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Die Cigarette und andre Geschichten

Jules Claretie: Die Cigarette und andre Geschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJules Claretie
titleDie Cigarette und andre Geschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorP. Pfeffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180103
projectid7a780576
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Die Cigarette.

Es war zur Zeit des letzten Karlistenkrieges, ja, Herr. Dieses ganze baskische Land, die Umgegend von Guipuzcoa, alles roch nach Blut und Pulver ... und zwar viele, viele Monate lang. Es sind Ihnen gewiß geschwärzte und zerstörte Mauern aufgefallen. Ja? Nun wohl! Das waren einst Pachthöfe, Häuser, belebte und glückliche Wohnstätten; jetzt sind es Trümmerhaufen, fast Kirchhöfe. Das ist der Krieg!

Sie hätten sehen sollen, wie man kämpfte! Auf der einen Seite waren Karlisten, auf der andern die Soldaten der Regierung von Madrid. Was ist auf diesen Wegen nicht vorübergekommen an Toten, Verwundeten, an armen Kindern, die, den Tod vor Augen, sich fragten, warum ... warum? Ach, ein Bürgerkrieg ist etwas Schreckliches! Und wer weiß, ob es morgen nicht wieder losgehen kann? Die Menschen sind so verblendet!

Sie werden es begreiflich finden, daß, als man uns eines schönen Morgens sagte, der König sei da, Don Karlos komme, die alte Hefe wieder zu gären anfängt und unsre baskischen Bauern dem Prätendenten zuströmen und ihm ein Heer liefern. Das thun sie aber nicht nur, um eine hübsche Uniform zu tragen, die Mütze auf einem Ohr, um unter Trompetenschall in die Dörfer zu ziehen und bei zusammengesetzten Gewehren fröhlich singend mit den Mädchen zu tanzen, sondern auch, um die Kugeln pfeifen zu hören, denn unsre Basken sind tapfer, leben genügsam und wissen zu sterben. Die Ernte allerdings, die Apfelbäume, die den Unterhalt jener Armen bilden, werden im Stich gelassen! Man kämpfte den ganzen Tag über, und so hat man drei Jahre lang gekämpft. Zu jener Zeit waren alle diese jetzt grundlosen Wege von Männern desselben Vaterlandes besetzt, die nur darauf bedacht waren, sich gegenseitig zu vernichten.

Die Geschichte von der Belagerung Bilbaos ist Ihnen wohl bekannt; die Karlisten hielten es von allen Seiten auf das engste eingeschlossen. Man versuchte die Stadt zu entsetzen, aber zwischen Sankt Sebastian und Bilbao hielten die Karlisten die Pässe besetzt, schlugen jeden Sturm ab und trieben die gegen sie geworfenen Kolonnen zurück. Der Führer der Karlisten, der dort kommandierte, hieß Zucarraga. Er war ein Held, Herr, ein ehemaliger Offizier von der Armee, der der Regierung von Madrid seinen Degen mit den Worten zurückgeschickt hatte: »Geben Sie ihn einem andern, damit er gegen mich geführt werde; denjenigen, welchen ich von jetzt an schwingen werde, habe ich von meinem König empfangen.« Er war erst dreißig Jahre alt, ein schöner, stattlicher, stolzer Mann. Aus seiner Stellung im Gebirge war er nicht hinauszubringen, trotzdem man die besten Truppen und jeden Tag frische gegen ihn vorgehen ließ. Als Krüppel, aufgerieben sahen wir die armen Soldaten aus den Gefechten zurückkommen, ihre Offiziere trugen sie auf blutigen Bahren, und kopfschüttelnd meinten sie: »Sehet, so werden Spanier um Spaniens willen getötet! ...«

Der Ruhm Zucarragas wuchs mit der Niederlage der nationalen Armee. Ueberall hörte man sagen: »Thomas Zumalacarregui ist wieder auferstanden!« Dieser war, wie Sie wissen, der Paladin des früheren Karlistenkrieges in älterer Zeit, welcher an diesen bis auf den Namen erinnerte, der aus Zucarraga einen Romanhelden, einen Führer der Volkssage wie den Cid machte.

Der General in Hernani – jener kleinen Stadt, wo, wie kürzlich in den Zeitungen zu lesen war, Ihr Dichter Hugo seine Kindheit verbracht und deren Namen er wohl behalten hat – der General, welcher seine armen Soldaten gegen die von Zucarraga verteidigten Pässe schickte, war außer sich vor Wut. Um jeden Preis hatte er die Stellung erzwingen, die Leute mit den runden Mützen über den Haufen werfen und den Weg bis Bilbao frei machen wollen, aber vergebens! Jeder Angriff endete mit einer Niederlage, jeder Sturm mit einer panikartigen Flucht, und die erschöpften Truppen kehrten stets müde und niedergeschlagen mit Hinterlassung von vielen Toten zurück.

Als eines Abends auf dem Marktplatze dort oben der General Garrido – dessen Graukopf eine Mütze bedeckte, die einst von marokkanischen Kugeln durchlöchert worden war – seine Soldaten langsam, stumpf und abgehetzt in ihre Quartiere ziehen sah, während in der Ferne nach den Bergen zu die Geschütze Zucarragas noch immer grollten und wir aus der Tiefe der Thäler den Rauch längs der rötlichen Berge aufsteigen sahen, da ballte er die Fäuste und rief mit zornfunkelnden Augen: »O, dieser Zucarraga! Dieser elende Zucarraga! Mein Leben gäbe ich für das seine und ein Vermögen dem, der ihn tötet!«

Er raste vor Zorn und mußte weinend zusehen, wie seine Regimenter in den Bergpässen wie Schnee zusammenschmolzen ... schien es ihm doch, als wären alle jene tapfern Leute, die auf den Wegen lagen, seine eigenen Kinder, die er verlor und die man hinmordete ... Und wer that das? Zucarraga, die Basken Zucarragas, die Karlisten!

Noch hatte der alte Garrido nicht ausgesprochen, als sich mitten auf dem mit Truppen angefüllten Platze, auf den sich schon die Dunkelheit herabsenkte, vor den Stab des Generals ein großer hübscher Bursche hinstellte und mit einem festen Blick auf ihn geradeheraus fragte: »Würden Sie mir geben, was ich verlange, wenn ich Zucarraga töte?«

»Wer bist du?« fragte Garrido.

»Ein Sohn dieser Gegend, Juan Araquil, ein Mensch, der keine Furcht vor dem Tode kennt, der aber geschworen hat, reich zu werden.«

Der General maß den Burschen von oben bis unten.

»Wenn du aus Guipuzcoa bist, warum hast du dich nicht dem Heere des Don Karlos angeschlossen?«

»Weil mir alles auf der Welt gleichgültig ist mit Ausnahme eines Mädchens, das ich liebe.«

»Deine Braut?«

»Nein, leider nicht meine Braut, sondern die Tochter eines Gutsbesitzers, die für mich zu reich ist. Ich dagegen bin arm und will mir Geld erwerben, um sie zu heiraten.«

Dieser Araquil war wohlbekannt in der Gegend, und wir wußten alle um seine Geschichte, seine Liebe zu der Tochter des alten Chegaray, eines tüchtigen Landmannes aus Guipuzcoa, dem vier oder fünf Höfe hier herum gehörten und außerdem Gefilde, wo die Apfelbäume unter der Last der Aepfel fast brachen, die einen kostbaren Cider gaben ... ich habe Ihren französischen Cider, den man so sehr rühmt, zwar nie gekostet, aber sicher ist er nicht so gut als unsrer in Guipuzcoa, das sagt jedermann.

Der Vater Chegaray wohnte zwischen Hernani und dem Fort Santa Barbara, das Sie auf Ihrem Wege von Sankt Sebastian hierher gesehen haben. Auf seine Tochter Pepa war der Alte stolz wie eine Andalusierin auf ihre Edelsteine. Wenn er sie zur Vesper oder zum Tanze an unsern Festen führte, dann strahlte er. Auf diesen Tanzvergnügungen kommen übrigens oft Verlobungen zu stande, ohne daß die Eltern vorher gefragt werden; schnell ist bei Lachen und Tanzen das Herz verloren und der Bund fürs Leben geschlossen.

Damals nun gab es in Loyola, dort ganz in der Nähe, einen schönen, großen Burschen, der die hübschen Mädchen umflatterte und der zwar alle Eigenschaften besaß, die den Mädchen die Köpfe verdrehen, aber keine einzige solche, welche den Eltern gefallen. Das war eben jener Araquil, der dem alten General Garrido von seinen ehrgeizigen Plänen gesprochen hatte. Heiter war er und stets zu irgend einem Streich aufgelegt; im Ballspiel war er Meister, dabei gewandt, stark, streitsüchtig und wagehalsig; bei den improvisierten Gefechten tötete er die Stiere wie ein Stierfechter von Beruf und war stets bereit, bei der ersten besten Gelegenheit seine Haut zu Markte zu tragen oder sich den Kopf einzurennen. Stolz wie ein König ging er stets einher, sah aus wie ein Edelmann, war immer wohl rasiert, hatte eine herkulische Gestalt, aber eine Hand so zierlich wie die einer Frau. Dabei aber besaß er keinen Heller, lebte von der Hand in den Mund, heute von einem Gewinn beim Ballspiel, morgen von einer Wette mit Stierkämpfern, die er im Wettlauf oder Messerkampf gewann. Als eines Tages in Sankt Sebastian die wütende Schar der Toreros einen schwarzen bösen Stier, der schon mit rotem Schaum bedeckt war und Geifer und Blut auswarf, nicht töten konnte, da fängt Juan Araquil an spöttisch zu pfeifen, so daß die Leute im Zirkus, Zuschauer und Toreros, ihm zurufen: »Nun, in die Arena hinunter, in die Arena!« Juan zögert nicht lange ... er steht auf, springt hinunter, geht auf den Toreador zu, der erstaunt oder vielleicht froh war, diesen großen Narren bald zerfleischt zu sehen, nimmt den Degen mit dem kurzen Griff, stellt sich vor den Stier, sieht ihn fest an, lacht dicht vor seinen Nüstern, stößt mit dem Degen gerade nach der richtigen Stelle, wie es nur der Tato oder Lagartija hätte thun können, und plumps stürzt der Stier wie eine schwere Masse zu Boden, während Juan Araquil sich lachend zu den Toreros wendet und sagt: »Da seht ihr – es war nicht schwer! ...«

Aber damit war die Sache nicht erledigt. Die Toreros waren außer sich vor Wut, als sie die Rufe der Menge, die Bravos für Araquil und das Gepfeife hörten, das dem Toreador galt; sie stellen sich um Araquil auf, verlangen Rechenschaft für seine Kühnheit und haben vielleicht Böses gegen ihn im Sinne. Und was thut Araquil? Er blickt sich in diesem Kreise von Wütenden um, nimmt einen Anlauf, springt über den nächsten Torero hinweg und steigt wieder die Stufen hinan, während der Kreis, in welchem man ihn erdrosseln wollte, geschlossen hinter ihm bleibt. Abends hatte er hinter dem Zirkus einen Messerkampf mit einem der Toreros zu bestehen, der ihm seinen Dolch mitten in die Brust stieß. Vierzehn Tage mußte Araquil das Bett hüten, aber hernach war es wieder gut, und er war wiederum bereit, einen Stier zu töten und diesmal nötigenfalls einen Torero dazu.

Wenn unsre Toreros verwundet sind, müssen Sie wissen, so hat das nichts auf sich; ihre Haut wächst wieder zu, die Wunden schließen sich. Von Hornstößen durchlöchert, werden sie als tot hinweggetragen, ein Zeichen des Kreuzes wird über sie gemacht: »Ruhe in Frieden« und – nach einem Monat sind sie wieder da mit dem Degen oder dem Fähnchen in der Hand. Von dem Schlage war auch Juan Araquil; Messerstiche oder Schläge mit dem Ballnetze machten ihm nichts, er war ein Bursche von Eisen, ein echter Baske.

Uebrigens war er auch im Besitze von Wundheilmitteln, da er bei seiner vielseitigen Thätigkeit mit den Dorfchirurgen und Leuten verkehrt hatte, die aus Gebirgskräutern Mixturen und Salben für alle möglichen Krankheiten machen. So hatte er sich auch eine Essenz aus Gott weiß welchen giftigen Pflanzen, Eisenhut oder sonst welchen, brauen lassen, die er in einem Ringe am Finger trug, da, wie er sagte, ein Mann stets Herr über sein Leben sein müsse und nicht immer sein Messer bei der Hand habe, um es nach Belieben abzuschließen. Ein Messer kann einem entrissen werden; ein Ring nicht – eine Bewegung der Finger an die Lippen, und man ist frei! – Solch ein Mensch war dieser Araquil!

Eines Tags traf also dieser schöne, fünfundzwanzigjährige Bursche, den man liebte, ohne daß er selbst liebte, auf einem Tanz in Loyola am Ostermontag ein junges Mädchen, das er wie die andern zum Tanze aufforderte. Es war Pepa Chegaray. Eine Walzermelodie verdreht oft den jungen Leuten den Kopf und der Guitarrenspieler ist meiner Meinung nach der große Meister der Liebe. Weder Juan noch Pepa sollten je diese erste Bekanntschaft, diesen Tanz unter freiem Himmel vergessen, das heitere Lachen zu den Klängen der Musik und das Lied, das berauschender war als unser Cider:

Am Morgen erhebt sich ein schönes Gestirn,
Das schönste, das leuchtet am Himmelszelt;
Doch ein irdischer Stern macht erbleichen sein Licht,
Kein zweiter gleicht ihm in der weiten Welt,
Ihm fliegt im Sturme mein Herze zu
Wie ein Strom, der stürzend durch Felsen bricht.

Seit jenem Ostermontag war der sonst so heitre Araquil menschenscheu geworden, sprach wenig und ging finster umher; aber auch der alte Tiburcio Chegaray lachte nicht mehr. Es war eben jener Teufel von Liebe im Spiele.

Solche tiefe, unumschränkte, blitzähnliche Liebe gibt es! Sie träumte von ihm, er hatte keinen andern Gedanken als sie, er sah traurig aus wie ein Garten ohne Blumen, und die Liebe machte ihn mürrisch. Warum? Weil er keinen Heller besaß und Pepa reich war, und namentlich weil jener unbeugsame Vater Tiburcio seiner Tochter gesagt hatte, er würde sie niemals einem Manne geben, dessen ganzes Vermögen nur in seinem Spielballe bestünde.

»Aber,« sagte Araquil eines Tages zum Vater Chegaray, »Pepa liebt mich, sie hat es mir selbst gesagt.«

»Auch mir hat sie es gesagt,« antwortete der Vater.

»Ich vergöttere sie, ich liebe sie bis zum Wahnsinn; wenn Sie sie mir nicht geben, so nehme ich mir das Leben. Was muß ich thun, um sie zu bekommen?«

»Das, was ich selbst gethan habe,« schloß der Landmann; »arbeiten und in die Ehe Mittel genug mitbringen, um die Kinder ernähren zu können. Ich habe nicht mein ganzes Leben lang geschafft, um mein Geld und meine Tochter einem an den Hals zu werfen, der auf allen Tanzvergnügen zu finden ist. Kommst du eines Tages und sagst mir, du habest jetzt ein kleines Vermögen beisammen und kannst deinen Teil Brot und Salz mit in die Ehe bringen, dann sollst du Pepa haben, weil sie dich liebt.«

»Und wieviel muß ich mitbringen?« fragte Juan.

»Zweitausend Thaler!« Das ist zehntausend Franken in Ihrem Gelde.

»Zweitausend Thaler!« sagte Araquil leichenblaß. »Wo soll ich die hernehmen?«

»Ich habe sie in der Erde gefunden,« antwortete der Landmann. »Suche auch du!«

Tiburcio war nicht der Mann, der ein einmal gesprochenes Wort zurückgenommen hätte. Araquil blieb also nichts andres übrig als sich das Leben zu nehmen, wie er dem Alten gedroht hatte, oder hart zu arbeiten, um jene Summe zusammenzubringen. Pepa würde als brave Tochter ihrem Vater nicht ungehorsam sein, aber da sie in den schönen Burschen wirklich verliebt war, so hatte sie ihm versprochen zu warten, bis er die verlangte Mitgift erarbeitet hätte. Bei ihren heimlichen Zusammenkünften oder Unterredungen vor dem Alten verbarg sie Araquil nicht, daß sie für ihn jene Gefühle hege, die zwei Wesen bis zum Tode einen. Ja, sie hatte ihm sogar auf das Gebetbuch ihrer seligen Mutter geschworen, niemals einem andern als ihm anzugehören. Solch ein Schwur, von einem Wesen geleistet, das schön wie ein Stern am Himmel war, konnte einem kühnen Manne wohl Mut machen, und Juan sagte sich auch: »Nun gut, ich weiß zwar nicht, woher ich die zweitausend Thaler nehmen soll, aber verdienen werde ich sie!«

Er schmiedete Pläne in seinem Gehirn, er marterte sich ab! ... Beinahe hätte er sich eines Tages an der Mauer des Ballhauses zu Sankt Sebastian den Kopf eingerannt, als er gegen den Kämpen von Tolosa eine Partie um einen Punkt verlor. Die Einsätze waren hoch und verhießen einen Anfang von Vermögen. Da wurde Araquil um einen einzigen Punkt geschlagen und mit ihm alle Mitspieler aus Hernani. Die Haare raufte er sich aus, er schlug sich vor die Stirn, er war außer sich vor Zorn ...

Dennoch mußte er die zweitausend Thaler gewinnen; und immer klangen ihm die Worte Pepas in den Ohren: »Entweder gehöre ich dir an oder niemand, Araquil. Aber ich werde meinem Vater gehorchen, so lange er lebt, und stets seinen Willen achten, wenn er einst tot ist.«

Sogar an irgend eine große Reise hatte Juan gedacht, zumal, da man ihm sagte, daß weit von dort in La Plata die Basken bisweilen ihr Glück machten. Und in der That, Herr, scheint es, als wenn die Ballspieler aus unsern Gegenden in Buenos-Aires die Pesetas mit vollen Händen gewinnen können. Das hübsche Haus zum Beispiel, das Sie bei Ihrer Rückkehr nach Sankt Sebastian auf der rechten Seite sehen werden, gehört einem Bewohner von Hernani, der auf diese Weise im Süden der neuen Welt sein Vermögen erworben hat. Hätte nicht der Gedanke, Pepa zu verlassen, sie nicht mehr von weitem in der Messe, bei Stierkämpfen oder selbst an ihrem Fenster zu sehen, wenn er an dem Hofe vorbeiging, Araquil den Kopf verdreht, er wäre sicher fortgegangen. Als Trapper oder als Goldwäscher hätte er dann auf gut Glück gesucht, da der Alte zu ihm gesagt hatte: »Suche!« Es wäre für ihn besser gewesen, als zu bleiben.

In der Zwischenzeit schleudert der letzte Krieg abermals seine Brandfackel in diese Gegend, und die oben erwähnten Ereignisse spielen sich vor Bilbao ab. Um also darauf zurückzukommen, der fast verzweifelte General Garrido sieht, wie dieser große, kühne Bursche sich vor ihn stellt, und hört seine ganze Geschichte an; und während der alte Soldat, der in Marokko gekämpft hatte und jetzt von den Karlisten geschlagen wurde, die Stirne runzelt, fährt Juan Araquil fort: »Wenn das Leben Zucarragas wirklich ein Vermögen wert ist, Herr General, so werde ich es gewinnen.«

»Mehr als ein Vermögen ist das Leben Zucarragas wert,« erwiderte Garrido, »es bedeutet das Leben von Tausenden meiner armen Kinder. Zucarraga ist der verkörperte Widerstand, der Schlüssel zu Bilbao, die beständige Metzelei, mit einem Wort alles. Befehle kann ich dir nicht geben, du bist nicht Soldat, aber wenn du dein Versprechen ausführst, so erinnere mich an das, was ich dir gesagt habe!«

»Gut,« sagte Juan. »Auf baldiges Wiedersehen, Herr General!«

Der alte Garrido zuckte mit den Schultern und fragte sich einen Augenblick, ob jener Mensch nicht vielleicht ein Spion sei.

Araquil selbst hatte nur einen Gedanken: das Leben Zucarragas war ein Vermögen wert! Nur weil ein solches Pepas Hand für ihn bedeutete, strebte er danach, sonst lag ihm gar nichts daran. Er verschwand aus Hernani, und mehrere Tage hörte man nichts von ihm, so daß der General schon meinte, er hätte es mit einem Narren zu thun gehabt. Er traf infolge dessen seine Anordnungen zu einem nächtlichen Angriff, um Zucarraga zu überraschen und den Durchgang zu stürmen.

Mittlerweile umschlich Araquil die karlistischen Verschanzungen. Mit seinem Messer in der Tasche, das er, wenn es nötig war, wie eine Kugel schleudern oder von weitem mitten in eine Scheibe heften konnte, trieb er sich umher, brachte die Nächte im Freien zu und lauerte auf den Augenblick, wo er sich Zucarraga würde nähern und den alten Garrido von dem Karlistenführer befreien können. Was lag ihm an dem Leben dieses Bandenführers? Krieg mit Kanonen oder Krieg mit dem Messer bleibt immer Krieg; wohl hat man das Recht zu töten, wenn man selbst dabei sein Leben aufs Spiel setzt. So mit sich selbst räsonnierend, erwartete er die passende Gelegenheit.

Als er nachts dem halb zerstörten Hofe, wo Zucarraga sich befand, zu nahe kam, pfiff ihm die Kugel einer Schildwache so nahe am Kopfe vorbei, daß sie ihn am linken Ohr ritzte. Er achtete ihrer nicht einmal und bedauerte nur, daß der karlistische Posten ihn bemerkt hatte. Ohne ihn wäre er über die Mauer in die Nähe Zucarragas gelangt! Jetzt hieß es von neuem beginnen.

Nun war aber der folgende Tag, an dem er wiederum einen Versuch machen wollte, derjenige, welchen Garrido zu dem Nachtangriff gewählt hatte. Juan Araquil, der in einem Graben versteckt lag, wie ein Tier in seinem Lager, nahm sich daher vor, diesmal um jeden Preis bis in die Nähe Zucarragas zu dringen, und zwar zur selben Zeit, wo der alte Garrido eine Angriffskolonne auf die Karlisten werfen würde. Die ersten Schüsse des Treffens überraschten Juan, die nächsten erregten aber schon seine Freude, denn Zucarraga würde hinauskommen und seine Soldaten ins Feuer führen. Kam Juan in seine Nähe, dann war seine Absicht bald erreicht: das Messer ins Herz, und diesmal nicht aus dem Hinterhalt, sondern im offenen Kampfe. Also das Leben Zucarragas war ein Vermögen wert? ... Nun, der Vater Chegaray sollte seine zweitausend Thaler bekommen – und wehe den Karlisten.

Der Kampf wütete heftig in jener Nacht. Die Soldaten Garridos stürmten voll Wut die Verschanzungen mit dem Bajonett und trafen dort auf die Karlisten, die sie zu überraschen hofften, die indessen wach waren. Mitten in dunkler Nacht metzelte einer den andern nieder; Säbelhiebe verwundeten die Brust, Revolverschüsse zerschmetterten den Schädel, man mordete sich, ohne einander zu sehen, Spanier gegen Spanier, es war eine Schmach!

So ging es lange fort. Bei Tagesanbruch mußten die regulären Soldaten, diese armen Teufel, wiederum zurück, nachdem sie zu viele der Ihrigen verloren hatten. Der Angriff war abgeschlagen, und diese Blutnacht fügte eine neue Niederlage zu den früheren hinzu. Wie viele Thränen der Wut würde nicht der alte Garrido wieder vergießen! Die Karlisten begrüßten im Gegenteil nach diesem nächtlichen Kampfe die Morgenröte mit Freudenschreien: Harri! Harri! Doch plötzlich verstummten die Freudenrufe, und Totenstille trat bei ihnen ein. Zucarraga, ihr unbesiegbarer Führer, dessen Stimme in der Nacht ununterbrochen überall gehört worden war, wie er rief: »Frisch, Kinder, Mut, seid brav!« wurde mit zerschmettertem Bein nach dem zerstörten Hause gebracht, wo er gewöhnlich die Nacht verbrachte. Die Gefangenen des Regierungsheeres, deren die Karlisten gar viele in der Nacht gemacht hatten, konnten jetzt diesen prächtigen, stolzen Burschen sehen; er war weiß wie sein Hut, mit seinem schwarzen Bart, seine Offiziere umstanden ihn. Man stützte ihn unter den Armen, da er sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Einige Soldaten brachten einen Schemel herbei, und man setzte ihn mit ausgestrecktem Beine darauf.

Araquil ließ kein Auge von ihm.

Gefangen mit den Soldaten Garridos, hatte man ihn mit jenen zusammengestellt, und karlistische Posten bewachten mit geladenen Gewehren ihn zugleich mit den andern.

Sein berühmtes Messer hatte ihm nichts genützt, und als er sich bei der Niederlage mitgefangen und mit den andern Gefangenen umzingelt sah, hatte er es mit den Worten weggeworfen: »Ein andres Mal!« Wahrscheinlich würde er zur Erschießung verurteilt werden, da er allein unter allen Gefangenen keine Uniform trug; daher sagte er sich: es ist doch alles vorbei und Pepa wird entweder einen andern heiraten, oder als Mädchen sterben. Zornsprühend hefteten sich seine Augen auf jene menschliche Beute, die ihm entging, jenen Zucarraga, den er jetzt zu hassen anfing, ohne zu wissen warum – oder vielmehr weil, wenn Zucarraga lebte, sein eigenes Leben verfehlt, Pepa verloren war ...

Unruhig umstanden die karlistischen Offiziere Zucarraga; einige waren niedergekniet, um die Wunde anzusehen; einer rief nach dem Wundarzt.

»Den Wundarzt! ... den Wundarzt, Herr Gott, steh mir bei! Wo ist denn Urrabieta? Wo ist er?«

Es war der Wundarzt der Karlisten.

Man suchte ihn überall. Die Offiziere wurden ungeduldig, Zucarraga aber lächelte sanft und sagte, mit der Hand ein Zeichen machend: »Warten wir, Urrabieta ist vielleicht eingeschlafen nach der großen Arbeit von heute nacht!«

Plötzlich eilte ein Sergeant mit Thränen im Auge und ganz blaß mit der Meldung auf die Offiziere zu, daß man den Wundarzt Urrabieta unter den Toten erkannt hätte, von einer Kugel getroffen, über dem Körper eines Navarresen, den er verband. Es war das Werk einer verirrten Kugel gewesen; treffen doch jene Geschosse ohne Unterschied sowohl die, welche heilen, als die, welche töten!

Unter den Karlisten herrschte Bestürzung. Die Wunde Zucarragas konnte schwer sein, ja, sie war in der That sehr schwer. Und kein Arzt, um sie zu verbinden! Zu warten bis man von der benachbarten Heeresabteilung einen herbeiholte, war gefährlich, denn Zucarraga verlor viel Blut. Einer der Offiziere ging daher grade auf den Haufen der Gefangenen los und fragte laut: »Ist kein Wundarzt unter euch?«

Die Soldaten Garridos blickten einander an. Nein, es war kein Arzt unter ihnen, alle waren sie Soldaten.

»Kann niemand einen Verband anlegen?«

»Jawohl,« antwortete ein Mann, »ich!«

»Tritt vor!«

Aus dem Haufen der armen, niedergeschlagenen Leute, von denen einige verwundet waren, kam der Mann hervor und schritt erhobenen Hauptes vorwärts. Es war Araquil.

»Du bist nicht Soldat?« fragte der Offizier.

»Nein.«

»Aus welchem Grunde bist du denn hier?«

»Weil man mich hierhergeschleppt hat. Ich habe nicht gekämpft, sondern wollte nach Bilbao gehen, um die Meinigen zu besuchen. Die Schlacht hat mich daran verhindert, und deshalb bin ich hier.«

»Und du verstehst etwas von der Medizin? ...«

»Nein, aber ich verstehe zu heilen. Ich pfusche bisweilen den Toreros ins Handwerk.«

Mißtrauisch ließ ihn der Offizier zu Zucarraga herantreten, der seine großen Augen auf den schönen Burschen heftete. Der Karlistenführer fragte dann nach den Gründen seines Hierseins. Araquil erfand einen Roman: er habe Sehnsucht gehabt, seine alten Eltern, die in Bilbao eingeschlossen wären, zu umarmen: nicht seine Schuld sei es, daß der Bürgerkrieg die Familien trenne; unbekümmert um die Flintenschüsse führe er sein gewöhnliches Leben weiter.

»Du bist Baske? Warum stehst du nicht auf seiten des rechtmäßigen Prätendenten?« fragte jetzt Zucarraga seinerseits.

»Weil ich auf niemandes Seite stehe.«

Zweifelnd sahen die karlistischen Offiziere diesen großen Burschen an und suchten die Wahrheit zu ergründen. Seine Antwort hatte bei ihnen ein Gemurmel hervorgerufen, Zucarraga indessen befahl Ruhe.

»Jedermann ist frei,« sagte er milde. Dann sah er mit seinem hellen Blick Juan fest an.

»Du verstehest zu heilen, sagtest du vorher. Bist du im stande, mir wenigstens Erleichterung zu verschaffen? Ich habe große Schmerzen.«

Araquil zog seine Jacke aus, zerriß schnell seinen linken Hemdärmel und goß auf diesen improvisierten Verband langsam, ohne daß jemand es sah, während er die Leinwand zurecht machte, einige Tropfen von einer Flüssigkeit, – derjenigen, welche er in seinem Ringe am Finger trug. Dann näherte er sich bleichen Angesichts Zucarraga, der keinen Blick von ihm gelassen hatte.

Araquils Hand zitterte nicht, als er die mit dem kleinen, gelben Fleck besprengte Leinwand hielt. Bevor er vor Zucarraga niederkniete, um den Verband anzulegen, sprach einer der Offiziere zum Führer: »Wir kennen diesen Menschen nicht.« Immer lächelnd erwiderte jener: »Wohl wahr; aber niemand kennt seinen Arzt oder Beichtvater.«

Und mit Mühe streckte er Juan sein verwundetes Bein hin.

»Aber was bedeutet jener gelbe Fleck?« fragte ein Hauptmann.

»Ein nur mir bekanntes Heilmittel gegen die Wunden beim Stiergefecht,« war die Antwort Juans.

»Gut!«

Zucarragas großes, dunkles Auge ruhte während der ganzen Operation unverwandt auf denen Juans, und kaum lag der Verband auf der Wunde, als der Parteigänger schon ausrief: »Ich fühle mich schon besser!«

Darauf wandte er sich an Juan mit den Worten: »Jetzt bist du frei!«

»Aber Herr General ...« fiel ein Offizier ein.

Zucarraga erhob den Kopf: »Das Geringste, was ich thun kann, ist doch wohl, daß ich den Dienst dieses braven Burschen mit einem eben solchen vergelte.«

Und zu Araquil sich wendend: »Was begehrst du noch?«

»Nichts,« antwortete Juan.

Zucarraga holte aus seiner Uniform eine kleine Cigarettentasche aus Manilastroh hervor und reichte sie Juan hin: »Zum Andenken an mich!«

»Nein,« sagte Juan.

»Oho!« meinte Zucarraga lächelnd, »ich fürchte doch, du liebst die Diener des Don Karlos nicht sonderlich. Du nimmst also nichts von mir an?«

»Doch, eine Cigarette.«

Araquil nahm aus der Cigarettentasche eine Cigarette, betrachtete sie mechanisch und drehte sie zwischen seinen Fingern, bevor er sie einsteckte, als Zucarraga ihn plötzlich fragte: »Dein Name?«

»Juan Araquil!«

»Nun, Araquil, geh mit Gott! Warte, bis wir in Bilbao einziehen, dann kannst du die Deinen sehen. Lang wird es nicht mehr dauern! ... Gib mir deine Hand!«

Araquil schüttelte leichenblaß die Hand des Verwundeten, zog seine Jacke wieder an, grüßte die Offiziere, die Gefangenen, und entfernte sich ganz langsam, während der helle Blick des karlistischen Helden ihn nicht verließ ...

An demselben Abend wurde in Hernani, in der kleinen Wirtshausstube, die dem alten Garrido als Hauptquartier diente, von Soldaten der große Bursche vor ihn geführt, der vor sechs Tagen mit ihm auf dem Marktplatz gesprochen hatte.

Der General war wütend, aufgeregt, krank und sprach seit der nächtlichen Niederlage davon, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

Er empfing Araquil wie einen Hund.

»Was willst du hier? ... Wer sagt mir, ob du nicht jene verdammten Karlisten gewarnt hast?«

»Was ich will, Herr General? Mit Ihnen sprechen ... mit Ihnen ganz allein!«

Der Bursche hatte das in so bestimmtem Tone gesagt, daß der alte Garrido merkte, daß es sich um eine wichtige Mitteilung handelte, und seinen Offizieren befahl, ihn mit dem Menschen allein zu lassen.

»Nun, was gibt's?« fragte er, als sie dem Wunsche Juans gemäß allein waren.

Araquil ließ einen Augenblick verstreichen, ehe er sprach: er hatte das Gefühl, als brächte er kein Wort heraus; dann sagte er hastig: »Sie hatten mir gesagt, Herr General, das Leben Zucarragas wäre ein Vermögen wert? ...«

Und als Garrido nicht antwortete: »Dieses Vermögen fordere ich jetzt, ich habe es verdient!«

Der General betrachtete ihn, die Stirn runzelnd, und fragte sich, ob er recht verstehe, während Araquil da vor ihm stand blaß wie der Tod.

»Wie! Verdient?« fragte Garrido nach einem Augenblick; »ich verstehe nicht.«

»Und doch ist das sehr einfach,« war die Antwort Juans. »Zucarraga wird kein Treffen mehr gegen Ihre Soldaten befehligen.«

»Ist er tot?«

»Er muß es sein, wenn nicht heute abend, dann morgen.«

Der alte Garrido war in höchster Erregung, seine Wangen erschienen so weiß wie sein Schnurrbart. Er wollte alles von Araquil erfahren, da er dessen Worte »dann morgen« nicht verstand, und darauf erzählte ihm der Bursche, wie er dem Karlistenführer aufgelauert habe, wie er ihm sein Messer ins Herz jagen wollte, und wie er endlich auf seine Wunde das Gift aus diesem Ringe gebracht habe, das er für sich selbst dort aufbewahrte.

Der alte General glaubte zu ersticken, von einem Alp erdrosselt zu werden. In seinem weißen Kopfe brannten seine schwarzen Augen wie Feuer; er konnte nur wiederholen: »Du hast das gethan? Du selbst? Einen Verwundeten?«

Da fing Juan wie ein Irrer an zu reden und meinte, er hätte noch ganz andre Dinge ausgeführt, um Pepa zu bekommen: da der Vater Chegaray zweitausend Thaler Mitgift verlange, so habe er sie genommen, wo er sie habe finden können. Uebrigens habe der General selbst gesagt, dieser Zucarraga habe immer wieder Leute, und zwar tapfere, töten lassen!«

»Ja, in der Schlacht!« sagte Garrido barsch. »In der Schlacht!«

Dieser Grund leuchtete Araquil nicht ein: seine Leidenschaft für Pepa war der einzige Beweggrund seines Handelns gewesen. Nur Pepa verlangte er, und das Leben Zucarragas war der Preis dafür, das genügte ihm.

Garrido hatte versprochen; Araquil kam und forderte die Schuld.

Der General sagte nur: »Das ist richtig.«

Er fragte nach der Wohnung Pepas, rief einen Adjutanten, diktierte ihm ihre Adresse und sagte mit einem Zeichen auf Araquil: »Dieser Mensch wird im Gasthaus zur Sonne untergebracht, und morgen wird der Geistliche zu einer Hochzeit bestellt! Sie können gehen!«

Die Zeit wurde Juan, der die Nacht in dem zur Wache umgewandelten Gasthaus zubrachte, recht lange. Die Nacht schien ihm endlos. In der Ferne hörte er Hundegebell – Heulen, was eine Vorbedeutung des Todes ist – und Flintenschüsse bei den karlistischen Vorposten.

Gegen Morgen fiel er in einen leichten Schlummer, träumte dabei von Pepa und zählte im Traum Goldstücke in die magere Hand des alten Chegaray, die Mitgift für eine Lebende, den Preis für einen Toten.

Schon war es heller Tag, als eine Abteilung Soldaten unter einem Sergeanten Juan abholte. Wer verlangte nach ihm? Der General. Sonst antwortete der Sergeant auf die Fragen Araquils nichts. Man marschierte durch die Hauptstraße Hernanis, das Sträßlein mit den aufeinandergetürmten Häusern, in deren Sandsteinmauern alte Wappen eingemeißelt waren und deren gelb und blau bemalte Erker Sie eben noch so hübsch gefunden haben: dann machte man auf dem großen Platze Halt. Es war herrliches Wetter, der Sonnenschein lag auf der rötlichen Kirche und den eingestürzten, rauchgeschwärzten Mauern des Rathauses. Der Platz war gedrängt voll: Soldaten standen in Reih und Glied; neben den Stufen der Kirche sah man den blassen Garrido in großer Uniform, umgeben von seinen Offizieren, und nur wenige Schritte davon, schön wie eine Heilige in dem schwarzen Schleier ihres Festanzuges, Pepa mit dem alten Chegaray neben ihr.

Mit einem Blick überschaute Araquil das alles: die Truppen mit ihren in der Sonne funkelnden Bajonetten, den General, das schöne Mädchen und durch die offene Thüre der Kirche im Hintergrund die helle, große Kapelle, die im goldenen Schimmer erglänzte ...

Er wurde vor Garrido geführt. Im Vorübergehen warf er Pepa einen tiefen Blick zu, sie jedoch schien ihn mit ihren schwarzen Augen unter den langen Wimpern mit einer seltsamen Miene zu betrachten, und es kam ihm vor, als zittere das Gebetbuch – das Buch, auf das sie geschworen hatte, seine Frau zu werden, in ihren schwarz behandschuhten Händen.

Auf die Worte des Generals: »Man hole den Priester!« erschien dieser – als hätte er auf den Befehl gewartet – in weißem Chorrock auf der Schwelle, unbeweglich wie eine Bildsäule, während die schweren Glocken des Turmes mit ihrem ehernen Mund das Hosianna der Feiertage, das heitere Lied der Hochzeiten und Glücklichen anstimmten!

»Tiburcio Chegaray,« sagte alsdann der General, sich an den alten Landmann wendend, »hier steht Juan Araquil, der die zweitausend Thaler als Mitgift bringt, die Ihr von ihm verlangt habt, wenn er Eure Tochter bekommen soll. Ein Versprechen muß gehalten werden. Willigt Ihr in die Hochzeit Juan Araquils mit Eurem Kinde ein?«

Mit heiserer Stimme antwortete der alte Chegaray: »Ja!«

»Juan Araquil,« fuhr Garrido fort, »bist du einverstanden damit, Pepa Chegaray zur Frau zu nehmen?«

»Ja!« sagte Juan mit leidenschaftlicher Stimme.

In dieses »Ja« hatte er sein ganzes Sein hineingelegt. Der Priester war bereit, den Segen zu erteilen.

»Pepa Chegaray,« fragte Garrido, sich an das junge Mädchen wendend, »bist du damit einverstanden, den hier anwesenden Juan Araquil zum Manne zu nehmen?«

Zwei Schritte trat Pepa gegen Juan vor, hob ihre schönen, schwarzen Augen zu ihm empor und antwortete: »Nein!«

In der Menge hinter den Soldaten hörte man ein Murmeln, ein furchtbares Ah! Die Soldaten schauten unbeweglich drein.

»Nein!« wiederholte das junge Mädchen mit erhobener Stimme. »Ich habe geschworen, nur dir anzugehören, und da ich es einmal geschworen, so werde ich niemand angehören. Aber einem Feigling niemals!«

Juan Araquil sah aus wie ein Wahnsinniger, als er sie ansah, verstört und weiß wie der Rock des Priesters. Ganz in der Ferne hörte man in diesem Augenblick aus dem Grunde des Thales langsam von jenseits der Hügel ein dumpfes Glockengeläuts herübertönen, die Totenglocke, die langgezogene Klage des Erzes, das die Dahingegangenen beweint ... man läutete zum Gebet der Sterbenden bei den Karlisten, das Gift hatte seine Wirkung gethan.

Und allmählich, als hätten sie ihrerseits dem Toten ihre Grüße hinübergesandt, waren die Glocken Hernanis verstummt; schweigend hingen sie da oben und ließen nur das ferne Trauergeläute herübertönen ...

Dann verstummte plötzlich auch das Trauergeläute und auf dem mit Menschen angefüllten Platze lag tiefe Stille, als hätte der Wind über diese Köpfe die Nachricht herübergeweht, daß dort drüben alles vorüber sei ...

»Zucarraga ist tot,« sprach der alte Garrido.

Araquil betrachtete Pepa leidenschaftlich, sie anflehend, in ihm zu lesen: »Für dich geschah es! Für dich!« sagte er finster.

Pepa wandte den Kopf weg.

Kalt sagte alsdann der General zu Juan: »Araquil, was soll mit deinen zweitausend Thalern geschehen?«

»Mit dem Geld?«

Araquil hatte verstanden.

»Man gebe es den Armen. Ich selbst will nicht einmal ein Kreuz auf dem Kirchhofe.«

Und auf die Abteilung zeigend, die ihn hergeführt hatte, fügte er hinzu: »Sie ist für mich, nicht wahr?«

»Araquil, man tötet keinen Soldaten durch Gift,« antwortete Garrido.

Da machte Juan Araquil das Zeichen des Kreuzes, kniete vor dem Priester nieder und sagte mit lauter Stimme: »Gott sei mir gnädig!« Jetzt stimmten auch die Glocken in Hernani das Totengeläute wie die in der Ebene am Fuße des Hügels von Santa Barbara an.

Juan erhob sich, nahm aus der Tasche seiner Jacke eine Cigarette, die Cigarette Zucarragas, und bat den Sergeanten um ein wenig Feuer. Nachdem er sie angezündet hatte, brachte er sie an seine Lippen und grüßte mit einem letzten Blick Pepa, die eine Bewegung zu ihm hin machte, aber dann starr und unbeweglich stehen blieb; und der große, schöne Bursche erhob traurig lächelnd das Haupt und verschwand unter den Soldaten, denen Garrido ein Zeichen gab ...

Pepa wandte sich um und wollte ihn noch einmal wiedersehen; in dem Kreise der Gewehre aber, die sich längs der Kirche entfernten, bemerkte sie nichts als ein wenig bläulichen Rauch, der über die Köpfe und die schimmernden Bajonette emporstieg und sich an dem klaren Himmel verlor ...

In der Kirche ertönten Gesänge und Gebete, während dort unten längs jener rötlichen Mauer im Sonnenschein Juan Araquil die letzten Züge aus seiner Cigarette that.

Mitten in der Totenstille, die auf dem Platze lagerte, hörte Pepa ein entferntes Kommando und ein Geräusch von aufgenommenen Gewehren, dann schlug deutlich das Wort Feuer! an ihr Ohr.

Sie sank zerknirscht zu Boden und betete laut: »Unser Vater, der du bist im Himmel ...«

Doch das Krachen unterbrach plötzlich ihr Gebet.

Juan Araquil, noch an die Mauer des Klosters gelehnt, die Brust mit Blut überströmt, sank in demselben Augenblick zu Boden.

Als der Sergeant sich dem Körper näherte, um ihm den Gnadenschuß ins Ohr zu geben, stieg von der Cigarette, die Juan zwischen seinen Fingern hielt, noch ein dünner bläulicher Rauch empor – der Cigarette Zucarragas, und dieser Rauch überlebte Zucarraga, den Helden, und Araquil, den Mörder.

*

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