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Die Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung)

Clemens Brentano: Die Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung) - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Erzählungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07625-0
titleDie Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung)
pages7-78
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1818
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Da sagt ich, wie ich, Johannes, ein fahrender Schüler sei aus Burg Eberach und seit gestern abend ein Schreiber des Ritters Veltlin von Türlingen. Da fragte mich Herr Conrad von Dunzenheim. »Wie seid Ihr dann an Herrn Veltlin gekommen und durch wessen Empfehl?«

Da sprach ich: »Durch des Herrn Ritters Barmherzigkeit und Gottes Güte. Ich fand nahe bei dem Stift oder der Schaffenei zwischen sieben und acht Uhre Herrn Veltlin von Türlingen, neben ihm standen der Kirchherr von Eschau und etliche andere Vornehme von Adel, mir als einem fremden Wanderer alle unbekannt; da blieb ich mit meinem Bündel aus Scheu fern von den Herrn und bat bloß den geistlichen Herrn um einen Zehrpfenning an. Da rief mich Herr Veltlin mit gemeinen bürgerlichen Worten zu sich und fragte mich, von wannen ich käme, wohinaus ich wollte und was auf diesmal mein Begehren wäre. Da sagt ich ihm höflich, ich bin ein armer Schüler aus Frankenland gebürtig, sei auch etliche Wochen der Schule nachgezogen, habe jetzt meine Reise nach Straßburg gerichtet und werde durch meine äußerste Armut gezwungen, fromme Leute demütig um einen Zehrpfennig anzusprechen. Darauf antwortete mein gnädiger Herr: »Bist du ein armer Schüler und mußt dein Nahrung erbettlen, so bin ich auch deines Handwerks; ich bin vor Gott ein Bettler und muß noch täglich lernen. Zieh aber in Gottes Namen nach Straßburg zu, dann zu Straßburg sind noch viel frommer Leute, und wann du fromm bist, so wird dir Gott auch bei frommen Leuten unterhelfen.« Darauf befahl er seinem Diener, mir den Zehrpfennig zu geben. Der gab mir zwei Mönchköpfe oder sechs Batzen; worüber ich nächst seiner tröstlichen Rede so froh war, daß mir die Augen überliefen, denn ich gar wohl bedachte, was ich erst vor zwei Stunden unter der Eichen zu meinem Gott gesprochen hatte. Da ich nun meinem Herrn gedankt hatte, eilte ich mit großer Freude der Herberg zu, blieb allda über Nacht und trank eine halbe Maß Wein um einen Kreuzer und brachte in inniger Fröhlichkeit meinem Wohltäter manchen heimlichen Trunk zu, worauf ich mich mit leichtem frohem Herzen zu Ruhe begab. Gestern morgen nun stund ich früh auf und reiste nach Straßburg. Unterwegs kam Herr Veltlin auch geritten mit seinem Diener, er grüßte mich mit einem ›Bona dies‹; auch hatte er die Liebe, und ließ sich in ein lang Gespräch ein mit mir, und da ich ihm wohlgefiel, nahm er mich auf als einen Schreiber und sagte mir seinen Namen, daß ich ihn erfragen könnte; worauf er mich verließ und schneller ritt. Solang ich ihn sehen konnte, stand ich still und sagte: ›O Gott, wolle diesem Herrn hier die zeitliche Wohlfahrt und dort das ewige Leben geben!‹ Und da er hinter einem Hügel verschwand, war mir es, als sei alles ein Traum, und dacht ich: Ach, wenn dein Glück wirklich verschwunden wäre! Da rafft ich mich zusammen und lief bis vor Straßburg hin und kam heran zu dem Herrn, der mich mit Liebe überhäuft hat.«

Da ich also gesprochen hatte, kam Herr Veltlin wieder herein mit zwei Zimmergesellen und sprach zu seinen Gästen: »Hier bring ich zwei wackre Männer, die haben sich was gar Großes verheißen, das ihnen bei Gott und der Welt Segen bringen mag. Sie haben sich erboten, den Glockenstuhl zur großen Glocken zu Gottes Ehre und ihrer Freundschaft zum Gedächtnis ohne Lohn zu machen, und wollen um die Vergünstigung bei den Pflegern des Werks ansuchen.«

Die Herrn verwunderten sich darüber und stellten ihnen vor, das Vorhaben wohl zu bedenken, da solches kein Leichtes sei und sie gereuen könnte. Da haben sie sich aber mit großem Eifer anerboten, ihres Vorhabens gerichtliche Gewährschaft zu leisten, und nannte sich der eine Medard von Landau; der andre, Hans Eckstein, war ein Bürgerssohn von Straßburg; und als die Herrn sie fragten, warum sie an solch großes Gelübd als noch ledige Leute gekommen seien, wollten sie es nicht gern offenbaren und sprachen: »Das mag bei uns bleiben und vor Gott.« Da schaute ich mich um nach ihnen, denn sie standen hinter mir, und ich wundert mich sehr, weil ich sie wohl erkannte; auch kannte mich der Medard von Landau und grüßte mich; da grüßte mich auch Hans Eckstein und schüttelte mir die Hand. Herr Veltlin sprach. »Woher kennt ihr euch?« Da sprach der von Landau: »Gestrenge Herrn, der weiß darum.« Da stritten sie untereinander, ob sie ihr Gelübd offenbaren sollten, und ich ward ganz rot unter den Augen. Da ward ein kleiner Stillstand der Rede, und die Jungfrau Pelagia stand auf, schenkt drei Becher Weins ein und reicht den einen gar freundlich dem Medard, den andern dem Hans, den dritten stellt sie mir vor; da lachten die Ritter und sagten, sie hätte ihre Zeit recht weislich genommen. Die Gesellen stießen da die Becher an und brachtens der Jungfrau zu, die dankt und sprach. »Nun sollt ihr auch eure Geschichte sagen.«

Da waren sie willig und sprachen, wie ihre Eltern schon in Feindschaft gelebt hätten eines gemeinschaftlichen Werks wegen, und sei der Zorn leider mit ihnen ins Grab kommen; und nun wären auch sie lang unfreund gewesen und hätten sich Schaden gesucht; Medard sähe des Ecksteins Schwester nicht ungern, habe sich aber Gewalt angetan und auf sie geschimpft; da habe Hans ihm vorgeworfen, daß er von ungerechtem Gut lebe, denn sein Vater habe den seinen betrogen; da seien sie so im Zorn erblindet, daß sie sich zugesagt, vorgestern im Blobsheimer Wald, wo sie Holz fällen sollten, gegeneinander zu stehn und ritterlich mit ihren Äxten auf Tod und Leben zu fechten. Da hätten sie sich aufgesucht, wären aber nicht gleich aufeinander gestoßen und dadurch noch erbitterter geworden.

Als sie so weit gesprochen, wollte ihre Rede nicht mehr recht fort, und schauten sie mich an. Da dies Herr Veltlin merkte, bat er mich weiter zu sprechen, und da erzählt ich also: »Da ich im Blobsheimer Wald, wo er sich endet, unter einer Eichen lag, zu ruhen und zu beten, und darüber entschlafen war, erweckte mich ein heftiges Reden, worüber ich erschrocken erwachte; und da erblickte ich zwei Männer, mit geschürzten Armen und jeglicher eine Axt in der Rechten, zornig sich einander gegenüberstehen. Ich sprang zwischen sie und suchte sie mit freundlichen Worten auseinander zu bringen, nicht ohne große Gefahr meines Lebens, denn sie waren gar zornig; und wie ich mir so alle Mühe gab, Friede zu schaffen, da hat Gott meine Worte gesegnet und gab ihnen eine große Gewalt; auch hörten wir die Abendglocke von Eschau gar friedlich läuten. Da sprach ich ihnen zu, darauf zu hören, und fleht sie an, das Friedensglöcklein zu ehren und sich zu verzeihen um des Herrn Jesus willen, der uns allen verzeihen möchte. Der Friede kam auch über sie, sie boten sich die Hände, und wollte mir Medard von Landau ein Stück Geld geben. Ich nahms aber nicht und bat ihn, es den Armen zu geben, denn ich fühlte mich gar reich zur Stunde, hatte doch keinen Heller.« Da fuhr Hans fort: »Und dieser Sühne zum Gedächtnis hat Medard sich verlobt, den Glockenstuhl zu machen, und ich will ihm treulich helfen zur ewigen Gedächtnis des Friedens, der mit der Glocken über uns gekommen ist.« Da erwidert Medard: »Eckstein, sprich recht, deine Schwester Anna hat uns dazu beredet; da ich sie um Verzeihung meiner Rede bat, da sprach sie auch, nachher wenn die Glocke zum erstenmal läute, wolle sie mir die Hand am Altar geben.«

So ward da noch manche Rede, und baten die Gesellen die Herrn und mich, die Ursach nicht bekannt zu machen; das wär ihnen lieb und könnt Aufsehens geben. Da versprachen es die Herrn, daß es in der Still bleiben sollt, und gaben uns allen ihr Lob. Die Gesellen gingen von dannen und wurden über zwei Tag aufs Frauenhaus, wo des Münsters Sach betrieben wird, beschieden, ihr Vorhaben den Pflegern zu erklären.

Wie großes unverdientes Lob mir die Herrn gegeben, will ich nicht hier schreiben; Gott gebe, daß all mein Wesen ihm wohlgefällig und den Menschen erbaulich sei!

Gegen Abend ließ Herr Veltlin mich in den Garten rufen und sprach zu mir: »Ich muß dir nun sagen, Johannes, von den vier Jungfräulein, wer sie sind und was ihr Wesen ist, auf daß du dein Dasein ihnen angemessen und nützlich machen mögest. Die älteste, welche du in geistlicher Tracht einhergehen siehst, ist meine Tochter Otilia; sie ist ein frommes Kind und hat sich vorgenommen, in St. Otilien Kloster zu Hohenheim aufs Jahr das Gelübde abzulegen. Die zweite aber, welche du heute zu Tisch aufwarten sahst, ist meine jüngere Tochter, Gundelindis mit Namen; sie ist eine weltliche Braut und einem Edelmann verlobt, der auf einer Fahrt nach Italien begriffen ist und dessen Heimkehr wir täglich entgegensehn. Das traurige Mägdlein aber heißt Athala; sie ist eines Schlossers Tochter, welcher sonst mein Nachbar war und viel kunstreiche Arbeiten an der Uhr im Münster verrichtet hat; er war in seinem Gemüt ein gar trauriger Mann, und liegt über seinem ganzen Stamm ein wunderbares finsteres Geschick, das hat ihn auch bis zu seinem Tode begleitet. Ihre Mutter war ein ehrliches und menschenfreundliches Weib, eine hülfreiche Freundin meiner seligen Hausfrau; und als diese mir in der Geburt Gundelindis' für dies zeitliche Leben genommen wurde, so übernahm sie Gundelindis zu säugen, da sie auch kaum die Athala zur Welt gebracht hatte. So sind dann beide Milchschwestern, und Athala ist, da sie eine Waise ward, welches nun zwei Jahre sind, nun als mein Kind in mein Haus eingetreten. Sie hat aber ein unglückliches Gemüt von ihrem Vater ererbt, ist stets voll Zweifel und Besorgnis und kann ihre Hoffnung nicht recht von irdischem Gute abwenden. Auch bei der kleinsten Verrichtung ist sie zum voraus eines übeln Ausgangs besorgt, und wenn es dann gelingt, so hat sie keine Freude und nennt es einen Zufall.«

»Ach«, unterbrach ich den Herrn, »das ist wohl ein armer Mensch, der seine einzige Hoffnung nicht auf Gott stellt und auch irdischem Glück nicht vertrauen mag; ein solcher ist wohl ohne Himmel, ohne Erde; er ist wohl nichts als bloß ein trauriger Gedanke. O wie sehr bedaure ich diese Jungfrau!«

Da fuhr mein Herr fort: »Nun ist ihr Leid gar schwer, wie ich heut von Gundelindis vernommen, und hatte ich dessen Ursprung noch nicht recht erkannt. Athala schläft aber mit Gundelindis in einer Kammer, und haben sie ein besonder Vertrauen zueinander. Da ich nun heut meine Tochter gefragt, ob sie nicht wisse, warum Athala gestern im Garten so wunderlich von ihrem Ringe gesprochen habe, antwortete sie mir, daß diese Nacht Athala viel heimlich geseufzet und in der Meinung, als schlafe sie, einigemal zu sich selbst gesprochen: ›Ach, so besteht dann keine Liebe für mich auf Erden, so soll ich dann hinsterben, ohne ihn wiederzusehn‹ – und andre bewegliche Worte; worüber Gundelindis sie angeredet und gesagt: ›Athala, mein Schwesterlein, was fehlt dir? Hast du deine Sinne in eines Mannes Anblick verloren?‹ und hat sie beschworen bei ihrer Mutter, deren Brust sie beide getrunken, ihr zu vertrauen; aber Athala hat nicht geredet und hat gesagt, sie hab im Traum gesprochen. Was ich nicht glaube, denn sie hat oft und vielmal so gesprochen, da doch die Seele im Traum nicht lange verweilt und von einem zum andern eilt. Nun ist mir kein Zweifel, daß sie in irgendeines Mannes Liebe unglücklich gefangen liegt, und muß ihr Leid schon lang und nicht zu helfen sein, da sie bescheiden ist in allem, was sie begehrt, und leicht entbehren mag, wenngleich mit stillem Schmerz.

Nun aber muß ich noch reden von Pelagia, der jüngsten unter den vier Mägdlein, die doch älter erscheint in Erkenntnis, Rede und Gebärde; denn sie ist nicht aus diesen Landen, ich habe sie als eine arme Waise in Jerusalem aufgefunden und hier in Straßburg taufen lassen. Diese Jungfrau besitzt eine herrliche Seele, und von ihren Lippen kommen gar wunderbare Reden gleich den listigen Erfindungen der Dichter, oft wenn man sich solcher gar nicht vermutet. Mit großer Freude hört sie Geschichten und Lieder und erfindet auch selbst allerlei Abenteuer, die sie ihren Schwestern gar lebhaft darzustellen weiß, daß ich oft selbst mit allen Sinnen aufmerken muß. Eine innere tiefe Heiterkeit ist in ihrer Seele, sie betrachtet die Natur mit aufmerksamer Liebe und ist oft lange ernsthaft, ohne traurig zu sein. Wenn sie betrübt wird, so bricht sie schnell in heftige Tränen aus, wird aber gleich fröhlich und singt: ›Es hat einmal geregnet, die Läublein tröpflen noch.‹ Vor allem hat sie gar große Lust zur Musik und kann die Orgel schön schlagen; auch singt sie viel geistliche und weltliche Gesänge mit einer ganz anderen herzergreifendern Art als andere, wenn es gleich dieselben Weisen sind. Ich kann nicht sagen, daß sie Gott ergeben sei; ich muß sagen, sie sei ganz voll von allem, was Gottes ist, wenn ich sagen will, daß sie gar fromm ist. Doch hat sie keine Verachtung vor weltlichen Dingen und weiß in allem, was sie mit Rede oder Handlung berührt, ein Wesen zu erwecken, das, wo nicht heilig, doch sehr ehrwürdig ist. Doch du solltest beinah glauben, Johannes, als liebe ich Pelagia mehr als die andern, da ich so viel von ihr rede und doch nicht zu sagen weiß, wie sie ist.«

»Herr«, sprach ich da, »ich glaube das nicht; aber es ist schwer zu sagen, was die Gestalt des Bewunderungswürdigen sei. Wenn wir von dem Wesen des Menschen sprechen, so sagen wir von ihm Weltliches oder Geistliches; wir sagen, wie er sich entweder der Erde oder dem Himmel ergibt. Ich möchte die Rede vergleichen mit dem Betrachten der Pflanzen, die entweder an der Erde kriechen oder ihr Haupt als Blume zum Himmel richten; aber es mag wohl noch etwas geben, was wir mit beiden nicht vergleichen können, was nicht wegen der Welt weltlich, wegen dem Geist geistlich ist, was um seiner selbst willen in sich selbst weltlich und geistlich ist, was schön ist vor den Augen der Menschen und der Engel, was betet aus innerer Lust und scherzet in tiefer Andacht und von allem nichts weiß als vom Leben, dem ewigen Leben, nicht von jenem nach dem Tode, nein, vom Anfange her bis zum Ausgang. Und wenn wir solche Menschen finden, sind wir lang mit ihnen, ohne sie zu kennen, tun ihnen auch wohl oft Unrecht, weil wir sie bezwingen wollen, um sie zu begreifen; aber wir müssen sie bewundern, und ist es fast, als wären sie ohne Erbsünd geboren, und wie dem sei, so hat Gottes Gnade groß an ihnen gewirkt, da er sie als Lehrer und Dichter gesetzt hat, ihn und das Leben zu verkündigen und zu preisen. Gar schön steht also Pelagia zwischen Euren beiden Töchtern, da Otilia sich Gott allein und Gundelindis sich ehlicher Zucht will ergeben; in ihre Hand mögen beide ihre Hände legen.

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