweiten Tages die Umgehung des linken Flügels, den Fürst Rosenberg kommandierte, dem Kaiser der Franzosen endlich den Preis des furchtbaren Kampfes gewann; selbst der Rückzug der Österreicher war einem Sieg wahrlich gleich zu achten.

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