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Die Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung)

Clemens Brentano: Die Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung) - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Erzählungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07625-0
titleDie Chronika des fahrenden Schülers (Urfassung)
pages7-78
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1818
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Da ich diese Worte geredet, sah ich vier Jungfrauen den Baumgang zierlich gekleidet und mit züchtigen Gebärden heraufgehen und sagte es dem Herrn Ritter, wollte mich auch zurückziehen, um ihn in seiner Gesellschaft nicht zu stören. Der Ritter aber sprach: »Bleibe da, Johannes, es sind meine lieben Kinder, und ich will euch bekannt miteinander machen.« Ich aber war in mir besorgt und fühlte eine Scheu vor ihnen, denn ich hatte vorher nie mit solchen zierlichen Jungfrauen geredet, als wenn ich einen Zehrpfennig begehrte. Auch muß ich wohl bekennen, daß ich sehr beweget ward, wie ich die Jungfrauen durch den Lindengang heranwandeln sah. Ich habe auch nachmals dieses meinem Herrn Ritter erzählet, da wir schon so bekannt miteinander waren, daß in unsern Gesprächen keine Heimlichkeit mehr bleiben konnte. Ich sagte aber zu ihm, daß nichts ehrwürdiger und heiliger auf Erden erscheinen könne als ein züchtige, schöne und fromme Jungfrau, ja daß sie mir ehrwürdiger und rührender erscheine als das Alter selbsten. Das habe ich aber zuerst empfunden, da ich des Ritters Töchter erblickte, welche gleich glänzenden Engeln durch die grünen Gebüsche schritten; und war unter den vier Jungfrauen immer eine lieblicher als die andere, doch ohne daß sie hätten einander übertreffen können.

Sie neigten sich züchtig und freundlich vor meinem Herrn und grüßten dann auch mich sehr liebreich. Der Ritter aber sprach zu ihnen: »Sehet, das ist Johannes, mein Schreiber, ein frommer Schüler, den ich gestern auf der Straße gefunden und mitgenommen habe, daß er uns aus allerlei Geschichten zu nützlicher Ergötzung vorlese und auch meine liebe Kinder im Lesen, Schreiben und allen Künsten unterrichte, die er besitzet; und wollet ihn lieben und ehren wie euren Bruder, ich will ihn lieben und schützen als einen Sohn.« Da richteten die Jungfrauen ihre hellen Augen freundlich auf mich, und ich kniete nieder und sprach recht aus bebendem Herzen: »Fromme Jungfrauen, ich bin ein armer fahrender Schüler, habe auch auf Erden kein Eigentum, auch ist Vater und Mutter bei Gott, kein Bruder und keine Schwester ist mir geboren, die Welt war mir einsam und ein Tempel des gütigen Gottes, in dem ich betete wie ein fremder, ewig wandlender Pilger, der seine Heimat auf Erden nicht finden konnte; aber Gott hat mich erhöret, und wie ich auf meinen Knien flehte, da hat er meinen gnädigen Herrn, euren Vater, zu mir gesendet, der hat mich in die Arme geschlossen als seinen Sohn, und da seid auch ihr freundlich vor mir erschienen und wollt meine liebe Schwestern sein; so seid dann geduldig und mitleidig mit der Armut, und lasset uns alle den lieben Gott bitten, daß wir uns lieben wie seine Kinder.« So habe ich da gesprochen, und sind mir die Tränen über die Wangen geflossen.

Zuerst aber trat die größte von den Jungfrauen zu mir und hob mich freundlich auf mit den Worten: »O Johannes, du gleichest mir wohl; auch ich bin einsam auf Erden und eine Waise und habe an deinem Herrn einen Vater gefunden wie du.« Sie war vor den andern drei Jungfrauen sehr ausgezeichnet, nicht durch Schönheit, sondern durch ihr schwarzes Haar und Augen und eine angenehme Kühnheit aller Gebärden. Die zweite Jungfrau, welche langes blondes Haar hatte, nahte sich mir dann auch mit züchtigem Schritt und reichte mir ihren Rosenkranz zum Geschenke dar, indem sie mit ihrer andern Hand das weiße Schleierlein, das über ihrem Angesicht hing, leise aufhob und mich gar holdselig anblickte; aber sie hat nicht zu mir gesprochen. Ich hängte ihr Geschenk an meinen Gürtel und dankte ihr höflich.

Da trat die andre Jungfrau zu mir, neigte sich und reichte mir ihre Hand, an der sie ein goldnes Ringlein trug und sprach: »Willkommen, lieber Bruder« und lächelte. Ich grüßte sie höflich wieder, und alle lächelten, die zugegen waren, weil wir uns die Hände so munter schüttelten, als hätten wir schon viel Brot miteinander gegessen. Sie hatte ein hübsches seidnes Gewand an, und ihre Haare waren zierlich geflochten und mit farbigen Bändern durchzogen, auch war sie die fröhlichste unter allen.

Die vierte Jungfrau hatte aber auf das, was die andern getan, nicht geachtet; sie stand allein an einem Baum und schien gar traurig zu sein. Sie hatte Sternblümlein in der Hand und riß ihnen die Blätter aus mit einer großen Schwermut des Herzens. Ich ging darum zu ihr hin und wollte mir auch von ihr einen freundlichen Willkomm ausbitten, aber da ich ihr näher kam und ihr sagte: »Liebe Schwester, was betrübet Euch?«, da hatte sie das letzte Blättlein der Sternblumen ausgerissen und sprach mit wehmütiger Stimme zu sich selbst. »Ach, er kömmt wieder und liebt mich nicht.« Sie hob die Augen gegen mich auf, und da sie mich anblickte und ich sie wieder fragte: »Jungfräulein, was betrübet Euch?«, da stiegen ihr die Tränen in ihre großen Augen, und hielt sie die Hand vor das Angesicht und reichte mir mit der andern Hand die Stengel der Sternblümlein dar, an denen keine Blätter mehr waren. Ich nahm ihr die Blumen ab und dankte ihr, da sprach sie: »Lieber, ich habe sie in Gedanken zerrupft; ich will dir andere brechen.« Da bückte sie sich zur Erden und wollte andere brechen, aber ihr Ringlein fiel ihr von dem Finger in das Gras. Da suchten wir alle um das Ringlein und konnten es nicht finden, worüber sie immer noch betrübter ward. Endlich fand ich den Ring wieder und gab ihn ihr zurück; da dankte sie mir und sprach zu den andern Jungfrauen: »Mir steht groß Leid bevor, ich habe einen traurigen Traum gehabt, und viel heimlicher Schmerz und Sorge zehren an mir. Vorigen Mai, nun ist es ein Jahr, da ich dies Ringlein erhielt, da war es mir viel zu enge und schmerzte mich, aber nun fällt es mir von der Hand. Ach, es steht keine Treue auf Erden fest.« Da weinte sie wieder, und die andern Jungfräulein trösteten sie und vor allen jene, welche mich von der Erde aufgehoben hatte. Die sprach zu ihr: »Liebe, Treue steht wohl fest, das Ringlein ändert sich nicht, aber deine Hand hat sich verwandelt; könntest du das Ringlein in dein treues Herz verschließen, so wäre es wohl verwahret. Ich habe mir den Frühling zu meinem Liebsten erwählt, der bleibt ewig treu und kehrt immer liebevoll zur Erde zurück, und die Tautröpflein sind die Freudentränen des Wiedersehens. O weine nicht bei so fröhlicher Zeit.«

Da sie also gesprochen hatte, läutete man zur Messe in dem Münster, und die Jungfrau mit dem Schleierlein sprach zu der betrübten: »Laß uns zur Kirche gehen und Gott bitten, daß er dir Frieden sende«; und gingen also die vier Jungfräulein von uns hinweg zur Kirche.

Der alte Ritter hatte währenddem immer zugesehen und sich an den Worten seiner Kinder ergötzet und fragte mich nun: »Johannes, wie gefallen dir meine Kinder?« »Herr«, sagte ich, »ich bin nicht so kühn, über die Holdseligkeit dieser Jungfrauen auszusprechen; ich kann auch heute nicht wohl sagen, wie mir der Mai gefällt und wie mir mein neues glückliches Leben gefällt, denn ich bin allzusehr in Freuden gefangen, und hat die innre Bewegung meiner Seele gleichsam meinen Gedanken und Worten Feßlen angelegt.« Da sprach der Herr wieder: »Johannes, ich glaube, meine Kinder gefallen dir nicht wohl, weil du nicht reden willst«, und ich erwiderte: »O gnädiger Herr, wie verdiene ich solches Vertrauen; es ist wahrlich nicht, als erschienen mir Eure Töchter nicht alle lieblich und fromm, aber es ist mir wohl oft schon so auf meinen Wanderungen ergangen; wenn ich durch die Städte und Dörfer hinzog und um das liebe Brot sang, und es trat eine schöne Jungfrau an die Türe und reichte mir eine milde Gabe und bat mich, ich sollte ihr noch eins singen, da konnte ich auch keinen Ton mehr vorbringen und sprach: ›Ich will Euch in mein Gebet einschließen.‹ Wenn ich dann wieder durch die grünen Felder und Wälder hinschritt und der liebe blaue Himmel über mir lag und tausend Vögelein lustig um mich sangen, da setzte ich mich in die Büsche und verzehrte singend mein Mittagbrot oder kniete in einer einsamen Waldkapelle und betete für die Mitleidigen, die mit mir geteilt hatten. Da habe ich oft über Gebet und Gesang nachgedacht und habe gefunden, daß Gebet und Gesang wohl Schwestern sein mögen, die sich einander herzlich lieben und nie sich voneinander ganz trennen können; nichts aber ist mir dann herzlicher und entzückender vorgekommen, als wenn sich diese zwei Schwestern liebend umarmten.«

»Lieber Johannes«, sprach da der Ritter scherzhaft, »hast du wohl die zwei Schwestern gesehn? Sie müßten gar schön gestaltet sein und sich wunderbar freundlich und holdselig bezeigen.« Darauf antwortete ich ihm: »Wer diese zwei Töchter des Himmels recht begreifen und anschauen will, der muß sie selbst im Herzen tragen und muß selbst beten und singen können, dann erblickt er sie überall wieder und sieht, wie sie im Innersten alles Lebens wohnen; und dann fühlt man erst recht, wie die ganze Erde und alle Geschöpfe Gott loben, wie alles Leben mit seinem Wandel, seinen Freuden und Leiden nur ein heiliges Feuer ist, in dessen tausendfältig spielenden Flammen sich die Liebe des allmächtigen Gottes selbst entzündet hat. Ach, dann hört alle Einsamkeit auf Erden auf und aller Zweifel, und ist einem frommen Menschen das Leben recht wie der heilige Tempel zu Jerusalem, wenn um das heilige Grab des Herrn Jesus Christus tausend Pilger aus allen Weltgegenden zusammenströmen und nur eine einzige Stimme in vielen verschiedenen Sprachen zu Gottes Lobe erheben. Aber nicht in allen Menschen, nicht in allen Geschöpfen ist die Andacht dieselbe, und hat auch jedes Wesen seine eigne Art, welche es immer zu erhöhen und zu verschönern sucht, um dem Tempel Gottes eine Zierde zu werden. Der Mensch aber ist nach Gottes Ebenbild erschaffen, und er ist der Spiegel der ganzen Natur; nur wenn der Mensch verdirbt, verdirbt die Erde, und nur wenn der Mensch recht blüht in Tugend und Kraft der unsterblichen Seele, wird auch die Erde herrlich zu Gottes Lobe entflammen, denn er ist als Herr und Meister in den Garten gesetzt worden, daß er Rechenschaft davon gebe.« »Deine Rede gefällt mir gar wohl«, sprach da der Ritter, »aber es sind doch nicht alle Menschen gleich stark und mächtig erschaffen, und kann doch nicht ein jeder dem andern gleich sein in der Zahl der guten Werke.«

»Herr«, erwiderte ich ihm, »die Anzahl tut es nicht, denn der ist wohl frommer, dessen ganzes Leben ein einziges gutes Werk ist, als der, welcher seine Handlungen zählen kann. Wer vermag unsers Herrn Jesus Tugenden zu zählen? Ist er nicht wunderbar geboren aus unendlicher Liebe, und hat gelebt wie die Ewigkeit der Tugend, und ist gestorben, um den Tod der Sünde von uns zu nehmen? Die Ewigkeit ist ohne Zahl und Maß, und die Ewigkeit ist die Krone der Tugend; auch ist die Tat nicht die Tugend, sondern der ewige Wille, die unendliche Liebe, das lebendige göttliche Streben ist die Tugend; die Tat ist nur ein Kind der Tugend, die Tugend aber soll das ganze Leben sein, auf Erden das streitende und im Himmel das triumphierende Leben. Die Blume, die ihr künstlich im Winter erziehet, sie ist kein Kind des Frühlings und wird früher sterben, so auch die Tat ohne Leben. Nicht die Blümlein hier im Garten, die wohl zu zählen sind, sind der Frühling, nicht der freudige Mai, der nicht lange währet, ist die Herrlichkeit der Natur, nein, er ist gleichsam nur wieder eine Blume im Garten des Jahres. Die Ewigkeit der Natur, die unendliche lebendige Liebe und Allmacht Gottes, die nicht zu zählen und zu ermessen ist, sind das Wesen der Tugend; denn Gott hat gesagt, daß wir tugendhaft sind, wenn wir ihm ähnlich werden.

Ich habe einen Gärtner in Franken gekannt, der wohnte nur wenige Stunden von unserm Dorfe und war ein gar frommer und liebreicher Mann, der seine zahlreiche Familie und seinen eignen alten Vater mit seinem Garten ernährte, und wer schöne Blumen und Früchte verlangte, der kaufte sie bei ihm. Ich habe mich oft bei diesem frommen Mann aufgehalten und wohl bewundert, wie er seine Arbeit eingeteilt hatte. Er grub die Erde um mit seinen größeren Söhnen und setzte die jungen Bäume und Gewächse, seine gute Frau band die Stämme an Pfähle, um sie schlank und grad zu ziehen, und zog die Zweige zu Lauben und Hütten zusammen, seine frommen Töchter, die noch gar klein waren, pflegten die Blumen und begossen sie aus kleinen Gefäßen, und unter einem hohen starken Baume, den er einst selbst gepflanzt hatte, saß sein alter Vater unter den kleinen Kindern und band die Blumen zu Sträußern, die die erwachsene liebe Tochter zierlich geordnet hatte und dann an Festtagen nach der Stadt zum Verkaufe trug. So war eines jeden Werk ein anderes, aber alle taten doch das ihrige und waren fromm und von Gott gesegnet. Eine rechte Freude, ja auferbaulich war es anzusehn, wenn diese lieben frommen Gärtner in die Kirche gingen, sie machten ordentlich eine kleine Prozession. Sie waren alle mit Blumen geschmückt, und an Festtagen schmückte jedes Kind das Bild seines Patrons mit schönen Kränzen und Sträußern. In der Kirche erhob sich Gesang, klingend und lieblich über alle andre Stimmen, denn sie waren alle reinen Herzens und voll innigem christlichem Mut. Wenn sie zusammen im Garten arbeiteten, so war dieser auch gleichsam ein lebendiges Gotteshaus, denn sie waren da alle einig und fromm wie Kinder Gottes und sangen oft einstimmig ein fröhliches Loblied des Herrn; die Kleinen aber, die um den alten Großvater herum saßen, hörten ihm zu, wie er sie im christlichen Glauben unterrichtete und ihnen heilige Geschichten erzählte. Bei diesen Leuten habe ich am meisten Gutes gelernt und habe ihnen vieles zu danken, das wie Samenkörnlein in mein Herz gefallen und jetzt erst recht zur Blüte in mir emporgewachsen ist. Denn, lieber gnädiger Herr, man kann wohl sagen, daß die Tugend das ist, was ewig belebt und alles zum unvergänglichen Wachstum bringet; und daß das Böse den ewigen Tod in sich fasset und unaufhörlich zerstöret. Ich kann wohl sagen, in ihnen hatte sich Gesang und Gebet recht innig verbunden, denn sie waren jegliches in seinem Herzen still und demütig in kindlicher Anschauung Gottes und der wunderbaren Allmacht seiner Werke begriffen, und zugleich breitete sich ihr Gemüte freudig und gesund durch ihr Leben aus; sie konnten in allem, was sie sahen, den großen gütigen Meister der Natur verehren und anbeten, aber sie konnten auch in allem, was sie besaßen, mit recht lebendiger Fröhlichkeit sich ergötzen und es genießen. So waren sie glücklich und Gott lieb in Unschuld und ohne es zu wissen.

Nun aber gibt es fromme Menschen, welche in dem Leben wie einsame Waldblumen schweigend blühen, die aus innerm ruhigem Treiben ihr Haupt bescheiden zum Himmel erheben und in sich und um sich Gott in tiefer Einfachheit verehren; sie sind wie Bilder der ewigen Ruhe und des heiligen Friedens in das stürmende Leben gestellt, dessen wunderbarer Wechsel sie nicht berührt, sie sind gleichsam betrachtungsvolle Greise mit kindischen jugendlichen Locken und sehen nur Gott in allem und fürchten sich nicht vor ihm, er ist ihnen ein gütiger Vater, und ihr Gebet ist zu Gott, wie die Rede der kleinen Kinder zu ihren lieben Eltern, stammelnde unschuldige Freundlichkeit; sie sehen nichts als ihren Gott und wollen nichts als ihn lieben, wie auch die kleinen Kinder tun, und wie diese weinen, wenn sie allein sind, so liegen auch jene in tiefer Buße und flehen zu Gott, wenn er sich von ihnen wendet. In ihrem Herzen ist das Gebet, ihr Leben ist ein ewiges stilles Gebet, auf ihrem Angesicht ruht freundliche Begeisterung, und wir werden durch ihre Gegenwart erquickt und auferbaut.«

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