Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Arnold Bermann >

Die Derwischtrommel

Richard Arnold Bermann: Die Derwischtrommel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Derwischtrommel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100212
projectid237db13f
Schließen

Navigation:

Der Held

Wie ein plötzlicher Wirbelsturm rast Gordon Pascha, der Generalgouverneur, auf einmal nach El Fascher.

Ganz Dar-Fur ist in hellem Aufruhr; die erst unlängst eroberte und mit dem ägyptischen Sudan vereinigte Provinz hat von den Ägyptern bereits gründlich genug und hat sich empört. Ein halbes Jahrtausend lang ist das Land der Fur ein unabhängiges Reich gewesen, von seinen Sultanen nicht schlecht verwaltet. Auf einmal, im Jahre 1875, ist Sibêr Rahamet mit seinen bewaffneten Sklaven über Sultan Ibrahim hergefallen. Sibêr, ein Araber von den Dschaalin, ist der größte der Sklavenjäger im Sudan; er hat am oberen Nil die großen Seriben, in die er geraubte Menschen einpfercht. Die jungen Wilden, die er gefangen hat, bewaffnet er, er unterhält eine wahre Armee; der Khedive in Kairo beginnt sie zu fürchten. Eben deswegen unternimmt Sibêr diesen Krieg gegen Dar-Fur, um das Mißtrauen seines Herrn zu zerstreuen; er erobert das überfallene Land und legt es dann dem Vizekönig zu Füßen. Der Khedive stellt sich dankbar und lädt ihn zunächst nach Kairo; dort soll er die Bestallung zum Statthalter holen.

Der Barbar erliegt der uralten List: als er in Kairo eintrifft, nimmt man ihn fest, er darf nicht zurück in den Sudan. – Sogleich brechen in Dar-Fur zwei getrennte Aufstände aus: ein Aufstand der Landesbewohner, die ihre Freiheit wiedererlangen möchten und die einen Prinzen des alten Sultanshauses zum Führer haben, und ein Aufstand der Sklavenjäger. Suleiman, der junge Sohn des Sibêr, verschanzt sich in seinem Raubnest Scheka. Noch herrscht zwischen beiden Empörungen ein blutiger Krieg; aber die ägyptischen Garnisonen der Städte werden bald von dem einen Rebellen, bald von dem anderen angegriffen und belagert und sind gegen beide gleich feige und hilflos. Es zeigt sich, wie schwach im Sudan die ägyptische Macht ist – –

*

Da fährt, wie ein Wirbelwind, Gordon Pascha dazwischen. Er ist jetzt, drei Jahre, nachdem ein Storch so gelacht hat, nicht mehr Gouverneur des Äquators; der Khedive hat ihm unlängst die Regierung des ganzen Sudans überlassen. Gordon war eben in Khartum, ist feierlich in sein höheres Amt eingesetzt worden; dann hat er sich, in der Uniform eines türkischen Marschalls, von oben bis unten nichts als goldene Tressen und leuchtende Großkordone, aufs Kamel gesetzt und ist wie ein Rasender gegen Dar-Fur geritten, mit einer winzigen Truppeneskorte.

In der Stadt El Fascher haben sich zehntausend Mann Regierungstruppen von den Rebellen belagern lassen.

Mit zweihundert Reitern entsetzt sie Gordon. Wenn er kommt, ist plötzlich alles in Ordnung; die empörten Scheichs erbitten seine Verzeihung. »Ihr solltet mir verzeihen!« sagt er. Er weiß, was die Türkenherrschaft bedeutet.

In diesen täglichen Briefen an seine Schwester, die sein Tagebuch sind, schreibt er einmal, nach einem Sieg, bei dem hundertsechzig Feinde gefallen sind: »Von meinen Verbündeten sind nur drei verwundet, ich fürchte, tödlich. Mir tun die hundertsechzig so leid wie die drei. Ich wünschte, die Menschen könnten sehen, was das ist, das Leiden von Menschengeschöpfen – ich meine diejenigen, die nach Kriegen verlangen. Ich bin, ich weiß es, ein Narr, aber ich kann von all diesen Leuten niemanden leiden sehen; mir treten die Tränen ins Auge – –«

Bald wissen es alle, wie gut dieser christliche Pascha ist, wie er verzeihen, bemitleiden kann. Nur gegen die Seinen ist er oft unerbittlich. Einen Kaimakam, Oberstleutnant der ägyptischen Truppen, läßt er erschießen, weil er vom Feind bestochen ist. Ein anderer, der konspiriert hat, geht in eine arge Verbannung. Was hilft es? Er hat doch lauter Verräter um sich. Immer wieder vertraut er und wird getäuscht. Da ist sein liebster Vertrauter, sein Sekretär. Ein Schwarzer, der Ibrahim heißt. Der Pascha, der britische Colonel, macht diesen Neger zu seinem Freund; er glaubt an ihn, liebt ihn, beschenkt ihn – und entdeckt eines Tages, daß er dreitausend Pfund von den Sklavenhändlern bekommen hat und daß er ihnen dafür Gordons Pläne verrät. Da muß der Bursche in Ketten nach Khartum. Was nützt es? So sind sie doch alle.

Mit Bitterkeit erinnert Gordon sich an alles, was er schon mit seinen Beamten und Offizieren erlebt hat. Da war dieser üble Kerl Abu Saud, den er vor drei Jahren in die Äquatorprovinz mitgenommen hat. Gegen alle Warnungen. Der ärgste Schuft von allen, ein hündisch gemeiner Verräter. – Und ein anderer, auch dort in Gondokoro, Raûf. Er hat ihn nach Kairo geschickt – und er hat dem Khedive Lügengeschichten über Gordon erzählt. Jetzt steht dieser Raûf in höchster Gnade am Hofe des Vizekönigs – –

So sind sie alle. Räuber, Diebe, bestochene Richter, Unterdrücker der Witwen und Waisen. Mit ihrer Hilfe soll man das Land hier erlösen!

*

Eine Verzweiflung packt Gordon. Er ist ganz allein, auf niemand kann er sich stützen. Die Offiziere ein Gesindel, die Truppen nicht besser. Wo er selber sich zeigt, ist seine Sache erfolgreich; wenn er den Rücken dreht, ist wieder alles verloren. Die Wut macht ihn rasend. Er tobt im Lande herum, fast ohne Begleitung. Er reitet, reitet durch die schrecklichen Einöden. Dieses Land ist kläglich: ebene Steppen und Sand und Gestrüpp von Dornen; es gibt kaum irgendwo Brunnen, nur in den hohlen Stämmen der Affenbrotbäume bewahrt man das Regenwasser. Dabei ist alles vom Kriege verwüstet. Die Sklavenhändler sind überaus frech; auf seinen Ritten begegnet Gordon überall den Karawanen, oder er findet die Menschenskelette, die hinter den Karawanen am Wege bleiben. Er bestraft die Räuber, läßt sie prügeln oder erschießen, befreit die Sklaven, diese gefesselten Weiber und mageren Kinder. Und dann? Er kann diese Leute weder nähren noch kleiden; sie sind fern von den Dörfern, aus denen man sie geraubt hat; wenn Gordon nicht will, daß sie elend sterben, muß er dulden, daß sie der nächste Araberstamm als Sklaven zu sich nimmt. –

Einmal entdeckt er, daß seine eigene Garde, die mit ihm marschiert, einen Haufen von Sklaven heimlich mit sich führt, um sie zu verkaufen.

*

Was für ein Land! Um so etwas führt man Kriege! Gordon, der Bibelforscher, notiert sich: 2. Könige III, 9. »Und sie machten einen Umweg von drei Tagen Weges, und es war da kein Wasser.« – So, genau so ist's in Dar-Fur! Man zieht im Lande herum, reitet Meilen und Meilen und Meilen, ißt nicht, trinkt nicht, schläft nicht, manövriert um die Wasserstellen. Dabei nicht ein einziger Mann im Lande, der die ägyptische Herrschaft wirklich wünscht. Wünscht sie Gordon? Der bloße Anblick von Baschi-Bosuks macht ihn krank. Er rettet dennoch noch einmal das Land für den Khedive in Kairo; den Prinzen Harun, den rechtmäßigen Erben der alten Sultane, verjagt er ins Wüstengebirge, obwohl er weiß, daß es besser wäre, wenn er Dar-Fur zurückbekäme, als daß es ägyptische Beys oder die Sklavenhändler regieren.

Diese Sklavenhändler, geführt von dem jungen Sohne Sibêrs, versammeln sich rund um Scheka. Sie haben ausgezeichnet bewaffnete Negertruppen. Wenn sie sich offen empören, ist alles verloren. Wie schwach ist der Halt, den Ägypten in diesem Sudan hat! Heute Harun, morgen der Sohn des Sibêr, Suleiman: jeder Rebell, der aufsteht, ist mächtiger als die Khartumer Regierung. Noch ist Gordon vorhanden. Er weiß, daß er schließlich das Land behaupten wird. Aber, denkt er, soll ich denn ewig hier bleiben? Für welche Sünden habe ich diese Strafe verdient?

*

Gordon erfährt eines Tages, daß der junge Suleiman mit sechstausend Mann in der Nähe von Dara lagert. Er beschließt, mit dem Jüngling selber zu reden. Er bricht plötzlich auf, reitet siebzig Meilen an einem einzigen Tage. So ungeduldig ist er, so schnell ist sein berühmtes Kamel, daß er seine Eskorte weit hinter sich läßt. Er ist ganz allein in der Wüste. Der Kopf seines armen Kamels ist mit schrecklichen Fliegen bedeckt, sie treiben das Tier zu stets größerer Eile.

Gordon, mit einem roten Gesicht voller Fliegen, führt Selbstgespräche oder Gespräche mit Gott, es ist fast dasselbe:

»Ein Sack voll Reis, auf diesem Kamel durch die Wüste holpernd, wäre genau so von Nutzen wie ich!

Wer bin ich? Meine sogenannten Erfolge? Lauter Schwindel. Bin ich klug? Bin ich tüchtig? Es sieht vor der Welt wohl so aus. Ich weiß, daß ich gar nichts vermag. Ich danke Gott, daß er mich als sein Werkzeug verwendet. Und ich sehne mich so nach der Ruhe!«

*

»Wenn ich diesen Sklavenhandel beseitigen könnte«, denkt Gordon wieder, »die Karawanen von mageren Gespenstern, die Kinderleichen am Wege, – dann wollte ich mich gern noch heute erschießen lassen. Aber wo ist die Hoffnung? Die Frage ist nur: soll ich mein Leben opfern und hier in Dar-Fur bleiben? Ein schneller Tod, das ist gar nichts. Aber in diesem schrecklichen Lande leben, das ist langsame Kreuzigung, das ertrage ich nicht. Soll ich bleiben und diese Sklavenhändler alle vernichten? Es ist eine heilige Sache, für die man wohl sterben könnte. Ja, einen schnellen Tod. Aber oh! Hier bleiben, das ist der langsamste Tod, das ertrage ich nicht!«

*

Der einsame Reiter bringt sein Kamel zum Stehen, blickt um sich in dieser trostlosen Steppe. Nichts zu sehen als irgendein Dorngestrüpp am Horizont – und Fliegenschwärme. Gordon, bis zur Wut gepeinigt, schlägt nach den Fliegen, dann läßt er plötzlich den Arm wieder sinken. Es hat ja doch keinen Sinn. Hoffnungslos!

Keinen Sinn – hoffnungslos! geht es durch diesen armen leidenden Kopf. Der Mann möchte sich am liebsten vom Kamel gleiten lassen und liegenbleiben auf dieser hartgebackenen Erde, neben diesem dornigen Mimosenskelett.

Kleine dunkle Gedanken umflattern ihn, quälend wie die Fliegen:

»Der Sudan ist für Ägypten nicht zu halten, es ist nur eine Frage der Zeit – – «

*

Er sitzt auf dem Kamel, regungslos, in seiner grotesken goldenen Uniformpracht. Auf einmal wird er fieberhaft energisch, treibt das Tier zum Laufen an. Die Sklavenhändler! Man darf sich nicht sterben lassen, solange die Sklavenkarawanen noch durch Afrika ziehen.

Die ägyptischen Offiziere des Postens Dara trauen ihren Augen nicht, als am Abend der Generalgouverneur ankommt, in großer Gala, aber völlig allein und mit Fliegen bedeckt. Erst in der Nacht, während Gordon tief und ruhig schläft, kommt seine Eskorte nach. Am Morgen läßt Gordon seine türkische Marschallsuniform sorgfältig herrichten und legt, trotz der Hitze, noch darüber den goldenen Küraß an, ein kostbares Geschenk des Khediven. Dann reitet der kleine Mann, ganz umfunkelt von Goldglanz, wieder fort; nur einige herausgeputzte Baschi-Bosuks eskortieren ihn in das bei festigte Lager der Sklavenhändler, Rebellen, Räuber.

Wie er Einlaß verlangt, entsteht Staunen, Verwirrung. Was bedeutet das? Der Pascha? So gut wie allein?

Der junge Suleiman, Sohn Sibêrs, hat dreitausend Mann um sich. Warum bringen sie Gordon nicht einfach um? – Aber die Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der er nun plötzlich da ist und spricht und befiehlt, bändigt diese Leute sogleich. Den Sohn Sibêrs, einen hübschen, verwöhnten Jungen von Zwanzig – er trägt eine blaue samtene Jacke – brüllt er an, er hält ihm seinen Ungehorsam vor, sein aufrührerisches Tun und die Verwüstung des Landes, all die Skelette, die überall liegen. – – In seinem schrecklichen schottischen Arabisch sagt Charles G. Gordon das, mit brennenden Blicken und mystisch umfunkelt vom Goldglanz des Panzers, von der Autorität seines hohen Amtes und von der des fernen Vizekönigs in Kairo. – Der vor Staunen erstarrten Versammlung der Menschenräuber befiehlt er, sogleich nach Dara zu kommen, um sich dort im öffentlichen Diwan in aller Form zu verantworten. Der Sohn Sibêrs zittert unter seiner blauen Jacke. Während Gordon noch in seiner Gewalt ist und befürchten muß, ermordet zu werden, sieht der Junge so kläglich aus, daß er Gordon schon leid tut: Ein verzogenes Kind! denkt er. – Immer unter Schmeichlern und Sklaven aufgewachsen! Das wird bitter für ihn werden, wenn er erkennen muß, wie die Welt wirklich ist. – Freilich, es wird ihm gut tun, wenn er ein bißchen durchgeschüttelt wird.

Gleich weiß Charles G. Gordon ein passendes Bibelzitat:

»Und David sagte: Um meinetwillen behandle mit Milde diesen jungen Menschen!«

Gordon macht aber ein böses Gesicht, vorläufig.

*

Der junge Mensch, vollkommen gebändigt, hört nicht auf die trotzigen alten Beduinen in seiner Umgebung, die den Ungläubigen gleich in Stücke schneiden möchten. Gordon trinkt ein Glas Wasser und kehrt langsam nach Dara zurück. Kaum ist er dort, so kommt auch schon, fasziniert und gehorsam, der junge Suleiman mit seinen Räten, sie hocken um Gordon im. Kreise herum und versichern ihm, mit den Stirnen den Boden schlagend, ihre Reue und Treue. Solange Gordon in Dar-Fur ist, bleibt der Friede bestehen. Da der Generalgouverneur nach Khartum zurückkehrt, bricht der Aufstand von neuem aus, ärger denn je. Der junge Suleiman wird der ägyptischen Herrschaft gefährlicher denn je. Jetzt versteht Gordon, bis zur Bewußtlosigkeit gereizt, keinen Spaß mehr. Er schickt seinen besten Gehilfen, den alten Italiener Romolo Gessi, gegen Sibêrs Sohn und seine Sklavenhändler und befiehlt ihm die furchtbarste Strenge. Nach langen Kämpfen siegt Gessi. Den jungen Suleiman, der gefangengenommen wurde, läßt er eines Morgens erschießen.

Aber auch das ist nutzlos. Alles ist nutzlos.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.