Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georges Ohnet >

Die Damen von Croix-Mort - Erster Band

Georges Ohnet: Die Damen von Croix-Mort - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/ohnet/damencr1/damencr1.xml
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDie Damen von Croix-Mort ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDritter Jahrgang. Band 12
printrun
year1887
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid69cd9004
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

Drei Kilometer von Clairefont liegt auf einer Anhöhe am Saume des Waldes von Vieuville, inmitten eines fünfzig Hektar großen Parkes, den die Divonette quer durchzieht, das Schloß Croix-Mort. Den schönen, stattlichen Bau im Stile Ludwig XIII. überragt ein Turm, dessen Glocke feierlich die Stunden verkündet. Eine doppelte Freitreppe führt in die Vorhalle, die mit gepolsterten Bänken und geschnitzten Truhen ausgestattet und mit Hirschgeweihen und Eberköpfen geschmückt ist, Jagderinnerungen, welche der Graf von Croix-Mort aufzubewahren liebte. An der steinernen Kassettendecke sieht man das gemalte Wappen mit dem bildlich dargestellten Familiennamen: ein Totenkopf in silbernem Felde mit dem Wahlspruch: »Für das Kreuz.«

Auf diesem weiträumigen Edelsitze lebte seit dem Tode ihres Gatten Gräfin Regine mit ihrer Tochter Edmee in völliger Zurückgezogenheit, um ihr Stammvermögen, das durch die thörichte Verschwendung des Verstorbenen arg gelitten hatte, wiederherzustellen. Der Graf, der ein bezaubernd schöner Mann, ein ausgezeichneter Tänzer, ein schmucker Reiter gewesen, hatte seine Frau recht unglücklich gemacht. Ein unverwüstlicher Lebemann, zählte er zu jenen Ehemännern, die in ihrem Heim stets trübselig und verdrießlich, nur in der Gesellschaft ihre glänzenden Eigenschaften entfalten. Seine Geistesgaben widmete er nur dem Vergnügen Fremder, und die zärtlichen Gefühle seines Herzens galten in der That nur den Frauen andrer.

Regine, die von einer bigotten Tante in der Strenge eines klösterlichen Lebens erzogen worden, nahm den Heiratsantrag des Herrn von Croix-Mort an, wie ein Gefangener auf einen Befreiungsversuch eingeht. Für sie bedeutete die Heirat Freiheit. Mit ihrer jugendlichen Einbildungskraft träumte sie von einer Zukunft voll steter Feste an der Seite dieses liebenswürdigen Mannes, der mit seinem einnehmenden Aeußern und seinem heiteren, selbstbewußten Wesen sie, die Arglose, Unerfahrene, mit bestrickendem Zauber an sich fesselte. Das Leben dünkte ihr ein köstliches Gemisch von leicht zu erfüllenden Pflichten und auserlesenen Genüssen.

Bald sollte sie jedoch erfahren, daß ihr Gatte aus eigner Machtvollkommenheit eine Teilung vorgenommen hatte, bei welcher er ihr die Pflichten überließ und sich die Genüsse vorbehielt. Als die Gräfin sich nach einiger Zeit Mutter fühlte und sich völlig von allen gesellschaftlichen Vergnügungen zurückzog, fing der unbeständige Graf sein leichtsinniges Umherflattern von neuem an. Als Ehemann gefiel er sich im Junggesellenleben ungemein gut und gewöhnte sich allmählich, seine Frau zu Hause zu lassen. Bei ihrer ernsten Geistesrichtung, dachte er, können ihr die Leichtfertigkeiten der Gesellschaft ja ohnehin nicht zusagen, es ist daher besser für sie, wenn sie in der strengen, würdevollen Zurückgezogenheit verharrt, die ihr behagt. Nachdem er sein Benehmen in seinen eignen Augen gerechtfertigt hatte, hielt er es für durchaus überflüssig, dies auch seiner Frau gegenüber zu thun.

Die Anerkennung, die er ihrem Charakter zollte, verringerte sich niemals, aber ebensowenig seine leichtsinnigen Streiche. Er bestand aufsehenerregende Abenteuer, sprang des Nachts aus einem Fenster, schlug sich einer Kunstreiterin wegen, verlor im chinesischen Bezique zweihunderttausend Franken, kurz, er galt als Muster eines vornehmen Lebemannes bis zu dem Tage, wo eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und seinem Pferde beim Nehmen eines Hindernisses in einer Steeplechase entstanden war, infolge deren er auf einer Tragbahre heimgebracht wurde; sein Rückgrat war gebrochen und sein armes, krankes Gehirn quoll aus dem zerschmetterten Kopfe.

Da seine Witwe ihn so wenig gekannt hatte, beweinte und beklagte sie seinen Verlust auf das tiefste. Das Leichenbegängnis fand unter Entwickelung eines großartigen Prunkes statt; es war das erste Mal, daß seine Familie das Geld in nützlicher Weise für ihn verausgabte.

Frau von Croix-Mort langweilte sich in ihrem väterlichen Schlosse nicht mehr als in ihrem Palaste im Faubourg Saint Germain. Sie war für die Einsamkeit geschaffen. Hier nahm die ihr eigne Schwermut, welche durch die Gegenwart geistig lebhafter Frauen einen Anflug von eifersüchtiger Bitterkeit erhalten hatte, einen milderen Charakter an.

In dem besänftigenden Frieden der sie umgebenden Natur, der sich auch ihrem Gemüte mitteilte, schmolz der Groll ihrer Seele allmählich dahin. Sie widmete sich völlig der Erziehung ihrer Tochter, die sie zu einer Frau mit wahrhaft gebildetem Geist und anspruchslosem Sinn heranzubilden bestrebt war. Doch Edmee besaß nicht das ruhige Naturell ihrer Mutter, das heftige, ungestüme Blut ihres Vaters gewann nur zu häufig die Oberhand. Die Gräfin sah bald ein, daß sie eine wahre Croix-Mort vor sich habe und daß die Schwierigkeiten ihres ehelichen Lebens in ihrem mütterlichen Leben eine Fortsetzung finden würden.

Edmee war ein leibhaftiger Teufel im Unterrock. »An ihr ist eine Junge verloren,« sagte der Abbé Levasseur, der alte Pfarrer von Clairefont, der sich nach der Rückkehr der jungen Gräfin beeilt hatte, im Schlosse freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, und in einer Art priesterlicher Eingebung in der Kaminecke des Salons den nämlichen Fauteuil wiederfand, in welchem sein Vorgänger während langer Jahre jeden Sonntag die ausgezeichneten Mahlzeiten verdaut hatte, die er bei der vorigen Schloßherrin eingenommen.

Der Geistliche im Silberhaar war ein gar ehrwürdiger, frommer Mann, der nach der Messe vom Morgen bis zum Abend unterwegs war, um die Unglücklichen zu ermutigen und den Armen beizustehen. Er lebte auf der bescheidenen Pfarre mit seinem Vater, der einst als Glasmaler zu sehr Künstler gewesen, um viel Geld zu verdienen, und heute die vom Winde zerbrochenen Fensterscheiben der uralten Kirche mit den zitternden Händen eines Achtzigjährigen erneuerte. Der Abbé, welcher mit der eigensinnigen Kleinen nicht fertig werden konnte, wenn er sie auf dem Schlosse unterrichtete, hatte gebeten, sie zu ihm nach Clairefont zu schicken, und hier, in der niedrigen Stube des Pfarrhauses setzte er all seine Kraft ein, dem Kinde grammatikalische Regeln beizubringen, während dieses zerstreut durch das laubumkränzte Fenster hinausblickte und dem launischen Fluge der Schwalben im blauen Aether folgte.

»Aber, liebe Edmee, Sie hören mir ja gar nicht zu!« schalt der Pfarrer.

»O doch, Herr Pfarrer ... Sie sagten: Das mit dem Hilfsverb être verbundene participe passé ist stets veränderlich ...«

Worauf der Abbé mit gerührtem Blick einfiel: »Wie schade, daß Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht ein wenig mehr sammeln! ... Sie sind so gut beanlagt! ... Nun wollen wir zu den unregelmäßigen Zeitwörtern übergehen ...«

Doch im Nebengemach knirschte der Diamant, mit welchem der Achtzigjährige die Glastafeln durchschnitt, und alsbald enteilte die Phantasie des Kindes in glänzende, von Heiligen und Jungfrauen mit goldener Strahlenkrone bevölkerte Paradiese, wie sie der alte Künstler auf die Fensterscheiben gemalt hatte. Seufzend schloß hierauf der Pfarrer das Buch, verzichtete auf weitere grammatikalische Analysen und gab seine Schülerin frei, die rasch ins Atelier hineinstürmte, wo auf einem Werktische der Greis Rauten zu einer Rosette ordnete und sie mit Bleiplättchen zusammenlötete, indes er sie mit zwinkerndem Auge betrachtete, um die Wirkung der Figur zu beurteilen.

Regungslos, mit verhaltenem Atem sah die Kleine der Arbeit zu und der geschmeichelte Alte pflegte ihr sodann einen Pinsel und Farben in die Hand zu geben und lehrte sie Arabesken nachzeichnen. So saß sie stundenlang schweigend da mit entsetzlich beschmierten Händen, aber glückselig, voll leidenschaftlichen Eifers, der sie erstaunliche Fortschritte machen ließ.

An der weißen Wand des Ateliers hing ein kleines Glasgemälde aus der italienischen Renaissance, den Kopf des heiligen Michael darstellend, mit blauen Augen, blondem, wallendem Haar unter einem granatfarbenen Samtbarett und einer goldenen Halskette auf einem Wams von Silberstoff. Dieses reizende Gesicht versetzte Edmee in die höchste Begeisterung. Eines Tages meinte der alte Glasmaler lachend, das Kind müsse wohl in das Bild verliebt sein, worauf der Priester errötend entgegnete: »Höre, Vater, nicht einmal im Scherze solltest du so etwas sagen ...«

»Nun, dieser heilige Michael ist schön genug, um einen starken Eindruck auf das Gemüt zu machen, mein lieber Abbé; es ist eins der wenigen Stücke, die Annibale Carracci auf Glas gemalt hat ... Es wurde während der Belagerung Genuas unter Massena von unserm Oheim nach dem Palazzo Doria gebracht ... Das Bild besitzt einen großen Wert, obwohl es kaum größer ist als meine beiden Hände ...«

»Gut denn, so verschließe es in deinem Schrank, damit es nicht beschädigt werde ... Dann wird Fräulein von Croix-Mort es nicht mehr sehen ...«

Am nächsten Morgen fand Edmee das Bild nicht mehr. Sie sah den Pfarrer und seinen Vater mit fragendem Blicke an; da aber beide schwiegen, preßte sie die Lippen übereinander und schwieg gleichfalls, malte jedoch aus dem Gedächtnisse eine sehr gelungene Kopie des schönen Italieners. So offenbarte sich ihr heftiges, leidenschaftliches Naturell in allem und jedem. Zu ihren größten Belustigungen gehörte es, die Füllen auf den Weideplätzen galoppieren zu sehen und sie mit lautem Zuruf zu rascherem Laufe zu ermuntern, wobei sie in die Hände schlug, wie es die Roßmäkler zu thun pflegen. Eines Tages traf man sie auf einer Stute spazierenreitend, das Kleid wie eine türkische Hose aufgeschürzt, ohne Sattel und Zaum, sich nur an der Mähne festhaltend. Als die Gräfin diese Heldenthat vernahm, rang sie die Hände und murmelte leise vor sich hin: »Ganz wie ihr Vater! ...«

»Unser teures Kind paßt eben nicht für unser Jahrhundert, Frau Gräfin,« meinte der Abbé; »zu den Zeiten der Fronde hätte sie als bewundernswerte Amazone sich an den Kriegszügen beteiligen können, aber heutzutage dürfen Frauen weder Lanzen brechen, noch politische Intriguen anzetteln. Die Sticknadel und der Telemach, das ist's, was sich für unsre jungen Mädchen ziemt.«

Leider aber ist das, was sich ziemt, nicht immer das, was gefällt. Wenn Edmee nicht mit dem Malen von Erzengeln beschäftigt war, eilte sie ins Freie hinaus und durchstreifte Wald und Feld in Gesellschaft Jean Billets, eines Vertrauensmannes der Frau von Croix-Mort, welcher dem Grafen in den Krieg gefolgt war und in seiner derben, plumpen Gestalt alle Fehler und alle Vorzüge der picardischen Rasse vereinigte.

Er war mißtrauisch und hitzköpfig, aber dabei ehrlich und treu ergeben. Die Familie der Billet war bei den Croix-Mort seit drei Generationen bedienstet; in der Zeit hatten sie sich gewöhnt, die Besitzung als ihr Eigentum zu betrachten und mit dem Rechte, das ihnen ihre Ergebenheit erworben hatte, von »unsren Waldungen, unsren Feldern und unsrem Heu« zu sprechen. Als leidenschaftliche Jagdliebhaber waren sie der Schrecken aller Wilddiebe. Um den Burschen die Lust am Hasenfang zu benehmen, hatte Großvater Billet, der von herkulischer Stärke gewesen, ein Verfahren ersonnen, das bedeutend einfacher war und viel rascher erledigt wurde, als irgend ein gerichtliches. Er fiel nämlich mit geballten Fäusten über den ertappten Verbrecher her und ließ ihn nicht eher los, als bis dieser halb erwürgt war.

Diese summarische Rechtspflege hatte sich in der Familie fortgepflanzt, und wenn in der Umgegend von Croix-Mort ein Bauer mit einem blauen Auge zu erblicken war, hieß es gleich scherzweise: Der ist sicherlich Billet in den Weg gelaufen!

Der letzte dieses eigenmächtigen Geschlechtes war unvermählt geblieben. Er hatte ein noch schrofferes Wesen als seine Ahnen und lebte einsam in einem kleinen, weißen, mit roten Ziegeln gedeckten Häuschen am Waldesrande, in alleiniger Gesellschaft von zwei Affenpintschern und einem Hühnerhunde. Von früh bis spät durchstreifte er die Besitzung, stets im Schatten der Bäume, um nicht gesehen zu werden und desto besser zu sehen, wählte mit geübtem Blicke das zu erlegende Wild und zielte so sicher, daß er niemals genötigt war, einen zweiten Schuß aus seinem Kuhfuß abzugeben, wie er seine Flinte humoristisch zu nennen pflegte.

Diesen Wilden hatte nur die kleine Edmee, der er einen wahren Kultus weihte, etwas zu zähmen vermocht. Wenn sie ihn »mein alter Billet« nannte, lachte ihm das Herz im Leibe. Einst, da er sie bei strenger Winterszeit über Kälte klagen gehört, hatte er zwanzig Nächte am Rande einer in das Eis des Teiches geschlagenen Öffnung auf dem Anstand verbracht, um Ottern für sie zu erlegen, und war dann eines Morgens freudestrahlend im Schlosse erschienen, ihr das kostbare Pelzwerk zu überbringen.

Wenn Edmee durch die kleine Parkthür entschlüpfen konnte, lief sie nach dem Walde, ließ aus einem silbernen Pfeifchen, das ehemals ihrem Vater gehört hatte, drei helle Pfiffe ertönen und setzte sich dann unter einen Baum. Nach wenigen Augenblicken hörte sie die dürren Reiser im Dickicht knistern, wie unter dem flüchtigen Fuß eines Rehes, und alsbald eilte Jean Billet voll Freude der Kleinen entgegen. Sodann wanderten beide dahin, nicht heimlich, wie er sonst pflegte, unter dem Schutze der Hecken oder hinter dem grünenden Vorhang des Laubwerkes, sondern unter freiem Himmel, in der lachenden Heiterkeit blühender Gefilde. Sorgsam nahmen sie die den Iltissen und Mardern gestellten Fallen in Augenschein, belauschten das Treiben der Kaninchen, die tollen Sprünge der Hasen, oder zählten die Eier in den Rebhuhnnestern. Zur Mahlzeit kehrte Edmee zurück, ermüdet von der wohlthuenden Bewegung, den Duft getretenen Thymians an den Schuhsohlen heimbringend, begleitet von dem menschenscheuen Billet, der demütig den Rücken beugte unter den Vorwürfen der Gräfin, die, höchst aufgebracht, das große Mädchen von vierzehn Jahren schalt, das sich im Walde herumtreibe, statt im Salon eine schickliche, gesetzte Haltung zu bewahren.

Die Gräfin hatte Edmee aufwachsen sehen, ohne jene innige Freude der Mütter zu empfinden, die in der allmählich heranreifenden Tochter eine liebe Gefährtin erblicken. Eine zu große Verschiedenheit der Gefühle und der Geschmacksrichtung trennte die beiden. Frau von Croix-Mort mit ihrem empfindsamen, träumerischen Wesen fand in dem geraden, verständigen Sinn Edmees keinen Anknüpfungspunkt, um sich ihr anzuschließen. Die Mutter hatte schwache Nerven, fühlte sich stets abgespannt und verbrachte ihre Zeit, auf einem Ruhebett ausgestreckt, Romane lesend oder die Summe der Enttäuschungen überdenkend, die ihr das Leben bis jetzt gebracht hatte. Die Tochter hatte gesundes Blut, war von lebhaft thätigem Charakter, sah im Lesen eine langweilige, geisttötende Beschäftigung, verabscheute jede erkünstelte Poesie, liebte und bewunderte aber die freie Gottesnatur.

Dem Kinde fehlte ein Vater, der sie in seinem Wagen zur Stadt gefahren oder Ausflüge zu Pferde mit ihr unternommen haben würde, kurz, ein Vater, der es verstanden hatte, durch Zärtlichkeit ihre Liebe zu gewinnen und durch ernste Strenge sich ihre Achtung zu verschaffen.

In dieser Wüste von Croix-Mort, im alleinigen Umgang mit ihrer kühlen, gleichgültigen Mutter, dem gutmütigen, ein wenig beschränkten und ewig mit seiner Verdauung beschäftigten Pfarrer und Jean Billet, einer Art gezähmten Wolfes, aber von barschem, rohem Wesen, war Edmees liebebedürftige Natur noch nicht recht zur Entwickelung gelangt. Auf sich selbst angewiesen, hatte sie ein mehr körperliches als geistiges Leben geführt und verdiente in der That die Bezeichnung der »wilden Hummel«, wie die Gräfin sie verdrießlich nannte, wenn sie ihre Tochter von ihren Spaziergängen mit wirrem Haar und zerrissenem Kleide heimkehren sah. Zuweilen fiel sie in plötzlichem Zärtlichkeitsausbruch über ihre Mutter her und überschüttete sie mit heftigen Küssen und stürmischen Liebkosungen, was den Unwillen der Frau von Croix-Mort noch viel mehr erregte, als die gewöhnliche Gleichgültigkeit des Kindes.

»Welch abscheuliche Manieren!« rief sie unwillig aus, während sie ihr Kleid wieder in Ordnung brachte, das durch den Ungestüm ihrer Tochter etwas gelitten hatte. »Man sieht wohl, daß du im Walde unter wilden Tieren lebst.«

Betroffen und verwirrt stand Edmee da, mit hochgeröteten Wangen und die Augen voll Thränen, während sie ihr kleines Herz in heißem Weh hoch aufwallen fühlte.

Mit vierzehn Jahren wurde sie konfirmiert, und von da ab vollzog sich eine seltsame Wandlung in ihrem Gemüte. Der Glaube nahm Besitz von ihrer Seele, und mit dem glühenden Eifer, der in allem, was sie unternahm, zu Tage trat, widmete sie sich jetzt ihren Andachtsübungen. Ihre Schwärmerei ging bald in wirklichen Mysticismus über, ihre Gedanken wendeten sich ausschließlich Gott zu, der Jungfrau und Jesu. Stundenlang kniete sie in der auf ihren dringenden Wunsch neu hergestellten Schloßkapelle, vor einer, die heilige Mutter mit dem Gotteskinde darstellenden, bemalten Gipsfigur in Anbetung versunken. Sie lernte den Katechismus, verschlang die Evangelien, war ebenso fleißig, als sie früher zerstreut gewesen, und setzte ihre Umgebung durch die Ausdauer ihres Eifers in höchstes Erstaunen. Die Widerspenstige, »die wilde Hummel«, wurde ein Muster von Gelassenheit und Folgsamkeit. Die Gräfin konnte es gar nicht begreifen und der gute Geistliche meinte mit zum Himmel emporgeschlagenen Augen: »Ja, sie ist bekehrt! Gott hat um unsertwillen ein Wunder gethan.«

Bittet, der es mit den Religionsgebräuchen keineswegs streng nahm, da er der Meinung war, ein guter Waldhüter dürfe ebensowenig die Kirche besuchen als das Wirtshaus, weil unterdessen nichtsnutzige Kerle dem Wilde Schlingen legen könnten, war mürrischer als je, weil er seine junge Herrin nicht mehr zu sehen bekam. Er brummte: »Sie werden sie noch bleichsüchtig machen, wenn sie gezwungen wird, den ganzen Tag Bücher in den Händen zu halten, statt mit mir die Felder zu durchstreifen, was ihrer Gesundheit doch viel zuträglicher wäre, als mit dem ›kleinen Schwarzen‹ fromme Lieder zu singen.«

So wurde der Geistliche seiner Soutane wegen von Bittet, unehrerbietig genug, benamset.

Er war nun völlig vereinsamt und seine Gemütsstimmung wurde immer schroffer, so daß er sich in seinem Verkehr mit den benachbarten Landleuten mehr und mehr unduldsam zeigte. Als er einst einen von ihnen beim Abschneiden von Birkenzweigen ertappte, welche dieser zur Verfertigung von Besen benützen wollte, band er ihn acht Stunden an den Baum fest und drohte ihm, ihn hier verhungern zu lassen.

Am Tage der Konfirmation konnte Billet der Versuchung doch nicht widerstehen, nach Clairefont zu gehen, um das junge Fräulein im weißen Musselinkleide und Schleier zu sehen. Er zog eine neue Bluse an, legte seine großen Ledergamaschen ab, hing seinen »Kuhfuß« an den Nagel und betrat zum großen Erstaunen der Dorfbewohner zum erstenmal, seit er im Amt war, die Kirche. Während der ersten Hälfte der Ceremonie stand er kalt und finster an einen Pfeiler gelehnt. Als er aber unter dem tiefen, andächtigen Schweigen der Gemeinde Edmee das Gelöbnis sprechen hörte, wurde er von einem Zittern erfaßt, seine mächtige Brust hob sich, laut stöhnend sank er auf dem Steinboden in die Kniee, den wirren Bart von Thränen überschwemmt. So blieb er bis zum Ende der Messe und wagte nicht, aufzublicken, wie beschämt über sich selbst. Nachdem die Kirchenbesucher sich entfernt hatten, ging er in der stillen, leeren Kirche umher und besah sich mit der Neugierde eines Wilden die Kirchengeräte, die Heiligenbilder, dann schritt er gesenkten Hauptes hinaus und kehrte in seinen Wald zurück.

Von diesem Tage an kletterte Edmee nicht mehr auf den Bäumen herum, um unreifes Obst zu pflücken. Man sah sie nicht mehr atemlos durch die Parkalleen stürmen, als wolle sie irgend eine phantastische Beute erjagen; sie ordnete ihr Haar sorgfältig, wenn auch ohne jede Koketterie, pflegte ihre Hände, die rauh und schwielig gewesen, schnitt ihre Nägel, die bisher den Krallen einer wilden Katze geglichen, mäßigte ihren regellosen, knabenhaften Gang und sah gar bald so ziemlich wie ein Fräulein aus.

Frau von Croix-Mort betrachtete staunend den Schmetterling, der sich aus der häßlichen Raupe entfaltete. Sie mußte zugeben, daß das junge Geschöpf eines gewissen Liebreizes nicht entbehrte und daß, obwohl zur Zeit noch linkisch, es doch recht anmutig zu werden versprach.

Gewohnt, die einzige Frau im Schlosse zu sein, empfand sie diese Rivalität nicht ohne geheimen Widerwillen, und war auch nur der gute Pfarrer zugegen, um ihr den Hof zu machen, so legte sie doch großen Wert auf ihre Herrschaft, der die sieghafte Umwandlung in Edmees Wesen jetzt Abbruch zu thun drohte. So stand denn zu erwarten, daß Mutter und Tochter eines Tages beginnen würden, ihre Kräfte gegenseitig zu messen, und daß sodann der »kleine Schwarze«, wie Billet sich ausdrückte, zwischen beiden Parteien hin und her gezerrt, die Folgen dieses Kampfes werde empfinden und erdulden müssen.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.