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Die Brüder

Gustav Frenssen: Die Brüder - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGustav Frenssen
titleDie Brüder
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
printrun107. Tausend
year1923
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidb2bcceb5
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Die Brüder

1. Kapitel

Der Hof

Etwas abseits vom Kirchspiel Altensiel – die Nordsee ist nur eine Stunde fern – liegt mitten im eignen Feld, von alten Pappeln umstanden, ein kleiner Bauernhof, wie hunderttausende in Deutschland. Auf diesem Hof – das Gebäude war etwa fünfzig Jahre alt und noch wohlerhalten – wohnte seit Menschengedenken eine Familie Ott, die immer einen guten Ruf gehabt hatte. Sie standen aber etwas abseits vom Leben und Treiben des übrigen Kirchspiels und waren ein wenig verspakt und vereinsamt. Wenn es auch wohl eine Fabel war, daß sie nur einen einzigen guten Rock hatten, den immer der anzog, der einen Gang ins Dorf oder in die nahe Hafenstadt zu machen hatte, und daß sie, um Sohlen zu schonen, um die Telegraphenpfähle herumgingen, wo der Fußweg besonders weich war, so war doch Tatsache, daß sie sich sehr selten zeigten und sich sehr ungern in Erscheinung setzten, und wenn sie einmal erscheinen mußten, sich am liebsten in den hintersten Reihen und in der Ecke hielten. Sie waren zwar Leute von großer, ja gewaltiger Erscheinung, hager, mit großem Schritt, breiten Schultern, aber sie waren inwendig nicht sicher. Sie nahmen das Leben nicht so hin, wie es ist und wie es einem aufgetischt wird, sondern betrachteten es und begleiteten es mit allerlei Bedenken und Bewundern. Und da sie auf diese Weise inwendig ein wenig bange oder wenigstens bedenklich vor dem Leben standen, griffen sie es auch nicht fest und auch nicht richtig an, und kamen nicht weiter, und es schoß keiner vom Geschlecht in die Höhe, wie es sonst hier und da geschieht. Eine ganze Zeitlang konnten sie den Besitz nur so erhalten, daß sie den ziemlich langen Stall mit fremdem Vieh füllten, das sie um geringen Verdienst durch den Winter brachten. Je mehr sie aber von der Welt, ihrem Verkehr und ihren Erfolgen fernblieben, um so mehr – wie man das so hat – hielten sie untereinander zusammen, so als fürchtete sich ein jeder der Familie, eines Tags völlig einsam in der Welt dazustehen. Da sie sich aber so von den Menschen absonderten und sich nicht mehr täglich an ihnen maßen, sammelten sie einen tüchtigen Haufen heimlichen Stolzes, und meinten inwendig – keiner von ihnen sprach es aus –, daß es eine solche Familie, wie die Otten, so rechtlich, so sittsam, so fleißig, so klug – sie hatten in der Tat gute Köpfe – eigentlich überhaupt im ganzen Land und in der ganzen Welt nicht gäbe.

Der jetzige Besitzer, fünfzigjährig, war körperlich und geistig ein rechtes Abbild der Familie. Er war ein breitschultriger, langer Mann von schlechter, hängender Haltung und mit langem bedächtigen Gang, dem man ansah, daß er auf der schweren Erde seiner Felder, hinter dem Pflug herstolpernd, unzählige schwere und unsichere Schritte getan. Er war sehr wortkarg; oft war es ihm stundenlang unmöglich, die Zähne auseinander zu nehmen, und man hörte ihn niemals scherzen oder gar lachen oder gar singen; er war immer in gleicher Weise fleißig, schweigsam, unbeweglich. Und so hätte ihn einer, der oberflächlich hinsah und urteilte, für einen gleichmütigen, ja fast leeren Menschen halten können. Wer aber genau zusah und die edle Beugung seines Oberkörpers, der schweren reifen Ähre ähnlich, die schön gewölbte große Stirn, die tiefen kindlichen Augen beobachtete, der erkannte, daß in seinem Innern, wie in seinen Vätern, zwar ein vereinsamtes, allzu scheues und allzu banges, aber ein so feuriges und volles Leben wohnte, so wie es manche Leuchte des Volks nicht besaß. Es bedurfte nur eines freilich sehr starken Stoßes von außen her, und diese Fülle brach heraus und loderte auf, zur großen Verwunderung für jedermann. Und dieser Stoß sollte ihm auch kommen. Und zwar von seiner Frau her, und von dem Geblüt, damit sie die Stuben und Kammern seines Hauses gefüllt hatte.

Die Frau war nämlich von anderm Schlag. Während die Vorfahren des Mannes immer Landleute gewesen – niemals war einer, so nahe sie war, zur See gefahren, ja, sie scheuten die See und sprachen nicht gut von ihren Befahrern – , stammten die Vorfahren der Frau alle aus den kleinen Häfen der Landschaft und waren alle Schiffer und gar noch alle von jener verwegenen, losen, rechthaberischen Sorte, die keinen Satz aus ihrem Munde bringen können, ohne den rechtlichen, ruhigen Landmann zu kränken und abzustoßen. Sie war, obgleich nicht gerade groß, da sie sich gerade und steil hielt, eine großscheinende, stattliche Figur und hatte helle schöne Farben bei rotblondem Haar. Wenn sie erregt wurde, was jeden Tag wenigstens einmal geschah – denn sie war eine feurige und etwas jähe Natur – sei es, daß Kinder oder Kälber sie ärgerten, oder daß die Welt, vom Nachbarn angefangen bis zum Herrgott, ihr nicht nach dem Kopf waren, tat sie unter jähem zornigen Augenfunkeln einen eigenen raschen Griff über ihr Haar hin und verwirrte es beim Zurücknehmen ein wenig an den Schläfen. Ihre Kinder nannten diese Bewegung den Seeräubergriff und gingen ihr dann aus dem Weg; denn sie war dann ungerecht und hatte auch ein allzu loses Handgelenk.

Die beiden hatten viele Kinder, und zwar derart, daß die Frau fast dreißig Jahre lang, von ihrem neunzehnten bis zu ihrem siebenundvierzigsten Jahr, Kinder gebar. Das Haus wimmelte davon, besonders an Sonn- und Festtagen, wenn die Älteren zum Besuch kamen. Denn obgleich zwei schon verheiratet waren und andere hier und da herumarbeiteten und dienten, betrachteten sie noch alle das Elternhaus als ihre Heimat und ihren Halt. Es war ihnen wie ein festes, ja eisernes Dach, überall in der Welt zu sehen: Schutz, dahin zu laufen. Liebe, dahin zu denken, Glauben, sich darauf zu verlassen; und sie taten darin allzuviel.

Alle die Kinder einzeln zu nennen und zu zeigen, ist unmöglich; dazu waren es zu viele. Man kann nur von denen sprechen, die noch im Hause waren oder doch oft dahin kamen und zurzeit die Wichtigsten und die Häupter waren.

Und da war der erste und größte, Harm, der Zimmermann, hellhaarig und zwanzig Jahre alt. Er hatte in Knabenjahren Lehrer werden wollen. Aber er hatte in der kleinen Hafenstadt einen Verwandten, einen Zimmermann und Bauunternehmer, der hatte samt Weib und Kindern ein Wohlgefallen an dem frischen, steilen Jungen genommen und ihn oft eingeladen. Er spielte mit den Knaben, verliebte sich früh in eins der Mädchen, ließ sich vom Vater necken und von der Mutter verziehen. Und da kam ihm allmählich, da er ein munterer Junge war, der sich gern in Gesellschaft sah, die Meinung, daß dieses helle Haus, dicht an der Straße gelegen, und dieser Zimmerplatz, so breit und schön am Hafenstrom, bunter und schöner wären, als alles, was in den Büchern stände. Und er wandte sich jählings von den Büchern ab und nahm die Axt. Und wenn er auch in seiner Lehrzeit die Erfahrung gemacht hatte, daß es auch auf diesem Platz, wie überall in der Welt, zuweilen stürmte und schneite, so bereute er seine Entscheidung doch nicht. Er war ein wackerer Zimmermann geworden und war nun auch schon einen Winter lang auf der Bauschule gewesen, wohin ihn der Onkel auf seine Kosten gesandt hatte, in der Meinung, daß er dieses an dem, der einmal sein Schwiegersohn würde, tun müsse. Er kam alle Sonntage auf seinem Rad, das er besonders sauber und glänzend hielt – vorn auf der Lenkstange stand eine kleine kühne Fahne mit den deutschen Farben; und er achtete aufs peinlichste darauf, daß sie immer auswehte – nach seinem Elternhaus, wo sich dann alle seiner Ankunft freuten und stolz auf ihn waren. Denn er war bei hellem Haar schmuck und straff von Erscheinung und über seine Jahre hinaus ein bedächtiger Geist. Sein Vater, so wenig er sonst mit seinen Kindern sprach, berichtete diesem Sohn zuweilen mit einem kurzen Satz, was in der Woche im Stall oder auf dem Felde geschehen war und wie es stand, und freute sich offenbar seines guten, ruhigen Urteils. Die Mutter, welche die Gabe der Ruhe und Gerechtigkeit nicht hatte, warb geradezu um ihn und seine Zustimmung. Sobald sie ihn allein haben konnte – was bei dem volkreichen Hause nicht leicht war, am leichtesten noch am Sonnabendabend – deutete sie mit der Hand auf die andere Seite des Feuers, daß er sich dahin setze, setzte sich selbst mit ihrer gewichtigen Figur auf die andere, und redete in ihrer raschen Weise, die Feuerzange in der Hand und dann und wann gegen den Rost stoßend, auf ihn ein, und war ordentlich froh, wenn sie auch nur seine halbe Zustimmung hatte und seine ruhige Auseinandersetzung anhörte. Er aber fühlte wohl, daß seine Eltern, jeder in seiner Art, unsichere Leute waren und nach Meinungen aussahen und daß sie auf die seine etwas gaben. Er wurde aber darum kein Narr. Im Gegenteil. Es gedieh ihm zur Vorsicht und frühen Ordnung seines jungen Seelenwesens, und er wurde für seine Jahre ein verständiger und ordentlicher und gesetzter Mensch. Und die Mutter, die es mit heimlichem heftigen Ehrgeiz sah, wie er aufs beste gedieh, meinte, daß sie ihm mit Recht den ernsten, guten Namen Harm gegeben hatte, weil er so ruhig und verständig ausgesehen hatte, als sie ihm zuerst ins Gesicht gesehen.

Der zweite, siebzehnjährig, hatte von der Mutter, die ihren Kindern gleich bei der Geburt scharf auf die Nase sah, den aufgeregten Namen Eggert bekommen, und auch dieser Name war zu Recht gegeben. Denn er war rotblond und sommersprossig, und hatte rasche und heftige Bewegungen, und war stolz und sehr leicht verletzt, und gehörte somit ganz zum Geschlecht der Mutter, in welchem denn auch der Name Eggert häufig war. Er half dem Vater in der Wirtschaft und war darin auch fleißig und tüchtig; aber da er so anderer, ja entgegengesetzter Art war, wie der langsame, stille und bedächtige Vater, so schlug ihm oft Unlust ins Gemüt, und man merkte an seinem Gesicht, daß er die Arbeit mit Zorn tat. Wenn aber sein Tagewerk beendet und das Abendbrot eingenommen war, lief er alsbald aus der Stalltür, rannte den Feldweg entlang bis zum Nachbarhof, zog dort am Grabenrand nach einer wunderlichen Laune – um rascher fortzukommen oder um die Stiefel zu schonen – Schuhe und Strümpfe aus und rannte barfuß, quer über die Felder und Gräben, nach dem Teich, und saß da den ganzen Abend in dem Hause des Fischers Ludwig, einer rechten Fischersippschaft, und plauderte mit ihnen und spielte vor ihnen die Mundharmonika und die Flöte, die er zu Hause nicht an den Mund nahm, und fand oft spät nach Hause. Den Vater ärgerte dieser Verkehr. Nicht, daß er fürchtete, daß sein Sohn einmal zur See liefe – er war mit Eifer Landwirt –; aber er sah in ihm selbst und in diesem Verkehr die Eigenschaften und Art seiner Frau, die er bei ihr zwar über alles liebte, bei seinen Söhnen aber nur gefährlich fand. Und so kam es oft zu harten Zusammenstößen zwischen dem Vater und diesem Sohn. Der Vater tadelte ihn und verwies ihm dies und das, und der Sohn, der laut nichts zu sagen wagte, murmelte zornige Worte vor sich hin, warf und stieß mit dem Geschirr und den Gerätschaften um sich, und beklagte sich, rasch in die Küche und an den Herd tretend, mit leiser, hitziger Stimme bei der Mutter, und deutete den Geschwistern gegenüber an, daß er früher oder später vom Hause fort wolle, um anderswo etwas Tüchtiges zu lernen; denn auf diesem Hof ginge es ihm zu langsam und zu schief her. Der Vater, in seiner ungeschickten, schwarzseherischen Weise, trug Kummer um diesen Sohn. Die Mutter, die fühlte, daß dieser ihrer Art am nächsten stand, liebte ihn mit besonderem Feuer; sie war aber täglich in heißen Sorgen um ihn, daß er, wenn das Schicksal es wollte, leicht in die Brüche gehen könnte. Seine Geschwister hatten ihn gern, weil er immer, wenn auch ganz unauffällig, voller Liebe und Fürsorge für sie war. Sie necken ihn gern, was er sich mit ernsten, beobachtenden Augen gefallen ließ, so als wenn es ihm Freude machte, zu sehn, was in diesem Augenblick in ihrer Seele vorginge. Sie nannten ihn den Barfüßer, oder auch wegen seiner roten Haare und oft jähen Wesens: Rode Praß. Das war der Name eines sagenhaften Vorfahren, den der Lehrer, der gern in alten Schriftstücken stöberte, ausgegraben hatte.

Nach diesem Eggert oder Barfüßer kam einer, der war fünfzehn Jahr alt und hieß Reimer. Der war dunkel von Haupt und Haar, war auch kleiner. Er hatte einen langen, schmalen Kopf und liebte es schon in seiner Kindheit, sein Haar lang zu tragen, und so hing es ihm denn leicht bis an den Rockkragen, und da es zuweilen ein wenig darauf hing, bekam es da eine kleine Biegung, und es sah aus, als ob er schon ein kleiner Mann wäre, und zwar ein höchst ernsthafter; und da sein Gesicht auch sonst rein und von feinem Schnitt war und hübsche ernste Augen daraus leuchteten, sah er schon als Knabe nach etwas Besonderem aus. Er ging noch in die Schule; arbeitete dort aber, da er den ganzen Lehrplan auswendig gelernt hatte, für sich, indem er sich bei den schwersten Stellen nachdenklich und bedächtig über das lange, schlichte Haar strich und es säuberlich über den Rockkragen legte. Er bekam vom Lehrer und vielen Bekannten allerlei Bücher, gute und weniger gute, doch schlechte nicht; und in diesen lebte er. So wie die Schwalbe im Sonnenschein durch die Strahlen, in der Luft blitzend, fliegt, so ganz und gar in diesem ihrem Element, unwissend, daß es eine harte, mühschaffende Erde gibt, so leicht und sicher, mit blinden Augen, von selbst den Weg wissend, schwang sich seine Seele durch die Landschaften, Begebenheiten und Seelenbewegungen, welche die Bücher vor seiner Seele ausbreiteten. Er war heimlich der Liebling des Vaters, der fühlte, daß sein eigenes schweres, scheues Wesen, durch einen richtigen Zuschuß von der mütterlichen Art erfrischt, in diesem Knaben leicht und schön aufblühte, und er war der heimliche, süße Stolz der Mutter, die fühlte, daß er das hatte, was sie, die derbe, rein irdische, an dem Vater, dem Liebsten ihrer Natur, so heiß liebte: das unirdisch Sachliche, das menschlich Reine. Er wollte Lehrer werden und zeitlebens, ein mutiger Siegfried – verwundbar nur an der einen Stelle, da, wo das Herz saß –, gegen den Lindwurm kämpfen.

Der Rest der Kinder, Mädchen und Knaben, war ein Gewusel von hellen und rotblonden Köpfen, die von den Eltern und größeren Kindern damit erledigt wurden, daß man sie sauber erhielt, den größeren, die schon die Schule besuchten, bei den Schularbeiten half und zuweilen ein schlichtes Wort sagte, und den kleineren, die in Küche und Stall herumstanden, einige Male am Tag über den Kopf strich. Dabei wurde aber, inwendig im Herzen, jedes aufs heftigste geliebt. Und wenn eines krank war, oder in der Schule oder auf der Straße in Gefahr des Lebens oder der Ehre geriet, stand die Sorge in aller Gemüt und alle standen mit fliegender Seele zu seinem Schutz bereit. Für einen, der nicht zum Hause gehörte, war es unmöglich, unter diesen Kindern Namen, Aussehn und Ordnung zu behalten; dazu waren es zu viele und kamen immer wieder neue. Denn die Mutter war nicht glücklich, wenn sie nicht ein Kindchen auf dem Schoß und an der Brust hatte.

Und so war dies Haus der Otten wohl als ein glückliches zu preisen. Nur daß die Luft etwas zu still und zu dumpf war und die Leute etwas zu eng aneinander klebten und sich alle etwas zu wichtig nahmen, jeder in seiner Weise, und für etwas Besonderes hielten.

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