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Die Brüder Karamasow

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Brüder Karamasow - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDie Brüder Karamasow
translatorH. Röhl
senderRoland_Welcker@T-Online.de
correctorreuters@abc.de
created20065090
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Fünftes Buch

Pro und Kontra

1. Die Verlobung

Frau Chochlakowa war wieder die erste, die Aljoscha entgegenkam. Sie war in großer Eile und sehr aufgeregt: Es sei etwas Wichtiges geschehen. Katerina Iwanownas hysterischer Anfall habe mit einer Ohnmacht geendet; darauf sei »schreckliche Schwäche« über sie gekommen, sie habe sich hingelegt, die Augen geschlossen und angefangen zu phantasieren. Jetzt habe sie Fieber; es sei nach Doktor Herzenstube sowie nach den Tanten geschickt worden. Die Tanten seien schon da, aber Doktor Herzenstube noch nicht. Alle säßen bei ihr im Zimmer und warteten. Irgend etwas müsse sich daraus entwickeln, noch sei sie aber ohne Bewußtsein.

»Wenn es nur kein Nervenfieber wird!«

Als Frau Chochlakowa das ausrief, sah sie ernstlich besorgt aus. »Jetzt ist die Sache ernst, jetzt ist die Sache ernst!« fügte sie nach jedem Wort hinzu, als sei alles, was früher mit Katerina Iwanowna vorgefallen war, nicht ernst gewesen. Aljoscha hörte ihr bekümmert zu; als er anfing, ihr auch seine Erlebnisse zu erzählen, unterbrach sie ihn gleich bei den ersten Worten, sie habe keine Zeit. Sie bat ihn, sich zu Lisa zu setzen und bei dieser auf sie zu warten.

»Liebster Alexej Fjodorowitsch!« flüsterte sie ihm beinahe ins Ohr. »Lise hat mich soeben zutiefst erstaunt, aber auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie nur: Sie waren kaum gegangen, als sie auf einmal aufrichtig zu bereuen begann, daß sie sich gestern und heute über Sie lustig gemacht habe. Doch dabei hat sie sich eigentlich gar nicht über Sie lustig gemacht, sondern nur gescherzt. Aber sie bereute es so ernsthaft, beinahe bis zu Tränen, daß ich wirklich erstaunt war. Niemals hat sie es früher ernsthaft bereut, wenn sie sich über mich lustig gemacht hatte, höchstens einmal im Scherz. Und Sie wissen, daß sie sich alle Augenblicke über mich lustig macht. Aber jetzt bereut sie ernsthaft, jetzt kommt es bei ihr ganz ernst heraus. Sie legt außerordentlichen Wert auf die Meinung, die Sie von ihr haben, Alexej Fjodorowitsch. Und wenn es Ihnen möglich ist, seien Sie ihr nicht böse, machen Sie ihr keine Vorwürfe. Ich selbst behandle sie mit der größten Nachsicht, weil sie so ein verständiges Kind ist. Werden Sie es mir glauben – sie sagte eben zu mir, Sie seien ihr Freund in ihren Kinderjahren gewesen. ›Mein bester Freund in meinen Kinderjahren!‹ Denken Sie nur, ihr bester Freund! Und ich? Sie hat in dieser Hinsicht sehr ernsthafte Gefühle und sogar Erinnerungen. Ganz besonders imponieren mir aber diese Redewendungen und ganz unerwarteten Wortspiele, auf die man gar nicht gefaßt ist, plötzlich springt ihr eins aus dem Mund. So erst neulich von einer Linde. Das war so: Bei uns im Garten stand in ihrer frühesten Kindheit eine Linde; vielleicht steht sie auch noch da, so daß man gar nicht in der Vergangenheitsform von ihr zu reden braucht. Linden sind ja keine Menschen – sie bleiben lange unverändert, Alexej Fjodorowitsch. ›Mama‹, sagte sie, ›ich erinnere mich noch an diese Linde – sie duftete so linde.‹ Sie drückte das sicher etwas anders aus; so wie ich es sage, klingt es dumm. Jedenfalls sagte sie bei dieser Gelegenheit etwas so Originelles, daß ich schlechterdings nicht imstande bin, es wiederzugeben. Ich habe es auch schon ganz vergessen. Nun, auf Wiedersehen! Ich bin sehr erschüttert und werde wohl den Verstand verlieren. Alexej Fjodorowitsch, ich habe in meinem Leben schon zweimal den Verstand verloren und bin jedesmal wieder geheilt worden. Gehen Sie zu Lise! Machen Sie ihr wieder Mut, wie Sie das so vorzüglich verstehen ... Lise!« rief sie und ging zu ihrer Tür. »Da bringe ich dir Alexej Fjodorowitsch, den du so schwer beleidigt hast. Und er ist gar nicht böse, versichere ich dir. Er wundert sich vielmehr, wie du so etwas hast denken können!«

»Merci, Mama! Treten Sie ein, Alexej Fjodorowitsch!«

Aljoscha trat ein.

Lisa sah ihn verlegen an und wurde auf einmal ganz rot. Sie schämte sich offenbar über etwas und begann, wie man das in solchen Fällen immer tut, schnell von etwas Nebensächlichem zu reden, als ob sie sich in diesem Augenblick nur dafür interessierte.

»Mama hat mir eben erst die Geschichte von diesen zweihundert Rubeln mitgeteilt und von dem Auftrag, den Sie bekommen haben, Alexej Fjodorowitsch ... An diesen armen Offizier. Und sie hat mir diese ganze schreckliche Geschichte erzählt, wie er beleidigt worden ist. Und wissen Sie, obgleich Mama sehr ungeschickt erzählt, denn sie überspringt immer dies und das, habe ich doch beim Zuhören geweint. Nun, wie ist es? Haben Sie das Geld abgegeben, und wie geht es jetzt diesem Unglücklichen?«

»Das ist es eben, daß ich ihn nicht zur Annahme bewegen konnte! Eine lange Geschichte!« antwortete Aljoscha, der gleichfalls so tat, als bestünde sein hauptsächlicher Kummer darin, daß er das Geld nicht hatte loswerden können. Dabei merkte Lisa sehr wohl, daß auch er zur Seite blickte und sich ebenfalls sichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu reden. Aljoscha setzte sich an den Tisch und begann zu erzählen; und schon bei den ersten Worten schwand seine Verlegenheit, und er riß seinerseits Lisa mit sich fort. Er sprach unter der Einwirkung eines starken Gefühls und des außerordentlichen Eindrucks, den er kurz vorher empfangen hatte, und es gelang ihm, gut und anschaulich zu erzählen. Er war auch früher, als sie noch in Moskau wohnten und Lisa noch ein Kind war, des öfteren zu ihr gekommen und hatte ihr allerlei erzählt, mal etwas Erlebtes, mal etwas Gelesenes und Erinnerungen aus seiner Kindheit. Manchmal hatten sie auch beide zusammen ihrer Phantasie die Zügel schießen lassen und mit vereinten Kräften ganze Geschichten ausgedacht, größtenteils lustige und lächerliche. Jetzt fühlten sie sich auf einmal beide in die frühere Moskauer Zeit zurückversetzt. Lisa war von seiner Erzählung sehr ergriffen.

Aljoscha hatte verstanden, ihr mit Wärme ein Bild von Iljuschetschka zu entwerfen. Als er aber die Szene mit allen Einzelheiten zu Ende beschrieben hatte, wie jener Mensch das Geld mit Füßen getreten hatte, da schlug Lisa die Hände zusammen und rief mit mächtiger Empfindung: »Also haben Sie ihn nicht zur Annahme des Geldes bewegen können? Haben ihn weglaufen lassen? O Gott, Sie hätten ihm doch wenigstens nachlaufen sollen ...«

»Nein, Lisa, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin«, erwiderte Aljoscha, stand vom Tisch auf und ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.

»Wieso soll das besser sein? Inwiefern soll das besser sein? Jetzt haben die dort kein Brot und werden umkommen!«

»Sie werden nicht umkommen, weil ihnen diese zweihundert Rubel doch nicht entgehen werden. Morgen wird er sie trotz allem nehmen. Morgen wird er sie bestimmt nehmen«, sagte Aljoscha, noch immer nachdenklich hin und her wandernd. »Sehen Sie, Lisa«, fuhr er fort und blieb plötzlich vor ihr stehen. »Ich selbst habe hierbei einen Fehler gemacht, aber auch dieser Fehler wird zum Guten ausschlagen.«

»Was für einen Fehler? Und wieso wird er zum Guten ausschlagen?«

»Hören Sie den Grund. Er ist ein furchtsamer, charakterschwacher Mensch, zerquält, aber herzensgut. Ich frage mich jetzt immerzu: Wodurch hat er sich auf einmal so gekränkt gefühlt, daß er das Geld mit Füßen trat? Denn ich versichere Sie, bis zum letzten Augenblick hat er nicht gewußt, daß er das tun würde. Es scheint mir, daß ihn zu vieles gekränkt hat, und es konnte auch in seiner Lage gar nicht anders sein. Erstens war es ihm schon peinlich, daß er sich in meiner Gegenwart so sehr über das Geld gefreut und diese Freude vor mir nicht verborgen hatte. Hätte er sich maßvoller gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt, sondern wie andere Leute Redensarten gemacht und sich verstellt, nun, dann hätte er es noch vermocht, das Beschenktwerden zu ertragen und das Geld anzunehmen. So aber hatte er sich schon zu offen gefreut, und das war ihm peinlich. Lisa, er ist ein ehrlicher, herzensguter Mensch, und gerade das gereicht in solchen Fällen zum Schaden! Die ganze Zeit, während er sprach, war seine Stimme so schwach und kraftlos, und er sprach so schnell und hastig und lachte so eigentümlich oder weinte gar schon ... Wirklich, er weinte, so begeistert war er ... Und von seinen Töchtern sprach er ... Und von der Stelle, die er in einer anderen Stadt bekommen würde ... Und kaum hatte er in dieser Weise sein Herz ausgeschüttet, begann er sich auch schon zu schämen, daß er mir sein Inneres so gezeigt hatte. Und in dem Moment begann er mich zu hassen. Er gehört eben zu den verschämten Armen. Besonders konnte er sich nicht verzeihen, daß er mich gar zu schnell als Freund angenommen und sich so schnell ergeben hatte. Erst war er auf mich losgestürzt und hatte mich einschüchtern wollen, und nun auf einmal, kaum hatte er das Geld gesehen, war er nahe daran gewesen, mich zu umarmen. Denn es hatte wirklich nicht viel gefehlt; er war mir schon immerzu mit seinen Händen sehr nahe gekommen. Gerade dadurch mußte er sich seiner ganzen Erniedrigung bewußt werden – und ausgerechnet da beging ich einen Fehler, einen sehr schweren Fehler. Ich sagte ihm, wenn das Geld zum Umzug in eine andere Stadt nicht ausreicht, würde er aus derselben Quelle noch mehr erhalten, und auch ich würde ihm von meinem Geld geben, soviel er wolle. Das war es, was ihn auf einmal stutzig machte: Er fragte sich, was nun auch ich für Grund hätte, ihm beizuspringen. Wissen Sie, Lisa, für einen vom Unglück verfolgten Menschen ist es furchtbar peinlich, wenn alle Leute sich als seine Wohltäter aufspielen. Ich habe das vom Starez gehört ... Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber ich habe es oft selbst mit angesehen. Und ich für meine Person empfinde ebenso. Die Hauptsache jedoch ist dies: Wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht gewußt hat, daß er die Banknoten mit Füßen treten würde, so hat er es doch wenigstens geahnt, daran gibt es für mich kaum Zweifel. Eben deswegen war seine Verzückung so stark, weil er es geahnt hat. Und sehen Sie, so widerwärtig das alles auch sein mag, es wird doch zum Guten führen. Ich glaube sogar, zum Allerbesten, so daß es gar nicht besser sein könnte ... «

»Warum könnte es gar nicht besser sein?« rief Lisa und sah dabei Aljoscha höchst erstaunt an.

»Der Grund ist der, Lisa: Wenn er das Geld nicht mit Füßen getreten, sondern genommen hätte, so wäre er, nach Hause zurückgekehrt, etwa eine Stunde darauf über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen – das wäre mit Sicherheit die Folge gewesen. Er wäre in Tränen ausgebrochen und schließlich morgen bei Tagesanbruch zu mir gekommen, hätte mir die Banknoten vielleicht hingeworfen und sie mit Füßen getreten, wie er es vorhin getan hat. Jetzt aber ist er ganz stolz und triumphierend fortgegangen, obgleich er weiß, daß er sich durch seine Handlungsweise zugrunde richtet. Folglich wird jetzt nichts leichter sein, als ihn gleich morgen zur Annahme dieser zweihundert Rubel zu bewegen; denn er hat nun schon bewiesen, daß er Ehrgefühl besitzt, hat das Geld hingeworfen und mit Füßen getreten. Er konnte ja, als er es mit Füßen trat, nicht wissen, daß ich es ihm morgen wiederbringen würde. Und dabei braucht er dieses Geld furchtbar nötig. Wenn er jetzt auch stolz ist, wird es ihm doch noch heute zu Bewußtsein kommen, welch eine Hilfe er ausgeschlagen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken; er wird davon träumen. Und morgen früh wird er vielleicht willens sein, zu mir zu laufen und um Verzeihung zu bitten. Aber da werde ich selbst bei ihm erscheinen und sagen: ›Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen. Aber jetzt nehmen Sie es an, und verzeihen Sie uns!‹ Und dann wird er es annehmen!«

Aljoscha hatte das in einer Art von Begeisterung ausgerufen: »Und dann wird er es annehmen!« Lisa klatschte in die Hände. »Ja, das ist richtig, das habe ich sehr gut begriffen! Aljoscha, woher wissen Sie das alles bloß? So jung ist er noch und weiß schon, was in der Seele eines Menschen vorgeht! Ich wäre nie darauf gekommen ... «

»Vor allen Dingen müssen wir ihm jetzt die Überzeugung beibringen, daß er mit uns allen auf gleicher Stufe steht, obwohl er von uns Geld annimmt«, fuhr Aljoscha in seiner Begeisterung fort. »Und nicht nur auf gleicher Stufe, sondern sogar auf einer höheren ... «

»Auf einer höheren Stufe ... vorzüglich, Alexej Fjodorowitsch! Aber fahren Sie fort, fahren Sie fort!«

»Das heißt, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt ... mit der höheren Stufe ... Aber das tut nichts; denn ...«

»Ach, das tut nichts, das tut nichts, gewiß, das tut nichts! Verzeihen Sie, lieber Aljoscha ... Wissen Sie, ich habe Sie bisher wenig geachtet ... das heißt, ich habe Sie geachtet, aber wie einen, der mit mir auf gleicher Stufe steht. Jetzt jedoch werde ich Sie wie einen Höherstehenden achten ... Lieber Aljoscha, seien Sie nicht böse, daß ich witzele«, fügte sie sogleich mit Wärme hinzu. »Ich bin nur ein lächerliches, unbedeutendes Geschöpf, aber Sie, Sie ... Hören Sie mal, Alexej Fjodorowitsch, steckt nicht in diesem unserem Gedanken, das heißt in Ihrem Gedanken, nein, richtiger doch in unserem ... steckt nicht darin eine Art von Geringschätzung diesem Unglücklichen gegenüber? Wenn wir jetzt seine Seele sezieren, so von oben herab? Wie? Wenn wir jetzt mit solcher Bestimmtheit behaupten, daß er das Geld annehmen wird? Wie?«

»Nein, Lisa, eine Geringschätzung steckt nicht darin«, antwortete Aljoscha entschieden, als ob er auf diese Frage schon vorbereitet war. »Ich habe darüber bereits auf dem Heimweg nachgedacht. Urteilen Sie selbst. Wie kann von Geringschätzung die Rede sein, wo wir doch von derselben Art sind wie er, wo doch alle Menschen von derselben Art sind wie er. Denn auch wir sind von derselben Art und keineswegs besser. Aber auch wenn wir besser wären, würden wir an seiner Stelle doch ebenso handeln. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, Lisa, aber ich glaube von mir, daß ich in vieler Hinsicht eine kleinliche Seele habe. Er dagegen hat keine kleinliche Seele, sondern im Gegenteil eine sehr feinfühlige ... Nein, Lisa, von Geringschätzung kann nicht die Rede sein! Wissen Sie, Lisa, mein Starez sagte einmal: Man muß die Menschen wie Kinder warten und pflegen und manche wie die Kranken in den Krankenhäusern.«

»Ach, Alexej Fjodorowitsch, mein Täubchen, lassen Sie uns die Menschen wie Kranke warten und pflegen!«

»Tun wir das, Lisa, ich bin bereit! Nur bin ich selbst noch nicht geschickt genug. Ich bin manchmal sehr ungeduldig, und ein andermal ist es, als hätte ich keine Augen im Kopf. Bei Ihnen ist es etwas anderes.«

»Nein, das glaube ich nicht, Alexej Fjodorowitsch, wie glücklich ich bin!«

»Wie schön, daß Sie das sagen, Lisa.«

»Alexej Fjodorowitsch, Sie sind erstaunlich gut. Manchmal scheint es, daß Sie pedantisch sind. Sieht man jedoch genauer hin, sind Sie gar nicht pedantisch ... Gehen Sie doch mal zur Tür, öffnen Sie sachte und sehen Sie, ob Mama nicht horcht«, flüsterte Lisa auf einmal nervös und hastig.

Aljoscha ging hin, öffnete die Tür ein wenig und berichtete, es horche niemand.

»Kommen Sie zu mir, Alexej Fjodorowitsch«, fuhr Lisa fort und errötete immer stärker. »Geben Sie mir Ihre Hand, so! Hören Sie, ich muß Ihnen ein großes Geständnis machen. Den Brief gestern habe ich Ihnen nicht im Scherz geschrieben, sondern im Ernst ...« Und sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. Es war klar, daß sie sich sehr schämte, dieses Geständnis zu machen. Plötzlich ergriff sie seine Hand und küßte sie ungestüm dreimal.

»Ach, Lisa, das ist schön!« rief Aljoscha freudig. »Aber ich war ja auch überzeugt, daß Sie ihn im Ernst geschrieben hatten.«

»Er war überzeugt! Na, so etwas!« rief Lisa und schob auf einmal seine Hand zurück ohne sie jedoch loszulassen. Sie wurde dunkelrot und brach in ein leises, glückliches Lachen aus. »Ich habe ihm die Hand geküßt, und er sagt einfach – Das ist schön!«

Aber sie machte ihm zu Unrecht Vorwürfe, denn auch Aljoscha war sehr verwirrt.

»Ich möchte Ihnen immer gefallen, Lisa. Ich weiß aber nicht, wie ich das machen soll«, murmelte er undeutlich und errötete ebenfalls.

»Lieber Aljoscha, Sie sind kalt und arrogant. Er hat geruht, mich zu seiner Gattin zu wählen, und damit hat er sich beruhigt! Er war überzeugt, daß ich den Brief im Ernst geschrieben habe – was soll man dazu sagen? Das ist doch wohl Arroganz – ja, das ist es!«

»Ist es etwa schlecht, daß ich davon überzeugt war?« fragte Aljoscha lachend.

»Im Gegenteil, Aljoscha, es ist sehr gut«, erwiderte Lisa, ihn zärtlich und glücklich anblickend.

Aljoscha stand immer noch da, seine Hand in ihrer. Auf einmal beugte er sich herunter und küßte sie auf den Mund.

»Was soll denn das wieder heißen? Was haben Sie?« rief Lisa.

Aljoscha verlor völlig die Fassung.

»Verzeihen Sie, wenn ich ... Ich habe mich vielleicht sehr dumm benommen ... Sie sagten, ich bin kalt, also habe ich Sie ohne Umstände geküßt ... Aber ich sehe, daß dabei etwas Dummes herausgekommen ist...«

Lisa lachte und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Und noch dazu in dieser Tracht!« entfuhr es ihr, während sie lachen mußte.

Doch auf einmal hörte sie auf zu lachen, und ihre Miene wurde ernst, fast streng.

»Nein, Aljoscha. Mit dem Küssen wollen wir noch warten, das verstehen wir beide noch nicht. Und warten werden wir noch sehr lange müssen«, schloß sie plötzlich. »Sagen Sie mir lieber, warum Sie gerade mich nehmen, so ein dummes Ding, so eine kranke Person, Sie, der Sie so klug sind und so viel denken und so ein scharfes Auge haben? Ach, Aljoscha, ich bin furchtbar glücklich darüber, daß ich Ihrer so wenig wert bin!«

»Warten Sie, ich will es Ihnen sagen, Lisa. Ich werde in den nächsten Tagen das Kloster endgültig verlassen. Wenn man in die Welt tritt, muß man heiraten, das weiß ich, und der Starez hat es mir auch befohlen. Wen könnte ich nun besser nehmen als Sie? Und wer außer Ihnen würde mich nehmen? Ich habe darüber bereits nachgedacht. Erstens kennen Sie mich von klein auf. Und zweitens besitzen Sie viele gute Eigenschaften, die mir fehlen. Ihre Seele ist heiterer als meine. Und vor allem sind Sie unschuldiger als ich, denn ich bin schon mit vielem in Berührung gekommen ... Sie wissen das nicht, ich bin schließlich auch ein Karamasow! Was tut es, daß Sie lachen und scherzen, auch über mich? Im Gegenteil, lachen und scherzen Sie nur, ich freue mich darüber. Aber Sie lachen wie ein kleines Mädchen, und dabei denken Sie im stillen doch wie eine Märtyrerin ...«

»Wie eine Märtyrerin? Wieso?«

»Ihre Frage von vorhin, ob nicht in uns Geringschätzung gegenüber diesem Unglücklichen steckt, weil wir seine Seele sezieren, das ist eine märtyrerhafte Frage ... Sehen Sie, ich kann das nicht gut ausdrücken, doch wem solche Fragen in den Kopf kommen, der ist selbst fähig zu leiden. Sie müssen, während Sie da in Ihrem Rollstuhl sitzen, schon über vieles nachgedacht haben ... «

»Aljoscha, geben Sie mir Ihre Hand! Warum haben Sie sie weggenommen?« sagte Lisa, ihre Stimme war vor Glück ganz schwach und matt geworden. »Hören Sie, Aljoscha, was werden Sie denn anziehen, wenn Sie das Kloster verlassen? Lachen Sie nicht, werden Sie nicht böse, das ist mir sehr, sehr wichtig.«

»Daran habe ich noch nicht gedacht, aber ich werde anziehen, was Sie wünschen.«

»Ich will, daß Sie ein dunkelblaues Samtjackett tragen, eine weiße Pikeeweste und einen weichen, grauen Hut ... Sagen Sie, haben Sie vorhin geglaubt, daß ich Sie nicht liebe, als ich meinen Brief von gestern verleugnete?«

»Nein, ich habe es nicht geglaubt.«

»Oh, Sie unausstehlicher Mensch! Sie unverbesserlicher Mensch!«

»Sehen Sie, ich wußte, daß Sie mich ... allem Anschein nach ... lieben. Dennoch tat ich so, als ob ich Ihnen glaubte, daß Sie mich nicht lieben, damit es für Sie angenehmer ist.«

»Das ist noch schlimmer! Es ist schlimmer und doch das allerbeste. Aljoscha, ich liebe Sie furchtbar. Vorhin, als ich auf Sie wartete, habe ich mir gesagt: Ich werde den Brief von ihm zurückverlangen, und wenn er ihn ruhig herauszieht und mir wiedergibt, wie man das immerhin erwarten kann, so bedeutet das, daß er mich nicht liebt und nichts empfindet, daß er einfach ein dummer, unwürdiger Junge ist und daß ich verloren bin. Aber Sie hatten den Brief in Ihrer Zelle gelassen, und das ermutigte mich. Nicht wahr, Sie hatten ihn deswegen in der Zelle gelassen, weil Sie ahnten, daß ich ihn zurückverlangen würde? Damit Sie ihn nicht herauszugeben brauchten? Ist es so?«

»So ist es ganz und gar nicht. Ich habe den Brief jetzt bei mir, und auch vorhin hatte ich ihn bei mir, hier in dieser Tasche.«

Aljoscha zog lachend den Brief heraus und zeigte ihn ihr von weitem:

»Hier ist er. Aber wieder bekommen Sie ihn nicht. Sie dürfen ihn nur in meiner Hand sehen!«

»Wie? Sie haben also vorhin gelogen? Sie, ein Mönch, haben gelogen?«

»Meinetwegen, ich habe gelogen«, erwiderte Aljoscha lachend. »Damit ich Ihnen den Brief nicht wiederzugeben brauchte, habe ich gelogen. Er ist mir sehr teuer«, fügte er mit Wärme hinzu und errötete wieder. »Und er wird mir lebenslänglich teuer sein. Niemals werde ich ihn je herausgeben!«

Lisa blickte ihn hingerissen an.

»Aljoscha«, stammelte sie wieder, »sehen Sie an der Tür nach, ob Mama nicht horcht.«

»Gut, Lisa, ich werde nachsehen. Aber wäre es nicht besser, es zu unterlassen? Warum sollen wir Ihre Mutter eines so unwürdigen Benehmens verdächtigen?«

»Wieso unwürdig? Was ist dabei unwürdig? Wenn sie ihre Tochter belauscht, so ist das ihr Recht und kein unwürdiges Benehmen«, ereiferte sich Lisa. »Seien Sie überzeugt, Alexej Fjodorowitsch, wenn ich selbst Mutter bin und selber so eine Tochter habe, werde ich sie unweigerlich belauschen.«

»Wirklich, Lisa? Das ist nicht schön.«

»Ach, mein Gott, was ist daran Unwürdiges? Würde sie, ein gewöhnliches Gespräch irgendwelcher Bekannten belauschen, wäre das unwürdig. Doch hier ist ihre Tochter mit einem jungen Mann allein in einem Zimmer ... Hören Sie, Aljoscha, ich werde ebenfalls auf Sie aufpassen, sowie wir verheiratet sind. Und Sie mögen ferner wissen, daß ich alle Ihre Briefe aufmachen und alles lesen werde. Also lassen Sie sich gewarnt sein ...«

»Ja gewiß, wenn es so ist ...«, murmelte Aljoscha. »Aber schön ist das nicht.«

»Ach, mit welcher Verachtung Sie das sagen! Lieber Aljoscha, wir wollen uns nicht gleich von vornherein streiten; ich will Ihnen lieber meine wahre Meinung sagen. Horchen ist natürlich etwas sehr Häßliches, und selbstverständlich habe ich unrecht und Sie recht – aber ich werde trotzdem horchen.«

»Tun Sie das! Sie werden bei mir nichts Schlimmes ausspionieren!« erwiderte Aljoscha lachend.

»Aljoscha, werden Sie sich mir auch unterordnen? Das müssen wir auch im voraus klarstellen.«

»Mit dem größten Vergnügen und unbedingt, Lisa. Nur nicht im Allerwichtigsten. Sollten Sie im Allerwichtigsten mit mir nicht einer Meinung sein, werde ich dennoch tun, was mir die Pflicht gebietet.«

»So muß es auch sein. Und Sie sollen wissen, daß auch ich – im Widerspruch zu dem, was ich soeben gesagt habe – bereit bin, mich Ihnen nicht nur im Allerwichtigsten unterzuordnen, sondern Ihnen in allem nachzugeben, was ich Ihnen gleich jetzt schwöre: in allem und fürs ganze Leben!« rief Lisa in flammender Begeisterung. »Und das wird mein Glück ausmachen, mein Glück! Ja noch mehr, ich schwöre Ihnen, daß ich Sie niemals belauschen werde, nie und nimmer, daß ich keinen einzigen Brief an Sie lesen werde, denn Sie haben recht, nicht ich. Ich werde zwar schreckliche Lust haben zu horchen, das weiß ich – doch ich werde es trotzdem nicht tun, weil Sie es für unedel halten. Sie sind jetzt sozusagen meine Vorsehung ... Hören Sie Alexej Fjodorowitsch, warum sind Sie alle diese Tage, auch gestern und heute, so traurig? Ich weiß, daß Sie allerlei Mühen und Sorgen haben, aber ich sehe, daß Sie außerdem noch einen besonderen Kummer haben – das ist wohl ein geheimer Kummer, ja?«

»Ja, Lisa, das ist ein geheimer Kummer«, antwortete Aljoscha traurig. »Ich sehe, daß Sie mich lieben, wenn Sie das erraten konnten.«

»Was ist es denn für ein Kummer? Worüber? Dürfen Sie es sagen?« fragte Lisa schüchtern bittend.

»Ich werde es Ihnen später sagen, Lisa, später ...«, antwortete Aljoscha verlegen. »Jetzt wäre es für Sie vielleicht noch unverständlich. Auch kann ich mich vielleicht nicht richtig ausdrücken.«

»Ich weiß außerdem, daß Ihnen Ihre Brüder und Ihr Vater viel Schmerz bereiten.«

»Ja, auch die Brüder«, sagte Aljoscha wie in Gedanken versunken.

»Ihren Bruder Iwan Fjodorowitsch kann ich nicht leiden«, bemerkte Lisa plötzlich.

Aljoscha vernahm diese Bemerkung einigermaßen verwundert, ging aber nicht darauf ein.

»Meine Brüder richten sich selbst zugrunde«, fuhr er fort, »und der Vater ebenfalls. Und gleichzeitig ziehen sie auch andere mit ins Verderben. Das ist die ›Karamasowsche Erdkraft‹, wie Vater Paissi sich neulich ausdrückte, eine wütende, rohe Erdkraft. Ich weiß nicht einmal, ob der Geist Gottes über dieser Kraft schwebt. Ich weiß nur, daß auch ich ein Karamasow bin. Ich bin ein Mönch. Bin ich ein Mönch, Lisa? Haben Sie nicht eben zufällig gesagt, daß ich ein Mönch bin?«

»Ja, das habe ich gesagt.«

»Und dabei glaube ich vielleicht nicht einmal an Gott.«

»Sie glauben nicht an Gott? Was haben Sie?« fragte Lisa leise und behutsam. Doch Aljoscha antwortete nicht.

In seinen Worten hatte etwas allzu Geheimnisvolles, allzu Subjektives gelegen, das ihm vielleicht selbst unklar war, ihn jedoch zweifellos quälte.

»Und außerdem geht nun auch noch mein Freund von mir, der beste Mensch auf dieser Welt verläßt die Erde. Wenn Sie wüßten, Lisa, wie fest ich seelisch mit diesem Menschen verbunden bin! Und nun bleibe ich allein zurück ... Ich werde zu Ihnen kommen, Lisa. Künftig wollen wir zusammen ...«

»Ja, zusammen, zusammen! Von nun an wollen wir das ganze Leben hindurch zusammenhalten. Hören Sie, küssen Sie mich! Ich erlaube es.«

Aljoscha küßte sie.

»So, jetzt gehen Sie! Christus sei mit Ihnen! Gehen Sie recht schnell zu Ihrem Starez, solange er noch am Leben ist. Ich sehe ein, daß es grausam von mir war, Sie aufzuhalten. Ich werde heute für ihn und für Sie beten, Aljoscha, wir werden glücklich sein! Werden wir glücklich sein, ja?«

»Ich glaube ja, Lisa.«

Als Aljoscha Lisa verlassen hatte, hielt er es nicht für geraten, noch Frau Chochlakowa aufzusuchen; er wollte gehen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Doch kaum hatte er die Treppe betreten, stand Frau Chochlakowa selbst, Gott weiß woher, vor ihm. Gleich an ihren ersten Worten merkte Aljoscha, daß sie absichtlich auf ihn gewartet hatte. Sie fiel sofort über ihn her: »Alexej Fjodorowitsch, das ist ja schrecklich! Das sind kindische Possen, lauter Unsinn. Ich hoffe, daß Sie daran keine Zukunftspläne knüpfen? Dummheiten, einfach Dummheiten!«

»Sagen Sie das nur nicht zu ihr«, erwiderte Aljoscha. »Sonst regt sie sich auf, und das wäre jetzt schädlich für sie.«

»Da höre ich ein verständiges Wort von einem verständigen jungen Mann. Darf ich das so verstehen, daß Sie selbst ihr nur deswegen zugestimmt haben, weil Sie aus Mitleid mit ihrem krankhaften Zustand sie nicht durch Widerspruch aufbringen wollten?«

»O nein, durchaus nicht. Ich habe ganz ernst mit ihr gesprochen«, erklärte Aljoscha entschieden.

»Ernst ist da ausgeschlossen, undenkbar. Erstens werde ich Ihren Besuch jetzt niemals mehr dulden, und zweitens werde ich wegfahren und sie mitnehmen. Damit Sie es wissen!«

»Warum das?« erwiderte Aljoscha. »Es ist ja noch nicht soweit. Etwa anderthalb Jahre werden wir noch warten müssen.«

»Ach, Alexej Fjodorowitsch, das ist natürlich richtig, und trotzdem werden Sie in anderthalb Jahren sich tausendmal mit ihr zanken und von ihr trennen. Ich bin so unglücklich, so unglücklich! Wenn auch alles nur Possen sind, bin ich doch ganz niedergeschlagen. Jetzt bin ich wie Famusow in der letzten Szene bei Gribojedow;Gribojedow – russ. Diplomat und Dichter, seine Komödie »Wehe dem Verstand« wird heute noch gespielt, † 1829 Sie sind Tschazki, sie ist Sofja. Und denken Sie sich, ich bin absichtlich hierher, auf die Treppe gelaufen, um mit Ihnen zusammenzutreffen. In dem Theaterstück vollzieht sich ja auch das ganze Verhängnis auf der Treppe. Ich habe alles mitangehört. Ich habe mich kaum beherrschen können. So finden nun die Schrecken dieser Nacht und die hysterischen Anfälle von heute ihre Erklärung! Für das Töchterchen bedeuten sie Liebe, für die Mutter den Tod. Ich kann mich nun einfach in den Sarg legen ... Jetzt das zweite und wichtigste. Was ist das für ein Brief, den sie Ihnen geschrieben hat? Zeigen Sie ihn mir sofort, sofort!«

»Nein, das darf ich nicht ... Sagen Sie, wie geht es Katerina Iwanowna? Das muß ich dringend wissen!«

»Sie liegt immer noch und phantasiert, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Ihre Tanten sind hier; sie ächzen und stöhnen nur und benehmen sich mir gegenüber hochmütig. Doktor Herzenstube ist gekommen und so erschrocken, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen und wie ich ihn retten sollte. Ich wollte schon einen Arzt holen lassen. Ich habe ihn mit meinem Wagen in seine Wohnung bringen lassen. Und jetzt, um das Unglück voll zu machen, Sie mit diesem Brief! Allerdings kann das alles erst in anderthalb Jahren geschehen. Im Namen alles dessen, was groß und heilig ist, im Namen Ihres sterbenden Starez bitte ich Sie: Zeigen Sie mir diesen Brief, Alexej Fjodorowitsch! Mir, der Mutter! Wenn Sie wollen, halten Sie ihn fest, nur möchte ich ihn lesen!«

»Nein, ich werde Ihnen den Brief nicht zeigen, Katerina Ossipowna! Und selbst wenn sie es erlauben würde – ich dürfte es nicht tun. Ich werde morgen herkommen und, wenn Sie wollen, über vieles mit Ihnen sprechen. Doch jetzt leben Sie wohl!«

Und Aljoscha eilte die Treppe hinunter auf die Straße.

2.Smerdjakow mit der Gitarre

Er hatte wirklich keine Zeit.

Schon als er sich von Lisa verabschiedete, war ihm durch den Kopf gegangen, wie er wohl auf die schlaueste Weise seinen Bruder Dmitri finden könnte, der sich offenbar vor ihm versteckte. Es war schon ziemlich spät, zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Innerlich fühlte sich Aljoscha zum Kloster, zu seinem »großen Sterbenden« hingezogen, doch das Bedürfnis, seinen Bruder Dmitri zu sprechen, ließ alles andere zurücktreten. In Aljoscha verstärkte sich mit jeder Stunde die Überzeugung, daß eine unvermeidliche, schreckliche Katastrophe nahe bevorstand. Worin diese Katastrophe eigentlich bestehen würde und was er seinem Bruder sagen wollte, hätte er vielleicht selbst nicht genau angeben können. ›Mag auch mein Wohltäter in meiner Abwesenheit sterben – ich werde mir dann nicht lebenslänglich Vorwürfe zu machen brauchen, daß ich hier vielleicht hätte retten können und es nicht getan habe, sondern vorbeigegangen und nach Hause geeilt bin!‹ sagte er sich. ›Wenn ich so handle, befolge ich sein großes Gebot.‹

Sein Plan bestand darin, seinen Bruder zu überraschen: nämlich wie am Vortag über den Flechtzaun in den Garten zu steigen und sich zu jener Laube zu begeben. ›Wenn er nicht dort ist‹, dachte Aljoscha, ›so werde ich mich, ohne mich den Wirtinnen oder Foma zu zeigen, dort verstecken und warten, nötigenfalls bis zum Abend. Wenn er wieder Gruschenka auflauert, ist es leicht möglich, daß er auch in die Laube kommt.‹

Übrigens dachte Aljoscha über die Einzelheiten seines Planes nicht allzuviel nach. Er beschloß jedenfalls, ihn auszuführen, selbst wenn er infolgedessen an diesem Tag nicht mehr ins Kloster zurückkehren konnte.

Alles machte sich ohne Schwierigkeit. Er stieg fast an derselben Stelle wie tags zuvor über den Flechtzaun und schlich sich unbemerkt zu der Laube. Er wollte nicht, daß ihn jemand bemerkte; die Wirtin und Foma konnten auf seiten des Bruders stehen und dessen Instruktionen befolgen, also Aljoscha nicht in den Garten lassen oder den Bruder rechtzeitig benachrichtigen, daß ihn jemand suchte und nach ihm fragte. In der Laube war niemand. Aljoscha, setzte sich auf denselben Platz wie gestern und wartete. Er sah sich in der Laube um, eigentümlicherweise kam sie ihm weit mehr verfallen vor als am vorigen Tag; sie machte diesmal einen geradezu kläglichen Eindruck. Der Tag war übrigens ebenso klar wie der gestrige. Auf dem grünen Tisch hob sich ein kleiner Kreis ab, der von einem offenbar zu voll gegossenen Kognakglas herrührte. Bedeutungslose und für die Sache selbst nebensächliche Gedanken gingen ihm durch den Kopf, wie das immer während einer langweiligen Wartezeit geschieht. Zum Beispiel, warum er sich in der Laube genau auf denselben Platz gesetzt hatte wie tags zuvor und nicht auf einen anderen. Schließlich wurde ihm sehr traurig zumute, und zwar infolge der aufregenden Ungewißheit. Aber er hatte noch keine Viertelstunde dagesessen, als auf einmal in nächster Nähe ein Gitarrenakkord erklang. Jemand mußte etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, keinesfalls viel weiter, im Gebüsch sitzen oder sich dort eben erst hingesetzt haben. Aljoscha erinnerte sich auf einmal schwach, gestern, als er von seinem Bruder aus der Laube wegging, links am Zaun eine niedrige, alte grüne Gartenbank im Gebüsch gesehen zu haben. Auf ihr hatte also jemand Platz genommen. Aber wer? Eine süßliche Männerstimme begann plötzlich, von einer Gitarre begleitet, ein kleines Lied:

»Unbezwinglich zieht mein Sinn
mich zu meiner Liebsten hin.
Herr, sei gnädig ihr und mir,
ihr und mir,
ihr und mir ...«

Die Stimme brach ab. Der Tenor, wirkte lakaienhaft, und so war auch der ganze Vortrag des Liedes.

Eine andere Stimme, eine weibliche, sagte plötzlich freundlich und schüchtern, aber sehr geziert: »Warum sind Sie denn so lange nicht zu uns gekommen, Pawel Fjodorowitsch? Warum verachten Sie uns so?«

»Nicht doch!« antwortete die Männerstimme, zwar höflich, doch vor allem energisch und würdevoll.

Offenbar hatte der Mann die Oberhand, und das Weib umschmeichelte ihn.

›Der Mann scheint Smerdjakow zu sein‹, dachte Aljoscha, ›wenigstens nach der Stimme zu urteilen. Und die Dame ist sicher die Tochter der Hausbesitzerin, die aus Moskau gekommen ist, ein Kleid mit Schleppe trägt und bei Marfa Ignatjewna Suppe holen kommt.‹

»Ich liebe Gedichte schrecklich ... wenn sie schön vorgetragen werden«, fuhr die Frauenstimme fort. »Warum singen Sie nicht weiter?«

Die Männerstimme begann von neuem:

»Ist mir nur mein Mädchen hold,
frag ich nicht nach allem Gold.
Herr, sei gnädig ihr und mir,
ihr und mir,
ihr und mir!«

»Das vorige Mal klang der Text noch hübscher«, bemerkte die weibliche Stimme. »Da haben Sie gesungen: ›Ist mein süßer Schatz mir hold.‹ So klang es zärtlicher. Sie haben es heute sicher vergessen.«

»Verse sind dummes Zeug«, erwiderte Smerdjakow kurz.

»Ach nein, ich liebe Verse sehr.«

»Was die Verse anlangt, das ist alles bloß dummes Zeug. Überlegen Sie doch selbst, wer in der Welt spricht denn in Reimen? Und wenn wir anfingen, in Reimen zu sprechen, und sei es selbst auf Befehl der Obrigkeit, würden wir uns gegenseitig dann noch viel sagen können? Verse sind Unsinn, Marja Kondratjewna!«

»Wie klug Sie sind! Und auf allen Gebieten! Wie sind Sie bloß zu solchen Einsichten gelangt?« sagte die weibliche Stimme immer schmeichlerischer.

»Ich würde noch ganz andere Dinge können, noch ganz andere Dinge wissen, wenn mein Los nicht von Kindesbeinen an so traurig gewesen wäre. Ich würde im Duell denjenigen mit der Pistole erschießen, der zu mir sagt, ich sei ein Schuft, weil mich die ›Stinkende‹ geboren hat, ohne daß es einen Vater dazu gibt. Dabei haben sie mir auch in Moskau diese Beleidigung schon ins Gesicht geschleudert; die Kunde ist dank Grigori Wassiljewitschs Schwatzhaftigkeit von hier dorthin geschlichen. Grigori Wassiljewitsch wirft mir vor, ich empörte mich gegen meine Geburt. ›Du hast ihr‹, sagt er, ›den Mutterleib zerrissen!‹ Mag sein, aber ich wäre zufrieden, wenn man mich noch im Mutterleib getötet hätte, so daß ich überhaupt nicht auf die Welt gekommen wäre. Auf dem Markt haben sie gesagt, und auch Ihre Mama mit ihrem Mangel an Feingefühl hat geglaubt, es mir wiedererzählen zu müssen, meine Mutter habe einen Weichselzopf gehabt und sei ›so ›n bißchen‹ über zwei Arschin groß gewesen. Warum ›so ›n bißchen‹, wo sie doch ›ein wenig‹ sagen können, wie alle ordentlichen Leute. Es sollte weinerlich klingen, aber das sind sowieso nur bäurische Tränen und ganz bäurische Gefühle. Kann denn ein russischer Bauer einem gebildeten Menschen gegenüber ein Gefühl haben? Wegen seiner Unbildung kann er keinerlei Gefühl haben. Von Kindesbeinen an möchte ich, sooft ich den Ausdruck ›so ›n bißchen‹ höre, am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Ich hasse ganz Rußland, Marja Kondratjewna!«

»Wenn Sie Junker beim Militär oder so ein junger Husarenoffizier wären, würden Sie nicht so reden, sondern den Säbel ziehen und ganz Rußland verteidigen.«

»Nicht nur, daß ich niemals ein Husarenoffizier sein möchte, Marja Kondratjewna – im Gegenteil, ich wünsche mir vielmehr die Vernichtung aller Soldaten.«

»Aber wer wird uns schützen, wenn der Feind kommt?«

»Das ist überhaupt nicht nötig. Im Jahre zwölf war der große Überfall des französischen Kaisers Napoleon des Ersten auf Rußland, er war der Vater des jetzigen,Napoleon III. war der Neffe Napoleons I. und es wäre gut gewesen, wenn uns diese Franzosen damals unterworfen hätten. Eine kluge Nation hätte dann über eine sehr dumme gesiegt und sie sich einverleibt. Und wir hätten dann auch eine ganz andere Ordnung.«

»Als ob die Ordnung bei denen viel besser wäre als bei uns! Manchen eleganten jungen Mann bei uns würde ich nicht für drei echte junge Engländer hingeben!« sagte Marja Kondratjewna zärtlich und begleitete in diesem Augenblick ihre Worte wahrscheinlich mit überaus schmachtenden Blicken.

»Das kommt darauf an, ob man jemand liebt und verehrt.«

»Sie sind doch selbst wie ein Ausländer, wie ein echter vornehmer Ausländer. Das sage ich Ihnen und schäme mich beinahe.«

»Wenn Sie es wissen wollen: was liederlichen Lebenswandel anlangt, sind die dort und die hier einander ganz ähnlich. Alle sind sie Schufte, nur daß der Schuft dort in Lackstiefeln umhergeht, während der hier vor Armut stinkt und daran nichts Schlechtes findet. Das russische Volk muß durchgepeitscht werden, wie Fjodor Pawlowitsch gestern richtig bemerkte, obgleich er ein verrückter Mensch ist – wie alle seine Kinder.«

»Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß Sie Iwan Fjodorowitsch sehr schätzen?«

»Er hat über mich geäußert, ich sei ein stinkender Diener. Er glaubt, ich könnte mich an einer Revolution beteiligen, aber da irrt er sich. Hätte ich eine ordentliche Summe Geld in der Tasche, wäre ich längst nicht mehr hier. Dmitri Fjodorowitsch ist schlechter als jeder Diener, was seinen Lebenswandel wie seinen Verstand, wie seine Armut anlangt, und nichts kann er, gar nichts, und trotzdem wird er von allen geachtet. Ich bin zwar nur ein Bouillonkoch, doch wenn ich Glück habe, kann ich in Moskau auf der Petrowka ein Cafe-Restaurant eröffnen. Denn ich habe so meine Spezialitäten, wie sie keiner von denen in Moskau kennt, mit Ausnahme der Ausländer. Dmitri Fjodorowitsch ist ein Lumpenkerl. Aber wenn er den vornehmsten Grafensohn zum Duell fordert, wird der sich mit ihm schlagen. Und dennoch: Inwiefern ist er besser als ich? Denn er ist unvergleichlich viel dümmer als ich. Wieviel Geld hat er nutzlos vergeudet!«

»So ein Duell stelle ich mir sehr hübsch vor«, bemerkte Marja Kondratjewna plötzlich.

»Wieso?«

»Es geht dabei so schrecklich zu und so tapfer, besonders wenn junge Offiziere wegen einer Dame mit Pistolen aufeinander schießen. Das muß ein wundervolles Bild sein. Ach, wenn wir Mädchen doch dabei zusehen dürften! Ich möchte da furchtbar gern mal zusehen.«

»Hübsch ist es nur, wenn man selber zielt. Zielt einem aber ein anderer auf die Visage, ist das ein sehr dummes Gefühl. Sie würden davonlaufen, Marja Kondratjewna.«

»Würden Sie denn davonlaufen?«

Smerdjakow würdigte diese Frage keiner Antwort. Nach einem kurzen Schweigen erklang wieder ein Akkord, und die süßliche Tenorstimme sang ein letztes Lied:

»Will dem Elend hier entfliehen,
schleunigst nach der Hauptstadt ziehen.
Dort winkt Freude und Genuß.
Nein, ich will hier bei den Bauern
nicht versauern, nicht versauern.
Schon gefaßt ist mein Entschluß.«

Da geschah etwas Unerwartetes. Aljoscha mußte niesen. Die beiden auf der Bank verstummten augenblicklich. Aljoscha stand auf und ging zu ihnen.

Es war wirklich Smerdjakow, fein gekleidet, frisiert, pomadisiert und in Lackstiefeln. Die Gitarre lag auf der Bank. Und die Dame war Marja Kondratjewna, die Tochter der Hausbesitzerin. Sie trug ein himmelblaues Kleid mit langer Schleppe. Sie war ein noch ziemlich junges Mädchen und gar nicht häßlich, nur war ihr Gesicht etwas rund und mit schrecklichen Sommersprossen übersät.

»Wird mein Bruder Dmitri bald zurückkommen?« fragte Aljoscha möglichst ruhig.

Smerdjakow erhob sich langsam von der Bank, Marja Kondratjewna ebenfalls.

»Wieso sollte ich über Dmitri Fjodorowitsch Bescheid wissen? Bin ich vielleicht als sein Wächter angestellt?« antwortete Smerdjakow leise, gemessen und geringschätzig.

»Es war ja nur eine Frage. Sie wissen also nichts?« sagte Aljoscha.

»Ich weiß nichts über seinen Aufenthaltsort. Auch habe ich nicht den Wunsch, etwas darüber zu wissen.«

»Aber mein Bruder hat mir ausdrücklich gesagt, Sie berichteten ihm alles, was im Hause geschieht. Sie hätten ihm versprochen, ihn zu benachrichtigen, wenn Agrafena Alexandrowna kommen sollte!«

Smerdjakow richtete seinen Blick langsam und ohne jede Erregung auf Aljoscha.

»Wie haben Sie denn in den Garten zu kommen beliebt, wo doch das Tor seit einer Stunde verschlossen ist?« fragte er und starrte Aljoscha unverwandt an.

»Ich bin von der Seitengasse aus über den Zaun gestiegen und geradewegs zur Laube gegangen.« Und zu Marja Kondratjewna gewandt, fügte er hinzu: »Ich hoffe, Sie werden mir das verzeihen. Es lag mir sehr daran, meinen Bruder so schnell wie möglich zu finden.«

»Wie könnten wir ihnen so etwas übelnehmen«, erwiderte Marja Kondratjewna in liebenswürdigem, singendem Ton; sie fühlte sich durch Aljoschas Bitte um Verzeihung geschmeichelt. »Auch Dmitri Fjodorowitsch geht oft auf diesem Weg in die Laube und sitzt dort lange, ohne daß wir es wissen!«

»Ich suche ihn sehr, ich muß ihn dringend sprechen und hätte gern von Ihnen erfahren, wo er sich jetzt befindet. Glauben Sie mir, es handelt sich um eine für ihn selbst sehr wichtige Angelegenheit.«

»Er pflegt uns nicht zu sagen, wo er sich aufhält«, lispelte Marja Kondratjewna.

»Obwohl ich nur als Bekannter der beiden Damen hierherkomme«, begann Smerdjakow von neuem, »hat er mir doch noch hier geradezu unmenschlich mit seinen ewigen Fragen nach dem gnädigen Herrn zugesetzt: Wie es bei ihm steht, wer da kommt und geht und ob ich ihm noch sonst irgend etwas mitteilen kann. Zweimal hat er mich sogar mit dem Tode bedroht.«

»Was heißt das? Mit dem Tode?« fragte Aljoscha erstaunt.

»Was ist denn daran so verwunderlich – bei seinem Charakter, den Sie ja gestern selbst kennenzulernen beliebten? Er hat zu mir gesagt: ›Wenn ich Agrafena Alexandrowna verpasse und sie hier übernachtet, dann bist du der erste, den ich kaltmache!‹ Ich habe große Angst vor ihm und müßte gegen ihn eine Anzeige bei der städtischen Behörde einreichen, wenn ich dann nicht noch mehr Angst vor ihm hätte. Gott weiß, was sich noch ereignet.«

»Neulich hat er zu ihm gesagt: Ich werde dich in einem Mörser zerstampfen!‹« fügte Marja Kondratjewna hinzu.

»Nun, das mit dem Mörser war vielleicht nur so eine Redensart ...« bemerkte Aljoscha. »Wenn ich ihn jetzt treffen würde, könnte ich mit ihm auch darüber reden ...«

»Das einzige, was, ich Ihnen mitteilen kann, ist folgendes«, sagte Smerdjakow auf einmal, als ob er sich nach längerem Überlegen nun doch entschlossen hätte, mit der Sprache herauszurücken. »Ich komme manchmal auf Grund meiner alten nachbarlichen Bekanntschaft hierher, und warum sollte ich das auch nicht tun? Andererseits hat mich Iwan Fjodorowitsch heute bei Tagesanbruch zu ihm in die Wohnung in die Osjornajastraße geschickt, ohne Brief, nur mit der mündlichen Bestellung, Dmitri Fjodorowitsch möchte unbedingt in das Restaurant am Marktplatz kommen, um mit ihm zusammen zu Mittag zu essen. Ich ging hin, traf aber Dmitri Fjodorowitsch nicht an, obwohl es erst acht war. ›Er ist hier gewesen‹, sagten seine Wirtsleute, ›aber vollkommen weggegangen!‹ Mit diesen Worten teilten sie mir das mit. Es scheint zwischen ihnen so eine gegenseitige Verabredung zu bestehen. Und jetzt sitzt er vielleicht mit seinem Bruder Iwan Fjodorowitsch in diesem Restaurant. Denn Iwan Fjodorowitsch ist zum Mittagessen nicht nach Hause gekommen; Fjodor Pawlowitsch hat vor einer Stunde allein gespeist und sich jetzt schlafen gelegt. Ich bitte Sie aber inständig, ihm nichts von mir und von dem, was ich Ihnen mitgeteilt habe, zu sagen! Sonst schlägt er mich ohne weiteres tot.«

»Mein Bruder Iwan hat Dmitri heute ins Restaurant bestellt?« fragte Aljoscha zur Sicherheit noch einmal.

»Ganz richtig.«

»Ins Restaurant ›Zur Residenz‹ am Marktplatz?«

»Genau.«

»Das ist sehr gut möglich!« rief Aljoscha in großer Aufregung. »Ich danke Ihnen, Smerdjakow! Das ist eine wichtige Nachricht, ich werde sofort hingehen.«

»Verraten Sie mich nicht!« rief ihm Smerdjakow nach.

»Nein, ich werde tun, als käme ich zufällig in das Restaurant, seien Sie unbesorgt.«

»Wohin wollen Sie denn da? Ich öffne Ihnen die Gartentür«, rief Marja Kondratjewna.

»Nicht doch, hier ist es näher. Ich steige wieder über den Zaun.«

Die Nachricht hatte Aljoscha in starke Aufregung versetzt. Er lief zu dem Restaurant. Hineingehen konnte er in dieser Kleidung nicht, aber er konnte sich auf der Treppe erkundigen und die beiden herausrufen lassen. Kaum hatte er sich jedoch dem Gasthaus genähert, öffnete sich auf einmal ein Fenster, und sein Bruder Iwan rief zu ihm herunter: »Aljoscha, kannst du gleich mal zu mir hereinkommen? Du tust mir damit einen großen Gefallen.«

»Das könnte ich schon. Ich weiß nur nicht, wie ich das in meiner Tracht machen soll.«

»Zum Glück habe ich ein separates Zimmer. Komm an die Tür, ich komme dir rasch nach unten entgegen.«

Eine Minute später saß Aljoscha neben seinem Bruder. Iwan war allein und aß zu Mittag.

3. Die Brüder lernen einander kennen

Iwan saß nicht eigentlich in einem separaten Zimmer. Es war nur ein Platz am Fenster, der durch Wandschirme von dem übrigen Raum abgetrennt war, aber die Gäste hinter den Schirmen waren doch vor fremden Blicken geschützt. Das Zimmer war das erste an der Eingangstür, mit einem Büfett an der Seitenwand. Alle Augenblicke huschten Kellner umher. Als Gast war nur ein alter verabschiedeter Offizier da, der in einer Ecke seinen Tee trank. Dafür herrschte in den anderen Zimmern des Restaurants das in solchen Lokalen übliche Treiben. Man hörte die lauten Rufe nach den Kellnern, das Öffnen von Bierflaschen, das Klappern der Billardbälle, die dröhnende Musik eines Orchestrions.

Aljoscha wußte, daß Iwan dieses Restaurant fast nie besuchte und überhaupt kein Freund von Gaststätten war. ›Also ist er nur hier‹, überlegte er, ›um wie verabredet Dmitri zu treffen.‹

Dmitri allerdings war noch nicht da.

»Ich werde dir Fischsuppe oder sonst etwas bestellen, du lebst doch wohl nicht von Tee allein?« rief Iwan, der sich sehr darüber zu freuen schien, daß es ihm gelungen war, Aljoscha hereinzulocken. Er selbst war mit dem Mittagessen bereits fertig und trank Tee.

»Bestell mir Fischsuppe und danach Tee, ich habe großen Hunger«, erwiderte Aljoscha fröhlich.

»Wie ist es mit eingemachten Kirschen? Es gibt hier welche. Erinnerst du dich, wie gern du als kleiner Junge bei Poljonows eingemachte Kirschen gegessen hast?«

»Das weißt du noch? Nun gut, bestell auch Kirschen, ich esse sie immer noch gern.«

Iwan klingelte nach dem Kellner und bestellte Fischsuppe Tee und Eingemachtes.

»Ich erinnere mich an alles, Aljoscha. Ich erinnere mich an dich bis zu deinem elften Lebensjahr; ich war damals fünfzehn. Fünfzehn und elf, das ist so ein Unterschied, daß Brüder in diesem Alter fast nie Kameraden sind. Ich weiß nicht einmal, ob ich dich als Bruder besonders liebhatte. Als ich nach Moskau übergesiedelt war, habe ich in den ersten Jahren nicht einmal an dich gedacht. Später, als es dich selbst nach Moskau verschlagen hat, sind wir wohl nur einmal irgendwo zusammengetroffen. Und nun lebe ich hier schon über drei Monate, und wir haben bisher kaum ein Wort miteinander gesprochen. Morgen reise ich ab, und da dachte ich eben, als ich hier saß:,Könnte ich ihn noch einmal sehen, um mich von ihm zu verabschieden!‹ Und da kamst du gerade vorbei.«

»Hast du sehr gewünscht, mich zu sehen?«

»Ja, sehr. Ich möchte, daß wir uns gründlich, ein für allemal, kennenlernen und dann voneinander Abschied nehmen. Meiner Ansicht nach lernt man sich am besten vor der Trennung kennen. Ich habe diese ganzen drei Monate deine Blicke gesehen. In deinen Augen lag eine ständige Erwartung, und gerade das kann ich nicht ausstehen. Deshalb bin ich dir nicht entgegengekommen. Doch zuletzt habe ich dich achten gelernt. Ich sagte mir: Dieser Mensch steht fest auf seinen Füßen. Wohlgemerkt: Wenn ich jetzt auch lache, ich rede doch im Ernst. Du stehst doch fest auf deinen Füßen, nicht wahr? Ich liebe solche festen Menschen – mögen sie stehen, worauf sie wollen, und mögen sie auch so kleine Knaben sein wie du. Dein gespannter Blick hörte schließlich auf, mir unangenehm zu sein, im Gegenteil – ich mochte ihn zuletzt sogar gern. Du scheinst mich aus irgendeinem Grund liebzuhaben, Aljoscha?«

»Ja, ich habe dich lieb, Iwan. Dmitri sagt von dir: ›Iwan schweigt wie das Grab!‹ Ich sage von dir: ›Iwan ist ein Rätsel.‹ Du bist auch jetzt für mich ein Rätsel; etwas in dir habe ich aber schon begriffen, und zwar erst heute vormittag.«

»Und was wäre das?« fragte Iwan lachend.

»Wirst du mir auch nicht böse sein?« fragte Aljoscha, ebenfalls lachend.

»Daß du genauso ein junger Mann bist wie alle jungen Männer von dreiundzwanzig, genauso jung und forsch und frisch und prächtig. Na, und schließlich genauso ein Grünschnabel. Na, hab ich dich nun schwer beleidigt?«

»Im Gegenteil, ich bin verblüfft über das Zusammentreffen unserer Gedanken!« rief Iwan vergnügt und mit Wärme. »Wirst du es glauben, daß ich nach unserer heutigen Begegnung bei mir ebenfalls im stillen daran gedacht habe, ich meine, an meine Grünschnäbligkeit als junger Mann von dreiundzwanzig? Und nun hast du das auf einmal erraten und sprichst gleich davon. Ich saß hier, und weißt du, was ich mir sagte? Ich sagte mir: Wenn ich auch nicht mehr an das Leben glaube, wenn ich mich auch in einer geliebten Frau und außerdem in der Ordnung der Dinge getäuscht habe, wenn ich auch zu der Überzeugung gelangt bin, daß alles ein verfluchtes, teuflisches Chaos ist, und, wenn mich auch alle Schrecken menschlicher Enttäuschung überkommen – ich will dennoch weiterleben und diesen Becher, den ich nun einmal zu trinken angefangen habe, nicht vom Mund nehmen, ehe ich ihn vollkommen geleert habe! Mit dreißig werde ich den Becher jedoch, auch wenn ich ihn noch nicht vollkommen geleert haben sollte, sicherlich zu Boden schleudern und weggehen – wohin, weiß ich nicht. Aber bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr wird meine Jugendkraft, das weiß ich bestimmt, alles überwinden: jede Enttäuschung, jeden Ekel vor dem Leben. Ich habe mich oft gefragt: Gibt es auf der Welt so eine Verzweiflung, welche diese rasende, vielleicht unanständige Lebensgier in meiner Seele überwinden könnte? Und ich habe mir geantwortet, daß es sie wohl nicht gibt, das heißt wieder nur bis zum dreißigsten Lebensjahr. Dann werde ich wohl selber keine Lust mehr haben, scheint mir. Diese Lebensgier nennen die schwindsüchtigen, unreifen Moralphilosophen oft gemein, vor allem tun das die Dichter. Zum Teil ist diese Lebensgier allerdings ein Karamasowscher Charakterzug, und sie steckt zweifellos auch in dir – warum soll sie aber gemein sein? Es gibt auf unserem Planeten eine starke Zentripetalkraft, Aljoscha. Ich will leben! Und ich lebe, wenn auch gegen alle Logik. Wenn ich auch nicht an die Ordnung der Dinge glaube – teuer sind mir die klebrigen Blättchen, die sich im Frühling entfalten, teuer ist mir der blaue Himmel, teuer ist mir ab und zu ein Mensch, den ich dann, ob du es glaubst oder nicht, liebgewinne, ohne zu wissen, warum, teuer ist mir manche menschliche Großtat, an die ich vielleicht schon längst nicht mehr glaube, die ich aber in alter Erinnerung immer noch hoch halte. Da kommt deine Fischsuppe, laß sie dir schmecken!

Die Fischsuppe ist hier vorzüglich, die Leute verstehen sich auf die Zubereitung ... Ich will nach Westeuropa reisen, Aljoscha, gleich von hier aus losfahren. Ich weiß ja, daß ich dabei nur auf einen Friedhof fahre – aber auf den teuersten, den allerteuersten Friedhof, das ist die Hauptsache! Da liegen teure Tote; jeder Grabstein kündet da von einem in heißer Glut dahingegangenen Leben, von einem so leidenschaftlichen Glauben an die eigene Großtat, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene Wissenschaft, daß ich, das weiß ich vorher, auf die Erde fallen und diese Steine küssen und über ihnen weinen muß, obwohl ich gleichzeitig überzeugt hin, daß alles schon längst ein Friedhof ist und weiter nichts. Nicht aus Verzweiflung werde ich weinen, sondern einfach, weil meine vergossenen Tränen mich glücklich machen. An meiner eigenen Rührung werde ich mich berauschen. Die klebrigen Frühlingsblättchen und den blauen Himmel liebe ich, das ist es! Verstand und Logik haben damit nichts zu tun, man liebt mit den Eingeweiden, körperlich, man liebt seine ersten jungen Kräfte ... Verstehst du etwas von meinem unsinnigen Gerede, Aljoscha ... ?« fragte Iwan plötzlich lachend.

»Sehr gut verstehe ich dich, Iwan. Mit den Eingeweiden, körperlich, will man lieben – das hast du schön gesagt. Ich freue mich darüber, daß du dir wünschst zu leben!« rief Aljoscha. »Ich glaube, alle Menschen müssen vor allem, was es auf der Welt gibt, das Leben lieben.«

»Soll man das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?«

»Unbedingt. Man muß es lieben vor aller Logik, wie du dich ausdrückst. Unbedingt vor der Logik, erst dann wird man seinen Sinn verstehen. Das hat mir schon längst so vorgeschwebt. Die Hälfte deines Werkes ist getan, Iwan, glücklich getan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich bemühen, auch die zweite Hälfte zu bewältigen, und du bist gerettet.«

»Du rettest mich schon, und ich bin vielleicht noch gar nicht zugrunde gegangen! Worin besteht sie denn, deine zweite Hälfte?«

»Darin, daß du deine Toten auferwecken mußt, die vielleicht überhaupt nie gestorben sind. So, nun bestell mir Tee! Ich freue mich, daß wir miteinander reden, Iwan.«

»Du bist, wie ich sehe, geradezu begeistert. Ich liebe derartige professions de foi von seiten solcher Novizen. Du bist ein fester Charakter, Alexej ... Ist es wahr, daß du aus dem Kloster austreten willst?«

»Ja, es ist wahr. Mein Starez sendet mich in die Welt.«

»Da werden wir uns also in der Welt wiedersehen und uns noch vor meinem dreißigsten Lebensjahr begegnen, in dem ich den Becher dann absetzen werde. Der Vater will seinen Becher nicht vor dem siebzigsten Jahr absetzen, er phantasiert sogar vom achtzigsten. Das hat er selbst gesagt, und es ist ihm Ernst damit, obwohl er ein Possenreißer ist. Er fußt auf seiner Wollust wie auf einem Stein ... Freilich ist das nach dreißig vielleicht das einzige, worauf man fußen kann. Aber bis siebzig, das ist gemein. Eher noch bis dreißig – da kann man noch eine Spur von edler Gesinnung bewahren, indem man sich selbst betrügt ... Hast du Dmitri heute gesehen?«

»Nein, aber Smerdjakow.«

Und Aljoscha erzählte seinem Bruder eilig und dennoch ausführlich von seiner Begegnung mit Smerdjakow. Iwan machte

beim Zuhören auf einmal ein recht sorgenvolles Gesicht; über einzelne Punkte stellte er zur Sicherheit sogar Fragen.

»Allerdings hat er mich gebeten, Dmitri nichts davon zu sagen, was er mir über ihn mitgeteilt hat«, fügte Aljoscha hinzu.

Iwan zog die Augenbrauen zusammen und wurde sehr nachdenklich.

»Machst du wegen Smerdjakow ein so finsteres Gesicht?« fragte Aljoscha.

»Ja, seinetwegen. Hol‹ ihn der Teufel! Ich hätte Dmitri tatsächlich gern gesprochen. Doch jetzt ist es nicht mehr nötig ...«, sagte Iwan unlustig.

»Und du, wirst du wirklich bald abreisen, Bruder?«

»Ja.«

»Und was soll aus Dmitri und dem Vater werden? Wie soll die Spannung zwischen ihnen enden?« fragte Aljoscha stark beunruhigt.

»Du immer mit deiner alten Leier! Was geht das mich an? Bin ich etwa meines Bruders Hüter?« erwiderte Iwan schroff und gereizt, lächelte aber plötzlich bitter. »So antwortete Kain, als Gott ihn nach seinem erschlagenen Bruder fragte, nicht wahr? Vielleicht hast du in diesem Augenblick daran gedacht? Hol's der Teufel, ich kann wirklich nicht als Hüter bei ihnen bleiben! Ich habe meine Angelegenheiten zum Abschluß gebracht und reise ab. Du denkst doch wohl nicht, daß ich auf Dmitri eifersüchtig bin und daß ich ihm diese drei Monate seine schöne Katerina Iwanowna abspenstig machen wollte? Ich hatte meine eigenen Angelegenheiten, zum Teufel! Die habe ich jetzt zum Abschluß gebracht und reise ab. Heute habe ich sie zum Abschluß gebracht – du, warst Zeuge.«

»Du meinst, heute bei Katerina Iwanowna?«

»Ja, bei ihr. Und ich habe mich mit einem Schlag frei gemacht. Und was ist nun? Was geht mich Dmitri noch an? Dmitri

ist an allem ganz unbeteiligt! Ich hatte mit Katerina Iwanowna meine eigenen Angelegenheiten. Du weißt es ja selbst, Dmitri hat sich benommen, als hätte er sich mit mir abgesprochen. Ich habe ihn aber in keiner Weise gebeten, er hat mich von selbst feierlich in die Sache einbezogen und mir seinen Segen erteilt. Das alles klingt jetzt vielleicht lächerlich. Nein, Aljoscha, wenn du wüßtest, wie leicht mir jetzt ums Herz ist! Ich habe hier gesessen und mein Mittagessen verzehrt und wollte mir – wirst du es glauben? – schon eine Flasche Champagner bringen lassen, um die erste Stunde meiner Freiheit zu feiern. Pfui Teufel, beinah ein halbes Jahr – und nun auf einmal habe ich alle Fesseln zerrissen! Hatte ich gestern etwa auch nur eine Ahnung davon, daß es mich, wenn ich wollte, nichts kosten würde, diese Geschichte zu beenden?«

»Du sprichst von deiner Liebe, Iwan?«

»Ja, von meiner Liebe, wenn du es so nennen willst. Ja, ich hatte mich in ein gnädiges Fräulein, in ein Institutsfräulein, verliebt. Ich quälte mich um sie, und sie quälte mich. Ich umwarb sie ... Und plötzlich ist alles verflogen. Ich habe heute im Affekt gesprochen, doch als ich hinauskam, mußte ich lachen – kannst du es glauben? Es ist buchstäblich so, wie ich sage.«

»Du sprichst auch jetzt so vergnügt«, bemerkte Aljoscha und musterte Iwans Gesicht, das in der Tat auf einmal vergnügt aussah.

»Woher sollte ich denn wissen, daß ich sie überhaupt nicht liebe? Hehe! Nun hat es sich herausgestellt, daß das gar nicht der Fall war. Dabei hat sie mir doch so gefallen! Sogar heute noch, als ich meine Rede hielt! Und weißt du, auch jetzt gefällt sie mir schrecklich – und doch fällt es mir leicht, wegzufahren. Du glaubst, ich prahle nur?«

»Nein, aber das war vielleicht keine richtige Liebe.«

»Aljoschka«, erwiderte Iwan lachend, »laß dich nicht auf Reflexionen über die Liebe ein! Das paßt nicht zu dir. Aber heute, da hast du dich mal ins Zeug gelegt, o je! Ich habe ganz vergessen, dir dafür einen Kuß zu geben ... Und wie hat sie mich gequält! Wahrhaftig, sie leidet an Überspanntheit. Sie hat gewußt, daß ich sie liebte! Mich hat sie geliebt – und nicht Dmitri!« sagte Iwan bestimmt und heiter. »Daß sie Dmitri zu lieben glaubte, war nur Überspanntheit. Alles, was ich heute zu ihr gesagt habe, war die reine Wahrheit. Die Hauptsache ist jetzt aber, daß sie vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre brauchen wird, um einzusehen, daß sie Dmitri überhaupt nicht liebt, sondern mich, den sie gequält hat. Möglicherweise wird sie nie zu dieser Einsicht gelangen, trotz der ernsten Lehre von heute. Na, das Beste war, daß ich aufstand und für immer wegging. Apropos, was macht sie jetzt? Was hat sich dort getan, nachdem ich weg war?«

Aljoscha erzählte von dem hysterischen Anfall und daß sie wohl auch jetzt noch bewußtlos sei und phantasiere.

»Lügt Frau Chochlakowa auch nicht?«

»Ich glaube nicht.«

»Wir müssen uns erkundigen. An einem hysterischen Anfall ist übrigens noch niemand gestorben. Und selbst wenn sie so einen Anfall gehabt hat – die Hysterie hat Gott dem Weib in seiner Liebe gegeben. Ich werde überhaupt nicht mehr zu ihr gehen. Wozu soll ich mich aufdrängen?«

»Du hast doch aber zu ihr gesagt, sie hätte dich nie geliebt?«

»Das habe ich absichtlich gesagt, Aljoschka, ich werde doch Champagner bestellen. Laß uns auf meine Befreiung trinken. Wenn du wüßtest, wie froh ich bin«

»Nein, Bruder, wir wollen lieber nicht trinken«, sagte Aljoscha plötzlich. »Ich bin in zu trüber Stimmung.«

»Ja, das bist du schon seit längerer Zeit, ich habe es seit langem bemerkt.«

»Also, du wirst bestimmt morgen früh wegfahren?«

»Morgen früh? Daß ich früh fahre, habe ich nicht gesagt ... Übrigens fahre ich vielleicht wirklich in der Frühe. Ob du es glaubst oder nicht: Ich habe hier allein darum zu Mittag gegessen, um es nicht mit dem Alten tun zu müssen – so widerwärtig ist er mir geworden! Wenn er für mich das einzig Wichtige wäre, hätte ich mich schon längst davongemacht. Warum beunruhigt es dich so, Aljoscha, daß ich wegfahre? Wir haben ja noch Gott weiß wieviel Zeit bis zu meiner Abreise. Eine ganze Ewigkeit, eine endlose Zeit!«

»Wenn du morgen wegfährst, was ist das für eine Ewigkeit?«

»Was macht das uns beiden aus?« antwortete Iwan lachend »Was uns am Herzen liegt, können wir jedenfalls noch in Ruhe durchsprechen. Ich meine das, weswegen wir hierhergekommen sind. Warum siehst du mich so erstaunt an? Antworte, weswegen sind wir hier zusammengekommen? Um über meine Liebe zu Katerina Iwanowna zu reden? Oder über den Alten und Dmitri? Oder über das Ausland? Oder über die mißliche Lage Rußlands? Oder über Kaiser Napoleon? Ja? Deswegen?«

»Nein, deswegen nicht.«

»Also weißt du selbst, weswegen. Für uns Grünschnäbel ist etwas anderes wichtig als für andere Leute. Wir müssen vor allem Ewigkeitsfragen lösen, das ist unsere Sorge. Das ganze junge Rußland diskutiert jetzt nur über Ewigkeitsfragen. Gerade jetzt, da die alten Leute angefangen haben, sich mit praktischen Fragen zu beschäftigen. Warum hast du mich drei Monate erwartungsvoll angesehen? Doch wohl, um mich zu fragen: Was glaubst du? Oder glaubst du überhaupt nicht? Das bedeuteten doch drei Monate lang Ihre Blicke, Alexej Fjodorowitsch, ist es nicht so?«

»Vielleicht ist es so«, erwiderte Aljoscha lächelnd. »Du machst dich doch nicht über mich lustig, Bruder?«

»Ich sollte mich über dich lustig machen? Ich werde doch mein Brüderchen, das mich drei Monate so erwartungsvoll angesehen hat, nicht betrüben! Aljoscha, sieh mich an! Ich bin doch genauso ein junger Russe wie du, höchstens daß ich kein Novize hin. Nun, wie treiben es die jungen Russen bis jetzt? Das heißt manche? Nimm beispielsweise diese stinkende Kneipe hier. Da kommen sie zusammen und setzen sich in eine Ecke. Im ganzen bisherigen Leben haben sie einander nicht gekannt, und wenn sie das Lokal verlassen, werden sie einander wieder vierzig Jahre nicht kennen. Also: worüber werden sie in der kurzen Spanne Zeit reden, die sie in der Kneipe erhascht haben? Über die Weltfragen – anders kann es nicht sein! Ob es einen Gott und eine Unsterblichkeit gibt. Und die nicht an Gott glauben, werden über den Sozialismus und den Anarchismus sprechen und über die Umgestaltung der ganzen Menschheit, was auf die alleinige Existenz des Teufels hinausläuft – alles dieselben Fragen, nur vom anderen Ende her. Ein Großteil unserer originellsten jungen Russen hat in unserer Zeit weiter nichts zu tun, als über Ewigkeitsfragen zu reden. Ist es etwa nicht so?«

»Ja, für einen echten Russen sind allerdings die Fragen, ob es einen Gott und eine Unsterblichkeit gibt, oder wie du dich ausdrückst, die ›Fragen vom anderen Ende her‹ die allerwichtigsten, und so muß es auch sein«, sagte Aljoscha und sah seinen Bruder immer noch mit einem stillen, forschenden Lächeln an.

»Siehst du, Aljoscha, ein Russe zu sein ist manchmal überhaupt nicht klug. Und etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die jungen Russen beschäftigen, kann man sich gar nicht vorstellen. Aber einen jungen Russen, er heißt Aljoschka, habe ich doch schrecklich lieb.«

»Das ist ja ein prächtiger Abschluß, den du dem Ganzen gegeben hast!« erwiderte Aljoscha lachend.

»So, nun sag, womit wir anfangen, bestimme selbst! Mit Gott? Ob Gott existiert? Ja?«

»Fang an, womit du willst, meinetwegen auch ›vom anderen Ende her‹. Denn du hast ja gestern beim Vater behauptet, es gebe keinen Gott«, sagte Aljoscha mit einem prüfenden Blick auf seinen Bruder.

»Gestern während des Essens beim Alten habe ich dich absichtlich damit aufgezogen und bemerkt, wie deine Augen plötzlich anfingen zu funkeln. Aber jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir darüber zu verhandeln, das sage ich im vollen Ernst. Ich möchte dir näherkommen, Aljoscha, denn ich habe keine Freunde. Ich will es wenigstens versuchen! Nun stell dir vor, vielleicht erkenne ich sogar die Existenz Gottes an«, schloß Iwan lachend. »Das kommt dir unerwartet, wie?«

»Ja gewiß. Wenn es bloß nicht wieder ein Scherz ist.«

»Ein Scherz? Das wurde gestern beim Starez gesagt. Ich würde wohl nur scherzen? Siehst du, Täubchen, es gab im achtzehnten Jahrhundert einen alten Sünder, der äußerte die Ansicht, wenn Gott nicht existierte, müsse man ihn erfinden. ›S'il n'existait pas Dieu, il faudrait l'inventer.‹ Und tatsächlich hat der Mensch Gott erfunden. Und nicht daß es wirklich einen Gott gibt, ist seltsam und wunderbar, sondern daß ein solcher Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes so einem wilden, bösen Tier, wie es der Mensch ist, überhaupt in den: Kopf kommen konnte – so heilig, so rührend, so weise ist dieser Gedanke und so sehr macht er dem Menschen Ehre! Ich selbst habe mir schon längst vorgenommen, nicht darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen erschaffen hat. Selbstverständlich werde ich auch nicht alle diesbezüglichen modernen Axiome der jungen Russen überprüfen, Axiome, die sämtlich aus westeuropäischen Hypothesen abgeleitet sind. Was dort nur eine Hypothese darstellt, ist für einen jungen Russen sogleich ein Axiom, und nicht nur für die Jungen, sondern wohl auch für manche Professoren; denn auch unsere russischen Professoren sind jetzt häufig nicht anders als die jungen Leute. Daher werde ich alle Hypothesen übergehen. Was haben denn wir beide, ich und du, jetzt für eine Aufgabe? Sie besteht darin, daß ich dir möglichst schnell mein Wesen klarmache, dir sage, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf ich hoffe – so ist es doch wohl, nicht wahr? Und darum will ich auch die Erklärung abgeben, daß ich Gott einfach und ohne jeden Umstand akzeptiere. Aber ein Punkt will dabei bedacht sein. Wenn Gott existiert und wenn er tatsächlich die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, auf der Grundlage der euklidischen Geometrie geschaffen und den menschlichen Verstand nur mit der Vorstellung von drei Dimensionen des Raumes begabt. Trotzdem gab es und gibt es noch jetzt Mathematiker und Philosophen, und sogar sehr bedeutende, die daran zweifeln, daß das ganze Weltall oder, noch umfassender gesagt, alles Sein nur auf der Grundlage der euklidischen Geometrie geschaffen ist, und sich sogar zu dem phantastischen Gedanken versteigen, zwei parallele Linien, die sich nach Euklid auf Erden unter keinen Umständen schneiden, könnten sich in der Unendlichkeit vielleicht doch irgendwo schneiden. Ich, mein Täubchen, habe mir gesagt: Wenn ich nicht einmal das zu begreifen imstande bin, wie soll ich dann etwas von Gott begreifen? Ich gestehe demütig, daß meine Fähigkeiten zur Lösung solcher Fragen nicht ausreichen, ich habe nur einen euklidischen, irdischen Verstand – wie könnten wir daher über Dinge urteilen, die nicht von dieser Welt sind? Und auch dir, Aljoscha, rate ich, niemals über dergleichen nachzudenken, und am allerwenigsten über Gott, ob er existiert oder nicht. All diese Fragen sind völlig ungeeignet für einen Verstand, der nur mit der Vorstellung von drei Dimensionen begabt ist. Also ich akzeptiere Gott, und ich tue das nicht nur gern, sondern, was noch mehr ist, ich akzeptiere auch seine Allweisheit und sein Ziel: zwei uns völlig unbekannte Dinge. Ich glaube an eine Ordnung und einen Sinn des Lebens; ich glaube an eine ewige Harmonie, in der wir alle aufgehen werden; ich glaube an das Wort, nach dem das Weltall hinstrebt und das selbst ›von Gott war‹ und das selbst Gott ist, na und so weiter und so fort bis ins unendliche. Worte sind darüber ja viele gemacht worden. Es scheint, daß ich schon auf gutem Wege bin, wie? Aber nun stell dir vor, daß ich in letzter Konsequenz diese göttliche Welt nicht akzeptiere und sie, obwohl ich weiß, daß sie existiert, dennoch überhaupt nicht anerkenne. Was ich nicht akzeptiere, ist nicht Gott, versteh mich recht! Die von ihm geschaffene Welt, die göttliche Welt, akzeptiere ich nicht, kann ich mich nicht entschließen zu akzeptieren. Ich will mich deutlicher ausdrücken. Ich bin wie ein kleines Kind davon überzeugt, daß die Leiden heilen und vernarben werden, daß die ganze beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein klägliches Trugbild, wie die häßliche Erfindung eines schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes verschwinden wird, daß sich endlich beim großen Weltfinale, im Augenblick der ewigen Harmonie etwas sehr Kostbares ereignen und offenbaren wird. Etwas, was ausreicht für alle Herzen, ausreicht zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller menschlichen Übeltaten und allen von Menschen vergossenen Blutes. Etwas, was ausreicht, um alles, was mit den Menschen geschehen ist, nicht nur zu entschuldigen, sondern sogar zu rechtfertigen. Mag das alles also geschehen und sich offenbaren – ich aber akzeptiere es nicht und will es nicht akzeptieren! Mögen sich die parallelen Linien schneiden und mag ich das selber sehen: Ich werde es sehen und sagen, daß sie sich geschnitten haben, werde es aber trotzdem nicht akzeptieren. Siehst du, Aljoscha, das ist mein Wesen, das ist meine These. Ich habe dir das alles im vollen Ernst gesagt. Ich habe dieses Gespräch mit dir absichtlich in der denkbar dümmsten Weise angefangen, es dann jedoch bis zu meiner Beichte fortgeführt, weil du sie nur wirklich hören mußt. Über Gott brauchtest du nichts zu hören. Du solltest nur hören, wovon dein Bruder lebt, den du so liebhast. Und das habe ich dir gesagt.«

Iwan schloß seine lange Tirade mit einem eigentümlichen, unerwarteten Gefühlsausbruch.

»Wieso hast du denn in der ›denkbar dümmsten Weise‹ angefangen?« fragte Aljoscha und sah Iwan nachdenklich an.

»Erstens schon aus russischem Patriotismus. Gespräche über diese Themen werden von Russen immer in der denkbar dümmsten Weise geführt. Zweitens, weil man einer Sache um so näherkommt, je dümmer man anfängt. Je dümmer, desto klarer. Die Dummheit drückt sich kurz und schlicht aus. Der Verstand macht hingegen Winkelzüge und versteckt sich. Der Verstand ist ein Schuft, die Dummheit ist offen und ehrlich. Ich lenkte dies Gespräch zuletzt auf meine Verzweiflung, und je dümmer ich sie dir dargestellt habe, um so vorteilhafter ist es für mich.«

»Wirst du mir noch erklären, weswegen du ›die Welt nicht akzeptierst‹?« fragte Aljoscha.

»Natürlich werde ich es dir noch erklären; es ist kein Geheimnis, darauf wollte ich ja auch hinaus. Mein lieber Bruder, ich will dich nicht von deinem festen Standpunkt abbringen oder weglocken. Ich möchte mich, falls irgend möglich, durch dich heilen«, sagte Iwan und lächelte plötzlich sanft wie ein kleiner Junge. Noch nie hatte Aljoscha so ein Lächeln bei ihm gesehen.

4. Rebellion

»Ich muß dir ein Geständnis machen«, begann Iwan. »Ich habe nie begreifen können, wie es möglich ist, seinen Nächsten zu lieben. Gerade die einem am nächsten stehen, kann man meiner Ansicht nach nicht lieben, höchstens noch die Fernstehenden. Ich habe einmal irgendwo über den Heiligen Johannes den Barmherzigen gelesen, er habe, als ein hungriger, durchfrorener Wanderer zu ihm kam, sich mit ihm zusammen ins Bett gelegt, ihn umarmt und ihm in den Mund gehaucht, der infolge einer schrecklichen Krankheit mit eiternden Geschwüren besetzt war und übel roch. Ich bin überzeugt, daß er das in einer Art verlogener Überspanntheit tat, weil die Liebe durch die Pflicht geboten ist, vielleicht auch weil er sich damit selbst eine Buße auferlegen wollte. Damit man einen Menschen lieben kann, muß er sich versteckt halten; sowie er sein Gesicht zeigt, ist die Liebe verschwunden.«

»Darüber hat der Starez Sossima wiederholt gesprochen«, bemerkte Aljoscha. »Er sagte auch, das Gesicht eines Menschen hindere viele, die in der Liebe noch keine Erfahrung hätten, ihn zu lieben. Es gibt aber auch viel Liebe in der Menschheit, und zwar solche, die der Liebe Christi ähnlich ist, das weiß ich selbst, Iwan ...«

»Nun, ich für meine Person weiß es vorläufig noch nicht und kann es nicht begreifen. Und unzähligen Menschen geht es wie mir. Die Frage ist nun, ob das von speziellen schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt oder davon, daß das nun einmal allgemein in der menschlichen Natur liegt. Meiner Ansicht nach ist die Liebe Christi zu den Menschen ein in seiner Art auf Erden unmögliches Wunder. Freilich. Er war ein Gott. Aber wir sind keine Götter. Angenommen, ich zum Beispiel wäre imstande, schweres Leid zu ertragen: Kein anderer könnte erkennen, in welchem Grad ich leide, weil er eben ein anderer ist und nicht ich. Und überhaupt ist der Mensch selten bereit, einen anderen als großen Dulder anzuerkennen – als ob das ein Rang wäre. Warum ist er dazu nicht bereit, was meinst du? Weil ich zum Beispiel schlecht rieche, ein dummes Gesicht habe und ihm irgendwann auf den Fuß getreten habe. Außerdem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied! Ein Leiden, das mich erniedrigt, wie zum Beispiel Hunger, erkennt mein Wohltäter noch an; sowie aber das Leiden höherer Art ist, zum Beispiel ein Leiden für eine Idee, erkennt er es nur in seltenen Fällen an, zum Beispiel, weil er mich ansieht und bemerkt, daß ich gar nicht so ein Gesicht habe, wie es seiner Einbildung nach jemand haben muß, der für so eine Idee leidet. Und da verweigert er mir denn sofort seine Wohltaten, und gar nicht einmal aus Bosheit. Bettler, vor allem adlige, sollten sich nie persönlich zeigen, sondern durch die Zeitungen um Almosen bitten. Abstrakt kann man seinen Nächsten noch lieben, aus der Ferne manchmal auch, von nahem jedoch fast nie. Wenn alles so wäre wie im Theater, im Ballett, wo Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen erscheinen und graziös tanzend um Almosen bitten, könnte man sie noch mit Vergnügen und Interesse betrachten. Betrachten, wohlgemerkt nicht lieben. Doch genug davon. Ich mußte dich nur erst auf meinen Standpunkt stellen. Eigentlich wollte ich von den Leiden der Menschheit überhaupt reden, aber es ist wohl besser, wenn wir uns auf die Leiden der Kinder beschränken. Dadurch wird der Umfang meiner Beweisführung zwar auf ein Zehntel gemindert, und doch redet man besser nur von den Kindern. Für mich ist diese Beschränkung freilich nicht vorteilhaft. Aber erstens kann man die Kinder sogar aus der Nähe lieben, sogar die schmutzigen, sogar die mit häßlichen Gesichtern; mir scheint übrigens, Kinder haben nie häßliche Gesichter. Zweitens werde ich auch deswegen nicht von den Erwachsenen reden, weil bei ihnen, abgesehen davon, daß sie widerwärtig sind und keine Liebe verdienen, lediglich so etwas wie eine Vergeltung stattfindet. Sie haben von dem Apfel gegessen und erkannt, was gut und böse ist, und sind ›wie Gott‹ geworden. Und sie essen auch weiterhin von dem Apfel. Die Kinderchen jedoch haben nicht davon gegessen und sind einstweilen noch völlig unschuldig. Liebst du die Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie liebst, und es wird dir verständlich sein, warum ich jetzt nur von ihnen spreche. Wenn nun auf Erden auch sie furchtbar leiden müssen, so büßen sie natürlich für ihre Väter. Sie werden für ihre Väter bestraft, die von dem Apfel gegessen haben – aber das ist ein Gedanke, der einer anderen Welt angehört und dem Menschenherzen hier auf Erden unverständlich ist. Es darf doch nicht ein Unschuldiger für einen anderen leiden, und noch dazu so ein Unschuldiger! Staune über mich, Aljoscha: Auch ich liebe die Kinder über alle Maßen. Und wohlgemerkt, grausame, leidenschaftliche, sinnliche Menschen, Menschen vom Schlage der Karamasows lieben Kinder manchmal sehr. Solange sie wirklich Kinder sind, sagen wir bis zum siebenten Lebensjahr, sind Kinder von den Erwachsenen grundverschieden: als ob sie andere Wesen wären und eine ganz andere Natur hätten. Im Gefängnis habe ich einen Räuber gekannt. Wenn er nachts in die Häuser eingedrungen war und ganze Familien ermordet hatte, so war es vorgekommen, daß er dabei auch Kinder abschlachtete. Doch im Gefängnis liebte er sie leidenschaftlich. Er stand dauernd am Fenster und sah den auf dem Gefängnishof spielenden Kindern zu. Einen kleinen Jungen hatte er dazu gebracht, zu ihm unters Fenster zu kommen, und der Kleine hatte sich schon richtig mit ihm angefreundet ... Du weißt nicht, weswegen ich das alles sage, Aljoscha? Ich habe Kopfschmerzen, und es ist mir traurig zumute.«

»Du machst beim Sprechen eine sonderbare Miene«, bemerkte Aljoscha beunruhigt. »Als ob du überaus erregt wärst.«

»Ach übrigens«, fuhr Iwan Fjodorowitsch fort, als hätte er die Worte seines Bruders gar nicht gehört, »unlängst hat mir ein Bulgare in Moskau erzählt, was für Greueltaten die Türken und Tscherkessen aus Furcht vor einem allgemeinen Aufstand der Slawen überall in Bulgarien verüben. Sie sengen und brennen, morden, vergewaltigen Frauen und Kinder, nageln Gefangene mit den Ohren an Zäune und lassen sie so die Nacht über stehen, um sie dann aufzuhängen, und so weiter. Vieles davon kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Man spricht mitunter von der ›bestialischen‹ Grausamkeit eines Menschen – aber das ist den Bestien gegenüber eine arge Ungerechtigkeit und Beleidigung. Eine Bestie kann nie so grausam sein wie der Mensch, auf so raffinierte, kunstvolle Art grausam. Der Tiger beißt einfach zu und zerreißt, weiter kann er nichts. Es würde ihm gar nicht in den Sinn kommen, Menschen über Nacht an den Ohren festzunageln, selbst wenn er das könnte. Diese Türken haben unter anderem auch Kinder geradezu wollüstig gefoltert. So haben sie mit ihren Dolchen Ungeborne ne aus dem Mutterleib geschnitten und Säuglinge vor den Augen der Mütter in die Höhe geworfen, und mit den Bajonetten aufgefangen. Daß dies vor den Augen der Mütter geschah, war die besondere Würze des Vergnügens. Und nun will ich dir eine kleine Geschichte erzählen, die mir besonders interessant war. Stell dir vor: Ein kleines Kind auf dem Arm der vor Angst zitternden Mutter, ringsherum Türken, die in das Haus eingedrungen sind. Sie haben sich ein Späßchen ausgedacht. Liebkosen das Kindchen, lachen, um es zum Lachen zu bringen, es gelingt ihnen, das Kind ist ganz vergnügt. In diesem Augenblick zielt ein Türke mit der Pistole auf das Kleine, eine Spanne weit von seinem Gesicht. Das Kleine lacht fröhlich und streckt die Ärmchen aus, um nach der Pistole zu greifen. Und plötzlich drückt der Witzbold ab, schießt ihm mitten ins Gesicht und zerschmettert ihm das Köpfchen ... Kunstvoll, nicht wahr? Die Türken sollen übrigens große Freunde von Süßigkeiten sein.«

»Bruder, wozu erzählst du das alles?« fragte Aljoscha.

»Ich glaube, wenn der Teufel nicht existiert und ihn somit der Mensch erschaffen hat, dann nach seinem Bilde.«

»Also genauso, wie er Gott erschaffen hat.«

»Du verstehst es ganz erstaunlich, einem die Worte im Mund zu verdrehen, wie Polonius im Hamlet sagt«, erwiderte Iwan lachend. »Du hast mich bei einem Widerspruch ertappt – sei es drum, ich freue mich. Ein nettes Produkt muß er ja sein, dein Gott, wenn der Mensch ihn nach seinem Bild geschaffen hat. Du fragst eben, wozu ich das alles erzähle: Siehst du, ich bin ein Liebhaber und Sammler gewisser Tatsachen und schreibe mir aus Zeitungen und anderen Quellen, wo ich gerade etwas finde, bestimmte Geschichtchen heraus und sammle sie; ich habe bereits eine hübsche Kollektion. Die Türken sind natürlich auch in die Sammlung aufgenommen, aber das sind Ausländer. Ich habe auch Geschichtchen aus unserem lieben Vaterland und sogar noch bessere als die türkischen. Du weißt, bei uns wird mehr mit Ruten und Peitschen geprügelt, das ist eine nationale Eigentümlichkeit. Angenagelte Ohren sind bei uns undenkbar, denn wir sind doch Europäer. Ruten- und Peitschenhiebe – das ist etwas, was uns gehört und uns nicht genommen werden kann. Im Ausland wird jetzt offenbar gar nicht mehr geprügelt – sei es, daß die Sitten sich verfeinert haben, sei es, daß Gesetze erlassen worden sind, nach denen ein Mensch einen anderen nicht mehr durchpeitschen darf. Dafür haben sie sich durch etwas anderes schadlos gehalten, das ebenfalls rein national ist, wie die Hiebe bei uns, und zwar dermaßen national, daß es bei uns unmöglich zu sein scheint; trotzdem findet es, glaube ich, auch bei uns Eingang, vor allem seitdem es in unseren oberen Gesellschaftskreisen eine religiöse Bewegung gibt. Ich besitze eine allerliebste kleine Broschüre, eine Übersetzung aus dem Französischen, in der erzählt wird, wie vor nicht sehr langer Zeit, vielleicht vor fünf Jahren, in Genf ein Übeltäter und Mörder namens Richard hingerichtet worden ist, ein Bursche von etwa dreiundzwanzig Jahren, der kurz vor dem Schafott bereut und sich zum Christentum bekehrt hatte. Dieser Richard war ein uneheliches Kind, und seine Eltern hatten ihn, als er noch klein war, etwa sechs, an irgendwelche Schweizer Berghirten ›verschenkt‹. Diese zogen ihn groß, um ihn zur Arbeit zu verwenden. Er wuchs bei ihnen auf wie ein kleines wildes Tier. Die Hirten ließen ihn nichts lernen, sondern schickten ihn schon mit sieben Jahren auf die Weide, in Nässe und Kälte, fast ohne Kleidung und fast ohne ihm etwas zu essen zu geben. Und selbstverständlich machte sich keiner von ihnen Gedanken darüber, daß sie so handelten, keiner empfand Gewissensbisse. Sie glaubten völlig im Recht zu sein, da Richard ihnen wie eine Sache geschenkt war, und sie hielten es nicht einmal für nötig, ihn zu beköstigen. Richard selbst hat später ausgesagt, er habe in jenen Jahren wie der verlorene Sohn im Evangelium sehnlich gewünscht, wenigstens von dem Schweinefraß essen zu dürfen, aber auch das erlaubten sie nicht, sondern schlugen ihn, wenn er den Schweinen etwas davon stahl. So verbrachte er seine ganze Kindheit und seine ganze Jugend, bis er sich, groß und stark geworden, aufmachte, um sich mit Diebstählen durchzuschlagen. Er begann, sich in Genf als Tagelöhner Geld zu verdienen. Seinen Verdienst vertrank er, lebte wie ein Vieh und schlug schließlich einen alten Mann tot und raubte ihn aus. Er wurde vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Sentimental ist man dort ja nicht. Doch nun, wo er im Gefängnis saß, umringten ihn sogleich die Pastoren und die Mitglieder verschiedener christlicher Vereine, wohltätige Damen und so weiter. Sie lehrten ihn im Gefängnis Lesen und Schreiben, erklärten ihm das Evangelium, redeten ihm ins Gewissen, bemühten sich, ihn zu überzeugen, setzten ihm zu, drängten und quälten ihn – und siehe da, endlich bekannte er selbst in feierlicher Form sein Verbrechen. Er bekehrte sich und schrieb selbst an das Gericht, er sei ein Ungeheuer; Gott habe jedoch endlich auch ihn der Erleuchtung gewürdigt und ihm seine Gnade zuteil werden lassen. Ganz Genf geriet in Aufregung, das ganze wohltätige, gottesfürchtige Genf. Alles, was zu den höheren, gebildeten Ständen gehörte, stürzte zu ihm ins Gefängnis. Man küßte und umarmte Richard. ›Du bist unser Bruder, die Gnade ist auf dich herniedergekommen!‹ Richard selbst weinte nur so vor Rührung: ›Ja‹, sagte er, ›die Gnade ist auf mich herniedergekommen! Früher, in meiner Kindheit, war ich froh, wenn ich Schweinefutter essen durfte. Jetzt ist auch auf mich die Gnade herniedergekommen, ich sterbe im Herrn!‹ – ›Ja; ja, Richard, stirb im Herrn! Du hast Blut vergossen und mußt im Herrn sterben. Magst du auch nichts dafür können, daß du den Herrn gar nicht gekannt hast, als du die Schweine um ihr Futter beneidetest und man dich dafür schlug, daß du ihnen ihr Futter stahlst, was du tatest, ist sehr häßlich, denn Stehlen ist verboten – aber du hast Blut vergossen und mußt sterben ...‹ So brach der letzte Tag an. Richard, der ganz schwach geworden war, weinte und wiederholte alle Augenblicke: ›Das ist der schönste Tag meines Lebens, ich gehe zum Herrn!‹ – ›Ja‹, riefen die Pastoren, die Richter und die wohltätigen Damen, ›das ist dein glücklichster Tag, denn du gehst zum Herrn!‹ Der ganze Schwarm zog in Kutschen und zu Fuß hinter dem Schinderkarren her, auf dem Richard zum Schafott gefahren wurde. Nun hatte man das Schafott erreicht. ›Stirb, du unser Bruder!‹ riefen sie Richard zu. ›Stirb im Herrn, denn auch auf dich ist die Gnade herniedergekommen!‹ Und dann schleppte man unter Bruderküssen Bruder Richard aufs Schafott, legte ihn auf die Guillotine und hackte ihm brüderlich dafür den Kopf ab, daß auch auf ihn die Gnade herniedergekommen war ... Ja, das ist charakteristisch. Irgendwelche hochgestellten russischen Wohltäter, die mit dem Lutheranertum sympathisierten, haben diese kleine Broschüre ins Russische übersetzen lassen und zur Aufklärung des russischen Volkes als Gratisbeilage Zeitungen und anderen Publikationen beigegeben. Das Ding mit diesem Richard ist dadurch interessant, daß es national geprägt ist. Bei uns würde man es für absurd halten, einem Bruder deswegen den Kopf abzuschlagen, weil er unser Bruder geworden und die Gnade auf ihn herniedergekommen ist. Aber ich wiederhole, wir haben auch unsere Eigenheit, die beinahe noch schlimmer ist. Bei uns gibt es den historischen, instinktiv vertrauten Genuß am Schlagen. Es gibt ein Gedicht von Nekrassow darüber, wie ein Bauer sein Pferd mit der Peitsche auf die Augen schlägt, ›auf die sanften Augen‹. Wer hätte so etwas nicht schon gesehen? Das ist echt russisch. Der Dichter schildert, wie das schwächliche Pferdchen mit seiner überladenen Fuhre steckengeblieben ist und sie nicht aus dem Lehm herausziehen kann. Der Bauer schlägt es, schlägt es in blinder Wut, schlägt es zuletzt, ohne zu wissen, was er tut. Durch das Schlagen in eine Art Rausch geraten, versetzt er ihm zahllose schmerzhafte Hiebe: Wenn du auch nicht kannst, zieh trotzdem! Verrecke, aber zieh! Das armselige Pferdchen strengt sich verzweifelt, aber vergebens an. Da schlägt er das wehrlose Tier mit der Peitsche auf die weinenden ›sanften Augen‹. Außer sich reißt und ruckt es an den Strängen, keuchend, am ganzen Leibe zitternd, sich seitwärts stellend und unnatürliche Sprünge vollführend, zieht es die Fuhre heraus – bei Nekrassow ist das furchtbar zu lesen. Aber es ist doch nur ein Pferd, und Gott hat uns ja die Pferde dazu gegeben, daß wir sie peitschen. Das haben uns die Tataren beigebracht und uns zur Erinnerung die Knute geschenkt. Aber man kann ja auch Menschen peitschen. Ein intelligenter, gebildeter Herr und seine Gemahlin peitschen zum Beispiel ihr eigenes Töchterchen, ein siebenjähriges Kind, mit Gerten – darüber habe ich mir ausführliche Aufzeichnungen gemacht. Papachen freut sich, daß Ansätze von Zweigen an den Gerten sind. ›Dann zieht es besser!‹ sagt er und beginnt seine eigene Tochter zu peitschen. Ich weiß zuverlässig, es gibt Menschen, die beim Prügeln mit jedem Schlag erregter werden, bis zur Wollust, bis zu einem regelrechten Wollustgefühl, das sich mit jedem Schlag steigert. Jener Vater schlägt also eine Minute lang, dann werden es fünf Minuten, dann zehn, er schlägt weiter, immer mehr, die Schläge fallen immer häufiger und schmerzhafter. Das Kind schreit, es kann schließlich nicht mehr schreien, es keucht nur noch: ›Papa, Papa, lieber Papa, lieber Papa!‹ Durch irgendeinen seltsamen Zufall kommt die Sache vor Gericht. Der Angeklagte nimmt sich einen Advokaten. Das einfache Volk in Rußland nennt einen Advokaten schon längst ein ›gemietetes Gewissen‹. Der Advokat führt zur Verteidigung seines Klienten an: ›Eine ganz einfache Sache, wie sie in jeder Familie vorkommt: Ein Vater hat seine kleine Tochter durchgehauen, und zur Schande unserer Tage kommt so etwas vor Gericht!‹ Die Geschworenen lassen sich überzeugen, ziehen sich zurück und fällen Freispruch. Das Publikum brüllt vor Freude, daß der Peiniger freigesprochen ist. Schade, schade, daß ich nicht dabei war! Ich hätte den Antrag gestellt, zu Ehren dieses Folterknechtes ein Stipendium auf seinen Namen zu stiften ... Allerliebste kleine Geschichten sind das! Doch ich habe über Kinder noch bessere Geschichtchen. Ich habe über Kinder sehr, sehr viel Material gesammelt, Aljoscha. Ein kleines fünfjähriges Mädchen wurde aus irgendeinem Grund von Vater und Mutter, einem sehr achtbaren Beamten und seiner Frau, gebildeten, wohlerzogenen Leuten, gehaßt. Ich behaupte erneut mit aller Bestimmtheit, die Lust, Kinder zu mißhandeln, und zwar ausschließlich Kinder, ist eine Besonderheit vieler Menschen. Gegenüber allen anderen menschlichen Wesen benehmen sich dieselben Leute wohlwollend und freundlich, als gebildete, humane Europäer, doch Kinder zu mißhandeln ist ihnen geradezu ein Vergnügen. Unter diesem Gesichtspunkt lieben sie die Kinder sogar. Gerade die Wehrlosigkeit der kleinen Geschöpfe hat etwas Verlockendes für diese Rohlinge. Die engelhafte Zutraulichkeit des Kindes, das nicht weiß, wo es bleiben und an wen es sich wenden soll – das ist es, was das Blut des Folterers erhitzt. In jedem Menschen steckt natürlich eine Bestie. Diese Bestie kann in Wut geraten, das Geschrei des gequälten Opfers ruft bei ihr eine wollüstige Glut hervor. Von der Kette gelassen, kann diese Bestie nicht mehr zurückgehalten werden; ihre Wildheit wird gesteigert durch Krankheiten infolge eines ausschweifenden Lebenswandels, wie Podagra, Leberleiden und so weiter. Die gebildeten Eltern unterwarfen also dieses arme fünfjährige Mädchen allen möglichen Foltern. Sie schlugen es, peitschten es, stießen es mit Füßen, ohne zu wissen warum, so daß der ganze Körper der Kleinen mit blauen Flecken bedeckt war. Zuletzt verfielen sie auf höchst raffinierte Martern. Sie sperrten sie bei starker Kälte eine ganze Nacht auf dem Abort ein. Und sie beschmierten ihr das Gesicht mit Kot und zwangen sie, diesen Kot zu essen: zur Strafe dafür, daß sie sich nachts bei einem körperlichen Bedürfnis nicht gemeldet hatte. Die eigene Mutter zwang sie dazu, die eigene Mutter! Und diese Mutter konnte schlafen, während das Stöhnen des armen Kindes zu hören war, das sie an diesem widerwärtigen Ort eingesperrt hatten Verstehst du das, wenn das kleine Wesen, das noch nicht einmal zu begreifen versteht, was mit ihm geschieht, sich in Dunkelheit und Kälte und Gestank mit dem Fäustchen ängstlich gegen die Brust schlägt und mit unschuldigen, frommen Tränen den ›lieben Gott‹ um Schutz anfleht – verstehst du diese Sinnlosigkeit, du mein Freund und Bruder, du demütiger Diener Gottes? Verstehst du, wozu diese Sinnlosigkeit notwendig ist, wozu sie da ist? Man sagt, ohne sie könnte der Mensch gar nicht auf Erden leben; er würde das Gute und das Böse nicht erkennen. Aber wozu sollen wir dieses verdammte Gute und Böse erkennen, wenn uns das so teuer zu stehen kommt? Eine ganze Welt von Erkenntnis wiegt ja nicht die Tränen auf, mit denen das Kind zum ›lieben Gott‹ betet! Ich rede nicht von den Leiden der Erwachsenen, die haben von dem Apfel gegessen, hol‹ sie alle der Teufel! Aber die kleinen Kinder! Ich quäle dich, Aljoscha, du kommst mir vor wie geistesabwesend. Wenn du willst, höre ich auf.«

»Nicht doch, auch ich will Qualen leiden!« murmelte Aljoscha.

»Noch eine kleine Geschichte, nur noch eine einzige, weil sie besonders interessant und charakteristisch ist. Ich habe sie eben erst in einem der Sammelwerke über russische Geschichte gelesen, ich weiß nicht, ob im ›Archiv‹ oder ob im ›Altertum‹. Ich muß noch einmal nachschlagen, ich habe vergessen, wo ich sie gelesen habe ... Die Geschichte ereignete sich in der dunkelsten Zeit der Leibeigenschaft, zu Anfang dieses Jahrhunderts. – Es lebe der Befreier des Volkes! Da war zu Anfang des Jahrhunderts ein General mit engen Beziehungen nach oben, ein sehr reicher Gutsbesitzer, allerdings einer von den wenigen, glaube ich, die, wenn sie aus dem Dienst geschieden waren und sich in den Ruhestand zurückgezogen hatten, in der Überzeugung lebten, daß sie sich das Recht über Leben und Tod ihrer Untertanen erworben hätten. Solche Leute gab es damals. Nun, dieser General lebte also auf seinem Gut von zweitausend Seelen als großer Herr und behandelte seine kleinen Nachbarn wie Schmarotzer und Possenreißer. Er hatte eine Meute von mehreren hundert Hunden, dazu an die hundert Hundewärter, sämtlich uniformiert und beritten. Eines Tages nun warf ein Hofjunge, ein Bursche von acht Jahren, beim Spielen mit einem Stein und verletzte den Lieblingshund des Generals am Fuß. ›Wieso lahmt mein Lieblingshund?‹ Es wurde ihm berichtet. ›Ah, du bist das‹ sagte der General, ihn musternd. ›Nehmt ihn fest!‹ Er wurde seiner Mutter weggenommen, verhaftet und die ganze Nacht ins Arrestlokal gesperrt. Am anderen Morgen, bei Tagesanbruch, war der General, bereits in voller Parade, im Begriff, zur Jagd zu ziehen. Er stieg zu Pferde, umgeben von seinen Schmarotzern, den Hunden, den Hundewärtern, den Treibern, die sämtlich beritten waren. Zur Erbauung und Belehrung war das Hofgesinde versammelt, vor allen anderen stand die Mutter des Jungen. Der wurde aus dem Arrest herausgeführt. Es war ein trüber, kalter, nebliger Herbsttag, richtiges Jagdwetter. Der General befahl, den Jungen zu entkleiden. Das Kind wurde vollständig ausgezogen. Es zitterte, war vor Angst ganz durcheinander, und wagte keinen Ton von sich zu geben ... ›Hetzt ihn!‹ kommandierte der General. ›Lauf, lauf!‹ schrien die Hundewärter. Der Knabe lief. ›Faßt ihn!‹ brüllte der General und hetzte die ganze Meute der Jagdhunde auf ihn. Vor den Augen der Mutter rissen die Hunde den Kleinen in Stücke! Der General wurde unter Aufsicht gestellt, glaube ich. Was hätte man sonst mit ihm machen sollen? Ihn erschießen? Zur Befriedigung des sittlichen Gefühls erschießen? Sprich, Aljoschka«

»Ja, erschießen« sagte Aljoscha leise mit einem blassen, verzerrten Lächeln und sah zu seinem Bruder auf.

»Bravo« rief Iwan geradezu begeistert. »Wenn du das schon sagst ... du Asket! Sieh mal einer an, was für ein Teufel in deinem Herzchen sitzt, Aljoschka Karamasow«

»Ich habe etwas Törichtes gesagt, aber ...«

»Das ist es eben, dieses ›aber‹!« rief Iwan. »Merke dir, du Novize, Torheiten sind auf der Welt sehr nötig. Auf Torheiten beruht die Welt, und ohne Torheiten würde in der Welt vielleicht überhaupt nichts geschehen. Wir wissen, was wir wissen!«

»Was weißt du?«

»Ich weiß nichts«, fuhr Iwan wie im Fieber fort. »Und ich will auch jetzt nichts wissen. Ich will bei den Tatsachen bleiben. Ich habe mit schon längst vorgenommen, nichts zu begreifen. Wenn ich etwas begreifen will, verdrehe ich sofort die Tatsachen, und ich habe mir vorgenommen, bei den Tatsachen zu bleiben.«

»Warum quälst du mich?« rief Aljoscha überaus bekümmert. »Wirst du mir das endlich sagen?«

»Gewiß werde ich es dir sagen. Ich habe ja das Gespräch absichtlich darauf hingeleitet, es dir zu sagen. Du bist mir teuer, ich will dich nicht lassen und deinem Sossima nicht abtreten.«

Iwan schwieg etwa eine Minute lang, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr traurig.

»Hör mich an. Ich habe die Kinder nur als Beispiel benutzt, damit der Beweis deutlicher wurde. Von den übrigen Menschentränen, mit denen die ganze Erde von der Rinde bis zum Zentrum getränkt ist, sage ich weiter kein Wort, ich habe mein Thema absichtlich beschränkt. Ich bin eine Wanze und gestehe in aller Demut, daß ich nicht begreifen kann, warum alles so eingerichtet ist. Die Menschen, heißt es, sind selbst schuld daran; es war ihnen das Paradies gegeben, aber es verlangte sie nach Freiheit, und sie stahlen aus dem Himmel das Feuer, obwohl sie selbst wußten, daß sie unglücklich würden – also haben sie kein Recht, sich zu beklagen. Nach meiner Ansicht steht es nicht so. Nach meinem kläglichen irdischen, euklidischen Verstand weiß ich nur, daß es Leiden gibt, daß keine Schuldigen vorhanden sind, daß überall direkt und einfach das eine aus dem anderen hervorgeht, daß alles fließt und sich ins Gleichgewicht setzt – aber das ist ja nur euklidischer Unsinn! Ich weiß das, und ich kann mich nicht überwinden, auf Grund dieses Unsinns zu leben! Was habe ich davon, daß es keine Schuldigen gibt und daß überall eines direkt und einfach aus dem anderen hervorgeht und daß ich das weiß – ich brauche Vergeltung, sonst vernichte ich mich ja selbst. Und zwar Vergeltung nicht irgendwo und irgendwann in der Unendlichkeit, sondern schon hier auf Erden, und so, daß ich sie selbst sehe. Ich habe geglaubt, also will ich auch selbst sehen! Sollte ich jedoch zu jener Stunde schon tot sein, so mag man mich auferwecken. Denn wenn alles ohne mich geschieht, so wäre das ein großes Unrecht mir gegenüber. Ich habe nicht deshalb gelitten, um mit meiner Persönlichkeit, mit meinen Übeltaten und mit meinen Leiden jemandem die künftige Harmonie gewissermaßen zu düngen. Ich will mit eigenen Augen sehen, wie die Hirschkuh sich neben den Löwen legt, wie der Ermordete aufersteht und seinen Mörder umarmt. Ich will dabeisein, wenn alle plötzlich erkennen, warum alles so gewesen ist. Auf diesem Wunsch beruhen alle Religionen auf der Erde, und ich bin gläubig. Aber da sind nun noch die kleinen Kinder, was soll ich mit denen anfangen? Das ist eine Frage, auf die ich keine Antwort finde. Ich wiederhole abermals, es gibt viele solcher Fragen; ich habe die Kinder als einziges Beispiel benutzt, weil das, was ich sagen will, hierbei unverkennbar deutlich ist. Paß auf! Wenn alle leiden müssen, um durch ihr Leiden die ewige Harmonie zu erkaufen – inwiefern sind daran die kleinen Kinder beteiligt? Das sag mir doch bitte! Es gibt überhaupt keine Erklärung, warum auch sie leiden und durch ihr Leiden die Harmonie erkaufen müssen. Warum sind auch sie unter die Düngemittel geraten und haben mit ihren Persönlichkeiten für irgend jemand die zukünftige Harmonie gedüngt? Die Solidarität in der Sünde unter den Menschen begreife ich, ich begreife auch die Solidarität in der Vergeltung. Aber die kleinen Kinder haben doch an der Solidarität in der Sünde nicht teil, und wenn es wirklich wahr ist, daß sie mit ihren Vätern in deren Übeltaten solidarisch sind, so ist diese Wahrheit allerdings nicht von dieser Welt und mir unverständlich. Der eine oder andere Spaßvogel wird vielleicht sagen, das Kind werde heranwachsen und dann schon sündigen – aber zumindest jener Junge ist gar nicht erst herangewachsen, sondern schon im Alter von acht Jahren mit Hunden zu Tode gehetzt worden. Nein, Aljoscha, ich lästere Gott nicht! Ich begreife ja, wie gewaltig die Erschütterung des Weltalls sein muß, wenn alles, was im Himmel und auf Erden und unter der Erde ist, zusammenfließen wird in einen einzigen Lobgesang, und alles, was da lebt und gelebt hat, rufen wird: ›Gerecht bist du, Herr, denn deine Wege sind offenbar geworden!‹ Wenn selbst die Mutter das Ungeheuer umarmen wird, das ihren Sohn von den Hunden zerreißen ließ, und alle drei unter Tränen ausrufen werden: ›Gerecht bist du, o Herr!‹ Dann wird die Erkenntnis natürlich ihren Gipfelpunkt erreichen, und alles wird seine Erklärung finden. Aber da sitzt eben der Haken, gerade das kann ich nicht akzeptieren. Und solange ich auf der Erde bin, werde ich mich beeilen, meine Maßnahmen dagegen zu ergreifen! Siehst du, Aljoscha, vielleicht wird es tatsächlich geschehen, daß ich, sollte ich bis zu jenem Augenblick leben oder auferweckt werden, um ihn zu erleben – daß ich dann angesichts der Mutter, die den Peiniger ihres Kindes umarmt, mit allen zusammen ausrufe: ›Gerecht bist, du, o Herr!‹ Aber ich will das dann nicht ausrufen. Solange es noch Zeit ist, beeile ich mich, Einspruch zu erheben, und darum will ich von der höchsten Harmonie überhaupt nichts wissen. Sie ist nicht einmal die Tränen jenes einen gequälten Kindes wert, das sich mit dem Fäustchen an die Brust schlug und in seinem stinkenden Gefängnis mit ungesühnten Tränen zum ›lieben Gott‹ betete! Sie ist diese Tränen nicht wert, weil sie ungesühnt geblieben sind. Sie müssen gesühnt werden, sonst ist eine Harmonie unmöglich. Aber wodurch, wodurch können sie gesühnt werden? Ist das überhaupt möglich? Etwa dadurch, daß sie gerächt werden? Was hilft mir eine dafür geübte Rache? Was hilft mir die Hölle für die Peiniger? Was kann die Hölle wiedergutmachen, wenn solche Kinder schon zu Tode gequält worden sind? Und was ist das für eine Harmonie, wenn darin eine Hölle vorkommt? Ich will verzeihen, will umarmen, ich will nicht, daß weiter gelitten wird! Und wenn die Leiden der Kinder helfen mußten, um jene Summe von Leiden voll zu machen, die zur Erkaufung der Wahrheit notwendig war, so behaupte ich, daß die ganze Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Und endlich will ich auch gar nicht, daß die Mutter den Peiniger umarmt, der ihren Sohn von den Hunden hat zerreißen lassen! Sie darf ihm nicht verzeihen! Sie mag dem Peiniger das maßlose Leid ihres Mutterherzens verzeihen! Aber sie hat kein Recht, die Leiden ihres zu Tode gequälten Kindes zu verzeihen! Sie darf dem Peiniger nicht einmal dann verzeihen, wenn das Kind selbst ihm verzeihen würde! Wenn es aber so ist, wenn nicht verziehen werden darf, wo bleibt da die Harmonie? Gibt es auf der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte und dazu ein Recht hätte? Ich will keine Harmonie! Aus Liebe zur Menschheit will ich sie nicht! Lieber will ich meine ungerächten Leiden behalten. Lieber will ich meine ungerächten Leiden und meine nicht beschwichtigte Entrüstung behalten. Selbst wenn ich unrecht haben sollte. Für diese Harmonie wird ein gar zu hoher Preis verlangt; es entspricht nicht unserem Geldbeutel, so viel Eintrittsgeld zu bezahlen! Darum beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzugeben. Und wenn ich auch nur ein einigermaßen ehrenhafter Mensch bin, so bin ich verpflichtet, das möglichst rasch zu tun. Das tue ich denn auch. Nicht, daß ich Gott nicht anerkenne, Aljoscha ich gebe ihm nur mein Billett ergebenst zurück.«

»Das ist Rebellion«, sagte Aljoscha leise, mit niedergeschlagenen Augen.

»Rebellion? Dieses Wort hätte ich von dir nicht zu hören gewünscht«, sagte Iwan ergriffen. »Kann man denn im Zustand der Rebellion leben? Und ich will ja doch leben. Sag es mir selbst geradeheraus, ich rufe dich auf, antworte: Stell dir vor, du selbst hättest das Gebäude des Menschenschicksals auszuführen mit dem Endziel, die Menschen zu beglücken, ihnen Friede und Ruhe zu bringen; dabei wäre es jedoch zu eben diesem Zweck notwendig und unvermeidlich, sagen wir, nur ein einziges winziges Wesen zu quälen – beispielsweise jenes Kind, das sich mit den Fäustchen an die Brust schlug – und auf seine ungerächten Tränen dieses Gebäude zu gründen: Würdest du unter diesen Bedingungen der Baumeister dieses Gebäudes sein wollen? Das sage mir, und lüge nicht!«

»Nein, ich würde es nicht wollen«, erwiderte Aljoscha leise.

»Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, damit einverstanden wären, ihr Glück durch das ungerechtfertigt vergossene Blut jenes kleinen Märtyrers zu empfangen und ewig glücklich zu bleiben, nachdem sie es empfangen haben?«

»Nein, das kann ich nicht glauben. Aber hör mal, Bruder«, sagte Aljoscha plötzlich, und seine Augen fingen an zu leuchten, »du hast eben gefragt: ›Gibt es auf der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte und dazu ein Recht hätte?‹ Ein solches Wesen gibt es, und es kann allen und alles verzeihen, weil es selbst sein unschuldiges Blut für alle und für alles hingegeben hat. Du hast Ihn vergessen! Und gerade auf Ihn gründet sich das Gebäude, und dieses ›Gerecht bist du, o Herr, denn deine Wege sind offenbar geworden!‹ wird ihm zugerufen.«

»Aha, das ist der ›einzige Sündlose‹ und sein Blut! Nein, ich habe Ihn nicht vergessen, sondern mich vielmehr die ganze Zeit gewundert, daß du Ihn so lange nicht ins Treffen geführt hast, denn bei Diskussionen stellen Ihn alle eure Leute gewöhnlich in die erste Linie ... Weißt du, Aljoscha, lach mich nicht aus, ich habe da einmal ein Poem gemacht, vor einem Jahr. Wenn du noch etwa zehn Minuten mit mir verlieren kannst, möchte ich es dir erzählen.«

»Du hast ein Poem gedichtet?«

»O nein, nicht gedichtet«, entgegnete Iwan lachend. »Verse habe ich in meinem Leben noch keine zwei Zeilen gemacht. Aber ich habe dieses Poem ausgedacht und im Gedächtnis behalten, und zwar mit starkem Gefühl. Du wirst mein erster Leser sein, das heißt mein erster Zuhörer. In der Tat, warum soll ein Autor auch nur einen einzigen Zuhörer verlieren?« fügte Iwan lächelnd hinzu. »Soll ich dir mein Werk vortragen oder nicht?«

»Ich höre sehr gern zu«, erwiderte Aljoscha.

»Es hat den Titel ›Der Großinquisitor‹. Eine absurde Geschichte, aber ich möchte sie dir gern erzählen.«

5. Der Großinquisitor

»Es geht auch hier nicht ohne Vorrede ab, das heißt ohne literarisches Vorwort, hol's der Teufel!« begann Iwan lachend. »Und dabei: Was bin ich schon für ein Autor! Die Handlung spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert; und damals, das muß dir übrigens noch von der Schule her bekannt sein, war es eben üblich, in poetischen Erzeugnissen die himmlischen Mächte auf die Erde herabzuholen. Von Dante will ich gar nicht erst reden. In Frankreich gaben die Gerichtsschreiber und auch die Mönche in den Klöstern ganze Vorstellungen, in denen sie die Madonna, die Engel, die Heiligen, Christus und Gott selbst auf die Bühne brachten. Das geschah damals in vollkommener Einfalt. In Victor Hugos ›Notre-Dame de Paris‹ wird zur Zeit Ludwigs des Sechzehnten zu Ehren der Geburt des französischen Dauphins dem Volk im Rathaussaal von Paris eine Gratisvorstellung gegeben unter dem erbaulichen Titel: ›Le bon jugement de la tres sainte et gracieuse Vierge Marie‹, worin auch sie persönlich erscheint und ihr ›bon jugement‹ verkündet. Vor Peter dem Großen wurden bei uns in Moskau manchmal ähnliche, beinahe dramatische Vorstellungen veranstaltet, besonders aus dem Alten Testament. Zu jener Zeit waren in aller Welt auch viele Erzählungen und Gedichte im Umlauf, in denen nach Bedarf Heilige, Engel und himmlische Heerscharen handelnd auftraten. In unseren Klöstern beschäftigten sich die Mönche ebenfalls mit dem Übersetzen und Abschreiben, ja sogar mit dem Verfassen solcher Gedichte – und das selbst unter dem Tatarenjoch. Es gibt zum Beispiel eine kleine klösterliche Dichtung, selbstverständlich aus dem Griechischen: ›Die Wanderung der Mutter Gottes durch die Qualen‹, mit Schilderungen von einer Kühnheit, die der Dantes nicht nachsteht. Die Mutter Gottes besucht die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie durch die ›Qualen‹. Sie sieht die Sünder und ihre Martern. Da ist unter anderem eine sehr interessante Klasse von Sündern in einem brennenden See: Einige von ihnen versinken so tief, daß sie nicht mehr an die Oberfläche kommen können; diese ›vergißt Gott schon‹ – ein Ausdruck von außerordentlicher Tiefe und Kraft. Und da fällt die Mutter Gottes erschüttert und weinend vor Gottes Thron nieder und bittet für alle in der Hölle um Begnadigung, für alle, die sie dort gesehen hat, ausnahmslos. Ihr Gespräch mit Gott ist höchst interessant. Sie fleht, sie läßt nicht ab, und als Gott sie auf die von Nägeln durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes hinweist und fragt: ›Wie kann ich denn seinen Peinigern verzeihen?‹, da befiehlt sie allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln, mit ihr zusammen vor Gott niederzufallen und um die Begnadigung aller zu bitten. Es endet damit, daß sie von Gott das Verstummen der Qualen alljährlich von Karfreitag bis Pfingsten erlangt; die Sünder aus der Hölle danken dem Herrn sogleich und rufen: ›Gerecht bist du, o Herr, daß du so gerichtet hast.‹ Siehst du, von dieser Art wäre auch meine kleine Dichtung gewesen, wenn sie zu jener Zeit erschienen wäre. Bei mir tritt Er auf; allerdings spricht Er nicht, sondern erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, seit Er die Verheißung gegeben hat, Er werde wiederkommen und sein Reich aufrichten, fünfzehn Jahrhunderte, seit sein Prophet schrieb: ›Ich komme bald, von dem Tag und der Stunde aber weiß nicht einmal der Sohn, sondern allein mein himmlischer Vater.‹ Aber die Menschheit erwartet Ihn noch immer mit dem früheren Glauben und der früheren Sehnsucht, sogar mit größerem Glauben, denn fünfzehn Jahrhunderte sind schon vergangen seit der Zeit, da der Himmel aufgehört hat, dem Menschen Unterpfänder zu geben.

Was dein Herz dir sagt, das glaube, denn der Himmel gibt kein Pfand.

So war denn nur der Glaube an das geblieben, was das Herz sagte! Allerdings geschahen damals auch viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare Heilungen ausführten. Zu manchen Gerechten stieg, so die Angaben in ihren Lebensbeschreibungen, die Himmelskönigin selbst herab. Aber der Teufel schläft nicht, und es regten sich in der Menschheit schon Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Zu jener Zeit war im Norden, in Deutschland, gerade eine schreckliche neue Ketzerei aufgetreten. Ein großer Stern, ›ähnlich einer Fackel, fiel auf die Wasserbrunnen, und sie wurden bitter‹. Die Anhänger dieser Ketzerei begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Doch um so feuriger glaubten die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschheit stiegen zu Ihm auf wie ehemals. Die Menschen erwarteten Ihn, liebten Ihn, hofften auf Ihn wie ehemals. So viele Jahrhunderte hatte die Menschheit in leidenschaftlichem Glauben gefleht: ›Herr Gott, erscheine uns!‹ So viele Jahrhunderte hatten sie nach Ihm gerufen, daß es Ihn in seinem unermeßlichen Erbarmen verlangte, zu den Betenden hinabzusteigen. War Er doch auch schon früher manchmal hinabgestiegen und hatte einzelne Gerechte, Märtyrer und fromme Eremiten auf Erden besucht, wie in ihren Lebensbeschreibungen zu lesen steht. Bei uns hat das Tjutschew, von der Wahrheit seiner Worte zutiefst überzeugt, so ausgedrückt:

In Knechtsgestalt, vom Kreuze schwer gedrückt,
durchzog er segnend jede Erdenzone.
Er, den als König aller Welten schmückt
auf höchstem Himmelsthron die Herrscherkrone.

Und so ist es auch tatsächlich geschehen, das sage ich dir. Also es verlangte Ihn, sich dem Volk zu zeigen, wenn auch nur für ganz kurze Zeit, dem leidenden, schwer sündigenden, aber Ihn doch kindlich liebenden Volk. Die Handlung spielt bei mir in Spanien, in Sevilla, in der furchtbarsten Zeit der Inquisition, als zum Ruhme Gottes täglich die Scheiterhaufen loderten und

in den Flammen prächtiger Autodafés
verbrannten die schändlichen Ketzer.

Es war dies freilich nicht jenes Herniedersteigen, bei dem Er gemäß seiner Verheißung am Ende der Zeiten in all seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird und welches plötzlich stattfinden soll, ›wie der Blitz scheinet vom Aufgang bis zum Niedergang‹. Nein, es verlangte Ihn, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, seine Kinder zu besuchen, und zwar vor allem dort, wo gerade die Scheiterhaufen der Ketzer prasselten. Nun wandelt Er in seiner unermeßlichen Barmherzigkeit noch einmal unter den Menschen in eben jener Menschengestalt, in der Er fünfzehn Jahrhunderte früher dreiunddreißig Jahre unter ihnen geweilt hat. Er steigt hinab auf die heißen Straßen und Plätze der südlichen Stadt, wo erst tags zuvor in Gegenwart des Königs, des Hofes, der Ritter, der Kardinäle und der reizendsten Damen des Hofes sowie der ganzen zahlreichen Einwohnerschaft von Sevilla auf Geheiß des Kardinal-Großinquisitors in einem Zug fast hundert Ketzer ad majorem gloriam Dei verbrannt worden sind. Er erscheint still und unauffällig, und siehe da, es geschieht etwas Seltsames. Alle erkennen Ihn. Und woran sie Ihn erkennen – das könnte eine der besten Stellen meiner Dichtung sein. Die Volksmenge strebt mit unwiderstehlicher Gewalt zu Ihm hin, umringt Ihn, folgt Ihm. Schweigend, mit einem stillen Lächeln unendlichen Mitleids, wandelt Er unter ihnen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen von Licht, Aufklärung und Kraft gehen von seinen Augen aus, ergießen sich auf die Menschen und erschüttern ihre Herzen in Gegenliebe. Er streckt die Hände nach ihnen aus und segnet sie, und von seiner Berührung, ja sogar von der Berührung seines Gewandes geht eine heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein Greis, der von seiner Kindheit an blind ist: ›Herr, heile mich, damit auch ich dich schaue!‹ Und siehe da, es fällt ihm wie Schuppen von den Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint und küßt die Erde, über die Er dahinschreitet. Die Kinder streuen vor Ihm Blumen auf den Weg, singen und rufen ›Hosianna! Das ist Er, das ist Er selbst! Das muß Er sein, niemand anders!‹ Er bleibt am Portal des Domes von Sevilla stehen, gerade in dem Augenblick, wo ein offener weißer Kindersarg unter Weinen und Wehklagen hineingetragen wird; darin liegt ein siebenjähriges Mädchen, die einzige Tochter eines angesehenen Bürgers. Das tote Kind ist ganz in Blumen gebettet. ›Er wird dein Kind auferwecken‹, ruft man der weinenden Mutter aus der Menge zu. Ein Pater des Doms, der herauskommt, um den Sarg in Empfang zu nehmen, macht ein erstauntes Gesicht und zieht die Augenbrauen zusammen. Aber da ertönt das laute Schluchzen der Mutter des gestorbenen Kindes. Sie wirft sich Ihm zu Füßen. ›Wenn du es bist, so erwecke mein Kind!‹ ruft sie und streckt Ihm die Hände entgegen. Der Zug bleibt stehen, der Sarg wird am Portal zu seinen Füßen niedergestellt. Er blickt voll Mitleid auf die kleine Leiche, und seine Lippen sprechen wiederum die Worte: ›Talitha, kumi – Mägdlein, stehe auf!‹ Das Mädchen erhebt sich im Sarg, setzt sich auf und schaut lächelnd mit erstaunten, weitgeöffneten Augen um sich. In den Händen hält es den Strauß weiße Rosen, mit dem es im Sarg gelegen hat. Das Volk ist starr vor Staunen, schreit und schluchzt – und siehe da, genau in diesem Augenblick geht plötzlich der Kardinal-Großinquisitor selbst über den Platz vor dem Dom. Er ist ein fast neunzigjähriger Greis, hochgewachsen und gerade, mit vertrocknetem Gesicht und eingesunkenen Augen, in denen aber noch ein schwaches Feuer glimmt. Er trägt nicht die prächtigen Kardinalsgewänder, in denen er am Vortag prunkte, als die Feinde des römischen Glaubens verbrannt wurden; nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe Mönchskutte. Ihm folgen in einiger Entfernung seine finsteren Gehilfen und Knechte und die ›heilige‹ Wache. Er bleibt vor der Menge stehen und beobachtet von fern, sieht alles: wie man Ihm den Sarg vor die Füße stellt, wie das Mädchen aufersteht. Und sein Gesicht verfinstert sich. Er zieht die dichten grauen Brauen zusammen, und ein böses Feuer funkelt in seinem Blick. Er streckt einen Finger aus und befiehlt der Wache, Ihn zu ergreifen. Und seine Macht ist so groß, das Volk ist so an Unterwürfigkeit, an den blinden, furchtsamen Gehorsam ihm gegenüber gewöhnt, daß die Menge vor den Wächtern sofort auseinanderweicht und diese in plötzlicher Grabesstille Hand an Ihn legen und Ihn fortführen können. Und augenblicklich neigt sich die Menge wie ein Mann zur Erde vor dem greisen Inquisitor, der erteilt dem Volk schweigend den Segen und geht weiter. Die Wache führt den Gefangenen in ein enges, finsteres, gewölbtes Verlies in dem alten Gebäude des Heiligen Tribunals und schließt Ihn dort ein. Der Tag vergeht, die dunkle, heiße, reglose Nacht von Sevilla bricht an. Die Luft ist voll vom Duft ›nach Lorbeer und Zitronen‹. In der tiefen Dunkelheit öffnet sich plötzlich die eiserne Tür des Kerkers, und der greise Großinquisitor selbst tritt mit einem Leuchter in der Hand ein. Er ist allein, hinter ihm schließt sich sogleich wieder die Tür. Er bleibt am Eingang stehen und blickt Ihn lange, ein oder zwei Minuten, an. Endlich tritt er leise näher, stellt den Leuchter auf den Tisch und sagt zu Ihm: ›Bist du es? Ja!‹ Doch ohne eine Antwort abzuwarten, fügt er schnell hinzu: ›Antworte nicht, schweig! Was solltest du auch sagen? Ich weiß genau, was du sagen willst. Und du hast gar kein Recht, dem etwas hinzuzufügen, was du früher schon gesagt hast. Warum bist du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören, du weißt das selbst. Aber weißt du auch, was morgen geschehen wird? Ich bin nicht informiert, wer du bist, und es interessiert mich auch gar nicht, ob du Er selbst bist oder nur eine Kopie von Ihm. Schon morgen jedoch werde ich dich verurteilen und als den schlimmsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen Wink meiner Hand herbeistürzen und Kohlen für deinen Scheiterhaufen heranschaffen. Weißt du das? Ja, du weißt es vielleicht‹, fügt er ernst und nachdenklich hinzu, ohne auch nur einen Moment den Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.«

»Ich versteh‹ nicht richtig, was das bedeuten soll, Iwan«, sagte Aljoscha lächelnd; er hatte die ganze Zeit schweigend zugehört. »Ist das einfach zügellose Phantasie oder irgendein Irrtum, ein Mißverständnis von seiten des Greises? Ein unerhörtes qui pro quo

»Nimm meinetwegen das letztere an«, erwiderte Iwan lachend, »wenn dich der moderne Realismus bereits so verwöhnt hat und du nichts Phantasievolles mehr ertragen kannst. Willst du es als qui pro quo auffassen, mag es meinetwegen so sein. Das ist ja richtig«, fügte er wieder lachend hinzu, »der Greis ist schon neunzig Jahre alt und kann über seiner Idee schon längst den Verstand verloren haben. Und der Gefangene hat ihn ja durch sein Äußeres in Erstaunen versetzen können. Es kann schließlich einfach Fieberwahn gewesen sein, die Vision eines neunzigjährigen Greises vor dem Tode, eines Greises, der noch dazu erregt ist vom Autodafé des vorhergehenden Tages, wo hundert Ketzer verbrannt worden sind. Aber kann es dir und mir nicht gleichgültig sein, ob es ein qui pro quo oder zügellose Phantasie ist? Die Sache ist doch die: Der Greis hat das Bedürfnis, sich auszusprechen! Er spricht sich endlich aus zur Entschädigung für die ganzen neunzig Jahre, und sagt das laut, was er neunzig Jahre lang verschwiegen hat.«

»Und der Gefangene schweigt ebenfalls? Er schaut ihn an und sagt kein Wort?«

»Unbedingt«, antwortete Iwan und lachte wieder. »Der Greis selbst bedeutet Ihm, daß Er gar kein Recht habe, dem etwas hinzuzufügen, was Er früher schon gesagt hat. Darin liegt vielleicht der eigentliche Grundzug des römischen Katholizismus – zumindest ist das meine Meinung. ›Du hast alles an den Papst übertragen‹, sagen sie. ›Folglich ist das jetzt alles Sache des Papstes. Und du komm jetzt nicht, störe wenigstens nicht vor der Zeit!‹ In diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben auch so, zumindest die Jesuiten. Das habe ich selbst bei ihren Theologen gelesen. ›Hast du das Recht, uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt aufzudecken, aus der du gekommen bist?‹ fragt Ihn der Greis und antwortet selbst für Ihn: ›Nein, ein solches Recht hast du nicht! Du darfst dem, was du früher schon gesagt hast, nichts hinzufügen, und du darfst den Menschen nicht die Freiheit nehmen, für die du so warm eingetreten bist, als du auf Erden warst. Alles, was du neu verkünden könntest, würde die Glaubensfreiheit der Menschen beeinträchtigen, da es wie ein Wunder erscheinen würde. Und die Freiheit ihres Glaubens war dir doch damals, vor anderthalb Jahrtausenden, über alles teuer. Hast du nicht damals oft gesagt: Ich will euch frei machen? Jetzt hast du diese ›freien‹ Menschen gesehen!‹ fügt der Greis plötzlich mit einem nachdenklichen Lächeln hinzu. ›Ja, dieses Werk hat uns viel Mühe gekostet!‹ fährt er, Ihn ernst anblickend, fort. ›Aber wir haben es in deinem Namen doch glücklich zu Ende geführt. Fünfzehn Jahrhunderte haben wir uns mit dieser Freiheit abgequält – jetzt ist es mit ihr zu Ende, gründlich zu Ende. Du glaubst das nicht? Du blickst mich sanftmütig an und würdigst mich nicht einmal deines Unwillens? Doch wisse, daß diese Menschen gerade heutzutage mehr als je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit gebracht und sie uns gehorsam zu Füßen gelegt. Aber das haben wir zuwege gebracht! Oder hast du das gewünscht? Hast du so eine Freiheit gewünscht?!«

»Ich verstehe schon wieder nicht«, unterbrach ihn Aljoscha. »Meint er das ironisch, macht er sich lustig?«

»Durchaus nicht. Er rechnet es sich und den Seinen geradezu als Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit überwältigt haben, und zwar um die Menschen glücklich zu machen. ›Denn erst jetzt‹, sagt er und meint natürlich die Inquisition, ›erst jetzt ist es zum erstenmal möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch war als Rebell erschaffen worden – können Rebellen denn glücklich sein? Du warst gewarnt‹, sagt er zu Ihm. ›Du hattest keinen Mangel an Warnungen und Hinweisen, aber du hörtest nicht auf sie. Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem es möglich war, die Menschen glücklich zu machen. Doch zum Glück übergabst du diese Aufgabe uns, als du weggingst, du versprachst es, du bekräftigtest es mit deinem Wort, du gabst uns das Recht zu binden und zu lösen – und natürlich kannst du dir jetzt nicht einfallen lassen, uns dieses Recht wieder zu nehmen. Warum also bist du gekommen, uns zu stören?‹«

»Was bedeutet das: ›Du hattest keinen Mangel an Warnungen und Hinweisen‹?« fragte Aljoscha.

»Das ist gerade der Hauptpunkt, über den der Greis sich unbedingt aussprechen möchte. ›Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins‹, fährt der Greis fort, ›der große Geist hat mit dir in der Wüste gesprochen, und es ist uns in der Schrift überliefert, daß er dich versucht hat. War es so? Und hätte er dir etwas Wahreres sagen können als das, was er dir in den drei Fragen kundtat? Was in der Schrift ›Versuchungen‹ heißt und von dir zurückgewiesen wurde? Und doch: Wenn es auf Erden jemals ein wahrhaftes, donnergleiches Wunder gegeben hat, so jenes an dem Tag dieser drei Versuchungen. Eben in diesen drei Fragen lag das Wunder. Wenn man sich nur so zur Probe und zum Beispiel vorstellen könnte, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären spurlos verlorengegangen, und man müßte sie neu stellen, von neuem ausdenken und formulieren, um sie wieder in die Schrift einzusetzen, und alle Weisen der Erde würden zu diesem Zweck versammelt, Regenten, Erzpriester, Gelehrte, Philosophen und die Dichter, und ihnen würde die Aufgabe gestellt, drei Fragen auszusinnen und zu formulieren, aber so, daß sie nicht nur der Größe des Ereignisses entsprächen, sondern darüber hinaus in drei Worten, in nicht mehr als drei menschlichen Sätzen die gesamte künftige Geschichte der Welt und des Menschengeschlechts zum Ausdruck brächten – meinst du, daß die gesamte vereinigte Weisheit der Erde etwas ersinnen könnte, was an Kraft und Tiefe jenen drei Worten gleichkäme, die dir damals von dem mächtigen, klugen Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt wurden? Schon an diesen Fragen, allein an dem Wunder, daß und wie sie gestellt wurden, läßt sich erkennen, daß man es nicht mit einem menschlichen vergänglichen Verstand, sondern mit einem ewigen, absoluten zu tun hat. Denn in diesen drei Fragen ist gleichsam die gesamte weitere Geschichte des Menschengeschlechts zusammengefaßt und vorhergesagt. Es sind die drei Formen aufgezeigt, in denen alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur auf dieser Erde eingeschlossen sind. Damals konnte das noch nicht verständlich werden, denn die Zukunft war unbekannt. Doch jetzt, da fünfzehn Jahrhunderte vergangen sind, erkennen wir, daß mit diesen drei Fragen alles so genau vorhergesagt und so genau eingetroffen ist, daß ihnen nichts mehr hinzugefügt oder von ihnen weggenommen werden kann.

Entscheide selbst, wer recht hatte: Du oder jener, der dich damals fragte. Erinnere dich an die erste Frage! Wenn sie auch nicht buchstäblich so lautete, ihr Sinn war doch folgender: ›Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfalt und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit! Aber siehst du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam, wenn auch in steten Zittern, du könntest deine Hand von ihnen nehmen, und es hätte dann mit deinen Broten für sie ein Ende!‹ Du wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben und verschmähtest den Vorschlag. Denn was ist das für eine Freiheit, so urteiltest du, wenn der Gehorsam durch Brot erkauft wird? Du erwidertest, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Weißt du jedoch, daß sich der Geist der Erde im Namen dieses Brotes gegen dich erheben und dich besiegen wird, daß alle ihm folgen werden mit dem Ruf: ›Wer tut es diesem Tier gleich? Es gab uns das Feuer vom Himmel!‹ Weißt du auch, daß die Menschheit nach Jahrhunderten durch den Mund ihrer Weisen und Gelehrten verkünden wird, es gebe kein Verbrechen und folglich auch keine Sünde, sondern es gebe nur Hungrige? Mach sie satt, und verlang erst dann von ihnen Tugend – dies werden sie auf ihr Banner schreiben, das sie gegen dich erheben und durch das sie deinen Tempel stürzen werden. Anstelle deines Tempels wird man einen neuen Bau aufführen. Erheben wird sich erneut ein furchtbarer Turm von Babylon, und obgleich der ebensowenig wie der frühere zu Ende gebaut werden dürfte, hättest du ihn doch vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre verkürzen können! Zu uns nämlich kommen sie, wenn sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm abgequält haben. Sie werden uns wieder unter der Erde suchen, in den Katakomben, in denen wir uns verborgen halten, denn wir werden wieder verfolgt und gemartert sein. Sie werden uns finden und uns zurufen: Macht uns satt! Die uns das Feuer vom Himmel versprachen, haben es uns nicht gegeben ... Und dann werden wir auch ihren Turm zu Ende bauen, denn zu Ende bauen wird ihn, wer sie satt macht. Satt machen aber werden nur wir sie, und wir werden lügen, es geschehe in deinem Namen. Oh, niemals werden sie ohne uns satt werden! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben – und enden wird es damit, daß sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden schließlich selbst begreifen, daß Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen nicht denkbar ist, denn niemals, niemals werden sie imstande sein, untereinander zu teilen! Sie werden auch zu der Überzeugung gelangen, daß sie niemals frei sein können, weil sie schwach, lasterhaft, bedeutungslos und rebellisch sind. Du versprachst ihnen himmlisches Brot, doch ich wiederhole: Läßt sich das in den Augen des schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren Menschengeschlechts mit dem irdischen Brot vergleichen? Und wenn dir um des himmlischen Brotes willen Tausende und aber Tausende nachfolgen, was wird dann aus den Millionen und aber Millionen jener Wesen, die nicht die Kraft haben, das irdische Brot um des himmlischen willen geringzuschätzen? Oder sind dir nur die Tausende von Großen und Starken teuer, und sollen die übrigen Millionen, zahlreich wie Sand am Meer, die Schwachen, die dich lieben, nur als Material für die Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie sind lasterhaft und rebellisch, schließlich aber werden auch sie gehorsam werden. Sie werden uns anstaunen und für Götter halten, weil wir uns an ihre Spitze stellen, bereit, die Freiheit zu ertragen, vor der sie Angst haben, und über sie zu herrschen, – so schrecklich wird es ihnen schließlich vorkommen, frei zu sein. Aber wir werden sagen, wir seien dir gehorsam und herrschen in deinem Namen. Wir werden sie wieder täuschen, denn dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In dieser Täuschung wird jedoch auch unser Leiden liegen; denn wir werden gezwungen sein zu lügen. Das also hatte diese erste Frage in der Wüste zu bedeuten. Das verschmähtest du um der Freiheit willen, die du höher stelltest als alles andere. Es lag in dieser Frage das große Geheimnis der Welt beschlossen. Hättest du das ›Brot‹ angenommen, so hättest du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, dem Sehnen jedes einzelnen Menschen genauso wie dem der gesamten Menschheit, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausdrückt: Wen soll ich anbeten? Es gibt für einen Menschen, der frei geblieben ist, keine unausweichlichere, dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann. Aber der Mensch möchte nur etwas anbeten, was bereits unbestritten ist, so unbestritten, daß sich alle Menschen zugleich zu gemeinsamer Anbetung bereit finden. Denn es ist nicht so sehr die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe, etwas zu finden, was ich oder ein anderer anbeten kann, sondern etwas, woran alle glauben und was alle anbeten, unbedingt alle zusammen. Und eben dieses Bedürfnis nach gemeinsamer Anbetung bildet die wesentliche Qual jedes einzelnen Individuums wie der ganzen Menschheit seit Anbeginn der Zeiten. Um der gemeinsamen Anbetung willen vernichteten sie sich gegenseitig mit dem Schwert. Sie schufen sich Götter und riefen einander zu: Entsagt euren Göttern und betet unsere an – oder Tod euch und euren Göttern! Und so wird es sein bis ans Ende der Welt, selbst wenn die Götter aus der Welt verschwinden. Das macht den Menschen nichts aus, dann werden sie eben vor Götzen niederfallen. Du kanntest dieses wichtigste Geheimnis der menschlichen Natur, es konnte dir nicht unbekannt sein. Doch du hast das einzig wirksame Banner, das dir angeboten wurde, um alle zu zwingen, dich widerspruchslos anzubeten – das Banner des irdischen Brotes –, zurückgewiesen. Hast es zurückgewiesen um der Freiheit und des himmlischen Brotes willen. Sieh dir doch an, was du getan hast! Und alles um der Freiheit willen! Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge, als jemand zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem er, dieses unglückliche Geschöpf, geboren wird. Aber nur der bekommt die Freiheit der Menschen in seine Gewalt, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brot wurde dir ein unbestrittenes Banner angeboten: Wenn du ihm Brot gibst, betet dich der Mensch an, denn nichts ist unbestrittener als das Brot. Doch wenn zur gleichen Zeit ohne dein Wissen jemand sein Gewissen in die Gewalt bekommt – oh, dann läßt der Mensch sogar dein Brot im Stich und folgt dem, der sein Gewissen verführt. In diesem Punkt hattest du recht. Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, daß man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als daß er auf der Erde bleibt – mögen auch noch so viele Brote um ihn herumliegen. Und was war nun das Ergebnis? Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie ihnen noch vermehrt! Oder hattest du vergessen, daß Ruhe und sogar Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts ist für den Menschen verführerischer als die Freiheit seines Gewissens, aber nichts ist auch qualvoller. Statt dem Menschen ein für allemal feste Grundlagen zur Beruhigung seines Gewissens zu geben, hast du ihm alles aufgebürdet, was es an Ungewöhnlichem, Rätselhaftem und Unbestimmtem gibt, alles, was die Kraft der Menschen übersteigt. Du hast somit gehandelt, als ob du sie überhaupt nicht liebtest, obwohl du doch gekommen warst, um für sie dein eigenes Leben hinzugeben! Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie vermehrt und mit ihren Qualen das Seelenleben des Menschen für allezeit belastet. Du wünschtest freiwillige Liebe von seiten des Menschen, frei sollte er dir nachfolgen, entzückt und gefesselt von dir. Statt des festen alten Gesetzes sollte der Mensch künftig selbst mit freiem Herzen entscheiden, was gut und böse ist, und dabei nur dein Vorbild als Orientierungshilfe vor sich haben. Hast du dabei wirklich nicht bedacht, daß er schließlich sogar dein Vorbild und deine Wahrheit verwerfen und als unverbindlich ablehnen wird, wenn man ihm so eine furchtbare Last aufbürdet, wie Freiheit der Wahl? Schließlich werden die Menschen sagen, du bist nicht die Wahrheit; denn man konnte sie kaum in größerer Verwirrung und Qual zurücklassen, als du es tatest, indem du ihnen so viele Sorgen und unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast du selbst den Grund zur Zerstörung deines Reiches gelegt und darfst niemand sonst beschuldigen. Dabei wurde dir doch etwas ganz anderes vorgeschlagen! Es gibt auf der Erde nur drei Mächte, die imstande sind, das Gewissen dieser schwächlichen Rebellen zu ihrem Glück für allezeit zu besiegen und zu fesseln: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast das erste und das zweite und das dritte verschmäht und durch dein eigenes Verhalten ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare, kluge Geist dich auf die Zinne des Tempels stellte und sagte: Wenn du wissen willst, ob du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab! Denn von ihm steht geschrieben, daß die Engel ihn auffangen und tragen werden und er nicht fallen und sich nicht stoßen wird. Und dann wirst du erkennen, ob du Gottes Sohn bist, und beweisen, wie groß dein Glaube an deinen Vater ist ... Aber du hast diesen Vorschlag zurückgewiesen und dich nicht hinabgestürzt. Natürlich handeltest du stolz und großartig wie ein Gott – aber sind die Menschen, dieses schwache, rebellische Geschlecht, etwa Götter? Oh, du hast damals eingesehen: Wenn du auch nur einer Schritt tun, nur eine Bewegung machen würdest, dich hinabzustürzen, würdest du damit Gott versuchen und allen Glauben an ihn verlieren und auf der Erde zerschmettern, die du zu retten gekommen warst; und der kluge Geist, der dich versuchte, würde sich freuen. Aber ich sage noch einmal: Gibt es viele solche wie dich? Und hast du wirklich auch nur einen Augenblick annehmen können, auch die Kraft der Menschen könnte ausreichen, einer derartigen Versuchung zu widerstehen? Ist die Natur des Menschen etwa so beschaffen, daß er das Wunder ablehnen und in solchen schweren Augenblicken des Lebens, Augenblicken der furchtbarsten und qualvollsten letzten Seelenfragen, allein mit der freien Entscheidung des Herzens auskommen kann? Du wußtest, daß deine Tat in der Schrift festgehalten würde, daß sie bis ans Ende aller Zeiten und bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und du hofftest, auch der Mensch würde, dir nachfolgend, in der Gemeinschaft mit Gott bleiben, ohne des Wunders zu bedürfen. Aber du wußtest nicht, daß der Mensch, sobald er das Wunder ablehnt, zugleich auch Gott ablehnt, weil er nicht so sehr Gott als vielmehr das Wunder sucht. Und da der Mensch nicht imstande ist, ohne Wunder auszukommen, wird er sich neue Wunder schaffen, eigene Wunder; er wird sich vor den Wundern der Zauberer und Hexen beugen, mag er auch hundertmal als Rebell, Ketzer oder Atheist gelten. Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen, als dir höhnisch zugerufen wurde: Steig herab vom Kreuz, und wir werden glauben, daß du der Sohn Gottes bist! Du bist nicht herabgestiegen, weil du abermals den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest, weil du einen freien Glauben wünschtest, keinen Wunderglauben. Du wünschtest freiwillige Liebe und nicht sklavisches Entzücken des Unfreien über eine Macht, die ihm ein für allemal Schrecken einflößt. Aber auch hier hast du von den Menschen zu hoch gedacht, denn sie sind allerdings Unfreie, wenn sie auch als Rebellen geschaffen worden sind. Sieh um dich und urteile selbst! Fünfzehn Jahrhunderte sind jetzt verflossen; bitte, sieh dir die Menschen an: wen hast du zu dir emporgehoben? Ich schwöre dir, der Mensch ist schwächer und niedriger, als du geglaubt hast! Kann er, frage ich, überhaupt ausführen, was du ausgeführt hast? Indem du ihn so hoch einschätztest, hast du gehandelt, als ob du kein Mitleid mehr für ihn empfändest, du hast zuviel von ihm verlangt, du, der du ihn doch mehr liebtest als dich selbst! Hättest du ihn weniger hoch eingeschätzt, hättest du auch weniger von ihm verlangt; das wäre der Liebe näher gekommen, denn es hätte seine Bürde leichter gemacht. Er ist schwach und gemein. Daß er jetzt überall gegen unsere Macht rebelliert und auf diese Rebellion stolz ist – was will das besagen? Das ist der Stolz eines Kindes, eines Schulknaben. Das sind Kinder, die in der Klasse revoltieren und den Lehrer vertreiben. Aber auch der Jubel dieser Kinder wird sein Ende finden; er wird ihnen teuer zu stehen kommen. Sie werden die Tempel niederreißen und die Erde mit Blut überschwemmen. Aber schließlich werden die dummen Kinder merken, daß sie doch nur schwächliche Rebellen sind, die ihre eigene Rebellion nicht aushalten. In dumme Tränen ausbrechend, werden sie bekennen, daß sich derjenige, der sie zu Rebellen erschaffen hat, ohne Zweifel über sie hat lustig machen wollen. Sie werden das voller Verzweiflung sagen, und was sie sagen, wird eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher macht; denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung und bestraft sich zuletzt immer selbst dafür. Und so sind jetzt Unruhe, Verwirrung und Unglück das Los der Menschen, nachdem du so viel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in einer allegorischen Vision, er habe alle Teilnehmer der ersten Auferstehung gesehen, aus jedem Stamm zwölftausend. Aber wenn es so viele waren, dann waren auch sie wohl kaum Menschen, sondern Götter. Sie haben dein Kreuz getragen. Sie haben es erduldet, jahrzehntelang in der öden Wüste zu leben und sich von Heuschrecken und Wurzeln zu ernähren. Du kannst in der Tat stolz auf diese Kinder der Freiheit hinweisen, die dich freiwillig geliebt und um deines Namens willen freiwillig ein so großartiges Opfer gebracht haben. Aber vergiß nicht, daß es im ganzen nur ein paar Tausend waren, und zwar Götter – aber die übrigen? Was können die übrigen, die schwachen Menschen, dafür, daß sie nicht dasselbe ertragen konnten wie die Starken? Was kann eine schwache Seele dafür, daß sie nicht imstande ist, so furchtbare Gaben aufzunehmen? Bist du wirklich nur zu den Auserwählten und für die Auserwählten gekommen? Wenn es so ist, liegt hier ein Geheimnis vor, und wir können es nicht verstehen. Wenn aber ein Geheimnis vorliegt, so waren auch wir berechtigt, dies zu verkünden und die Menschen zu lehren, daß nicht der freie Entschluß ihrer Herzen und nicht die Liebe das Entscheidende ist, sondern jenes Geheimnis, dem sie sich blind unterordnen müssen, selbst gegen ihr Gewissen. Das haben wir denn auch getan. Wir haben deine Tat verbessert und sie auf das Wunder, das Geheimnis und die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde geleitet wurden und daß endlich das furchtbare Geschenk, das ihnen so viel Qual bereitet hatte, von ihren Herzen genommen war. Sprich, waren wir berechtigt, so zu lehren und so zu handeln? Haben wir die Menschheit etwa nicht geliebt, als wir so freundlich ihre Schwäche anerkannten, ihre Bürde liebevoll erleichterten und ihrer schwachen Natur sogar die Sünde gestatteten, wenn sie mit unserer Erlaubnis geschah? Warum bist du jetzt gekommen, uns zu stören? Und warum siehst du mich schweigend und durchdringend an mit deinen sanften Augen? Werde zornig! Ich will deine Liebe nicht, weil ich dich selbst nicht liebe. Und was könnte ich vor dir schon verbergen? Als ob ich nicht wüßte, mit wem ich rede! Was ich dir zu sagen habe, ist dir bereits alles bekannt, das lese ich in deinen Augen. Und ich sollte unser Geheimnis vor dir verbergen? Vielleicht willst du es gerade aus meinem Munde vernehmen. So höre denn! Wir sind nicht mit dir im Bunde, sondern mit ihm – das ist unser Geheimnis! Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte lang. Genau acht Jahrhunderte ist es her, daß wir von ihm annahmen, was du unwillig zurückgewiesen hast: jene letzte Gabe, die er dir anbot, indem er dir alle Reiche der Erde zeigte. Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Cäsar und haben uns selbst zu Herren der Erde, zu ihren einzigen Herren erklärt, obwohl wir unser Werk bis heute noch nicht zum vollen Abschluß zu bringen vermochten. Aber wessen Schuld ist das? Oh, dieses Werk befindet sich jetzt erst im Anfangsstadium, aber begonnen ist es. Lange noch werden wir auf seine Vollendung warten müssen, und viel wird die Erde noch leiden. Aber wir werden ans Ziel gelangen, wir werden Cäsaren sein, und dann werden wir auch an das Glück aller Menschen auf Erden denken. Du aber hättest schon damals das Schwert des Cäsar ergreifen können. Warum hast du diese letzte Gabe zurückgewiesen? Hättest du diesen dritten Rat des mächtigen Geistes angenommen, so hättest du alle Wünsche erfüllt, die der Mensch hier auf Erden hegt. Er hätte jemand gehabt, den er anbeten und dem er sein Gewissen anvertrauen kann; er hätte die Möglichkeit gesehen, daß sich endlich alle gemeinsam und einmütig zu einem umfassenden, von niemand bestrittenen Ameisenhaufen vereinigen. Das Bedürfnis zu universeller Vereinigung ist nämlich die dritte und letzte Qual der Menschen. Immer hat die Menschheit in ihrer Gesamtheit danach gestrebt, sich unter allen Umständen universell zu gestalten. Es hat viele große Völker mit großer Geschichte gegeben. Doch je höher diese Völker standen, desto unglücklicher waren sie, weil sie stärker als die anderen das Bedürfnis nach einer universellen Vereinigung der Menschen empfanden. Große Eroberer, wie TimurTimur-Leng, Mongolenherrscher, eroberte ein Weltreich von China bis Ungarn, † 1405 und Dschingis-Khan,Dschingis-Khan – Mongolenherrscher, errichtete ein Weltreich, † 1227 fegten wie ein Wirbelsturm über die Erde, bestrebt, die Welt zu erobern. Aber auch sie drückten, obgleich unbewußt, das große Bedürfnis der Menschheit nach allgemeiner, allumfassender Vereinigung aus. Hättest du das Schwert und den Purpur des Cäsar angenommen, so hättest du eine Weltherrschaft begründet und der ganzen Welt Ruhe gebracht. Denn wem anders steht es zu, über die Menschen zu herrschen, als denen, die das Gewissen der Menschen in ihrer Gewalt haben und in deren Händen das Brot der Menschen ist? Wir unsererseits haben das Schwert des Cäsar ergriffen; dabei haben wir uns freilich von dir abgewandt und sind ihm gefolgt. Oh, noch jahrhundertelang wird der Unfug des freien Verstandes, der Wissenschaft und Menschenfresserei dauern! Denn sie, die ihren babylonischen Turm ohne uns aufzuführen begannen, werden bei der Menschenfresserei enden. Doch dann, dann wird das Tier zu uns gekrochen kommen und unsere Füße lecken und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen benetzen. Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, auf dem geschrieben steht: Geheimnis! Erst dann wird für die Menschen das Reich der Ruhe und des Glücks anbrechen. Du bist stolz auf deine Auserwählten. Aber du hast nur Auserwählte, während wir allen Ruhe bringen. Und noch eins. Wie viele von diesen Auserwählten und von den Starken, die da hätten Auserwählte werden können, sind es schließlich müde geworden, auf dich zu warten! Sie haben die Kräfte ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein anderes Feld übertragen und tun das auch jetzt noch und werden es tun, bis sie ihr Freiheitsbanner sogar gegen dich erheben. Aber du selbst hast dieses Banner erhoben. Bei uns jedoch werden alle glücklich sein und nicht mehr rebellieren und einander vernichten, wie es unter deiner Freiheit allerorten geschah. Oh, wir werden sie davon überzeugen, daß sie erst dann wahrhaft frei sein werden, wenn sie ihrer Freiheit zu unseren Gunsten entsagen und uns gehorchen. Nun, werden wir damit recht haben? Oder wird das eine Lüge sein? Sie werden selber einsehen, daß wir recht haben! Denn sie werden sich erinnern, zu welcher schrecklichen Sklaverei und Verwirrung sie deine Freiheit gebracht hat. Freiheit, freie Vernunft und Wissenschaft werden sie in solche Abgründe führen und sie vor solche Wunder und solche unlöslichen Geheimnisse stellen, daß manche von ihnen, die Unbotmäßigen und Trotzigen, sich selbst vernichten, andere, die Unbotmäßigen, aber Schwachen, sich gegenseitig vernichten, und die dritten, die Schwächlichen und Unglücklichen, uns zu Füßen kriechen und zu uns aufwinseln werden: Ja, ihr hattet recht! Ihr allein wart im Besitz seines Geheimnisses! Wir kehren zu euch zurück, rettet uns vor uns selbst! Wenn sie von uns Brot erhalten, werden sie allerdings deutlich erkennen, daß wir ihnen ihr eigenes Brot, das sie mit ihren eigenen Händen erarbeitet haben, wegnehmen, um es dann wieder unter sie zu verteilen, ohne jedes Wunder. Sie werden sehen, daß wir nicht Steine in Brot verwandelt haben, doch in Wahrheit werden sie sich – mehr als über das Brot selbst – darüber freuen, daß sie es aus unseren Händen empfangen! Sie werden sich nämlich sehr gut erinnern, daß sich früher, ohne uns, das durch ihre Arbeit erworbene Brot in ihren Händen in Steine verwandelte, daß aber nach ihrer Rückkehr zu uns selbst die Steine in ihren Händen zu Brot wurden. Und sehr wohl werden sie zu schätzen wissen, was es bedeutet, sich ein für allemal zu unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden Sie unglücklich sein. Und nun sag, wer hat am meisten zu diesem Unverständnis beigetragen? Wer hat die Herde zersplittert und auf unbekannte Wege versprengt? Die Herde wird sich jedoch von neuem sammeln und von neuem unterwerfen, und dann ein für allemal. Dann werden wir den Menschen ein stilles, friedliches Glück gewähren: das Glück der schwachen Wesen, als die sie nun einmal geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich überreden, ihren Stolz abzulegen! Du hast sie emporgehoben und dadurch stolz gemacht. Wir werden ihnen beweisen, daß sie nur schwache, armselige Kinder sind, daß aber das Glück von Kindern süßer ist als jedes andere. Sie werden eingeschüchtert zu uns aufblicken und sich ängstlich an uns drücken – wie die Kücken an die Henne. Sie werden uns anstaunen und fürchten und stolz sein, daß unsere Macht und Klugheit uns befähigt hat, so eine störrische Herde von tausend Millionen zu zähmen. Sie werden kraftlos zittern vor unserem Zorn, ihr Geist wird verzagen, ihre Augen werden dem Weinen nahe sein wie die von Kindern und Frauen – doch ebenso leicht werden sie auch auf unseren Wink zu Fröhlichkeit und Gelächter, zu heller Freude und glückseligen Kinderliedchen übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten; ihre arbeitsfreien Stunden aber werden wir ihnen zu einem kindlichen Spiel umgestalten, mit Kinderliedern, Chorgesängen und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden ihnen auch die Sünde erlauben. Sie sind kraftlos und werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen gestatten zu sündigen. Wir werden ihnen sagen, jede Sünde könne wiedergutgemacht werden, sofern sie mit unserer Erlaubnis begangen worden ist. Und wenn ihnen also von uns gestattet werde zu sündigen, so habe das seinen Grund in unserer Liebe zu ihnen. Die Strafe für diese Sünden seien wir bereit, auf uns zu nehmen. Und wir werden sie auch auf uns nehmen! Sie aber werden uns als ihre Wohltäter vergöttern, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns nehmen. Und sie werden keinerlei Geheimnisse vor uns haben. Wir werden ihnen erlauben oder verbieten, mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder keine Kinder zu haben, alles je nach ihrem Gehorsam, und sie werden sich uns mit Lust und Freude unterwerfen. Auch die qualvollsten Geheimnisse ihres Gewissens – alles werden sie uns anvertrauen, und wir werden alles entscheiden. Und sie werden unserer Entscheidung mit Freuden glauben, weil sie durch diese von der großen Sorge und der furchtbaren Qual freier persönlicher Entscheidung befreit sein werden. Und alle die Millionen von Wesen werden glücklich sein, mit Ausnahme der Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, die Hüter des Geheimnisses, werden unglücklich sein. Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und hunderttausend Dulder, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden sie sterben, still in deinem Namen erlöschen und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Das jedoch werden wir geheimhalten und die Menschen durch die Verheißung einer ewigen, himmlischen Belohnung zu ihrem eigenen Glück locken. Denn selbst wenn es etwas im Jenseits gäbe, dann doch sicherlich nicht für solche wie sie. Es wird prophezeit, du würdest wiederkommen mit deinen Auserwählten, mit deinen Stolzen und Starken und einen neuen Sieg erringen. Aber wir werden sagen, diese hätten nur sich selbst gerettet, wir hingegen alle Menschen. Es wird gesagt, die Hure, die auf dem Tier sitzt und das Geheimnis in ihren Händen hält, würde beschimpft werden, und die Schwachen würden sich abermals empören und das Purpurgewand der Hure zerreißen und ihren gemeinen Körper entblößen. Doch dann werde ich aufstehen und dich auf die Tausende von Millionen glücklicher Kinder hinweisen, die keine Sünde gekannt haben. Und wir, die wir um ihres Glückes willen ihre Sünde auf uns genommen haben, werden vor dich hintreten und sagen: Verurteile uns, wenn du das kannst und wagst! Du sollst wissen, daß ich dich nicht fürchte. Daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich mich von Heuschrecken und Wurzeln ernährte, daß auch ich die Freiheit segnete, mit der du die Menschen gesegnet hattest, daß auch ich mich vorbereitete, in die Schar deiner Auserwählten, der Starken und Mächtigen, einzutreten mit dem heißen Wunsch, ihre Zahl voll zu machen. Aber ich kam zur Besinnung und hatte kein Verlangen mehr, dem Wahnsinn zu dienen. Ich kehrte zurück und schloß mich denen an, die deine Tat verbesserten. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zu den Demütigen zurück, um diese glücklich zu machen. Was ich dir sage, wird in Erfüllung gehen, und unser Reich wird errichtet werden. Ich wiederhole, schon morgen wirst du sehen, wie diese gehorsame Herde auf meinen ersten Wink herbeistürzt und glühende Kohlen für deinen Scheiterhaufen zusammenscharrt. Für den Scheiterhaufen, auf dem ich dich verbrennen werde dafür, daß du gekommen bist, uns zu stören. Wenn jemals einer vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, so bist du es. Morgen werde ich dich verbrennen. Dixi.‹«

Iwan schwieg. Er war beim Sprechen in Eifer geraten und hatte sich von seinem Stoff hinreißen lassen. Doch als er fertig war, lächelte er auf einmal.

Aljoscha hatte ihm die ganze Zeit schweigend zugehört; gegen Ende war er vor Erregung wiederholt im Begriff, den Bruder zu unterbrechen, hatte sich aber offenbar gewaltsam beherrscht. Doch jetzt sprang er plötzlich auf und fing an zu reden.

»Aber, das ist ja Unsinn!« rief er errötend. »Deine Dichtung ist ein Lob Jesu, keine Schmähung, die du doch wolltest. Und wer soll dir glauben, was du da von der Freiheit gesagt hast? Muß man sie denn ausgerechnet so auffassen? Ist das etwa die Auffassung unserer rechtgläubigen Kirche? Das ist Rom, und nicht einmal das ganze Rom! Das ist eine Unwahrheit! – Das sind nur die schlechtesten Elemente des Katholizismus, die Inquisitoren, die Jesuiten! Und eine solche Phantasieperson wie deinen Inquisitor kann es überhaupt nicht geben. Was sind das für Sünden der Menschen, die da auf sich genommen wurden? Was sind das für Geheimnisträger, die einen bestimmten Fluch auf sich genommen haben, um die Menschen glücklich zu machen? Wann hat man von ihnen gehört? Wir kennen die Jesuiten, es wird schlecht über sie gesprochen, trifft aber auf sie zu, was du da sagst? Sie sind ganz und gar nicht so, überhaupt nicht ... Sie sind einfach die römische Armee für das künftige irdische Weltreich, an dessen Spitze der römische Erzpriester als Imperator stehen soll ... Das ist ihr Ideal, ohne alle Geheimnisse und ohne allen erhabenen Kummer ... Es handelt sich um das einfachste Verlangen nach Macht, nach schmutzigen irdischen Gütern, nach Ausbeutung, nach einer neuen Art von Leibeigenschaft, wobei sie natürlich selbst die Gutsbesitzer werden möchten. Das ist alles, was sie wollen. Vielleicht glauben sie gar nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als Phantasie ...«

»Halt, halt!« rief Iwan lachend. »Wie du dich ereiferst! Phantasie, sagst du. Nun meinetwegen. Gewiß ist es Phantasie. Aber erlaube mal, meinst du wirklich, die ganze katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte sei tatsächlich weiter nichts als ein Streben nach Macht, nur um schmutziger Güter willen? Hat Vater Paissi dir das beigebracht?«

»Nein, nein, im Gegenteil. Vater Paissi hat sich einmal sogar in deinem Sinn geäußert ... Doch nein, es war wohl anders, ganz anders«, verbesserte sich Aljoscha schnell.

»Das ist für mich trotzdem wichtig zu wissen, eine wertvolle Nachricht, trotz deiner Einschränkung. Ich frage dich geradezu: Warum glaubst du, die Jesuiten und Inquisitoren hätten sich einzig und allein um schnöder materieller Güter willen zusammengetan? Warum soll unter ihnen kein einziger Dulder sein, der große Qualen leidet und die Menschheit liebt? Nimm doch einmal an, unter allen, die lediglich nach schmutzigen materiellen Gütern streben, sei auch nur ein einziger von der Art meines greisen Inquisitors gewesen – einer, der selbst in der Wüste Wurzeln gegessen und gegen das Fleisch angekämpft hat, um frei und vollkommen zu werden, der dabei doch sein ganzes Leben lang die Menschheit geliebt und nun plötzlich eingesehen hat, daß es kein großes moralisches Glück bedeutet, die Vollkommenheit des Willens zu erreichen, wenn man gleichzeitig davon überzeugt ist, daß Millionen anderer Geschöpfe Gottes dies nicht können und nur zum Hohn geschaffen sind, daß sie nie imstande sein werden, mit ihrer Freiheit zurechtzukommen, daß sich die armseligen Rebellen niemals zu Riesen entwickeln und den Turm fertigbauen werden und daß der große Idealist nicht wegen solcher Gänse von der Harmonie geträumt hat. Nachdem er das alles eingesehen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den klugen Leuten an. Wäre so etwas nicht denkbar?«

»Wem schloß er sich an? Welchen klugen Leuten?« rief Aljoscha beinahe wütend. »Sie besitzen gar keinen solchen Verstand und gar keine solchen Geheimnisse! Höchstens ihre Gottlosigkeit, das ist ihr ganzes Geheimnis! Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, das ist sein ganzes Geheimnis!«

»Soll es so ein, meinetwegen! Endlich hast du es erraten. Es ist wirklich so, darin besteht tatsächlich das ganze Geheimnis! Aber ist das etwa kein Leid – wenn auch nur für einen Menschen wie ihn, der in der Wüste sein ganzes Leben austilgte, um eine Großtat zu verrichten, und sich doch nicht kurieren konnte von seiner Liebe zur Menschheit? Am Abend seiner Tage gelangt er mit aller Klarheit zu der Überzeugung, daß nur die Ratschläge des großen, furchtbaren Geistes den Zustand dieser schwächlichen Rebellen, dieser unfertigen, gleichsam nur probeweise hergestellten, zum Hohn erschaffenen Wesen einigermaßen erträglich gestalten könnten. Und nun, da er davon überzeugt ist, sieht er ein, daß man nach der Weisung des klugen Geistes, des furchtbaren Geistes des Todes und der Zerstörung, verfahren muß, daß man sich zu diesem Zweck der Lüge und der Täuschung bedienen, die Menschen mit Bewußtsein zu Tod und Untergang führen und sie dabei auf dem ganzen Weg betrügen muß, damit sie nicht merken, wohin sie geführt werden, und damit sich diese armseligen Blinden wenigstens unterwegs für glücklich halten. Und wohlgemerkt, der Betrug geschieht im Namen eines Ideals, an das der Greis sein ganzes Leben leidenschaftlich geglaubt hat! Ist das etwa keine Tragik? Und sollte sich auch nur ein einziger solcher Mensch an der Spitze dieser Armee befinden, ›die lediglich um schmutziger Güter willen nach Macht verlangt‹, wäre das nicht schon ausreichend für eine Tragödie? Ja noch mehr, ein einziger solcher Mensch an der Spitze reichte aus, damit für die römische Sache mit all ihren Heeren und Jesuiten endlich eine wirklich führende Idee, die höchste Idee gefunden würde. Ich sage dir unumwunden, ich glaube ganz fest, daß dieser ›einzige‹ Mensch unter den Anführern der Bewegung niemals allein sein kann. Wer weiß, vielleicht hat es auch unter der hohen römischen Geistlichkeit solche ›einzigen‹ gegeben. Wer weiß, vielleicht existiert dieser verfluchte Greis, der die Menschheit so hartnäckig auf seine Art liebt, auch jetzt in Gestalt einer ganzen Schar von vielen ›einzigen‹ Greisen, und zwar nicht zufällig, sondern vielleicht auf Grund eines geheimen Einverständnisses, das schon vor langer Zeit getroffen worden ist – zwecks Wahrung des Geheimnisses vor den unglücklichen schwachen Menschen und in der Absicht, sie glücklich zu machen. Sicher ist das so, muß das so sein. Ich stelle mir vor, daß auch die Freimaurer etwas haben, was diesem Geheimnis ähnlich ist, daß die Katholiken deshalb so einen Haß auf die Freimaurer haben, weil sie in ihnen Konkurrenten sehen und eine Auflösung der Einheit der Idee befürchten, wo es doch eine Herde geben soll und einen Hirten ... Übrigens führe ich mich bei der Verteidigung meiner Gedanken auf wie ein Autor, der deine Kritik nicht vertragen kann. Schluß damit!«

»Du bist vielleicht selbst Freimaurer!« entfuhr es Aljoscha plötzlich. »Du glaubst nicht an Gott«, fügte er bekümmert hinzu. Außerdem schien es ihm, als ob ihn der Bruder spöttisch ansähe. »Wie endet denn deine Dichtung?« fragte er plötzlich, die Augen niedergeschlagen. »Oder ist sie schon zu Ende?«

»Ich wollte sie folgendermaßen abschließen: Nachdem der Inquisitor geendet hat, wartet er einige Zeit auf eine Antwort des Gefangenen. Dessen Schweigen wird ihm peinlich. Er hat bemerkt, wie ihm der Gefangene die ganze Zeit still zugehört und eindringlich in die Augen gesehen hat – offenbar ohne die Absicht, etwas zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er etwas sagt, und sei es etwas Bitteres, Furchtbares. Doch Er nähert sich plötzlich wortlos dem Greis und küßt ihn sacht auf die blutlosen welken Lippen. Das ist seine ganze Antwort. Der Greis fährt zusammen. Um seine Mundwinkel zuckt es, er geht zur Tür, öffnet sie und sagt zu Ihm: ›Geh und komm nicht wieder! Komm überhaupt niemals wieder! Niemals, niemals!‹ Und er läßt Ihn hinaus auf die dunklen Straßen und Plätze der Stadt. Der Gefangene geht!«

»Und der Greis?«

»Der Kuß brennt ihm im Herzen, doch er beharrt auf seiner Idee.«

»Und du mit ihm, du auch?« rief Aljoscha traurig.

Iwan lachte.

»Das ist doch alles Unsinn, Aljoscha! Das verrückte Poem eines verrückten Studenten, der niemals auch nur zwei Verse geschrieben hat. Warum nimmst du die Sache so ernst? Du denkst doch wohl nicht, daß ich jetzt geradewegs dorthin fahre, zu den Jesuiten, um in die Schar derer einzutreten, die Seine Tat verbessern? Ach Gott, was geht das mich an? Ich habe dir ja gesagt, ich möchte nur bis dreißig leben – und dann den Becher auf den Boden schleudern!«

»Aber die klebrigen Blättchen und die teuren Gräber und der blaue Himmel und die geliebte Frau! Wie willst du leben, mit welcher Kraft die alle lieben?« rief Aljoscha bekümmert. »Ist das denn möglich mit so einer Hölle in der Brust und im Kopf? Nein, du wirst hinfahren, um dich ihnen anzuschließen. Und wenn du das nicht tust, wirst du es nicht aushalten können und dich selbst töten!«

»Es gibt eine Kraft, die alles aushält!« erwiderte Iwan mit einem Lächeln, das bereits kalt war.

»Was ist das für eine Kraft?«

»Die Karamasowsche. Die Kraft der Karamasowschen Gemeinheit.«

»Das bedeutet, in Ausschweifungen versinken, die Seele im Laster ersticken – ja?«

»Meinetwegen auch das ... Bis ich dreißig bin, werde ich dem vielleicht noch entgehen, aber dann ...«

»Wie willst du dem entgehen? Und wodurch? Ein Ding der Unmöglichkeit bei deinen Anschauungen!«

»Wiederum auf Karamasowsche Art.«

»Soll das heißen, nach dem Grundsatz: ›Alles ist erlaubet‹? Alles ist erlaubt, nicht wahr?«

Iwan machte ein finsteres Gesicht und wurde auf einmal seltsam blaß. »Ah, da hast du einen Satz von gestern aufgefangen, über den sich Miussow so ereifert hat. Und den Dmitri dann, so naiv auffahrend, wiederholt hat«, erwiderte Iwan mit einem krampfhaften Lächeln. »Na meinetwegen. ›Alles ist erlaubt‹ – wenn der Satz nun einmal ausgesprochen ist. Ich nehme ihn nicht zurück. Und auch Mitenkas Redaktion dieses Satzes war gar nicht übel.«

Aljoscha blickte ihn schweigend an.

»Ich habe geglaubt, Bruder, wenn ich nun wegfahre, habe ich auf der ganzen Welt wenigstens dich«, sagte Iwan auf einmal mit einem unerwarteten Gefühlsausbruch. »Doch jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein Platz für mich ist, mein lieber Einsiedler. Von dem Satz ›Alles ist erlaubt‹ sage ich mich nicht los. Na, wie ist es, sagst du dich deswegen von mir los, ja?«

Aljoscha stand auf, trat wortlos zu ihm und küßte ihn auf den Mund.

»Das ist literarischer Diebstahl!« rief Iwan plötzlich fast enthusiastisch. »Das hast du aus meiner Dichtung gestohlen! Dennoch ich danke dir. Steh auf, Aljoscha, wir wollen gehen. Es ist Zeit für uns beide.«

Sie gingen hinaus, blieben aber vor der Tür des Restaurants stehen.

»Hör mal zu, Aljoscha«, sagte Iwan mit fester Stimme. »Wenn mich die klebrigen Blättchen wirklich rühren sollten, werde ich sie nur in Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir, daß es dich hier irgendwo gibt – und schon habe ich die Lust am Leben noch nicht verloren! Genügt dir das? Wenn du willst, kannst du das als eine Liebeserklärung auffassen. So, und jetzt geh. Und zwar du nach rechts, ich werde nach links gehen – es ist genug, hörst du? Es ist genug! Das soll heißen: Sollte ich morgen nicht wegfahren – ich glaube aber, ich werde bestimmt fahren – und sollten wir uns noch einmal begegnen, dann sprich über alle diese Themen kein Wort mehr mit ihm. Das ist meine dringende Bitte ... Und was unseren Bruder Dmitri anlangt, so bitte ich dich ganz besonders, sprich mit mir nie mehr über ihn«, fügte er plötzlich gereizt hinzu. »Dieser Punkt ist ja erschöpft, vollständig durchgesprochen, nicht wahr? Ich meinerseits werde dir dafür ebenfalls etwas versprechen. Wenn ich mit dreißig Lust bekomme, ›den Becher auf den Boden zu schleudern‹, dann werde ich zu dir kommen, wo immer du auch bist – und noch einmal mit dir reden ... Und wenn ich gar in Amerika wäre – ich würde extra deswegen zu dir kommen, das sollst du wissen! Es wird mich sehr interessieren, dich dann zu sehen, was für ein Mensch du sein wirst. Hast du gehört, das war ein recht feierliches Versprechen! Wir nehmen jetzt aber tatsächlich vielleicht für sieben oder zehn Jahre Abschied. So, nun geh zu deinem Pater Seraphicus,Seraph, im Alten Testament ein 6flügliger Engel der liegt im Sterben. Stirbt er in deiner Abwesenheit, wärst du mir womöglich noch böse, daß ich dich aufgehalten habe. Auf Wiedersehen, küß mich noch einmal. So ... Geh jetzt!«

Iwan drehte sich plötzlich um und ging weg, ohne sich noch einmal umzuwenden. Das ähnelte der Art, wie tags zuvor Dmitri von Aljoscha weggegangen war, obgleich das wieder ganz anders gewesen war. Diese sonderbare kleine Wahrnehmung ging Aljoscha, betrübt und bekümmert, wie er in diesem Augenblick war, wie ein Pfeil, durch den Sinn. Er wartete noch ein Weilchen und schaute seinem Bruder nach. Dabei bemerkte er zufällig, daß sein Bruder Iwan eigentümlich schwankend lief und daß, von hinten gesehen, seine rechte Schulter niedriger zu sein schien als die linke. Das war ihm früher noch nie aufgefallen.

Dann drehte er sich ebenfalls um und eilte rasch, beinahe laufend, zum Kloster. Es dämmerte schon stark, und er hatte fast ein bißchen Angst. Etwas Unklares keimte in ihm auf, ein neuer Zweifel, auf den er keine Antwort wußte. Wie am vorhergehenden Tag hatte sich wieder ein Wind erhoben, und um ihn rauschten die alten Fichten, als er in das Wäldchen der Einsiedelei kam. Er fing beinahe an zu rennen. ›Pater Seraphicus, diesen Namen hat er irgendwoher, doch woher nun genau?‹ überlegte er. ›Iwan, armer Iwan, wann werde ich dich jetzt wiedersehen? Da ist ja die Einsiedelei, Gott sei Dank! Ja, er ist ein Pater Seraphicus, das ist er! Er wird mich retten ... Vor ihm und für alle Zeit!‹

Später fragte er sich wiederholt verständnislos, wie er nach dem Abschied von Iwan so vollständig seinen Bruder Dmitri hatte vergessen können, obwohl er sich am Vormittag, nur wenige Stunden früher, fest vorgenommen hatte, ihn unbedingt aufzusuchen und nicht wegzugehen, ehe er ihn gesehen hatte – selbst wenn er in dieser Nacht nicht mehr ins Kloster zurückkehren konnte.

6. Ein vorläufig sehr unklares Kapitel

Als Iwan Fjodorowitsch sich von Aljoscha verabschiedet hatte, ging er nach Hause, ins Haus seines Vaters. Doch sonderbar, auf einmal überkam ihn eine unerträgliche Mißstimmung, und was die Hauptsache war, sie steigerte sich mit jedem Schritt, den er sich dem Haus näherte. Sonderbar war dabei nicht die Mißstimmung an sich, sondern daß Iwan Fjodorowitsch sich beim besten Willen nicht erklären konnte, worin die Mißstimmung eigentlich bestand. Mißgestimmt zu sein, das war ihm auch früher häufig vorgekommen, und es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn eine solche Mißstimmung in dem Augenblick aufkam, da er mit allem gebrochen hatte, was ihn hierherzog, und da er sich anschickte, erneut eine scharfe Wendung zu machen und wieder allein wie früher, einen neuen, völlig unbekannten Weg einzuschlagen, einen Weg, auf dem er vom Leben vieles, sehr vieles erhoffte und erwartete, ohne selbst diese Erwartungen oder auch nur seine Wünsche genauer umreißen zu können. Aber obwohl eine gewisse Furcht vor dem Neuen und Unbekannten tatsächlich in seiner Seele vorhanden war – nicht das war es, was ihn in diesem Augenblick quälte. ›Ob es der Widerwillen gegen das Vaterhaus ist? Es sieht danach aus, so zuwider ist mir dieses Haus geworden! Und obwohl ich heute zum letztenmal diese verabscheute Schwelle überschreite, ist mein Widerwille doch der gleiche ...‹ Doch nein, das war es auch nicht. Vielleicht der Abschied von Aljoscha und das Gespräch mit ihm? ›So viele Jahre habe ich der ganzen Welt gegenüber geschwiegen, und nun auf einmal habe ich so viel Unsinn zusammengeredet!‹ Wirklich, es konnte jugendlicher Ärger über seine jugendliche Unerfahrenheit und Eitelkeit sein, ein Ärger darüber, daß er nicht verstanden hatte sich auszudrücken, noch dazu vor einem Menschen wie Aljoscha, auf den er in seinem Herzen große Hoffnungen setzte. Zwar war auch dieser Ärger zweifellos vorhanden, aber auch das war nicht der Grund seiner Mißstimmung. ›Eine Mißstimmung bis zur Übelkeit – dabei bin ich nicht imstande anzugeben, was ich eigentlich will. Das beste ist, nicht daran zu denken!‹

Iwan Fjodorowitsch versuchte, ›nicht daran zu denken‹, doch auch das half nichts. Was ihn an dieser Mißstimmung so besonders ärgerte und reizte, war, daß sie wie etwas Zufälliges, rein Äußerliches erschien, das fühlte er. Es mußte da irgendwo ein Wesen oder ein Gegenstand vorhanden sein, so wie einem manchmal etwas vor Augen steht, was man bei der Arbeit oder einem erregten Gespräch lange Zeit nicht bemerkt, was einen aber trotzdem offenbar reizt, ja quält, bis man schließlich auf den Gedanken kommt, den nichtsnutzigen Gegenstand zu beseitigen, oft irgendein unbedeutendes, lächerliches Ding, das am falschen Platz vergessen worden ist, ein heruntergefallenes Taschentuch, ein nicht in den Schrank gestelltes Buch, und so weiter und so fort ... Iwan Fjodorowitsch erreichte schließlich in höchst gereizter Stimmung das Haus seines Vaters, und als er ungefähr noch fünfzehn Schritte vom Tor entfernt war, wußte er auf einmal, was ihn so beunruhigt und gequält hatte.

Auf der Bank am Tor saß der Diener Smerdjakow und genoß die kühle Abendluft.

Iwan Fjodorowitsch begriff bei seinem Anblick sofort, daß der Diener Smerdjakow auch in seiner Seele gesessen hatte und daß seine Seele gerade diesen Menschen nicht ausstehen konnte. Alles wurde ihm mit einem Schlage hell und klar. Schon vorhin, als Aljoscha von seiner Begegnung mit Smerdjakow sprach, war ein finsteres, widerwärtiges Gefühl über ihn gekommen und hatte einen entsprechenden Zorn in ihm hervorgerufen. Während des Gesprächs hatte er Smerdjakow dann eine Zeitlang vergessen, dieser war jedoch in seiner Seele geblieben, und kaum hatte sich Iwan Fjodorowitsch von Aljoscha getrennt und allein den Heimweg angetreten, trat das vergessene Gefühl sogleich wieder hervor. ›Kann mich dieser elende Taugenichts wirklich so beunruhigen?‹ dachte er überaus verärgert.

Iwan Fjodorowitsch war auf diesen Menschen in der letzten Zeit und besonders in den letzten Tagen tatsächlich zornig geworden. Er hatte seinen wachsenden Zorn auf dieses Subjekt sogar selbst bemerkt. Vielleicht hatte dieser Zorn gerade deswegen eine solche Schärfe angenommen, weil sich das Verhältnis anfangs, nach Iwan Fjodorowitschs Ankunft, ganz anders gestaltet hatte. Damals hatte sich Iwan Fjodorowitsch für Smerdjakow sozusagen besonders interessiert, er hatte ihn sogar für einen recht originellen Menschen gehalten. Er hatte ihn selbst zu Gesprächen mit ihm ermuntert, wobei er sich allerdings stets über eine gewisse Verdrehtheit oder, besser, eine gewisse Unruhe seines Verstandes gewundert und nicht begriffen hatte, was »diesen beschaulichen Menschen« eigentlich so unablässig und heftig beunruhigen konnte. Sie sprachen über philosophische Fragen und sogar darüber, wie man es zu verstehen habe, daß das Licht schon am ersten Schöpfungstag leuchtete, obwohl doch Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Tag geschaffen wurden. Iwan Fjodorowitsch überzeugte sich bald, daß es Smerdjakow dabei überhaupt nicht um Sonne, Mond und Sterne ging, daß Sonne, Mond und Sterne für ihn zwar ein interessanter, aber doch nur drittrangiger Gegenstand waren und daß er auf etwas ganz anderes abzielte. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls begann sich bei ihm ein maßloses und zudem gekränktes Selbstgefühl zu äußern. Das erregte Iwan Fjodorowitschs Mißfallen. Von da an datierte seine Abneigung. Später hatte dann im Hause das wüste Treiben begonnen, Gruschenka war auf der Szene erschienen, die Streitereien mit dem Bruder Dmitri hatten angefangen, es hatte allerlei Ärger gegeben; darüber hatten sie dann auch gesprochen. Obgleich sich Smerdjakow bei solchen Gesprächen immer sehr erregt zeigte, war es doch unmöglich zu erkennen, in welche Richtung seine Wünsche gingen. Man konnte sich sogar über das Unlogische und Unordentliche mancher seiner Wünsche wundern, die nur unwillkürlich zutage traten und stets in gleicher Weise unklar waren. Smerdjakow erkundigte sich nach allem möglichen und stellte indirekte, offenbar vorher überlegte Fragen. Doch wozu er das tat, erklärte er nie; gerade im interessantesten Augenblick seiner Nachfragen pflegte er mitunter plötzlich zu verstummen oder das Thema zu wechseln. Was Iwan Fjodorowitsch jedoch schließlich vollends reizte und ihm einen solchen Widerwillen gegen diesen Menschen einflößte, war eine besondere unangenehme Vertraulichkeit, die Smerdjakow ihm gegenüber immer deutlicher an den Tag legte. Nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein – im Gegenteil, er sprach immer außerordentlich respektvoll. Es hatte sich aber dennoch so ergeben, daß sich Smerdjakow schließlich, Gott weiß warum, in gewisser Hinsicht für ebenbürtig mit Iwan Fjodorowitsch hielt und mit ihm in einem Ton redete, als gäbe es zwischen ihnen bereits eine Art geheimer Verabredung, als hätten sie irgendwann etwas besprochen, was nur ihnen beiden bekannt, den anderen um sie herumwimmelnden Sterblichen aber überhaupt nicht verständlich war. Iwan Fjodorowitsch hatte jedoch auch hier die wahre Ursache seines wachsenden Widerwillens lange Zeit nicht erkannt und erst in der allerletzten Zeit gemerkt, wie es sich damit verhielt. Mit einem Gefühl der Verachtung und Gereiztheit wollte er jetzt schweigend vorbeigehen, ohne Smerdjakow eines Blickes zu würdigen, doch Smerdjakow erhob sich von der Bank, und schon allein an dieser Bewegung spürte Iwan Fjodorowitsch augenblicklich, daß dieser ein besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan Fjodorowitsch sah ihn an und blieb stehen, und der Umstand, daß er nicht vorbeigegangen war, wie er es eben noch gewollt hatte, ärgerte ihn dermaßen, daß er zitterte. Mit Zorn und Widerwillen blickte er in Smerdjakows kastratenhaft schlaffes Gesicht mit den zurückgekämmten Schläfenhaaren und der in die Höhe frisierten kleinen Tolle. Das linke Auge, halb zugekniffen, zwinkerte und lächelte, als ob es sagen wollte: ›Was denn? – Du wirst doch nicht vorbeigehen? Siehst du nicht, daß wir beiden klugen Leute etwas zu besprechen haben.‹

Iwan Fjodorowitsch zitterte vor Ärger.

Mach daß du fortkommst, Taugenichts. Wir beide passen nicht zueinander, Dummkopf!‹ hatte er schon auf der Zunge aber zu seinem größten Erstaunen kam etwas ganz anderes heraus:

»Schläft mein Vater, oder ist er schon aufgewacht?« fragte er leise und sanft zu seinem eigenen Erstaunen und setzte sich plötzlich, ebenfalls zu seinem eigenen Erstaunen, auf die Bank. Einen Moment war ihm geradezu ängstlich zumute; er erinnerte sich später daran.

Smerdjakow stand ihm gegenüber, die Hände auf dem Rücken und machte ein selbstbewußtes, beinahe strenges Gesicht.

»Er schläft noch«, antwortete er ohne Eile. Und sein Tonfall besagte: ›Du selber hast das Gespräch begonnen, nicht ich ...‹ »Ich wundere mich über Sie, gnädiger Herr«, fügte er nach kurzem Stillschweigen hinzu. Dabei schlug er affektiert die Augen nieder, setzte den rechten Fuß vor und spielte mit der Spitze seines Lackstiefels.

»Warum wunderst du dich über mich?« fragte Iwan Fjodorowitsch barsch. Er versuchte sich nach Kräften zu beherrschen und merkte plötzlich angewidert, daß er eine überaus starke Neugier empfand und daß er um keinen Preis gehen würde, ohne sie befriedigt zu haben.

»Warum fahren Sie nicht nach Tschermaschnja, gnädiger Herr?« fragte Smerdjakow, wobei er auf einmal den Blick hob und vertraulich lächelte, und sein halb zugekniffenes linkes Auge sagte gleichsam: ›Warum ich lächle, mußt du selber wissen, wenn du ein kluger Mensch bist ...‹

»Warum sollte ich nach Tschermaschnja fahren?« erwiderte Iwan Fjodorowitsch erstaunt.

Smerdjakow schwieg wieder ein Weilchen.

»Fjodor Pawlowitsch hat Sie doch selbst darum gebeten«, sagte er endlich ohne Eile und beiläufig, als ob er seiner Antwort keinen Wert beimesse. Es klang, wie wenn er sagte: ›Ich nenne einen ganz nebensächlichen Grund, um überhaupt etwas zu antworten.‹

»Sprich deutlicher, zum Teufel! Was willst du eigentlich?« rief Iwan Fjodorowitsch, zornig geworden und von der Sanftmut zur Grobheit übergehend.

Smerdjakow setzte den rechten Fuß neben den linken und richtete sich auf, behielt aber seine ruhige, lächelnde Miene bei.

»Nichts Wichtiges ... Ich habe das nur so gesagt, gesprächsweise ...«

Wieder trat Stillschweigen ein. Sie schwiegen fast eine Minute lang. Iwan Fjodorowitsch wußte, daß er gewiß gleich aufstehen und endgültig in Zorn ausbrechen würde, und Smerdjakow stand vor ihm, als ob er wartete und dachte: ›Ich will doch mal sehen, ob du zornig wirst oder nicht.‹ So faßte es Iwan wenigstens auf. Er bewegte schließlich den Oberkörper, um aufzustehen.

Diesen Augenblick ergriff Smerdjakow.

»Ich befinde mich in einer schrecklichen Lage, Iwan Fjodorowitsch. Ich weiß nicht mehr, wie ich mir helfen soll«, sagte er auf einmal fest und beherrscht und seufzte bei den letzten Worten tief.

Iwan Fjodorowitsch setzte sich sofort wieder hin.

»Beide sind sie wie verrückt, wie die kleinsten Kinder!« fuhr Smerdjakow fort. »Ich rede von Ihrem Vater und von Ihrem Bruder Dmitri Fjodorowitsch. Jetzt wird er gleich aufstehen, ich meine Fjodor Pawlowitsch, und sofort über mich herfallen: ›Nun? Ist sie nicht gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‹ Und so bis Mitternacht und sogar noch länger. Und wenn Agrafena Alexandrowna nicht kommt, denn sie hat vielleicht gar nicht die Absicht, überhaupt jemals zu kommen, so fällt er morgen früh wieder über mich her: Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann kommt sie?‹ Als ob ich mir in dieser Hinsicht etwas hätte zuschulden kommen lassen! Auf der anderen Seite ist die Lage die: Sowie die Abenddämmerung hereinbricht, oder auch schon früher, erscheint Ihr Bruder mit einem Gewehr in der Hand. ›Nimm dich in acht‹, sagt er. ›Du Schurke, du Bouillonkoch! Wenn du sie vorbeiläßt und mich nicht benachrichtigst, bist du der erste, den ich ermorde!‹ Die Nacht vergeht. Am Morgen jedoch beginnt er mich so wie Fjodor Pawlowitsch zu quälen. ›Warum ist sie nicht gekommen? Wird sie bald erscheinen?‹ Und wieder kommt es so heraus, als wäre ich schuld, daß seine Dame nicht gekommen ist. Und die beiden werden mit jedem Tag und jeder Stunde wilder im Zorn, daß ich manchmal daran denke, mir vor Angst das Leben zu nehmen. Ich habe Angst vor den beiden, gnädiger Herr.«

»Warum hast du dich da bloß eingemischt? Warum hast du dich darauf eingelassen, meinem Bruder Dmitri Nachrichten zuzutragen?« fragte Iwan Fjodorowitsch gereizt.

»Wie hätte ich es denn anfangen sollen, mich da nicht einzumischen? Eigentlich habe ich mich überhaupt nicht eingemischt, wenn Sie es in aller Genauigkeit wissen wollen. Ich habe von Anfang an nur geschwiegen und nicht gewagt, etwas zu erwidern. Er selbst hat mich zu seinem Diener bestimmt. Und seitdem sagt er zu mir immer nur ein und dasselbe: ›Ich schlage dich tot, Schurke, wenn du sie vorbeiläßt!‹ Ich glaube, gnädiger Herr, ich werde morgen wohl eine lange Epilepsie bekommen.«

»Was heißt das: eine lange Epilepsie?«

»Einen langen Anfall, einen außerordentlich langen. So einer dauert mehrere Stunden oder womöglich einen oder zwei Tage. Einer hat bei mir mal drei Tage gedauert, ich war damals vom Dachboden gefallen. Er hört eine Weile auf und fängt dann wieder an; ich konnte die ganzen drei Tage keinen klaren Gedanken fassen. Fjodor Pawlowitsch ließ damals Doktor Herzenstube rufen, den hiesigen Arzt. Der hat mir Eis auf den Kopf gelegt und noch irgendein anderes Mittel angewandt. Ich hätte sterben können.«

»Aber es heißt doch, ein epileptischer Anfall sei unmöglich vorauszusehen, weil er nämlich zu keiner bestimmten Stunde eintritt. Wie kannst du denn behaupten, er käme morgen?«, erkundigte sich Iwan Fjodorowitsch mit gereiztem Interesse.

»Das ist richtig, daß man ihn nicht vorhersehen kann.«

»Außerdem bist du damals ja vom Dachboden gefallen.«

»Auf den Dachboden steige ich alle Tage, ich kann auch morgen da herunterfallen. Und wenn nicht vom Dachboden, dann eben in den Keller. In den Keller gehe ich in meinem Dienst auch jeden Tag.«

Iwan Fjodorowitsch blickt ihn eindringlich an.

»Du lügst, wie ich merke. Und ich verstehe dich nicht ganz«, sagte er leise, aber mit einem drohenden Unterton. »Du willst morgen einen dreitägigen epileptischen Anfall simulieren, ja?«

Smerdjakow, der zu Boden geblickt und dabei wieder mit der rechten Fußspitze gespielt hatte, stellte den rechten Fuß an seinen Platz, setzte statt dessen den linken vor, hob den Kopf und sagte lächelnd: »Selbst wenn ich das täte, das heißt, wenn ich einen Anfall simulierte, was übrigens für einen, der Bescheid weiß, keineswegs schwer ist, wäre ich vollkommen berechtigt, mich dieses Mittels zu bedienen, um mein Leben zu retten. Wenn Agrafena Alexandrowna nämlich zu Fjodor Pawlowitsch kommt, während ich krank daliege, so kann Dmitri Fjodorowitsch schwerlich einen kranken Menschen fragen: ›Warum hast du mir das nicht gemeldet?‹ Er würde sich direkt schämen, das zu tun.«

»Zum Teufel!« fuhr Iwan Fjodorowitsch plötzlich mit wutentstelltem Gesicht auf. »Was zitterst du immer um dein Leben? Alle diese Drohungen meines Bruders Dmitri sind doch nur leere, im Zorn gesprochene Worte, weiter nichts. Er wird dich nicht totschlagen. Er wird totschlagen, aber nicht dich.«

»Er wird totschlagen, wie man eine Fliege totschlägt, und zwar zuallererst mich. Aber noch mehr als das fürchte ich etwas anderes: daß man mich für mitschuldig hält, wenn er irgend etwas Sinnloses gegen seinen Vater verübt.«

»Warum sollte man dich für mitschuldig halten?«

»Weil ich ihm heimlich diese Signale mitgeteilt habe.«

»Was für Signale? Wem hast du sie mitgeteilt? Hol‹ dich der Teufel, sprich deutlicher!«

»Ich muß offen gestehen«, erwiderte Smerdjakow langsam und mit pedantischer Ruhe, »daß ich da ein Geheimnis mit Fjodor Pawlowitsch habe. Sie wissen selbst, oder vielleicht wissen Sie es nicht, daß er sich schon seit einigen Tagen von innen einschließt, sowie es Nacht oder auch nur Abend wird. Sie sind in der letzten Zeit jedesmal frühzeitig auf Ihr Zimmer zurückgekehrt, und gestern sind Sie überhaupt nicht ausgegangen, daher wissen Sie vielleicht nicht, mit welcher Sorgfalt er sich jetzt immer nachts einschließt. Und selbst wenn Grigori Wassiljewitsch käme, so würde er ihm nicht aufmachen, es sei denn, er erkennt ihn an der Stimme. Aber Grigori Wassiljewitsch kommt nicht, weil ich den Herrn in seinen Zimmern jetzt allein bediene. So hat er es bestimmt, als diese Geschichte mit Agrafena Alexandrowna begann. Zur Nacht aber entferne ich mich auf seine Anordnung jetzt ebenfalls und übernachte im Seitengebäude. Bis Mitternacht darf ich jedoch nicht schlafen, sondern habe Wachdienst. Ich muß aufstehen, auf dem Hof umhergehen und warten, daß Agrafena Alexandrowna kommt, denn er wartet schon seit mehreren Tagen wie ein Verrückter auf sie. Er spekuliert so: Sie hat Angst vor ihm, nämlich vor Dmitri Fjodorowitsch, vor Mitka, und darum wird sie spätnachts hintenherum kommen. ›Du aber‹, sagt er, ›paß bis Mitternacht auf, und noch länger. Und wenn sie kommt, dann lauf an meine Tür oder an eines der Fenster zum Garten und gib mir ein Klopfsignal, die beiden ersten Male langsam, so: eins, zwei, und dann dreimal schneller: tuck-tuck-tuck. Dann‹, sagt er, ›werde ich wissen, daß sie gekommen ist, und werde leise die Tür aufmachen.‹ Und noch ein anderes Signal hat er mitgeteilt für den Fall, daß sich etwas Außerordentliches zutragen sollte. Zuerst zweimal schnell: tuck-tuck, und dann nach einer kleinen Pause noch einmal viel stärker. Dann wird er wissen, daß etwas Unerwartetes geschehen ist und ich ihn dringend sprechen muß. Dann wird er mir ebenfalls aufmachen, und ich soll hereinkommen und Bericht erstatten. Dieses zweite gilt für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht selbst kommen kann, sondern irgendwelche Nachricht schickt. Außerdem kann auch Dmitri Fjodorowitsch kommen, dann muß ich Nachricht geben, daß er in der Nähe ist. Vor Dmitri Fjodorowitsch hat er große Angst. Selbst wenn Agrafena Alexandrowna schon gekommen sein sollte und er sich mit ihr eingeschlossen hat, selbst dann bin ich unbedingt verpflichtet, ihm durch dreimaliges Klopfen zu melden, falls Dmitri Fjodorowitsch sich irgendwo in der Nähe zeigen sollte. Das erste Signal, mit fünf Schlägen, bedeutet also: Agrafena Alexandrowna ist gekommen. Das zweite Signal, mit drei Schlägen: Es liegt etwas sehr Dringendes vor. So hat er es mir selbst mehrmals vorgemacht und erklärt. Da nun in der ganzen Welt niemand außer mir und ihm über diese Signale Bescheid weiß, wird er aufmachen, ohne irgendwie zu zweifeln oder zu fragen, wer da sei. Und sehen Sie: Diese Signale sind jetzt auch Dmitri Fjodorowitsch zur Kenntnis gelangt.«

»Wie sind sie ihm zur Kenntnis gelangt? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie konntest du dich unterstehen, das zu tun.«

»Aus Angst. Wie hätte ich es wagen sollen, ihm gegenüber zu schweigen. Dmitri Fjodorowitsch fährt mich jeden Tag an:,Du betrügst mich, du verbirgst mir etwas! Ich werde dir beide Beine brechen!‹ Da habe ich ihm eben diese geheimen Signale mitgeteilt, damit er wenigstens meine Ergebenheit sieht und so zu der Überzeugung kommt, daß ich ihn nicht hintergehe.«

»Wenn du glaubst, daß er versuchen wird, unter Mißbrauch dieser Signale einzudringen, so laß ihn nicht herein!«

»Aber wenn ich in einem Anfall daliege, wie soll ich ihn dann nicht hereinlassen? Selbst wenn ich es wagen würde, ihn zurückzuhalten, obwohl ich doch weiß, was für ein jähzorniger Mensch er ist.«

»Hol' dich der Teufel! Woher bist du denn so fest überzeugt, daß du einen Anfall bekommst? Machst du dich über mich lustig?«

»Wie würde ich wagen, mich über Sie lustig zu machen? Und kann mir danach zumute sein, wo ich doch solche Angst habe? Ich habe ein Vorgefühl, ich fühle vorher, daß ich einen Anfall bekomme. Schon allein aus Angst bekomme ich einen.«

»Zum Teufel, wenn du einen Anfall hast, muß eben Grigori aufpassen. Benachrichtige ihn vorher, dann wird er ihn nicht hereinlassen.«

»Grigori Wassiljewitsch darf ich auf Befehl des Herrn nichts von den Signalen sagen. Außerdem ist Grigori Wassiljewitsch gerade heute infolge des gestrigen Vorfalls erkrankt, und Marfa Ignatjewna will ihn morgen erst kurieren. Das haben sie vorhin verabredet. Die beiden kennen da eine sehr merkwürdige Behandlung. Marfa Ignatjewna hat ständig so einen Branntweinaufguß vorrätig, sehr stark, aus irgendeinem Kraut, das ist ihr Geheimnis. Mit diesem Geheimmittel kuriert sie ihren Mann etwa dreimal jährlich, wenn ihm das Kreuz gelähmt ist wie bei einem Schlaganfall. Sie nimmt ein Handtuch, befeuchtet es mit diesem Aufguß und reibt ihm den ganzen Rücken eine halbe Stunde lang, bis es wieder trocken ist. Sein Rücken wird dabei ganz rot und schwillt an. Den Rest in der Flasche gibt sie ihm unter einem bestimmten Gebet zu trinken, jedoch nicht den ganzen Rest, denn einen kleinen Teil behält sie bei dieser seltenen Gelegenheit für sich zurück und trinkt ihn ebenfalls aus. Und da sie beide keine Trinker sind, werden sie ganz taumelig, sage ich Ihnen, und schlafen lange und fest. Wenn Grigori Wassiljewitsch aufwacht, ist er danach fast immer gesund. Und wenn Marfa Ignatjewna aufwacht, hat sie danach immer Kopfschmerzen. Wenn also Marfa Ignatjewna ihn morgen auf diese ihre Weise kuriert, werden sie wohl kaum etwas hören und Dmitri Fjodorowitsch am Eintritt hindern. Sie werden schlafen.«

»Was ist das für ein Unsinn! Und wie das alles ganz zufällig zusammentrifft. Du hast einen Anfall, und die beiden sind bewußtlos!« rief Iwan Fjodorowitsch. »Arrangierst du diesen Zufall vielleicht selber?« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er zog drohend die Augenbrauen zusammen.

»Wie sollte ich das denn arrangieren? Und wozu, wo doch hier alles nur von Dmitri Fjodorowitsch und seinen Plänen abhängt ... Wenn er etwas anrichten will, so wird er es tun. Und wenn nicht, so werde ich ihn doch nicht absichtlich zu seinem Vater hinstoßen ...

»Aber weshalb soll er zum Vater kommen, und noch dazu heimlich, wenn Agrafena Alexandrowna überhaupt nicht erscheint, wie du selbst sagst?« fuhr Iwan Fjodorowitsch, vor Wut ganz blaß, fort. »Du sagst es doch selbst, und auch ich bin die ganze Zeit, seit ich hier wohne, davon überzeugt gewesen, daß der Alte nur phantasiert und daß diese Kreatur ihn nicht besuchen wird. Weshalb sollte also Dmitri bei dem Alten einbrechen? Sprich! Ich will deine Gedanken wissen!«

»Sie belieben selbst zu wissen, weshalb er kommen wird. Was sollen da noch meine Gedanken? Er wird einzig und allein aus Wut kommen. Oder er wird, mißtrauisch, wie er ist, zum Beispiel, wenn ich krank bin, Zweifel hegen und herkommen, um die Zimmer zu durchsuchen wie gestern, ob sie auch nicht irgendwie unbemerkt vorbeigeschlüpft ist. Es ist ihm auch genau bekannt, daß bei Fjodor Pawlowitsch ein großes Kuvert mit dreitausend Rubel bereitliegt, mit drei Siegeln versehen und mit einem Bändchen umwunden. Daß Fjodor Pawlowitsch eigenhändig geschrieben hat: ›Für meinen Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will.‹ Und daß er drei Tage später noch hinzugefügt hat: ›Für mein liebes Kücken.‹ Sehen Sie, das ist das Bedenkliche.«

»Unsinn!« schrie Iwan Fjodorowitsch, nun beinahe rasend. »Dmitri kommt nicht, um Geld zu stehlen und dabei noch seinen Vater totzuschlagen. Gestern wäre er imstande gewesen, ihn wegen Gruschenka totzuschlagen, wütend wie der Dummkopf war. Aber auf Raub ausgehen, das tut er nicht!«

»Er braucht jetzt dringend Geld. Sehr dringend, Iwan Fjodorowitsch. Sie wissen gar nicht, wie dringend«, setzte ihm Smerdjakow mit größter Ruhe und mit bemerkenswerter Sorgfalt auseinander. »Diese dreitausend Rubel hält er dabei gewissermaßen für sein Eigentum. Er hat mir gegenüber selber geäußert: ›Mein Vater ist mir eigentlich noch dreitausend Rubel schuldig!‹ Beachten Sie aber außerdem noch einen weiteren wahren Umstand, Iwan Fjodorowitsch. Es ist ja so gut wie sicher, muß man sagen, daß Agrafena Alexandrowna, wenn sie nur will, ihn unbedingt zu einer Heirat veranlassen könnte, ich meine, den Herrn selbst, Fjodor Pawlowitsch, wenn sie nur will. Na, und vielleicht wird sie es wollen. Ich sage nur, daß sie nicht kommt. Vielleicht will sie aber noch viel mehr: nämlich gnädige Frau werden. Ich weiß selbst, der Kaufmann Samsonow hat ihr ganz offen gesagt, daß das gar nicht dumm wäre, und dabei hat er gelacht. Und sie selber ist, was den Verstand anlangt, ziemlich gewitzt. Einen armen Teufel wie Dmitri Fjodorowitsch wird sie nicht heiraten. Erwägen Sie in Anbetracht alles dessen nun folgendes, Iwan Fjodorowitsch. Weder Dmitri Fjodorowitsch noch Sie und Ihr Bruder Alexej Fjodorowitsch würden dann nach dem Tode des Vaters etwas von der Hinterlassenschaft erhalten, nicht einen Rubel. Agrafena Alexandrowna wird ihn ja eben zu dem Zweck heiraten, allen Grundbesitz auf ihren Namen umschreiben zu lassen und das Kapital als Eigentum zu erhalten. Stirbt jedoch Ihr Vater jetzt, bevor etwas von all dem geschehen ist, so fallen jedem von Ihnen sofort vierzigtausend Rubel zu, sogar Ihrem Bruder Dmitri Fjodorowitsch, den er so haßt. Ein Testament hat er nämlich noch nicht gemacht ... Und das alles weiß Dmitri Fjodorowitsch ganz genau.«

In Iwan Fjodorowitschs Gesicht schien sich etwas zu verkrampfen. Er wurde auf einmal rot.

»Und, warum rätst du mir unter all diesen Umständen, nach Tschermaschnja zu fahren?« unterbrach er Smerdjakow. »Worauf willst du damit hinaus? Ich fahre weg, und bei euch passiert inzwischen etwas, wie?«

Iwan Fjodorowitsch holte keuchend Atem.

»Das ist vollkommen richtig«, erwiderte Smerdjakow leise und bedachtsam, dabei beobachtete er Iwan Fjodorowitsch unverwandt.

»Was meinst du mit ›vollkommen richtig‹?« fragte Iwan Fjodorowitsch. Er beherrschte sich nur mit großer Anstrengung, und seine Augen blitzten drohend.

»Ich habe das gesagt, weil Sie mir leid tun. Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich lieber alles im Stich lassen, als bei so einer Sache anwesend sein ...«, antwortete Smerdjakow und blickte Iwan Fjodorowitsch mit der offenherzigsten Miene an.

Beide schwiegen eine Weile.

»Ich glaube, du bist ein großer Idiot! Und außerdem natürlich ein furchtbarer Schurke!« sagte Iwan Fjodorowitsch und stand plötzlich von der Bank auf.

Danach wollte er gleich durch das Tor gehen, doch er blieb noch einmal stehen und drehte sich zu Smerdjakow um. Und da geschah etwas Seltsames. Iwan Fjodorowitsch biß sich plötzlich krampfhaft auf die Lippe, ballte die Fäuste und – noch ein Augenblick, und er hätte sich auf Smerdjakow gestürzt. Der bemerkte es sofort, fuhr zusammen und beugte den Oberkörper zurück. Der Augenblick ging für Smerdjakow jedoch glücklich vorüber.

Iwan Fjodorowitsch schickte sich schweigend, aber anscheinend unentschlossen an zu gehen.

»Ich fahre morgen nach Moskau, wenn du es wissen willst, morgen früh. Weiter habe ich dir nichts zu sagen!« sagte er noch zornig. Später wunderte er sich selbst darüber, warum er es für nötig gehalten hatte, Smerdjakow das mitzuteilen.

»Das ist auch das beste«, fiel dieser ein, als ob er darauf gewartet hätte; »höchstens, daß Sie in einem solchen Fall telegrafisch beunruhigt werden können.«

Iwan Fjodorowitsch blieb wieder stehen und wandte sich wieder schnell zu Smerdjakow um.

Auch an dem Diener schien eine Veränderung vorgegangen zu sein. Seine ganze Vertraulichkeit und Lässigkeit war urplötzlich verschwunden, sein Gesicht drückte gespannte, jetzt jedoch schüchterne, unterwürfige Erwartung aus. ›Wirst du nicht noch etwas sagen? Noch etwas hinzufügen?‹ Diese Frage war in seinem unverwandt auf Iwan Fjodorowitsch gerichteten Blick zu lesen.

»Würde man mich denn nicht auch aus Tschermaschnja zurückrufen – in einem solchen Fall?« schrie Iwan Fjodorowitsch plötzlich, und zwar unverständlicherweise sehr laut.

»Auch in Tschermaschnja würde man Sie beunruhigen ...«, murmelte Smerdjakow beinahe flüsternd; dabei starrte er Iwan Fjodorowitsch weiterhin an.

»Nur ist Moskau weiter und Tschermaschnja näher; da tut es dir wohl um das verfahrene Geld leid, wenn du so für Tschermaschnja bist? Oder tue ich dir leid, daß ich eine so weite Fahrt hin und zurück mache?«

»Vollkommen richtig«, murmelte Smerdjakow zögernd und grinste widerwärtig. Er machte sich wieder bereit, notfalls rechtzeitig zurückzuweichen.

Doch Iwan Fjodorowitsch lachte plötzlich zu Smerdjakows Verwunderung los und ging durch das Tor. Wer sein Gesicht gesehen hätte, dem wäre sicher aufgefallen, daß er keineswegs aus heiterer Stimmung lachte. Auch er selbst hätte nicht erklären können, was in diesem Augenblick mit ihm vorging. Seine Bewegungen und sein Gang wirkten überaus verkrampft.

7. Mit einem klugen Menschen ist auch ein kurzes Gespräch von Nutzen

Und so sprach er auch. Als er gleich beim Eintritt seinem Vater im Saal begegnete, rief er ihm, heftig abwinkend, zu: »Ich gehe zu mir nach oben. Ich will nicht zu Ihnen, auf Wiedersehen!« und ging vorbei, bemüht, ihn nicht einmal anzusehen. Möglich, daß der Alte ihm in diesem Augenblick ganz besonders verhaßt war, aber so eine ungenierte Bekundung feindseligen Gefühls war auch für Fjodor Pawlowitsch etwas Unerwartetes. Der Alte hatte Iwan nur schnell etwas mitteilen wollen und war ihm zu diesem Zweck absichtlich entgegengegangen; als er jedoch diese liebenswürdigen Worte hörte, blieb er schweigend stehen und verfolgte seinen Sohn, der die Treppe zum Zwischengeschoß hinaufstieg, mit den Augen so lange, bis dieser seinen Blicken entschwunden war.

»Was hat er denn?« fragte er Smerdjakow, der nach Iwan Fjodorowitsch eingetreten war.

»Er ärgert sich über irgendwas, wer soll aus ihm klug werden?« murmelte dieser ausweichend.

»Hol‹ ihn der Teufel! Soll er sich ärgern! Stell den Samowar auf und mach dann schleunigst, daß du fortkommst! Gibt es nichts Neues?«

Und nun begannen jene Fragen, über die sich Smerdjakow eben Iwan Fjodorowitsch gegenüber beklagt hatte; wir lassen sie hier weg.

Eine halbe Stunde danach wurde das Haus zugeschlossen, und der verdrehte alte Mann wanderte allein in den Zimmern umher, in der zitternden Erwartung, im nächsten Augenblick würden die fünf verabredeten Schläge ertönen. Von Zeit zu Zeit blickte er durch die dunklen Fenster hinaus und sah nichts als die Nacht.

Es war schon sehr später. Iwan Fjodorowitsch schlief jedoch nicht, sein Geist fand keine Ruhe. Erst spät legte er sich diese Nacht ins Bett, gegen zwei Uhr. Wir wollen nicht den ganzen Gang seiner Gedanken wiedergeben; es ist für uns noch nicht an der Zeit, in diese Seele einzudringen. Sie wird schon noch an die Reihe kommen. Und selbst wenn wir versuchen wollten, etwas wiederzugeben: es würde sich nur schwer machen lassen, da es nicht eigentlich Gedanken waren, sondern etwas sehr Unbestimmtes, mehr eine starke Erregung.

Er selbst kam sich völlig ratlos vor. Auch quälten ihn mancherlei sonderbare und überraschende Wünsche. So verlangte es ihn zum Beispiel nach Mitternacht plötzlich heftig, nach unten zu gehen, die Tür aufzuschließen, ins Seitengebäude zu eilen und Smerdjakow durchzuprügeln; hätte man ihn aber gefragt, weswegen, hätte er eigentlich gar keinen Grund anzugeben gewußt, außer höchstens, daß ihm dieser Diener verhaßt war wie der schlimmste Beleidiger, der auf der Welt zu finden ist. Andererseits wurde er in dieser Nacht mehrmals von einer unerklärlichen Zaghaftigkeit befallen, die ihm, das fühlte er, geradezu seine physischen Kräfte nahm. Dir Kopf tat ihm weh, und es schwindelte ihm. Ein Gefühl des Hasses beklemmte seine Seele, als hätte er vor, sich an jemand zu rächen. Er haßte sogar Aljoscha, in Erinnerung an das Gespräch, das er vor kurzem mit ihm geführt hatte. Er haßte in einzelnen Momenten auch sich selbst heftig. Katerina Iwanowna hatte er fast ganz vergessen, darüber wunderte er sich später sehr, zumal er sich lebhaft erinnerte, was er noch am letzten Vormittag empfunden hatte, als er so schwungvoll bei Katerina Iwanowna verkündete, er werde morgen nach Moskau fahren. Damals hatte er sich nämlich im stillen gesagt, ›Das ist ja alles Unsinn, du wirst nicht wegfahren. Es fällt dir nicht so leicht, dich loszureißen, wie du jetzt prahlst.‹ Wenn er später an diese Nacht zurückdachte, erinnerte sich Iwan Fjodorowitsch mit besonderem Widerwillen, wie er ein paarmal vom Sofa aufgestanden war und leise, als fürchtete er, gesehen zu werden, die Tür geöffnet und gehorcht hatte, wie Fjodor Pawlowitsch in den unteren Zimmern auf und ab ging. Er hatte lange gehorcht, jedesmal wohl fünf Minuten lang, mit einer seltsamen Neugier, mit angehaltenem Atem und Herzklopfen. Doch wozu er das alles tat, wozu er horchte, das wußte er beim besten Willen selbst nicht. Dieses Verhalten bezeichnete er in seinem ganzen späteren Leben als abscheulich; er hielt es sein Leben lang im tiefsten Innern seiner Seele für die gemeinste Handlung seines ganzen Lebens. Gegenüber Fjodor Pawlowitsch empfand er in diesen Augenblicken nicht einmal Haß, eher eine gewisse Neugier: wie er da unten umherging, was er jetzt zum Beispiel dort wohl tat. Er malte sich aus, wie der Alte da unten durch die dunklen Fenster schaut und plötzlich mitten im Zimmer stehenbleibt und wartet, ob nicht jemand klopft. Zweimal ging Iwan Fjodorowitsch zu diesem Zweck auf die Treppe hinaus. Als alles still geworden war und sich Fjodor Pawlowitsch bereits schlafen gelegt hatte, gegen zwei Uhr, legte sich auch Iwan Fjodorowitsch mit dem Wunsch hin, recht bald einzuschlafen; da er sich sehr erschöpft fühlte. Und wirklich sank er sofort in einen festen, traumlosen Schlaf. Er erwachte frühmorgens gegen sieben, als es schon hell war. Kaum hatte er die Augen geöffnet, spürte er zu seiner Verwunderung plötzlich, daß ihn eine ungewöhnliche Energie durchströmte. Er sprang schnell aus dem Bett, zog sich an, zog seinen Koffer hervor und begann ihn unverzüglich zu packen. Es traf sich gut, daß er seine ganze Wäsche schon am vorhergehenden Morgen von der Waschfrau zurückerhalten hatte. Iwan Fjodorowitsch lächelte sogar bei dem Gedanken, daß auf diese Weise alles zusammentraf und seine plötzliche Abreise durch nichts aufgehalten wurde. Denn obgleich Iwan Fjodorowitsch am Vortag zu Katerina Iwanowna, zu Aljoscha und dann zu Smerdjakow gesagt hatte, er werde morgen abreisen, hatte er doch, als er sich in der Nacht schlafen legte, nicht an eine Abreise gedacht, zumindest nicht, daß er sich am Morgen nach dem Aufwachen zuallererst daranmachen würde, seinen Koffer zu packen. Endlich waren Koffer und Reisetasche fertig. Es war schon gegen neun, als Marfa Ignatjewna mit der üblichen Frage in sein Zimmer trat: »Wo belieben Sie den Tee zu trinken – bei sich, oder kommen Sie nach unten?« Iwan Fjodorowitsch ging nach unten; sein Gesicht war beinahe fröhlich, obwohl in seinen Worten und Gebärden etwas Unruhiges und Hastiges lag. Nachdem er den Vater freundlich begrüßt und sich sogar ausdrücklich nach seinem Befinden erkundigt hatte, erklärte er, ohne übrigens eine Antwort auf seine Frage abzuwarten, er werde in einer Stunde nach Moskau abreisen, und zwar für immer, und bitte, einen Wagen holen zu lassen. Der Alte hörte die Nachricht ohne die geringste Verwunderung und vergaß unhöflicherweise über die Abreise seines Sohnes Bedauern zu äußern. Statt dessen wurde er auf einmal sehr geschäftig; ihm war gerade zur rechten Zeit eine wichtige eigene Angelegenheit eingefallen.

»Soso. Du bist mir einer. Hast gestern keine Silbe davon gesagt. Na, macht nichts, wir werden das gleich besorgen. Tu mir einen großen Gefallen, lieber Sohn: Fahr in Tschermaschnja vorbei! Du brauchst ja von der Poststation Wolowja nur einen Abstecher nach links zu machen, lumpige zwölf Werst, und schon bist du in Tschermaschnja.«

»Ich bitte Sie, das ist ausgeschlossen. Bis zur Eisenbahn sind es achtzig Werst, und der Zug nach Moskau fährt von der Station um sieben Uhr ab. Das schaffe ich gerade so.«

»Du wirst auch morgen oder notfalls übermorgen noch zurechtkommen. Heute fahre bitte in Tschermaschnja vorbei! Du hast keine große Mühe damit und beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht meine Geschäfte hätte, wäre ich schon längst selbst einmal hingefahren, weil die Angelegenheit dort eilig und wichtig ist. Ich habe hier jedoch ... Es ist mir zur Zeit eben nicht möglich ... Siehst du, ich habe dort einen Wald, der in zwei Distrikten liegt, in Begitschewo und in Djatschkino, ganz abgelegen. Die Holzhändler Maslow, Vater und Sohn, bieten für das gesamte Holz nur achttausend Rubel. Voriges Jahr nun machte sich ein Aufkäufer an mich heran, der zehntausend bot; er war nicht von hier, das ist die Sache. An die Leute von hier kann ich das Holz nämlich nicht losschlagen: Die Maslows, Vater und Sohn, besitzen Hunderttausende und beherrschen das ganze Geschäft. Was sie bieten, das muß man nehmen, und von den Leuten hier wagt niemand, mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Jetzt hat mir der Pope von Iljinskoje vorigen Donnerstag geschrieben, daß Gorstkin angekommen ist, ebenfalls ein Kaufmann. Ich kenne ihn, das Wertvolle daran ist, daß er nicht von hier stammt, sondern aus Pogrebowo; darum braucht er sich vor den Maslows nicht zu fürchten. Er sagt, er will elftausend Rubel für das Holz geben, hörst du? Er wird aber, wie mir der Pope schreibt, nur noch eine Woche bleiben. Also könntest du hinfahren und eine Einigung mit ihm zustande bringen.«

»Schreiben Sie doch an den Popen, dann kann der die Sache erledigen.«

»Der versteht nichts davon, das ist ja das Malheur. Dieser Pope hat keine Augen im Kopf. Er ist ein Goldmensch, ich würde ihm ohne weiteres zwanzigtausend Rubel ohne Quittung zur Aufbewahrung übergeben. Doch die Augen versteht er nicht aufzumachen, als ob er überhaupt kein Mensch wäre, jeder Maulaffe kann ihn betrügen. Und denk mal, dabei ist er ein gelehrter Mann. Dieser Gorstkin sieht aus wie ein Bauer und trägt ein blaues ärmelloses Wams, aber seinem Charakter nach ist er der reine Schurke, darüber klagen wir alle! Er lügt, das ist es. Manchmal lügt er so, daß man sich nur wundern kann, warum. So log er vor zwei Jahren, seine Frau sei ihm gestorben und er sei schon mit einer anderen verheiratet. Und davon war nichts wahr, denk mal an! Seine Frau ist nie gestorben, sie lebt jetzt noch und verprügelt ihn alle drei Tage. Darum muß man auch jetzt aufpassen, ob er lügt oder die Wahrheit spricht, wenn er sagt, er will das Holz kaufen und elftausend Rubel dafür geben.«

»Dann werde ich da auch nichts ausrichten, ich habe ja auch keine Augen im Kopf.«

»Nein, warte, dazu wird es bei dir reichen. Ich werde dir alle Merkmale mitteilen, ich meine von Gorstkin, ich habe mit dem ja schon seit langer Zeit zu tun. Siehst du, du mußt auf seinen Bart achten. Er hat so ein rötliches, häßliches, dünnes Bärtchen. Wenn das zittert und er selber in ärgerlichem Ton spricht, dann ist es in Ordnung, dann sagt er die Wahrheit und will das Geschäft machen. Wenn er sich aber den Bart mit der linken Hand streicht und dabei lächelt, na, dann will er einen übers Ohr hauen und schwindelt. Nach seinen Augen darf man sich niemals richten; an denen ist gar nichts zu erkennen, die sind wie dunkles Wasser. Er ist ein Gauner, achte du nur auf seinen Bart. Ich werde dir einen Zettel an ihn mitgeben, den mußt du ihm zeigen. Wenn du mit ihm einig wirst und siehst, daß die Sache in Ordnung ist, dann schreib es mir gleich. Schreib nur: ›Er lügt nicht.‹ Besteh auf elftausend, tausend kannst du allenfalls ablassen, mehr nicht! Bedenke nur, achttausend und elftausend, das ist eine Differenz von dreitausend Rubeln. Diese dreitausend Rubel sind für mich so gut wie gefunden, gut zahlende Aufkäufer sind selten, und ich brauche das Geld sehr dringend. Wenn du mir mitteilst, daß es ernst ist, werde ich selbst hinfahren und die Sache abschließen; irgendwie werde ich mir die Zeit dann schon abknapsen. Jetzt hat es für mich keinen Zweck hinzufahren, wo alles vielleicht doch nur eine Phantasie des Popen ist. Na, wirst du fahren oder nicht?«

»Ich habe keine Zeit. Entbinden Sie mich davon!«

»Tu doch deinem Vater den Gefallen, ich werde es dir nie vergessen! Ihr seid alle so herzlos, das ist es! Kommt es dir etwa auf einen oder zwei Tage an? Wo willst du denn hin? Nach Venedig? Dein Venedig wird in zwei Tagen nicht einstürzen. Ich würde Aljoscha schicken, aber was versteht Aljoscha von solchen Geschäften? Ich wende mich an dich einzig und allein deswegen, weil du ein kluger Mensch bist, das sehe ich ja. Mit Holz handelst du zwar nicht, dafür hast du Augen im Kopf. Zu der Sache gehört nichts weiter, als daß man achtgibt, ob der Mensch im Ernst redet oder nicht. Ich sage, achte auf seinen Bart! Zittert der, dann redet er im Ernst.«

»Sie schicken mich also von sich aus in dieses verdammte Tschermaschnja, ja?« rief Iwan Fjodorowitsch boshaft lächelnd.

Fjodor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht bemerken. Nur auf das Lächeln reagierte er. »Also wirst du hinfahren, du wirst fahren? Ich werde dir gleich den Zettel schreiben.«

»Ich weiß noch nicht, ob ich hinfahren werde. Ich weiß es noch nicht, ich werde mich unterwegs entscheiden.«

»Ach was, unterwegs, entscheide dich gleich! Entscheide dich, Täubchen! Wenn du mit ihm eine Übereinkunft erzielt hast, schreib zwei Zeilen und händige sie dem Popen aus, der wird mir dein Zettelchen sofort schicken. Dann werde ich dich nicht länger aufhalten, dann fahr meinetwegen nach Venedig! Der Pope wird dich mit seinem Wagen zur Station Wolowia zurückbringen ...«

Der Alte war geradezu entzückt. Er schrieb das Zettelchen, es wurde nach einem Wagen geschickt und ein Imbiß mit Kognak auf den Tisch gestellt. Wenn der Alte vergnügt war, wurde er sonst immer redselig; diesmal schien er sich jedoch Zurückhaltung aufzuerlegen. Von Dmitri Fjodorowitsch zum Beispiel sagte er nichts, kein einziges Wort. Die bevorstehende Trennung rührte ihn nicht besonders. Es machte sogar den Eindruck, als wüßte er nicht, wovon er sprechen sollte. Iwan Fjodorowitsch bemerkte das sehr wohl.

›Er hat mich doch wohl satt‹, dachte er im stillen.

Erst als der Alte seinen Sohn bis an die Haustür begleitet hatte, bekundete er eine Art von Unruhe und machte Anstalten,

ihn zu küssen. Doch Iwan Fjodorowitsch streckte ihm rasch die Hand zum Abschied hin, offenbar, um dem Küssen zu entgehen. Der Alte begriff das auch sofort und ließ von seinem Vorhaben ab.

»Nun, mit Gott, mit Gott!« sagte er ein paarmal von der Haustür aus. »Du wirst ja wohl noch einmal im Leben wiederkommen? Na, komm nur, ich werde mich immer freuen. Na, Christus sei mit dir!«

Iwan Fjodorowitsch stieg in den Wagen.

»Lebe wohl, Iwan! Schimpf nicht zu sehr über mich!« rief ihm der Vater zu guter Letzt noch zu.

Auch die ganze Dienerschaft war gekommen, um Abschied zu nehmen: Smerdjakow, Marfa und Grigori. Iwan Fjodorowitsch schenkte jedem von ihnen zehn Rubel.

Als er sich schon in den Wagen gesetzt hatte, sprang Smerdjakow hinzu, um ihm die Wagendecke zurechtzulegen.

»Siehst du, ich fahre nach Tschermaschnja«, sagte Iwan Fjodorowitsch auf einmal unwillkürlich, so wie am Abend vorher, als ihm die Worte auch wider Willen entschlüpft waren. Diese Mitteilung begleitete er mit einem nervösen Lachen.

Daran mußte er später noch lange denken.

»Also haben die Leute recht, wenn sie sagen, daß mit einem klugen Menschen auch ein kurzes Gespräch von Nutzen ist«, antwortete Smerdjakow fest und blickte Iwan Fjodorowitsch durchdringend an.

Die Pferde zogen an, und der Wagen fuhr schnell los. In der Seele des Reisenden sah es trüb aus; doch er schaute trotzdem eifrig nach den Feldern, den Hügeln, den Bäumen ringsum und nach einer Schar wilder Gänse, die hoch über ihm am hellen Himmel dahinflog. Und auf einmal wurde ihm wohl zumute. Er versuchte ein Gespräch mit dem Kutscher anzuknüpfen, und etwas von dem, was der Bauer antwortete, interessierte ihn außerordentlich. Einen Augenblick später merkte er aber, daß alles an seinen Ohren vorbeigeglitten war und er in Wirklichkeit nichts von dem, was der Bauer gesagt hatte, verstanden hatte. Er verstummte, und auch so war es schön: Die Luft war rein, frisch und ein bißchen kalt, der Himmel klar. Vor seinem geistigen Auge tauchten die Gestalten Aljoschas und Katerina Iwanownas auf; da lächelte er leise und hauchte die lieben Trugbilder an, sie zerstoben.

›Auch ihre Zeit wird kommen‹, dachte er.

Schnell erreichten sie die erste Station, wechselten die Pferde und jagten weiter in Richtung Wolowja.

›Warum ist mit einem klugen Menschen auch ein kurzes Gespräch von Nutzen? Was wollte er damit sagen?‹ Dieser Gedanke nahm ihm fast den Atem. ›Warum habe ich ihm aber auch mitgeteilt, daß ich nach Tschermaschnja fahre.‹

Sie waren in Wolowja angekommen. Iwan Fjodorowitsch stieg aus, und einige Fuhrleute umringten ihn. Er einigte sich mit einem von ihnen über den Preis einer Fahrt nach Tschermaschnja, zwölf Werst Landweg mit Mietspferden. Er befahl dem Kutscher anzuspannen. Dann ging er in das Stationsgebäude, schaute sich dort um, warf einen Blick auf die Frau des Postmeisters und ging wieder hinaus.

»Ich will nicht nach Tschermaschnja fahren. Komme ich noch zurecht zur Eisenbahn, zum Siebenuhrzug, Leute?«

»Wir werden es gerade schaffen. Befehlen Sie anzuspannen?«

»Ja, spann sofort an! Ist einer von euch morgen in der Stadt?«

»Gewiß doch. Hier, Mitri ganz sicher.«

»Kannst du mir einen Gefallen tun, Mitri? Bei meinem Vater Fjodor Pawlowitsch Karamasow vorbeigehen und ihm sagen, daß ich nicht nach Tschermaschnja gefahren bin? Kannst du das?«

»Warum nicht? Ich werde vorbeigehen. Fjodor Pawlowitsch kenne ich schon lange.«

»Da hast du ein Trinkgeld, weil er dir vielleicht nichts geben wird«, sagte Iwan Fjodorowitsch mit heiterem Lachen.

»Nein, der wird mir bestimmt nichts geben«, erwiderte Mitri ebenfalls lachend. »Danke, gnädiger Herr. Ich werde es bestimmt ausrichten.«

Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fjodorowitsch in den Zug und fuhr nach Moskau.

»Weg mit allem, was bisher gewesen ist! Mit der ganzen bisherigen Welt habe ich für alle Zeit abgeschlossen, und keine

Kunde, kein Ruf aus ihr soll mich mehr erreichen! Hinein in eine neue Welt, zu neuen Orten! Vorwärts – ohne einen Blick zurück!«

Aber statt Begeisterung überkam ihn plötzlich Traurigkeit, und ein dumpfer Schmerz, wie er ihn in seinem ganzen Leben noch nicht kennengelernt hatte, quälte sein Herz. Die ganze Nacht ließen ihn seine Gedanken nicht schlafen. Der Zug flog dahin, und erst als sie bei Tagesgrauen in Moskau einfuhren, kam er gewissermaßen zur Besinnung.

»Ich bin ein Schurke!« flüsterte er vor sich hin.

Fjodor Pawlowitsch aber blieb, nachdem er seinen Sohn hinausbegleitet hatte, in sehr zufriedener Stimmung zurück. Ganze zwei Stunden fühlte er sich beinahe glücklich und trank ab und zu ein Gläschen Kognak. Doch plötzlich ereignete sich im Hause etwas sehr Ärgerliches und für alle sehr Unangenehmes, was Fjodor Pawlowitsch sofort zutiefst bestürzte. Smerdjakow war aus irgendeinem Grund in den Keller gegangen und von der obersten Stufe gestürzt. Es war noch gut, daß Marfa Ignatjewna in diesem Augenblick zufällig auf dem Hof war und es rechtzeitig hörte. Den Fall selbst sah sie nicht; dafür hörte sie einen Schrei, den eigenartigen, ihr aber schon bekannten Schrei eines Epileptikers, der einen Anfall bekommt. Ob ihn der Anfall in dem Moment überrascht hatte, als er die Stufen hinabzusteigen begann, so daß er natürlich sogleich bewußtlos hinunterstürzen mußte, oder ob sich umgekehrt infolge des Falls und der Erschütterung bei dem notorischen Epileptiker Smerdjakow der Anfall eingestellt hatte, war nicht zu entscheiden. Als man ihn fand, lag er schon auf dem Boden des Kellers, in Krämpfen und Zuckungen, um sich schlagend, und mit Schaum vor dem Mund. Man glaubte anfangs, er habe sich etwas gebrochen, einen Arm oder ein Bein, oder sich anderweitig beschädigt; doch »Gott hat ihn behütet«, wie sich Marfa Ignatjewna ausdrückte: Es war nichts Derartiges geschehen. Es war nur schwer, ihn richtig, zu fassen und ihn aus dem Keller ins Freie zu tragen. Aber sie baten die Nachbarn um Hilfe und kamen so, wenn auch mit Mühe, zurecht.

Auch Fjodor Pawlowitsch war persönlich anwesend und half selbst mit. Er war offenbar sehr erschrocken und beinahe fassungslos. Der Kranke kam jedoch nicht zur Besinnung; die Anfälle hörten zwar zeitweilig auf, kehrten aber dann wieder, und alle folgerten daraus, der weitere Verlauf werde sein wie im vorigen Jahr, als er vom Dachboden gefallen war. Sie erinnerten sich, daß ihm damals Eis auf den Kopf gelegt worden war. Eis war im Keller noch vorhanden, und Marfa Ignatjewna machte ihm eine Packung; Fjodor Pawlowitsch schickte gegen Abend noch zu Doktor Herzenstube, der unverzüglich kam. Nachdem er den Kranken sorgsam untersucht hatte – er war der gewissenhafteste Arzt im ganzen Gouvernement, ein sehr achtbarer älterer Herr –, erklärte er, der Anfall sei von außerordentlicher Art und »es drohe vielleicht Gefahr«. Vorläufig verstehe er noch nicht alles; morgen früh werde er, sollten die jetzigen Mittel nicht helfen, zu anderen greifen. Der Kranke wurde im Seitengebäude ins Bett gepackt, in einem Zimmer neben dem Grigoris und Marfa Ignatjewnas.

Fjodor Pawlowitsch mußte den Tag über ein Unglück nach dem anderen ertragen. Das Mittagessen hatte Marfa Ignatjewna zubereiten müssen; infolgedessen schmeckte die Suppe, mit Smerdjakows Kunstleistungen verglichen, wie Spülwasser, und das Huhn erwies sich als so trocken, daß es überhaupt nicht zu kauen war. Auf die bitteren, allerdings wohl berechtigten Vorwürfe ihres Herrn erwiderte Marfa Ignatjewna, das Huhn sei ohnehin schon sehr alt gewesen, und sie selbst habe nicht Koch studiert. Gegen Abend kam noch eine andere Sorge hinzu. Fjodor Pawlowitsch erhielt die Meldung, Grigori, der schon seit zwei Tagen krank war, habe sich wegen heftiger Kreuzschmerzen zu Bett legen müssen.

Fjodor Pawlowitsch beendete den Tee so früh wie möglich und schloß sich allein im Haus ein. Er befand sich in schrecklicher, beängstigender Spannung. Ausgerechnet an diesem Abend erwartete er Gruschenka fast mit Sicherheit. Zumindest hatte ihm Smerdjakow schon morgens versichert, sie habe versprochen, bestimmt zu kommen. Das Herz des erregten alten Mannes schlug unruhig, er lief in seinen leeren Zimmern auf und ab und horchte. Dauernd mußte er sein Ohr anstrengen; Dmitri Fjodorowitsch konnte ihr irgendwo auflauern, und wenn sie ans Fenster klopfte – Smerdjakow hatte ihm schon vor zwei Tagen versichert, daß er ihr mitgeteilt habe, wo und wie sie klopfen müsse –, mußte er so schnell wie möglich die Tür öffnen und sie nicht eine Sekunde vergebens warten lassen, damit sie nicht, was Gott verhüte, Angst bekam und wieder weglief. Ja, Fjodor Pawlowitsch hatte seine schweren Sorgen; aber noch nie hatte sich sein Herz in so süßen Hoffnungen gewiegt. Man konnte ja fast mit Sicherheit sagen, daß sie diesmal unbedingt kommen mußte!

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