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Die Derwischtrommel

Richard Arnold Bermann: Die Derwischtrommel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Derwischtrommel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
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Der Engel

Von vierzig Jahren des Lebens, des Sieges hat der Mahdi am Freitag gepredigt. Es vergehen vier Tage, da bemerkt der Türhüter am Tore Abdullahis, daß sein Herr, der Khalifa, den ganzen Tag aus dem Hause des Mahdi nicht heimkehrt.

Dieser Türhüter, der da barfuß und im Harlekinshemd eines Derwisches in der glühenden Sonne warten muß, ist Rudolf Slatin. Seitdem man ihn aus den furchtbaren Ketten entlassen hat, ist er wieder der Knecht dieses Khalifa, den er so aufrichtig haßt, läuft neben seinem Pferde einher, wacht vor seiner Türe.

Rudolf Slatin weiß vor den anderen Menschen in Omdurman, daß der Mahdi krank ist, daß er im Sterben liegt.

*

Am vierten Ramadan, am Mittwoch, hat das schwere Fieber den Mahdi befallen, ihn, der noch am Freitag so kraftvoll schien, ein Gebirge von Fleisch und Muskeln. Was ist das für eine plötzliche Krankheit?

Die ersten Gerüchte in den engen Straßen von Omdurman, zuerst nur geflüstert, werden noch kaum geglaubt. Wie könnte denn der Mahdi erkrankt sein! Aber das Tuscheln geht weiter, wird halblaut, wird laut. Schon spricht man von Gift. Wenn im Sudan jemand krank wird, spricht man immer von Gift. – Eine Frau seines Harems soll den Mahdi vergiftet haben. Ja, Amina, Tochter des Abu Bekr el-Dscherkûk, den man erschlagen hat, aus Rache hat sie den Mahdi vergiftet!

Am Donnerstagabend umdrängt eine riesige Menge die Seriba des Mahdi und den Moscheeplatz. Die Leute lassen sich nicht mehr beschwichtigen. Sie wollen den Mahdi sehen!

Da tritt der Khalifa Abdullahi hervor, mit ernstem Gesicht. Er spricht zum Volk und bestätigt, daß der Mahdi sehr krank ist. Betroffen schleicht die Menge davon.

Tags darauf, am Freitag in der Moschee, hält statt des Mahdi der Khalifa die Predigt und spricht das Gebet. Er mahnt die Gläubigen, für den Erwarteten Mahdi zu beten, dessen Leben in großer Gefahr sei.

*

Wie ist das möglich? Kann denn der Mahdi sterben? Kann er denn jetzt schon sterben?

Eine Erstarrung kommt über das Volk, ein kaltes Staunen, das alle lähmt; dann heiße Erregung. – Während noch alles nach Fassung ringt, ruft man vor der Moschee und auf den offenen Plätzen die schon bekannte Proklamation des Mahdi aus, die den Khalifa Abdullahi über die anderen Khalifen des Mahdi emporhebt: »Denn er ist von mir und ich bin von ihm.« Jetzt erst versteht man, daß es sich hier um die Nachfolge handelt, daß der Taaischi der Erbe sein wird, wenn der Mahdi stirbt. – –

Aber er kann doch nicht sterben! sagt man im Volk.

Und auch schon: Der Kuhbeduine? Der Baggara soll uns beherrschen?

Die Leute von Dongola stehen sogleich zusammen; während der Mahdi noch lebt, enthüllt sich die tiefe Spaltung zwischen den Baggara und den Danagla, zwischen der Mahdi- und der Khalifa-Sippe!

*

Der Kranke liegt in einer geräumigen Hütte nicht weit vom Ufer des Nils. Der Strom bleibt ihm nah bis zuletzt.

Um das Lager herrscht die Geschäftigkeit der erregten Weiber. Eine jede weiß Mittel aus ihrer Heimat, die sicher helfen. Alle Heilkünste, Zauberformeln und Medizinen ganz Afrikas werden an dem kranken Mahdi versucht, der teilnahmlos daliegt und nichts zu empfinden scheint.

Am besten, das wissen sie alle, ist flüssige Butter, in großen Mengen dem Kranken eingeflößt. Auch ein Absud aus Granatäpfelschalen ist wirksam! Man setzt dem Fiebernden Schröpfköpfe auf, aus den Hörnchen kleiner Gazellen gefertigt, man brennt ihn mit glühenden Eisen, spritzt ihm seinen eigenen Harn ins Auge, verdampft in dem Zimmer Räucheressenzen: Sandelholz, Kampfer, Jasmin, Akaziengummi und Asa Foetida.

Dann wieder versucht man die Kraft der heiligen Talismane, der Formeln aus dem Koran, der magischen Sprüche. Uralte, hexenhafte Weiber und heilige Derwische mit irren Augen murmeln und schreien am Krankenbett. Man hängt dem Mahdi ein Stück vom Vorhang der Kaaba um seinen Hals, bespritzt ihn mit dem Wasser des Brunnens Zemzen, schiebt eine Oblate zwischen seine geöffneten Lippen, die aus dem Staub vom Grab des Propheten geformt ist. Man schreibt dem Kranken Gebete auf seinen Bauch und auf seine Hände, man schreibt Suren mit Tinte auf ein Papier und wäscht sie dann wieder ab; das Tintenwasser gibt man dem Mahdi, wenn er zu trinken verlangt.

Da gar nichts hilft, wird ein wirklicher Arzt geholt. Ein ägyptischer Doktor, Hassan Zeki, der unter Gordon im Hospital von Khartum gearbeitet hat, ist wie durch ein Wunder bisher nicht umgebracht worden. Jetzt erinnert man sich, daß er vorhanden ist. – Er kommt sehr ungern, aber er muß. Am Bett des Mahdi murmelt er unentschlossen die Namen von Krankheiten: Herzverfettung, – Meningitis cerebrospinalis, – Typhus abdominalis. – Ja, Typhus am ehesten, es herrscht eine Epidemie.

Es kann sein, daß der ägyptische Hakîm im Grunde nicht viel versteht. Aber eins ist sicher: er hütet sich, irgendeine Verordnung zu treffen. Wenn er etwas verschreibt und der Mahdi stirbt, wer wird dann schuld sein? Der Hakim nimmt seine Zuflucht zu Redensarten: man habe ihn sehr spät gerufen, und alle Macht sei bei Gott – »Allah wird helfen, er ist barmherzig!«

*

Wenn der Mondmonat Ramadan in den Sommer fällt, ist das Fasten sehr schwierig. Denn während des Tages ist dem Muselman nicht nur das Essen verboten, er darf auch nicht trinken. Nicht trinken, während eines sudanesischen Sommertages! Es ist schwer, es ist kaum zu ertragen. Die vielen Stunden der furchtbaren Hitze, bevor die Nacht kommt und man trinken und essen darf!

Dennoch umlagert den ganzen Tag eine schweigende Menge das Hüttengehöft des Mahdi und achtet nicht auf die Sonne. Das braune und schwarze Volk des Sudans kann an nichts mehr denken als an den sterbenden Mahdi.

Sie begreifen das nicht, daß er jetzt schon sterben kann!

Sie begreifen die Wahrheit nicht: daß er gar nicht mehr leben könnte. Dieser zweiundvierzigjährige Mann in der Hütte stirbt nicht am Typhus und nicht an seinem verfetteten Herzen und nicht an Gift: er stirbt am Erreichen des Ziels und an der Vollendung des Lebens. Könnte der afrikanische Träumer dort denn weiterleben und Europa erobern? Eine Welt, die er sich nicht einmal träumen könnte? Seinen eigenen heißen Sudan hat er ergriffen, weil er ihn begriffen hat. Die wirbelnde Säule des Wüstensturms sinkt stets zusammen, sobald sie ihre äußerste Höhe erreicht hat; das ist ein Gesetz der Wüste.

Warum der Mahdi so plötzlich stirbt? Weil er Gordon zu rasch besiegt, den Sudan zu rasch erobert hat.

Die Menschen, die um die Seriba stehen, wissen es nicht. Ratlos und stumm, in der glühenden Sonne, im wehenden Staub, in dem furchtbaren Durst des Sudans umlagern sie die afrikanische Hütte, in der dieses Schicksal vollendet wird. Nicht wie der Tod eines Menschen ist es, es ist wie eine Naturkatastrophe der tropischen Länder, plötzlich, maßlos und unvermeidbar.

*

Am neunten Tag des Ramadan scheint das Fieber nicht gleichmäßig heftig. Der kranke Mahdi scheint manchmal wach und bei Sinnen zu sein. Er erkennt Aïscha, die »Mutter der Gläubigen«, und lächelt ihr einmal zu. Dann wieder einmal sucht er mit den Augen jemand. Vielleicht seine Knaben? Vielleicht seine schöne Sklavin Amina?

Aber Amina, von der im Volk das Gerücht geht, sie habe den Mahdi aus Rache vergiftet, ist nicht in der Nähe. Das duldet Aïscha nicht.

Später scheint sich der Mahdi wohler zu fühlen; sein Blick wird klar, er sieht die ernste Versammlung an seinem Lager. Man hat nun den Harem entfernt und die Großen des Mahdireiches hereingelassen. Nur Aïscha liegt, tief verschleiert, im Winkel und bändigt ihr Schluchzen.

Die drei Khalifen stehen im Sterbezimmer, die nächsten Verwandten des Mahdi, seine Schreiber, die ersten Emire. Der Kranke hat alle erkannt, jetzt schließt er wieder die Augen, er scheint erschöpft. Der düstere Abdullahi tritt an das Bett und sieht den Mahdi sehr lange an. Der öffnet wieder die Augen, er lächelt, er sagt, mit seiner schönen Stimme, die wenig verändert klingt, einige Sätze. Es spricht nicht der leidende Mensch, sondern der Staatengründer und Führer.

»Der Prophet« – – sagt der Mahdi. – –

Er ringt, er müht sich, aber er setzt die übliche Formel hinzu:

»Der Prophet, auf ihm sei der Segen und das Gebet. – –

»Der Prophet hat Abdullahi zu meinem Nachfolger eingesetzt. – – Er ist von mir und ich bin von ihm. – – «

Die großen Augen des Sterbenden ruhen einen Augenblick auf seinem Verwandten, dem Zweiten Khalifa Mohammed esch-Scherif. Der ist bleich, beißt seine Lippen.

Der Mahdi schweigt, versinkt, scheint nicht mehr da. Dann hört man die Stimme noch einmal, so klar wie je.

*

Zwei junge ägyptische Araber, Studenten der hohen theologischen Schule von El Azhar, sind nach dem Fall von Khartum in den Sudan gewandert, um den Mahdi zu sehen. Sie haben als Beduinen verkleidet die Nubische Wüste passiert, der Engländer wegen, und tragen noch jetzt beduinische Tracht. Aber ihre jungen Gesichter sind feiner, klüger und schwächlicher als die Gesichter von Beduinen; es sind kultivierte Jahrtausende in diese Züge hineingezeichnet. Sie sind nicht ganz frei von dem Einfluß Europas, – das sie zu hassen glauben.

Die beiden Ägypter sind Anhänger Achmed Arábi Paschas und der nationalen Partei, also Feinde der britischen Okkupation. Sie haben die Schule der Moschee El Azhar verlassen, weil sie die Hoffnung hatten, der Mahdi werde an der Spitze seines Heeres Ägypten von den Fremden befreien. Aber kaum sind sie nach einer beschwerlichen Reise und nach vielen Gefahren in Omdurman angekommen, da hören sie, daß der Mahdi stirbt.

Die beiden sitzen eng beieinander am Ufer des Nils, an einer Stelle, wo ein verfallenes Schöpfrad ein bißchen Schatten gewährt. Sie sind traurig, aber wie Männer.

»Als der Prophet Mohammed starb«, erinnert der eine sich, »wollte die Menge der Muselmanen es nicht glauben. Die Ansar stürmten das Haus Aïschas, in dem die Leiche lag. Omar drohte mit geschwungenem Säbel, jeden zu töten, der zu sagen wagte, der Prophet sei gestorben. – – Aber Abu Bekr sagte: »O ihr Muselmanen, wenn ihr Mohammed anbetet, so wisset: er ist tot. Betet ihr aber Gott an, so wisset: – Gott ist nicht tot und er stirbt nicht.«

Der junge Ägypter schweigt einen Augenblick, fährt fort mit gepreßter Stimme, der er Festigkeit zu geben versucht: »So hat damals Abu Bekr den Islam gerettet. Er hat als der Erste Khalif des Propheten Allahs in Arabien und Nicht-Arabien große Siege erfochten und den Glauben verbreiten geholfen. – – Der Mahdi verkündigt in seiner Proklamation: Nach dem Propheten war Abu Bekr der größte der Menschen und der gerechteste. Der Khalifa Abdullahi steht bei mir an der Stelle Abu Bekrs, und der Prophet befiehlt, daß er mein Khalifa sei. – – «

Der junge Student von El Azhar sieht seinen Freund an, den er gern überzeugen möchte. Ganz gewiß, wenn auch der Mahdi stirbt, muß die Sache des Islams noch nicht verloren sein. Wie viele heiße Träume haben nicht im Moscheehof von El Azhar diese jungen Söhne Ägyptens geträumt: von einer Wiedergeburt des Islams in der arabischen Nation, von einem letzten und erfolgreichen Widerstand gegen die Fremden, gegen dieses Europa, das man zugleich bewundert und haßt. Dann ist der Mahdi gekommen, jählings, eine Flamme, eine große lodernde Hoffnung. – –

Der andere Mugáwir von El Azhar sagt, mit den Augen dem strömenden Nilwasser folgend:

»Nein, es ist nutzlos. Wenn der Mahdi stirbt, wenn das sein kann, daß er stirbt, kehre ich nach Kairo zurück.«

»Obwohl dort die Engländer sind?« fragt sein Freund.

»Obwohl dort die Engländer sind. Es ist nutzlos. Wie Allah will!«

*

Um das Bett des Sterbenden wagt keiner zu atmen. Der Mahdi scheint einzuschlafen. Das Gesicht wird friedlich, das Lächeln ist zurückgekehrt, die Züge sind schön und männlich wie einst.

Da, die Augen öffnen sich wieder. Was sehen sie? Kommen in dieser Stunde trostreich die alten Visionen wieder? Die Gesichte, die ein junger Derwisch in seiner Höhle geschaut hat? Reichen leuchtende Wesen magische Schwerter und Siegeskränze, von Gott gesandte? Neigen sich Jesus und Mohammed nieder, um diesen Mann zu begrüßen, der ihnen entgegenstirbt?

Die Maske des Mahdi ist undurchdringlich wie immer. Was geht in ihm vor, was ist in ihm vorgegangen?

Er seufzt ein wenig, die Lippen bewegen sich. Vielleicht steht er jetzt als ein kleiner Knabe im seichten Wasser, im Wasser des Nils, mit seinem Vater, dem Bootszimmermann. Jetzt rezitiert er stolz seine erhabene Ahnenreihe. Jetzt ist er der fromme Jüngling, der Schüler eines heiligen Scheichs. – –

Nun schließen sich im Gesicht des Mahdi die lächelnden Lippen, die Maske wird kälter und härter. Das ist der mystische Reiter auf dem Wirbelsturm in der Wüste. Das ist der Zwölfte Imâm, der plötzlich aus dem Verborgenen trat, der Erwartete Mahdi, der aufstand, um die Welt für Gott zu erobern. Dieses Menschenantlitz hat große Wunder geschaut; diese Augen haben furchtlos in den Glanz der Gottheit selber zu blicken gewagt; und sie haben, strenge und kalt, mit dem Hochmut der Seligen, Gordons blutiges Haupt betrachtet. – –

Was sehen diese Augen jetzt? Was geht in dem sterbenden Mahdi vor? Die Maske fällt nicht, bis ganz zuletzt.

*

Die Freunde und Anhänger Mohammed Achmeds, die am Sterbebette versammelt sind, haben an ihren Mahdi fanatisch geglaubt. Die Ansar des Mahdi haben in einem Dutzend blutiger Schlachten das Banner aus Licht gesehen, das ein überirdisches Wesen, ein formlos ungeheures Wesen, vor ihm einhertrug.

Warum sehen sie jetzt nicht, die Khalifen, Emire, Ansar des neuen Islams, den Todesengel Azraïl? Wie er plötzlich Form und Gestalt gewinnt und menschenähnliche Züge? Schöne Züge, die lächeln? Der Mahdi sieht ihn; er richtet sich auf, man hört seinen gehetzten Atem. Der Engel läßt sein Banner über ihn sinken. Der Mahdi fällt schwer zurück. In ihrer Ecke schreit das Weib auf, das den Mahdi geliebt hat.

*

Die großen Heiligen des Islams werden an der Stelle begraben, wo sie gestorben sind. So wie man einst den Propheten im Hause Aïschas beigesetzt hat, so wird auch der Mahdi in seiner Hütte bestattet, bevor noch die Kunde von seinem Tode nach außen gedrungen ist. Die Verwandten des Mahdi waschen die Leiche; sie ziehen am Bart des Toten, weil man meint, daß die Haare leicht ausgehen, wenn jemand an Gift gestorben ist; aber der Verdacht bestätigt sich nicht.

Unterdessen haben die drei Khalifen das Bett des Mahdi beiseite geschoben und an der Stelle, wo es stand, mit ihren eigenen Händen ein Grab gegraben. Man legt den Mahdi hinein, ohne Sarg, in seiner Derwisch-Dschubba. Das Grab wird mit Ziegeln bedeckt; der Khalifa Abdullahi verheißt, daß er ein großes Mal darüber errichten wird.

Er selber leitet, als der neue Imâm, die Totengebete des Islams. Die in der Hütte Versammelten, es sind nur die Nächsten und Treuesten, die beim Sterben des Mahdi zugegen waren, sprechen die feierlichen Worte nach:

»Was auch im Himmel und auf Erden ist, ist Gottes; und wem er vergeben will, dem vergibt er, und er bestraft, wen er strafen will. Gott ist allmächtig! – –

»Keiner Seele legt Gott eine Last auf über ihre Kraft. O unser Herr, bestrafe uns nicht, wenn wir vergessen, wenn wir in Sünden verfallen. O unser Herr, unsere Sünden verwische und habe Erbarmen mit uns. Du bist unser Beschützer; so gib uns den Sieg über die ungläubigen Völker! – – «

*

An diesem Tag, dem neunten Ramadan des Jahres der Hedschira 1302 (Rudolf Slatin rechnet: am 22. Juni 1885, wird in Omdurman öffentlich bekanntgemacht, daß der Mahdi freiwillig diese Erde mit dem Himmel vertauscht hat.

Es ist bei schwerer Strafe verboten zu sagen: er sei gestorben. Auch die Totenklage wird untersagt. Dennoch weint die Menge auf dem Moscheeplatz, als der Khalifa Abdullahi vor ihr erscheint, um den Treueid der Ansar entgegenzunehmen. Der Khalifa zeigt große Trauer, aber er spricht mit Zuversicht von der Zukunft. Das Werk, das der Mahdi begann, soll vollendet werden. Der Kampf der Mahdîjja um die Bekehrung der Welt geht weiter. Ist die Erde für den Islam erobert, dann erst kehrt der Erwartete Mahdi wieder. –

Während von der Plattform des Moscheeplatzes der Khalifa so zum versammelten Volke spricht, steht sein Leibwächter Slatin daneben und denkt:

Wann kommt eine energische englische Offensive gegen Khartum? Jetzt sollte sie kommen, ehe dieser tyrannische Heuchler seine Macht befestigt. Die Aschraf sind gegen ihn, auch die Dschaalin mögen ihn nicht. – – Könnte ich an Kitchener nur eine Botschaft senden! Wenn man jetzt dem Khalifa Zeit läßt, kann es noch Jahre dauern, ehe man mit den Derwischen fertig wird! – – Soll ich nicht doch die Flucht versuchen?

*

Am Abend gehen die beiden jungen Ägypter, die Studenten von El Azhar, im Freien außerhalb der Stadt am Ufer des Nils entlang. Die beiden Jünglinge halten einander bei der Hand wie Knaben, die einander lieben. Die Sterne des tropischen Himmels spiegeln sich hell im raschfließenden Strom, die Luft ist heiß, von den Dörfern der Insel Tutti schallen Trommeln herüber; wahrscheinlich hält dort irgendein Derwischorden seine Gebetnacht ab, zu Ehren des toten Mahdi.

Die beiden ägyptischen Jünglinge sind traurig, weil ihre Hoffnung gestorben ist, und auch, weil sie sich jetzt trennen müssen: Omar kehrt nach Kairo zurück, während der Jüngere, Hassan, in trotziger Verzweiflung beschlossen hat, in Khartum zu bleiben und sich dem Heer des Khalifa anzuschließen, wenn es den Feldzug gegen das von den Engländern besetzte Ägypten beginnen sollte.

»Der Islam«, sagt der mehr resignierte Omar, »der Islam ist einst eine ungeheure Flamme gewesen, in der die ganze Welt Gottes zu einer Einheit zusammenzuschmelzen begann. Seit Jahrhunderten schon brennt die Schmelzflamme Gottes trüber und trüber, und die Welt erlangt ihre Einheit nicht. Aber der Islam kann niemals verzichten. Er ist nichts als die Flamme, die alles verschmelzen will: sie muß die Erde verzehren oder aber erlöschen. – – Wir, o mein Freund, haben die uralte Flamme noch einmal lodern gesehen, noch einmal sahen wir sie groß und furchterregend zum Himmel schlagen. Da nun der Erwartete Mahdi fruchtlos gestorben ist, wird die Flamme des Islams, die durch dreizehn Jahrhunderte so hell gebrannt hat, wird sie nun müde und trübe verflackern müssen?«

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