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Die Cigarette und andre Geschichten

Jules Claretie: Die Cigarette und andre Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJules Claretie
titleDie Cigarette und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorP. Pfeffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid7a780576
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Ein mißglücktes Heiratsprojekt.

Gontran schüttelte den Kopf, hob die Arme auf, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte, zwar noch erschrocken, aber doch schon erleichtert, im Tone eines Menschen, der soeben einer großen Gefahr entronnen ist, zu uns:

Ich bin's. Sehen Sie mich nur gut an. Fast hätten Sie mich nicht wiedergesehen. Es fehlte wenig und ich wäre eingesperrt, hinter Schloß und Riegel, mit Beschlag belegt, beiseite geschafft ... mit einem Wort verheiratet! Ja, ja, dieses Unglück ist hart an mir vorübergegangen! Ich hielt mich schon für verloren ... Ich zittre noch, wenn ich daran denke! Nicht als ob meine Braut häßlich, dumm oder unangenehm gewesen wäre ... Nein, im Gegenteil! Sie war reizend, achtzehn Jahre alt, blond wie eine Aehre, hatte große, blaue Augen, die lustig glänzten und mit ihrem Blick einen nicht bloß ein ganz klein wenig, sondern sogar ungeheuer in Verwirrung setzten, obgleich man doch schon so manches in der Gesellschaft oder hinter den Coulissen durchgemacht hat!

Sie fragen mich, wie ich ihre Bekanntschaft gemacht habe? Das ist sehr einfach. Wie es so zugeht, wenn man ans Heiraten denkt. Mißgestimmt wachte ich eines Morgens mit einem Gefühl von Unbehaglichkeit im Magen auf, der Kopf war mir benommen und das Herz öde und leer. Dazu war das Wetter grau, kalt und trübe! Das Unbehagen, das ich des Morgens nur im allgemeinen empfunden hatte, wurde gegen Mittag unerträglich. Nichts zu thun, nichts zu lesen, nichts zu lieben. Halt, dachte ich da bei mir, du mußt heiraten! Wenn ich eine Familie gründete? Das würde mir zu thun geben! Ich werfe mich in mein Coupé, fahre zu meinem Notar, einem alten Freund meiner Eltern, und lege ihm meinen Fall vor. Er blättert in seinen Büchern und fragt mich, ob ich eine Frau mit blondem oder braunem Haar wünsche.

»Einer Blonden würde ich den Vorzug geben!«

»Warum?«

»Weil Toupinette braun war! Gesetz der Kontraste!«

Die Bemerkung schien ihm richtig. Er schlägt mir Fräulein Bertha Brivard vor.

»Ist sie hübsch?«

»Sehr hübsch!«

»Wem gleicht sie?«

»Niemand ... sich selbst!«

»Hören Sie, mein lieber Notar, besinnen Sie sich ernstlich; sollte es beim Ballett nicht irgend ein Gesicht geben, das an das ihrige erinnert? ... Von den Beinen will ich nicht sprechen, denn ich bin moralisch!«

»Beim Ballett! Welche Frage!«

»Geben Sie mir nur eine annähernde Antwort!«

Der Notar überlegt: »Beim Ballett? ... Beim Ballett! Ich finde keine! Doch, halt, da ist die kleine Angela beim Theater Bouffes!«

»Angela! Entzückend! Wie, Ihr junges Mädchen gleicht Angela? ... Ich heirate sie auf der Stelle! Wann stellen Sie mich vor?«

Ich erlasse Ihnen die einleitenden Umstände. Um einander vorgestellt zu werden, sollten wir uns im Hotel Continental auf einem Wohlthätigkeitsball treffen, der zu Gunsten solcher Ladenfräulein veranstaltet wurde, die sich zu Aquarellmalerinnen ausbilden wollen. Nach einer Quadrille, einem Walzer, einem klein wenig Courmachen würden wir hinreichend miteinander bekannt sein, um in offizielle Vorverhandlungen eintreten zu können. Das ist amerikanisches System: in Geschäften prompt. Aber da wird der Ball abbestellt. An seine Stelle tritt die Komische Oper. Zur feierlichen Vorstellung öffnet der Notar selbst mir die Thüre der Loge, ich begrüße den Vater, die Mutter, werfe einen Blick auf die Tochter! Oh, sie war anbetungswürdig! Ein Pastellbild, mit einer kleinen, schelmischen Nase, frischen Lippen, großen Augen und dicht neben den niedlichsten, rosigen Ohren Löckchen, die bei Licht goldig angehaucht zu sein schienen ... Sie war hübscher als Angela!

Nun, abgemacht! Wann ist die Hochzeit?

Die Hochzeit! Dieser krassen Wirklichkeit geht zunächst die ganze Poesie der Verlobung voraus. Mit Entzücken dachte ich an meine Verheiratung. Herr Brivard, ein sehr liebenswürdiger Mann, ohne andre Beschäftigung als die, seine Coupons abzuschneiden, lud mich gleich am ersten Tage ein. Noch sehe ich im Geiste dieses Familienbild vom Boulevard Malesherbes vor mir, in dem großen weiß und goldenen Salon, der mit dem ganzen banalen Luxus der neuesten Mode ausstaffiert war: die Beauvais-Möbel waren abscheulich überladen ... die Bronzesachen zu reich vergoldet, die Schirme zu grell, der Plüsch zu auffallend, die Gemälde zu neu ... kurz, ein Luxus, ganz neugebacken, ein Geschmack, den hohen Rechnungen entsprechend. Und – hinreißend, ich kann nicht anders sagen – schön zum Anbeißen, das blonde Köpfchen unter die Lampe gebeugt, saß Fräulein Bertha und schnitt mit einem japanischen Messer die neueste Nummer der Revue des Deux-Mondes auf: ein Greuze Greuze, ein berühmter französischer Maler, 1728-1805. Anm. d. Uebers., Feuillet lesend! Das Ganze sah zwar etwas gemacht, etwas erkünstelt aus, sollte wohl inniges Familienleben darstellen, aber es war allerliebst!

Allerliebst, um einen Heiligen um die ewige Seligkeit zu bringen. Und ich bin kein Heiliger. Auf meine Ehre, ich hätte Fräulein Bertha Brivard auf der Stelle geheiratet. Die Eltern hätten wahrscheinlich nicht gewollt; indessen hätten sie unrecht gehabt, da ihnen doch daran lag, ihre Tochter an den Mann zu bringen.

Die Zeit der Verlobung übrigens ist köstlich. Sie ist der Prolog, die Vorrede, die Einleitung, der Frühling der Ehe. Wie verführerisch, wie verheißungsvoll ist nicht die Vorrede! Liest man sie, so sagt man sich: »Ah, das hübsche Buch! Welch ein Roman! Welch ein Gedicht! Göttlich! ... Entzückend!« Unglücklicherweise aber blättert man weiter ... und dann ... doch, ich wiederhole Ihnen, mein sehnlichster Wunsch war es, weiterzublättern ... um so mehr als das junge Mädchen einem unbeschriebenen Blatte glich, während ich so viele solcher jungen Mädchen kennen gelernt habe, die wie jene Spiegel im Wirtshause waren, in die schon allerlei Leute ihre Namen und Bemerkungen flüchtig eingekritzelt haben.

Kann man sich etwas Schöneres vorstellen als ein junges Mädchen, das nichts ahnend, naiv, entzückend und rein wie frisch gefallener Schnee ist! Dieses Ideal hatte ich endlich gefunden. Wie glücklich würde ich in dem Gefühle sein, daß der Blick dieser klaren Augen, das Lächeln dieses Mundes, das leise Erbeben dieses weißen Körpers für mich allein sind ... Ich war entschlossen, Fräulein Brivard zu heiraten. Von diesem Augenblicke an ging ich jeden Abend in ihre Wohnung auf dem Boulevard Malesherbes, um ihr dort den Hof zu machen und bis nach dem Mittagessen zu bleiben. Regelmäßig fand ich mich in dem weiß und goldenen Salon ein ... mit denselben Bronzen, denselben Schirmen, demselben Beauvais-Lehnsessel ... Nur schnitt Fräulein Bertha nicht mehr die Revue des Deux-Mondes auf, sondern las kleinere, lustigere Zeitungen mit netten Bildern von allerliebsten, niedlichen Frauen, die ihr ähnlich sahen.

Jeden Tag brachte ich ihr einen Strauß weißer Rosen oder Flieder. Zur gleichen Stunde betrat ich täglich das gleiche Geschäft, und unwillkürlich streckte bei meinem Eintritt die gleiche Blumenverkäuferin ihre Hand nach der gleichen Stelle aus und reichte mir mit der gleichen Bewegung den gleichen Flieder und die gleichen Rosen ... Ich wurde ein ständiger Kunde. Im übrigen achtete ich auf niemand, da ich stets sehr eilig war. Und doch hätte es wohl der Mühe gelohnt, auf jene Blumengruppen, jene Mengen von Veilchen und ganz frischen Rosen einen Blick zu werfen ... Da waren ganze Sträucher, Orangenblüten, Kamelien, und andre Pflanzen mit Blättern so weich wie die Haut einer Frau, und mitten in diesem Grün junge, lächelnde Frauen, die selbst rosig wie lebende Blumen aussahen. – Lachen Sie nicht über mich. Ich werde idyllisch. Es ist eine Erinnerung, die in mir wach wird!

Mir Barbaren war nicht einmal die feine Anmut und das hübsche, aber traurige Gesicht der Blumenverkäuferin aufgefallen, die mich bediente. Meine Gedanken waren nur bei Bertha, ich sah nur sie und ihre Goldlöckchen, die mir vor den Augen tanzten. Entschieden würde sie viel hübscher als die kleine Angela sein, wenn sie, wie die Operettensängerin, die Tracht einer morlachischen Bäuerin anhätte.

Angela! Eines Abends durchblätterten wir in dem großen Salon gerade das Familienalbum ... Wer war da nicht alles darin! Soldaten, Kaufleute, Einjährig-Freiwillige, vergilbte Tanten, gelähmte Onkels, ein Artillerieoberst, ein Minister ... heute hat ja fast jeder einen Minister in seinem Album ... gerade so wie ehemals jeder das unvermeidliche Bildnis eines Großvaters mit der Bärenmütze der Nationalgarde darin hatte.

Bertha schloß das Album mit den Worten: »Ich habe noch ein lustigeres!« Und sie hüpft hinweg, um es zu holen. Ah, was für eine Figur! Als sie es bringt, finde ich nur Schauspielerinnen, Opernsängerinnen und Damen vom Ballett darin. Und da, zwischen Theo und Judic, schelmisch lächelnd, tief ausgeschnitten ... die kleine Angela vom Theater Bouffes. »Sehe ich ihr nicht ähnlich?« fragte mich lebhaft Fräulein Bertha, ihre Augen fest auf mich richtend, gerade ins Gesicht, nein, gerade ins Herz hinein; denn jener Blick, zum Teufel, war elektrisch, funkensprühend, vulkanisch! Mir wurde glühend heiß, als sie ihn auf mir ruhen ließ.

»Jedermann sagt mir, ich gleiche ihr.«

Plötzlich nimmt sie die gezierte Haltung der kleinen Angela an, blinzelt mit den Augen, beißt mit ihren spitzigen Zähnchen auf ihren kleinen Finger und fängt an, die Operettensängerin nachahmend, das Couplet vom Remontoir zu trällern:

» Une poupée,
Une poupée,
Une poupée à remontoir!
Messieurs, trouvez mon remontoir.
«

Weh mir Unglücklichem! Fräulein Brivard, die Tochter des Herrn Brivard, des angesehenen Kaufmanns und ehemaligen Präsidenten des Handelsgerichts, kannte das Repertoire des Theater Bouffes! ... Etwas benommen verließ ich an jenem Abend den weiß und goldenen Salon des Boulevard Malesherbes. Die Bilder der kleinen Angela und der kleinen Bertha verschwammen eigentümlich vor meinen Augen ineinander und tanzten niedlich wie zwei Puppen in dem gleichen Anzuge, und, meiner Treu, je weiter ich ging, desto weniger wußte ich, ob ich im Begriffe stehe, Fräulein Brivard in der Passage Choiseul auftreten zu sehen, oder die blonde, kleine Angela vom Theater Bouffes vor dem Standesbeamten mit dreifarbiger Schärpe zu heiraten!

Gerade in diesem Augenblicke kam ich an dem Blumenladen vorbei, in den ich regelmäßig jeden Abend eintrat. Er sollte eben geschlossen werden; aber zwischen den Gruppen von Azaleen, über die ungeheuren Sträuße im Schaufenster, die vergoldeten Blumenkörbe hinweg, unter den großen, grünen Blättern der Gummibäume, die so glänzten, als wären sie vom Regen lackiert, bemerkte ich die kleine Blumenverkäuferin, die mir seit vierzehn Tagen jedesmal das gleiche Bouquet mit dem gleichen Lächeln hinreichte, einem höflichen, sanften, aber traurigen Lächeln, auf das ich nie geachtet hatte; sie war dabei beschäftigt; einen Strauß fertig zu machen, und sah gar zu hübsch aus in ihrem einfachen, schwarzen Kleide mit dem glatten Kragen, der die Blässe ihres dunkeln Teints noch mehr hervortreten ließ ...

Sinnend blieb ich stehen. Meine Freundin, die Blumenverkäuferin, war anbetungswürdig. Ihr schwarzes Haar, das fest auf ihrer Stirn anlag, gab ihr bei ihrem geraden Profil das Aussehen einer Antike. In Arles gibt es solche Köpfe. Ich Thor! Auch in Paris gibt es deren, denn sie war eine Pariserin, fein, elegant, sanft, reizend, pikant ... Unter der Gasflamme, wo sie arbeitete, drehte sie einen Rosenstrauß hin und her, der unter ihren Fingern so leicht entstand, wie dem wahren Dichter die Verse aus der Feder fließen. Ich sah nur ihre weiße, hübsche und aristokratische Hand! Ich konnte den Blick von dieser Hand nicht lassen, ich, der ich auf dem Punkte stand, auf dem Boulevard Malesherbes, dort unten, in dem weiß und goldenen Salon um eine andre anzuhalten! ...

Am folgenden Tage (denn ich übergehe die Schilderung meiner Träume und meiner Schlaflosigkeit, in der ich Blumenverkäuferinnen mit jungfräulichen Mienen und junge Mädchen sah, die in morlachischem Kostüm nach der Melodie des Remontoir Ballett tanzten), am folgenden Tage sollten wir, Fräulein Bertha, ihre Eltern und ich, bei diesem verdammten Notar essen, der zu mir sagte: »Ei, Gontran, ei! Sie scheinen mir kühler zu werden!«

Ich hatte Fräulein Bertha versprochen, ihr ein Bouquet zu bringen. Sie wollte es an der Seite anstecken, worauf wir zusammen der Einladung der Frau Bergeot zum Essen folgen wollten.

Als ich zu meiner Blumenverkäuferin komme, streckt sich die nämliche Hand nach einem Fliederstrauß aus, der genau der gleiche ist wie alle früheren Sträuße, die ich dort gekauft hatte ...

»Nein, Fräulein, nein, heute brauche ich ein Bouquet zum Anstecken!«

»So!«

Lächelnd betrachtete sie mich mit ihren schönen, schwarzen, durchaus ehrbaren Augen, holte einen andern Strauß und sagte: »Hier mein Herr!«

»Wird der passen, Fräulein? Ist er nicht etwas zu groß? ... Bitte ... gefälligst ...«

Der Umfang des Straußes war mir gleichgültig, aber ich weiß nicht, was mich jetzt drängte, diesen großen Blumenladen nicht so schnell wie am Abend vorher zu verlassen. Ein Paradies, das in Grün, Weiß und Rosa schillerte! Und darin dieses hübsche, junge Mädchen, ganz in Schwarz, blaß, liebenswürdig, die, während sie sich den frischen Strauß von Theerosen vorn ansteckte, in ganz natürlichem Tone zu mir sagte: »Wie Sie sehen, mein Herr, paßt er sehr gut!«

So gut, jawohl, so gut, daß ich Lust hatte, ihr zu antworten: »Lassen Sie den Strauß nur, wo er steckt, und behalten Sie ihn für sich, Fräulein! Er ist wie für Sie gemacht! Ein ehrbarer Strauß für ein ehrbares Mädchen, das so hübsch und reizend ist und ein so trauriges, aber liebes Gesicht hat!«

Da sie indessen mein Glaubensbekenntnis wohl sonderbar gefunden haben würde, so nahm ich den Strauß doch lieber mit. Als ich zu Fräulein Bertha kam, sah ich, daß sie schon einen andern, und zwar einen ungeheuren, vorgesteckt hatte.

»Ach,« meinte sie, »ich rechnete nicht mehr auf den Ihrigen!« und ließ den, welchen ich gebracht, zu Hause. Um so besser. Ich nahm eine Rose daraus und wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Die Rose jedoch behielt ich und fühlte, wie sie mir während des ganzen Essens bei Freund Bergeot das Herz erwärmte, während Fräulein Bertha sich ausgelassen in Witzen erging, abgedroschene Anekdoten erzählte, alles Mögliche und Unmögliche bei den Haaren herbeizog und einem Herrn, der sich seit 1854 eifrig um eine Kandidatur an der Universität bemühte, nach der Etymologie des Wortes Pornograph fragte.

Ach, das Essen erschien mir so lang wie eine Operette, die nicht vorwärts kommt. Die Rolle, in der an jenem Abend die kleine Angela – vom Theater Bouffes – auftrat, zog entschieden nicht; sie paßte nicht für die einer Braut, und immer und immer wieder sah ich das sanfte Profil, das ernste Gesicht der hübschen Blumenverkäuferin im schwarzen Kleide. Sie war die Braut! ... Die Verlobte! Wenn die Worte Farben hätten, so würde dieses ganz weiß oder ganz rosa sein! ... Das junge Mädchen war die Braut! Warum hatten die Verfasser nicht ihr jene Rolle gegeben?

Die Verfasser! Ei! Dummkopf! Der alleinige Verfasser des ganzen Stückes warst ja du! ... Aber Sie sehen schon den Ausgang voraus ... Je öfter ich in den weiß und goldenen Salon zurückkehrte, desto mehr Furcht flößte mir die niedliche Bertha ein. Als Geliebte wäre sie wohl sehr hübsch! ... Ja, aber als Frau fürchterlich! Und je häufiger ich andrerseits zu meiner Blumenverkäuferin kam, desto mehr mußte ich mir sagen, daß sie eine wirkliche Lebensgefährtin, eine Genossin im Glück und Unglück, eine Freundin sein würde! ... Ach, ein entzückendes Mädchen! Wohl wiederholte ich mir, sie sei arm, eine Waise ohne Zweifel, die ganz allein lebt und dazu bestimmt ist, irgend einen Handlungsbeflissenen, einen Bahnbeamten zu heiraten oder auf Abwege zu geraten, wie bei dem Treiben in Paris die armen Geschöpfe, die keine Stütze haben, gar zu leicht vom rechten Wege abkommen. Wie gut und schön wäre es trotzdem, dieses Mädchen solchen Zufälligkeiten zu entreißen, es aus seiner Stellung zu nehmen ..., es ... es zu seiner Geliebten zu machen? »Pfui, Gontran, daran denkst du nicht!« Nein, wahrhaftig, daran dachte ich nicht! Also dann es zu seiner Frau zu machen? Ach, bei Gott, wenn man den Mut dazu hätte!

Wenngleich ich nun diesen Mut nicht besaß, so machte ich mich doch langsam, sachte, höflich von meiner kleinen Bertha Brivard – vom Theater Bouffes los. Ich überließ sie ihrem Vater, ihrem weiß und goldenen Salon und ihrem Remontoir, und suchte Ausflüchte, Verzögerungen, Vorwände ...

»Hören Sie,« sagte eines Abends Freund Bergeot zu mir, »wir können meinen Freund Brivard nicht länger mit leeren Versprechungen hinhalten!«

Was für Naturalisten doch die Notare sind!

»Sagen Sie ja oder nein?«

Entschieden rief ich jetzt aus: »Nun gut! Nein, nein! Ich passe nicht zum Ehemann!«

Von diesem Augenblick an betrat ich das Haus der Familie Brivard nicht mehr und eilte am folgenden Tage in meinen Blumenladen. Anstatt meiner dunkeln Blumenverkäuferin ... stand an demselben Platz eine rötliche, die sehr hübsch und sehr höflich war. Aber es war nicht die rechte. Man teilte mir mit, daß sie fort wäre; sie hätte ihre Eltern in Burgund, die sie nach Hause gerufen, um sie dort zu verheiraten. Ob mit irgend einer Tonne, einem Faß oder einem armseligen Winzer, weiß ich nicht, will auch nichts davon wissen, wie ich überhaupt über meine niedliche, dunkle Blumenverkäuferin nichts mehr erfahren habe, so daß ich weder ihren Namen, noch ihr Alter, noch ihr Leben kenne. Nur das weiß ich, daß sie entzückend hübsch war, ein ehrbares Gesicht und tiefe Augen hatte, und daß sie mir meine Bouquets aus Flieder und weißen Rosen mit einer feinen Hand reichte, um die ich sie sicher gebeten haben würde, und die mich auf alle Fälle davon abgehalten hat, eine andre zu nehmen – eine jener Hände, die bei aller scheinbaren Liebe einem sanft den Hals zuschnüren, während die Hand meiner Blumenverkäuferin so liebevoll wie die einer barmherzigen Schwester war!

Da haben Sie mein Abenteuer! Es ist zwar einfach, doch habe ich in meinem ganzen Leben kein angenehmeres gehabt. Mich deucht, ich hätte in unserm Treibhausleben eine Feldblume gepflückt, deren Wohlgeruch ich noch an den Fingern habe, deren zarter Duft mich noch umschwebt ... Ach, ich werde elegisch, wahrhaftig, aber gesegnet sei die niedliche unbekannte Blumenverkäuferin, wo immer sie auch sein mag! Neben meiner Koketten vom Boulevard Malesherbes war sie wie eine frische Blume, während jene einer künstlich auf Draht gezogenen glich ... O, wie schön und lustig ist es doch, nur beinahe verheiratet zu sein und das bindende Ja, das man thörichterweise schon aussprechen wollte, noch nicht ausgesprochen zu haben!

Wie Sie übrigens wissen werden, heiratet Fräulein Brivard morgen einen jungen, sehr geschickten Finanzmann, der es verstanden hat, sich in dem Krach, durch den andre ruiniert worden sind, ein Vermögen zu machen. Fräulein Bertha nennt das sicherlich, vom Tode andrer leben. Ohne Zweifel werden sie sehr glücklich sein. – Was mich anbetrifft, so reise ich heute abend nach Monaco ab! Meine niedliche Blumenverkäuferin mit dem glatten Kragen habe ich verloren, vielleicht gewinne ich daher einige Louisdor im Spiel. Unglück in der Liebe ... Auf alle Fälle bin ich in der Heiratslotterie glücklich gewesen, in der man, wie in allen andern Lotterieen, nur dann zu gewinnen sicher ist ..., wenn man kein Los nimmt!

 

Ende.

 

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