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Die Dame in Grün

Frédéric Boutet: Die Dame in Grün - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorFrédéric Boutet
titleDie Dame in Grün
publisherAlbert Langen Georg Müller Verlags GmbH
translatorHanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus'm Werth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150607
projectid4ebd9813
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Wie Kinder, die hinter einer Maske herlaufen

Es gibt Menschen, denen die Illusionen so notwendig sind wie das Leben ... Wenn sie der Wahrheit nahe gekommen sind, wenden sie sich erschrocken davon ab, wie Kinder, die hinter einer Maske herlaufen und die fliehen, sobald diese sich umdreht ...

N. Chamfort

 

Ja, sagte der Greis, hier an dieser Stelle ist es gewesen. Als ich, von Westen kommend, mich um die großen Felsen wand, die die Spitze des Hügels bilden, ging die Sonne rot unter und die Vorläuferin der Nacht, die Dämmerung, senkte sich leise herab. Als ich den östlichen Abhang des Hügels erreichte, fing es schon an, ziemlich dunkel zu werden.

Ich stieg in der Nähe des Sykomorenwaldes von meinem Pferde und machte am Rande des das Tal beherrschenden Plateaus halt. Schon war der Mond am dunkeln Firmament aufgestiegen und übergoß die zackige Bergkette und das zu ihren Füßen gelegene Tal mit seinem grünlichen Licht.

In diesem Tale nun, zu Füßen der Berge, hat sich folgendes Ereignis zugetragen.

Aus einem Engpasse hervortretend, näherte sich langsam ein seltsamer Zug. Zuerst sah ich eine Truppe von Hellebardenträgern mit leuchtenden Helmen. Dann kamen einige in Amtsroben gekleidete Männer, offenbar Richter, die in ernster Haltung zu Pferde saßen. Ihnen folgten schwarz und weiß gekleidete Priester, in deren Mitte ein Bischof mit Mantel, Kreuz und Mitra schritt und dem ein Küster das große silberne Kruzifix vorantrug. Dann sah ich zwei Männer, die, von Soldaten umgeben, nebeneinander gingen, der eine war der Henker, der andere, der barhäuptig, gefesselt und geknebelt ihm zur Seite schritt, der Verurteilte. Soldaten bildeten den Schluß des traurigen Geleites, dem eine große offenbar erregte Volksmenge nachdrängte.

Der Fuß des Hügels, auf dem ich mich befand, war das Endziel des Zuges. Dort war ein Galgen aufgerichtet, der mit drohend ausgestrecktem Arme seines Opfers zu harren schien.

Da mich die Sache interessierte, stieg ich so schnell wie möglich tiefer den Hügel herab, um besser sehen zu können.

Der Zug hatte unterdessen die Richtstätte erreicht und sich in folgender Weise geordnet. Dem Galgen zunächst standen die Priester und Richter, dann die Soldaten und endlich das Volk.

Der Verurteilte wurde an die zu dem Galgen führende Leiter geführt. Der Bischof mit seinem Kreuz trat auf ihn zu, aber der Mann wandte das Haupt von ihm ab, und obgleich ich immer noch ziemlich entfernt stand, erkannte ich deutlich seine weiße Stirn und das Leuchten seiner Augen. Aus der den Richtplatz umstehenden Volksmenge ertönten wilde Rufe und Verwünschungen. Der Verurteilte indessen stieg völlig ruhig die Stufen der Leiter hinan, der Henker legte die Schlinge um seinen Hals, da erhob er plötzlich das gesenkte Haupt und, seinen ernsten Blick über das Volk, die Soldaten, Richter und Priester gleiten lassend, erhob er feierlich die gebundenen Hände, als ob er alle segnen und ihnen vergeben wolle ... Dann, ehe der Henker ihn berührt hatte, war er von der Leiter abgesprungen und hing nun da – unbeweglich – tot. –

Dann begab sich etwas höchst Seltsames. Die Anwesenden blickten einen Augenblick auf ihn, sahen sich darauf betroffen und schweigend untereinander an. Sie schienen offenbar von einem furchtbaren Schrecken erfaßt zu sein, denn sie flohen nach allen Seiten, so rasch sie nur konnten. Sie überstürzten sich, fielen zu Boden, rafften sich wieder auf und eilten, ohne umzuschauen, so schnell wie möglich davon. Die Soldaten warfen die Waffen von sich, die Priester rissen ihre Gewänder ab. Die Richter suchten so rasch wie möglich in den Sattel zu kommen und ritten, unerbittlich über alle Hindernisse wegsetzend, so rasch wie möglich davon. In unglaublich kurzer Zeit war die Richtstätte verödet, niemand blieb darauf zurück als der Gehenkte, der starr an seinem Galgen hing und von dem grünen Lichte des Mondes beleuchtet wurde.

Ich stieg nun den Hügel ganz herunter und befand mich schnell im Tale und unterhalb des Galgens. Mich zur Erde neigend, erkannte ich plötzlich, daß tief in dem dunkeln Grase verborgen die Wunderpflanze wuchs, die man Mandragora nennt. Ich ließ mich achtungsvoll auf ein Knie nieder, wandte mich dem helleuchtenden Monde zu, in dessen Namen man die Wunderkräfte der Erde anruft, und die mir bekannte magische Zauberformel sprechend, löste ich angstvoll und mit größter Vorsicht die wunderbare Wurzel aus dem Erdreich. Einige Tropfen blutroten Saftes befleckten meine Hand, ohne daß ich jedoch davon verbrannt wurde, und ich erkannte, daß dies eine gute Vorbedeutung sei. Ich kletterte die Leiter hinauf, die an dem Galgen stehen geblieben war, ergriff den Gehenkten und hob ihn bis auf den Arm des Galgens, der aus einem festen soliden Balken bestand. Ich setzte mich darauf und zog den leblosen Körper zu mir empor. Ich lockerte die seinen Hals umgebende Schlinge, entfernte den Knebel aus seinem Munde und zerschnitt die Fesseln seiner Hände. Dann mich den Sternen zuwendend, rief ich mit lauter Stimme die magischen Worte, durch die das Leben beschworen wird. Ich habe diese Zauberformel in dem aus Ninive kommenden Buche gefunden, das mehr tiefe Weisheit enthält als alle andern Bücher. Und während ich meine Beschwörung den Sternen zurief, steckte ich die heilsprechende Wurzel zwischen die Lippen des Toten – da öffneten sich seine Augen und er setzte sich neben mich auf den Galgen. Dann warf er die Wunderpflanze, deren Gestalt der eines Menschen so sehr ähnlich sieht, über seine linke Schulter und sagte:

»Das, was sich erfüllen muß, wird sich erfüllen.«

Sich dann zu mir wendend, fragte er:

»Warum hast du in mein Schicksal eingegriffen?«

»Ich war Zeuge deines Todes«, antwortete ich, »ich habe dann den Schrecken deiner Henker und ihre eilige Flucht gesehen. Das hat mich erkennen lassen, daß du über den Menschen stehst und daß deine Hinrichtung ein Verbrechen war. Ich begehre die Ursache deines Martyriums und das Maß ihrer Ungerechtigkeit zu erfahren. Und wenn es dir gestattet ist, es mir zu sagen, bitte ich dich, mir zu offenbaren, welcher Art das Land ist, das du durchwandeltest, um in das Reich der Schatten zu gelangen. Das sind die Gründe, die mich dazu bestimmten, in dieser unheimlichen Nacht Gebrauch von der geheimnisvollen Wissenschaft zu machen, die ich mit dem Einsatz meiner Seele aus dem inhaltsschweren Buche der Propheten von Ninive gewonnen habe.

Der Inhalt dieses Buches ist bedeutungsvoller als der aller andern Bücher ... Habe ich dir mit dem, was ich tat, ein Unrecht zugefügt, so bitte ich dich, vergib es mir.«

»Ja«, sagte er, »das ist der Lauf der Dinge, soweit du ihn erkennen konntest. Der dir unbekannte Grund aber all dieser Ereignisse ist der: Das, was sich erfüllen soll, wird sich erfüllen. Auf der Tafel der Zeit war dies alles vorher bestimmt.

Nun aber will ich, soweit ich dies kann, dir die gewünschte Aufklärung geben. Ich will dir sagen, was ich über meinen irdischen Lebenslauf weiß. Über den Tod aber werde ich dir nichts sagen, denn es ist dem Menschen nicht erlaubt, einen Blick in das Jenseits zu tun, solange er im irdischen Leben weilt ... aber das Land, von dem du sprichst, ist kein Land des Schattens ...«

 

»Über den Anfang meines Lebens habe ich nie etwas Näheres erfahren. Ich bin immer mir selbst gleich geblieben. Aber ich lebe schon seit vielen Jahrhunderten, und wie im Traume habe ich die Dinge um mich sich wandeln sehen. Ich habe sehr wenig Notiz davon genommen, denn ich habe stets in der Welt der Gedanken gelebt und mich in den Geist vergangener Zeiten vertieft. Ich habe Länder bewohnt, die von der Weisheit der Alten erfüllt sind. Ich verstehe alle Sprachen, ich habe alle Bücher gelesen. Ich kenne die Geheimnisse aller Religionen. Aber unausgesetzt ist der Zweifel mein Begleiter gewesen, er hat mich niemals verlassen, und wie eine schwere Bürde hat er stets auf mir gelastet.

In der Einsamkeit und Stille, der ich mich ergab, habe ich tiefe Studien betrieben. Mit den Fakiren, die die am Ganges gelegenen Pagoden bewachen, habe ich die göttlichen Gesetze zu ergründen versucht. – In den ägyptischen Wüsten habe ich die geheimnisvollen Inschriften zu Füßen der Sphinx entziffert; in den Klöstern des Reiches der Mitte die Bücher der heiligen Moral erforscht – im Schatten der Moscheen mich über den Glauben des Propheten unterrichtet, und ich habe endlich in der Einsamkeit alter Abteien, in der die wie Schatten dahingleitenden Mönche sich an den Parabeln des gekreuzigten Nazareners begeistern, das Christentum kennengelernt. Ich habe so viel gedacht und studiert, daß mein Geist das durchschnittliche menschliche Wissen weit überragte. Mit Hilfe der Philosophen aller Zeiten habe ich eine vollkommene Kenntnis des menschlichen Herzens zu erlangen gewußt. Ich bin in die Geheimnisse der Rosenkreuzer eingeweiht und habe mir den Inhalt des einzigen Buches von Hermes Trismegistes zu eigen gemacht. Die Geheimnisse des Salomon sind mir kund, und ich verstehe mich auf die Wissenschaft der Sterne, dieser Lenker der irdischen Geschicke.

Da geschah es, daß in einer Nacht, als ich mich in der Wüste und zwar auf der Stelle befand, wo einst Babylon gestanden, mir plötzlich eine Offenbarung wurde. Ich glaubte genau zu erkennen, was die Ursache allen menschlichen Leides sei, und ebenso glaubte ich erforscht zu haben, was zu wissen dem Menschen not tue und welche Methode er anwenden müsse, um dies zu erfahren.

Ja, ich erkannte durch eine Offenbarung der ewigen Mächte, daß alles Elend des Lebens nur daraus entsteht, daß der Mensch seine Dauer nicht kennt. Ich erkannte gleichzeitig, welche Berechnungen aufzustellen seien, um zu ermöglichen, die Zahl der jedem Menschen beschiedenen Lebenstage auf das genaueste zu bestimmen.

Ich begann damit, das Ende meines eigenen Lebens zu berechnen. Alle Zeichen wiesen mit Bestimmtheit auf den heutigen Abend, sie kündeten ferner, daß ich gleich nach meinem Tode durch eine aus der Erde gezogene Wunderwurzel in das Leben zurückgerufen würde.

Nachdem ich indessen in den Besitz dieses Geheimnisses gelangt war, hielt ich es für meine Pflicht, alle Welt daran teilnehmen zu lassen. Ich verließ die Einsamkeit und die Gesellschaft der Toten. Ich hielt es für das richtigste, zuerst meinen Aufenthaltsort in irgendeiner isoliert liegenden Stadt zu nehmen, dort Jünger zu werben und diese dann in alle Welt hinauszuschicken, das Wort der Wahrheit zu verkünden. Nach langem Überlegen habe ich mich dann für die hinter jenen Hügeln liegende Stadt entschieden. Ich begab mich dahin und begann mein Werk. –

Ich redete in den Straßen, auf den Plätzen, in Schulen und Versammlungen, um für die neue Lehre zu werben, die ich den Menschen mitteilen wollte. Ich sprach von der Macht, zu der sie ihnen verhelfen würde. Ich schilderte die ungeheure Sicherheit im Studium und im Handeln, in Vergnügungen und allen Unternehmen, die aus einem solchen Wissen hervorgehen würde. Ich sprach von der wunderbaren und ruhigen Stimmung, die mit dieser Erkenntnis in die Seele der Menschen einziehen würde, da, welchem Glauben sie auch immer angehören möchten, sie dadurch Zeit finden würden, sich auf das unvermeidliche Ende vorzubereiten.

Da ich der Rede sehr mächtig bin und weiß, welche Töne man anzuschlagen hat, um überzeugend auf seine Zuhörer zu wirken, so gelang es mir auch sehr bald, das vollste Vertrauen für mich und meine Lehre zu erringen. Das erste, was man empfand, war eine ganz unbezwingliche Neugierde, und ich wurde von allen Seiten inständig gebeten, die notwendigen Berechnungen aufzustellen, um meine Anhänger der Unwissenheit zu entziehen, genau die Zahl der ihnen noch beschiedenen Lebenstage festzustellen und die Stunde und den Augenblick zu bestimmen, wo der, dessen Macht sich nicht bestechen läßt und vor dem es kein Entrinnen gibt, in ihr Geschick eingreifen würde. Sie baten mich in immer dringenderer Weise, und ich erfüllte ihren Wunsch. Ohne sich ferner Illusionen darüber machen zu können, wußte nun jeder, wann seine Todesstunde schlagen würde; das Merkwürdige aber war, daß diese Kenntnis sie alle in Verzweiflung stürzte. Sie zerschlugen ihre Brust, jammerten, verfluchten mich und klagten über das Unglück, nur noch eine so kurze Lebensfrist vor sich zu haben – wie lang diese auch immer sein mochte. Ihre Angst wuchs von Minute zu Minute, sie waren unglücklicher, als ich es beschreiben kann. Ich war sehr erstaunt darüber, dachte aber, daß es nur Manifestationen der menschlichen Schwäche seien, die vor unbekannten Dingen anfänglich zurückbebt, daß man aber in sehr kurzer Zeit Mut fassen und anders denken lernen würde.

Diejenigen, die noch keine Aufklärung von mir verlangt hatten, wichen mit Abscheu von mir zurück, um ihre Unwissenheit zu bewahren, während ihre übermächtige Neugierde sie dann doch bald genug zu mir zurückführte. Sie befragten mich mit fieberhafter Angst. Sobald ich aber ihren Wunsch erfüllt hatte, gerieten sie außer sich vor Angst und Zorn und beschworen die Rache aller bösen Geister der Erde, der Luft und des Wassers auf mein Haupt herab.

Weit davon entfernt, die ihnen verbleibenden Lebenstage weise auszunützen, dachten sie nur daran, sich durch Zerstreuungen aller Art zu betäuben und das errungene Wissen so schnell wie möglich zu vergessen. Die Gelehrten ließen ihre Arbeiten, die Kaufleute ihre Geschäfte ruhen, und um dem verzweiflungsvollen, angsterfüllten Zustande ein Ende zu machen, ergaben sich viele einem üppigen, ausschweifenden Leben oder dem Alkohol, während andere in dumpfe Verzweiflung verfielen. Unglück aber, Schmach, Schande und Schrecken beherrschten die Stadt.

Da rief man den Gerichtshof zusammen, und die ganze Bevölkerung erschien, um mich anzuklagen. Man schickte Soldaten aus, die mich in Ketten schlossen, um mich vor dieses Tribunal zu führen. Der älteste Richter, dessen großer weißer Bart über seine Brust wallte, redete mich folgendermaßen an: ›Höre mich, Mann, wir haben deine Lehre in ihrer Ursache und Wirkung geprüft; wir haben sie unparteilich geprüft und gefunden, daß sie verächtlich ist. Du nennst dich einen Wohltäter der Menschheit, während du in Wahrheit der Henker ihres Glückes bist. Du sagst, daß, wenn wir die Stunde wissen, in der der Tod seine furchtbare Hand nach uns ausstrecken wird, wir ihn mit Ruhe erwarten und uns weise darauf vorbereiten werden. Das ist falsch. Sieh doch nur selbst, was aus denen geworden ist, deren Neugierde du durch deine trügerischen Worte dazu gereizt hast, sich Gewißheit über die verhängnisvolle Stunde zu verschaffen. Sieh ihre Angst und Seelenqual und erkenne daran die Frucht deiner Enthüllungen. So aber wird es unfehlbar allen ergehen, die es wagen sollten, den Schleier der weise vor uns verhüllten Zukunft zu lüften. Aber wir wollen dem ein Ende machen. Wir wollen uns unsere heilsame Unwissenheit und die Sorglosigkeit des Gemütes bewahren. Wir sind nicht stark genug, die Gewißheit zu ertragen; wir klammern uns an die Hoffnung, wir verschließen die Augen und verstopfen die Ohren vor jedem, der das Gleichgewicht unserer Seele zu stören wagt. Es bleibt ja dennoch immer eine gewisse Unruhe in uns zurück, die keiner vollständig in sich zu töten vermag. Was sollte aus uns werden, wenn wir die Gesetze des Lebens kennten, jede uns verbleibende Stunde und Minute zählen und sie verfolgen könnten? Welche Qual, mit Bestimmtheit sagen zu können, heute bleiben mir noch so viele Tage – jetzt nur noch drei, morgen zwei Tage, dann noch einer, und dann wird es sein, und dann, dann, welches Schicksal wartet unser? ... Das erst ist das wahre große Geheimnis, von dem wir nichts wissen, trotz unserer verschiedenen Religionen, trotz unserer Priester. Das ist das einzige, was zu wissen für uns wichtig wäre, aber davon sagst du uns nichts. Du zerstörst nur unsere uns so nützliche Unwissenheit über die verhängnisvolle Stunde, um uns dafür mit Angst zu erfüllen ... Weshalb soll der Mensch alles wissen? Wir wollen keine Gewißheit, die uns unsere Hoffnungen raubt und unser Glück zerstört. Wir sind Körper, und diese Körper müssen ihre Seele töten, um in Ruhe und Frieden leben zu können.

Man darf die Zukunft nicht entschleiern wollen, die eine höhere Macht vor uns verhüllt hat. Wir sollen und wollen nur in der Gegenwart leben, und es ist weise, den Tod selbst dann noch zu verleugnen, wenn er schon seine schreckliche Hand auf uns gelegt hat.

Es ist töricht, den Grund aller Dinge erforschen zu wollen, und weise, in Frieden alle uns erreichbaren Freuden zu genießen. Die übersinnliche Wissenschaft ist die Mutter unbefriedigter Wünsche, schmerzlicher Betrachtungen, der Verachtung aller Freuden der Sinne, die für uns so wertvoll sind. Das Schicksal des Menschen ist ein sehr zweideutiges, und deshalb sind die Unwissenheit und die damit verbundene Gleichgültigkeit und Faulheit ihm unentbehrliche Gefährten. Wir wollen sie uns bewahren, du aber, der du sie uns rauben wolltest, du bist dem Tode verfallen. Du wirst sterben! Du wirst gehenkt werden! Versuche kein Wort der Entgegnung, denn unser Ohr ist verschlossen vor deiner Stimme, die gefährlicher ist als die der Sirenen, da sie die Macht besitzt, uns mit dieser gefährlichen Neugierde zu erfüllen. Morgen wirst du gehenkt werden. Du wirst als Betrüger und Gotteslästerer verurteilt, und alle Welt wird glauben, daß dir recht geschieht, und wird sich freuen, daß deine Vorhersagungen als Lug und Trug erkannt wurden ... Morgen wird deine Wissenschaft, deine Kraft und dein Leben zerstört sein, und das von Rechts wegen, denn das Glück des Menschen besteht nicht im Wissen.‹

Der Richter schwieg, und ich begriff, daß ich die Seele der Menschen doch nicht richtig erkannt hatte, und daß, wer Menschenkenntnis erringen will, sie nicht in Büchern suchen muß, sondern daß diese Wissenschaft nur im Verkehr mit den Menschen erworben werden kann.

So geschah es also, daß ich an dem heutigen Abend hierher geführt und unter den Verwünschungen des Volkes gehenkt wurde.« –

 

»Nun aber, lebe wohl, du weißt nun, was du zu wissen wünschtest. Der Mond steht hoch am Himmel. Dies ist die Stunde, in der ich dahin zurückkehren muß, woher ich gekommen bin. Mein Geheimnis geht mit mir, denn so steht es geschrieben auf der Tafel der Zeit ...«

Er glitt von dem Arme des Galgens herab und hing nun wieder an seinem Strick da.

Ich stieg von der Leiter herab und verließ das Tal mit dem Galgen und dem Gehenkten, die von dem gespensterhaft grünlichen Scheine des Mondes beleuchtet wurden.

Seit jener Zeit aber – die sehr, sehr weit zurückliegt – quält sich mein Geist eigensinnig mit der Lösung einer Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Wer war der Schlechtere, der Gehenkte, oder die, die ihn gerichtet hatten? –

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