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Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße

Max Eyth: Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Brücke über die Ennobucht
authorMax Eyth
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-005601-2
titleDie Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
pages1-140
created19991117
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Max Eyth

Die Brücke über die Ennobucht

Erzählung


1 In der Grünheustraße

Hat jemals ein kühner Psychologe dem Bewegungsgesetz der Erinnerungen nachgespürt? In seltenen Fällen ziehen sie ruhig dahin, auf ihrem stillen Weg nach rückwärts; meist tanzen sie in wunderlichen Sprüngen wie Irrlichter, kreuz und quer, beleuchten auf einen Augenblick hier eine alte Haustüre, dort ein schwimmendes Stückchen Holz, hier ein wedelndes Hündchen, dort das Lächeln eines Menschenangesichts, das längst zu lächeln aufgehört hat. Heller leuchten sie auf, je weiter sie rückwärts hüpfen, lassen lange Strecken in tiefer Nacht, um mit einemmal ein jugendliches Glück, einen kindlichen Jammer zu überstrahlen, als schiene die Sonne von heute darauf, ehe alles wieder in bläulicher Dämmerung verschwindet. Es gehört einiger Mut dazu, die Formel zu suchen, welche die Kräfte dieser Bewegung beherrscht, gleitend, haltend, springend, stockend, fast immer rückläufig, bis an einem kritischen Punkt die Auslösung einer geheimnisvollen Feder den ganzen Mechanismus auf den gestrigen Tag vorschnellt und das Spiel von neuem beginnt. Meines Wissens hat es noch niemand gewagt. Ich kann deshalb unbesorgt, eine Regel zu brechen, den letzten Abschnitt der Erinnerungen, die diese Bändchen zusammenhalten, beginnen, fast wo ich den ersten begann.

Es wird seit bald vierzig Jahren mit jedem Tage unerklärlicher geworden sein, wie das Sträßchen zu seinem Namen gekommen ist: »Grünheustraße«. Der Gedanke an schnittreife Wiesen, an duftendes Heu, selbst an einen einfachen ländlichen Kuhstall lag wohl keiner Gasse in der weiten Welt ferner als ihr. Von all diesen lieblichen Dingen trennten sie Meilen von Back- und Pflastersteinen, die der grimmige Kohlenstaub langsam zudeckte, der auch sie schon mit einer Hülle überzog, ähnlich dem bläulichen Duft auf einer Pflaume. Dies wird heute wohl völlig gelungen sein. Damals war das Sträßchen noch jung und hatte seinen phantasievollen Namen vielleicht der Jugend zu danken. Selbst auf den neuesten Stadtplänen von Manchester war es nur in schüchtern punktierten Linien angedeutet, und wer nicht wußte, daß es im Südosten der gewaltigen Fabrikstadt zu suchen war, konnte es kaum finden. Auch der Verkehr der großen Welt ringsumher hatte es noch nicht entdeckt. Sein etwas mangelhaftes Pflaster und seine schmalen Bürgersteige aus Sandsteinplatten waren sauber wie ein Tanzboden, die zwei niedern Häuserreihen rechts und links hinter umzäunten Zwerggärtchen, die eine fortlaufende Front bildeten, strahlten im warmen Rot frisch gebrannter Ziegel. Zu sechsunddreißig geometrisch gleichen Haustüren führten zweimal sechsunddreißig sauber gescheuerte Sandsteinstufen. Sechsunddreißig Fenster im Grundstock, welche durch eine erkerartige Ausbuchtung den Blicken der Neugierigen besonders preisgegeben waren, zweimal so viele kleinere Fenster im ersten und einzigen Stock sahen regungslos in die stille Straße. In den Erkern, die zu der schönen Stube des Hauses gehörten, standen genau am gleichen Platze sechsunddreißig Tischchen, auf denen sechsunddreißig Kunstgegenstände den ästhetischen Sinn der Bewohner der Grünheustraße bekundeten. Hier aber zeigten sich Unterschiede. Im ersten Erker kniete ein betender kleiner Gipsengel, im nächsten stand ein Teller mit prachtvollen Äpfeln aus Seife. Dann kam eine Kathedrale aus Papiermasse unter einer Glasglocke. Dieser folgte, nicht unpassend, der betende Engel aus dem ersten Fenster noch einmal, in verkleinertem Maßstab, aber auf einem schwarzen Untersatz, und so weiter. Die zwei Sandsteintreppen und der messingene Klopfer an den kleinen braunen Haustüren waren ohne Ausnahme von musterhafter Sauberkeit. Die Kathedrale, die Seifenäpfel sowie die Engel zeigten auch in dieser Beziehung beachtenswerte Eigentümlichkeiten. Gegen die Fensterscheiben gedrückt, stand da und dort neben denselben ein Stück weißer Pappe, auf dem in schwarzen Buchstaben zu lesen war: Zimmer zu vermieten. Das war Grünheustraße.

Ihre Bewohner waren im Durchschnitt achtbare, arme Leute; zum guten Drittel Witwen oder Frauen, denen ihr Mann auf andre Weise abhanden gekommen war; dann aber auch kleine Familien mit selten weniger als sechs Kindern. Die Familienhäupter waren Verkäufer in großen Lagerhäusern, Werkführer in Spinnereien, Buchhalter kleinerer kaufmännischer Geschäfte; alles Leute, die morgens mit großer Pünktlichkeit verschwanden und abends mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wieder auftauchten. Den Tag über war die Straße ein Kindergarten ohne Baum und Strauch, der an den biblischen »Sand am Meer« erinnerte. Dies gab ihr etwas Sonnenlicht, an dem sie keinen Überfluß hatte. Die schwarzen Rauchwolken der Hunderte von Fabrikschornsteinen im Innern der Stadt sorgten hierfür, wenn der Wind aus Osten kam. Drehte er sich, so kam das schwarze Gewölk aus Salford. – Die Witwen, die in der Küche unter dem Erdboden hausten, pflegten ihre schöne Stube einschließlich der Benützung der Kathedrale oder der Seifenäpfel und eines der Schlafzimmer im oberen Stock an einzelne Herren zu vermieten. Gelang dies, so verschwand das Stück weißer Pappe auf einige Zeit, manchmal auf Jahre aus dem Fenster. Manche der Frauen verstanden es, ihrem Mieter das Leben in dieser Einöde von Ziegeln und Bausteinen, von endlosen Häuserreihen und kahlen Straßen in allen Ehren erträglich zu machen. In dieser Beziehung sind sie in England geschickter als auf dem Festland. Es wäre auch sonst nicht zu tragen.

Wie die ansässigen Bewohner der Grünheustraße waren auch diese Mieter im allgemeinen achtbare, arme Leute. Ich darf so weit gehen, es kühn zu behaupten, ohne die geziemende Bescheidenheit zu verletzen, obgleich ich selbst seit zwei Monaten bei Missis Matthews in Nr. 23 wohnte. Meine Wirtin war die Witwe eines verstorbenen Schloßbesorgers des verstorbenen Lords von Harewoodcastle, hatte, wie die meisten dieser Damen, bessere Tage gesehen, klagte, wie die wenigsten, nicht allzuviel hierüber und lebte von einer kleinen Pension und ihrem Mieter. Sie war eine Musterwirtin ihrer Art, still, aufmerksam, mütterlich. Mein Englisch jener Tage machte ihr den Eindruck rührender Hilflosigkeit, so daß es ganz natürlich war, wenn sie mich auch in andrer Beziehung wie ein noch nicht ganz sprachreifes, allerdings übergroßes Knäblein betrachtete. Dieses Mißverständnis rührte mich meinerseits wieder, so daß sich unser auf gegenseitiger Rührung beruhendes Verhältnis vortrefflich gestaltete und sie namentlich meine täglichen, bisher erfolglosen Wanderungen durch Manchester und seine Umgebung mit besorgter Teilnahme verfolgte.

Ein solches Nest gefunden zu haben, verdankte ich nicht unmittelbar meinem Glück, das sich damals mit auffallender Beharrlichkeit hinter den Rauch- und Rußwolken der Fabrikstadt verbarg. Gleich am zweiten Tage meines Hierseins, als ich mich mit dem Mut der Unwissenheit, den besten Zeugnissen der Welt und einem warmen, wenn auch sehr allgemein gehaltenen Empfehlungsschreiben aus London stammelnd in einer der ersten Fabriken Manchesters – Sharp, Steward & Co. – vorstellte, teils um die Fabrik besichtigen zu dürfen, teils und noch viel mehr in der Hoffnung, ein bescheidenes Plätzchen als Zeichner zu finden, begegnete ich einem halben Landsmann. Dieser, wie ich rasch herausfand, mit einem geringeren Grad von Unwissenheit, mit noch besseren Zeugnissen und zwei Empfehlungsschreiben aus London ausgestattet, verfolgte genau die gleichen Absichten. Wir erzielten auch beide in sehr kurzer Zeit das gleiche Ergebnis, eine artige Verabschiedung, und wanderten gemeinsam eine Stunde später mit hängendem Haupte weiter, jedoch nicht, ehe durch die Besichtigung der brausenden Werkstätten meine Sehnsucht, Zeichner in einer englischen Fabrik zu werden, eine krankhafte Steigerung erlitten hatte. Vielleicht hätte ich meinen neuen Freund nicht kennengelernt, denn ich schleppte noch zu viel schwäbische Schüchternheit und Menschenscheu mit mir herum. Zum Glück aber war Harold Stoß eine andre Natur, und ehe wir durch das Fabriktor von Sharp, Steward & Co. abzogen, empfand ich die Wahrheit des Horazschen: Solamen miseris socios habuisse malorum; vollends als wir zu dritt waren. Denn unter dem Tor befand sich ein zweiter junger Herr von unzweifelhaft teutonischem Kleider- und Haarschnitt, der soeben ängstlich den Inhalt seiner Brusttasche ordnete: Visitenkarte, beste Zeugnisse und drei Empfehlungsbriefe, um dies alles gleich uns und mit gleichem Erfolg den Herren Sharp, Steward & Co. zu Füßen zu legen. – Die beiden nickten sich zu, der Austretende mit einem spöttisch belustigten Lächeln, der Eintretende mit einem Seufzer, der sich kaum hinter einem freundlichen Gruß verstecken lassen wollte. Dann bat mich Stoß, in der nächsten Bierstube ein Glas Porter mit ihm zu trinken und auf Schindler zu warten, der unfehlbar in zehn Minuten wieder erscheinen werde. Der arme Kerl habe Fabriken genug angesehen und werde sich damit nicht aufhalten. Beide wohnten schon seit einigen Wochen in der Grünheustraße. Stoß empfahl mir sein Nachbarhaus. So kam ich zu Missis Matthews und wurde der dritte in dem Bunde, der sich das Ziel gesteckt hatte, irgendwo und um jeden Preis in dem schwarzen Eldorado damals junger deutscher Ingenieure auf ein paar Jahre unterzuschlüpfen. Es war dies keine kleine Aufgabe, denn es gab zu jener Zeit ähnliche Bünde in erschreckender Anzahl, und das Sprichwort von den vereinten Kräften – viribus unitis – wollte schlechterdings nicht passen, so daß wir schließlich eine geographische Einteilung von Manchester feststellten und wochenweise jedem sein Interessengebiet zuteilten, um uns nicht immer wieder unter den gleichen Fabriktoren schmerzlich lächelnd begegnen zu müssen. Die Zeiten waren schlecht, wie sie es gewöhnlich sind, wenn man etwas von ihnen erhofft. Wir merkten dies nach wenigen Wochen des Suchens und Anklopfens. Aber es half nichts. Jeder Gang durch eine der tosenden Fabriken, jeder Blick auf das Gewirr einer halbmontierten Riesenlokomotive, eines unbegreiflichen Jacquardstuhls, einer Werkzeugmaschine mit ihren ungewohnten, stämmigen Formen kräftigte den sinkenden Entschluß aufs neue, zu siegen oder zu verhungern.

Stoß und Schindler nahmen diese Wochen der Prüfung, die zu Monaten zu werden drohten, verschieden hin. Stoß, ein hübscher, großer junger Mann von fast aristokratischem Äußern und den gefälligsten Umgangsformen, war eine heitere Natur, die sich von der Last des Lebens nicht drücken ließ, solange sie nicht allzu schwer wurde. Er war Österreicher, wenigstens zur Hälfte; das leichtere, muntere Blut des Südens verriet sich in zahlreichen kleinen Zügen. Sein Vater war als pensionierter Major gestorben. Seine Mutter, eine Engländerin, die der Österreicher während der Feldzüge Radetzkys in Italien kennengelernt hatte, lebte in Karlsruhe von ihrer bescheidenen Pension. Auf der dortigen Polytechnischen Schule hatte Stoß die Weisheit und die Formeln Redtenbachers eingesogen, an denen zu jener Zeit die technische Jugend Deutschlands mit Andacht und Verehrung hing. Wie sich so oft die Gegensätze in einer Menschennatur begegnen, hatte er ausgesprochenes mathematisches Talent und eine begeisterte Vorliebe für die trockensten Spekulationen, wenn sie sich in algebraische Formeln pressen ließen. Sobald er seine Konzepthefte, die mit endlosen Berechnungen gefüllt waren, auf die Seite warf, war er dagegen der fröhlichste Gesellschafter, der unverwüstlichste Optimist und hatte das große Geschick, seiner Umgebung einen Teil der eignen Lebensfreudigkeit einzuflößen. Er war sicher, in der Heimat seiner Mutter nicht bloß sein eignes, sondern auch seiner Freunde Glück zu machen, und wir glaubten ihm fast, so wenig bis jetzt davon zu verspüren war. Der natürliche Umstand, daß er seine nordische Muttersprache – Muttersprache im wörtlichsten Sinn – mit südlicher Gewandtheit sprach, gab ihm Vorteile, die uns bei einem andern mit schmerzlichem Neid erfüllt hätten. Stoß konnte niemand beneiden.

Ganz anders, eine schwerfällige, echt deutsche Natur war Schindler. Er stammte aus einer Pastorenfamilie in Thüringen und hatte sich an einer preußischen Gewerbeschule für seine englischen Abenteuer vorbereitet. Still und scheinbar melancholisch sah er in die Zukunft, und doch machte er, allerdings mit einem Seufzer, die besten Witze in unserm kleinen Kreise, an denen nur er sich nicht zu erfreuen schien. Er hatte einen Herzenskummer; er liebte seit seiner Schulzeit, treu und geduldig. Deshalb wollte er so rasch als möglich sein Glück machen, und die Aussichten trübten sich mehr und mehr. Mit einer komisch kleinen Summe war er in Manchester angekommen, hatte hier auf einige Wochen als Zeichner bei einem Zivilingenieur Beschäftigung gefunden, denn Gott verläßt keinen Deutschen ganz, und lebte seitdem von der Summe, die er hierbei in rätselhafter Weise zurückgelegt hatte, in ebenso rätselhafter Weise weiter. Dabei war er krankhaft fleißig, zeichnete und skizzierte tage- und nächtelang und besaß mnemotechnische Einrichtungen in seinem Gehirn, die es ihm ermöglichten, nach einer einmaligen flüchtigen Besichtigung die komplizierteste Maschine geistig nach Hause zu tragen, aufzuzeichnen und wieder zu vergessen, um für eine andre Platz zu machen. »Denn was man schwarz auf weiß besitzt!« pflegte er kurz abbrechend mit leuchtenden Augen auszurufen, wenn er uns die Berge von Skizzenpapier zeigte, welche seine einzigen irdischen Schätze vorstellten, die er aber für die Grundmauern seines künftigen Hauses und Herdes ansah. Sonst leuchteten seine blauen, etwas kurzsichtigen Augen hinter der großen Stahlbrille nie. Man konnte es ihm nicht verargen; es ging zu Ende mit ihm. Seit einigen Tagen schon hatten Stoß und ich vermutet, daß er in Manchester blieb, weil er nicht mehr weiterkonnte. Auch in England befördern Eisenbahnen nur gegen Vorausbezahlung; wenigstens menschliche Ware, die naturgemäß weniger Vertrauen genießt als eine Kiste Stiltonkäse oder eine Dreschmaschine.

Manchmal zeigten sich Lichtblicke am Horizont. Vor ein paar Wochen hatte ich einen Ausflug nach Leeds unternommen und zum erstenmal eine Ausstellung der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von England gesehen. Ich machte mich ohne Hoffnung und mit wenig Freude auf den Weg, eines Empfehlungsbriefs wegen, den ich von einem Herrn in London erhalten hatte und der an John Fowler gerichtet war. Eine landwirtschaftliche Ausstellung! Vieh, Schweine, Gänse und Enten und landwirtschaftliche Maschinen! Für die letzteren hatte ich wie jeder junge Ingenieur, der sich in den höheren Regionen einer technischen Hochschule bewegt hat, die ausgesprochenste Mißachtung und für die Landwirtschaft von Geburt eine schwer erklärliche Gleichgültigkeit. Aber ich riß die Augen doch ein wenig auf, schon weil ich in der gewaltigen Fabrikstadt, die ich kaum dem Namen nach gekannt hatte, unter Tausenden von behäbigen Landleuten nur mit größter Schwierigkeit ein Unterkommen finden konnte. Und dann der Maschinenplatz der Ausstellung! Dieses Leben, dieses lustige Klappern und Rasseln, Pusten und Pfeifen, Brummen und Sausen! Diese Hunderte mir völlig unbekannter Formen und Dinge. Mit ehrlichem Staunen stand ich einer großen Industrie gegenüber, die sichtlich ihre Fühler über die ganze Erde streckte und von der ich keine Ahnung gehabt hatte. Man sah den zahllosen Maschinen an, daß sie im praktischen Leben ihre natürliche Eleganz und die Bestimmtheit ihrer Formen gewonnen hatten, daß hundert kluge Köpfe, tausend fleißige Hände an ihrer Entwicklung weiterarbeiteten. Wir schrieben 1862. Wer jene Zeit miterlebt hat, wird mir mein naives Erstaunen verzeihen.

Der Empfehlungsbrief führte wie alle andern zu nichts. Doch lernte ich auf dem Ausstellungsplatz John Fowler kennen, der neben seinem Dampfpflug in der Mitte eines Kreises fröhlich begeisterter Landwirte stand, die nicht aus dem allseitigen Händeschütteln hinauskamen und ihm zu dem eben gewonnenen Preis der Landwirtschaftsgesellschaft Glück wünschten. Ein prächtiger Mann von etwa vierunddreißig Jahren, groß und stattlich, schwarzhaarig und freundlich, mit einem Lachen, das seiner Umgebung auf hundert Schritte wohltat. Er las meinen Brief, drückte mir die Hand und konnte mich nicht brauchen; jetzt nicht. Vielleicht später. Das sagten die meisten; aber Fowler dachte es auch, man konnte es ihm ansehen. Mein Brief war von einem Quäker, und auch Fowler war Quäker. In dem Brief stand, »daß ich auf dem richtigen Weg sei«, woran ich völlig unschuldig war. Allein mein Freund in London meinte es gut mit mir, und solche Dinge sind in England nicht bedeutungslos. Trotzdem mußte ich mich nach zehn Minuten anstandshalber verabschieden, so gerne ich ohne weiteres geblieben wäre. Für Pflüge stand meine Mißachtung noch in voller Blüte. Aber Fowler war einer der seltenen Menschen, die man liebgewinnt, wenn sie sich mit dem Taschentuch den Schweiß abtrocknen. Zwei Tage schlich ich ab und zu um den Fowlerschen Stand und studierte die Geheimnisse des »Clipdrums«, ohne zu ahnen, daß ich mit dessen wirklichem Erfinder, einem bescheidenen Männchen, das noch vor kurzem als Klavierfabrikant tätig gewesen war, mehrfach ins Gespräch geriet; aber auch ohne Herrn Fowler wiederzusehen. Mein Gefühl gegen landwirtschaftliche Maschinen aber hatte eine schwere Erschütterung erlitten, ehe ich mich wieder auf den Heimweg nach Manchester machte. Doch was half's? Ernstlich hatte ich ja nicht erwartet, auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung dem ersehnten Ziele näher zu kommen. Damit tröstete ich mich auf dem Rückweg, während ich eine Liste der mir bekannt gewordenen Fabriken von Liverpool zusammenstellte, die besuchsweise von Manchester aus abgemacht werden konnten, ehe ich mein Hauptquartier nach Glasgow verlegen wollte.

Acht Tage später machten Stoß und ich einen Ausflug nach Anglesea, welcher eigentlich der die Insel von Wales trennenden Meerenge, der Menaistreet, galt. Es war unsere erste Vergnügungsfahrt, eine notwendige Unterbrechung der entmutigenden Wanderungen von Fabrik zu Fabrik, die hinter und vor uns lagen. Schindler begleitete uns nur bis zum Bahnhof. Die Ebbe in seiner Kasse erlaubte derartige wilde Ausschweifungen nicht mehr. Die lieblichen Ufer um Bangor, die gewaltigen Berge von Nordwales, der glorreiche Ozean und der frische Seewind, der den Salzgeruch des Meeres bis über die Gipfel von Snowdon und Kadr Idris trug, gaben uns in drei Tagen all den Lebensmut wieder, den wir im Dunst und Rauch von Manchester seit den letzten drei Monaten eingebüßt hatten. Auch waren wir nicht ganz ohne einen technischen Reisevorwand ausgezogen. Stephensons weltberühmte Menaibrücke, die erste ihrer Art, die einen Meeresarm überspannt, hatte namentlich Stoß schon längst angezogen. Zwar übten und ärgerten wir uns an Ort und Stelle gegenseitig ein wenig. Er bestand darauf, nachdem wir einen Vormittag lang an den steilen Abhängen bei Bangor, mit der kastenförmigen Riesenröhre hoch über unsern Köpfen, herumgeklettert waren, mein Skizzenbuch mit Berechnungen anzufüllen, in denen er zu beweisen suchte, daß die Brücke mit der Hälfte des Eisens hätte gebaut werden können, das heute in ihr stak. »Wenn sie rechnen könnten, Eyth! wenn sie ihren Redtenbacher studiert hätten, diese Engländer!« rief er mit der Begeisterung eines echten Karlsruhers jener Tage und begann das vierte Blatt des besten Whatmanpapiers, das ich je besessen hatte, mit einer neuen Entwicklung seiner Prinzipien zu verunreinigen. Und das alles mitten in einer Gegend, die uns wie ein Paradies anlachte, die mit ihrem sonnigen Meereshorizont hinter jedem Strauch und Felsen einem das Herz vor Sehnsucht sprengte. Ich ließ ihn schließlich machen, was er nicht lassen konnte, und tröstete mich: Ein solcher Kerl wird noch ein berühmter Mann. Dann habe ich auf diesen Blättern ein Andenken von ihm und kann sie vielleicht teuer verkaufen.

Wieder gingen zwei Wochen vorüber mit ihrer einförmigen Folge von Hoffnung und Enttäuschung; dann aber kam's anders. Stoß hatte uns zu einem Abendtee eingeladen, um seinen Abschied zu feiern. Er wohnte bei der Frau eines kleinen Schiffskapitäns, deren Gatte nur alle fünf Jahre auf ein paar Wochen nach Hause kam; eine sehr nette, angenehme Frau, die gelernt hatte, mit außerordentlich bescheidenen Mitteln große Festlichkeiten zu veranstalten, und deshalb von uns dreien hoch verehrt wurde. Die deutsche Kneipe bestand für uns kaum mehr: man gab sich gegenseitig Tee mit darauffolgendem Whisky oder Brandy. Nach deutscher Art rollten wir bereits auf der schiefen Ebene der Anglisierung lustig dahin. Stoß war wesentlich schuld daran. Bei ihm kam es natürlich von der Mutter Seite. Man zog sogar in solchen Fällen zu gegenseitiger Ehrung seinen besten Rock an. Zum landesüblichen Frack hatten wir es allerdings in dieser Vorbereitungsklasse des Lebens, in der wir saßen, noch nicht gebracht.

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