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Die Cigarette und andre Geschichten

Jules Claretie: Die Cigarette und andre Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJules Claretie
titleDie Cigarette und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorP. Pfeffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid7a780576
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Buddha.

Erstes Kapitel.

Auf dem Balkon des Klubs der Offiziere des Heeres und der Marine tranken sie ihren Kaffee und plauderten wieder nach einer Trennung von vielen, vielen Monaten, die ihnen Verbannung, Krankheit, Schlachten und Wunden eingebracht hatten.

Im traulichen Beisammensein bei der ersten Cigarre nach dem Kaffee, wo es sich so köstlich plaudert, riefen sich die beiden Kameraden lächelnd die entschwundenen Jahre, die Zeit der Militärschule mit ihren dienstlichen Ausflügen, den Tagen des Urlaubs, der Prüfungen oder der dummen Streiche in die Erinnerung zurück; sie sprachen von dem ersten Epaulett und der jüngsten Parade gestern auf dem Longchamps, bei der die Tonkinesen unter dem Beifallklatschen der Menge, dem Lächeln der Mütter, den Bravos der alten Soldaten, den Thränen der Frauen, an den Tribünen vorbeimarschiert waren.

Alle beide waren mit dem Kreuz der Ehrenlegion dekoriert, doch blickte der eine der zwei Freunde, dessen feine und schlanke Gestalt in bürgerlicher Kleidung war, mit Bewunderung auf die silberne Medaille, die an dem breiten, hellgrün und gelben Bande auf der hellblauen Turko-Uniform seines Freundes prangte und mit ihren fremd klingenden Namen zwei Jahre der Aufopferung und des Heldenmutes bedeutete: Son-Tay, Bac-Ninh, Fu-Tschu, Formosa, Tuyen-Quan, Peskadores. Wie viel Blut, sagte er sich, während er weiterrauchte, mußten nicht tapfere Soldaten aus Afrika, dem Elsaß, der Bretagne, aus Berry, von der Infanterie, den Marinesoldaten, den reitenden Jägern, vom Train und noch sonst viele, viele vergießen, um auf eine silberne Medaille die beiden Daten: 1883-1885 und die fünfundvierzig Buchstaben dieser sechs Siegesnamen schreiben zu können!

Der Turko-Offizier, der achtundzwanzig oder dreißig Jahre alt, blond, heiter, und leicht von der Meeresluft und den asiatischen Winden gebräunt war, stützte den Arm auf das Geländer des Balkons und blickte sinnend vor sich hin.

In froher Lebenslust atmete er nach einem heißen Tage die frischere Luft des Augustabends ein.

Das Rollen der Droschken und Omnibusse, ein undeutliches Stimmengewirr stiegen aus der Avenue de l'Opera wie das dumpfe Rauschen der Wogen zu ihm empor, und gerade vor ihm hob sich die weiße Masse der Oper, die feenhaft in elektrischem Lichte erstrahlte, wie eine Coulisse vom blauen Himmel ab. Schwarze Schatten huschten die Freitreppe hinauf und hinunter, und die beiden Gruppen davor traten deutlich in gelblichem Schimmer heraus, während der kolossale Apollo oben sich wie ein Riesenschatten verlor.

Für den Verbannten, der soeben aus Asien heimgekehrt war, war es ein feenhafter Zauber, wieder die Atmosphäre, die Luft, das Getümmel, den Staub von Paris einzuatmen; und als er sich nach der andern Seite wandte und seine Blicke die doppelte Reihe der Gaslaternen hinabschweifen ließ, da blieben sie auf einer andern leuchtenden Gruppe haften, die ihre Strahlen weithin warf: der Comédie Française. So war ganz Paris auf einen kleinen Raum zusammengedrängt! Dicht vor seinen Blicken zog sich der Boulevard entlang mit seinen Fußgängern und Wagen, deren Laternen wie Leuchtkäfer dahinschwirrten; Frauen in hellen Kleidern belebten ihn, und in den Zauber des Sommerabends und die einschmeichelnde Milde der entschwindenden Hitze klang das dumpfe, unbestimmte Summen der Menge hinein, das den leichten Plaudereien, dem Gelächter, den flüchtig verhallenden Worten seinen Ursprung verdankte ...

So blieb er einen Augenblick ganz versunken, den Kopf gegen die Lehne des geschnitzten Stuhles zurückgelegt, als wenn er sich in einem Schaukelstuhle befände; er lauschte weder auf das Stimmengewirr der Kameraden, das aus den offenen Fenstern des Kasinos an sein Ohr schlug, noch hörte er die Unterhaltungen seiner Nachbarn, die sich gleichfalls auf dem Balkon eingefunden hatten und dort ihr Gläschen Kümmel tranken.

»Also,« sagte plötzlich der junge Mann in Civil zu ihm, »dieses verteufelte Paris gefällt dir noch immer?«

»Ob es mir gefällt!«

Und der Turko erhob die Hand mit einer Art von leidenschaftlicher Hochachtung, einer Gebärde glühender Verehrung, als handelte es sich um eine Frau.

»Ich finde es köstlicher als je! Wie man fern von ihm leben kann, ist mir unverständlich, und ich begreife nicht, wie ich meine Feldzugsjahre habe durchmachen können, ohne vor Sehnsucht zu sterben. Und wenn ich bedenke, daß ich dieses Paris mit der Freude eines Schülers verlassen habe, der froh ist, der Anstalt zu entrinnen, um es mit Algier, mit Tonkin zu vertauschen! Ich bin Pariser durch und durch, und doch habe ich meine Knochen überall zu Markte getragen auf die Gefahr hin, sie eines Tages irgendwo zu verlieren! Aber auf meine Ehre, Paris geht über alles in der Welt! Keine Landschaft in Asien, keine Nacht in Algier kann sich mit diesem kleinen Stück hier vor uns vergleichen, nein, nicht einmal mit jenen Anschlagzetteln dort!«

Dabei zeigte er auf die gelben, blauen, lachsfarbenen oder rosaroten Zettel am Theaterbüreau, welche die Titel der Stücke für den Abend angaben, die kolorierten Plakate, die illustrierten Programme des Hippodrom oder Edentheaters.

»Jenes Stück des Bildes dort vor uns, mein lieber Roger, wiegt alle andern auf! ... Und die Theater! Wenn man wie ich auf dem Theater in Algier die Favorite oder die Mascotte von ehrwürdigen Personen hat spielen sehen, die ganz gut für die Rolle der Guanhumara G. ist in dem Drama ›Les Burgraves‹, 1843, von V. Hugo, eine hundert Jahre alte Dame, deren Geliebter vor siebzig Jahren von dem noch lebenden Urgroßvater, Burggrafen Job, getötet worden ist, und die diesen seither mit ihrer Rache verfolgt. Anm. d. Uebers. in den Burgraves gepaßt hätten; wenn man versucht hat, die chinesischen Dramen zu ertragen, die die Schauspieler von Hué ganze Tage lang wie eine endlose Rolle abwickeln, so sind die dreiaktigen Dramen des älteren Dumas im Vergleiche dazu die reinen levers de rideau; – wenn man die Pariser Schauspieler entbehrt hat, welche Verheißungen und Verlockungen jene Zettel dort dann enthalten! ...«

Der Offizier hielt inne und ließ seine Gedanken gleich dem Rauche seiner Cigarre dahingleiten; dann richtete er sich plötzlich auf seinem Stuhle auf. Das Getöse der Wagen und das dumpfe Geräusch, das die Menschenmassen verursachten, wurde von einer leichten, lebhaften Operettenmelodie übertönt, die in der Nachbarschaft auf dem Klavier gespielt wurde und durch ein offenes Fenster zu ihm herüberdrang.

»Horch,« sagte er, »das Lied Buddhas ...«

»Buddhas?«

»Nun, du weißt doch, aus der Operette › La petite Mousmée‹ im Nouveautés-Theater ...«

»Kenne ich nicht.«

»Das Lied, das Antonia Boulard sang.«

»Ah! Schon wieder die Antonia!«

»Stets,« sagte der Turko und versuchte dabei zu lächeln. »Obgleich ... wenn du wüßtest, mein Lieber!«

Wieder hielt er inne und lauschte auf die sprudelnde Melodie, die wie Champagnerschaum zu ihm emporperlte; dann schlugen unwillkürlich seine Finger den Takt dazu auf dem Marmortischchen, und er begann das lange nicht gehörte Liedchen der kleinen Musmeh aus Yokohama zu summen, die in Buddha verliebt ist:

»Ach! Buddha, Buddha,
Mein lieber Buddha,
Laß deinen Zorn vergehen!
Laß ab von deinem Grolle,
Grausamer Buddha!
Ach, Buddha, hör' mein Flehen!
Ach! Buddha,
Teurer Buddha,
Süßer Buddha ...«

Und während er diesen Vers der vergessenen Operette, die vor drei Wintern großen Erfolg in Paris gehabt hatte, in seinen blonden Schnurrbart summte, wurde der heitere junge Mensch ganz ernst; langsam legte sich eine Falte über seine Stirn, und ein Nebelschleier überzog seine blauen, offenen, gutherzigen Augen.

»Laß ab von deinem Grolle,
Grausamer Buddha ...«

»Wie seltsam,« sagte er, sich plötzlich unterbrechend, »diese Melodie berührt mich jetzt schmerzlich, und wie oft habe ich sie nicht in der Ferne immer wieder gesungen! ... Buddha! Habe ich dir die Geschichte vom Buddha der Antonia schon erzählt? ... Nein? ... Sie ist heiter und traurig zugleich, mein Lieber! ... Antonia! Wie hübsch und gut sie war! Ihre blendend weißen Zähne, ihre frischen Lippen, ihre dralle Figur waren zu verführerisch! Warum wir uns zuerst nicht leiden mochten, weiß ich nicht. Bei einem Nachtessen im Kasino nach der Jahresschlußvorstellung, bei der sie irgend eine Rolle gespielt hatte, – vielleicht die ›Neue Briefmarke‹ oder den ›Detektiv in der Klemme‹ – saß sie neben mir, und obgleich ich versuchte geistreich zu sein, so fand sie mich doch gar nicht so und sagte es mir ganz offen. Sechs Monate später beteten wir uns an, das heißt, wenn ich sage wir ... so meine ich, ich betete sie an. Das gute Wesen verabscheute mich indes wahrscheinlich auch nicht ... Du kennst sie ja übrigens.«

»Nur nach den Photographieen.«

»Das genügt. Als ich zum Kriegsministerium kommandiert war, hatte ich so viel Zeit für mich, daß ich › La petite Mousmée‹, die japanische Operette, an der der Geschäftsträger Japans, Yamato, mitgearbeitet hatte, achtzigmal hintereinander gehört habe. Antonia war in der Rolle der kleinen Musmeh sehr niedlich; ihr himmelblaues, mit Blumen durchwirktes Seidenkleid saß ihr wie angegossen und ließ ihre Formen wie unter jenen nassen Tüchern hervortreten, die die Bildhauer über ihre frischen Thongestalten werfen. Unter diesem weichen Atlas kam ihre gebieterische, lebensvolle Schönheit zu voller Geltung, und die Lorgnettenhändler sind dabei reichlich auf ihre Kosten gekommen. Und aus diesem blauen Kleide hoben sich ein weißer Nacken, ein eleganter freier Hals empor, da die Haare ganz aufgenommen und oben auf dem Kopfe von einer großen goldenen Nadel zusammengehalten wurden. Den hübschen Ohren, den Wangen mit den Grübchen, den Lippen, dem Lachen Antonias war der Erfolg der ›Petite Mousmée‹ fast allein schon zu verdanken. Lafertrille, der den Buddha gab, ist nie komischer in einer andern Rolle gewesen. Woran ist denn Lafertrille gestorben?«

»An der modernen Krankheit: der Rückenmarkschwindsucht! Zuviel kleine Musmehs! Als er starb, meinten die Zeitungen, dieser Verlust wäre nicht zu ersetzen! ... und wer spricht jetzt noch von Lafertrille, nachdem Galivet seine Rollen übernommen hat? Darin, daß dieser fett ist, Lafertrille dagegen mager war, besteht der einzige Unterschied, und daraus macht sich das Publikum nichts, dem ja überhaupt alles schnuppe ist.«

»Galivet kenne ich nicht, aber Lafertrille habe ich von der ersten bis zur letzten Vorstellung als Buddha gesehen, an achtzig Abenden hintereinander. Mit welcher Lust führte ich nach der Vorstellung meine Musmeh im dahinsausenden Wagen in ihr kleines Häuschen in der Avenue Kleber! Das Coupé fuhr über den fast leeren Konkordienplatz die Elysäischen Felder hinauf, an andern Coupés mit Pärchen darin in raschem Laufe vorbei, und doch schien mir die Zeit unendlich lang, obwohl dicht neben mir, den Kopf auf meine Schulter gelehnt, von meinem Arm unter ihrem Mantel umschlungen, die schöne Blondine saß, auf die noch soeben alle Gläser im Theater gerichtet waren, und die ganz leise für mich allein im schmeichelnden Flüsterton den immer wieder verlangten Vers summte:

›Mein lieber Buddha,
Laß deinen Zorn vergehen ...‹

So lang mir auch die Fahrt erschien, so sehnte ich mich bei unsrer Ankunft doch beinahe nach dem entzückenden Gefühl eines Tete-a-tete im Wagen mit einem Wesen zurück, das ganz Paris beneidete und das jemand in den vorüberfahrenden Coupés vielleicht erkennen konnte. Wie viel Eitelkeit birgt doch die Liebe! ... Und doch liebte ich Antonia wirklich.

»Sie war wie versessen auf japanische Sachen. Sie hatte sich so sehr in ihre Operette hineingelebt, daß sie nur Nippsachen und Seidenstickereien aus der Zeit Buddhas des Ersten um sich wollte. Ich durchstöberte die Läden sämtlicher Nippsachenhändler, um Antonias Etageren mit komischen Figuren zu füllen, und lebhaft erinnere ich mich ihrer kindlichen Freude, als ich eines Abends mit einem Dienstmanne zu ihr kam, der, auf seinen Armen, wie eine Amme ihren Säugling, einen großen vergoldeten Buddha trug, den ich bei einem Trödler der Rue des Martyrs entdeckt hatte. Dieser schöne Buddha war beinahe in natürlicher Größe, saß da mit untergeschlagenen Beinen und gefalteten Händen, und war über und über blutig rot vergoldet, so daß er in seiner eigentümlichen Färbung an Korduanleder und mezzo-arabische Fayencen erinnerte; sein Haupt war rosa, und aus seinen halbgeschlossenen Augen ging ein seliges, gutmütiges und müdes Lächeln über das väterliche, glänzende Antlitz, das mit einem Paar unglaublich langer Ohren geziert war! ...

»Als sie ihn in seinem rötlichen Glanze in den Händen des Dienstmannes bemerkte, als sie ihn unter der zurückgeschlagenen Portiere von chinesischer Seide sah, da begrüßte sie ihn mit einem fröhlichen Kinderschrei und brach dann in ein lautes Gelächter aus: ›Ah! Sieh da, Buddha! ... Es lebe Buddha!‹ Sie klatschte in die Hände und fiel mir um den Hals.

»›Mein lieber Edmund! Oh, wie liebenswürdig du bist ... Ein Buddha fehlte mir gerade! Dieser gleicht Lafertrille nicht im entferntesten! ... Er ist viel, viel schöner! ... Wo wollen wir ihn aufstellen? ... Ohne Frage dort auf dem Kamin ... ich werde einen Untersatz für ihn machen lassen ... Oh, wie schön ist dieser Buddha!‹

»Dann nahte sie mit ehrfurchtsvoller Miene Buddha, den wir auf den Tisch gestellt hatten, und nahm die Haltung der kleinen Musmeh an:

›Ach! Buddha,
Teurer Buddha,
Süßer Buddha!‹

»Sie sang diese Verse wie auf dem Theater, unterbrach sich aber plötzlich, als sie mich lachen sah, mit den Worten: ›Weißt du, Edmund, dieses ist vielleicht der wirkliche Gott!‹

»Nachdem sie dem Dienstmann ein überreiches Trinkgeld gegeben hatte, setzten wir uns an jenem Abend zu dreien zu Tisch mit jenem braven, vergoldeten Buddha auf der Tafel, der uns ernst mit seiner ruhigen Miene betrachtete. Zum Nachtisch wollte Antonia ihm Champagner zu trinken geben. Buddha indessen bewahrte seine Würde, und wir gingen, über unsern rotgoldenen Gast lachend, ins Nouveautés-Theater. Nie sang Antonia die Verse der kleinen Musmeh besser als an jenem Abend.«

*

Zweites Kapitel.

»Von jenem Augenblick an wurde mein Buddha aus der Rue des Martyrs der Gott des kleinen, reizenden Häuschens in der Avenue Kleber, das meine allerliebste Buddhistin von unten bis oben japanisch machen wollte. Im japanischen Vorzimmer standen zwei alte Affenpintscher aus Bronze beim Eingang, das Eßzimmer war mit japanischen Stoffen behängt, die von einem Tapezier des Mikado bemalt waren; das Schlafzimmer und ebenso das Badekabinett zeigten ganz japanische Ausstattung, kurz alles war im japanischen Stile! Und dieses köstliche japanische Paradies, dieses ganze, kleine Hotel, – das du ebensogut autel aussprechen könntest – durchduftete eine leibhaftige Göttin in Gestalt einer schönen und lebenslustigen Frau – während ein schweigsamer und gutmütiger Gott unserm Liebesgetändel seinen stummen Segen erteilte!

»So thronte der gute, der süße Buddha, wie ihn das Lied nannte, mitten im Salon auf dem Kamin, wie in einem Tempel. Auf seinem malerisch verhängten Sockel, vor dem eigens für ihn umrahmten Spiegel strahlte Buddha in seiner rötlichen Goldfarbe wie eine herbstliche Sonne. So befreundet waren wir miteinander geworden, daß ich ihn vollständig wie einen lieben Gast des Hauses, einen alten Verwandten betrachtete. Antonia pflegte ihm häufig schmeichelnd die kupferfarbenen Wangen zu klopfen, während er stets sein wachsames Auge in unerschütterlicher Würde über uns hielt. Eines Abends, ach! – auch die besten Frauen sind unberechenbar – fühlte sich Antonia nervös angegriffen ... sie hatte sich in der Probe mit Lafertrille gezankt, wie sie sagte. Er, ein Liebling der Frauen, aber oft recht unartig, hatte Antonia mit dem Namen des Vogels verglichen, der dem Ibykus so wenig Freude verursachte, worauf sie ihm erwidert hatte, daß in der Beziehung die große Stella wohl für zwei jener Vögel gelten könnte ... Darüber war diese große Stella selbst, die damals gerade mit Lafertrille kokettierte, hinzugekommen. Große Scene, Duett aus Madame Angot, der Regisseur aus dem Häuschen, Lafertrille in der Patsche, der Direktor empfindlich gereizt. Mit einem Wort, Antonia war in einer blutdürstigen Stimmung heimgekehrt.

»›Dieser einfältige Lafertrille! Diese intrigante Stella! Und der Esel von Regisseur!‹

»›Wahrlich ein schöner Buddha, jener Lafertrille, und wie erbärmlich er ihn spielt! Er ist ebensowenig ein Buddha als du!‹

»So sprach Antonia zu mir und zwar in Gegenwart des vergoldeten Buddha, ›der vielleicht der wirkliche Gott war!‹

»›Lafertrille ist auf jeden Fall weniger Buddha als dieser hier,‹ warf ich lächelnd ein.

»Dieser Lafertrille war mir unsympathisch, obgleich ich nicht sagen konnte, warum, und wenn Antonia auf die große Stella böse war, so mochte wohl Lafertrille, dieser Herzenbrecher, irgendwie dabei beteiligt sein. Ich habe nie etwas davon erfahren können, und das ist ja auch am Ende gleichgültig. Nur so viel steht fest, daß Antonia in eine förmliche Raserei geriet, als ich den armen, guten Buddha aus der Rue des Martyrs mit jenem Lafertrille verglich. Und als ob der Buddha aus dem Nouveautés-Theater, der Regisseur, die große Stella und die Kolleginnen zugegen gewesen wären, so trat sie vor meinen Buddha hin und hielt ihm die geballte Faust unter die Nase mit den Worten: ›Oh, wahrhaftig, du bist ebenso dumm wie der andre!‹

»Armer Buddha!

»Mein Gefühl sagte mir, diese Beleidigung sei ungerecht, unverdient, und halb im Scherz, halb im Ernst fing ich an für den wirklichen Buddha Partei zu ergreifen. ›Höre, Antonia, lag die Schuld etwa an diesem Buddha, wenn Lafertrille unverschämt und die große Stella ein solches Schandmaul war – trotzdem sie doch einen hübschen Mund hat? ... ‹

»›Einen hübschen Mund? Und wo hast du das gesehen? Einen Mund wie ein Scheunenthor hat sie! So groß, daß sie einen mit Haut und Haaren hineinschnappen könnte! Aber es wird ja immer schöner! Sogar du nimmst sie auch in Schutz?‹

»›Ich? ... Nicht im entferntesten!‹

»›Jawohl, du nimmst sie in Schutz! Einen hübschen Mund, ah! und auch vielleicht noch hübsche Haare? Vier hat sie, eines mehr als Cadet-Roussel, der Possenreißer, vier, die sie mit Henna färbt, und die übrigen holt sie bei Loisel. Stella soll einen hübschen Mund haben? Nun, ihr Männer seid alle einfältig und laßt euch von der ersten besten dummen Gans bethören, die euch in den Weg läuft ... und du bist ebenso dumm wie Lafertrille ... Stella einen hübschen Mund? Ein Scheunenthor, behaupte ich, ein Scheunenthor!‹

»›Beruhige dich, Antonia, meine liebe Antonia,‹ sagte ich lächelnd zu ihr, ›bei unserm Buddha beschwöre ich dich!‹

»›Buddha?‹

»Sie ging heftig mit gekreuzten Armen im Salon auf und ab, und während die Finger ihrer rechten Hand auf ihrem linken Ellbogen einen wütenden Marsch trommelten, warf sie von Zeit zu Zeit ihr schönes, volles Haar, das nicht fest genug aufgesteckt war, zurück, um die blonden Locken abzuschütteln, die ihr ins Gesicht fielen ... Ach! lieber Freund, wie schön sie war!

»Plötzlich stellte sie sich gerade vor den Kamin, betrachtete den unglücklichen Buddha, der unerschütterlich in seiner priesterlichen Stellung verharrte, und sagte in einem verächtlichen, aber doch so komischen Tone, daß ich dieses Mal in ein lautes Gelächter ausbrechen mußte: ›Ein Buddha? Dieser Dickbauch da? Er ist, wie du, ebenso dumm als Lafertrille!‹

»Ich lachte immer noch und wahrscheinlich etwas zu herzlich, so daß Antonia darüber wütend wurde. Sie war zwar ein gutmütiges Kind, aber geriet leicht beim geringsten Anlaß in heftige Aufregung. Sie begriff nicht, was ich zu lachen hätte, und behauptete, mein Buddha, dessen Erscheinen sie mit freudigem Jubel begrüßt hatte, als er in den Armen des auvergnatischen Dienstmannes ankam, wäre so scheußlich, daß man ihn nicht ansehen könnte, und so dumm wie ein Vieh.

»Immer noch lachend nahm ich den friedlichen, süßen Buddha in Schutz, doch mein Lachen erbitterte Antonia nur noch mehr. Plötzlich sprang sie wie ein Panther auf den Kamin los, hob die Hand, um – dieses Mal ernstlich in Wut – den guten Buddha zu ohrfeigen, und ... – Ach, armer Freund, wie ruhig sie nach einem einzigen Schlage wurde – und patsch, Buddha war beschimpft, geschlagen ... – ›Da, Buddha! da, da, da!‹ Buddha schwankte auf seinem malerisch verhängten Sockel, senkte das Haupt unter diesem Schimpf nach vorwärts und fiel mitten zwischen sie und mich zu Boden, in zwei Stücke zerbrechend; sein Haupt rollte auf den Teppich, der Unterkörper lag auf der marmornen Kamineinfassung ...

»Buddha zerbrochen! Buddha enthauptet!

»Der abgeschlagene Kopf rollte auf dem persischen Teppich vor die Füße Antonias und blickte immer noch auf das hübsche Mädchen aus seinen halb geschlossenen Augen zwischen seinen ungeheuren Ohren, von denen eins gespalten herabhing, während der Mund in seinem goldschimmernden Gesichte unverändert weit offen stand.

»›Armer Buddha!‹

»Antonias ganzer Zorn verrauchte bei dem kläglichen Anblick dieses geköpften Buddha.

»›Ach!‹ seufzte sie.

»Wenngleich sie nichts weiter als ›ach!‹ sagte, so lagen doch in diesem Ach Kummer, Erstaunen und Gewissensbisse zugleich. Mit gefalteten Händen blickte sie halb zur Erde geneigt auf Buddha ohne Kopf, auf den Kopf ohne Rumpf!

»›Ach!‹

»Ich lachte nicht mehr; dieser Buddha war mir, wie ich dir schon sagte, lieb wie ein Freund geworden; mir war's, als hätte ich soeben einen mir Nahestehenden verloren, als litte dieser Körper. Ich hob den Leichnam auf, von dem das Gold in Schuppen abfiel; auf der Stirn hatte er ein Loch, und die Nase war ihm zerbrochen. Bis zur Unkenntlichkeit war mein armer Buddha entstellt und zerschmettert, und jetzt war er noch häßlicher als Lafertrille.

»›Ach!‹ wiederholte Antonia fortwährend.

»Nach einem Augenblick murmelte sie leise und furchtsam: ›Vielleicht kann man ihn wieder zusammenleimen!‹

»Dann nahm sie mir reuevoll den Kopf Buddhas aus den Händen und setzte ihn mit solcher Vorsicht auf den Kamin, wie man sie stets nach geschehenem Unglück beobachtet.

»›Oh! Ich könnte Thränen darüber vergießen!‹

»Und bald weinte sie wirklich; zwei große Thränen schimmerten in ihren Augen. Während ich die Stücke Buddhas zusammensuchte, wollte ich sie trösten, aber ich brachte es nicht übers Herz; der Mord dieses Unschuldigen schnitt mir in die Seele, und vergebens suchte ich nach Scherzen, um darüber hinwegzukommen.

»›Beruhige dich, Antonia! Es gibt noch viele Buddhas in der Welt, und ich will einen andern für dich ausfindig machen!‹

»›Es wird aber nicht der da sein,‹ sagte sie.

»Noch nie hatte sie einen so richtigen Gedanken ausgesprochen; es kam zwar ein wenig spät, aber es war sehr wahr: ›Es wird nicht der da sein!‹

»Der da machte sich so gut auf dem Kamin. Sein rötliches Gold paßte vortrefflich zu der Seide der Kakemonos Gemälde zum Aufhängen. Anm. d. Uebers.; seine Figur stand im richtigen Verhältnis zu den japanischen Figürchen, die überall so drollige Grimassen auf den Etageren und Möbeln schnitten. Er war in der That der Mittelpunkt, der Präsident dieser Versammlung von Göttern und Halbgöttern des blauen Reiches. Antonia, die sich endlich beruhigt hatte, stand trostlos, stumm und starr vor ihrem Opfer, als wäre sie, wie die kleine Musmeh in der Operette, die Witwe dieses Buddha, den sie vernichtet hatte!

*

Drittes Kapitel.

»Ganze Tage, mein Lieber, brachten wir mit Versuchen zu, den zerbrochenen Buddha mit Wunderkitt und Patentleim zusammenzukleben. Aber alles war vergeblich. Uebrigens hätte auch Buddha mit seinem ihm übrig gebliebenen Ohr und der zerschmetterten Nase, mit seinem Gewande, von dem das Gold, wie einem Aussätzigen die kranke Haut, in Schuppen abfiel, nie wieder das Kamin des hübschen Mädchens schmücken können, so häßlich war er geworden. Den Gedanken, einen andern zu kaufen und dem Buddha aus der Rue des Martyrs einen Nachfolger zu geben, wies Antonia weit von sich; sie wollte dem treu bleiben, was sie liebte.

»›Treu?‹

»Mein Lächeln darüber versetzte sie wieder in Aufregung.

»›Jawohl, treu; so treu, daß, wenn du doch den Einfall haben solltest, mir einen neuen Buddha zu bringen, ich ihn zum Fenster hinauswerfen würde.‹

»Und als wollte sie mir einen Beweis für ihre Worte geben, so drückte sie ihre frischen Lippen auf die verstümmelte Nase des enthaupteten Buddha und küßte das Götzenbild leidenschaftlich. Vielleicht, mein lieber Freund, verehren die Frauen nur das, was sie zerbrochen haben.

»Doch waren ihre Reue und Verehrung nicht von langer Dauer. Allmählich bemerkte sie, daß der Kamin in ihrem japanischen Salon entschieden eines Schmuckes bedürfte, der gewissermaßen den Mittelpunkt bildete. Diesen Ausdruck hatte sie wahrscheinlich bei irgend einem Maler aufgefangen, dessen Modell sie gewesen sein mochte.

»Inzwischen hatte sich die Lage im äußersten Orient immer drohender gestaltet, ein Feldzug schien unvermeidlich. Da ich schon lange den Wunsch hegte, die Feder im Ministerium mit dem Säbel draußen im Dienste Frankreichs zu vertauschen, so überkam mich die unwiderstehliche Lust, nach Tonkin zu gehen und dort zur Abwechslung nach den Trillern Buddhas das Pfeifen der Kugeln zu hören. Als ich eines Abends zu Antonia kam, sagte ich lächelnd zu ihr, obgleich der Gedanke an eine Trennung von ihr mir schmerzlich war: ›Liebe Antonia, ich habe dir etwas mitzuteilen! Wenn du einen Buddha als Mittelpunkt für deinen Salon haben willst, so darfst du es nur sagen. Ich gehe in das Land, wo sie wild wachsen wie die Pilze.‹

»›Ich verstehe dich nicht.‹

»›Ich gehe nach Tonkin; die Einschiffung findet in Toulon statt. Wenn du Lust hast, das Mittelmeer zu sehen ... ‹

»Wenn das gute Kind für seinen Buddha, dem wie Johannes dem Täufer der Kopf abgeschlagen war, zwei große Thränen vergossen hatte, so vergoß sie deren sicherlich vier ebenso große für mich.

»›Edmund! Du gehst fort? Du willst mich verlassen? Liebst du mich denn nicht mehr?‹

»Der rührende Auftritt, dessen Schilderung ich dir erspare, schmeichelte meiner Eigenliebe so, daß ich meine ganze Sehnsucht nach einem thatenreicheren Leben, meine ganze Liebe zum Kriege und zu echten Buddhas zu Hilfe rufen mußte, um mich von dem Leben auf den Boulevards, dem Nouveautés-Theater, von Antonia und ihrem kleinen japanischen Zimmer in der Avenue Kleber losreißen zu können. Indessen war wunderbarerweise dieses große, hübsche Mädchen so durch und durch Kind, daß der Gedanke, ich würde ihr von dort einen ganz neuen Buddha mitbringen, sie mit unsrer Trennung ein wenig aussöhnte. Sie freute sich schon im voraus, mich ganz gebräunt und mit einem vergoldeten Buddha auf den Armen, wie der auvergnatische Dienstmann, zurückkommen zu sehen!

»Zuerst wollte sie mich durchaus bis Toulon begleiten. Der Anblick des Meeres, eine Fischsuppe in der Provence selbst, der Abschied in dem Boot oder auf der Schiffstreppe schienen ihr viel verlockender als ein Ausflug nach Bougival oder St. Cloud! Unglücklicherweise jedoch sollte am Tage meiner Abreise im Nouveautés-Theater la Pipe cassée gelesen werden und die Verteilung der Rollen stattfinden.

»›Leider mußt du ohne mich abreisen, lieber Edmund; denn wenn ich nicht da wäre, so würden die selbstsüchtigen Verfasser die Rolle des Vade der Stella geben, eine Hosenrolle, und ich habe noch nie eine gespielt! Du kannst dir denken, wie gern ich in ihr auftreten möchte!‹«

»›Wirklich?‹

»So reiste ich denn allein nach Toulon ab. Vor der Abfahrt tranken wir in dem kleinen Zimmer eines Restaurants dicht beim Bahnhofe zum letztenmal auf das Wohl des zukünftigen Tonkinesen, auf die Ankunft des neuen Buddha und auf die hundertste Vorstellung der Pipe cassée Nebenbei bemerkt schien es mir übrigens, als wenn Antonia unter Thränen oder Lachen viel mehr von ihrer Rolle als von dem chinesischen Kriege spräche. In dem Stück ärgerte sie die Rolle der Manon Giroux, die von der großen Stella gegeben werden sollte, weil gerade diese damit, daß sie dem Vade mit einem Apfel die Pfeife aus dem Munde schlug, den Glanzpunkt des Abends bildete.

»Als dann die Stunde der Abfahrt immer näher rückte, vergaß sie nach und nach Vade, Manon Giroux und die Rollenverteilung; die Erinnerung an unsre Ausflüge in den Wald von Viroflay, an die in den Gasthäusern von Barbizon verlebten Stunden, an unsre traulichen Rückfahrten aus dem Theater über die halbverlassenen Elysäischen Felder, an die heiteren Abendmahlzeiten im japanischen Eßzimmer der Avenue Kleber stieg immer mehr in ihr auf, so daß sie mir leise, leise ins Ohr flüsterte: ›Wenn du willst, so lasse ich die Pipe cassée, das Nouveautés-Theater, die Schauspieldichter, alles im Stich und gehe mit dir nach Toulon, nach Tonkin, wohin du willst ... ‹

»Und sicher wäre sie an jenem Abend mitgekommen, um mir jedenfalls am folgenden Tage den Vorwurf zu machen, ich hätte sie um die Rolle des Vade gebracht! Diese Lüge des hübschen Mädchens, die sie in jenem Augenblick für aufrichtige Wahrheit hielt, schmeichelte mir nicht wenig. Doch plötzlich belehrte mich ein Blick auf die Uhr, daß es Zeit zum Zuge sei. ›Kellner, meine Rechnung! Meinen Koffer, meine Bücher! Antonia, wir müssen aufbrechen.‹

»Auf dem Wege zum Bahnhof hing sie an meinem Arm; sie wollte noch in dem Wartesaal, in dem es sehr lebhaft zuging, mit mir zusammen sein.

»›Du hast noch fünf Minuten ... zwei ... eine Minute!‹ An der Thüre des offenen Wartesaales schon, auf dem Perron gab sie mir den letzten, langen, unvergeßlichen, thränenfeuchten Kuß. ›Schnell, Edmund, schnell, sonst findest du keinen Eckplatz mehr!‹

»Ganz leise und zärtlich erinnerte sie mich noch besonders an ihren Buddha und wollte singen:

›Ach! Buddha, Buddha,
Laß deinen Zorn vergehen ... ‹

als sie plötzlich innehielt, als wenn ihr die Worte im Halse stecken blieben, und ihr feuchtes Taschentuch an die Lippen führte, während ich zum Zuge eilte, der schon pfiff. Immer summte mir die liebe, so oft gehörte Melodie der Operette in den Ohren:

›Laß ab von deinem Grolle,
Ach Buddha, hör' mein Flehen!‹

»Die ganze Nacht sah ich im fieberhaften Schlummer die lieben, thränenfeuchten Augen Antonias, das gutmütige Lächeln des zerbrochenen Buddha und die rohen Aepfel der Manon Giroux; und trotz des Gerüttels des Zuges und des Schnaubens der Maschine summte mir neckisch und zärtlich die Melodie Buddhas in den Ohren, durchmischt von dem Zischen des Dampfes und der Kugeln, denen ich entgegenging ... Wie oft würde ich bis zu meiner Rückkehr wohl noch diese Melodie vor mich hinträllern!

»Am folgenden Tage ging ich vor der Einschiffung, einem unwillkürlichen Drange folgend, auf die Post, um nach postlagernden Telegrammen für mich zu fragen. Und in der That war ein um Mitternacht aufgegebenes für mich da, das Antonia aus dem Grand-Hotel abgeschickt hatte, als sie vom Nouveautés-Theater kam. So einfältig es war, mein Lieber, aber ich habe dieses blaue Papier mit den seltsamen Buchstaben, mit den verstümmelten Wörtern wohl hundertmal durchgelesen, wie ein Priester sein Brevier liest:

»›Edmund von Laurière

Toulon. Postlagernd.

»›Denk an Buddha, aber denk auch an dich. Sei tapfer, aber nicht unvorsichtig. Bei deiner Rückkehr wird man in der Avenue Kleber flaggen. Empfange die herzlichsten Liebesgrüße.

Antonia Vade.‹

»Vade! Sie hatte mit dem Namen ihrer neuen Rolle unterzeichnet! Vade aus der Pipe cassée! Bei dem Gruß an den Freund von gestern dachte sie an den Haupteffekt von morgen! Arme Kleine! Doch sah ich nur eines dabei: sie dachte an mich; – und als Toulon in der Ferne entschwand am Rande des blauen Meeres, da las ich das Telegramm wieder, Buchstabe für Buchstabe, und während bretagnische Leute auf dem Verdeck irgend ein religiöses Trauerlied vom Kap Finistère oder Morbihan sangen, drückte ich das teure Papier an meine Lippen und summte das Lied vom Buddha – und dachte an die, die schon nicht mehr an Buddha dachte, sondern sich mit Vade beschäftigte, eine Männerrolle in Grévinschem Kostüm!

*

Viertes Kapitel.

»Meine Eindrücke in Tonkin will ich dir nicht schildern. Es wurden dort, lieber Freund, jeden Tag Helden- und Waffenthaten vollbracht, die einem das Herz mit Hoffnung erfüllten. Und alles das in so weiter Ferne, ohne Nachrichten von der Heimat, bei strömenden Regengüssen, im Schlamm, trotz Fieber, Cholera, Rheumatismus und der heillosen Hospitalwirtschaft! Eine Schlacht ist nichts dagegen; man lebt dabei ordentlich auf, trotzdem der Tod in jedem Augenblick nahe ist. Aber die verwünschte Krankheit, die Ruhr, die einem die Eingeweide durchwühlt, die Blutleere, die man fühlt, das faule Wasser, das mörderischer als die Kanonen ist ... und der Schlamm, mein Lieber, der Marsch durch die Reisfelder, der drückende, graue Himmel, der Boden, in dem man wie in Butter einsinkt und der einen wie Triebsand festhält ... Und dabei Märsche und Gegenmärsche, Geschütze, die eingesunken sind und von den Leuten auf den schmalen, sich schlängelnden Wegen getragen werden müssen ... Dann wieder bisweilen Wälder, die ohne Kundschafter und Karten zu durchschreiten sind, Fußpfade, die mitten durch das Dickicht mit der Axt gehauen werden müssen ... alles das übergehe ich; so mühsam es auch ist, Tage und Nächte in äußerster Wachsamkeit und unter Strapazen zuzubringen, so ist es doch ganz schön, sich die Erinnerung daran wachzurufen ... Wie oft habe ich mich bei der Cigarre nach jener bösen Zeit zurückgesehnt! Wenn der Krieg auch schrecklich ist, so ist er doch eine heilsame Uebung für die Seele! Alle Fähigkeiten des Menschen, und zwar die besten werden in Anspruch genommen: der Mut, die Hingebung, die Entschlossenheit, die Liebe zum Mitmenschen und zur Fahne!

»Um wieder auf Buddha zurückzukommen, so hatte ich ihn und Antonia Boulard ganz vergessen und mir vorgenommen, bei meiner Rückkehr bei irgend einem Händler in Hanoi einen zu erstehen ... Ich hatte so viele meiner Kameraden, die bald nachher fielen, unterwegs Kleinigkeiten mitnehmen sehen ... In Kisten wurden dann ihre roten Hosen, ihre Brieftasche und die hier und dort gekauften Rollen chinesischen Papiers an ihre Familien nach Frankreich gesandt. Daher lächelte mir der Gedanke wenig, mir im voraus einen Buddha zu verschaffen, den ich vielleicht zusammen mit meinen Gebeinen auf dem Wege hätte zurücklassen müssen ... Nein, nein, bei meiner Rückkehr!

»Inzwischen rückten wir jeden Tag der chinesischen Grenze näher, gegen Lang-Son zu, das wir nehmen mußten, und in dessen Besitz wir ohne den bekannten Hinterhalt schon seit Monaten hätten sein sollen. Nach der Einnahme von Lang-Son glaubten wir dort länger liegen bleiben zu können, als der General mitten im Monat Februar ernste Nachrichten von Tuyen-Quan erhielt ... Die Chinesen bedrängten dort aufs ernstlichste die kleine Garnison des Majors Dominé und näherten sich schrittweise der Citadelle ... Die ganze Armee des Jun-Nam belagerte dort eine handvoll Menschen! Es war unmöglich, die Garnison, die sich dort seit Dezember verteidigte, dem Untergange preiszugeben! Zähle, mein Lieber, bitte, die Tage des Heldenmuts vom Dezember bis März!

»Brière de l'Isle läßt also Négrier in Lang-Son, und am 15. Februar setzt sich die ganze Brigade Giovaninelli nach Tuyen-Quan in Marsch, ohne die wohlverdiente Ruhe genießen zu können! Marineinfanterie, Artillerie, tonkinesische Tirailleure und zwei Bataillone unsrer guten Turkos. Wir waren total erschöpft! Aber tags zuvor hatte man den Soldaten gesagt: ›Ihr müßt euch zusammennehmen und Lang-Son erstürmen.‹ Und sie hatten sich zusammengenommen. Und als man ihnen tags darauf sagte: ›Ihr müßt euch zusammennehmen und Tuyen-Quan entsetzen,‹ da thaten sie es wieder, und zwar heiteren Mutes.

»Arme Kinder, diese Herde von heldenmütigen Hammeln, die zur Schlachtbank gingen, als handelte es sich um einen Spaziergang! Und was für ein Gang! Auf der Mandarinenstraße bei einem Nebel, den man hätte durchschneiden können; bei Glatteis und überall Arroyos ... Im Verlauf von vier Stunden überschreitet man siebenmal das Wasser ... die Nacht bricht herein ... es regnet ... man erwartet frierend den Tag ... bei dessen Anbruch – brr! – › Bono‹, sagen die Turkos, und vorwärts geht's wieder!

»Vorwärts, die Infanterie haut uns Stufen in die steilen Abhänge ... man erzählt uns, es gebe hie und da in den Marmorbergen Tiger, deren Anblick uns auf andre Gedanken bringen würde! ... So geht es immer vorwärts, vorwärts ... in der Ferne glauben wir die Hilferufe der kleinen Garnison zu hören, die sich bei offener Bresche verteidigt, und die man hinschlachtet. Und wenn unsre Leute müde werden, so belebt sie ein Wort wie ein Sporenstoß aufs neue: ›Ihr wißt, die Kameraden warten auf uns!‹

»Und diese armen Teufel von Turkos, die ihre Haut für die Franzosen zu Markte tragen, gegen die ihre Väter gekämpft haben, rufen alsdann mit rührender Begeisterung und lachend ihre weißen Zähne fletschend: ›Ja, ja, Kameraden! Dort unten! Vorwärts!‹ Und der Marsch geht weiter.

»Wie sonderbar ist doch die menschliche Natur! Eine Nacht konnten diese Unglücklichen vor Erschöpfung nicht mehr und schleppten sich nur noch so hin; der Biwakplatz war noch weit ... Kein Wort wurde laut ... Die durchweichten Röcke der Soldaten, die wie Lasttiere beschwert waren ... man hört nur das eintönige Anschlagen der Säbel ... Da plötzlich geht der Mond auf, sein tröstlicher Schimmer bricht durch die Wolken, und sogleich ertönt aus dieser langen Marschkolonne eine wohlklingende Stimme, die mir noch in den Ohren tönt, die diesen Mondaufgang mit einem alten Lied aus der Heimat begrüßt:

›Im hellen Mondenscheine,
Mein lieber Freund Pierre! ...‹

»Und wie mit einem Schlage, mein Lieber, gehen bei diesem alten Wiegenliede, diesem Ammenverschen, die Köpfe in die Höhe, strecken sich die Beine vorwärts! Im hellen Mondenscheine, mein lieber Freund Pierre – kurz in jener Nacht hätte man bei dem Gesang den Marsch verdoppeln können, falls man es gewollt!

»Auch ich hatte mein Lied, meinen Spornstoß! Ich verlangte zwar vom Freund Pierre keine Feder, um ein Wort zu schreiben, aber ich rief mir den lieben Buddha in die Erinnerung, den Buddha, welcher der kleinen Musmeh grollte, und ich summte den Schlußvers Antonias, der auf mich den Eindruck einer unsichtbaren Trompete machte. Nicht einen Augenblick empfand ich Müdigkeit bei der Reveille und den Marschliedern, die nach dieser Boulevardmelodie ertönten! Was ist Heldenmut, Roger! Wenn ich in diesem Feldzuge einen heldenmütigen Tod gefunden hätte, so wie Plutarch ihn schildert, so hätte die Geschichte doch nie gewußt, daß ich jenen Heldenmut aus dem kleinen Schlußvers einer Operette schöpfte!

»War es bei Mondenschein oder sonstwie, die Kolonne drang immer vorwärts. Ende Februar waren wir nur noch acht Kilometer von Tuyen-Quan entfernt. Elende Gegend: die Flottille, die uns auf dem Flusse Claire begleitete, mußte wegen des vielen Auffahrens ihre Kanonenboote bisweilen mit den Händen ziehen. Wir schnitten uns in dem hohen Grase die Waden an den aufgeschlitzten Bambusstäben durch, die die Chinesen dort klugerweise versteckt hatten. Und dabei war kein Feind sichtbar. Man fühlte, ahnte ihn überall, in den ausgehöhlten Gräben, der aufgewühlten Erde, jenen spitzigen Bambusstäben, die so scharf wie Rasiermesser waren; aber man sah ihn nirgends. Plötzlich am 2. März werden tonkinesische Hilfstruppen, die bis an den Leib in das hohe Gras eingedrungen waren, von einem Hagel von Kugeln überschüttet und sehen die Schwarzflaggen wie Tigerkatzen auf die Verwundeten stürzen, um ihnen die Köpfe abzuschneiden ...

»Wir sind in Yuoc, der wirklich furchtbaren Stellung gegenüber, die der alte Liuh-Vinh-Phuoc eingenommen hatte. Zwischen uns und Tuyen-Quan, zwischen unsern Leuten und den ›Kameraden‹ befand sich die Armee Yun-Nams, tüchtige Soldaten, von denen einige geschworen hatten, eher zu sterben als zurückzuweichen, und sich auf die Stirn ein rotes Kreuz hatten eintättowieren lassen. Jene Fanatiker, jene Abenteurer müssen wir über den Haufen werfen, sprengen und vernichten, ehe wir zu der Garnison kommen, die unter dem Befehl Dominés steht.

»›Vorwärts! Kinder, noch eine letzte Anstrengung!‹

»Eine Anstrengung! Immer eine Anstrengung! Taran! taran! Tarataratata, tarataratata! Man bläst zum Angriff. Ran, ran, ran, ran! Ich summe Buddha!

›Ach! Buddha! Buddha!‹

»Vorwärts! Vorwärts! Zweimal greift das Marinebataillon Mahias die Chinesen an, zweimal schlagen es die Chinesen zurück. Als wir nur noch zweihundert Meter vom Feinde weg sind, bricht die Nacht herein. Nur zweihundert Meter! Der Regen stürzt herunter und die Leute röcheln im Grase. Um die Verwundeten zu sammeln, steckt man feuchte Zündhölzer an ... Eine entsetzliche Nacht, mein alter Freund! Feuchter Nebel, eisiger Regen, der das vergossene Blut mit dem durchwühlten Schlamm vermischt, überall Feinde, die feuern; das Pfeifen der Kugeln und das Tropfen des Wassers – das sind Eindrücke, die man nie vergißt.

»Ich war den chinesischen Linien so nahe gekommen, daß ich die Kehllaute der Schwarzflaggen hören konnte. Plötzlich fällt mir inmitten einer Salve etwas auf die Füße; ich bücke mich, da ich es für ein Geschoß hielt ... ein Kopf war es, der Kopf eines kleinen französischen Bauern, den die Chinesen uns durch das Gras wie eine Drohung, eine Herausforderung zuschickten.

»Ach, jetzt sang ich nicht mehr den Schlußvers Antonias! In dumpfer Wut, mit einem wilden Durst nach Rache und Tod erwartete ich das Morgengrauen. Und als der graue Märztag endlich über alle diese Leichen anbrach, da nahmen wir, bei Gott! unsre Turkos zusammen!

»›Vorwärts, ihr Männer von Algerien! Vorwärts! Die Freunde erwarten uns.‹

»Zum Sturm ging's auf die chinesischen Verschanzungen! Zum Sturm! Es handelte sich jetzt darum, die Belagerten, die unsre Soldaten wie den Messias erwarteten, aus den Klauen dieser gelben Menschen zu befreien. Meine Blauröcke aus Afrika gingen rasch ans Werk; weder die Schanzen, noch die Bambusstäbe, noch Kreuzfeuer, noch die Haubitzen hielten sie auf; sie warfen sich ins Feuer, stürzten in die Hölle. Eine Mine springt, die Erde erzittert, und uns sind die Haare versengt und die Kleider angebrannt. Vierzig Turkos meiner Compagnie allein verschwinden wie in dem Krater eines Vulkans. Vorwärts, vorwärts! Man hört keine Todesrufe mehr, so brüllen unsre Schakale vor Wut. Die Kugeln pfeifen, die Granaten schwirren durch die Luft, die Flatterminen springen!

»Vorwärts!« Schon sind die Turkos in den Verschanzungen, sie nageln die Freiwilligen mit dem roten Kreuz auf der Stirn an die Faschinen aus Bambusrohr, erwürgen die Chinesen, beißen die Schwarzflaggen, die sich wie Löwen verteidigen, blutig gleich Wölfen ... Niemals sah ich einen Streifen Erde mit so viel Blut getränkt!

»Nach Einnahme der Verschanzungen springen meine Tirailleure über die Trancheen, verfolgen die Himmlischen und entreißen ihnen ihre Flaggen mit den Totenköpfen. Auch mich hatte, wie sie, das Fieber, die rasende Lust nach dieser Menschenjagd ergriffen; den Revolver in der Hand, trieb ich, meinen Leuten voran, die Masse der fliehenden Truppe vor mir her; viele kehrten sich um, um zu feuern, und warfen dann ihre Gewehre fort. In der Ferne sah man Tuyen-Quan noch stehen, aber schon sehr mitgenommen ... Da machte auf halbem Wege eine Handvoll Schwarzflaggen in einer Art von Pagode Halt und eröffnete auf mich und die wenigen Leute, die mir gefolgt waren, ein lebhaftes Feuer, um uns den Weg zu verlegen. Meine Turkos geraten in Wut; wir stürzen uns in den Grashof, wie vor jeder Pagode einer angelegt ist, und in drei Sätzen in die Pagode selbst, aus der die Kugeln kamen, um jene Besiegten daraus zu vertreiben, die nicht fliehen wollen.

»Die Pagode hat keine Thür; von der Schwelle aus sehen wir nur ein schwarzes Loch, das von Schüssen durchzuckt wird. Bei unserm Eintritt tötet eine Salve drei meiner Leute neben mir, und fast allein dringe ich in diesen lackierten und vergoldeten Schlupfwinkel ein, in dessen Hintergrunde die Schwarzflaggen uns wie gestellte Eber erwarten.

»Nie werde ich den Anblick vergessen, lieber Freund: Leichen auf den Steinplatten; die Säulen mit ihren goldenen Inschriften in Pulverdampf gehüllt; seltsame Schattenbilder von Göttern und lebenden Wesen, alle mit verzerrten Gesichtern, von jenem grasgrünen Götzen an, den unsre Leute Teufel nannten, bis zu den bewaffneten und feuernden chinesischen Liniensoldaten; – und im Hintergrund, inmitten der bemalten und lackierten Götzenbilder und jener Schwarzflaggen, die sich an die roten Wände der Pagode lehnten, eine Statue Buddhas, ein Buddha so groß wie ein Kind von zehn Jahren etwa, ganz von rotem Gold, der hell unter einem Lichtstrahl funkelte, der durch das zerschossene Dach eindrang.

»Von dem Knäuel der Chinesen, die aus nächster Nähe auf uns feuerten, sah ich nichts; wie im Traum befangen sah ich nur jenen Buddha, der mir wie in einem Glorienschein erschien. Und – so wie man sagt, daß diejenigen, welche dem Ertrinken nahe sind, im letzten Augenblick ihr ganzes Leben in wenigen Sekunden an sich vorüberziehen sehen, so schoß mir das Bild des kleinen Hauses in der Avenue Kleber wie ein Blitz durch den Kopf, und das rote Gold Buddhas erinnerte mich plötzlich an die mit Henna gefärbten Zöpfe Antonias. Doch dauerte diese Vision nicht lange! Eine Kugel riß mir den weißen Tropenhelm ab, und wir fünf, die wir in die Pagode eingedrungen waren, wurden von den Chinesen, die überall hinter den goldenen Götzenbildern hervorkamen, so hart bedrängt, daß wir zurückweichen mußten, wobei noch einem meiner Turkos der Kopf zerschmettert wurde ...

»Zurückgeworfen, mein Lieber! ... Da diese verdammte Pagode buchstäblich Chinesen ausspie, die auf uns feuerten, so warfen wir vier uns hinter einen verlassenen Erdaufwurf und hielten uns von dort mit unserm Feuer einen Augenblick jene Kerle vom Leibe. Uebrigens benützten sie jetzt ganz einfach die Gelegenheit zu fliehen, nachdem sie in der Pagode gestellt gewesen waren. Sie hatten uns zuerst für zahlreicher gehalten und wollten, in die Enge getrieben, noch selbst töten, ehe sie starben; da sie uns nun aber zurückgeworfen hatten, so setzten sie ihre Flucht gegen die Stromschnellen des Roten Flusses fort.

»Trotzdem ich sie fliehen sah, so durfte man bei jenen Spitzbuben doch auf irgend eine Finte gefaßt sein, und ich sagte mir, es werden wohl noch einige in der Pagode sein, die auf uns lauern.

»›Bleibt noch einen Augenblick!‹ sagte ich zu meinen Turkos, die schon hinter dem Aufwurf hervorbrechen wollten.

»Jetzt kam mir der Gedanke an Buddha wieder, der friedlich der eben überstandenen Metzelei beigewohnt hatte: ›Hoffentlich haben sie den Buddha nicht mitgenommen!‹

»Kaum hatte ich unbewußt diese Worte ganz laut ausgesprochen, als plötzlich ein helles, kindliches Lachen neben mir ertönte und einer meiner Algerier, – ein Bursche von fünfundzwanzig Jahren und schön gewachsen wie eine antike Statue – auf die Brustwehr sprang und ausrief: ›Du willst den Buddha, Hauptmann? ... Du sollst ihn haben!‹

»Obgleich ich ihm wiederholt sagte: ›Mohammed, Mohammed! Ich verbiete es dir ... ‹ so lief er doch weg, sprang wie eine Katze auf die Pagode zu und verschwand in dem schwarzen Loch. Ich lief ihm nach und rief ihn fortwährend zurück, während die beiden andern Afrikaner im Laufschritt herankamen ...

»Armer, thörichter Mohammed-Ben-Saïda! Eine alte Frau, ein Großvater und seine jüngeren Brüder, die ihn, als er sich in Algier einschiffte, begleiteten, erwarten ihn! Doch werden sie ihn vergebens erwarten!

»Ich hatte recht gehabt, die Pagode war nicht leer. Um den vergoldeten Buddha herum hatten sich vier oder fünf dieser teuflischen Freiwilligen Yun-Nams mit dem roten Kreuze, die geschworen hatten zu sterben, wie Doggen aufgestellt, denen man ihre Beute entreißen will. Sie bildeten gewissermaßen ein Fußgestell aus Menschenleibern, stachelig und wild, auf dem Buddha zusammengekauert und teilnahmlos thronte. Mohammed war ihnen entgegengestürzt, hatte sein Gewehr abgefeuert, es dann über seinem kahl geschorenen Haupte geschwungen und mit dem Kolben einen wuchtigen Schlag auf ihre Schädel geführt. – Da, während ein zu Boden geschmetterter Chinese ihn ins Bein biß, führte plötzlich ein andrer einen Seitenstoß nach seinem Halse, und ich sah, wie der Afrikaner wankte.

»Ich kam gerade hinzu, als Mohammed fiel, und ich höre noch das Blut aus seiner durchstoßenen Kehle gurgelnd wie aus einem Rohre laufen ... Dann sah ich nichts mehr ... ich feuerte meinen Revolver blindlings vor mich hin ab ... Meine Turkos begruben ihre Bajonette in den gelben Leibern ... Ich war rasend vor Wut und hatte das Gefühl, als wenn ich Mohammed-Ben-Saïda soeben getötet hätte.

»Doch dauerte dieser letzte Kampf nicht lange. Die Chinesen waren zu Boden geschlagen oder mit dem Bajonett durchbohrt und lagen röchelnd auf den Steinfliesen der Pagode. Die Turkos wischten ihre rauchenden Bajonette an den Kleidern der Chinesen ab. Und der große vergoldete Buddha lächelte zu diesen Blutlachen und betrachtete die Toten mit seinem geheimnisvollen Lächeln, das für immer auf seinen Lippen erstarrt ist.

»Zwei Schritt davon lag mit durchschnittenem Halse Mohammed, den Kopf hintenübergebogen, in einer fast komisch traurigen Stellung: seine Augen waren weit geöffnet, der Mund krampfhaft verzogen, seine armen Hände noch nach jenem Buddha hin ausgestreckt, den er für mich hatte holen wollen, als das Messer des Chinesen ihm fast den Kopf abgeschnitten hatte. In einer entsetzlichen Ideenverbindung erinnerte mich da der Leichnam des armen Afrikaners, der fast abgeschnittene Kopf an den zerschlagenen Buddha, der auf den Teppich des japanesischen Salons fiel, gerichtet durch den Zorn Antonias ... Die große Stella! Lafertrille! Wie weit, wie weit war das alles von mir! ... Es schien mir, als riefe ich Phantome vor diesen Leichen wach.

»Da wurde ich plötzlich Zeuge einer schrecklichen, aber zugleich heldenhaften That. Aus dem Haufen der toten Chinesen erhob sich ein Wesen, ein Sohn des Himmels, ganz jung, die Brust entblößt und mit einem Bajonettstich in seinem kupferfarbigen Leibe. Dieser kleine, magere Chinese mit den glühenden Augen und zitternden Lippen richtete sich blutend auf, stützte sich mit der rechten Hand auf das Fußgestell Buddhas und schwang mit seiner krampfhaft geschlossenen Linken sein langes, blutiges, gekrümmtes Messer gegen uns ...

»Diese Art von Gespenst betrachtete mit entsetzlicher Inbrunst das große, goldige Bild, das wie ironisch über dem Blutbade erstrahlte, und im Augenblick, wo einer meiner Turkos ihn zurückstoßen wollte, stieß der kleine Chinese einen gellenden Schrei aus, der flehend und drohend zugleich war, und warf sich zwischen Buddha und den Turko; ein empörtes Entsetzen lag auf seinem gelblich-blassen Gesicht, und das Blut aus seiner Wunde bespritzte das rötliche Gold der zusammengekauerten Statue; mit seinem zitternden Arm erhob er über den Schädel des Turko das Messer, das vielleicht Mohammed-Ben-Saïda enthauptet hatte.

»Aber dieses Mal nagelte der Afrikaner mit seinem Bajonett den kleinen Chinesen an den Sockel der Bildsäule, und der Kopf des himmlischen Sohnes fiel mit einem kurzen Röcheln auf die untergeschlagenen Beine des Götzenbildes.

»Mir schien es, als röchelte der kleine Chinese im Tode noch den angebeteten Namen, der den ersten Vers des Liedes aus der Operette bildete: Buddha!

›Ach! Buddha! Buddha!‹

»Augenscheinlich war das eine Sinnestäuschung! Aber der sterbende Blick des kleinen Sohnes des Himmels war von sonderbarer Klarheit. Er starb glücklich und gläubig zu den Füßen des angebeteten Gottes, und da er ihn nicht den europäischen Barbaren entreißen konnte, so opferte er ihm wenigstens sein Leben. Mit seinem Gesicht fiel er auf den Sockel, und seine glühenden Lippen suchten die Füße des hingekauerten Buddha, um sie in seinem letzten Seufzer zu küssen.

*

Fünftes Kapitel.

»Der Buddha war teuer bezahlt und gleichsam zweimal mit dem Blut des armen Afrikaners und des kleinen Sohnes des Himmels wiedervergoldet. Sollte ich hundert Jahre alt werden, ich würde stets jene zwei durchschnittenen Kehlen, jene zwei herabhängenden Köpfe sehen, der eine kahl und verzerrt, der andre schwarz, krampfhaft verzogen und wild. Ein Sohn Afrikas und ein Kind Asiens, und über der Metzelei das vergoldete Bild lächelnd und unbeweglich!

»Wie eine Trophäe ließ ich den Buddha mitnehmen und sorgfältig einpacken, nachdem die Blutflecken von seiner rötlichen Goldfarbe mit einem nassen Schwamm entfernt waren. Lange blieb er auf der Zollstation. Als ich dann den Befehl der Ablösung erhielt und man meinen Turkos sagte: ›Ihr werdet über Paris nach Afrika zurückkehren,‹ da überwachte ich selbst die Verladung der Kiste mit meinem Buddha, der Mohammed und den kleinen Chinesen hatte sterben sehen, ich ließ sie vor mir an Bord bringen, nachdem in einer Ecke auf dem weißen Holz die Aufschrift: ›Zerbrechlich‹ angebracht war. Während der ganzen Rückreise malte ich mir die Freude, das helle Lachen, das Händeklatschen Antonias aus, wenn sie in ihrem Häuschen in der Avenue Kleber den Buddha majestätisch und ernst würde anlangen sehen, für den so viele arme Leute umgekommen waren.

»Sofort nach meiner Ankunft in Paris fuhr ich nach der Avenue Kleber mit dem Buddha, der zwar aus der Kiste genommen, aber noch eingepackt war. Wie langsam ging die verdammte Droschke! Ich betrachtete Paris durchs Fenster; es regnete, doch schien mir dieser Regen reizend, gesund, malerisch ... pariserisch mit einem Worte, wenn ich ihn mit den Cholera erzeugenden Regengüssen in Tonkin verglich, die ich jetzt nicht mehr auszustehen hatte. Endlich bin ich in der Avenue Kleber. Auf mein Klingeln öffnet mir ein Diener, doch ist es nicht mehr der lächelnde, freundliche Johann; der neue ist ernst wie ein Notar.

»›Ist die gnädige Frau zu Hause?‹

»›Ich weiß nicht, mein Herr, ich will nachsehen!‹

»›Melden Sie Herrn Edmund von Laurière an!‹

»›Herrn von Laurière, gut!‹

»Ach, es ist leider nicht mehr der Johann! Der hätte mich sofort ›Herr Edmund‹ genannt. Auch Mariette ist nicht mehr da, die gute Mariette! Hinten im Flur bemerke ich das Gesicht eines andern Zimmermädchens. Ueber mir ertönt das Geräusch der langsamen, abgemessenen Schritte des Notars, der mich bei Antonia anmelden geht.

»›Doch diese beeilt sich nicht, sich mir um den Hals zu werfen ... ‹

»Inzwischen packe ich im Wartezimmer den Buddha aus, mache die Schnüre los, nehme das Papier ab, das ihn bedeckt, und sehe ihn triumphierend zum Vorschein kommen, goldig wie die Sonne, mit seinem gutmütigen, väterlichen Gesicht, das aber ein wenig zu schalkhaft für einen Buddha war, der so viel Blut um sich gesehen hat. Jetzt bemerkte ich erst, mein Lieber, daß noch ein kleiner Flecken an einer Ohrenspitze geblieben war, und ich war gerade im Begriff, jene rote und dann schwärzlich gewordene Stelle mit meinem angefeuchteten Finger abzuputzen, als die Thür aufgeht und das Klopfen meines Herzens mir sagt: es ist Antonia! ...

»Ich lasse den Buddha stehen und gehe ihr entgegen.

»Es ist Antonia, ja, und doch ist sie es wieder nicht! Oh, lieber Freund! Ernst, stolz aufgerichtet, hübsch – sehr hübsch – stand sie da in einer düster einfachen Toilette, wie eine barmherzige Schwester, eine Quäkerin, und ohne ihre blonden Haare und ihr liebes Lächeln; ich wurde stutzig! ...

»›Antonia! Meine liebe Antonia!‹

»Ich wollte sie freudig in meine Arme schließen, sie aber zeigt auf einen Sessel, sagt gar nichts und empfängt mich wie die Marquise von Marivaux den Dorante empfangen würde. Zuerst glaubte ich, es beobachte uns jemand und die kleine Musmeh spiele Theater ... Nein, nein, Roger; Antonia war umgewandelt ... die Operette war ihr entleidet und sie nahm jetzt Unterricht bei Frau Plessy, um bei einer Molière-Aufführung mitzuwirken. Und mit unsrer Liebe war es aus, aus und vorbei! – Und nun frage ich dich, mein alter Freund, warum brauchte ich nach Tonkin zu gehen?

»›Habe ich denn einen Nachfolger?‹ frage ich Antonia.

»›Nachfolger?‹

»Sie schien nicht zu verstehen.

»Mechanisch blätterte sie dabei in einem kleinen Theaterjournal, das auf dem Tische lag, und dessen erste Seite die Photographie Gallivets zeigte. Diesen Komiker des Nouveautés-Theaters, den Nachfolger Lafertrilles, habe ich später gesehen. Seine Photographie schien getroffen zu sein, da Antonia sie augenscheinlich gern betrachtete.

»Ich kann dir nicht sagen, wie unbeholfen und einfältig ich mir vorkam und wie gern ich durch eine Versenkung im Erdboden hätte verschwinden mögen! Leider geht das jedoch nur auf dem Theater! Viel wohler war mir in Yuoc bei Regen und Kugeln zu Mute gewesen.

»Da kam mir der Gedanke, den Buddha auf den Arm zu nehmen und ihn Antonia zu zeigen.

»›Lieber Gott! Was ist denn das?‹

»›Das? Nun, ein Buddha! Der Buddha, den ich dir ... Ihnen versprochen habe ... der den aus der Märtyrerstraße ersetzen soll ... den guillotinierten! ... ‹

»Mit den Worten zeigte ich auf dem marmornen Kaminsims die Stelle, von der Buddha, wie der Kopf Mohammeds hinuntergerollt war.

»Antonia betrachtete mich mit nachsichtiger, aber niedergeschlagener Miene: ›Ach so, Buddha? ... Meine Liebe für alles Japanische ist lange dahin! ... Der japanische Geschmack ist aus der Mode gekommen! Haben Sie denn nicht bemerkt ... ‹

»Ich hatte in der That nicht bemerkt! Ihre Geste deutete auf den ganz neuen Salon mit weißen Möbeln à la Ludwig XVI., ausgeschlagen mit blumengewirkter, alter Seide, wie sie unsre Großmütter zu ihren Reifröcken trugen!

»›Jetzt ist alles im Stil Ludwigs XVI., mein Lieber! Die Stühle und Tapeten sind genau wie in den Zimmern Marie Antoinettes in Trianon! Achenbach hat es so gewollt!‹

»›Achenbach?‹

»›Von der Firma Achenbach, Moser, Levy & Co.! ... Damals bei der Affaire von Lang-Son, Dang-Son, Mang-Son – schrecklich diese tonkinesischen Namen! – ist der Aermste an der Börse so arg mitgenommen worden, daß er am liebsten alle meine chinesischen Sachen zerrissen oder zerschlagen hätte! ... ‹

»›Und er hat ... ‹

»›Mich veranlaßt, alles Japanische zu Drouot zu schicken, und mir das ganze Haus à la Ludwig XVI. möbliert! Ja ... er behauptete, meine Vorliebe für Japan wäre lächerlich, ihm gefiele der Stil Ludwigs XVI. weit besser. Auch mir ist es viel lieber so! Es sieht wirklich besser aus.‹

»Sie fing an zu lachen.

»›Das reine Versailles! Ganz Faubourg St. Germain!‹

»Damit gab sie dem unglücklichen, verbannten Buddha einen Schlag auf die Wange und sagte: ›Nimm das weg! Das ist altes Zeug! Du weißt,‹ fuhr sie fort, indem sie mir ihren Mund zum Kusse bot, ›ich habe dich sehr geliebt! Beklage dich nicht! Und wenn du mich wieder besuchen willst ... als Freund ... ‹

»›Nein, danke!‹

»›Nein?‹

»›Freundschaft ist erheuchelte Liebe!‹

»Sie zuckte mit den Achseln.

»›Wie du willst! Aber ich hielt dich nicht für so einfältig!‹

»Als sie plötzlich ihren Blick auf den Buddha richtete, den ich wieder mit in den Wagen nehmen wollte, und der mir so kläglich erschien, fing sie an, die frühere, so oft gesungene Melodie zu summen, die mir wie Vogelgezwitscher das Pfeifen der chinesischen Kugeln übertönt hatte:

›Ach! Buddha! Buddha!
Laß deinen Zorn vergehen!
Buddha mich ... mich ... ‹

Auf einmal unterbrach sie sich und schaute mich mit treuherzigen Augen an: ›Oh! Wie sonderbar! Ich kann mich nicht einmal der Worte mehr entsinnen! ... Ach! Buddha! Buddha! Wirklich, ich weiß nicht weiter! ... Ach! Buddha! Buddha! Rein weg! ... Ist das sonderbar!‹

»›Nicht sonderbar,‹ sagte ich zu ihr, ›sondern ganz natürlich. Oh! Sehr natürlich! Adieu, Antonia!‹

»›Adieu!‹

»Schon hatte ich meinen Buddha auf dem Arm und wollte fortgehen. Da kam sie auf mich zu und neigte sich bis zu meinem Munde, während der Buddha zwischen uns war: ›Nun, gib mir doch einen Kuß, du Einfaltspinsel! ... Die braune Farbe, die du aus Tonkin mitgebracht, steht dir recht gut, Edmund ... du bist ganz bronzefarben! ... Wirst du wiederkommen? Sag mir, bitte ... ‹

»›Ach, meine Liebe, zwischen uns steht jetzt ... ‹

»›Buddha?‹

»›Nein, Achenbach!‹

»›Ah! Warte, du Tonkinese!‹

»Und jetzt reichte sie mir in wirklicher Freundschaft die Hand hin.

»Wenn du, mein lieber Roger, mich besuchst, so wirst du auf dem Kamin den armen Buddha sehen, den ich mit mir in die verschiedenen Garnisonen nehmen werde. Oder willst du ihn vielleicht? Er hat noch immer seinen Blutfleck am Ohre, der entweder von dem kleinen Turko, oder dem kleinen Chinesen herrührt! Uebrigens sind diese Nippsachen oder mit Blut befleckte Buddhas vielleicht der einzige Vorteil, den wir von jenem Stück China haben werden! Kommst du mit ins Hippodrom?«

Der Turko war aufgestanden.

»Gut, gehen wir ins Hippodrom,« sagte der Artillerieoffizier und fügte in ernstem Tone hinzu: »Mein Lieber, du hast von dorther vielleicht nichts als eine alte Nippsache mitgebracht, aber als ich euch neulich auf dem Longchamps vor allen den Männern, Frauen, diesem Paris, dem das Herz klopfte, vorübermarschieren sah; als ich die blauen Kragen der Marinesoldaten und die hellblauen Röcke deiner Turkos über das grüne Gras ziehen sah; als die Trommeln wirbelten, um das Ehrenkreuz zu begrüßen, das ein höherer Offizier auf die Brust eines andern Offiziers heftete – und dieses Kreuz ist ja auch nur eine mit Blut bespritzte Nippsache, mein Lieber – als ich das alles sah, sagte ich mir, zwar wiegt ein Tag des Triumphes bei weitem nicht so viele Tage der Opfer auf, aber doch liegt in dieser Bewegung der Menge, diesem Jauchzen der Tribünen, dieser Art von schallendem Kuß, den ein ganzes Volk seinem Heere gibt, eine Belohnung für die ausgestandenen Gefahren, die Krankheiten und Märsche! ...«

»Du hast recht,« meinte der andre; »nichts ist in dieser Welt verloren, namentlich nicht der Heldenmut und die Hingebung als Beispiel für andre!«

Dann schlenderte er die Avenue de l'Opéra hinunter, zündete sich eine andre Cigarre an und summte mechanisch vor sich hin:

»Ach! Buddha, Buddha!
Mein lieber Buddha,
Laß deinen Zorn vergehen!«

*

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