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Die Dame in Grün

Frédéric Boutet: Die Dame in Grün - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorFrédéric Boutet
titleDie Dame in Grün
publisherAlbert Langen Georg Müller Verlags GmbH
translatorHanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus'm Werth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150607
projectid4ebd9813
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Barmherzige Schatten

Durch das Gitter des mit Efeu und Wein umwachsenen Fensters fällt das matte Licht des hereindämmernden Abends. Ein Gewitter ist im Anzuge. Der Schein einer an langer Kette von der Decke hängenden großen Bronzelampe erhellt das Gemach, es ist ein seltsam prunkvoller, aber zugleich vernachlässigt aussehender Raum. Keine Tapeten verhüllen die Wände, über der Holztäfelung erkennt man alte Fresken, die obszöne Darstellungen oder Folterszenen zum Gegenstand haben, sie sind in einer naiv minuziösen Weise ausgeführt und scheinen durch die wechselnde Beleuchtung ein phantastisches Leben zu gewinnen.

Nur wenige aus Ebenholz hergestellte Möbel stehen in dem Gemach. Eine Standuhr verkündet die Stunde mit melodischer Stimme. Der Parkettboden ist mit darüber ausgebreiteten Pelzdecken belegt, die das Geräusch von Fußtritten unhörbar machen. In einer bronzenen Vase steht ein großer Strauß wunderbarer roter Rosen, die dem Verwelken nahe sind und sterbend ihre süßesten Düfte aushauchen.

Dem Fenster gegenüber, zwischen einem Diwan und der Tür, steht ein Bett von Ebenholz, über dem sich ein Baldachin erhebt, von dem kostbare, mit Goldfransen geschmückte karmesinrote Sammetvorhänge herabhängen, die aber teilweise durchlöchert sind und einen vernachlässigten Eindruck machen.

Die Vorhänge sind zurückgezogen, und in dem Bett schlummert ein junges Weib, Sara d'Hellemone. Sie ist eine Prostituierte, denn ihr Vater hat des Goldes wegen allen reichen vornehmen jungen Männern, die sich durch den unvergleichlichen Reiz ihrer Schönheit angezogen fühlten, den Zutritt zu seiner Tochter gewährt – trotzdem aber ist sie Jungfrau geblieben, weil der Vater ihre Lippen mit dem schwarzen Gift, das nur ihm bekannt ist, vergiftet und dadurch ihren Mund zu dem Becher gemacht hat, aus dem alle den Tod trinken, die, mit was für einer Liebe es auch immer sei, sie lieben und die Süßigkeit ihres Kusses genießen wollen.

Das ganze Weib aber, das in dem Bett liegt, ist selbst einem schrecklichen Leben zum Opfer gefallen, und es ist offenbar, daß ihr Tod nahe bevorsteht. Alle erkennen dies, alle, außer einem, dem Greis, ihrem Vater. Er will es nicht sehen, daß sie im Sterben liegt, er will überhaupt nicht glauben, daß sie je sterben könne, da er mit der Macht seiner Wissenschaft, an die er vollen Glauben hat, gegen die Macht des Grabes ankämpft.

Die Schatten werden tiefer. Die Uhr schlägt. Das Mädchen erwacht aus seinem Schlummer. Ihre Augen irren umher wie die eines Wesens, das sich verirrt hat und nicht weiß, wo es sich befindet. Sie blickt auf die Lampe mit ihrem klaren, ständigen Licht, auf die schrecklichen an den Wänden befindlichen Malereien, die massiven gespensterhaft aussehenden Möbel, und ihr Auge haftet dann besonders lange auf dem mit Efeu und Wein umrankten Fenster, durch das man den mit mißfarbenen, schweflig aussehenden Wolken bedeckten Himmel erblickt, die durch zuckende Blitze zerrissen werden. Schmerzerfüllt atmet sie den süßen wollüstigen Duft der sterbenden Rosen ein, sie ringt verzweifelnd die Hände, seufzt müde und beginnt alsdann in abgebrochenen Sätzen zu reden.

 

Sara: Die Sonne – o, die Sonne ist gestorben. Und ich habe ihre Herrlichkeit nicht gesehen – – ach, und niemals wieder werde ich sie erschauen! – – Ich habe zu lange geschlafen... Jetzt aber werde ich sterben.

O Gott, was ist aus der Sonne geworden? Drohende Sturmwolken bedecken den Himmel. Ach, der Sturm hat sich auch schon seit langem meiner Seele bemächtigt. Die Geister der Gestorbenen suchen mich im Traum auf. Wie werden sie mich erst quälen, wenn ich im Grabe ruhe! – Aber der Alte wird dort wenigstens keine Gewalt mehr über mich haben.

Werde ich keine Sehnsucht nach dem Leben haben? Man sagt, daß der befreite Sklave Heimweh nach seinen Ketten empfindet. – Ach! – Ich habe so schöne Dinge geträumt. Der schöne Traum hat mich meiner selbst vergessen gemacht... Wer vermöchte meine Wünsche, meine Träume, meine Hoffnungen zu verstehen? Wer die Freuden, die Genüsse, den Ruhm ermessen, von dem ich geträumt? Ganz gewiß, Sara d'Hellemone wird dies nicht verraten, denn das ausgesprochene Wort würde diesem Traum den höchsten Reiz, den des Geheimnisses, rauben. Aber nein – nein – ich lüge! Ich habe nichts gewünscht, nichts geträumt – – Ich habe gelebt – habe Seele und Körper prostituiert.

Ich fühle, wie die Schwingen meiner Lebensgeister flattern wie die Flügel eines Vogels, der sich zum Flug bereit macht, wie das Segel des Schiffes, das sich der Macht des Windes preisgibt, um andere Gegenden zu erreichen, Neuland, das erfüllt ist von allem, was schön und herrlich, ein Land dieser Erde, das ich niemals gesehen habe, ach, und das ich auch niemals erreichen werde! O welch ein Herzeleid! Ich muß jetzt sterben, und es gibt Länder und Städte, die ich nicht kenne, und ganze Völker, deren Namen ich nicht einmal weiß.

Mein Leben erlischt, während die Sterne am Himmel funkeln, diese Seelen des Firmaments! Geheimnisvolle Fackeln, erscheinen sie dem einen als ein Symbol der Hoffnung, dem andern als das der Verzweiflung. Diese drohenden blutroten Wolken jedoch verhüllen die Sterne – der Sturm wird sie verlöschen – aber wenn er vorüber ist, werden sie noch schöner erstehen. Mein Leben aber wird erlöschen und nicht wieder erstehen. Ich werde sterben, während die Blitze zucken, der Sturm heult, und alle Mächte der Natur entfesselt sind. Meine Seele wird meinen Körper verlassen.

Meine Seele? Der Greis würde lachen. Meine Seele? Er würde lachen. Es ist der Einfluß seines verfluchten Geistes, der auch mich plötzlich lachen macht, ach, ein grauenhaftes Lachen. Mein Körper wird nicht mehr sein. Ach, und doch bin ich sehr schön gewesen. Das war mein Fluch. – Ich war stolz auf meine Schönheit, stolz bis zum Wahnsinn. Ich bin es immer noch, und dennoch ist jetzt die Stunde gekommen, in der sie aufhören wird zu sein. Nichts, nichts wird von mir übrig bleiben, wenn es nicht die Erinnerung an die von mir begangenen Verbrechen ist.

Ach, ich habe gekämpft... Aber der Geist der Finsternis war stärker als ich... Ob es nicht dennoch möglich gewesen wäre, ihm zu widerstehen?

Ach, ich weiß es nicht. O warum bin ich nicht besser gewesen? Warum mußte meine Seele schwach und eitel sein? Der Greis hat mich der Macht seines Willens untertänig zu machen gewußt, durch Bitten und Drohungen hat er mich willfährig gemacht. Und dann – ich liebe den Schmuck – wie er das Gold liebt! Ich würde außerdem niemals meinen Körper erniedrigenden Umarmungen preisgegeben haben. Mein Körper ist in seiner Schönheit und Jungfräulichkeit mein eigenstes Eigentum, niemand hat ihn genossen, trotz der unzüchtigen Zärtlichkeiten, mit denen ich meine Lippen befleckt habe und bei denen ich nicht kalt geblieben bin – trotz des verbrecherischen Begehrens dieses eifersüchtigen Greises, der an meine Keuschheit glaubt. Meine Keuschheit, oh, was ist aus ihr geworden? Ich habe meine verbrecherischen Küsse genossen. Bin ich wirklich unschuldig? Wahrhaftig, wenn es einen Gott gibt, wird er gerecht über mich richten. Ich bin unfähig, mich selbst zu erkennen!

 

Eine in der Nähe des Bettes befindliche Tür öffnet sich geräuschlos, und ein alter Mann tritt daraus hervor. Sein Haar ist weiß, sein Gesicht sehr bleich. Ein langes Gewand von schwarzem Sammet verhüllt die Magerkeit seiner Gestalt. Er trägt ein silbernes Fläschchen in der Hand.

Der Greis: Ich habe siegreich gegen die Bosheit der ewigen Mächte um dein Leben gekämpft. – Meine Belohnung dafür wird das Wiederaufblühen deiner Jugend sein... Nimm dieses Elixier, es wird dir Genesung bringen.

Sara: Es ist alles vergebens. Ich werde es nicht trinken. Du wirst mich nicht mehr zu deiner Sklavin machen. Ich habe mich von dir befreit.

Der Greis: Was sagst du? Du seist meine Sklavin gewesen? Was hätte ich dir je zu tun auferlegt, was du nicht sehr gern getan hättest? Aber es ist das Fieber, das deine Gedanken verwirrt. Trinke! Es ist die Genesung, die ich dir bringe.

Sara: Verlaß mich. Der Tod hat eine Schranke zwischen uns errichtet, die du nicht durchbrechen kannst. Endlich ist die Zeit gekommen, in der ich allein sein kann. Die wenigen Stunden des Lebens, die mir noch bleiben, gehören meiner Seele.

Der Greis: Was redest du da? Werde Herr deiner Aufregung... Ich bringe dir das Leben.

Sara: Das Leben ist nicht für mich! ... Du weißt es doch, mein Vater, es gibt kein Heilmittel gegen das schwarze Gift.

Der Greis: Das schwarze Gift?

Sara: Ach, es sind ihrer so viele daran gestorben – alle meine Liebhaber – sie alle sind unter meinen Augen davon gestorben, ich kenne daher die Wirkungen dieses köstlichsten aller Gifte nur zu wohl ... Nun sterbe ich daran – langsam, aber sicher ... Ist das nicht nur gerecht? Ich sterbe, ein Opfer meiner Frivolität, ein Opfer des Goldes, ein Opfer des alten Hellemone, der mein Vater ist ... Ja, so ist es ... Übrigens habe ich mit größter Geduld und Mühe mich an das Gift zu gewöhnen gesucht; ob ich aber nicht doch in einer Stunde des Überdrusses zuviel davon genommen habe? Ich bin 20 Jahre alt, ich bin Jungfrau, ich sterbe ...

Der Greis: Das Gift! das Gift! Entsetzlich! Sie stirbt durch mich, der ich sie anbete und mehr liebe als mein Leben, ja, mehr als meine Wissenschaft. Aber vielleicht gelingt es mir dennoch, ein Gegengift zu finden. Man muß kämpfen ... Ach, wozu nützt es! Dies Gift ist unfehlbar, es führt mit absoluter Gewißheit zum Tode, ist es doch der Triumph meiner Wissenschaft. Wie stolz war ich darauf.

Sara: Weit, weit von mir, in dem draußen tobenden Sturm, sehe ich die Geister meiner Liebhaber, die um meine Seele kämpfen –

Alter Mann, die Wissenschaft trügt, der sterbliche Leib ist kein Gott! Die Seele lebt und muß Buße tun. O entsetzlich – – – – – – –

Rings um mich wird es Nacht! ... Die abendlichen Lampen unter dem Gewölbe leuchten, und alle Stimmen feiern den Tod. Wie ein von Regen und Düften erfüllter leichter Sommernebel schwebt meine Seele darüber hin, das Dunkel der Nacht sinkt über die Wälder, und eine leichte Brise trägt Wolken und Träume himmelwärts. Sehnsüchtige Düfte entsteigen den Blumen. Ach, das Leben zeigt sich in mannigfacher Gestalt – aber hinter diesen verschiedenen Masken wohnt das unveränderliche Antlitz des Todes.

 

Allmählich ist die Nacht herabgesunken. Das schwebende Licht der Lampe vermag kaum das Zimmer zu durchdringen. Eine drückende Schwüle macht sich bemerkbar, das Gewitter ist nun ganz nahegekommen. Blitze durchzucken die Luft und erhellen das Gemach mit phosphorisch gespensterhaftem Schein.

 

Sara: Ich ersticke! Ach, das kurze jäh aufzuckende und blendende Licht des Blitzes zeigt mir das Innere meines Herzens. Wie Bilder erkenne ich meine Gedanken vor meinen Augen. Ich sehe, wie sehr ich mich durch niedere und feige Gelüste prostituiert habe.

Wird der Tod mich von den Sünden meines Lebens reinigen?

Der Greis: Mein Kind, mein Kind, blicke deinen Vater an ... Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe.

Sara: Doch, ich weiß es.

Der Greis: Ich liebe dich, um daran zu sterben. Ich liebe dich, wie man seinen Gott liebt.

Sara: Das Gold ist dein Gott.

Der Greis: Das Gold? Würde ich nicht all mein Gold hingeben, dir eine Stunde des Lebens zu erkaufen? Du weißt nicht, was ich gelitten habe, wenn meine Leidenschaft für dich und die für das Gold miteinander kämpften und mein Herz zerrissen. Welche Marter habe ich da kennengelernt. Ich wollte – und dann wollte ich wieder nicht – ach, und immer wieder hat meine Geldgier den Sieg über meine eifersüchtige Liebe davongetragen. Denn ich war eifersüchtig auf deine Liebhaber, obwohl ich wußte, daß sie nichts anderes als deine Lippen berühren durften, ich war zum Sterben eifersüchtig, war so eifersüchtig, daß ich frohlockte, wenn wieder einer das Opfer meiner Wissenschaft geworden. Ihr Tod befriedigte meinen Geiz und meinen Haß.

Sara: Das Gold! – Ja, beim höchsten Gott, das ist der Name des Inbegriffs alles Bösen. Ja, meine Liebhaber, die nun in der Erde ruhen und von denen mich kein einziger besessen hat. Denn ich bin Jungfrau geblieben und der hochzeitliche Tag ist nicht für mich erschienen, meine Liebhaber haben alle sterben müssen! ... Und doch – ich habe sie reiche Genüsse kosten lassen – sie sind nicht zu beklagen ...

Wo seid ihr, die ihr mich so sehr geliebt und die ihr es so teuer bezahlt habt? Wo seid ihr? Denkt ihr noch an mich? Liebt ihr mich noch?

Ich habe euch meinen Mund geschenkt, meinen süßen Mund und den duftigen Atem meiner jungfräulichen Brust – den Biß meiner weißen Zähne, meine seidenweichen Lippen, die berückend wollüstige Berührung meiner Zunge, ja, ihr habt den ganzen berauschenden und todbringenden Zauber meines vergifteten Mundes genossen ... Dann aber sah ich euch hinsiechen unter unerhörten Qualen und Schmerzen – die ich nun auch alle kennengelernt habe. Ach, ich verfolgte euer Leiden, die Schwindelzustände, das Hinschwinden eurer Kräfte mit angsterfülltem Herzen, ich litt mit euch, denn ich bin weich und mitleidig ... Dennoch aber schmückte ich mich mit den Juwelen, die ihr mir gebracht, und ohne Entsetzen sah ich, wie der Greis das Gold, den Preis seiner und meiner Sünde, zählte, denn die Seele einer Frau ist schwach, unbeständig und eitel ... Wo seid ihr, wo weilt ihr nun, meine Liebhaber? Ich rufe euch in der Nacht, in der eure Schatten zerstreut sind. Erhebt euch beim Klang meiner Stimme! Kommt alle zu mir! ... Es ist eure Geliebte, es ist Sara d'Hellemone, die euch an ihr Totenbett ruft ... Steigt herab aus dem Dunkel der Nacht und zeigt euch vor meinen Augen, ehe diese durch den Willen der höchsten Macht geschlossen werden.

Der Greis: Oh, jetzt erkenne ich, daß es das Laster des Geizes ist, das mich der Hölle zugeführt hat! Was kann ich jetzt tun? Wohin soll ich mit meiner Verzweiflung flüchten?

Schon in der Vergangenheit waren die Genüsse, die mir der Besitz des Goldes verschaffte, nichts im Vergleich mit den Qualen, die das Erringen des Mammons mir bereitete. Kein Schmerz, keine Wut sind mit dem Schmerz und der Wut zu vergleichen, die mich verzehrten, wenn ich Sara allein wußte mit denen, die mich eben dafür bezahlt hatten, deren Gold meine Kasten füllte ... Ich hielt mich hinter der Tür verborgen und versuchte zu horchen, ich schäumte vor Wut und wagte es doch niemals, einzutreten, weil die Goldgier mich zurückhielt ... Wenn aber dann diese Männer erkrankten und unter namenlosen Qualen starben, dann, ja dann habe ich gejubelt und große Freude empfunden.

Keine Liebe läßt sich mit der Liebe vergleichen, die ich für sie empfinde. Ich bete das holde Wunder ihres reizenden Gesichtes an. Ein wollüstiger Schauer erfaßt mich, wenn ich ihres jungen Körpers gedenke, den ich manchmal während ihres Schlafes belauscht habe. Oh, wie habe ich gebebt, wenn die sie deckenden Spitzen und Seidenstoffe manchmal zurücksanken und mir ihre schöne Brust, die vollendete Form ihres Beines oder die Wellenlinie ihrer Hüfte enthüllten, ach, und manchmal sogar mehr! Wie ein brünstiges Tier habe ich da ihr Lager umkreist. Mein wütendes, niemals eingestandenes Begehren hat den Duft deines Fleisches eingesogen, meine versengenden Blicke haben an deinem jungfräulichen Leib gehangen.

Sara: Ja – ich habe dich gesehen ...

Der Greis: Es hat Stunden gegeben, wo meine geile Begierde mich so übermannte, daß ich dich hätte zerreißen mögen. Dann aber wieder kamen Stunden, in denen ich mir meines grenzenlosen Elends, meiner ruchlosen Leidenschaft voll bewußt wurde, wo ich mich selbst verachtete und feige geweint habe, ohne hoffen zu können, dadurch mein von Schmerz, Liebe und Ekel übersättigtes Herz erleichtern zu können.

Sara: Ach – die Sonne! Die Sonne ist tot! Das Abendrot ist im Meer versunken, und düstere Nacht bedeckt den Himmel. Wie der Sturm durch die Nacht tobt! Grelle Blitze durchzucken die Luft, der Donner rollt. Dann aber ist der Sturm vorüber. Es ist Morgen, o warum hat kein Regenbogen die Morgenröte begleitet? Warum hat das Zeichen der Versöhnung nicht seine schimmernde Brücke gespannt? – Ach, es gibt keine Versöhnung für die armen Seelen, die vom Dunkel der Sünde umhüllt sind, den Verworfenen leuchtet keine Morgenröte, kein Regenbogen.

Der Greis: Der Tod! Der Tod!! ... Ist es denn möglich, daß sie stirbt?

Sara: Ach, wie das auf mich eindringende Dunkel mich erschreckt! Und weh mir, es ist von traurigen Geistern erfüllt. Es sind die Schatten meiner Opfer, die Schatten aller jener, die Leid tragen, weil sie so jung gestorben sind, ohne das kennengelernt zu haben, was zu kennen ihre Bestimmung war. Ihr Lebensfaden wurde jäh durchschnitten, und sie schreien deshalb nach Rache. Oh, welche Qualen werden sie ihren Mördern auferlegen? Ich aber bin eine von denen, die Buße tun müssen.

Der Greis: Sollte die Macht des Todes sich durch Gold erweichen lassen? Sollte es mir gelingen, ihn zu erweichen, indem ich seiner Goldgier fröne, sollte er nicht vielleicht doch den menschlichen Wesen gleich sein, die dem Meistbietenden gehören?

Ach, ich könnte ihm ein Lösegeld im Werte eines Königreiches geben.

 

Er stürzt an ein neben dem Bett in der Wand eingelassenes geheimes Spind und öffnet es hastig. Er ergreift einen Sack mit Gold. Eine Kassette fällt auf das Bett, sie springt auf, und es entgleiten ihr eine Fülle köstlicher Schmuckgegenstände und Juwelen. Der Greis läuft an das Fenster und reißt es weit auf. Ein Windstoß macht die Flamme der Lampe flackern. Die Nacht ist sehr dunkel und wird nur ab und zu durch das Aufleuchten greller Blitze erhellt. Durch das geöffnete Fenster dringt eine drückende Hitze. Der Greis neigt sich weit hinaus, ergreift Hände voll Gold und schleudert es mit wütender Gebärde in die Nacht hinein, dabei schreit er heftig:

»Für Euch, Ihr Mächte der Finsternis und des Schattens! Für Euch, Ihr zuckenden Blitze und tobenden Stürme. Für Euch, Ihr perversen Kräfte, die Ihr im unergründlichen Nebel und Dunkel verborgen haust.

Hier ist Gold, hier ist Gold, hier ist Gold!«

Indessen hat Sara die aus der Kassette gefallenen und auf ihrem Bett liegenden Schmuckstücke bemerkt. Sie richtet sich mühsam auf und zieht sie an sich. Sie betrachtet sie und läßt die Diamanten im Licht der Lampe funkeln. Zuerst mit halber Stimme, dann lauter sprechend beginnt sie folgendermaßen:

Sara: Hier ist, was mir auf dieser Erde das Teuerste gewesen ist. Hier ist mein göttlich schöner Schmuck. Hier meine wunderbar fein gearbeiteten Goldspitzen, deren Blumen feiner gebildet sind als die Eisblumen, die der Winter auf die Fensterscheiben malt. Hier sind all meine Edelsteine, die blutroten, die meerfarbenen und die himmelblauen. Oh, ich bete euch an, ihr meine auserwählt herrlichen Steine und wunderbaren Kleinodien. Ihr seid die Sterne unterirdischer Welten, seid Blumen, die niemals verwelken; in den verschiedenen Nuancen der Farbtöne, in denen ihr leuchtet, in der feinen Kunst, mit der ihr gefaßt seid, erblicke ich den Inbegriff aller Schönheit.

 

Sie öffnet ihre schwarzseidene Tunika und umgibt ihren Hals mit köstlichen Ketten und Halsbändern, deren Perlen und Diamanten bis auf ihren Busen herabhängen. Sie schnallt einen goldenen, reich mit Edelsteinen geschmückten Gürtel um ihre Taille, legt Spangen um ihre Arme und bedeckt ihre bleichen Hände mit Ringen. So sitzt sie mit aufgelöstem Haar, halb aufgerichtet, und ihre Schönheit wird abwechselnd vom Schein der Lampe und dem der Blitze beleuchtet.

 

Sara: Alle diese Kleinode sind für mich! Aber es gibt keinen Luxus, kein Juwel, das meiner Schönheit würdig wäre. – Es war mein erster Liebhaber, der das gesagt hat! Er war jung und schön, und ich habe ihn geliebt. Ja, ich habe ihn geliebt! Ich habe sie alle bis zum Wahnsinn geliebt, und es ist deshalb, daß sie sich an meinen vergifteten Mund gedrängt haben. Du weißt es, allmächtiger Richter, daß ich unschuldig bin. Es ist der Greis, der all dies vollbracht hat. Ein Weib ist doch nicht fähig dazu, den, den sie liebt, den Tod von ihren Lippen trinken zu lassen. Es ist der Greis, der mich dazu verdammt hat! ... Derselbe alte Mann, der jetzt mit goldgefüllten Händen vor mir steht ... Wer bist du? Was willst du von mir? Mich, mich? Ja, ich bin käuflich! ... Ich bin dein, wenn du mir deine Juwelen gibst ... Du wirst aber auch dein Gold geben müssen, damit mein Vater dich zu mir herein läßt ... Aber all diese Schmuckstücke sind für mich ... Ist es dir zuviel? Beraube dich nicht. Ich bin jung, schön und ich bin Jungfrau ... Willst du meine Schönheit sehen und möchtest du sie besitzen? ... Deine Kleinodien haben meine Wünsche befriedigt, es ist also nur gerecht, wenn ich die deinen erfülle!

... Blicke her, diesen Körper, den noch kein Mann genossen hat, ich schenke ihn dir am Rande des Grabes!

Sie schlägt die Bettvorhänge zurück und zerreißt von oben bis unten ihre Tunika, die jetzt nur noch durch den Gürtel um ihre Taille gehalten wird; sie zeigt sich vollständig nackt.

»Sieh her, und nimm die Blumen meiner Brüste, die Blumen meines Mundes und meines Körpers, nimm meine jungfräuliche Umarmung für deine Juwelen! ... Willst du mich nicht besitzen? Bin ich dir nicht schön genug? ... Aber nein, du wagst es nicht ... Hast du Angst vor mir? ... Alles, was man dir von mir erzählt hat, ist erlogen. Keiner meiner Liebhaber ist gestorben ... aber außerdem, was bedeutet der Tod, wenn es die Wollust ist, die ihn herbeiführt? – Komm, komm zu mir, du weißt es nicht, welche Wonnen ich dir spenden werde. Ich kann küssen, daß du vor Schmerz und Freude erbebst. Ich kenne Liebkosungen, die stärker sind als alle Macht, als alle Schwäche. Keine Kurtisane weiß mehr von der Liebeskunst ... Ich habe so viele Liebhaber gehabt ...«

Der Greis: Verschleiere dich, verschleiere dich! Der Anblick deines Körpers macht mich wahnsinnig.

Sara: Zu Hilfe! Das Gold verbrennt mich! Es ist das Blut all meiner Liebhaber. Es ist das Blut all derer, die durch mich gestorben und die nun aus dem Grab gestiegen sind, um sich zu rächen.

Oh, die Todesqual! Ich habe sie angerufen und nun kommen sie, steigen auf aus ihren Grüften, aus der Tiefe des Mysteriums und sie alle sind haßerfüllt.

Eine seltsame, mit phosphoreszierenden Wolken erfüllte Helligkeit verbreitet sich in dem Zimmer, es hat beinahe aufgehört zu blitzen, aber es ist, als hinge ein unheimlich leuchtendes Leichentuch über allen Dingen. Einzelne schwere Regentropfen lösen sich langsam aus den Wolken. Der Greis ist auf die Knie gesunken und blickt angsterfüllt auf seine Tochter, die nackt und sterbend vor ihm liegt. Sie röchelt und windet sich in namenlosen Qualen. Sie enthüllt ihre intimsten Reize. Und aus den Wolken lösen sich plötzlich Schatten, drohende Gespenster und umgeben das Bett.

Die Schatten: Sara, Sara, wo sind deine Liebesschwüre? Erkennst du die Verlobten deines Lebens, deine Liebhaber, die du vergiftet hast? ... Jetzt gehörst du uns ...

Sara: Erbarmen, ich sterbe. Ich habe euch alle geliebt, ich bin eure Geliebte gewesen ... Ihr habt meine Liebkosungen genossen, ihr seid an eurer eigenen Wollust gestorben! Werdet ihr mir niemals vergeben?

Erster Schatten: Wie schön sie ist! Ach! Ich erinnere mich des Tages, an dem ich zum ersten Male ihren wunderbar schönen Hals geliebkost habe! ... Eingenestelt in ihr Haar, ruhend auf ihrer Brust, habe ich himmlisch schönen Schlummer genossen.

Zweiter Schatten: Sara, ich habe niemals eine andere geliebt als dich. Deine Augen waren die Sterne meines Lebens, sie sind wie ewige Lampen, die mein Grab erhellen.

Dritter Schatten: Dein süßer Mund hat mich mit einer unendlichen Sehnsucht erfüllt, die stärker ist als das Leben. Ich betete deinen Mund an! – Ich bin zu früh gestorben.

Vierter Schatten: Erinnerst du dich meiner?

Ich bin der Knabe, der sein Haupt auf deine Knie legte und die Lippen auf deine Hand preßte ... Du warst mir Freundin und Schwester, an dem Tag, wo böse Gelüste in mir aufstiegen, bin ich gestorben – das war gerecht ...

Ein anderer Schatten: Ich bereue nichts. Es war mir wie ein Opiumtraum, als ich dich nackt gesehen. Als ich deine Lippen küßte, da wußte ich, daß ein solcher Genuß den Faden meines Lebens durchschneiden mußte ...

Ein Anderer: Ich bete dich an, Sara, ich schwelge in der Erinnerung an unsere Liebesstunden. Du warst wunderbar in deiner Wollust. Du warst wie von einem heiligen Wahnsinn ergriffen; tiefe, aus dem Herzen kommende Seufzer entrangen sich deinen Lippen. Du wurdest vor Leidenschaft ohnmächtig unter meinen Liebkosungen, und dein Fleisch zitterte unter meinen heißen Küssen vor Lebensfreudigkeit. Ach, meine Torheit war, daß ich dann deine Küsse suchte ...

Alle Schatten: Oh, Vielgeliebte, du bist schön – und wir beten dich an. Komm zu uns.

Der Greis: Fort von hier, fort von hier, verfluchte Geister, Liebesräuber. Fort von hier! Sie hat mich verraten, aber lebend oder tot, jetzt ist sie mein.

Sara: Zurück, alter Mann. Du wirst niemals mein Liebhaber sein. Der, dem ich angehören soll, steht vor mir. Ich sehe ihn, aus dem Dunkel des Grabes ist er hervorgekrochen. Er naht, er wird meinen Körper und meine Seele besitzen, er wird sich meiner stolzen Schönheit erfreuen. Er ist mein Meister. Mit geiler Gier wird er sich über mein Fleisch hermachen! ... Es ist der Grabeswurm. Mir ist, als fühlte ich schon, wie er in mich eindringt, Fiber auf Fiber benagt – meine Haut verschrumpft unter seinem Kuß. Meine Augen versinken im Kopf ... O werdet ihr mir nicht zu Hilfe eilen, ihr, die ihr mich so sehr geliebt habt? Gibt es keine Rettung für mich? ... Ich gehe zu ihm! ... Ich sterbe.

 

Sie sinkt auf ihr Lager zurück, der Greis stürzt sich auf die verhängnisvolle schöne Gestalt, die seine Tochter gewesen ist, aber er wird von den Schatten zurückgedrängt, sie ergreifen Sara, und sie vor irdischer Verwesung und dem Grauen des Grabes rettend, tragen sie die, die sie alle so sehr geliebt, durch das reinigende Feuer der gütigen großen Nacht zu, die sich aller Sünder erbarmt.

Dann fällt plötzlich mit ernstem, harmonischem Geräusch und einem köstlich belebenden Duft mit sich führend der Regen in Strömen vom Himmel herab. Der Greis atmet auf. Das Schicksal gewährt ihm einen Augenblick des Vergessens – aber diese Gnadenfrist ist eine sehr kurze. Denn nun erkennt er plötzlich, daß das Geschehene nicht wieder gutzumachen ist, und aus der Erkenntnis seiner Verbrechen, aus dem Bewußtsein ihm drohender Strafen und Bußen ersteht ein mächtiges Phantom, das Herr über den Alten wird. Der alte Mann verfällt der Macht der Finsternis, und es gibt keine Leiden und Qualen, die sich mit seinem entsetzlichen Los vergleichen ließen, denn der Name des Geistes, der ihn beherrscht, ist die Furcht.

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