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Die Dame in Grün

Frédéric Boutet: Die Dame in Grün - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorFrédéric Boutet
titleDie Dame in Grün
publisherAlbert Langen Georg Müller Verlags GmbH
translatorHanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus'm Werth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150607
projectid4ebd9813
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Visionen des Schweigens

Endlich erreichte Sardal die mächtigen, teilweise schon in Trümmer zerfallenden Mauern, die hundertjährigen Bäume, das Gitter des alten Parks, das er so lange gesucht hatte.

Er hielt sein Pferd an und blickte sich um.

Links in der Richtung von Osten nach Westen floß ein Strom vorbei, der halb versteckt hinter den hohen Tannen und Kiefern war, die seine Ufer besetzt hielten. Eine von leichtem Dunst verschleierte Hügelkette hob sich vom Horizont ab. Vor sich unterschied er von weitem die dunkle Masse großer Wälder, die ein wellenförmiges Terrain bedeckten, etwas näher breitete sich eine große Ebene aus, die durch die Schlangenlinie eines Baches begrenzt wurde, der sich nach rechts in dem hundertjährigen Schatten des Waldes verlor.

Die Dämmerung brach herein. Durch die Bäume und über den Fußweg sah Sardal, wie die Sonne sich ihrem Untergang zuneigte. Der westliche Himmel war in purpurne Glut getaucht, die hier und da mit goldenen oder noch glühenden roten Flecken und mit zarten silberweißen flockigen Wölkchen durchsetzt erschien. Dem Zenit zu hatte der Himmel die grünliche Färbung des Abends angenommen. Fleischfarbene, zartrosa umränderte Wolken schwammen im klaren Äther, schon tauchte ein einzelner zitternder Stern am Horizont auf.

Die Nadelbäume und Heidekräuter hauchten einen milden, köstlich würzigen Duft aus. Ein paar verspätete Schwalben flogen über den Fluß, ihre kurzen leisen Schreie unterbrachen kaum die abendliche Ruhe. Überall tiefste Stille und Einsamkeit. – Der Sonnenball war versunken, die Farbenpracht der Wolken verblaßte rasch, aus dem Wald stieg ein feiner Dunst, der Mond ging auf und übergoß die Fichten und Tannen am Ufer des Flusses mit gelbem Licht. Die Nachtvögel begrüßten ihn mit heiserem Schrei. –

Sardal genoß wollüstig den Reiz der Stunde und des Orts. Er malte sich aus, wie köstlich dieses alte Schloß sich zu einem Aufenthalt für ihn und seine Geliebte eignen würde. –

 

Der Greis hatte das Gitter wieder abgeschlossen und stand aufrecht vor dem Gast. Sein kahler Schädel leuchtete im Mondlicht, sein bärtiges Antlitz trug den Ausdruck höchster Überraschung. Er sagte: »Weshalb kommen Sie hierher?«

Da Sardal schwieg, begann der Greis wieder:

»Wissen Sie wohl, daß heute der einzige Tag im ganzen Jahre ist, an dem ich Ihnen dieses Gitter öffnen kann, und daß, wenn Sie nach Mitternacht gekommen wären, es unerbittlich vor Ihnen verschlossen geblieben wäre?

Wissen Sie ferner, daß seit vielen Tagen, seit Jahren, seit Jahrhunderten, niemand sich hierher verirrt hat? Niemand! Ich habe während all dieser Zeit das Gitter nicht geöffnet ...

Warum sind Sie gekommen ... Warum sind gerade Sie gekommen? ... Und doch, warum sollten Sie es nicht sein? –

Und dann ... dann ... Er ist schon so lange da! ... Aber warum sind Sie es? –

Wahrhaftig, ich sage Ihnen, daß er schon seit Jahrhunderten dort ist.«

Der Klang seiner Stimme berührte Sardal peinlich, und er unterbrach den Alten, um seine Bitte um Einlaß zu wiederholen.

»Ja«, sagte der Greis, »ja, Sie können heute die Domäne ansehen ... Sie können es, aber Sie müssen allein gehen, ich gehe nicht mit Ihnen. Ich werde Sie bis an die Pforte der Parkmauer führen, und nachher müssen Sie allein gehen.«

»Nun gut«, sagte Sardal, »welchen Weg muß ich einschlagen?«

»Wie kann ich das wissen«, schrie der Alte. »Gehen Sie voran, gehen Sie immer geradeaus, das ist alles ...«

Sardal stieg von seinem Pferde, band es an dem Ast eines Baumes fest und ging mit dem Greis.

Einen durch das Gehölz führenden Weg verfolgend, gelangten die Männer an eine runde konkave Mauer, die die Umfassung des Parkes bildete, der nur ein kleiner, isoliert liegender Teil dieser ungeheuren Domäne war.

 

Noch den unheimlichen Abschiedsgruß des Alten in den Ohren, hatte Sardal die vor ihm sich öffnende dunkle Grotte rasch durchschritten und betrat nun die vor ihm liegende Allee. Sie führte geradeaus, war sehr lang und breit.

Wie die Abdachung eines Flusses erhob sich zu beiden Seiten eine hohe, mit dichtem Rasen bedeckte Böschung. Die Allee selbst wurde durch mächtige alte Eichen gebildet, deren mit zackigen Blättern geschmückte Äste himmelwärts strebten, um sich endlich zu einem laubigen Gewölbe zu vereinigen. Der helle Mondschein brach durch dieses Gewölbe und fiel auf den Sand des Bodens.

Am Fuße der Böschung waren in bestimmtem Abstand Postamente aufgestellt, auf denen weiße Marmorfiguren standen, die entweder seltsame Ungeheuer oder reizende, graziöse weibliche Gestalten darstellten. Dazwischen erhoben sich auf Sockeln von Granit große, mit Schlingpflanzen gefüllte Vasen, aus denen von allen Seiten wie Schlangen lange Gehänge und Ranken herabfielen. Kein Lüftchen regte sich, ein leichtes Aroma schwängerte die Luft unter den Bäumen und die des ganzen Parkes; über allem aber lag eine tiefe drückende Stille.

Sardal war in ziemlicher Aufregung vorwärtsgeschritten. Der Schrecken, den der greise Türhüter bei seinem Anblick nicht zu verhehlen vermochte, das Unerwartete dieser doppelten Umfassungsmauern, vor allem aber der Schmuck dieser regelmäßigen Alleen, die mit einer außerordentlichen Sorgfalt unterhalten waren, obwohl diese Domäne doch schon seit so langer Zeit unbewohnt war, all dies machte auf ihn den Eindruck von etwas Unwirklichem. Er dachte, daß die Zaubergärten der Feen, von denen die alten Legenden erzählen, so aussehen müßten, und ihm war, als sei die ganze Atmosphäre von einem geheimnisvollen und traumhaften Reize erfüllt ...

Um sich davon zu überzeugen, daß er nicht träume, versuchte er einen Schrei auszustoßen, aber seltsam, der Klang seiner Stimme war ebenso unhörbar wie das Geräusch seiner Schritte auf dem mit feinem Kies bedeckten Wege. Auch nicht das leiseste Geräusch drang an sein Ohr. Er stellte diese Tatsache fest, ohne sich jedoch deshalb zu beunruhigen. Sein Geist erfreute sich all des Wunderbaren, das ihn umgab, er genoß es ohne jedes Angstgefühl und mit einer gewissen neugierigen Erwartung dessen, was nun wohl kommen würde. Gleichzeitig empfand er einen kleinen ungläubigen Hintergedanken, wie solche sich ja auch wohl in unsre Träume zu mischen pflegen.

Plötzlich flammte nicht weit von ihm ein ungeheuer intensiver gelber Lichtschein auf, der seine Augen blendete und ihn zwang, sie zu schließen. Als er sie wieder öffnete, erblickte er folgendes:

Quer über der Allee stand ein großes goldenes Bett, das prachtvoll ziseliert und mit kostbaren Edelsteinen ausgeschmückt war. In diesem Bette lag, halb von einer karmesinroten Seidendecke und reich mit Spitzen benähten Tüchern bedeckt, ein fettes, riesengroßes Schwein, das mit einem glänzenden Diadem mit drei Spitzen gekrönt war. Das Biest wälzte sich auf dem Bauche und bohrte seine häßliche Schnauze in das gestickte Kopfkissen ein.

Zwei nackte Neger von kolossalem Wuchse standen zu Häupten des Bettes, sie waren mit großen Säbeln von mattem Stahl bewaffnet.

 

Dann flammte hinter ihm ein roter Schein auf. Er drehte sich um.

Von blutigrotem Lichte umflossen, sah er einen Galgen. An einem seiner Arme hing ein großer weißer Schwan mit herabhängenden Flügeln; an dem andern ein mit der Mitra geschmückter Bischof in violetter Robe. Sardal konnte deutlich seine aus den Höhlen getretenen Augen, die geschwollene, zwischen seinen Zähnen sich vordrängende Zunge erkennen. Der Gehenkte schien ihm zuzuwinken, während der Vogel mit den Flügeln schlug.

Dann verschwand alles, und Sardal setzte seinen Weg fort.

Eine junge schöne Frau kam ihm entgegen. Sie war mit einem langen Gewand von weißem Moiree bekleidet, das Schultern und Arme ganz frei ließ und nur über der Brust leicht befestigt war. Sie trug eine kleine Toque von Schwanenpelz, die mit Silber garniert war und unter der ihr braunes Haar hervorquoll. Es war nicht sehr lang, fiel über die Stirn bis zu den Augenbrauen, auf den Seiten bis auf die Schultern herab und umrahmte ihr Gesicht, das sehr bleich, regelmäßig gebildet und fast kindlich im Ausdruck war. Sardal konnte ihren Mund, ihre feine Nase, ihre großen tiefblauen Augen, die naiv und unentschlossen dreinschauten, deutlich erkennen.

Während sie langsam näher kam, sah er, daß sie mit den Spitzen ihrer Finger langsam ihr weißes, mit schwarzem Sammet gefüttertes Gewand aufhob. Sie war vollständig nackt darunter und enthüllte nacheinander zuerst die in kleinen Hermelinpantoffeln steckenden Füßchen, die zierlichen Knöchel, die wie gemeißelt erscheinende Rundung ihrer Beine. Sie hob ihr Kleid noch immer höher, und die unschuldig blickenden Augen auf Sardal richtend, ohne daß sie diesen jedoch zu sehen schien, ging sie schwankenden Ganges noch ein paar Schritte weiter, blieb dann stehen und enthüllte die ganze Pracht ihres herrlich schönen Leibes, von den Knospen ihrer Brüste bis zu den Füßen herab. In blendender Weiße hoben sich die jungen Glieder von dem schwarzen Sammetfutter ihres Gewandes ab – der durch das Laubdach dringende Mondschein überrieselte sie mit silbernen Strahlen.

 

Zitternd vor Aufregung und uneingestandenem Begehren durchschritt Sardal die zweite Hälfte der Allee, als von der Böschung herab gerade vor ihm riesige gehörnte Frösche fielen. Zuerst kamen zwei, dann zwei andere und noch einmal zwei – jetzt zählte er schon sieben Stück. Der zuletzt herabgefallene Frosch war größer als die andern und schien der Anführer der Truppe zu sein. Sie rissen ihre großen Mäuler weit auf und schienen ein lautes Gequake auszustoßen. Indessen vernahm der Wanderer auch nicht den leisesten Ton, selbst nicht, als er ganz nahe an die Tiere herantrat. Drolligerweise liefen jetzt drei schwarze Kätzchen ohne Augen hinter ihm her, sie beeilten sich so sehr wie möglich, nur um dicht auf seinen Fersen zu bleiben.

Wie einem Kommando gehorchend, stellten die sechs Frösche sich hinter ihrem Anführer auf. Dieser drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links, warf dann Sardal einen kalten, feindlichen Blick zu. Die andern folgten seinem Beispiel. Jetzt machte der Führer einen Satz und sprang ungefähr zehn Schritte weit. Kaum war er in der Luft, als die ganze Bande in derselben Distanz nachsprang. Dann hielten sie einen Augenblick inne – sahen Sardal an und machten wieder einen Satz.

So hüpften sie alle geräuschlos durch das Halbdunkel hin.

 

Einen Augenblick blieb er zögernd vor dem Eingang der hohen, aus chaotisch übereinanderliegenden Felsstücken gebildeten und mit Schlingpflanzen überwucherten Mauer stehen, dann aber, seiner Besorgnis spottend, folgte er den Fröschen in die Höhle. Er stieg einen dunklen engen Felspfad hinab und gelangte dann in eine durch rotes Licht erhellte Grotte. Ein sehr schnell und lebhaft dahinfließendes Flüßchen durchkreuzte sie von rechts nach links und stürzte sich dann als Wasserfall in einen dort gähnenden Abgrund. Man sah den Strom verschwinden, und ein dichter über seinem Falle aufsteigender Dunst verriet die wunderbare Tiefe des Schlundes, der ihn verschlungen. Doch geschah dies alles völlig geräuschlos.

Sardal war jetzt an einer hölzernen über das Wasser führenden Brücke angelangt. Er bemerkte in einer Vertiefung des andern Ufers ein großes Feuer, an dem drei alte Frauen saßen.

Die Frösche sahen Sardal noch ein letztes Mal an und stürzten sich dann in den Fluß. Das Wasser spritzte von allen Seiten hoch auf, ohne daß der leiseste Laut vernehmbar geworden wäre.

Unser junger Abenteurer schritt nun über die Brücke und sah sich die drei Alten in der Nähe an. Die eine hatte eine Hundeschnauze, die andere einen Eulenkopf, die dritte ein Hechtmaul. Sie trugen ungeheuer große Mützen, die in übertrieben lächerlicher Weise mit blauen, gelben und grünen Bändern geschmückt waren. Ihre Finger waren mit langen Krallen bewaffnet. Sie zogen kleine Zugvögel aus ihrem Schoße, die sie pflückten und gierig verspeisten, wobei sie mit den Köpfen wackelten und mit den Kinnbacken klapperten. Die drei schwarzen Kätzchen sprangen den Alten auf die Schultern und verschwanden dann. Als Sardal an ihnen vorüberging, drehten die Weiber sich nach ihm um und ballten drohend die Fäuste.

 

Er folgte nun dem ihn in die Oberwelt zurückführenden Felspfad; als er die Grotte verlassen, sah er das Schloß in düsterer Pracht vor sich im Mondscheine liegen.

Nachdem er die Freitreppe erstiegen, durchschritt er drei hohe Bogen ohne Türen und befand sich in einem Vorhofe aus roten Steinen, dessen Gewölbe von Säulen getragen wurde, zwischen denen von Ketten herab große Bronzelampen hingen, die ein leuchtend rotes Licht verbreiteten. Er sah in den drei großen vor ihm liegenden Wänden drei reich mit Skulpturen geschmückte Türen von Ebenholz, die durch schwere silberne Bügel geschlossen wurden. Er versuchte vergebens, die erste zu öffnen, es gelang ihm nicht. Da aber in einem der Türflügel ein Guckloch angebracht war, gelang es ihm, einen Blick hindurch zu tun. Er sah einen mit Rasen bedeckten Friedhof, über dessen Grabsteine und Kreuze Hunderte von Irrlichtern huschten.

Er durchschritt den Vorhof. Die zweite ebenfalls verschlossene Türe gestattete ihm den Blick auf einen stillen See, auf dem unter dem nächtlichen Himmel große Schwäne zwischen riesenhaften Blumen umherglitten.

Es gelang ihm, die dritte im Hintergrunde des Vorhofes befindliche Türe zu öffnen; er betrat die Schwelle eines hellerleuchteten Festsaales, dessen Wände mit fahlroten, goldgemusterten Ledertapeten behängt waren, auf denen Waffensammlungen, Trophäen, Armleuchter mit hell brennenden Kerzen angebracht waren.

In der Mitte des Raumes erhob sich eine große, reichgedeckte und von Wachsfackeln erhellte Tafel, die aber schon ziemlich in Unordnung geraten war. Sie war umgeben von einem Kreise von Festgenossen: – reich in Seide und Sammet gekleidete Männer, die alle mit Dolch und Degen bewaffnet waren. Sie hatten offenbar dem Weine und den anderen geistigen Getränken reichlich zugesprochen und schienen sämtlich betrunken und in aufgeregter Stimmung zu sein. Einige, die aufrecht standen oder umherschwankten, stützten sich mit der Faust auf den Tisch, dessen Tafeltuch mit Wein befleckt war und erhoben Schalen von Kristall oder silberne Becher, die sie dann in einem Zuge leerten. Andere, denen die Augen schon halb zugefallen waren, räkelten sich auf ihren Ledersesseln. Einige fuchtelten mit drohender Gebärde mit ihren Degen in der Luft umher.

Ein Mann mit grauem Barte, der oben am Tische saß, stand mit ernster Miene auf. Er nahm seinen Stiefel, goß vier Flaschen Wein hinein, verneigte sich vor den Festgenossen und trank ihn dann, ohne Atem zu schöpfen, in einem Zuge aus.

Jetzt bemerkte er Sardal und streckte ihm freundlich grüßend die Hand entgegen. Im selben Augenblick standen alle von ihren Plätzen auf und es sah aus, als ob sie den Ankommenden mit großem Beifall begrüßten. Indessen vernahm dieser auch nicht einen Laut, und Totenstille lagerte über dem Festsaale.

Die Festgenossen, die sehr lebhaft miteinander zu sprechen schienen, erwarteten offenbar noch irgend etwas anderes. Sie wurden bedient. Zwei Diener schleppten ein sehr großes silbernes Becken herbei, das sie mitten auf den Tisch setzten, während zwei andere ein Kind, ein kleines, ganz nacktes Mädchen, das entsetzt um sich schlug und sich verzweifelt wehrte, herbeitrugen. Sie hielten das arme Geschöpf über das Gefäß und schnitten ihm mit einem scharfen Messer die Kehle durch, das Blut spritzte heraus und floß in das Silberbecken. Darauf schüttete man große Mengen roten Weines darein und mit dieser entsetzlichen Mischung wurden dann Becher und Schalen gefüllt. Der Vorsitzende ergriff ein großes Kelchglas von Kristall, füllte es, und sich dem Gaste nähernd, bot er es ihm mit graziösem und edlem Lächeln an.

Sardal wagte nicht, es zurückzuweisen. Als er sein Glas erhob, folgten alle Anwesenden seinem Beispiele und es war, als ob man, ehe getrunken wurde, einen Toast auf ihn ausgebracht habe.

Dabei aber wurde die tiefe Stille nicht unterbrochen, und der Gast trank wie alle anderen; der fade zu Kopf steigende Geschmack des Getränkes fiel ihm auf die Nerven. Voller Abscheu warf er das Glas auf die Marmorplatten des Fußbodens, wo es ohne jedes Geräusch zerschellte. Dann verließ er den Saal beinahe laufend, so schnell er konnte und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Es war aber, als ob sich die Türe in Angeln von Öl bewege und in einen Rahmen von Watte versänke.

 

Er stieg die zu dem Vestibüle der ersten Etage führende Treppe hinauf. Es hatte keine Säulen, war oval und in grünem Stein ausgeführt, und es wurde von kupfernen Lampen erleuchtet. In jeder Außenseite befand sich eine Türe von Elfenbein. Er öffnete die nach rechts gelegene und betrat einen völlig düstern Raum, den der matte Schein von ein paar Laternen nicht zu erhellen vermochte. Eine feuchte, mit widerlichem Gestanke erfüllte Luft schlug ihm entgegen. In weiter Entfernung sah er einen fahlen Lichtschein vorübergleiten. Ein unbekanntes kaltes und klebriges Etwas berührte plötzlich sein Gesicht.

Er floh und wandte sich der zweiten Türe zu. –

Es war ein sehr großes vernachlässigtes Zimmer, in dem keine Möbel standen. Auf den halbaufgerissenen und zerbrochenen Platten des Fußbodens, unter einer an der Decke befestigten alten Lampe stand ein Sarg aus schwarzem Holze. Unter dem halbgeöffneten Deckel sah man eine menschliche Gestalt, eine abgemagerte, mit Abschürfungen und Verletzungen bedeckte Hand klammerte sich an dem Rand des Sarges fest. Ein mißgestaltetes Wesen kroch um den Sarg herum. Sein Gesicht war mager, die Nase gebogen, die ungeheuer großen Ohren endeten in einem zottigen Büschel roter Haare, und der große rote Bart war unten spitz zusammengedreht. Brust und Rücken waren durch enorme Höcker verunstaltet. Die Beine waren in der Mitte des Oberschenkels abgeschnitten, aber mit Hilfe seiner langen und muskulösen Arme, mit denen er sich an den Sarg klammerte, bewegte dieser schreckliche Zwerg sich ziemlich rasch voran. Er trug eine rotseidene Mütze, von der kleine Schellen herabhingen, die jedoch keinen Klang von sich gaben. Sein Wams bestand zur Hälfte aus grünem und halb aus blauem Tuche und war mit einer Menge kanariengelber Bänder garniert. An seinem Gürtel trug er einen mächtigen Hammer. Eine goldene Kette hing um seinen Hals und verlor sich in einer auf der Brust befindlichen Tasche. Es hing eine große Uhr daran, die er unaufhörlich herauszog und mit unruhig fragender Miene betrachtete. Er machte die größten Anstrengungen, um den Deckel über dem Sarge völlig zuzuklappen und den darin steckenden Unglücklichen so zum Gefangenen zu machen, wogegen dieser sich mit verzweifelter Energie wehrte.

Der Zwerg ließ jedoch mit seinen Bemühungen nicht nach und begann, sobald er den Deckel niedergedrückt hatte, ihn mit langen Nägeln festzumachen. Er schwang den Hammer mit starker Hand und ließ ihn mit wuchtigen Schlägen niederfallen – ohne daß dadurch das leiseste Geräusch entstanden wäre. Es gelang ihm, den Sarg an der einen Seite zuzunageln, und er zog vergnügt seine Uhr heraus, um danach zu sehen; indessen war es aber seinem Gefangenen gelungen, die Nägel von der andern Seite des Sargdeckels zu entfernen und er drängte seinen dicken bleichen und blutigen Kopf, der mit gelbem Haar bedeckt und ganz von den eingedrungenen Nagelspitzen zerrissen war, mühsam unter dem Deckel hervor. Er versuchte es, die nackten Schultern nachzudrängen, aber schon war der Zwerg herangekrochen und sich nur ab und zu unterbrechend, um auf die Uhr zu sehen, schlug er mit Aufbietung all seiner Kräfte mit dem Hammer auf den Schädel seines Opfers, das mit angsterfüllten Augen zu Sardal hinblickte und ihn flehentlich um Hilfe zu bitten schien. Aber auch sein Henker schien Sardal irgend etwas mitzuteilen, wobei er mit Autorität auf das Zifferblatt seiner Uhr hinwies.

Sardal näherte sich, um dem Eingeschlossenen zu helfen, aber als er den Sarg erreicht hatte, drückte er den Deckel mit voller Kraft herunter und kniete dann, jeden Widerstand unterdrückend, fest darauf, während der Zwerg voller Freude fortfuhr, die langen Nägel einzuschlagen und dazwischen auf seine Uhr zu sehen.

Als er sein Werk vollendet hatte, erhob Sardal sich, ohne zu begreifen, aus welchem Grunde er so gehandelt habe, und ging der Türe zu. Als er hinausging, bemerkte er jedoch, daß es dem Eingeschlossenen dennoch gelungen war, ein Brett des Sargdeckels loszubrechen, und daß er sich die größte Mühe gab, seinem schrecklichen Gefängnis zu entschlüpfen, während der Zwerg sich wütend auf ihn stürzte und seinen Schädel mit Hammerschlägen bearbeitete, wobei er fortfuhr, verzweifelt auf die Uhr zu sehen.

 

Der dritte große Saal hatte eine ovale Gestalt. Die Mitte der Decke wurde durch ein ebenfalls ovales Gewölbe von Ebenholz gebildet, das aber viel kleiner war. Ringsherum befanden sich gotische Kapellen, die durch Bogen und Säulengänge begrenzt wurden; jede dieser Kapellen war in einer andern Farbe gehalten – wassergrün, orangegelb, dunkelviolett, silberweiß, malvenfarbig und mattrosa.

Die Decken jeder dieser Kapellen waren mit Arabesken in den Farben der sechs anderen geschmückt und durch eine Menge kleiner vielfarbiger Lampen erhellt, die an nur ein Fuß langen Ketten befestigt waren und daher den Fußboden in irisierendem Halbdunkel ließen.

Die Mauern waren mit köstlichem Sammet bekleidet, der in denselben Farben prangte wie die Zierate der gewölbten Decken. Als Sardal sich gegen eine Seitenwand stützte, fühlte er, wie weich und elastisch diese war. Die Füße versanken in weichen Seidenteppichen, von schwarzem, golddurchwirktem Grund, in denen Blumen in den Grundfarben der Kapellen verstreut waren. Überall lagen üppige weiche Kissen und das herrlichste Pelzwerk umher.

Im Hintergrunde des Saales erhob sich eine aus Gold gebildete Kuppel. Die Wände waren mit Goldbrokat bekleidet. Auf einer goldenen Estrade, zu der Stufen hinaufführten, stand ein großer Thron von Kristall unter einem ebenfalls kristallenen Baldachin, der das Licht auffing und zurückwarf. Auf diesem Thron aber saßen, wollüstig aneinander geschmiegt, und, eine die andere zärtlich umschlingend, zwei völlig nackte Frauen, die sich küßten. Sie besaßen die ganze Pracht des Lebens und dabei die ewige Unbeweglichkeit von Statuen. Ihre Schönheit war göttlich.

Sardal bemerkte erst jetzt, daß sich eine große Zahl von Frauen in dem Saale befanden – junge schöne Frauen, Typen aus aller Welt: schwarze Frauen, rote, gelbe Frauen, aber die Zahl der weißen Frauen war die größte, ihre Schönheit war von verschiedenster Art.

Sie waren in mannigfachster Weise geschmückt. Viele waren völlig nackt und trugen nur einige Juwelen zur Schau; andere hatten die mit Flaum bedeckten Stellen ihres Körpers mit Gold- oder Purpurfäden durchflochten. Andere waren in ganz durchsichtige Seidennetze gehüllt, in denen die Schönheit ihrer zarten Haut zur vollen Geltung kam. Mehrere trugen Spitzengewänder oder leichte, an den Hüften offene Tunikas. Wieder andere umhüllten sich mit flitterbesetzten Gazeschärpen, drapierten sich mit in leuchtenden Farben prangenden Kaschmirshawls oder Streifen leichten, mit Silberplättchen besetzten Stoffes.

Sie glitten in dem Halbdunkel des Saales hin und her, schwangen sich in müden, üppigen Tänzen, die dem Rhythmus einer stummen Musik zu folgen schienen, die auf dem Boden hockende Musikerinnen auf fremdartig aussehenden Instrumenten ausführten.

In üppigen, wollüstigen Stellungen sich rhythmisch hin und her wiegend, glitten sie dahin, bildeten jetzt Ketten, berührten einander mit schneller Liebkosung, trennten sich dann, um andere Küsse, ebenso flüchtige Umarmungen auszutauschen.

Rund um den goldenen Thron knieten sieben Frauen, die in weite Seidenmäntel gehüllt waren, von denen jeder die Farbe einer der sieben Kapellen trug und die reich mit Blumen bestickt waren. Köstliche Edelsteine leuchteten aus ihrem Haar. Ihre frommen Hände schwangen goldene Räucherfässer, denen köstliche Düfte entstiegen, das Opfer, das sie dem Symbol ihrer Gottheit darbrachten.

Aber unter dem Gewölbe von Ebenholz, unter den vielfarbigen Lampen schlangen die Tänzerinnen ihren Reigen, und ihr aufgelöstes Haar floß über den wogenden Busen.

Die Zärtlichkeiten, die sie miteinander austauschten, wurden schmachtender und länger, ihre Küsse wurden glühender. Sie sanken miteinander in die weichen Pelzdecken, und, eng aneinander gepreßt, berauschten sie sich in wollüstigen Genüssen.

In dem nebelhaft geheimnisvollen Halbdunkel bildeten sich immer neue Gruppen oder leuchtete plötzlich das weiße Fleisch auf. Purpurlippen öffneten und vergruben sich ineinander. Eng umschlungene Gestalten berauschten sich in glühenden Küssen. Der Duft der Liebe wehte über ihren Verzückungen.

Da geschah es, daß auch Sardal sich von einem wütenden sinnlichen Gelüste ergriffen fühlte.

Er ging auf die am Boden liegenden, sich ihm willig darbietenden Mädchengestalten zu; aber die um ihre Gottheit knienden Priesterinnen erhoben sich und traten ihm entgegen.

Sie waren die einzigen Frauen des Saales, die aufrecht standen, und Sardal sah nun, wie schön sie alle sieben, wie reich geschmückt, wie fein geschminkt sie waren, und er sah staunend auf die üppige Pracht ihrer Glieder, die von dem mit Edelsteinen gezierten, aufgelösten Haar und ihren langen Seidenmänteln umflossen waren. Sie traten näher und bildeten einen Halbkreis um ihn. Die beiden an den Außenseiten stehenden Priesterinnen hatten schwarzes Haar, mit bläulichen oder bronzefarbenen Reflexen; ihre Augen waren dunkel. Sie trugen unter ihrem langen Mantel nur eine dunkelfarbige Schärpe von chinesischer Seide, die fest um die Taille geschlungen war, um die Büste mehr hervortreten zu lassen. Der Mantel der einen war wasserfarben, der der andern mattrosa. Die nackte Schönheit der ihm zunächst stehenden Priesterinnen hob sich von dem malvenfarbenen und orangegelben Hintergrunde ihres Seidenumhangs ab. Ihr Hals, ihre Taille, ihre Brüste, Hüften und Arme waren mit Geschmeide und Edelsteinen vom reinsten Wasser geschmückt. Perlenketten kreuzten sich über ihren Füßen, Perlenketten waren durch ihr Haar geschlungen und fielen, untermischt mit leuchtenden Steinen, wie eine funkelnde Linie über ihren Körper herab.

Die Topase der rechtsstehenden braunhaarigen Schönen leuchteten wie ihre Augensterne, und die durchsichtigen Smaragde der andern wie die ihrer rothaarigen Trägerin. Dann kamen zwei blonde Priesterinnen; die goldblonde hatte einen scharlachroten Mantel um, die, deren Haar wie matter Bernstein leuchtete, einen dunkelvioletten. Von der Taille bis zu den Füßen herab waren sie in fest anliegende Seidennetze gehüllt, die um die Taille von einem Gürtel gehalten wurden; diese Gürtel waren von Sammet, der eine war schwarz und hatte ein Rubinschloß, der andere rote eine Diamantagraffe. Sie trugen schwere Halsbänder um ihren nackten Hals.

Aber Sardal hatte nur Augen für die ihm gegenüber in der Mitte stehende junge Schönheit. Ihr mit Perlen durchflochtenes Haar hing in schweren Massen zu beiden Seiten des Gesichtes herab. Über der Stirn trug sie ein Diadem. Ihre blauen Augen hatten einen strahlenden Ausdruck. Ihr Mantel von Silberbrokat umfloß sie in schweren Falten, und ihr wunderbar geformter nackter Körper zeigte sich in seiner ganzen Schönheit ohne jeden weiteren Schmuck.

Langsam traten sie auf ihn zu, und ihre Mäntel schleppten hinter ihnen her wie die Flügel verwundeter Vögel. Plötzlich wurde Sardal sich bewußt, daß auch er völlig nackt war. Und dann warfen sich die Priesterinnen über ihn, umarmten und liebten ihn. Er fühlte die elektrisierende Berührung ihrer Hände und Lippen auf seiner nackten Haut. Der Duft ihres Haares umfloß ihn. Die Wärme und die Berührung ihrer zitternden Körper erregten seine Sinne bis zum Wahnsinn.

Er versank in Wollust und verlor das Bewußtsein für alles andere in der Welt. Er gab sich völlig der Sinneslust hin, und jeder Nerv seines Körpers bebte in Entzücken und Schmerz. Er erstickte beinahe, er wurde von schwindelndem Taumel erfaßt, er röchelte wie ein Sterbender unter dem verzehrenden Hauche der Küsse und den Liebkosungen dieser Frau mit den blauen Augen ... und dem unendlich grausamen Munde ...

Ringsum aber herrschte tiefes Schweigen.

 

Es dauerte sehr lange, bis Sardal die vielen Stufen der düstern Treppe erstiegen hatte, die auf die das Schloß krönende Plattform mündete.

Es war jetzt dunkle Nacht. Der Mond war hinter den Wolken verschwunden. Das, was er auf der großen Plattform fand, von der aus der Blick über die Wipfel der höchsten Bäume weg weithin das Land beherrschte, war folgendes:

Mitten darauf stand ein steinerner großer Sessel, auf dem ein Greis saß. Seine Arme stützten sich auf die granitnen Seitenlehnen seines Sitzes, den Kopf hielt er gesenkt. Seine Kleidung bestand aus einem Panzerhemde, dessen Eisenmaschen durch die Zeit gelitten hatten und vom Roste beschädigt und zerfressen waren. Rechts von ihm stand eine hohe Wasseruhr, links eine Sanduhr, grade vor dem Alten in einer durch einen Hühnerkorb gebildeten Nische eine hohe bronzene Standuhr.

Der stählerne Zeiger durchlief das große Zifferblatt, während auch nicht das leiseste Geräusch verkündete, daß das Räderwerk der Uhr sich bewege. Selbst das den Lauf der Zeit verkündende gewohnte monotone Tik-Tak durfte die tiefe Stille nicht unterbrechen, die vielleicht noch drückender als in dem ganzen Schlosse über diesem Orte lag und alles Leben erstickte.

Sardal trat näher heran. Auf den oben an der Rücklehne des Sessels befindlichen steinernen Kugeln saßen unbeweglich, und nur die roten Augen rollend, zwei Eulen. Auf dem Schädel des Greises und in seinem weißen Haar, das in dichten verwirrten Massen herabhing, hatte ein Rabe sein Nest gebaut, auf dem er unbeweglich saß. Mit seinem steifgehaltenen Kopfe und den herabhängenden Flügeln sah er aus wie eine Helmzier. Der weiße dichte Bart des Alten fiel unverhältnismäßig lang herab und schlang sich um den Untersatz der Standuhr.

Sardal neigte sich, um dem Greis in das Auge zu sehen. Sein Antlitz schien noch viel älter zu sein als alles, was ihn umgab. Es sah aus, als sei es aus einem festen, unzerstörbaren harten Stein gehauen, der die Zeit überdauern würde. Die Muskeln, die metallenen Saiten glichen, lagen unbeweglich unter der starren Maske seines Gesichtes. Die fest aufeinander gepreßten Lippen schienen für immer geschlossen zu sein.

Endlich aber begegnete sein Blick dem Sardals. Von dichten schneeweißen Wimpern und Brauen umgeben, hatten seine Augen die Farbe und den hellen Glanz des Vollmondes; es ging ein leuchtendes Fluidum davon aus, das der polierte Stahl des Uhrzeigers reflektierte, dessen Voranrücken auf dem Zifferblatte der Greis mit leidenschaftlichem Interesse beobachtete.

Da aber, in dem Momente, wo Sardal in diese wunderbaren Augen blickte, geschah es, daß ganz plötzlich der Geist der Neugierde und des Mutes, die ihn bisher geleitet, den jungen Abenteurer verließen. Eine unerträgliche Seelenqual, ein unerhörtes Grauen und eine häßliche Angst bemächtigten sich seiner Seele.

Im selben Augenblick wurde die ringsum herrschende Stille durch die die Mitternacht verkündende Stimme der Uhr unterbrochen. Der plötzliche Klang dieser Töne hatte etwas Anormales und Spukhaftes, sie erschienen Sardal wie ein so grauenhaftes Phänomen, daß sein Herzschlag stockte und seine Gedanken sich zu verwirren drohten.

Dann brach von allen Seiten ein wilder Lärm los. Man vernahm das Klirren von Schwertern, das verzweifelte Stöhnen Gefolterter und Sterbender. Dazwischen ertönten Tanzweisen und Liebesgeflüster und der Lärm von auf dem Boden zerschellenden Gläsern. Wilde Verwünschungen mischten sich mit dem Quaken von Fröschen, dem Brausen eines Wasserfalles. Die Eulen kreischten, der Rabe krächzte und schlug mit den Flügeln.

Aber, all diesen Lärm übertönend, vernahm Sardal ein unsinniges Freudengeschrei, ein wahres Triumphgeheul, das ein nur wenige Schritte von ihm entfernt stehendes Wesen ausstieß.

Er blickte hin – und erkannte sich selbst! Er erkannte seine eigene körperliche Erscheinung, die nur wenige Schritte entfernt von ihm stand, und mit Grauen empfand Sardal gleichzeitig, wie seine Seele in die Gestalt des Greises überging, er fühlte, wie seine Augen denen des Alten gleich wurden und sich auf das Zifferblatt der Uhr richteten.

Er war festgebannt auf seinem steinernen Sitze, während der einer Helmspitze ähnliche Rabe unbeweglich auf seinem Kopfe saß. Einen letzten verzweifelten Blick vermochte er noch auf den zu werfen, der ihm seine menschliche Erscheinung geraubt hatte, und der, nun endlich erlöst, so rasch wie möglich davoneilte. Er sah ihn – aber er hörte ihn nicht, denn mit dem zwölften Glockenschlage war, ebenso schnell, wie er sich erhoben, aller Lärm verstummt.

Wieder herrschte lautlose Stille auf der Plattform des Schlosses, eine Stille, die selbst die Stimme der Zeit verschlang. Unhörbar umkreiste der blanke Stahlzeiger, auf dem die Augen des Greises sich spiegelten, das Zifferblatt der Uhr, unablässig und mit leidenschaftlichem Interesse war das Auge des Alten darauf gerichtet.

Der Greis war allein zurückgeblieben ...

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