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Die deutsche Götterlehre

Johann Wilhelm Wolf: Die deutsche Götterlehre - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie deutsche Götterlehre
authorJohann Wilhelm Wolf
year1852
publisherDieterichsche Buchhandlung
addressLeipzig
titleDie deutsche Götterlehre
pagesVII-XVIII, 1-148
created20011128
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Sommer und Winter.♦ Myth. 715.

Langsamer und darum ungleich feierlicher als der Wechsel von Tag und Nacht erfolgte der von Sommer und Winter. Das Alterthum kannte ursprünglich nur diese beiden Jahreshälften und rechnete nach ihnen, die südlicher wohnenden Völker nach Sommern, die nördlichern nach Wintern; daher die alten Adverbia sommerlang und winterlang. Diese Eintheilung macht sich um so mehr geltend, je weiter man nach Norden kommt, weiter nach Süden unterscheiden wir drei, vier, ja selbst fünf Jahreszeiten. Mythische Bezüge haben nur jene zwei.

Dem Norden stammten Sommer und Winter aus dem Geschlecht der Riesen: jenes Vater war freundlich und schön und alles Frohe und Liebliche wird nach ihm genannt; dieses Vater hiess der feuchte, nasse und war gleich dem Sohn grimmig und kaltbrustig. Auch unsern Alten galten beide als persönliche Wesen, noch sind ihre Namen Eigennamen, und in zahlreichen Redensarten des Volkes und dichterischen Wendungen hat sich ihr Andenken erhalten. Wir sagen z. B.: der Sommer, der Winter ist vor der Thür, tritt ein, kehrt ein; früher liess man beide abziehend Urlaub nehmen. Weil aber der Sommer mit dem Mai beginnt, so steht statt jenes auch der Mai in lebendiger Persönlichkeit da: wie der Winter, so wird der Mai Herr angeredet, er hält seinen Einzug ins Land, gleich den Göttern, und wird mit Dank und Neigen begrüsst und verehrt.

Wie Tag und Nacht, so stehen Sommer und Winter im Kampf und beiden wird Gefolge und Dienerschaft zugeschrieben. Im Gefolge des Winters ziehen die alten Riesen Reif und Schnee, diese künden dem Sommer Krieg an, und er siegt oder unterliegt, je nach der Jahreszeit, er zieht mit seinem Gefolge triumphirend daher oder muss mit demselben den Angriffen seines Feindes weichen. Wie das Freundliche, Schöne und Milde stets länger in der Erinnerung haftet, da man seiner gerne wieder gedenkt, als das Finstere, Rauhe und Wilde, so erhielten sich von dem Wesen und Treiben des Sommers deutlichere Spuren, als von dem des Winters. Seine Ankunft war nicht an eine feste Zeit gebunden; wenn er kam, dann sandte er seine Boten und Zeichen voraus, welche man mit Jubel und Freude begrüsste. Solche Zeichen waren das erste Veilchen, welches man auf eine Stange steckte und unter Gesang umtanzte, der erste Maikäfer, den die Spinnerinnen feierlich einholten, wobei die Häuser mit grünen Zweigen geschmückt wurden. Unter des Sommers Boten sind die erste Schwalbe, der erste Storch und der Kukuk seine Herolde genannt; ihre Ankunft wurde von den Thürmern mit Hornstössen begrüsst und war ein allgemeines Fest.

Diesen Zeichen und Boten folgte der Sommer selbst, aber er sties nun auf den alten Erbfeind. Der Kampf, welcher sich zwischen beiden entspann, so wie des Sommers Einzug und des Winters Ende wurde und wird förmlich dargestellt. In Stroh oder Moos gekleidet tritt der Winter dem in Epheu oder Singrün gehüllten Sommer entgegen und nach kurzem Kampfe wird jener niedergeworfen, gefesselt, geschlagen und ausgetrieben.

Mehr nach Franken, dem Spessart und der Rhön zu tritt an die Stelle des Winters der Tod; denn der Winter ist das todähnliche kalte Starren der Natur, welches dem warmen lebensvollen Hauch des Sommers weichen muss. Tiefer in FrankenThüringen, Meissen, Schlesien und Böhmen. hört der Kampf auf und finden wir das blosse Vertreiben oder Hinaustreiben des Todes. Er wird durch ein Bild dargestellt, welches man umträgt und dann ins Wasser wirft oder verbrennt. Man stritt darum, in welchem Hause das Bild gemacht werden sollte, weil dort in dem Jahre Niemand starb.

Glänzender war die Einholung des Sommers bei Schweden und Gothen, wo am ersten Maitag sich zwei Geschwader Reiter versammelten: das eine hatte einen mit Pelzen und dicken, warmen Kleidern bedeckten mit einem Spies bewaffneten Führer, der mit Schnee und Eis um sich warf; des andern Führer hiess der Blumengraf, er war mit grünen Zweigen, Laub und Blumen bedeckt, trug leichte Kleider und keine Waffen. Diese beiden hielten ein förmliches Gefecht, wobei der Sommer den Winter zu Boden zerrte. Der Winter und sein Gefolge warfen wohl mit Asche und Funken um sich, doch des Sommers Gefolge wehrte sich mit laubigen Birkenzweigen und grün ausgeschlagenen Lindenästen; ihm wurde vom Volke der Sieg zugesprochen. Dieser Mairitt unter des Maigrafen Anführung war gleichfalls in Niederdeutschland üblich, doch mangelt hier der Kampf. In feierlichem Zug wurde der Maigraf in die Stadt eingeholt; er sass auf dem im Walde gehauenen Maiwagen, den vier Pferde zogen und dessen Maien und Laub in der Stadt vertheilt wurden.

In all diesen Bräuchen tritt die Persönlichkeit der alten Götter, oder wenn man will, der alten Riesen Sommer und Winter bis auf diese Stunde stark und klar hervor. Gerade so wie hier der Sommer, zieht wie wir früher gesehen Nerthus, Holda und Perehta in das Land und Freude und Jubel empfangen sie allerwärts. Wie sie die Fruchtbarkeit spendenden, Alles neu belebenden Göttinnen sind, so ist der Sommer der die winterlichen Bande der Erde lösende, sie mit irischem Grün kleidende Gott.

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