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Die Brüder Zemganno

Edmond de Goncourt: Die Brüder Zemganno - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond de Goncourt
titleDie Brüder Zemganno
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1909
illustratorDely
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131206
projectid3446de3b
wgs9110
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Zweites Kapitel

Der Direktor der Truppe, der Alte in der Husarenjacke, Signor Tomaso Bescapé, ein brauner Italiener, der fast weiß geworden war, zeigte dem Betrachter ein paar durchdringende, stets unruhige Augen, die er mit einer fast krankhaften Beweglichkeit hin und her rollte, dazu eine Mimiker-Physiognomie, von langen Haaren in der Farbe rötlichen Staubes umrahmt.

In seiner Heimat war Tomaso Bescapé nach und nach ein Weilchen Koch, ein Weilchen Sänger, ein Weilchen Korallen- und Lapislazulihändler, ein Weilchen Buchhalter bei einem Rosenkranzverkäufer in der Via Condotti, ein Weilchen Cicerone, ein Weilchen Beamter bei einer Gesandtschaft gewesen, als ihn eine Laune seines Abenteurerdaseins nach dem Orient wirbelte, wo der vielsprachige Mann, der in wenigen Tagen alle Sprachen und Dialekte zu reden wußte, Dragoman für die Palästinareisenden wurde; dann, nachdem er sich in einer Anzahl unbekannter und abenteuerlicher Berufe versucht hatte, sammelte er Baumknorren in Kleinasien. Dieser Italiener besaß eine wunderliche Natur, unerschöpflich in Schlichen und Hilfsmitteln. Er war ebenso gewandt in allen Kunstfertigkeiten, wie geschickt im Zurechtstutzen von Menschen und Dingen; er fand nicht nur Gefallen an allen Erscheinungen und Verwandlungen seines Lebens, das wie eine Aufeinanderfolge von Theaterszenen war, sondern er trug auch die Misere der Zwischenakte mit jener spottenden Lustigkeit, die aus den Erzählern des Cinquecento lacht, und bewahrte im verzweifeltesten Mißgeschick eine amerikanische Zuversicht auf den nächsten Tag. Überdies war er ein großer Naturfreund und ergötzte sich weidlich an den Schauspielen, die sie Leuten, welche alle fünf Erdteile zu Fuße durchwandern, umsonst gewährt. Nachdem er sich jahrelang in der Gegend des alten Troja herumgetrieben und sich nachlässig mit dem Sammeln von Baumknorren beschäftigt hatte: den Auswüchsen an den Nußbäumen dieses Landes, aus denen man in England sehr geschätzte Möbelfurnituren herstellt, fand man Bescapé eines Tages als Kassierer des Tirco Olimpico zu Pera wieder, wo er mit den Funktionen des Kassierers, wenn das Geschäft es verlangte, die eines Kunstreiters verband. Bei seiner mageren Besoldung kam dem Italiener nun die Idee zu einem Geschäft, das für seine Zeit ganz neu war. Als er vor der Tür eines Cafés nach türkischer Art seine Pfeife geraucht hatte, nahm er den Teppich, auf dem er gesessen, für eine Medschidie mit; ein paar Tage später verkaufte er ihn an einen Fremden. Da der Verkauf sich lohnte und er Vertrauen faßte, so begann er, in den Bazaren ganze Stöße von Teppichen aufzukaufen, die er bloß aus der Rückseite anzusehen brauchte; solche Kenntnis begann er sich in diesem Geschäft zu erwerben und so gut kannte er die Trägheit der ottomanischen Kaufleute. Ja, bald trat er, abgesehen davon, daß er sich selbst ein kleines Lager hielt, in Verbindung mit einem Korrespondenten in London und einem in Paris, und einige Künstler begannen, diese unnachahmlichen Erzeugnisse anzukaufen, die von einer farbensinnigen Bevölkerung hergestellt werden und in deren Gewerbe zwischen den märchenhaften Schattierungen oft eine Haarsträhne in bestimmten Abständen die tägliche Arbeit der Frau bezeichnet, die den Teppich langsam und liebevoll in ihrer sonnigen Heimat geknüpft hat. Durch diesen Handel gelangte Bescapé fast zu Reichtum; der aber brachte ihm mit der Klugheit auch die Versuchung, irgendwo selbst Herr zu werden. So als Lestrapade, der Direktor des Circo Olimpico, ihm vorschlug, ihn und seine Truppe nach Ostasien zu begleiten, wo er ein großes Vermögen zu erwerben hoffte. Bescapé plauderte mit den Gefährten, horchte die aus, denen diese Reise widerstrebte, und bestimmte sie mit seiner Sprachgewandtheit und seinem fast beredten Geschwätz, sich unter seine Direktion zu stellen und mit ihm nach der Krim zu gehen, wo er auf Grund tatsächlicher Erkundigungen die Gewißheit hatte, daß ein Zirkus mit der größten Gunst Aufnahme finden würde.

Lestrapade, von zehn seiner Artisten verlassen, stand von seinem abenteuerlichen Plane doch nicht ab. Eines Morgens reiste er mit seiner noch ziemlich ansehnlichen Truppe nach Moskau, erreichte Wiatka, durchquerte Sibirien, hatte in der Wüste Gobi ein Scharmützel mit den Mongolen, wobei der größte Teil seiner Leute fiel, verlor sämtliche Pferde und gelangte wie durch ein Wunder nach Tientsin, ohne andere Begleitung als die seiner Tochter, seines Schwiegersohnes und eines Clowns. Der unerschrockene Direktor erreichte Tientsin am Tage nach der Ermordung des Konsuls und der barmherzigen Schwestern; doch ohne den Mut zu verlieren, setzte er die Reise fort und erreichte schließlich Shanghai, wo er seine Truppe durch Matrosen und chinesische Ponys vervollständigte und sich nach Japan einschiffte.

Tomaso Bescapé seinerseits war nach Ankauf des nötigen Materials nach Sympheropol gegangen, wo sein Zirkus enorme Erfolge hatte. Der Italiener hatte sich, als schlauer Diplomat, der er war, gleich bei seiner Ankunft in Sympheropol der Offiziere zu versichern gewußt und sein Unternehmen sozusagen unter ihren Schutz gestellt. Er hatte die Herren durch seine Liebenswürdigkeit, seinen munteren Witz, seine fröhliche Gutmütigkeit bestochen und sie zu Lobrednern und Werbern für seinen Zirkus gemacht. So entstand eine Gemeinschaft bei Tag und bei Nacht, wo man das Zigeunerviertel aufsuchte und Offiziere wie Direktor beim Umherreichen von grob mit Früchten bemalten Eisentellern voller Backwerk und unter Strömen von »Don-Champagner« bis zum hellen Morgen durchwachten, um dem Tanz der Zigeunerinnen zuzusehen. In diesen Nächten geschah es, daß Tomaso Bescapé, der sein Leben lang verliebter Natur gewesen, trotz seiner geschlagenen fünfzig Jahre sich in eine junge Zigeunerin mit jener heißen Leidenschaft verliebte, welche die dämonische Anmut dieser Tänzerinnen einflößt. Sie empfand gegen den Direktor den Widerwillen eines jungen Mädchens gegen einen Greis, und zugleich die Abneigung einer Romy gegen einen Giorgio. Audotia Rudak, die Mutter der Tänzerin, eine alte Kupplerin, hatte doch Vorurteile hinsichtlich seines Blutes und weigerte sich, ihm ihre Tochter anders als zu einer rechtmäßigen Ehe zu verkaufen, noch dazu für eine Summe, durch die aller Gewinst beim Teppichhandel und während des ersten Jahres in Sympheropol draufging. Und der alternde Greis bezeigte der jungen Frau, die ihn mit unverhohlenem Widerwillen genommen hatte, und deren Kälte während ihrer ganzen Ehe nicht nachließ, eine an Verzauberung grenzende Anbetung. Sie trieb ihn unter den Qualen der Eifersucht sechs Monate nach ihrer Verbindung aus der Krim fort und machte ihn, als er Vater geworden, gleichgültig gegen seine kleinen Kinder, als gehörte alle seine Zärtlichkeit und alle Glut seines Herzens nur der geliebten Zauberin.

Bescapé war mit seiner Truppe nach Italien zurückgekehrt und von da fast unmittelbar nach Frankreich gegangen, wo er mit den Jahren Kunstreiter und Pferde allmählich abschaffte und sein Personal auf die bescheidene Zahl reduzierte, welche die Verminderung der Einnahmen und die Zunahme der Konkurrenz gebot. So gab er seit einem Jahrzehnt etwa neun Monate jährlich Vorstellungen und kehrte im Winter in sein Vaterland zurück, wo er während der schlechten und kalten Zeit in der Lombardei und in Italien arbeitete.

Tomaso Bescapé war mehr als ein gewöhnlicher Gaukler. Er besaß Kenntnisse über eine Menge von Dingen, zu der er weiß Gott wie gekommen war, eine Zufallsbildung, nicht aus Büchern erlernt, sondern aus dem Munde all der Menschen aus allen Nationen, die er auf den Straßen wie anderswo mit Vorliebe ausgefragt und zum Plaudern gebracht hatte; er hatte viel und auf mancherlei Art im Buche der Menschheit geblättert. Er besaß zudem eine Gabe: ein Talent zum Komischen, eine burleske Einbildungskraft. Er erfand kleine, sehr spaßhafte Possen und war in seinen Mußestunden stets in eine Sammlung von Szenarien alter italienischer Pantomimen versenkt, aus denen er bisweilen in wirklich sehr hübscher und kluger Weise schöpfte.

*

Stepanida, in unserer Sprache Stephanie, oder wie man sie mit dem Diminutiv ihres heimischen Namens nannte, Steucha, war noch sehr jung für eine Frau, die zum zweiten Male Mutter war; sie war von einer wilden Schönheit, voll Hochmut und Überhebung in Gang und Haltung. Ihr schweres, quellendes Haar wand sich in dichten, störrischen Flechten über dem schmalen, lieblichem Oval ihres Antlitzes, einem Goal wie aus indischen Miniaturen. In ihren Augen blitzten schwarze Funken; durch den dunkeln Teint des träumerischen Geschöpfes schimmerte unter den Lidern eine natürliche, rosige Färbung wie ein leichter Rest fortgewischter Schminke, und bisweilen stieg auf ihre ernsten Lippen ein unsäglich fremdartiges Lächeln empor. Zu der Eigenart dieser Schönheit paßte vortrefflich der Schmuck von Metallplättchen, Rauschgold und Similiringen, der Schmelz der unechten Perlenhalsbänder, der dicke Glasbesatz der Jahrmarktsdiademe, die Zickzackmuster von Gold und Silber auf ihrem grellfarbigen Flitterstaat.

An einen »Giorgio«, einen Fremden verheiratet – ein seltener Fall – war die Zigeunerin wie alle ihres Stammes, die sich seit Jahrhunderten dem Aufgehen in der europäischen Völkerfamilie widersetzt haben, eine Tochter jener primitiven Wanderstämme vom Himalaya, jener Jatts geblieben, die seit Anbeginn der Welt unter freiem Himmel vom Diebstahl und der Ausübung einiger Handfertigkeiten gelebt haben. Trotz des Aufhörens jeden Verkehrs mit den Ihren, trotz ihrer fleischlichen Vermischung mit einem Christen, der täglichen Gemeinschaft mit Leuten aus Frankreich und Italien, hielt sie sich dennoch fern von den Ideen, Neigungen und Geistesgewohnheiten, dem inneren Wesen ihrer Mitlebenden, stets träumerisch in sich gekehrt, starrsinnig in ihre Vergangenheit vertieft und fromm an den Neigungen, dem Geschmack und dem Glauben ihrer geheimnisvollen Vorfahren hängend. Sie stand in einem seltsamen und unbegreiflichen Verkehr mit einem geheimnisvollen Oberhaupte, einem Priesterkönig in unbestimmter Ferne, der sich mit seinen Untertanen durch die Stimmen der Natur zu verständigen schien und dem sie ihre Anbetung in einem geheimnisvoll abergläubischen Kult darbrachte, in dem sich die Gebräuche aller möglichen Religionen vereinigten, so z. B. wenn sie durch ihr Kind Weihwasser von den Meßnern gewisser Kirchen holen ließ, um damit die Pferde und das Innere ihres wandernden Hauses zu besprengen.

Nur Stepanidas Körper weilte sozusagen in dem Kreise der abendländischen Truppe; ihr Denken war stets in weiter Ferne, und ihre großen, stolz umherschweifenden Augen richteten sich, gewissen Blumen gleich, immer wieder nach Osten. Ihrer aufgedrungenen neuen Heimat, ihren zufälligen Beziehungen gehörte Stepanida nur durch ein einziges Band an: eine leidenschaftliche, fast tierische Mutterliebe für ihren Jüngstgeborenen, ihren schönen, kleinen Lionello, dessen Name sich in ihrem Munde zu Nello verkürzt hatte.

Im übrigen, soweit ihre Mutterliebe nicht in Betracht kam, erschien dies seltsame Weib mit seiner Gleichgültigkeit gegen die Gunst oder Ungunst des Schicksals, seinem angeborenen Nichtverständnis von Gut und Böse, seinem mangelhasten Gedächtnis für Geschehnisse, seiner Stumpfheit gegenüber allem, was es umgab, wie sie manchen orientalischen Völkern eigen ist, als ein Wesen, das nur halb aus einem Traume erwacht ist und auf Erden lebt, ohne sich seines persönlichen Daseins in der wirklichen Welt völlig sicher zu sein.

*

Der älteste Sohn des Direktors der Truppe, Giovanni, oder wie er genannt wurde: Gianni, hatte einen Jünglingskörper, an dem sich Ansätze von Kraft zu zeigen begannen. Bei jeder Anstrengung, jeder Bewegung traten die Muskelwülste hervor – an seinen Armen rollten die zerfaserten Rundungen von athletischen Bicepsmuskeln hin und her; seine Brust trat mit den leicht gehobenen Flächen antiker Basreliefs hervor, und in seinem Kreuz ließ jede Bewegung seines Oberkörpers einen Augenblick breite, nervige Bänder mit tiefen Rillen unter seiner Haut spielen. Er war groß, mit schönen, langen Schenkeln, von jener klassischen Männerschönheit, jenem anmutigen und geschmeidigen Fluß der Formen, der zugleich schlank und gedrungen macht, und die pralle Halbrundung der Schenkel, die an den Waden den bronzenen Flächen von Beinschienen glichen, verjüngte sich an den Kniekehlen und an den Knöcheln in seiner Schweifung. Endlich fiel bei dem Jüngling die Länge der Sehnen auf, ein Zeichen von Schwäche beim Durchschnitt, doch ein Zeichen von Kraft bei den Ringern; sie verleiht einem zusammengezogenen, gespannten Muskel die versammelte, strotzende Kraft seiner ganzen Länge.

In dieser Gesellschaft, zu der die Mehrzahl der Männer und Frauen durch die Lust am unsteten Wanderleben geführt und an sie gefesselt wird, war Gianni seinerseits erfüllt von der Liebe, der Begeisterung für seinen Beruf. Er liebte seine Kunst und hätte sie mit keiner anderen auf der Welt vertauscht. Er war Akrobat aus innerem Beruf. Er ward es nie müde, wenn er ein Kunststück, das von ihm verlangt wurde, wiederholen sollte, und sein Körper, der unter dem Beifall der Zuschauer umherwirbelte, schien nie zu erlahmen. Er empfand die höchste Befriedigung in der tadellosen Ausführung einer Nummer, in der Eleganz und Korrektheit des Gelingens. Er übte sie abseits und für sich allein, führte sie immer wieder von neuem aus und bemühte sich, sie zu verbessern, zu vervollkommnen, ihr die Grazie, die Schnelligkeit, den Zauber zu verleihen, mit denen die Gewandtheit und Behendigkeit der Artisten über anscheinend physische Unmöglichkeiten siegen. Neuen Nummern, die er noch nicht kannte und von denen die Kunde bis zu der Bude seines Vaters drang, spürte er mit spaßhaftem Kummer und komischer Verzweiflung nach und verfolgte sie hartnäckig, bis er ihrer habhaft wurde. Seine erste Frage an die Leute anderer Truppen, deren Weg man kreuzte, war stets: »Na, gibt's eine neue Nummer in Paris?«

Er verbrachte unruhige Nächte, »Holzfällernächte«, wie das Volk sagt, in denen sich die Arbeit des Tages unter dem Alp der Müdigkeit wiederholt, Nächte des Kampfes mit seinem Strohsack, in denen Giannis Körper im Traum die halsbrecherischen Übungen seines Berufes fortsetzte.

Was den zweiten Sohn betraf, so war er einstweilen noch der Säugling an der Brust der Mutter, die in ihrer ausschließlichen, unergründlichen Mutterliebe sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn bis zum dritten Jahre zu nähren, so daß man das Bürschchen von den Kindern, mit denen es spielte, fortlaufen sah, um seine Nahrung zu saugen, worauf es ebenso rasch zu seinen Spielgefährten zurückeilte.

*

Kraft, gepaart mit Sanftmut und Harmlosigkeit, das war der Grundzug des Herkules der Gesellschaft. Er besaß eine merkwürdige Trägheit und sparte sich jede unnötige Bewegung, wenn er nicht arbeitete. Man sah ihn stets in zusammengesunkener Stellung. Die Stühle zerbrachen, wenn sein gewaltiger Körper sich darauf niederließ, und die Bänke krachten in allen Fugen. Sein Gesicht hatte etwas von dem Verstört-Tierischen der Faune Proudhons, und in seinem meist halboffenen Munde glänzten die Zähne eines Wolfes. Mit außergewöhnlichem Heißhunger begabt, den nichts sättigen konnte, erklärte er, sich in seinem Leben nicht ein einziges Mal sattgegessen zu haben, und das erfüllte ihn mit der Melancholie eines Menschen, dessen Magen es ewig bestimmt ist, das Gefühl der Leere zu haben.

*

Der Schädel des Hanswurstes, kahl geschoren, als ob er Grind hätte, zeigte die Form eines jener mittelalterlichen Köpfe, deren einige der Maler Leys noch in dem alten österreichischen Brabant als Modelle für seine Bilder gefunden hat. Es waren gleichsam die Züge einer armseligen, primitiven Menschheit, die im Begriff war, sich erst zu gestalten: Augen, die unter formlose Lider geraten schienen, eine Nase, die wie plattgedrückt war, ein Mund wie die Öffnung eines plumpen, irdenen Gefäßes, und ein verschwommenes Embryogesicht in schmutzig-brauner Farbe. Und dieser elende Geselle war heimtückisch, boshaft, mürrisch und zänkisch, diebisch aus alles, was umherlag, wie auf die Nahrungsmittel für den nächsten Tag. Zwanzigmal wäre er von der Truppe fortgejagt worden – ohne die Protektion Stepanidas, die eine stille, merkwürdige Sympathie für diesen Menschen empfand, in dem sie die bösartigen und diebischen Triebe ihrer Kasse wiederfand. Agapit Cochegru liebte es, Tiere zu quälen; seine Berührungen bei den Aufführungen suchten weh zu tun, und selbst seine Witze auf der Schaubühne schienen noch ein unbezähmbares Rachegefühl für all die harmlosen Fußtritte zu atmen, die er bekommen hatte, vor allem war der Herkules der Unglückliche, den der Hanswurst sich aufs Korn genommen; er hänselte ihn, trieb ihn mit allerhand teuflischen Erfindungen zur Verzweiflung und verletzte die Einfalt des starken Mannes in ihrem empfindlichsten Punkte, da dieser sich nicht zu rühren wagte, aus Furcht, seinen Peiniger mit einem einzigen Schlage zu zerschmettern. Und der Schwache nützte diesen Vorteil über sein herkulisches Opfer erbarmungslos aus. Doch kam es zuweilen vor, daß Rabastens die Geduld verlor und dem Hanswurst mit flacher Hand einen schwachen Katzenkopf versetzte, worauf Agapit Tochegru mit dicken Tränen kläglich zu greinen begann, ein abstoßend groteskes Bild bei den kindischen Grimassen seines trostlosen Gesichtes und bei der Komik der albernen Bewegungen, welche die Übung seines ganzen Lebens seinen Gliedern verliehen hatte. Bald jedoch setzte er sich wieder dicht neben seinen Feind, um so einer Neuauflage des Klapses vorzubeugen, und begann, auf diese Weise geschützt, ihm unaufhörlich wütende kleine Rippenstöße mit den Ellenbogen zu versetzen und ihn »alter Lappen« zu nennen. So ging er ihm lange Zeit nicht vom Halse, weinend und mit laufender Rotznase.

*

Der Posaunenbläser war ein armer Schlucker, der in der Misere eines der untersten Kunstberufe lebte, so daß seine verwegensten Wünsche sich bei seiner kläglichen Besoldung nicht über die Eroberung einer kleinen Tasse Kaffee mit einem Likör erhoben. Das war das Nonplusultra seines Ehrgeizes. Seine äußere Erscheinung bestand aus fehlendem Hemde und Kleidungsstücken mit mehr Fettflecken als filziger Wolle; seine Schuhe waren an den klaffenden Sohlen von dicken Nägeln durchzogen, so daß es aussah, als ob er auf Haifischrachen schritte. Und doch war dieser Mann im tiefsten Elend glücklich! Er stand auf vertrautestem Fuße mit einem Wesen, das er liebte, das seine Liebe erwiderte und ihn alles vergessen ließ, selbst die schwarze Bosheit des Hanswurstes. Er lebte in inniger Freundschaft mit der Pudelhündin der Truppe, die infolge eines Leidens, das der menschlichen Geistesstörung sehr ähnlich ist, an zeitweiligem Verlust des Gedächtnisses litt, und zwar so stark, daß man dann auf die Fortsetzung der Dressurstückchen verzichten mußte, die das gelehrige Tier in normalem Zustande ausführte. Der Posaunenbläser, durch Zuneigung von seinesgleichen beiderlei Geschlechts sehr wenig verwöhnt, hatte zu der armen Hündin, die jetzt fast beständig krank war, solche Zuneigung gefaßt, daß, wenn er ihre Augen zu gerötet sah, er sich die geliebte Tasse Kaffee absparte, zu der er das Geld Sou für Sou seit Tagen zusammengelegt hatte, um dem Pudel dafür ein Abführungsmittel zu kaufen. Dafür – freilich nicht für das Abführmittel, das Larifette durchaus nicht liebte, wohl aber für all die Liebe und Fürsorge, die diese Kuren begleitete – dankte die kranke Hündin ihrem Wohltäter in lichten Stunden mit Blicken, in die sie alle Zärtlichkeit legte, die in den Augen eines Tieres liegen kann, ja selbst mit einem dankbaren Lachen, das alle ihre Zähne sehen ließ, – denn diese Hündin lachte wirklich! Die ganze Truppe hätte diese Tatsache vor Gericht beschworen, nachdem sie Zeuge davon geworden. Eines Tages wärmte der Posaunenbläser auf einem kleinen, auf die Erde gestellten Kochherd irgend etwas in einem Tiegel, der »Larifette« wohlbekannt war. Diese stand mit eingekniffenem Schwanz in mürrischer, aber resignierter Haltung daneben. Die Pudelhündin sah, wie der dampfende Trank vom Feuer fortgezogen, in einen Napf gegossen und mit einem Holzlöffel tüchtig umgerührt wurde; dann, zu ihrem größten Erstaunen, ward der Topf an ihrer Nase vorbei in die Höhe gehoben und zum Munde des Posaunenbläsers geführt, in dem sein Inhalt verschwand. In diesem Moment, als »Larifette« die Gewißheit hatte, daß das Zeug, das ihr Leibschmerzen verursachte, in den Magen ihres alten Freundes anstatt in den ihren gelangt war, trat auf das Gesicht der Hündin das vergnügteste und spöttischste stumme Lachen, das sich auf einem Menschenantlitz hätte zeigen können.

*

Die »Kopfnuß« verdankte ihren Spitznamen einer Kindheit und Jugend, die eine Aufeinanderfolge von Mißhandlungen und Schlägen gewesen war. Im Alter von sieben Jahren als Vagabundin in den Straßen von Paris aufgegriffen, gab sie dem Gerichtspräsidenten, der sie vernahm, folgende Antwort: »Vater und Mutter, mein Herr, sind an der Cholera gestorben ... Großvater hat mich in ein Armenhaus gebracht ... Acht Tage nach Vater und Mutter ist er auch gestorben ... Da bin ich wieder nach Paris gegangen und habe mich darin verlaufen, weil es so groß ist ...« Jetzt war sie eine Frau von achtundzwanzig Jahren, mit lohfarbenem Gesicht und Armen, die bis oberhalb der Ellenbogen braunschwarz waren und auf dem Oberarm ein großes weißes Impfmal aufwiesen. Sie trug stets eine rosa Tarlatanrobe, die mit künstlichen Guirlanden verziert war und durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, der sich über dem Leib zu einem Viereck verbreiterte, auf das rote kabbalistesche Zeichen aufgedruckt waren. Sie zeigte einen vollen Busen und eine Taille von ungewöhnlicher Schmalheit, die von nervöser Beweglichkeit war. Ihre fürchterlich umränderten Augen hatten bei dieser Umrahmung und ihrer lohfarbenen Haut ein fast erschreckendes Weiß. Ihre Halsmuskeln traten, wenn sie sich spannten, neben den tiefen Gruben ihrer mageren Büste als dicke Stränge hervor; denn sie war äußerst mager bei stark entwickeltem Busen, Hüften und Waden. Die »Kopfnuß« hatte einen großen Mund mit schönen, weißen Zähnen, eine schmale Stumpfnase und unter den Backenknochen Höhlungen, so daß bei gewisser Beleuchtung ein Totenkopf durch die Gesichtshaut hindurchstieß. Das fiebrige Flackern der Augen, das ungesunde Glänzen des Teints, die Abgezehrtheit von Gesicht und Hals und das pöbelhafte, ausgemergelte Aussehen dieses abgetriebenen Geschöpfes sprachen von dem Elend, den Leiden des Hungers, der Kälte und Sonnenglut, von der ganzen Zermürbtheit eines Weibes, dem als Mädchen der Branntwein oft genug das fehlende Brot ersetzt hatte!

Auf dem Schaugerüst sah man die »Kopfnuß«, an einem Blümchen kauend, beide Hände mit den Handrücken auf die Hüften gestemmt, ihre Taille in heftigen Bewegungen hin und her winden, als ob sie den Oberkörper aus dem Leibe herausrenken wollte; hierauf warf sie sich zurück, streckte die gefalteten Hände mit nach außen gekehrten Fingern und Ellenbogen steif vor sich hin und blieb so regungslos stehen, in die Luft starrend, die Nasenlöcher erdfahl und den großen Mund halb geöffnet.

finis

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