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Die Derwischtrommel

Richard Arnold Bermann: Die Derwischtrommel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorRichard Arnold Bermann
titleDie Derwischtrommel
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H.
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Das Haupt

Im Lager der Mahdisten vor Khartum liegt in einem zerrissenen Beduinenzelt Rudolf Slatin, vormals Generalgouverneur von Dar-Fur. Er liegt, weil es ihm nicht möglich ist zu sitzen oder zu stehen, so sehr ist er mit Ketten verschnürt und beladen. Um seine nackten Füße laufen starke eiserne Ringe, fest um das Fleisch verhämmert und durch kurze dicke Stangen von Bein zu Bein verbunden. Ein anderer dicker Eisenring liegt um den Hals, daran hängt eine lange Kette von vielen Gliedern. Erst unlängst hat man auf den Befehl des Khalifa das Gewicht der Eisen verdoppelt, da sich Slatin geweigert hat, ein Belagerungsgeschütz zu bedienen.

(Ein anderer ägyptischer Statthalter, Frank Lupton, bisher Generalgouverneur am Gazellenfluß, steht, gleichfalls mit einer Kette am Bein, schon lange hinter einer Kanone und muß, er, ein Engländer, Gordons Festung beschießen. Aber er schießt sehr hoch.}

– Man hat Rudolf Slatin, oder vielmehr den Muselmanen Abd el-Kadr, im Mahdistenlager erst erträglich behandelt. Dann aber hat er begonnen, Briefe an Gordon zu schicken. Gordon hat keine Antwort gesandt. Die Antwort hat er nur in sein militärisches Tagebuch eingetragen, schneidende Sätze gegen Slatin: Gordon verzeiht ihm den Glaubenswechsel nicht! – Slatin, durch Gordons Schweigen tief getroffen, denn er liebt Gordon sehr und bewundert ihn und hat Gründe, ihm dankbar zu sein, – hat immer wieder geschrieben, mehrmals öffentlich, mit des Khalifa Wissen und manchmal heimlich. Diejenigen Briefe, von denen der Khalifa weiß, sind an den Konsul Hansal gerichtet und sollen nach Abdullahis Meinung Aufforderungen zur Kapitulation enthalten, – die heimlich durchgeschmuggelten Briefe sind direkt für Gordon bestimmt, leidenschaftliche Bitten, der General möchte an Slatins Treue glauben, an die Ehre eines k.u.k. Offiziers; – und es stehen Berichte darin: über Stärke, Waffen und Pläne des Derwischheeres. Wieviel von dieser Korrespondenz der Khalifa entdeckt hat, weiß Slatin selber noch nicht. Genug, da liegt er und kann sich nicht rühren. Warum töten sie ihn denn nicht? Man pflegt im Kriege Leute zu töten, die dem Feind Nachrichten senden. –

Da liegt er, auf einer Matte aus Palmstroh in dem zerschlissenen Zelt, und sieht nichts und hört die Kanonen, die Khartum bekämpfen. Obwohl kein Besucher die Dornenhecke passieren darf, die um das Zelt läuft, weiß Slatin doch sehr wohl, was im Lager vorgeht. Unter den schwarzen Soldaten, die ihn bewachen, sind öfter solche, die in Dar-Fur unter ihm dienten. Die sprechen offen. Manchmal bringen sie ihm auch etwas zu essen. – Jetzt hat Slatin aber seit zwei Tagen nichts mehr bekommen. Abu Anga, der Emir der schwarzen Truppen, der auf Befehl des Khalifa den Gefangenen Slatin zu hüten hat, ist während der Kämpfe zu sehr beschäftigt. Seine Frauen, scheint es, lassen Slatin absichtlich hungern. Man behauptet im Derwischlager immer, Slatin sei Gordons Neffe. Die dicke Hauptfrau des Abu Anga ist zornig, weil Gordons Kanonen fortwährend schießen. Gordons Neffe soll nur verhungern!

Der Mann in Ketten liegt mit geschlossenen Augen da und denkt nach. Ist das das Ende, ist Gordon verloren? – Vor wenigen Tagen ist der Khalifa persönlich hierhergekommen vor das Zelt und hat Slatin einen Zettel zu lesen gegeben, einen französisch geschriebenen Brief, den man bei einem Spion aus der Festung gefunden hat. Gordon hatte geschrieben: »Ich habe noch zehntausend Mann. Khartum kann sich bis Ende Januar halten.«

Slatin hat dem Khalifa gesagt, er könne das nicht übersetzen, er verstünde die Chiffre nicht. – –

Bis Ende Januar! Ende Januar ist jetzt. In ein paar Tagen. Und Omdurman ist in der Hand des Mahdi, die Festung muß sturmreif sein.

*

Der angekettete Sklave des Khalifa verwandelt sich innerlich in den k.u.k. Offizier, der Taktik studiert hat. – Seit drei Vierteljahren liegen diese Mahdisten in so erdrückender Übermacht um Khartum, und einen ernsthaften Sturmangriff hat der Khalifa noch nicht zu unternehmen gewagt. Dabei hat die Überschwemmung von neulich die Parapets am Ufer des Weißen Nils beschädigt; auf dieser Seite sind die Befestigungswerke jetzt kaum mehr brauchbar. – Warum stürmen die Derwische nicht? Sie scheuen Gordons Artillerie; so wie sie El Obeïd nur durch Hunger zur Übergabe gezwungen haben, so soll Khartum sich ergeben. An das Kommen der britischen Expedition hat im Derwischlager niemand geglaubt, weil der Mahdi das nicht prophezeit hat.– –

Die lange Kette am Hals des Gefangenen klirrt; er hat sich heftig bewegt. Ein Gefühl der Freude läßt ihn nicht ruhig liegen. Man hat es vor ihm verbergen wollen, aber er weiß sehr gut, was für Nachrichten gestern gekommen sind. Abu Angas Weiber haben zuerst geheult und geweint, bis ein Eunuch mit der Peitsche dazwischengefahren ist: das Gesetz des Mahdi verbietet die Totenklagen. – Die Engländer haben bei Abu Klea gesiegt! Die Barabra, die Dschaalin, die Degheim, die Kenana, alle Stämme unter dem alten Emir Musa sind völlig vernichtet; tausende tot! – Und Engländer sollen auf Dampfern nilabwärts kommen! Rettung! Hilfe! Noch vor dem Ende des Monats! Bis zum Ende des Monats, sagt Gordon, hält er noch aus.– –

*

Vor dem Zelt, in dem Slatin liegt, entsteht auf einmal eine Bewegung. Der Gefangene rückt sich mühsam zurecht, in eine hockende Haltung, obwohl dann die Kette ihn so am Hals würgt. Es könnte der Khalifa Abdullahi sein, der da kommt; er sucht seinen Gefangenen manchmal auf, um zu sehen, ob er schon demütig ist, oder um mißtrauisch neue Fragen zu stellen.

Aber diesmal ist es nur die schwarze Hauptfrau des Emirs Abu Anga, die vor dem Zelte steht, man hört ihr Gekeif. Dieser lumpige Abd el-Kadr, der Sohn einer ungläubigen Hündin, sein Vater wird in der Hölle gequält, – er soll doch, bevor man ihn füttert, seinen Oheim Gordon bewegen, daß er nicht mit Kanonen auf Abu Anga schießt! – –

Rudolf Slatin horcht ein wenig, dann legt er sich wieder nieder, mit einem Geräusch wie ein Kettenhund.

*

Irgendwo in der Wüste, nicht weit vom Nil, aber, ach wie weit von Khartum!

Ein britischer Offizier, ein noch junger Mann mit dem Abzeichen eines Ingenieurmajors, ist während eines Rekognoszierungsritts abgesessen, hat eine steinerne Kuppe erklommen und beugt sich nun über die große Karte. In der Entfernung wartet ein kleines Gefolge.

Dieser Major, er heißt Herbert H. Kitchener, wischt sich die feuchte Stirne. – Wie er den Tropenhelm abnimmt, kommt ein braungebranntes Kriegergesicht zum Vorschein, ein Gesicht mit buschigen Brauen, buschigem Schnurrbart, ein Eisengesicht für Reiterstatuen.

Major Kitchener blickt seine Karte an: – Ja, denkt er, so war es zu machen, so mußte es vorbereitet werden. – Gordons eigener Fehler, im Grunde. Auf diesem Bahnbau hätte er selber bestehen müssen, bevor es zu spät war. Eine Bahnstrecke dort, wo der Nil der Katarakte nicht schiffbar ist, – das allein gewährt den Besitz des Sudans. Eine Linie von Wadi Halfa längs des Flusses, oder viel besser noch, wenn man es wagte, hier, schnurstracks durch die blanke Wüste nach Abu Hamed. So schneidet man den gewaltigen Nilbogen ab, umgeht den dritten und vierten Katarakt, kommt an den Fluß, wo er wieder glatt schiffbar ist. Nur so überhaupt ist der Sudan zu halten; nur so ist er wiederzukriegen. Diese unsere jetzige Expedition mit dem pittoresken Kamelkorps – ganz lächerlich! Der Nachschub Wolseleys klappt nicht, wie könnte man rechtzeitig bis Khartum gelangen? Wenn nicht ein Wunder geschieht, und die Dampfer Gordon noch lebend finden – – Aber die Niggers müßten ja toll sein.

Herbert Kitchener zieht mit dem Daumen einen energischen Strich quer über die Karte, dort, wo auf ihr der große Bogen des Flusses verzeichnet ist, und sagt zu sich selber, hörbar: solange die Bahn nicht da ist, gehört der Sudan den Derwischen. Wenn man eines Tages die Eisenbahn baut, dann hat man aber den ganzen Sudan. Ich möchte den sehen, der mich daran hindern kann. Hab ich den Nachschub quer durch die Nubische Wüste, dann interessiert mich die sogenannte Derwischarmee nicht weiter oder was der Khalifa sich denkt und der Mahdi predigt. – Ohne die Unfähigkeit dieser Regierung wäre es niemals soweit gekommen; das Kabinett Gladstone hat den Sudan verloren und alles für viele Jahre verdorben.

Wenn man mich machen ließe – –

Ich baue die Bahn und dann hab ich dieses Khartum! denkt Kitchener.

*

Zwei Schiffe dampfen, so schnell sie nur können, nilaufwärts gegen Khartum. Die »Bordeïn« und die »Talahawiyeh« gehören zu der kleinen Flottille, die Gordon aus der belagerten Stadt der britischen Expedition bis zu den Katarakten entgegengeschickt hat. Nach der blutigen Schlacht bei den Brunnen von Abu Klea hat das von Sir Herbert Stewart befehligte Kamelreiterkorps den Nil bei Gubat endlich erreicht und dort die Dampfer gefunden. Man versucht noch, zu Lande weiter zu kommen und das nächste befestigte Dorf, Metemmeh, zu nehmen, vermag es aber nicht mehr. Die Truppen haben furchtbar gelitten, ihr General Stewart liegt verwundet im Sterben. Die Expedition ist hoffnungslos steckengeblieben; aber man kann noch versuchen, mit Hilfe der Dampfer rasch nach Khartum zu gelangen und Gordon zu retten.

An Stelle Sir Herbert Stewarts hat der Oberst Sir Charles Wilson das Kommando übernommen. Er beschließt, selbst auf der »Bordeïn« nach Khartum zu fahren und die »Talahawiyeh« mitzunehmen, das sind die besten von den vier alten Raddampfern, die zur Verfügung stehen. Der Raum ist sehr knapp, Oberst Wilson hat nur zwanzig englische Infanteristen vom Regiment Sussex mitnehmen können, außer den zweihundert Negersoldaten Gordons, die auf den Dampfern waren. Selbst wenn Wilson seine Landtruppen noch mehr zu schwächen wagte, wäre für europäische Menschen kein Platz auf den Schiffen. Sie sind beide ganz klein, und Gordon hat den Raum auf dem Deck für ein Schanzwerk verwendet, das die Schiffe gegen das Feuer vom Ufer halbwegs zu schützen vermag. Es gibt einen vorderen Turm, in dem ein Geschütz steht, und noch eine Schanze genau in der Mitte des Dampfers. Gußeiserne Platten auf Deck bilden Schutzschilde für die Infanteristen.

Die Schiffe sind gar nicht schlecht gesichert; aber sie starren von Dreck. Seit fünf Monaten führen hier Negersoldaten das Leben von Nilpiraten. Jetzt stopft man auch noch in jede noch freie Lücke die Säcke voll Durrha-Hirse für Gordons verhungernde Garnison. Das Deck ist voll von Durrha und Panzerplatten; in den stinkenden kleinen Kabinen ist lauter Durrha. Durrha und Munition, wohin man blickt.

Man hat es nicht sehr bequem auf diesen Schiffen: Lauter Durrha-Säcke und schwitzende Menschen und Ratten, die all diese Durrha anlockt. Außer den Kombattanten ist auch noch der Troß von schwarzen Weibern an Bord, ohne die sudanesische Truppen nicht denkbar wären.

Sklavinnen, die Durrha zerreiben und die an gefährlichen offenen Feuern aus Durrha Brotfladen backen. Sogar schwarze Babys wimmeln zwischen den Durrha-Säcken herum.

Das alles ist nicht sehr behaglich für die zwanzig britischen Tommys vom Regiment Sussex, und sie fluchen ein bißchen und brummen, wie das Soldaten tun. Im Grunde ist doch jedem einzelnen unter ihnen dieses Abenteuer wahrscheinlich doch lieber als die endlosen Wüstenmärsche der letzten Zeit und diese vielen Gefechte, in denen man so furchtbaren Durst gehabt hat.

Jetzt haben die zwanzig Rotröcke doch wenigstens Wasser! – Ja, Rotröcke kann man sie jetzt wieder nennen. Es hat Mühe gekostet, in der kleinen Expeditionsarmee die zwanzig roten Paraderöcke noch aufzutreiben, aber es ist gelungen, jeder der zwanzig Soldaten hat seinen britischen Scharlachrock; man verspricht sich davon eine große Wirkung. General Gordon hat dringend geschrieben, rote Uniformen sollen zu sehen sein, wenn die Dampfer vor der belagerten Festung erscheinen. – –

*

Mehr als die roten Röcke lebendiger Tommys zu zeigen, – mehr wird Colonel Wilson kaum vollbringen können, wenn er nach Khartum gelangt. Er hat von dem Armeekommandanten Lord Wolseley nur den Befehl bekommen, Gordon einen wichtigen Brief zu bringen, einen Vorrat an Durrha, eine große Kiste voll von Silbertalern als Löhnung für seine Truppen, – dann die britischen Uniformen in ganz Khartum spazierenzuführen und sich dann mit dem kleinen Detachement wieder einzuschiffen und zur Vorhut zurückzukehren. Mehr als Gordon moralisch zu stützen, darf man zunächst nicht hoffen. Eine ernstliche Hilfe, ein Entsatz der belagerten Festung ist frühestens in vier Wochen möglich. Dann vielleicht kann Lord Wolseley mit dem Hauptteil seiner kleinen Armee bis dahin gelangt sein, wo sich jetzt die Vorhut in solchen Nöten befindet. Der Nachschub durch die weglose Wüste ist so entsetzlich schwierig. Noch ein Monat vielleicht, wenn alles sehr gut geht. So lang muß sich Gordon noch mindestens halten.

Die beiden Schiffe, die ihm diesen Trost und den strahlenden Anblick der zwanzig roten Röcke zu bringen haben, fahren, so rasch sie nur können. Aber der Nil ist sehr niedrig, man bleibt fortwährend stecken, obwohl die arabischen Kapitäne geschickt sind. Auch muß man wieder und wieder halten, um in den verlassenen Dörfern am Ufer Häuser und Wasserräder zu demolieren: man braucht das Holz zum Heizen der Kessel. Und sooft man das tun muß, entsteht ein Wirrwarr, denn die schwarzen Soldaten, statt Holz zu hacken, fangen zu plündern an. Colonel Wilson braucht rücksichtslos seine Nilpferdpeitsche, aber die Fahrt verzögert sich dennoch.

Die Ufer rechts und links sind Feindesland. Manchmal erscheint vom Schiff aus alles menschenleer und verlassen; dann plötzlich kommen aus den hochbewachsenen Durrha-Feldern Schüsse, oder es ist irgendwo ein Geschütz versteckt und beginnt auf die Dampfer Feuer zu geben. Das alles hat wenig Zweck: diese beiden winzigen Dampfer, so groß wie die Pennyboote daheim auf der Themse und mit ein paar eisernen Platten verbarrikadiert, sind, mit ihren modernen Kanonen an Bord, doch eine furchtbare Macht in diesem halbwilden Lande, und, wenn sie der niedere Wasserstand nicht aufhält, die Derwische vermögen nichts Ernstliches gegen sie.

Aber am 26. Januar, knapp vor der Stromenge von Schabluka (gar nicht mehr weit von Khartum) liegen die Sandbänke bloß und die Dampfer kommen kaum weiter. Colonel Wilson verzehrt sich vor Ungeduld.

Nicht loszukommen! Und wer weiß, was unterdessen in Khartum geschieht! – –

Wer weiß – –?

*

Am 25. Januar 1885, es ist ein Sonntag, ist Khartum voll von Siegesgerüchten. Man weiß nicht, woher sie kommen, aber man redet in der verhungernden Stadt von einem großen Erfolg, den das englische Expeditionsheer errungen habe, man sagt: bei den Brunnen von Abu Klea. Ja, selbst, daß Dampfer mit englischen Rotrocksoldaten bereits nach Khartum unterwegs sind, wollen einige Leute wissen. Solche Gerüchte, wenn es Gerüchte sind, gelangen binnen weniger Stunden aus dem Lager der Derwische bis in Gordons Palast. Denn an den Vorpostenketten und Sperren und Festungswällen gibt es jetzt neuerdings ein verdächtiges Hin und Her, Herüber, Hinüber. Niemand weiß das besser als General Gordon.

Die guten Nachrichten lösen in Khartum kaum mehr Freude aus. Dies ist der dreihundertsechzehnte Tag der Belagerung, und man fühlt sich selbst zur Freude zu elend. Seit langem wird in Khartum nicht mehr richtig gegessen. Es gibt eine Art Brot, das Gordon erfunden hat, aus Palmbaumrinde und Gummiarabikum. – –

So ist in Khartum jetzt alles und jedes. Das Geld, das man annehmen muß, auf Befehl des Generalgouverneurs, sind irgendwelche erbärmlich gedruckte Zettel, daraufsteht: Gut für ein ägyptisches Pfund.

Daß solches Brot noch für Brot gilt und solches Geld noch für Geld, ist Gordons Verdienst. Ein Wunder, welches Vertrauen dieser Mann um sich zu verbreiten weiß! Noch heute weigern sich die griechischen Kaufleute, auf den letzten Dampfern aus der Stadt zu entfliehen. Da Gordon noch da ist, ist alles gut. – Und der schwarze Soldat ist noch immer treu. Mit großem Stolz trägt er einen Orden, den Gordon gestiftet hat. Gordon, Gordon, niemand als Gordon hält diese vernichtete Festung noch immer. – –

An diesem Sonntagabend hat der Generalgouverneur, der stets neue Einfälle hat, den Gerüchten zu Ehren eine Art Siegesfeier befohlen. Die Musikkapelle hat vor dem Palast die ägyptische Hymne geblasen, »Salaam Effendina«, »Gruß unserem Herrn, dem Khedive«, – und dann auch »God save the Queen«, und man hat ein Feuerwerk abgebrannt.

Gordon selbst hat sich nicht gezeigt. Er ist so müde. Seit dreihundert Tagen hält er, und er allein, die Festung gegen den Mahdi. Wenn er nur einen einzigen englischen Offizier bei sich hätte, der die vom Hochwasser ganz zerstörten Befestigungen am Weißen Nil wieder aufbauen könnte! – –

Das Grübeln hilft ja doch nichts. General Gordon legt sich schlafen, angekleidet wie er ist, natürlich, in seiner Uniform aus weißem Drillich. Säbel und Revolver liegen neben ihm.

*

Im Einschlafen denkt Charles G. Gordon noch an diese Parapets am Ufer des Weißen Nils, die so beschädigt sind, an die durch Trümmer verschütteten Gräben. Wer hindert den Mahdi daran, dort einzudringen? Morgen schon? Oder heute, in dieser Nacht?

Gordon muß daran denken, daß an dieser Stelle Faradsch Pascha die Front kommandiert, ein Offizier, dem er gar nicht mehr traut. Aber welchem von seinen Herren Offizieren traut er denn noch? Nur die Soldaten, diese schwarzen Kinder, sind gut.

Charles G. Gordon seufzt, schläft ein.

*

Er träumt von schottischen Dudelsackpfeifern, die heranmarschieren, in karierten Kilts, mit bebänderten Mützen. Sie spielen das Lied: »The Campbells are coming!« – Nein, nicht die Campbells. Das sind die Gordons, die kommen. Clan Gordon, seit tausend und tausend Jahren. Alle die Ahnen marschieren mit, – und Augusta ist auch dabei und lächelt, und sie streckt ihre Arme aus. – –

Auf einmal aber verändert der schrille Ton der Sackpfeifen sich und wird zu einem entsetzlichen Lachen. Charles G. Gordon, im Schlaf, weiß, daß da ein Storch gelacht hat. Eine Stimme sagt: »Der Storch unter dem Himmel weiß die vorausbestimmte Zeit.«

Dann aber ist alles still, und Gordon ist in einer Unendlichkeit allein mit einem ungeheueren Manne, den er nie gesehen hat und dennoch kennt. Das ist der Mahdi. Er lächelt freundlich. Gordon will aufspringen von seinem Bett und kann nicht. Er weiß in seinem Schlaf ganz genau, daß er auf dem Bett liegt und sich nicht rühren kann. Und doch will er den Mahdi etwas Wichtiges fragen, das Entscheidende: ob denn der Mahdi ein guter Mann ist oder böse. Alles hängt davon ab. Seit dreihundertsechzehn Tagen hat Gordon an gar nichts anderes mehr gedacht! – –

Da öffnet der Mahdi endlich die Lippen und gibt eine Antwort, endlich, endlich, auf die ungesprochene Frage. Der Mahdi sagt lauter Worte aus der Bibel, nicht aus dem Koran, aber Gordon weiß nun, daß das ganz gleich ist. Diese Bibelworte, die Gordon noch gestern abend gelesen hat, die er aber jetzt erst richtig versteht, enthalten, so klar ist das nun, das wirkliche große Geheimnis: die Gleichwertigkeit des Guten und Bösen, Gottes Verbundenheit mit dem Übel.

Der Mahdi, im Traum, sagt lächelnd und deutlich:

»Jesaia, fünfundvierzig, sieben:

Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis; der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches alles tut.«

Die Stimme schwillt an, Gordon weiß nicht, ob das noch der Mahdi ist, der zu ihm spricht. Aber dem Mahdi sollte er doch noch begegnen, wer weiß – –

Die ungeheure Stimme sagt:

»Amos, drei, sechs:

Bläset man auch die Posaune in einer Stadt, daß sich das Volk nicht entsetze? Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?«

– – Nein, nicht der schottische Dudelsack. Nicht die Derwischtrommel. Die Posaune, die Posaune!

*

Ganz plötzlich weiß Charles G. Gordon, noch im starren Schlaf, daß das auch nicht die Posaune ist, sondern die Ombajja, das aus einem gehöhlten Elefantenzahn gefertigte Heerhorn des Khalifa Abdullahi! – –

Ganz nahe. Ein Lärm. Draußen rennen Menschen. Gordon weiß, unmittelbar: die schwache Stelle am Weißen Nil! – Jemand schreit: »Rettung! Sie sind schon in der Stadt!«

General Gordon, völlig wach, ergreift den Revolver und stürzt zum Zimmer hinaus.

*

Im Lager der Derwischarmee bei Omdurman liegt Slatin noch immer in seinen entsetzlichen Ketten. Er ist auf allen vieren vors Zelt gekrochen, um nach Möglichkeit zu sehen, was vorgeht, aber er sieht nichts als eine blutrote Morgensonne, die sich im Osten erhebt.

Vor Tagesanbruch hat ihn der furchtbare Lärm von Salven geweckt. Das Feuer hat nur wenige Minuten gedauert, dann gab es nur noch vereinzelte Schüsse. – Rudolf Slatin weiß, was das Schießen bedeuten muß. Gestern nachmittag hat er erfahren, daß wirklich zwei Dampfer ganz nah bei der Stadt sind, mit Soldaten in roten Röcken an Bord. Auch davon hat man im Lager gesprochen, daß der Khalifa nun noch um jeden Preis einen Angriff versuchen wolle. Das Schießen bei Nacht war ein Überfall auf Khartum, – wie aber ist er verlaufen? Noch hegt Slatin Hoffnungen. Der Kampf hat ja gar nicht lange gedauert. – –

Aber jetzt entsteht ein großes Getümmel. Der Gefangene richtet sich mühsam auf, um etwas zu sehen. Jetzt entdeckt er einen Haufen von Leuten, die kommen direkt auf sein Zelt zu. Man hört ihre Schreie schon.

Slatin wird bleich. Oh, es sind Siegesrufe!

Vor dieser Menge, die sich ohne Ordnung daherwälzt, marschieren drei schwarze Riesen, Sklavensoldaten. Slatin erkennt den einen von ihnen: das ist ein Neger, Schatta heißt er, ein Sklave eines gewissen Dafalla, der früher einmal in Kordofan Slatins Gastfreund gewesen ist. Dieser Neger Schatta trägt jetzt etwas in seinen Pranken, ein triefendes Bündel, ein blutiges Tuch. – –

Jemand jubelt, jemand weint laut, jemand schreit Höhnisches. Slatin unterscheidet nichts mehr, sein Herz steht stille. Der Neger Schatta entfernt das Tuch und ein blutiges Haupt kommt zum Vorschein, mit schneeweißen Haaren und Bartkoteletten, – Gordons Haupt!

Die blauen Augen sind offen, der Mund lächelt ruhig.

»Ist das der Kopf deines Oheims, des Ungläubigen?« fragt der Neger Schatta.

Slatin antwortet sofort: »Er war ein braver Soldat, und er ist nun glücklich, da er gefallen ist!«

Er sagt das fest und trotzig, in einer großen Verzweiflung. Es ist ihm jetzt gleichgültig, was ihm selber geschehen wird. Gordon ist tot und hat ihm nicht verziehen!

Die Hände des Gefangenen verkrampfen sich über den Ketten. Er tut bei sich einen Eid.

*

Gordons Haupt, auf einer großen Lanze befestigt, ist vor dem Zelt des Mahdi aufgepflanzt. Die arabischen Krieger, die den Generalgouverneur des Sudans auf der Treppe seines Palastes erschlagen haben, sind mit der größten Angst vor den Mahdi getreten, denn er hatte befohlen, Gordon am Leben zu lassen. Aber er hat den Ungehorsam verziehen, und die Siegestrophäe steht vor seinem Zelt.

Das Lager der Derwische ist jetzt fast menschenleer, denn drüben am anderen Ufer des Flusses gibt es die Stadt zu plündern; Frauen können erbeutet werden, Männer gepeinigt, verborgene Schätze erpreßt. – –

Die Wildheit Afrikas ist losgelassen, Raub und Mord und die Peitsche wüten in Khartum, und ein entsetzlicher Lärm von tierischen Schreien schallt herüber über den ruhig strömenden Nil. – –

Im verlassenen Lager ist alles einsam und still. Mohammed der Mahdi vor seinem Zelt ist mit dem Haupte Gordons allein. Jetzt endlich sind sie einander begegnet. So sehr ihre beiden Leben einander berührten, sie waren einander noch niemals so nah gegenüber. Es sei denn in einer Nacht vor Jahren, als ein Dampfer an einer Insel vorbeifuhr.

*

Der Mahdi sitzt mit gekreuzten Beinen auf seinem Schaffell am Eingang des großen Zeltes, der Lanze mit Gordons Kopf gegenüber. Der Mahdi ist jetzt so dick; wuchtig sitzt er da, der verfettete Oberkörper unter dem Derwischhemd ist ganz formlos. Mit der linken Hand stützt er sich auf den Schenkel, als könnte er sonst nicht sitzen, die freie Rechte fingert am Rosenkranz. Betet der Mahdi? Die vollen Lippen bewegen sich nicht. Das Gesicht ist seltsam gedunsen; das gewohnte strahlende Lächeln ist ganz zur Larve erstarrt. – –

Nein, das ist kein Lächeln mehr. Eher noch lächelt der Tote. Von den beiden Gesichtern, die da einander ins Auge blicken, ist das des Toten lebendiger, freier, froher. Das lebende Haupt des Mahdi, eine Maske aus Fett und Salbung und Göttlichkeit, sieht erschreckend aus. Nur die Augen sind so wie immer, ganz klar und wunderbar schön unter den langen Wimpern, diese Augen können nicht zweifeln.

Das Gesicht des Mahdi sieht Gordons Kopf an. Was geht hinter dieser Maske vor, hinter den beiden Masken? Auch das Gesicht des Toten vermag noch zu blicken, mit seinen hellblauen Augen. Wissen diese beiden da wenigstens in dieser Stunde, daß sie einander im Grunde stets nahestanden, der christliche Mystiker dem mohammedanischen Sûfi, der Bibeldeuter dem Deuter von Stellen aus dem Koran? Kann jetzt zwischen ihnen, von Angesicht zu Angesicht, noch ein wirklicher Haß sein?

Stundenlang sitzt der Mahdi so dem Kopf seines Feindes gegenüber, der in einer anders entwickelten Welt sein nächster Bruder gewesen wäre. Die offenen Augen des Toten verschleiern sich langsam, sehen den anderen nicht mehr. – – Der, regungslos, erstrahlt immer klarer. Nur die Hand am hölzernen Rosenkranz bewegt sich.

Welche Formeln sagt er in seinem Inneren auf, welche berauschenden Folgen langer Gebete, die die letzten Ekstasen verleihen? Groß sind die Mysterien, die ein Sûfi der obersten Grade kennt, grenzenlos die Verzückungen, die die Vereinigung mit dem Bewußtsein Gottes ihm geben kann. Wie er dasitzt, ein mächtiger Haufen Fett, aus allen Formen gequollen, entmenschlicht, ist der Mahdi ein Berg der Überlegenheit über das Irdische. Nicht niedrige Siegesfreude, nicht ein gemeiner Triumph über den gefallenen Gegner blickt diesem blutigen Haupte entgegen, wohl aber selbstsicheres Wissen, erhaben über diesen trotz allem europäischen Kopf, der ja doch sein Lebtag gerungen, gezweifelt, verzweifelt hat. – –

Eine große, eine endgültige Klarheit ist in den Augen des hockenden Sûfi. Alles ist, wie es werden mußte. Dieser Sieg ist nur ein Beweis, ein selbstverständlicher, für den Glauben. Ganz ebenso gewiß ist die Zukunft: daß der Khedive, daß Viktoria die Mahdîjja bekennen müssen, bald, noch vor dem Tag, da zur Kuppel der Felsenmoschee zu Jerusalem Isa herabsteigt, der Sohn der Maryam, um das Gericht zu beginnen. Ein strenges Gericht für alle, nur für den einen nicht, der allem Irdischen schon entwachsen ist, den Tugenden wie den Lastern der bloßen Menschen, – für den mit der Gottheit schon lange Vereinigten, den Wissenden, für den Zwölften Imâm, den Mahdi.

*

Zwei Tage nachher kommen zwei kleine Dampfer an der Batterie von Halfiyeh vorbeigefahren und passieren die schwierige Stelle glücklich, obwohl unter heftigem Feuer. Auf der verschanzten Kanonenplattform an Bord der »Bordeïn« steht, durch die eiserne Brustwehr gedeckt, Sir Charles Wilson und beißt seine blutleeren Lippen. Jetzt hätte General Gordon von seinem Lugaus auf dem Palastdach die Dampfer längst schon gesehen haben müssen. Jetzt müßte der Ausfall erfolgen. – Nichts!

Kann es, um Gottes willen, denn wahr sein, was schon gestern ein beduinischer Reiter vom Ufer zu den Schiffen herübergerufen hat?

An den Ufern wimmelt's von Derwischen. Überall wird geschossen; überall liegen Feinde in Deckung. Auch auf der Insel Tutti in der Mündung des Blauen Nils in den Weißen Nil sind Schützengräben der Feinde und die beiden Dampfer werden von dort beschossen. Aber dort hat doch Gordon ein Fort gehabt?

Und jetzt sieht man ganz deutlich, daß auch von der Halbinsel zwischen den beiden Nilen, daß von der Stadt her auf die Dampfer gefeuert wird. Jetzt sind die Schiffe der Stadt so nahe, daß man das höchste Haus, den Palast des Generalgouverneurs, ganz deutlich erkennen kann. Die große ägyptische Flagge, die hier stets geweht hat, ist nicht zu sehen. Nein, die Flagge weht auf dem Hause Gordons nicht mehr. – –

Das Feuer des Feindes wird heftiger, es wird zu bedrohlich, seitdem auch aus Stellungen in Khartum die Kugeln kommen. Colonel Wilson weiß nun schon alles. Es hat keinen Sinn, noch weiter zu fahren, direkt in den Rachen des Löwen hinein. Wilson gibt den Befehl zum Wenden. Wenn man viel Glück hat und die Dampfer nicht steckenbleiben, schlägt man sich wieder bis zur britischen Vorhut durch und kann die furchtbare Nachricht zu Lord Wolseley bringen.

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