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Die Briefe des Fräulein Brandt

Felix Hollaender: Die Briefe des Fräulein Brandt - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Hollaender
titleDie Briefe des Fräulein Brandt
publisherCarl Hinstorffs Verlag
correctorJosef Muehlgassner
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Felix Hollaender

Die Briefe des Fräulein Brandt

 

Iserbaude, 7. Juni 1914.

Liebes Herz!

Beim Abschied hast Du mir halb und halb das Wort abgenommen, Dir über alles zu berichten. Halb und halb sage ich, denn ein ganzes Wort, das ein anständiger Mensch unbedingt einlösen muß, konnte ich Dir nicht geben. Kann wohl überhaupt niemand, der noch eine Spur von Schamgefühl in sich hat. Lache um des Himmels willen nicht, wenn ich schon bei den ersten Zeilen stolpere und zu philosophieren beginne. Denn wird die Frage gestellt: alles oder nichts, so sage ich, ohne mich zu besinnen: nichts. Und zwar, weil man ohne einen Rest, der einem allein gehört, nicht vor sich und Gott bestehen kann. Mag sein, daß es Menschen gibt, zu jeder Stunde bereit, sich bis aufs Hemd zu entkleiden. Und wie sollte ich gerade jetzt, da bei mir und den Meinen die Dinge bis zu einem, oder sage: ich nicht richtiger, bis zu dem kritischen Punkte gediehen sind, jene Mitteilsamkeit aufbringen, wie Du von mir gefordert hast. Ich mache Dir beileibe nicht den Vorwurf der Neugier, weiß, daß Deine Freundschaft und Neigung zu mir selbstlos ist. Du meinst, es müßte mich in meinem Widerspruchsvollen Zustand erleichtern, einem gleichgestimmten Wesen mein Herz auszuschütten. Und darin magst Du recht haben. Denn ich fühle mich in dieser großen Abgeschiedenheit noch einsamer, weil Vaters und, Mutters sorgenvolle Blicke beständig auf mir ruhen, weil ich ihre unausgesprochenen Forderungen beständig höre, und weil ich zu stolz bin, diese Selbstdemütigung meiner Eltern zu ertragen. Vater, der immer gewohnt ist zu befehlen, stößt bei mir auf einen Widerstand, der ihn erbittert. Dabei möchte er sich eher die Zunge abbeißen, als daß er mir ein Wort sagte. Und Mutter, ach Mutter ist jammervoll, hat immer Wasser in den Augen und begreift mich nicht, versteht oder will nicht verstehen, siehst Du, liebes Kind, nun muß ich mitten im Satze abbrechen. Familienintimitäten soll man nicht auspacken. So etwas ist immer unsauber. Also mit dem Herzausschütten ist es vorbei. Es geht einfach nicht. Willst Du Wetterberichte haben, gut. Und bin Dir doch für die Anregung dankbar. Bis aufs I-Tüpfelchen will ich berichten, und hätte es keinen anderen Sinn als den, mich durch eine reinliche Auseinandersetzung zu erleichtern. Nur werden diese Briefe niemals befördert werden. Schreiberin wird sie zu guter Letzt in ein Bündel schnüren und in die unterste Lade schließen. »Nach meinem Tod« zu verbrennen« usw.

Der Wetterbericht vom 4. Juni lautet: Wir sind bei verhängtem Himmel angekommen. Alles undurchsichtbar, in undurchdringlichen Nebel gehüllt. Die Baude ist leer, und wir sind die einzigen Gäste: Vater, Mutter, Christine und ich. Erst im nächsten Monat beginnt hier die Saison. In drei, vier Tagen kommen die Jungen und mit ihnen Leutnant von Borck. Gott stehe mir in dieser gefährlichen Einsamkeit, in der alles zur Entladung drängt, bei. Amen!

 

11. Juni.

Die Baude hat sich bevölkert. Ein Finanzrat von Wehlen aus Berlin und ein Kreisphysikus Wernicke aus Görlitz, beides ältere Herren und Junggesellen, sind eingetroffen. Da Papa den Finanzrat von Berlin her flüchtig kannte, und dieser wiederum mit dem Physikus gut Freund ist, so dauerte es nicht lange, und die Herren waren uns vorgestellt. Der Finanzrat ist hager und glatt rasiert, ausgesprochener Büromensch mit weltmännischen Allüren. Der Kreisphysikus ist untersetzt, stämmig, hat einen Knebelbart und trägt eine Hornbrille. Nach dem Abendbrot sitzen sie mit uns an einem Tisch, bis sie sich mit Papa absondern, rauchen, politisieren oder spielen, das letztere hat sie Papa, wohl besonders nahe gebracht. Mama und Christine pflegen dann ihre Handarbeiten, ich irgendeinen Schmöker hervorzuholen.

Da beide Knaben sich bewogen fühlten, mir abwechselnd den Hof zu machen, hat es zwischen mir und Mama wieder eine: jener sattsam bekannten Auseinandersetzungen gegeben.

Mama: Ein Wesen wie du gibt es nicht ein zweites Mal.

Ich (ernsthaft zustimmend): Jedes Exemplar existiert eben nur einmal. Es ist eine faule Beobachtung, daß ein Ei dem anderen gleicht.

Mama überhörte meinen Einwurf. Selbst in dieser Einöde haben deine Augen keine Ruhe. Laß diese Herren zufrieden, wenn ich bitten darf!

Sage es gefälligst ihnen, mich gelüstet es nicht, ihren Frieden zu stören.

Mama: Deine Augen brennen, sobald eine Mannsperson in der Nähe ist. Von wem hast du das nur? Von Papa und mir gewiß nicht.

Nein, von euch in keinem Falle. Vielleicht ist Tante Marie im Spiele. (Du erinnerst Dich, Tante Marie ist der dunkle Fleck in unserer Familie.)

Mama schreckt auf: Ich verbitte mir derartige anzügliche Redensarten. Anstatt mit alten Herren zu kokettieren, fährt: sie fort, wäre es entschieden angemessener ...

Ich erhebe mich und gehe meiner Wege. Leutnant von Borck ist an der Reihe. Mama spricht seinen Namen nicht aus, aber man braucht nicht findig zu sein, um ihre dunklen Andeutungen zu erraten. Anfang und Ende ihrer Träume ist Leutnant Borck. Wenn ich eine Spur von Neigung zu ihm hätte, Mama und Papa würden sie mit ihren Wünschen im Keime ersticken. Aber ich empfinde nichts für ihn. Er ist ein guter Junge und anständiger Mensch. Basta, was geht mich das an! Ach meine Liebe, es geht mich viel mehr, an, als Du ahnst. Ich bin sozusagen der Rettungsanker, der ausgeworfen, das Opferlamm, das geschlachtet werden soll. Und obendrein sind Mama und Papa der Überzeugung, daß ihre Rettung mein Glück ist. Sie sprechen nicht darüber. Papa ist viel zu stolz, um mir auch nur mit einem Worte zuzureden, geschweige, denn mich zu bitten, aber ich sehe es ihren stummen Mienen an, und Mamas vorwurfsvolles Gesicht reizt mich auf.

Ihre stillen Leidenszüge erbittern mich. Jedes Märtyrertum, das zur Schau getragen wird, hat für mich etwas Peinvolles. Ich weiß, das ist anmaßend, unduldsam, ein Mangel an kindlichem Gefühl und Ehrfurcht gegen diejenigen, die einem das Leben geschenkt, geschenkt, wer lacht da? aber meinethalben dies zugegeben, und dennoch, ich kann nicht anders. Ich frage mich vergebens, wie ist es möglich, daß ein Mann von der unbestechlichen Art meines Vaters, von seiner eisernen Pflichttreue und sauberen Denkweise es mir zumuten kann, daß ich meinen Leib wegwerfe. Denn darauf, läuft es hinaus, ich soll meinen Leib wegwerfen. Habe ich ein Recht dazu? Gibt es nicht, muß es nicht in der Welt Menschen geben, für den Gott diesen Leib geschaffen hat? Lassen wir doch alle Zimperlichkeit beiseite! Wenn Mann und Weib eine Einheit, eine wirkliche Einheit, ein Ganzes bilden sollen, so müssen die Teile zueinander passen; denn es ist viehische Stümperei, zwei X-Beliebige zusammenzukoppeln. Die leiseste Divergenz ist von Übel. Der Mann, der mir zugehört von Gotteswegen, ist da, ich habe auf ihn zu warten. Auf das Warten kommt es an. Lieber einen grauen Zopf bekommen, als sich vor der Zeit wegwerfen. Wenn Vater und Mutter von mir fordern würden, ich solle mir die Hände für sie wund arbeiten, Holz hacken, oder Steine für sie klopfen, es wäre dreimal ihr gutes Recht. Und niemals könnte ich ihnen damit die Liebe vergelten mit der sie mich von Kindesbeinen an umgeben haben. Nur meinen Leib sollen sie beiseite lassen. Mutter begreife ich noch eher. Sie läuft wie eine verängstete Henne umher, die für ihre Brut fürchtet. Vaters, der Jungen und Christinens Zukunft hängen von meiner Entscheidung ab. Da verlohnt es der Mühe, sich den Kuppelpelz zu verdienen. Punktum! Streusand darauf! Vorläufig sind Borck und die Jungen noch nicht da. Gott ist gnädig. Gott gibt mir eine Galgenfrist. Und oben auf dem Kamm ist die Sonne durchgebrochen, und unsere Baude hebt sich mit ihrem steinernen Fundament und ihrer verwitterten Holztäfelung von den finsteren Bergen, dem dunklen Waldrücken und der weithin gestreckten grünen Wiese wunderbar ab. Hier oben ist Freiheit. Ich ziehe mit tiefem Behagen die würzige Bergluft ein, ich möchte meine Brust weiten, alle meine Sinne öffnen und klaren Herzens meine Entscheidung treffen.

 

13. Juni.

Diese Misere eines bürgerlichen Offiziersdaseins wird trotz allem, was darüber in der Öffentlichkeit verlautet, von den wenigsten geahnt. Vater, der als Oberst Karriere gemacht hat, ist ein typisches Beispiel dafür. Sohn eines armen Landpastors, hat er von klein auf den leidenschaftlichen Wunsch, Soldat zu werden. Vater und Mutter sparen sich den Bissen vom Munde ab, und so setzte er es durch. Hätte vielleicht die Hand davongelassen, wenn er in die Zukunft hätte schauen können. Leidenszeiten, Entbehrungen über Entbehrungen, Zurücksetzung und Demütigungen, aber meines Vaters eiserner Wille, gepaart mit einer Befähigung, die weit über den Durchschnitt geht, setzt sich durch. Als Oberleutnant verliebt er sich in die Tochter des Generals von Rhön. Die Mitgift besteht in einer bescheidenen Ausstattung und bescheidenem Zuschuß. Jedoch die Zukunft sieht nicht mehr so finster aus. Der General gilt nicht als reicher, aber leidlich vermögender Mann, und sein Einfluß schützt den Vater vor ungerechter Behandlung, er wird ziemlich früh zum Hauptmann befördert und erregt als Militärschriftsteller von gründlichstem Wissen und angeborener Begabung die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise.

Papa und Mama passen scheinbar ausgezeichnet zueinander, d. h. sie sieht zu ihm empor, sie fügt sich demütig seinem Willen.

Die beiden Jungen kommen zur Welt, und wenn man auch auf Zwillinge nicht eingerichtet war, im Hause herrscht eitel Glück. Vielleicht dachte Papa damals, er hätte es geschafft. Prosit die Mahlzeit!

Der General von Rhön stirbt und hinterläßt Schulden, keine unmäßigen Summen, aber immerhin Schulden. Papa muß dafür eintreten. Und Jahre der Entbehrungen kommen, und auf die Zwillinge folgen Bruder Gottfried, ich und Christine. Manches liebe Mal ist mir Papa wie ein Märtyrer erschienen. Er beißt die Zähne aufeinander, er läßt sich nicht unterkriegen. Der Dienst geht ihm über alles. Er ist mit Leib und Seele Soldat. Aber zu Hause wird gehungert, für die Jungen gespart, die in die Kadettenanstalt kommen. Es steht von Anfang an fest, daß sie Offiziere werden. Widerspruch von ihnen wird nicht geduldet. Gottfried hat sich im Innern gegen den Soldatenberuf aufgelehnt. Man hat ihn nicht gefragt. Das Leben im Hause ist ein Hungerleben. Die Jungen brauchen eines Tages Zuschuß, und jeder Groschen muß gespart werden. Die Gebundenheit des Offiziersdaseins ist mir in vielen Stunden hassenswerter erschienen als die meisten anderen Gebundenheiten des Lebens. Ich darf derartige Gedanken nicht aussprechen, Papa würde es nicht ertragen. Als ich einmal Mama gegenüber eine Andeutung wagte, macht sie ein tödlich erschrockenes Gesicht, sah mich mit ihren großen, leeren Augen so hilflos an, daß ich nicht weiterreden konnte.

Papa macht Karriere, wird Major, Oberstleutnant, Oberst; die Jungen haben ihre Epauletten.

Soweit es dringend notwendig ist, repräsentieren wir. Man muß nach außen hin eine gesellschaftliche Stellung wahren. Papa schreibt halbe Nächte hindurch, um ein paar lumpige hundert Mark hinzuzuverdienen; die militärischen Zeitschriften und die Verleger militärischer Werke zahlen oft lächerliche Honorare. Man sollte diese Burschen aufhängen.

Ich möchte zum Haushalt beitragen und in fremden Sprachen unterrichten. Papa hat mir gehörig die Leviten gelesen: die Tochter eines Oberst, ob ich bei Troste wäre. Ich habe ihn selten so unwirsch, so verdrossen gesehen. Es reicht, solange er da und aufrecht ist. Sich bescheiden, aus Großstadtgenüsse, Putz, Tand, Prassereien verzichten lernen ist für eine Offizierstochter selbstverständlich; kein Wort ist darüber zu verlieren. Aus der Königlichen Bibliothek bekommt man Bücher ohne Entgelt, Herz, was begehrst du noch mehr!

Die arme Mama nimmt es tragischer als ich.

Daß es in den meisten Fällen nicht einmal reicht, um die Fähnchen für den Offiziersball aufzubringen, schmerzt sie mehr, als sie laut werden läßt. Ich lache sie aus. Aber mein jüngeres Schwesterchen denkt in punkto Offiziersball anders als ich. Das liebe Ding hungert nach dem Leben und dem Versorger.

Und nun kommt das Entsetzliche: Bruder Rolf, der eine von den Zwillingsbrüdern, hat Schulden gemacht, unsinnige Schulden, sage und schreibe gegen zehntausend Mark. Er hat sich Hals über Kopf in ein gewisses Frauenzimmer verliebt, das ihn hochgenommen hat, und dann ist er den Krawattenmachern in die Hände geraten. Die alte, klägliche Geschichte. In unserem Falle nur besonders fatal, weil es nicht auszudenken ist, wie ein Mensch, der von Jugend an unser glänzendes Elend mit angesehen, Vaters übermenschlichen Kampf mit erlebt hat, so wenig Selbstzucht besitzen konnte. Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, daß er ein Dieb ist, der fremde Gelder unterschlagen hat. Ich kann an seine verzerrten Züge nicht zurückdenken. Er machte eine so üble Figur, daß ich mich abwenden mußte. Wenn Mutter nicht gewesen wäre, er hätte sich eine Kugel durch den Kopf geschossen. Schließlich hatte ich die dankbare Aufgabe, ihm begreiflich zu machen, daß die Kugel für ihn zu schade sei. Denn diese Kugel würde nicht nur sein elendes Dasein, sondern auch Vaters Zukunft vernichten, ganz abgesehen davon, daß Vater nichts übriggeblieben wäre, als noch mit seiner lumpigen Pension für die Schulden des Herrn Kavaliers einzutreten.

Ich schreibe dies nieder und spüre deutlich, wie gouvernantenhaft-moralisch man an der Umgebung wird, in der ich aufgewachsen bin. Ein blutjunger Mensch verliebt sich, kommt in einen Rausch, ist trunken vor Glück, verliert Haltung und Besinnung ... mein Gott, ist denn das vor der Ewigkeit ein solches Verbrechen, daß man sich angewidert von ihm abwendet? Philister über dir!

Herr v. L. darf sich neben seiner Frau drei Mätressen halten, niemand zieht ihn deswegen zur Verantwortung, und mein armer Bruder kommt wegen seiner kleinen Tänzerin in Teufels Küche. Der kleine Racker wollte es gut haben, sonst war mit ihm nichts anzufangen, und meinen Bruder riß es in den Wirbel des Lebens. Alle zurückgedrängte Lebensgier brach plötzlich auf, keine Hemmungen mehr, nur Durst, entsetzlicher Durst.

Alles verstehen und nichts verzeihen, sagte Professor R. C. vor Jahr und Tag. Klingt gut und ist von infamer hundsföttischer Grausamkeit!

Mein Brüderchen, ich würde auf die zehntausend Mark spucken, zumal ich mir schon hundertmal die Frage gestellt habe: wer hat ein Recht auf Besitz, weshalb gehören die leuchtenden Steine und mattgrauen Perlen der Fürstin Wittgenstein und nicht mir? (Wobei ich notabene mir niemals Perlen und Steine ersehnt habe.) Ich würde die die mageren Arme und runden Beine deiner Tänzerin von Herzen gönnen, wenn es nicht auf Kosten des armen Papas ginge, auf Kosten einer Lebensführung, die auf den Grundpfeilern eherner Pflichttreue aufgebaut wurde.

Und insoweit fühle ich mich als Soldatenkind, daß ich vor diesem Preußentum, wie es in der Person meines Vaters verkörpert ist, unbedingte Ehrfurcht habe. Begleiterscheinungen, so widrig sie sein können, müssen mit in den Kauf genommen werden.

Papa hat für Rolfs Schulden gutgesagt. Wie er sie begleichen soll, ist ihm ein Rätsel, über dessen Lösung er in schlaflosen Nächten schlohweiß geworden ist.

Müßte man nicht darüber lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre, daß zehn braune Lappen das Schicksal einer Familie bestimmen sollen? Wird man es nicht einmal als einen vorsintflutlichen Zustand ansehen, daß seelische Leiden durch den Mangel an Vermögen entstehen und andererseits wie ein Wechsel ausgelöst werden können?

Papas Ehre ist durch den Leichtsinn und die Lebensfreude eines jungen Menschen gefährdet, seine Karriere steht auf dem Spiel, seine Gesundheit ist erschüttert.

Oberstabsarzt Dorn hat darauf bestanden, daß Papa Urlaub nimmt. »Wenn Sie sich dem Dienst erhalten wollen, so folgen Sie meinem Rat; ich stehe sonst für nichts ein.«

So ernsthaften Drängens hatte es bedurft, ehe Papa nachgab. Er steht vor der Generalsecke. Die Situation ist kritisch. Wenn man ihn mit nur einigermaßen gerechter Begründung vor dem Avancement abschieben kann, so wird man es aus mehr als einem Grunde tun.

Papa kennt den Rummel; er weiß, wie es gemacht wird. Er wehrt sich mit allen Kräften dagegen. Nicht nur, weil seine wirtschaftliche Existenz durch die Beförderung gesicherter wird, nein – und das ist für ihn ausschlaggebend –, weil er fest davon durchdrungen ist, daß sein Verbleiben im Dienst einen Gewinn für die Armee bedeutet, daß er auf Grund seiner überlegenen Fähigkeit einen gerechten Anspruch hat, höher zu steigen.

Bei Mama liegt die Sache anders. Papas Abschied würde sie tatsächlich zerbrechen. Der Traum ihres Lebens ist: Papa muß General, muß Exzellenz werden und zum mindesten den persönlichen Adel erhalten. An diese Vorstellung hat sie sich wie an eine fixe Idee die letzten zehn Jahre geklammert. Sie will es partout ihren adelsstolzen Verwandten beweisen, daß sie recht gehabt hat, als sie dem bürgerlichen Oberleutnant ins Ehebett folgte. Und um dieser Schrulle willen muß Papa befördert werden, oder ihr Lebensglück geht in Scherben.

Arme Mama! Wenn es nicht aus dem Kirchenbuch und dem Standesamtsregister untrüglich und urkundlich hervorginge, daß du mich neun Monate getragen und zur Welt gebracht hast, ich würde es ableugnen, so im wesentlichen sind wir aus anderem Holz geschnitten.

Mir kommen derartige Kalküls so lächerlich vor, daß sie nicht einmal in einem Kanarienvogelgehirn Raum haben dürften. Was geht mich der armselige Bettel von Stand und Titel an? Was schiert mich eine Verwandtschaft, die ihre Achtung von dem Grade der Beförderung abhängig macht! Mein Hochmut wehrt sich dagegen, daß ein dritter mich überhaupt erhöhen oder erniedrigen kann. Ich selbst erniedrige mich vor Gott und dem Genie, das Gottes teilhaftig und ein Beweis seiner Existenz ist. Aber vor den Menschen der Ebene mich beugen, nie und nimmermehr!

Genug für heute! Ich grüße Dich, meine liebste Freundin. Ich schütte Dir mein Herz aus, obschon ich weiß, daß diese Blätter Dich nie erreichen werden. Aber es ist mir ein leiser Trost in meinen Nöten, daß ein Versprechen, das nicht gehalten werden kann, mich zur Rechenschaft vor mir selbst nötigt. Tauge ich nichts im Dasein, so will ich wenigstens den Prozeß, der hier oben in den Bergen sich abspielt und letzten Endes mein Prozeß wird, mit unbedingter Ehrlichkeit buchen.

 

14. Juni.

Aller Augen sind spannungsvoll auf mich gerichtet. Leutnant von Borck hat mir geschrieben, Mama hat den Brief aufgefangen und mir übergeben. Ich stecke ihn achtlos in meine Handtasche und unterhalte mich mit ihr und Christinen von gleichgültigen Dingen.

»Möchtest du den Brief nicht wenigstens öffnen?« fragt Mama und ihre Stimme klingt vor Erregung hart und trocken.

»Nein,« sage ich, »das eilt nicht«, denn ihr Ton reizt mich, fordert meinen Widerspruch heraus.

»Der Brief ist von Borck, wir kennen seine Handschrift, was zierst du dich also?«

»Verzeihe! Einen Augenblick! Ist der Brief an Mama, an dich, oder an mich gerichtet? Nun gut, er ist an mich adressiert. Ich bin nicht neugierig. Ich werde ihn vor dem Schlafengehen lesen.«

Christine lacht gellend auf, und ich verlasse die beiden.

Ich gehe in mein Zimmer und riegle hinter mir zu. Ich fühle, wie mir die Tränen aus den Augen stürzen. Weshalb bin ich gegen Mama so grausam? Weshalb begreife ich sie nicht aus ihrem Wesen heraus und verlange von ihr Dinge, die außerhalb ihrer Art sind? Liegt darin nicht eine Anmaßung ohnegleichen?

Langsam öffne ich Leutnant Borcks Brief. Er schreibt in großen, ungelenken, beinahe kindlichen Schriftzügen. Er kann vor drei Wochen nicht bei uns sein. Kurz vor der Ernte hat er seinen Inspektor an die Luft setzen müssen, Veruntreuungen usw. Bevor nicht Ersatz da ist, muß er selbst zugreifen. Aber er sehnt sich nach Ruhe, hofft uns alle bei guter Gesundheit anzutreffen, freut sich insbesondere auf mich.

Ich lese den Brief noch einmal und spüre, daß mich ein unangenehmes Empfinden beschleicht. Sei es, daß ich gegen ihn voreingenommen bin, sei es, daß tatsächlich zwischen den Zeilen eine Art von Anmaßung und Selbstsicherheit liegt, die mich erregt. Reichtum erzeugt eine Atmosphäre, die mir widerwärtig ist, ein Selbstbewußtsein, das ich ablehne. Etwas Gönnerhaftes klingt aus seinen Worten, ein Durchdrungensein, daß er das Glück in unser Haus bringt, daß ich voll Seligkeit in seine weitgeöffneten Arme fliegen werde. Er ist der Gebende, wir, also auch ich, die Empfangenden. Ein bißchen Demut unsererseits ist am Platz. Es kommt nicht alle Tage vor, daß ein reicher Herr einem armen Mädchen die Hand bietet. Das wird einem, ohne daß es eigentlich recht ausgesprochen wird, doch ziemlich unverblümt unter die Nase gerieben. Was geht mich sein Inspektor an? Was kümmert es mich, daß ein Rittergut von 10 000 Morgen dem Besitzer Mühe und Plage schafft.

So wenigstens lese ich seinen Brief. Indessen, Herr Leutnant, Sie irren. So weit sind wir noch nicht. Vertraulichkeiten lehne ich ab. Und vielleicht ist es ein kleiner Irrtum Ihrerseits, daß jede Ware käuflich ist. Ich für mein Teil stehe außerhalb Ihres Kurses.

Als ich wieder aus dem Zimmer trete, eilt mir Mama mit bekümmertem Gesicht entgegen. Sie hat seit einiger Zeit eine Art von Leichenbittermiene je nach Bedarf parat, die mich zur Verzweiflung bringt. Und war ich fünf Minuten vorher noch bereit, ihr mein ungezogenes Benehmen abzubitten, so werde ich bei ihrem Anblick wieder störrisch und verschlossen. So hart, so unkindlich es klingt: die Mama hat kein Verständnis für mich, sie geht fremd an mir vorbei, ihr fehlt es an Takt, mein Inneres aufzuschließen.

Zuweilen stelle ich an mich die bange Frage, ob ich meinem Kinde gegenüber auch einmal so unbegabt sein werde. Mütter müssen um ihre Töchter werben. Es ist unbillig, von vornherein Vertrauen zu fordern, oder gar auf dem Schein der Dankbarkeit zu bestehen. Von Gehorsam will ich gar nicht reden. Denn es ist doch würdelos, zwischen Eltern und Kindern einen Zustand wie den zwischen Herr und Diener schaffen zu wollen.

Ich werde ganz gewiß meinem Kinde mit Ehrfurcht gegenübertreten. Ich werde mich erinnern, wie Mama mit ihrer Pädagogik sich mir entfremdet, mit ihrer Neugier mich beleidigt hat.

Werde ich je in die Lage kommen, Erinnerungen solcher Art aufzufrischen? Spiele ich vielleicht unter der Schwelle meines Bewußtseins doch schon mit dem Gedanken, Leutnant Borcks Frau zu werden, mit ihm auf sein Rittergut zu ziehen, und die Familie zu retten?

Nein, ich kann nicht, kann mich nicht hingeben, ohne zu wollen, ohne zu begehren. Das Gericht esse ein anderer, ich nicht. Ich komme nicht darüber hinweg, daß ich wie eine Ware gekauft, verkauft werden soll. Der Kaufpreis beträgt in preußisch Kurant zehntausend Mark; ich bezahle die Liebesnächte meines Bruders. Nein, ich zahle nicht. Es ist eine tolle Zumutung, daß ich mit meinem Leib und meinem Leben fremde Rechnung begleichen soll. Das geht über Elternrecht und Kindespflicht hinaus.

Mama fragt, was Herr von Borck geschrieben hat, und ich antworte voller Schadenfreude, er sei unabkömmlich, sein Inspektor sei ihm durchgebrannt.

Mamas Züge sind von einem hektischen Rot überflammt. Sie will etwas erwidern, aber sie verschluckt sich, als ob eine Fischgräte ihr in die Kehle geraten wäre. Ich will ihr helfen, aber sie wehrt lautlos ab und wendet mir den Rücken.

Einen Augenblick stehe ich betroffen da, finde ich mich selbst nicht mehr zurecht. Ich kann nicht anders. Man ist, wie man ist. Und der Vorsatz und Wille zur Güte ist schon an und für sich irrsinnig. Er schließt eine Freiheit des Handelns in sich ein, die nicht existiert. Als ob es in meiner Macht stünde, den Atem zehn Minuten anzuhalten! Wir werden bewegt, ein Etwas treibt uns ... So, jeder Antrieb von innen hört also auf? Entwicklung und Aufstieg sind Wahnideen? Und Dämonen jagen uns? Wie kommt es denn, daß wir innere Stimmen hören, daß wir jeder schmutzigen Handlung uns schämen, daß in uns ein Schaltwerk ist, das mit erstaunlicher Präzision unsere Entgleisung signalisiert?

Ach, ich rühre an Dinge, mit denen die Gescheitesten im Lande nicht fertig geworden sind. Ich lebe, strebe, bin und kenne weder meinen Anfang, noch ahne ich mein Ende. Wo ist meine Freiheit, wo meine Gebundenheit ...?

 

16. Juni.

Die Sonne hat die Berge durchglüht, und ich liege auf der Wiese und blicke in den klaren Äther. Ringsum tiefe Stille, ein Losgelöstsein von allem Weltlichen, von allen Begierden, ein wunschloser Zustand, in dem man sich eins fühlt mit dem All, wieder aufgenommen in die große Vaterschaft, beschattet von dem Heiligen Geist. Und alles ist so kristallklar, so Natur, so ganz enträtselt, daß einem die Komplikationen des Daseins als eine unbegreifliche Gedankenflucht erscheinen, als ein wüster Traum, der nur in unserer kranken, erregten Phantasie sein Erdreich hat.

Wir klammern uns an fixe Ideen, weil wir uns selbst verloren haben. Der rechte Weg liegt vor uns, aber wir verbinden uns die Augen, um ihn nicht zu sehen. Unser Geblüt ist schwer, und unser Gemüt ist krank. Hilfe, ein Arzt wird gesucht!

Papa hat einen Irrendoktor gekannt, zu dem ein Kollege sagte: Lieber Freund, ich glaube, Sie sind auch nicht normal. Worauf jener prompt erwiderte: Stimmt, aber haben Sie überhaupt jemals einen normalen Menschen gesehen? Etwas verrückt sind wir mehr oder minder alle.

Aber wenn wir ver-rückt sind – man achte auf den ursprünglichen Sinn des Wortes –, dann muß es doch eine Möglichkeit geben, seinen alten Standpunkt wieder zu gewinnen, Ebenso wie ich einen Gegenstand fortrücken und ihn wieder auf seinen alten Platz setzen kann, muß es auch in meinem Vermögen liegen, in meine Einfalt und Ursprünglichkeit zurückzukehren. Vielleicht haben wir zu viel dummes Zeug in uns aufgenommen, zu viel gelernt, und das ganze Kunststück bestünde darin, wieder zu vergessen, den unnützen Ballast fortzuwerfen, um wieder leicht und frei zu werden. Mehr Diätetik statt Ästhetik.

Ach, ich bin meinem Allempfinden wieder entrückt, ich grüble, ich starre auf die grünen Nadelbäume, auf die grüne Matte, auf die dunklen, bewaldeten Berge mit den abgeholzten Flächen, die goldbraun in der Sonne funkeln. Und mein Blick fällt in das weite Tal, in dem die Menschen ihre niedrigen Häuser, ihre kleinen Gefängnisse gebaut haben. Und durch die weite Ebene schlängeln sich wie weiße Adern die schmalen, gewundenen Wege. Herrgott, zeige mir den rechten Weg, den ich gehen muß. Abseits von den dunklen, schmutzigen Gassen führt eine freie, gerade Straße zur Höhe. Ich habe den Weg verloren, hilf ihn mir finden!

 

Am Abend desselben Tages.

Wir sitzen alle um den Sofatisch am äußersten Ende des Saales. Die Azetylenflammen sind entzündet und durchfluten mit ihrem gelben, hellen Licht den großen Baudensaal mit der braunen, hölzernen, von Balken durchquerten Decke. Der Wirt ist Förster von Beruf. Die drei Gaskronen sind aus Geweihen kunstvoll von ihm gefertigt, und Geweihe, große und kleine, schmücken überall die Wände.

Wirt und Wirtin sind jung. »Ich habe die Geweihe an die Wand geschlagen, damit das Weib mir keine Hörner aufsetzt. Wer ein Jäger ist, baut rechtzeitig vor und traut keinem Wilde.«

Der Wirt lacht und legt die schwere Hand auf die Schulter der zarten Frau.

Ich glaube, mit Zeigefinger und Daumen würde er ihr die Kehle abschnüren, wenn sie sich zu mucksen getraute. Herr und Hörige! Und da steht die geladene Flinte. Wehe dem, der in sein Gehege einbricht!

Ein leichter Schauder überkommt mich. Ich habe zur Magd nicht die geringste Veranlagung und wäre dennoch elend, wenn ich nicht meinen Herrn fände.

Leutnant von Borck mag sich hüten, der Kaufpreis könnte ihm hoch zu stehen kommen. Ich fürchte, mit zehn braunen Lappen ist es nicht getan.

Alles, was eine Frau in ihrem Schade,! wälzt, ist abgeschmacktes schales Zeug. Ich darf von mir sagen, ich habe niemals an die sogenannte Emanzipation der Frauen geglaubt, an die Arbeit ihrer Hände: ja, an die ihres Hirns: nein.

Kreisphysikus Wernicke sagte bei der heutigen Abendunterhaltung, als die Rede darauf kam, die Frauenbewegung der letzten dreißig Jahre sei wohl der größte Schwindel, den er erlebt habe. Und der Finanzrat und Papa stimmen bei.

Ich leugne, weil mich seine zynische Art reizt, aber im Innern bin ich seiner Ansicht. Die Herren diskutieren ernsthaft mit mir, machen mir zu Mamas und Christinens Ärger um die Wette den Hof. Ich lasse es mir gefallen. Ältere Herren haben mich immer angezogen. Man hat bei ihnen ein gewisses Gefühl der Sicherheit und vielleicht auch eine Dosis schadenfroher Überlegenheit. Man ist auf Grund seiner Jugend der Stärkere. Papa amüsiert das Gespräch, es macht ihm offenbar Spaß, daß ich eine gute Klinge schlage. Denn gegen den Kreisphysikus ist nur schwer aufzukommen, und es will schon etwas heißen, wenn man seine Schläge leidlich pariert.

Er sagt: die Talentlosigkeit der Frau in den höheren Bezirken braucht nicht erst bewiesen zu werden.

Daß sie auf militärischem oder wissenschaftlichem Gebiet nichts geleistet hat, ist bekannt und weiter nicht erstaunlich, aber auch, wo ihr niemals eine Schranke gesetzt war, hat sie glatt versagt. Man sollte doch annehmen, daß sie zum mindesten in der Schaffung von Gefühlswerten dem Manne ebenbürtig sei. Ein fataler Irrtum. Nennen Sie mir, meine Gnädigste, eine Ihres Geschlechts, die als Dichterin, Malerin, oder Komponistin etwas Geniehaftes zu Wege gebracht hat. Sie sind im besten Falle Kopisten. Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Wie sie Sprachen rascher als wir erlernen, so sind sie in allem behender und geschwinder, vermögen dem Manne seine Künste abzugucken, um dann Kopien für Originale auszugeben.

»So,« sage ich: »und Sappho, Maria Theresia, Angelika Kaufmann, Selma Lagerlöf und Frau Curie, die Entdeckerin des Radiums?«

Finanzrat von Wehlen und er lachen unisono auf. Der Kreisphysikus nimmt seine Hornbrille ab und sieht mich gutmütig schalkhaft an: »Sprechen Sie nicht von Maria Theresia; sie war eine leidlich anständige Frau, mittelmäßig begabt, aber in dieser Zeit gab es nur ein Genie, und das hieß Friedrich der Große! Und die anderen, die Sie genannt haben, na, reden wir nicht darüber, es verlohnt sich nicht der Mühe.«

»Die Lagerlöf ist eine der stärksten Persönlichkeiten unserer Zeit; ihr »Gösta Berling« gehört zu den Büchern, die ewigen Bestand haben.«

»Ach,« erwiderte er, »lassen wir die Ewigkeit aus dem Spiel; mit so vagen Begriffen weiß ich nichts anzufangen. Ich leugne Ihnen ja nicht, daß die Frauen leidliche Bilder und Bücher fabrizieren, das sind provinzielle Angelegenheiten. Über die reden wir nicht. Aber glauben Sie im Ernste, daß eine Frau den »Faust« dichten, die »neunte Symphonie« komponieren, Rembrandts »Saul und David« malen könnte?«

Ich schweige.

»Nun sehen Sie,« fährt er fort, »darum allein handelt es sich doch.« Und ohne meine Niederlage zu beachten, setzte er hinzu: »Ich stelle gar nicht so hohe Ansprüche. Ich behaupte, auf ihrem eigensten Gebiet ist die Frau von einer stupiden Unbegabtheit. Man sollte meinen, daß jemand, der tagaus, tagein mit der Küche zu tun hat, mühelos zu gewissen allgemeinen Resultaten gelangen müßte. Hier ist doch die eigenste Angelegenheit der Frau, und vor wie lohnende Ausgaben stellt sie das tägliche Leben! Nein, sie geht achtlos daran vorbei, auf Schritt und Tritt stolpert sie über Probleme, aber es fällt ihr aus angeborener geistiger Trägheit beileibe nicht ein, sich zu bücken und sie aufzuheben.«

Ich blicke ihn erstaunt an.

»Sehr einfach ist die Geschichte,« nimmt er, seinen Faden wieder auf, »der kleinste Haushalt gibt Gelegenheit zu zusammenfassender Betrachtung. Würde eine Frau auf den Gedanken kommen, Buch zu führen über alles, was sie in der Küche verbraucht, sie könnte aus ihrem engen Bezirk wesentliche Beiträge zur Volkswirtschaft bieten. Und würde sie nur etwas tiefer in ihre Kochtöpfe gucken, die bedeutsamsten chemischen Prozesse würden ihr klar werden. Es reicht eben nicht. Und das Schönste ist, wenn man einen Mann in die Küche stellt, ist er auch hier, auf ihrem eigensten Gebiet, der Frau überlegen. Oder, meine Verehrteste, gibt es eine Frau, die mit Brillat Savarin konkurrieren kann? Nein, die gibt es nicht!«

»So schlagen Sie uns tot, denn wir sind von Übel,« antwortete ich; »im übrigen, wo wären Sie, wenn wir nicht wären?«

»Buddha und Jesus hielten sich vom Weibe fern«, entgegnete er trocken. »Daß ich einer Mutter Sohn bin, betrachte ich nicht gerade als ein Glück. Ich komme vom Vater und gehe zum Vater. Wenn ich mich unterwegs bei den Müttern aufhalte, so ist das nur eine Station, mein Zug fährt weiter. Zum Wohle, mein kleines Fräulein!«

Mama und Christine haben sich ruckartig erhoben, Mama gibt mir einen Wink und ich breche ebenfalls auf. Ich muß ein betroffenes Gesicht gemacht haben, denn Papa hält einen Augenblick meine Hand und sieht mich sehr ernst und sehr gütig an.

»Gute Nacht, lieber Vater! Gute Nacht, meine Herren, und nichts für ungut, Herr Physikus!«

Auf dem Absatz der Treppe bleibt Mama stehen. Ihr Zorn muß sich erst Luft schaffen.

»Solche Gespräche sind für ein junges Mädchen höchst unpassend! Sie fangen scheinbar harmlos an und enden mit dreisten Bekenntnissen. Zynischen Junggesellen geht man im übrigen lieber aus dem Wege.«

Christine und ich ziehen sich schweigend aus. Plötzlich macht meine Schwester eine Bewegung, als wollte sie mir an die Kehle springen.

Ich sehe sie starr an, und nun bricht sie in ein krampfhaftes Weinen aus und stößt mich zurück, als ich ihr helfen will. Ich sage kein Wort, ich lösche das Licht aus. Mußt selbst mit dir fertig werden, armes Schwesterlein!

 

Zwei Tage darauf.

Herr von Wehlen trägt das Haar ganz kurz geschoren. An den Schläfen ist es licht geworden. Er hat die ausgezeichneten Manieren eines höheren Beamten. Vielleicht war er in jüngeren Tagen ein Lebemann. Übrigens hat er die Fünfzig noch nicht erreicht. Genauere Angaben über sein Alter meidet er behutsam, im Gegensatz zu dem Kreisphysikus, der noch kein graues Haar hat und, ohne gefragt zu sein, uns neulich mitteilte, daß er im 47. Sommer seines Lebens stünde.

Herr von Wehlen macht mir Konfidenzen; er sucht Gelegenheit, mit mir allein zu sein. Mama und Christine sind empört, weil ich ihm nicht mehr ausweiche. Er erzählt mir von seinen privaten Verhältnissen, läßt durchblicken, daß er der Einsamkeit überdrüssig und in immerhin sorgloser Lage sei. Übrigens fühle er sich noch durchaus jung und lebenskräftig.

»Heiraten Sie, Herr von Wehlen, Sie sind jetzt in dem mürben Zustand, der für die Ehe taugt. Lassen Sie sich nicht durch Buddha und Jesus abschrecken!«

»Sie sind von einer entzückenden Bosheit. Wenn Sie die Courage hätten, ich wäre sofort von der Partie, ich wäre imstande ...«

»Um Ihretwillen, hören Sie auf, ich könnte ja sagen, und Sie wären ein geschlagenes Menschenkind. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, ich gebe Ihnen mein Wort: Sie hätten seine ruhige Stunde mehr, bei Tage und bei Nacht nicht, Gott bewahre Sie vor so saftiger Dummheit!«

Ich habe in tiefem Ernst gesprochen.

Er mißt mich mit einem langen, verdutzten Blick. Mißt mich vom Scheitel bis zur Sohle.

»Höchst interessant, was Sie da sagen. Übrigens möchte ich konstatieren, daß Sie eine bedingte Hoffnung offen lassen, daß ich mir demnach keinen Korb geholt habe, daß meine feierliche Werbung noch bevorsteht!«

Ohne meine Antwort abzuwarten, entfernt er sich mit einer leichten Verbeugung. Er ist ganz Kavalier und hält seine Art für unwiderstehlich. Dieser Menschenschlag ist in seiner Selbstsicherheit von einer unfreiwilligen Komik.

Als ich Herrn von Wehlen nach ein paar Stunden wieder begegne, ist er von befremdlicher Zugeknöpftheit. Sollte er Verdacht hegen, ich könnte mich über ihn lustig machen? Seine Eitelkeit ertrüge das nicht. Denn eitel ist er bis in die Knochen. Sein soigniertes Äußeres, seine gepflegten Hände, die er unausgesetzt zeigt, verraten es. Er hat die Gewohnheit, sobald er sitzt, den Ellbogen aufzustützen und den Ärmel so weit zurückzuschieben, daß man sein schmales Handgelenk wahrnimmt. Übrigens ist er keineswegs ungezogen zu mir, dazu ist er zu sehr Weltmann; er wahrt durchaus die Form. Er unterhält sich angelegentlich mit Christine, die wie ein verdüstertes Mauerblümchen bisher dagesessen und nun unter seinem Redeschwall aufblüht. Die kleine Komödie amüsiert mich. Ich hätte einen diebischen Spaß, wenn Herr von Wehlen und mein Schwesterchen sich paaren würden. Mama ist von der Wendung der Dinge angenehm überrascht. Sie korrespondiert mit ihrer Schwester und hat über Herrn von Wehlen recht befriedigende Auskunft erhalten. Ausgezeichnete Familie, Adel, allerdings neueren Datums, erst vom Vater her. Er gilt im Ministerium als zuverlässige Kraft und hat begründete Aussicht, noch höher zu steigen. Seine Verhältnisse sind durchaus geregelt, er besitzt von Hause aus ein kleines Vermögen. Mama findet ihn bereits sympathisch und bemerkt nebenbei, daß er gut aussieht und kaum über 40 Jahre zählen dürfte.

Ach, liebste Mama, ich finde dich unsagbar rührend, ich begreife, daß du im stillen ein paar Jahre fortsubtrahierst, um Herrn von Wehlen annehmbar zu machen.

Christine senkt die Augen. Ihre Backenknochen treten mehr als sonst hervor. Dabei ist sie keineswegs reizlos. Wenn Herr von Wehlen auf sie einspricht, glüht ihr Gesicht und ihre Augen leuchten. Der Kreisphysikus wirft einen flüchtigen Blick zu den beiden hinüber, als wolle er sich orientieren.

»Haben sie die Diagnose festgelegt?« frage ich ihn leise.

Er lacht auf seine perfide Art in sich hinein: »Das Fräulein Schwester hat ausladende Hüften,« antwortet er in dem gleichen gedämpften Ton, »zum Kinderkriegen wie geschaffen. Hoffentlich versagt Herr von Wehlen nicht.«

Seine Unverschämtheit macht mich einen Augenblick perplex, ich fühle, wie mir die Stirnader über der Nasenwurzel anschwillt.

Er sieht mich durchdringend an, als wollte er mich mit seinen Augen wie in einer Zange festhalten: »Ich nehme an, daß Sie viel zu gescheit sind, als daß Sie dieses, harmlosen Scherzes wegen gekränkt sein könnten.«

Ich wechsele den Ton. »Gut, gut,« antwortete ich, »indessen, es lag mir fern, Sie zu solcher Vertraulichkeit! zu ermutigen. Offenbar lag die Schuld an mir.«

»Ganz gewiß lag sie bei Ihnen«, erwiderte er mit unerschütterlicher Gelassenheit. Dabei zieht er seiner Gewohnheit gemäß die Mundwinkel herab und streift mich mit einem sarkastischen Blick, der mir unerträglich ist. In diesem Blick liegt ausgesprochen: Und sie ist doch eine Gans, ein Gänschen wie all die anderen. Dann wendet er sich mit einer gleichgültigen Frage an Papa.

Ich bin in meiner Eitelkeit getroffen. Ich habe ihn herausgefordert, nicht mit dem Verstände, sondern mit dem ... pfui Teufel, ich spreche das Wort nicht aus. Ich schäme mich meiner Überheblichkeit, meiner geschlechtlichen Hinterlist.

Das ist es: wir sind hinterlistig, feige und gemein, wir wagen uns vor, wir locken auf eine infame Art, wir werfen den Köder aus, auch wenn wir nicht ernsthaft wünschen, daß der andere Teil anbeißt. Geschieht das, ziehen wir uns zurück und setzen eine beleidigte Miene auf, spielen die Entrüsteten. Hat Mama in ihrer Einfalt, in ihrem fraulich-mütterlichen Instinkt nicht recht, daß in mir etwas Gefährliches, etwas Ruchloses steckt!? ...

Der Kreisphysikus schielt unter seiner Brille zu mir herüber. Ich erhebe mich rasch, schütze Müdigkeit vor und wünsche gute Nacht. Mama schließt sich mir an. Sie hat nichts dagegen, daß Christine noch ein wenig verweilt. Sie zeigt plötzlich einen delikaten Takt für Dinge, die noch in der Entwicklung sind. Unterwegs will sie mir etwas anvertrauen, mir eine Erklärung geben, ich fühle es, küsse sie hastig auf die Stirn und flüchte in mein Zimmer.

Die Fenster sind weit geöffnet, ein ausgestirnter Himmel wölbt sich über den Bergen. Ich beuge mich weit hinaus, ein Elend ist in mir, ein Gefühl, das jeder einmal erlebt hat. Man möchte aufschreien vor Scham, man hat einen Geschmack auf der Zunge, ekler als von der widrigsten Speise, man hat sich selbst auf frischer Tat ertappt, man sieht von ungefähr in einen Abgrund, die Haut ist von einem abgezogen, man blickt in sein Inneres und schaudert vor sich selbst. Und schließlich stoße ich in der Tat, um nicht zu ersticken, um mich zu befreien, einen unartikulierten, nur für mich hörbaren Laut aus.

Ich atme tief auf. Mit welchem Recht urteile ich andere ab? Welch unsinniger Hochmut steckt in mir? Habe ich im stillen nicht die Mama bereits der Kuppelei geziehen, die arme Mama, die in ihren Ängsten wie ein Fischlein in einem zugezogenen Netze zappelt?

Ach, das Leben ist es, das uns armselig macht, das uns verzerrt. Hätte die Mama einen dicken Gutsbesitzer gefunden, sie wäre auch rund und fett geworden; zwischen Schinken und Würsten, gestopften Gänsen und gemästeten Schweinen hätte sie ein behagliches Lachen von sich gegeben, die beste aller Hausmütter, die gewissenhafteste aller Gluckhennen.

Des Kreisphysikus Augen tanzen auf meiner weißen Decke! Spuk – Spuk – Spuk! Und nun höre ich kurze Schritte, Christine tritt auf den Fußspitzen in das Zimmer.

»Bist du noch wach?« fragt sie ganz leise. Gott sei Dank, ich höre eine menschliche Stimme! Unbewußt falte ich die Hände. In seinen Ängsten wird man wieder zum Kinde: Lieber Gott, gib, daß ich ein sauberer, reiner Mensch werde!

 

Zwei Tage später.

Ungemütliche Stimmung, alles wie verhext. In der Mitte steht ein heißer Brei, und wir gehen um ihn herum wie die Kätzlein. Ich suche das Alleinsein, meide die Herren, achte peinlich darauf, das tête à tête zwischen Christine und Herrn von Wehlen nicht zu stören. Und der Effekt ist, daß meine reinen Absichten mißverstanden werden. Mein zurückhaltendes Benehmen reizt die Herren. Sie suchen geflissentlich meine Gegenwart. Mama und mein Schwesterchen halten mich für eine verbrecherische Person.

Schließlich faßt sich Mama ein Herz und stellt mich: »Was willst du eigentlich«, fragt sie mit mühsamer Selbstbeherrschung. »Gehst, du auf Männerfang aus oder was bezweckst du sonst?«

Ich sehe sie mit einem eisigen Blick an und erwidere nichts. »Ich dulde dieses raffinierte Spiel nicht, ich schäme mich deinetwegen.«

Etwas muß in meinem Blick gelegen haben, vor dem Mama Furcht bekommt. Sie bricht ab und wendet mir den Rücken. Mein Zorn verraucht. Ich kann Mama auf die Dauer nicht gram sein, ich fühle mich ihr zu überlegen. Ist das Anmaßung? Nie und nimmermehr! Mama schämt sich meinetwegen. Das ist Denkträgheit. Ein Gefühl der Scham kann man nur seiner selbst wegen haben. Ich, ich habe es gestern gespürt, bis zur Neige es ausgekostet.

Das Gefühl der Verantwortung geht über die eigene Person nicht hinaus, es wird sonst lächerlich und führt ins Endlose. Wenn jeder Mensch mit dem Schämen bei sich anfinge, bei sich aufhörte, dann wäre ein Grad der Sittlichkeit erreicht, der jeden Selbstbetrug, jede niedrige Gesinnung ausschalten würde. Jedoch dies muß man ganz, ganz allein mit sich abmachen, denn es ist ein Gebot der Anständigkeit, seine Scham zu verhüllen. Oder ist es Feigheit, sie zu verbergen? Schamlose Feigheit? Verstecken wir uns hinter Hornbrillen, damit man uns nicht erkennt? Haben wir nicht eine entsetzliche Furcht, erkannt zu werden? Verschleiern wir nicht gerade deswegen unser wahres Gesicht? Ist Form und Sprache nicht deswegen erfunden worden, damit wir uns hinter ihnen verkriechen? Besteht unser ganzes Dasein nicht darin, daß wir eine Maske tragen? Und werden wir nicht von Kindesbeinen an dazu erzogen, das freie, echte Gefühl in uns zu ersticken? Wir kommen mit klaren Augen, ungetrübten Blicken auf die Welt, und Väter, Mütter, Lehrer mühen sich um die Wette, das Gerade krumm, das Reine trübe zu machen. Und wer sich diesen vereinigten Anstrengungen zum Trotz noch einen Rest von Sauberkeit und stolzer Gesinnung erhält, dem wird vom Leben übel mitgespielt. Die weltliche Komödie bringt es mit sich, daß wir unseren Sinn für das Schöne aufgeben und die kleine erbärmliche Rolle spielen, die uns das Leben aufzwingt. Wir sind nicht, sondern wir scheinen. Und wenn mir Gott Augen gegeben hat, die strahlen, so sündige ich wider den heiligen Geist, meine Augen dürfen nicht strahlen.

 

Am Nachmittag.

Ein Brief von Gottfried an mich, und ein Brief Rolfs an seine Tänzerin, der als unbestellbar durch irgendeinen Teufelszufall in die Baude flog. Ich habe vor dem Briefgeheimnis unbedingt Achtung, aber Rolfs Brief muß ich öffnen. Es erscheint mir als ein Schicksalswink, daß er in meine Hände gefallen ist. Und da ich in die Affäre hineingezogen, gewissermaßen dazu ausersehen bin, sie zu Ende zu führen, so habe ich wohl ein Recht dazu. Und dennoch zögere ich. Ein fatales Empfinden beschleicht mich. Was gehen mich im Grunde Rolfs Geschichten an? Ich weiß mich von Neugierde frei, aber wenn Rolf jetzt, wo Papa für ihn eingetreten ist, diese Liebschaft fortsetzt – denn, der Poststempel ist jüngsten Datums –, wenn alle Opfer, die man ihm bereits gebracht, umsonst gewesen sind, wenn, sich hier trotz Papas Zusammenbruch eine gewissenlose Gier auftut, so muß man ihm entgegentreten, ihm die Zähne zeigen. Cave canem, pflegt Papa zu sagen.

Ich öffne entschlossen den Brief, Gott hat es so gewollt. Rolf schreibt:

»Mein süßes, kleines Wesen, das sind die letzten Zeilen, die Du von mir erhältst; denn es muß zu Ende sein, ich habe Papa mein Ehrenwort gegeben. Aber tröste Dich, auch ohne Ehrenwort wäre ich nicht mehr zu Dir gekommen. Das Programm hat sich ein wenig geändert, aber das Finale war doch vorgesehen. Aufrichtig gesprochen, ich dachte an einen Kopfschuß. Nun hat man vorzeitig Feuerlärm geschlagen, und ich bleibe dem Leben geschenkt, denn, mein süßer Fratz, mein Sterben würde, man hat es mir mathematisch bewiesen, von allem andern abgesehen, Papas Existenz und die meiner Familie vernichten. Wer Herr seines eigenen Kadavers zu sein glaubt, ist eben in einem Irrtum befangen. Ich bin mir durchaus bewußt, daß dies alles Dich verdammt wenig interessiert. Und ich pflichte Dir in solcher Auffassung, mein geliebter kleiner Spatz, vollkommen bei. Ich schreibe es auch nur als Einleitung zu etwas Wesentlicherem.

Der Zweck dieser Zeilen ist, Dir zu danken. Ich habe für Dich mit Wonne Schulden gemacht, weil ich einmal im Leben glücklich sein wollte, einmal glücklich gewesen bin. Du warst für mich etwas so Neues, Wunderbares, warst in Deiner holden Lasterhaftigkeit das, was ich in kühnsten Träumen mir erträumt hatte. Nicht eine Sekunde habe ich mir ein Gewissen daraus gemacht, Dich in Seide zu kleiden, mit Dir Sekt zu trinken. Denn Sekt und Seide gehören eben zu Dir. Fremdes Geld, was kümmerte mich das! Ohne Bedenken hätte ich einen Juden totgeschlagen, um zu Dir zu gelangen. Wie gesagt, ich rechnete mit dem Kopfschuß. Und so ruhig und heiter wie ich, hätte sich keiner davon gemacht.

Das alles solltest Du wissen. Und nun lebe wohl, Süßes! Liebes, Unvergeßliches! In der Ewigkeit will ich niemandem als Dir begegnen.

Dein Rolf.«

Ich muß ins Freie. Ich laufe wie gehetzt nach Ober-Iser, nur um keiner Seele zu begegnen. Ich bringe meine Gedanken nicht zusammen, sie flattern wie Fetzen in alle Winde. Dieser schrankenlose Bursche, dieses Sichhinwegsetzen über alle Werte des Lebens, dieses Leugnen jeder Kindesliebe, dieser brutale Egoismus! Nach allem, was er angerichtet, nicht eine Spur von Reue! Und das ist meiner Mutter Sohn, von meinem Vater in die Welt gesetzt, ist mein Bruder! Jawohl, mein Bruder ... in aller Empörung, trotz allem Widerstande fühle ich sein Blut in meinem Blut. Nein und tausendmal nein, du und ich sind durch eine Welt geschieden, mögen die gleichen Möglichkeiten in meinem Hirn und Herzen sein, ich trete sie nieder. Ich sehne mich nicht nach heimlichen Lastern, ich bändige die Gier in mir. Du hältst es mit dem Leib, ich suche meine Seele. Zwischen dir und mir ist keine Gemeinschaft.

Und nun lese ich Gottfrieds Brief, und tiefe Trauer zieht in mir ein. Gottfried schreibt, ich müßte vor seinem Kommen die Eltern auf einen großen Schmerz vorbereiten. Er könne nicht länger Offizier bleiben, er fühle sich in seinem Berufe bis zu einem Grade elend, daß er zuweilen für sich fürchte. Sein Streben ginge nach ganz anderen Richtungen. Darüber könne er nur mündlich mit mir sprechen. Er rechne mit meiner schwesterlichen Liebe, mit meinem Verstehen und Begreifen. Der Gedanke, die Kette, an die man ihn wieder seinen Willen geschmiedet, durch das ganze Leben schleifen zu müssen, sei für ihn nicht zu ertragen. Am Schlusse schreibt er noch, daß Rolf nicht auf die Iserbaude käme. Aus begreiflichen Gründen wäre ihm zurzeit eine Begegnung mit der Familie unerwünscht. Dagegen würde Gerhart mit Borck in allernächster Zeit eintreffen.

Rolf kommt nicht, aber weshalb hat Borck ihm in seiner Not nicht beigestanden? Rolf hat ihn nicht drum gebeten, bitten liegt seiner Natur nicht, aber hat er darum gewußt? Das ist die Frage!

 

Am Abend desselben Tages.

Ziemlich lebhafte Unterhaltung zwischen Papa, Wehlen und dem Kreisphysikus. Die Herren sprechen über ihre Berufsarbeit und dergleichen. Mama, Christine und ich sitzen ebenfalls am Tisch und hören schweigend zu. Papa sagt: gerade weil er Soldat sei, könne er auf sein Leben nur mit Bitterkeit blicken. Ein Offizier, dessen ganzes Dasein durch den Frieden verbraucht werde, gleiche einem Schauspieler, der immer nur probiert und niemals vor dem Publikum gespielt habe. Er sei weit davon entfernt, etwa auf Kosten seiner persönlichen Wünsche für Deutschland einen Krieg herbeizuwünschen, aber daß dieser ewige Friedenszustand auch nicht gerade für die Volksgesundheit das Ideal darstelle, sei seine feste Überzeugung. Der Krieg sei für die Blutzirkulation des Volkes eine Notwendigkeit, sonst werden die Säfte dick, faul und träge. An die Stelle von Energie und Enthaltsamkeit trete Verschwendung, Wohlleben, Völlerei und Ausschweifung.

Der Kreisphysikus bemerkt spöttisch, daß die Aderlässe, die die Chirurgen und Bader in früheren Zeiten vorgenommen, doch eine ziemlich bedenkliche und veraltete Methode seien. Der Krieg als Aderlaß am Körper des Volkes sei etwas so Zweischneidiges, daß er zu dieser Operation kein rechtes Vertrauen habe. Im übrigen sei es die alte Geschichte: jeder verwünscht seinen Beruf, kommt bei einer gewissen Altersgrenze zu der Erkenntnis, daß alles Pfuscherei und höchst überflüssig sei. »Meinen Sie, Herr Oberst, mir macht es ein besonderes Vergnügen, jahraus, jahrein im Halse herumzupinseln, Verbände anzulegen, Prießnitzumschläge, Arsen, Digitalis und Kamillentee zu verordnen und im übrigen die Menschheit als eine Herde von Versuchskaninchen zu betrachten? Halten Sie das für eine dankbare und interessante Lebensaufgabe?«

Papa schüttelt den Kopf: »Die Wissenschaft schreitet von! Jahr zu Jahr fort und stellt immer neue Probleme.«

»Und der Patient stirbt mit der nämlichen unabwendbaren Regelmäßigkeit, wenn ihm die Natur nicht hilft.«

»Wir sind alle arme Schacher vor dem Herrn«, ergänzt der Geheimrat. »Mein Gott, ich hätte mich mit dem Aktenstaub am Ende abgefunden, wenn der Aufstieg nicht eine solche Kette von Widrigkeiten und Demütigungen gewesen wäre. Die Vorgesetzten schießen wie Pilze aus dem Erdboden, und wer bei dieser ewigen Bäckerei einen geraden Rücken behält, hat eine Pferdekonstitution. Dienst, Unterordnung, und nochmals Dienst und nochmals Unterordnung! Man sagt, die Größe Preußens ruht auf seiner Armee und seinem Beamtentum. Stimmt! Und jeder Zeitungsschreiber wiederholt es bei passender Gelegenheit, und der Abonnent liest es. Und ich behaupte: die wenigsten wissen, welche Selbstentäußerung, welches Martyrium hinter dieser abgebrauchten Formel liegt. Und dabei ist man nie seines Daseins sicher. Hinter einem steht immer eine Legion, die darauf lauert, daß man den Abschied nimmt, oder erhält. Ja, der Staat selbst ist mißmutig, wenn man zulange auf seinem Posten ausharrt. Bei einer gewissen Charge und Gehaltshöhe ist man in den Ämtern für Auffrischung und Abwechslung empfänglich. Der Feldwebel bleibt, der Major hat seine Schuldigkeit getan, kann gehen.«

Papa ist sehr ernst geworben. Herr von Wehlen spricht klar und dürr aus, was offenes Geheimnis ist.

Der Kreisphysikus: »Sie sind in Ihren Äußerungen etwas unvorsichtig, verehrter Herr Geheimrat. Was Sie sagen, hat beinahe einen revolutionären Anklang.«

»Mein Lieber, damit werden Sie mich nicht ins Bockshorn jagen. Das ist mein Morgen- und Abendgebet, jeder im Ministerium bekommt es von mir zu hören. Und das schlimmste ist,« fährt er fort, »wie miserabel wir für unsere Arbeit entschädigt werden! Wer nicht von Hause aus eine gewisse Unabhängigkeit besitzt, muß glatt verhungern.«

Eine dumpfe Röte überzieht bei diesen Sätzen sein Gesicht. Man merkt, daß er nicht mehr der Jüngste ist.

»In dem Punkte könnten wir vom Ausland lernen. Ein Richter bezieht in England ein fürstliches Gehalt, und dementsprechend ist es in den anderen Staatsberufen. Man soll die Prozeßkosten meinethalben verzehnfachen, damit Krethi und Plethi nicht um jedes Drecks willen zum Kadi laufen. Man soll jedem Reichen, der zu Gericht geht, das Fell über die Ohren ziehen, aber man soll seinen Offizieren und Beamten ein menschenwürdiges Dasein schaffen. Dixi, meine Herren! Auf Ihr Wohlsein, meine Damen!«

Herr von Wehlen hat Eindruck gemacht. Besonders bei Mama, die in punkto Gehalt heimlich Sozialdemokratin ist.

Der Kreisphysikus lächelt boshaft. »Alles gut und schön«, sagt er, »nur sollte Ihre Revolution nicht bei den bevorzugten Kasten einsetzen. Wer des Königs Rock trägt, ist von Hause aus begnadet, und wer Geheimrat ist, kommt dicht hinter dem lieben Gott.«

»Es fehlte noch, daß Sie sich über uns lustig machen, Herr Kreisphysikus! Wer weit vom Schusse ist, hat es leicht, tapfer zu sein.«

Der Kreisphysikus lacht hart und trocken auf: »Da haben Sie, weiß Gott, recht, Görlitz liegt weit vom Schuß. Wenn Sie in Pension gehen, sei es Ihnen dringend empfohlen. Es ist das Asyl aller verabschiedeten Offiziere und Beamten. Schmoren Sie nur ein paar Jahre in dem Nest, und Sie werden Ihre Kaserne und Ihr Ministerium mit anderen Augen ansehen!«

»Die Herren sind ja in eine recht gemütliche Stimmung geraten«, werfe ich ein.

Herr von Wehlen macht mir eine galante Verbeugung, und zu Mama gewandt: »Ich bitte um Verzeihung, wenn wir die Damen mit unseren Alltagssorgen geödet haben.«

»Keine Ursache,« entgegnete Mama verbindlich, »im Gegenteil! Sie haben mir in vielem aus dem Herzen gesprochen. Es hat mir geradezu wohlgetan.«

Ich sehe Mama erstaunt an. Ich kann ein leises Lachen nicht unterdrücken. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, was ihr an dieser Vorlesung so wohlgetan hat.

 

22. Juni.

Herr von Wehlen zwingt mich/ ihn anzuhören. Er dämpft alles Gefühlsmäßige ab, er benimmt sich wie ein korrekter Weltmann. Er gibt zu, nicht mehr der Jüngste zu sein, aber auf der anderen Seite kenne er das Leben und fühle in sich die Kraft usw. usw. Er stellt klipp und klar die Frage, ob ich es mit ihm nicht wagen wolle.

Ich bin in tödlicher Verlegenheit, ich suche nach Worten aber Gott kennt das Erbarmen, in höchsten Nöten erscheint Christine als rettender Engel auf der Bildfläche.

Über sein Gesicht geht ein nervöses Zucken. In dieser Sekunde würde es ihm auf einen Totschlag nicht ankommen. Er macht noch ein paar allgemeine Redensarten und entfernt sich.

Christinens weiblicher Instinkt ist auf der Fährte. Eine kleine Weile schweigen wir beide. Dann sieht mich mein Schwesterchen mit flehenden Augen an. Sie ist totenblaß, ihre weißen, kleinen Zähne nagen beständig an ihrer Unterlippe.

Ich könnte heulen, so leid tut sie mir. Und dabei überkommt mich plötzlich eine komische Vorstellung. Ich sehe Christine in gesegneten Umständen, ich kann sie mir gar nicht mehr anders denken als in gesegneten Umständen. Dieser verflixte Physikus. Ihre Hüften stechen mir in die Augen, ihre breiten ausladenden Hüften, deren Geschick es ist, von Jahr zu Jahr immer breiter, ausladender zu werden.

»Komm, Schwesterchen, gib mir deinen Arm, wir wollen ins Freie gehen!«

Wie ein gehorsames Kind folgt sie meinen Worten. Wir wandern auf der Kammhöhe. Unbeschreibliche Wonne, über sich nichts als den Äther zu wissen, keine rauchenden Schornsteine, kein Ameisengewimmel versorgter Menschenkinder, so weit das Auge blickt.

Mein Herz schlägt laut, ich atme in tiefen Zügen die reine Bergluft ein. Schwesterseele, vergiß deine Ängste und Süchte, wirf für eine flüchtige Stunde Furcht und Hoffen von dir, werde frei!

Aber Christine bleibt mitten auf dem Wege stehen, ihr Gesicht ist verzerrt, es brennt in ihr lichterloh.

»Du,« sagt sie in tiefer Qual, »nimm ihn mir nicht fort!«

»Ich denke nicht daran«, entgegne ich und lache.

Sie reißt die Augen weit auf und sieht mich starr an, als traue sie dem Frieden nicht.

»Höre,« sage ich, und der ganze Handel widert mich aufs äußerste an, »meinetwegen darfst du unbesorgt sein. Niemand ist mir gleichgültiger als Wehlen.«

Ihre Miene hellt sich auf. Sie nimmt meine Hand, und mit lächerlicher Demut bittet sie mich, ihr zu helfen. Ich blicke sie verständnislos an, will nicht verstehen, was sie meint. Aber mein Schwesterchen hat auf einmal alle Scham begraben, und mit einer beleidigenden Dreistigkeit fügt sie hinzu: »Sage mir, wie ich ihn gewinne, niemand weiß das besser als du!«

Soll ich sie stehen lassen, ihr einfach den Rücken kehren? Fast möchte ich es. Allein dieses kleine Muttertier, das nach dem Kinde schreit, tut in seiner Brunst mir weh. Gott schütze sie in ihrer Einfalt! Sie hält mich im Innersten für eine Dirne, verachtet mich um derentwillen, und wünscht trotzdem von mir das Rezept zu erfahren, wie man den Gimpel auf den Leim lockt. Sie hält mich für wissend, spürt meine Kräfte und ahnt, wie alle diese kleinen, unbegabten Weibchen, daß es Mittel gibt, die Männer zu fangen; ihr Instinkt sagt ihr, daß die meisten maskulini generis nicht heiraten, sondern geheiratet werden. Sie hat Herrn von Wehlen aufs Korn genommen und in mir die Spielverderberin gesehen.

»Liebes Kind,« antworte ich trocken, »du bist auf dem Holzwege. Verlaß dich in dieser Sache lediglich auf dich! Ratschläge sind von Übel.«

Ich glaube, mein Schwesterchen ist einigermaßen enttäuscht und doch heilsfroh von mir gegangen.

Und ich habe das Genie der Frau verteidigt. Das dröhnende Gelächter des Kreisphysikus hätte ich hören mögen.

Die arme Mama ist auffallend zutunlich zu mir. Sie möchte wissen, ob meiner Ansicht nach Wehlen für Christine Interesse hat. Ich zucke die Achseln. Übrigens frage ich sie, ob sie einer derartigen Kateridee zustimmen würde. Wehlen könnte ja ohne weiteres Christinens Vater sein.

Mama wird unruhig: »Du übertreibst, wie immer«, antwortet sie mir. »Wehlen sieht glänzend aus, und Christine könnte sich glücklich schätzen. Du vergißt,« fährt sie mit einer gewissen Anzüglichkeit und Schärfe fort, »daß wir am Hungertuche nagen, wenn Papa, was Gott noch lange verhüten möge, einmal die Augen schließt. Außerdem hat mir Christine öfter als einmal gestanden, daß sie nur mit einem älteren Manne glücklich werden könnte. Das Kind fühlt, daß es eine Vaterhand braucht.«

Soll ich mich mit Mama ernsthaft auseinandersetzen? Ist es nicht abgeschmackt, bei einem solchen Gegensatz der Naturen sich in einen Streit einzulassen? Ich habe nur einen Wunsch: man lasse mich bei Kuppeleien jedweder Art aus dem Spiele. In Mamas Schädel rumort jetzt nur noch die Idee, wie sie ihre Töchter an den Mann bringt. Mich schüttelt es.

 

24. Juni.

Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich auf eine unzweideutige, schickliche Art Herrn von Wehlen antworten soll. Ich habe zehnmal begonnen und zehn Bogen vernichtet. Der Briefsteller für die gebildeten Stände ist eine Notwendigkeit. Man verbraucht soviel unnötige Nervenkraft. Um wieviel einfacher wäre es, wenn die für solche Fälle gültige Form ein für allemal feststünde und von der guten Gesellschaft anerkannt wäre! Das Persönliche wäre ausgeschaltet, und alles Beleidigende fiele fort. Guter Karton und anständige Lithographie würden dabei wesentlich unterstützen. Ich werde nicht schreiben, ich werde Herrn von Wehlen offen ins Auge sehen. Kneifen ist unanständig. Ich werde ihm sagen, wie ich innerlich beschaffen bin. Er wird es mir eines Tages Dank wissen, daß ich ihn vor diesem Abenteuer bewahrt habe. Der Gedanke, ich könnte die geheimrätlichen Sorgen teilen, lächert mich. Fühlt dieser Mensch denn nicht, daß ich ihn unbarmherzig zugrunde richten würde! Er schimpft auf das Ministerium, den Staat und die Regierung, er lehnt das ganze System ab und beugt sich ihm. Einen Zustand als unwürdig erkennen und ihn tragen, bedeutet einen Grad von Unterwürfigkeit, für den mir das Verständnis abgeht. Herr von Wehlen ahnt nicht einmal, wie tief das Geheimrätliche in ihm steckt; man wird nicht Geheimrat, wenn man nicht dazu geboren ist. Er wird seine Untergebenen kujonieren, wie er kojuniert worden ist. So und nicht anders wird er sich schadlos halten. Christine ist für ihn die geborene Frau, wie dazu geschaffen, die Sorgenfalten zu glätten, wenn er vom Minister einen Rüffel bekommen hat.

Ich muß an Rolf denken, an seine Lebensgier, an seinen starken Willen, das Dasein in vollen Zügen zu trinken, um es dann von sich zu werfen. Welch unsagbar tiefe Menschenverachtung liegt in seinem Bekenntnis! Eine kleine Tänzerin, in die er sich mit etlichen Kameraden geteilt hat, steht ihm höher als der Rock des Königs, als Vater, Mutter, Brüder, Schwestern. In ein paar tollen Nächten mit ihr findet er den Extrakt des Daseins. Alles andere daran gemessen erscheint ihm übel und schal. Holde Lasterhaftigkeit; das Laster hat für ihn etwas Holdes. Er stiehlt das Geld für sein Gelage. Denn klipp und klar gesagt: es ist Diebstahl, und trotzdem fühlt er sich keinen Augenblick belastet, Gewissensbisse kennt er nicht, Kopfschuß, und die Affäre ist für ihn erledigt. Mit besten Empfehlungen Rolf Brandt, Leutnant im Kaiser-Franz-Regiment.

Wie kommt Papa zu diesem Sohn und zu dieser Tochter, und als Dritter im Bunde wird Gottfried fahnenflüchtig. Christine und Gerhart werden sie für all das Leid entschädigen. Dazu, ziehen Eltern unter Sorgen und Plauen ihre Kinder groß, um dann mit Ruten von ihnen geschlagen zu werden. Das nennt man: Hausstand und Familie gründen, wenn solche Früchte aus dem Schoße fallen. Und das Tolle ist: ich habe für Rolf ein Begreifen. Mir graut davor, ins Ehebett zu steigen. Die Folgen sind unberechenbar, wenn zwei fremde Menschen sich zusammentun, die Möglichkeiten unbegrenzt. Seiltanzen und andere halsbrecherische Kunststücke sind dagegen ein Kinderspiel. Ich würde nötigenfalls Hörner aufsetzen, selbst wenn mein Gemahl Förster wäre und zur Warnung die ganze Wohnung mit Geweihen geschmückt hätte.

Mein pflichttreuer lieber, lieber Vater, rein und sauber vom Scheitel bis zur Sohle, eines schlichten Pastors Sohn, und meine Mutter, des Generals von Rhön Tochter, lammfromm und gutartig von Hause aus, bringen Rolf und mich zur Welt. An den Früchten sollt ihr sie erkennen! Papa und Mama tragen demnach diese entsetzlichen Keime in sich, die bei mir und Rolf zu voller Blüte gelangt sind. Denn unter uns gesprochen, liebes Herz, ich fürchte für mich! Wohin wird mein Weg führen? Kreisphysikus Wernicke wußte schon, weshalb er diesen Ton sich mir gegenüber herausnehmen durfte. Er hat eine seine Nase, hat die richtige Witterung ...

Ich will nicht die abschüssige Straße gehen, es muß für mich einen Weg geben, der zur Höhe führt. Herr, erlöse uns von dem Übel!

 

25. Juni.

Die Sache mit Herrn von Wehlen ist auf einem toten Punkt angelangt. Ich finde ein paar Zeilen vor, in denen er mich seiner Dringlichkeit wegen um Entschuldigung bittet. Er fügt hinzu, ich möge ihm jetzt weder ein Ja noch ein Nein sagen, in aller Ruhe soll ich überlegen. Nichts liege ihm ferner, als mich zu drängen. Gewisse Umstände hätten ihm vor der Zeit sein Bekenntnis abgenötigt. In tiefer Verehrung Heinrich von Wehlen.

Allerärmster Heinrich, ich kann dir nicht helfen. Der Schlußsatz deines Briefes beunruhigt mich gelinde. Der Diplomat, wie er im Buche steht. Er will einen Riegel vorschieben! Ihm ist vor Wernicke nicht ganz geheuer. Fraueneitelkeit, nein, Instinkt, der Physikus ist mir auf den Fersen. Das ist Wehlens Empfindung wenigstens.

 

Ein paar Stunden darauf.

Ich bin ins Tal gestiegen. Ich wollte zu den Menschen der Ebene. Man weiß die Höhenluft dann um so besser zu würdigen. Einkäufe in Flinsberg.

Dort treffe ich Wernicke. Er ist mächtig aufgekratzt, hat, wie et erzählt, im Berliner Hof ausgezeichnet zu Mittag gegessen und offenbar ein Fläschchen Rotspon über den Durst getrunken. Er lädt mich zu einer Tasse Kaffee auf die Terrasse des Kurhauses ein. Ich schwanke einen Moment: und nehme dankend an. Wernicke könnte sonst auf die Idee kommen, ich hätte Angst vor ihm. Er sitzt mir gegenüber und putzt zunächst sorgsam seine Hornbrille. Dann fragt er unvermittelt: »Wie gefällt Ihnen Wehlen?«

Ich zucke die Achseln. Ich werde mich hüten, ihm Konfidenzen zu machen.

»Sie fürchten sich wohl, Ihre Meinung zu sagen?«

»So fragt man Bauern aus, Herr Physikus!«

Er lacht: »Ist auch nicht nötig, daß Sie antworten. Selbstverständlich lehnen Sie ihn ab.«

Einen Moment macht mich der Doppelsinn seiner Worte betroffen.

»Ich meine,« fährt er fort, »daß Ihnen dieser Büromensch und Diplomat im Duodezformat völlig konträr ist.«

»Herr von Wehlen hat ausgezeichnete Manieren und ist durch und durch Kavalier.«

»Mit dem ersten hat es seine Richtigkeit, Punkt zwei ist noch unbewiesen. Die losgelassenen Geheimräte, die während der Ferien räsonnieren, sind mir verdächtig. Notabene, man ist verdammt wenig, wenn man nichts weiter als ein anständiger Kerl ist, behauptet Lessing, mein Fräulein.«

»Was trotz der angeführten Autorität nicht stichhaltig ist. Anständigkeit ist etwas Positives und darum bei allen kleinen Halunken verpönt.«

»Na, na,« meint er, »soll das eine Anzüglichkeit sein? Rechnen Sie mich zu dieser Spezies?«

»Herr Kreisphysikus!«

»Nur kein Zurückzupfen, wir sind ja unter uns, und ich vertrage für mein Teil eine Portion Aufrichtigkeit.«

»Ich habe keinen Anlaß und nicht das mindeste Recht, Ihnen meine Meinung zu sagen.«

»Hm.« Er sieht mich eine Weile mit unverhohlener Neugier und Dreistigkeit an.

Ich fühle mich ihm nicht gewachsen. Er hat eine unangenehme Überlegenheit und dabei eine nicht alltägliche Art. Er zieht mich an und stößt mich ab.

»Sie sind ein verdammt gescheites Frauenzimmer.«

Ich quittiere dankend und setze hinzu, daß diese Feststellung mit seiner Theorie über das weibliche Geschlecht in keinem rechten Einklang steht.

»Durchaus. Sie gehören zu den die Regel bestätigenden Ausnahmen.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie mit so billigen Komplimenten aufwarten könnten. Übrigens ist Ihr Rezept ziemlich durchsichtig. Sie verblüffen durch Grobheit und Zynismus.«

»Das stimmt bis zu einem gewissen Grade«, antwortet er einfach. »Allerhand Hochachtung vor Ihrem Scharfsinn.«

»Und dann«, fahre ich ungeniert fort, ich bin plötzlich im rechten Fahrwasser, »suchen Sie dadurch das Spiel zu gewinnen, daß Sie einen huldvoll in den Ausnahmefall versetzen, man soll sich gewissermaßen geschmeichelt fühlen, von Ihnen nicht für eine Köchin gehalten zu werden.«

»Oho! meine Verehrte,« unterbricht er mich, »ich habe vor einer guten Köchin einen unheimlichen Respekt, man findet sie nur so selten! Im Ernste gesprochen: Sie fühlen sich durch unsere Unterredung offenbar gekränkt. Die Frau Oberst war vermutlich ebenfalls ungehalten. Herr von Wehlen machte mir eine Andeutung in diesem Sinne.«

»Ich weiß nicht, ob Herr von Wehlen von Mama ein Mandat hatte, im übrigen stehe ich für mich allein ein. Und da sie das Gespräch auf jenen Abend bringen, so sage ich Ihnen: Mein Widerspruch wurde durch das Wie, nicht durch das Was Ihrer Worte herausgefordert. Ihr Tonfall hat mich gereizt. In der Sache war ich, kleine Einschränkungen vorbehalten, Ihrer Meinung.«

Seine Ohren werden länger und spitzer, und sein Knebelbart bewegt sich auf eine höchst komische Weise.

»Ja,« sage ich, »Sie haben vollkommen recht, die Frau ist von Gott in die Welt gesetzt, um Kinder zu gebären! Kommt sie zu dieser Funktion nicht, so hat sie nur noch wenige Möglichkeiten, sich zu erfüllen.«

»Und die wären?«

»Sie muß Tänzerin, Schauspielerin oder Dirne werden, was im Grunde ein und dasselbe ist.«

Der Kreisphysikus macht ein entsetzlich unglückliches Gesicht. »Oh weh,« sagt er bekümmert, »das tut mir aufrichtig leid, da haben Sie mich gründlich mißverstanden. So meinte ich es natürlich nicht. Wie kann ein so junges Menschenkind ... Ihre Apologie über die Frau hat mir viel besser gefallen als dieses Todesurteil, das Sie da fällen. Die Begriffe Mann und Frau kann man überhaupt nicht so ohne weiteres trennen. Jeder Mann trägt eine Portion Weib, und umgekehrt jede Frau ein Teil Mann in sich. Daher die Ergänzungsnotwendigkeit.«

»Es ist Ihnen bekannt,« fährt er doktrinär fort, »daß das Geschlecht des Menschen erst in einem bestimmten Monat der Gesegnetheit nachweisbar ist, und ebenso kennen Sie Platos Auffassung, daß die Geschlechter, will sagen, Mann und Weib, vor Urzeiten in einem Körper vereinigt waren, sie brauchten sich nicht erst zu finden. Dann fielen sie auseinander, und von da an beginnt die unglückselige Jagd. Die Menschen irrten wie verlorene Schafe umher, und jedes suchte sein ihn ergänzendes, das zu ihm passende Teil. Die meisten haben Pech, gehen aneinander vorbei.« Und nach einer kleinen Pause: »Ich stehe für die naturwissentliche Richtigkeit dieser Auffassung nicht ein, aber als symbolische Erklärung für mancherlei Widersprüche ist die Geschichte des Platon nicht übel erfunden.«

»Dann ist die Frau bei der Trennung von dem Einkörper miserabel weggekommen,« entgegne ich, »dann war das ein Handel, bei dem sie schlechterdings betrogen wurde. Und jetzt verstehe ich die unredlichen Frauen. Jetzt begreife ich, weshalb sie den Männern Hörner aufsetzen. Dies ist ihr Naturrecht, gewissermaßen ihr genetisches, historisches Recht: sie üben Rache, Wiedervergeltung für die ihnen angetane Unbill.«

»Donnerwetter, meine Gnädigste, auf solche Deutung war ich nicht gefaßt; immerhin nicht schlecht, ich beantrage eine Professur für Sie.«

Haben sich meine Züge umwölkt? Ist mir die Lust am Scherz verflogen? Auch Dr. Wernicke wird ernst.

»Mein liebes Fräulein, Anschauungen sind dazu da, revidiert zu werden. Die Ihrige bedarf dringend der Revision. Sie ist eine Bankrotterklärung bösester Art.«

Macht dieser Mensch den Jongleur? Glaubt er allen Ernstes, daß ich auf seine Prestidigateurkunststücke hereinfallen werde? Er irrt sich.

»Wir verstehen uns offenbar nicht, Herr Kreisphysikus. Schmähen lag mir fern. Wenn Gott ein Weib segnet, gibt er ihm seine erste Wiedergeburt. Wir sind über der Erde, sind Erde, wenn wir ein Kind tragen. Was liegt an der »Neunten Symphonie«, was liegt am »Faust« im Verhältnis zu dem ewigen Wunder, dessen wir teilhaftig werden.«

»Teil?haftig, wohlverstanden teil?haftig«, wiederholt der Kreisphysikus. »Übrigens Goethe, Beethoven, das Genie überhaupt, gebiert genau so wie die Frau, ist weiblich, ist beschattet vom Heiligen Geiste, kommt vom Vater, hat die Mutter und Mutterschaft in sich. Da haben Sie wieder die Einheit im Sinne Platons. Und bei dem Punkte angelangt, denke ich, können wir Frieden schließen. Ich wollte von Ihnen eigentlich nichts anderes hören, als daß auch Ihre letzte Sehnsucht nach dem Kinde strebt.«

»Pardon, von mir war nicht die Rede, Herr Doktor! Wohin ich strebe, weiß Gott allein I«

»Oho, wollen Sie sich denn auf eine andere Art erfüllen? Tragen Sie sich vielleicht mit der Absicht, Schauspielerin oder Tänzerin zu werden?«

»Dazu fehlt es mir leider an Talent! Ich sprach noch von einem Dritten, vielleicht ist das mein Schicksal.«

Wernicke ist blaß geworden. Diese letzte Konsequenz unseres Gespräches hat er nicht erwartet. Und ich selbst schrecke einen Moment zurück. Mir ist es rätselhaft, daß ich mich so weit hinausgewagt habe. Tausend Meilen hinter mir liegt das Weichbild guter Gesittung.

Wir schweigen eine lange Weile, dann sagt er ruhig: »Das ist nicht Ihr Ernst. Sie sind die Tochter des Oberst Brandt.«

»Die Enkelin des Generals von Rhön«, füge ich hinzu. »Apropos, um jedes neue Mißverständnis auszuschalten: man kann sich doch auch durch die Ehe ...« Ich spreche das häßliche Wort nicht aus.

Vom Nebentisch schielt man zu uns hinüber. Man beobachtet uns. Der Kreisphysikus stellt es mit einem flüchtigen Blick fest.

»Dies Flinsberg ist das Badeasyl der Provinziellen,« sagt er ziemlich laut und klopft mit dem Löffel an die Tasse. »Deshalb lockt es mich immer wieder hierher. Man soll in der Heimat bleiben. Man soll aus seinem engeren Bezirke nicht heraus. Es bekommt einem übel.«

Er zieht seiner Gewohnheit gemäß wieder die Unterlippe herab, auf seinem Gesicht liegt etwas Wehes, Fremdes. Ich erkenne ihn nicht wieder. Er ist mir auf einmal nahe gekommen. Irgendeine Verbindung zwischen uns besteht. Wir treten schweigend den Heimweg an.

 

28 Juni.

Morgen kommen die Jungen mit Herrn von Borck. Das Haus ist in Aufregung. Mama jagt mit der Wirtin durch die Zimmer der Baude und macht Quartier. Für Herrn von Borck werden zwei Zimmer gerichtet. Es ist lächerlich, wie wichtig Mama die Wohnungsangelegenheit behandelt. Sie ist wie ein Wiesel, von einer Geschäftigkeit, die mich enerviert. Sie wirft mir zuweilen flüchtige Blicke zu, die eine deutliche Sprache reden. Ich halte mühsam an mich. Sie redet auf die Wirtin ununterbrochen ein: »Herr von Borck ißt zum ersten Frühstück zwei weiche Eier und nimmt Tee mit Butter, Brot und Schinken. Nachmittags trinkt Herr von Borck Kaffee, nicht zu stark und nicht zu schwach. Sie verstehen meine Liebe, und am Abend« erläuterte sie des weiteren. Meine Geduld reißt: »Vergiß nur nicht, wann Herr von Borck seinen Stuhlgang hat«, werfe ich dazwischen.

Mama ist eine Sekunde perplex, dann bricht sie in einen Weinkrampf aus und läuft zu Papa. Seit ein paar Monaten hat sie immer Tränen parat. Rolfs Affäre ist ihr auf die Nerven gegangen. Rolf steht ihrem Herzen am nächsten. Die reinen Bäche stürzen aus ihren Augen. Ihre Gefühlsentladungen haben sich zu oft wiederholt, um noch Eindruck auf mich zu machen. Christine schilt mich, ich erwidere nichts. »Sage der Mama ein gutes Wort!« Ich schüttele den Kopf. Mein Schwesterchen versucht es noch einmal. Aber ein Blick von mir belehrt sie eines besseren.

»Du bist hart und rücksichtslos« sagte sie leise.

»Die arme Mama!«

Man komme mir nicht mit der Armut! Ich habe dafür kein Verständnis. Ich verlange vom den Armen Stolz und Selbstwürde, sonst sind sie ärmer als die Ärmsten dieser Erde. Und um Mama ist ein Armeleutegeruch, der mich zum äußersten treibt, mich bis zu einem Grade rabiat macht, daß ich für mich zu fürchten beginne.

 

29. Juni.

Alles, was ich tue, sage und schreibe, ist halb. Ich sehe die Schwächen meiner Umgebung und verachte sie. Ich bin mit den Vorurteilen meines Standes fertig, bilde mir wenigstens ein, mit ihnen fertig zu sein und stecke tief darin. Ich strebe mit allen Kräften nach Redlichkeit, nach Wahrhaftigkeit. Ich habe den Willen, und mein Fleisch ist schwach. Auf halbem Wege bleibe ich stehen. Wodurch unterscheide ich mich von den Lauen, die in der Heiligen Schrift gerichtet werden.

Ich müßte Rechtens Herrn von Wehlen sagen: »Ihre Wünsche hinsichtlich meiner Person sind gänzlich aussichtslos. Es bedarf keiner Frist zur Selbstprüfung und Überlegung. Ich bin mir über meine Gefühle zu Ihnen klar.« Statt dessen bin ich froh, der Antwort überhoben zu sein. Ich spekuliere darauf, daß er vielleicht doch auf mein Schwesterchen hineinfällt, jedenfalls will ich ihre Kreise nicht stören, ihren Hoffnungen nicht entgegen sein. Ich beschuldige die Mama der Kuppelei und mache mich des gleichen Fehls schuldig.

Ich lasse mir also die ehrfurchtsvolle Reverenz des Herrn von Wehlen gefallen. Sie belastet mich nicht, da er Distanz hält. Vielleicht ist sie mir insofern nicht einmal unangenehm, als den Kreisphysikus schon die bloße Existenz des Herrn von Wehlen reizt. Es besteht kein Zweifel: er ist mich verschossen wie Wehlen. Und als dritter im Bunde trifft morgen Herr von Borck ein.

Ich frage mich, haben Mama und Christine nicht recht, wenn sie in mir eine Gefahr sehen? Ich bin ihren Interessen, ihrer Lebensauffassung entgegen. Die Tatsache besteht: ohne es zu wollen, ohne greifbaren Vorsatz locke ich jedes männliche Wesen an, das in meine Nähe kommt. Zugegeben, daß ich dabei ohne Arg und Absicht bin. Aber mein Dämon treibt mich. Ich blühe erst auf, wenn das männliche Objekt in die Erscheinung tritt. Und so war es von klein auf. Sobald die Freunde meiner Brüder ins Haus kamen, wichen sie nicht von meiner Seite. Sie kamen schließlich nur noch meinetwegen. Und Rolf sagte eines Tages traurig: »Nun hast du mir glücklich meinen letzten Freund weggenommen.« Er meinte Herrn von Borck.

Ich suche vergebens nach einer Rechtfertigung. Keiner dieser Menschen hat mir jemals auch nur einen Hauch von Liebe eingeflößt. War es also die Anregung des männlichen Geistes, die ich lebhaft und freudig spürte? Fühlte ich mich davon mächtig angezogen?

Eines weiß ich: Mutter und Schwester vermochten mir nie etwas zu geben. Von Förderung will ich gar nicht reden. Eine Frau versandet ohne den Mann. Sie kommt über ihre körperlichen Sehnsüchte nicht hinaus, nicht einmal diese kann sie ohne ihn befriedigen. Dies ist eine Ohnmacht ohnegleichen.

Ich habe als Kind instinktiv Papas Nähe gesucht, an seinem Munde gehangen, gespürt, daß von ihm Güte, Verstehen, Wissen zu mir drang. Ich habe die geistige Grenze zwischen ihm und Mama so frühzeitig erkannt und gezogen, daß ich heute als erwachsener Mensch darüber staune. Ich habe als frühreifer Backfisch Papa gesteigert, vergöttert und in einer Weise überwertet, die er sehr ernst und sachlich ablehnte. Ich habe im Lernen mit den Brüdern gewetteifert und bin nicht hinter ihnen zurückgestanden; ich habe die Aufmerksamkeit meiner Lehrer erregt. Das alles darf ich ohne Verblendung feststellen.

Und doch sind es nicht die geistigen Dinge, in deren Wirbel es mich zieht. Meine Stärke liegt im Geschlecht. Indem ich solche Erkenntnis zu Papier bringe, fühle ich mich so beschämt, komme ich mir so entwertet vor, daß alles in mir in Aufruhr ist.

Aber was ich hier niederschreibe, hätte nicht den geringsten Wert, wenn es nicht dazu beitrüge, mir den Weg zur Wahrheit frei zu machen. Den suche ich, so wahr mir Gott helfen möge.

Welche Kräfte arbeiten in mir? Weshalb locke und locke ich und empfinde dabei noch eine Art von Lust, auch wenn ich persönlich garnicht beteiligt bin? Ist dies die letzte Verlogenheit der menschlichen Natur? Meine Augen funkeln, leuchten, brennen, und mein Herz ist kalt. Warum glänzen meine Augen und lassen Hoffnungen aufkeimen, die ich nicht erfüllen kann? Bin ich von Hause aus gezeichnet? Ist mein Ziel die Straße? Bin ich von Mutterleib und Gottes wegen Dirne? Sind Rolf und ich aus dem gleichen Holz geschnitzt? Zieht es auch mich zu Ausschreitung und Laster? Bin ich gleich ihm bereit, dafür Leben und Seligkeit preiszugeben? Sind wir im letzten Sinne Geschwister? Ist es wiederum nur meine Halbheit und Feigheit, wenn ich mich nicht offen zu ihm bekenne und spreche: Du und ich, wir sind nicht nur vom gleichen Stamme, wir sind eins im Denken und Fühlen, wir schrecken vor nichts Gemeinem zurück, wenn es gilt, unsere Lust zu befriedigen. Der Unterschied zwischen uns besteht nur darin: Du hast den Mut zur Tat und hast nach der Tat die Kraft und Entschlossenheit, die Zeche mit deinem Leben zu bezahlen; ich sündige nur in Gedanken, spiele nur so weit mit dem Feuer, daß die anderen verbrennen, während ich kein Bläschen davontrage.

Nein, so steht der Fall nicht. Ich bin nicht gewillt, mich ohne weiteres aufzugeben.

Die Disziplinlosigkeit meiner Pupillen muß heilbar sein.

Mein Organismus ist gesund.

Ein Augenarzt wird gesucht.

 

Eine Stunde später.

Meine liebste und traute Gefährtin: Es gibt einen Exhibitionismus auch in der Liebe zur Wahrheit und in dem Drange nach Selbsterkenntnis.

Gibt es für mich keine Rechtfertigung? Habe ich dich nicht gesucht und gefunden? Habe ich dir mein übervolles Herz nicht ausgegossen? Durften wir uns nicht tief in die Augen blicken? Und zärtlich uns umschlingen?

In den Freundschaften zwischen Frauen liegt so viel Güte und Grazie, so viel Einverständnis von Schwäche und Hilflosigkeit und so viel Wahrhaftigkeit! Man will nicht blenden, man will schlicht und einfach sein, sich alles anvertrauen können, sich helfen, sich beistehen.

Du, liebste Freundin, bist mir in allen Nöten zur Seite gestanden, hast mich begriffen und ein Wort der Entschuldigung gefunden, wo immer ich fehlte. Ich weiß, daß du in deiner Anhänglichkeit und Liebe und Bescheidenheit meine seelischen und geistigen Kräfte stets höher eingeschätzt hast, als sie es verdienen. Ich weiß, daß du an meinem Körper in Züchten und Ehren Freude hattest.

Wie oft sagtest du mir, der Glanz meiner Augen treffe dein Herz, der Klang meiner Stimme tue deinem Ohre wohl, und wie mein Haar dunkel sei, so sei ein geheimnisvolles Dunkel in mir und um mich, aber wer meine weiße Stirn sähe, der fühle meine innere Reinheit. Und dann küßtest du mich auf Stirn und Augen.

Ich sog deine zärtlichen Worte ein, ich nahm, ohne zu geben. Denn deine Liebe war eine Rechtfertigung meiner selbst, auch wenn du nicht ahnen konntest, was für jämmerliche Gedanken hinter meiner weißen Stirn wuchsen.

Und doch, meine liebste Freunden, mußt du mich mit klaren Augen anschauen, denn sonst hätte ich mich in das Leben verirrt und müßte mich daraus fortstehlen, um nicht dahin zu gelangen, wo Rolf steht. So darf ich nicht enden. Ich bin auf der Suche nach mir, aber vielleicht war ich in jener vertrauten Stunde mir ganz nahe, als ich mich an dich schmiegte und sagte: Wenn Gott in Gnaden mir ein Kind schenkt, so will ich demütig und dessen immer eingedenk sein, daß es mir anvertrautes Gut ist, für das ich die Verantwortung trage. Aber ein Kind in Gnaden heißt doch wohl: ein Kind von dem Manne, den man sich ersehnt.

Dies, liebes Herz, ist meine Tragik, ich werde geliebt und liebe nicht. Wie sagt die Heilige Schrift: Wenn wir mit Menschen- und mit Engelszungen redeten und hätten der Liebe nicht ...

 

30. Juni.

Die Jungen sind gekommen und mit ihnen Borck. Blank sind ihre Uniformen, blaß ihre Gesichter. Die Wald- und Bergluft wird ihnen wohltun.

Gerhart schlägt nach Papa, er hat die gleiche Statur, das gleiche Auge und den männlichen Ernst in seinen Zügen.

Ich frage ihn nach Rolf. Er hat um die Beziehungen zu der kleinen Tänzerin gewußt. Die Kameraden haben darüber gesprochen. Rolf erschien allabendlich kurz vor ihrem Auftreten im Wintergarten, um dann mit ihr zu soupieren; sie waren Stammgäste bei Hiller. Rolf hat über sein Verhältnis zu der Dame nie mit ihm gesprochen. Und er seinerseits ahnte nicht, in welchen Geldkalamitäten der Bruder steckte.

»Und Borck, hat der auch nichts gewußt?«

Gerhart blickt mich erstaunt an: »Ich sagte dir ja, er mied jede Auseinandersetzung. Er tat gewissenhaft seinen Dienst und war heiterster Laune; auch nicht eine Spur von Bedrücktsein.«

»Und jetzt?«

»Ich kann keinen Unterschied zwischen jetzt und früher feststellen. Im übrigen kommt man ihm nicht nahe, er hat eine Art, in sich hineinzukriechen, die jede Aussprache unmöglich macht. Du kennst seine abwehrende Handbewegung, weißt, daß dann nichts mehr mit ihm anzufangen ist.«

Ich nicke.

»Und diese Person?«

»Blond, mager, helläugig; ein Luder mit einem Madonnengesicht.«

 

1. Juli.

Die Jungen haben ausgezeichnete Manieren. Eine gute Kinderstube bleibt eine gute Angelegenheit. Sie sind zu uns Damen äußerst ritterlich und verkehren weltmännisch mit den Herren.

Borck wird von Mama mit äußerster Zuvorkommenheit behandelt. Die liebe Mama treibt Gelegenheitsmacherei, sie tut alles, um uns möglichst viel allein zu lassen. Wenn sie ahnte, wie lächerlich ihre Taktik ist, und wie sie damit gerade die entgegengesetzte Wirkung erzielt, sie würde die Methode ändern.

Papa hat immer Haltung. Und doch bin ich auch mit seiner Art nicht völlig einverstanden. Er schlägt Borck gegenüber einen kameradschaftlichen Ton an, der für meinen Geschmack um eine Note zu vertraulich ist. Mamas Einfluß ist unverkennbar. Reichtum demoralisiert nach jeder Richtung. Ich möchte sehen, wie Borck behandelt würde, wenn er ein armer Teufel wäre. In ihrem Übereifer wird Mama zur komischen Figur. Sie schiebt ihm die besten Bissen zu und möchte am liebsten, daß ihm die Schüsseln vor uns Damen und vor Papa gereicht werden.

Ich habe längst aufgehört, mich über sie zu ärgern. Ich sehe sie zuweilen nur wortlos an, und dann errötet sie wie ein ertapptes Schulkind.

Ich gestehe unumwunden ein, daß Herr von Borck in dieser nicht gerade angenehmen Lage sich mit äußerstem Takt benimmt; ohne gegen Mama ungezogen zu sein, gleitet er über ihre allzu großen Freundlichkeiten hinweg. Ich habe ihn ungerecht beurteilt, in gereizter Stimmung aus seinem Briefe Dinge herausgelesen, an die er nicht im Traum gedacht hat. Er ist ein aufrichtiger, liebenswerter Mensch, schlicht und einfach. Ich würde den Eltern gratulieren, wenn er sich für Christine entscheiden könnte.

Ich bleibe aus dem Spiele!

 

Am Abend.

Wehlen und Wernicke sind übler Laune. Leutnant von Borck macht nicht das geringste Hehl daraus, daß er bis über die Ohren in mich verliebt ist. Sie merken natürlich, daß Mama und Papa sein Werben kräftig unterstützen.

Der Kreisphysikus ist ein Pfiffikus. Er möchte zunächst den Geheimrat auf eine bequeme, unauffällige Art beseitigen. Der Kampf nach zwei Fronten ist schwieriger. Er gibt sich den Anschein, als sei er völlig unbeteiligt und bringt das Gespräch auf heikle Themen. Er redet unablässig von dem gefährlichen Alter der Männer; er setzt eifrig auseinander und wendet sich dabei direkt an Papa, daß der sogenannte Johannistrieb durchaus in das Gebiet der Krankheits- und Alterserscheinungen gehöre und in der Regel mit einem Kollaps ende. Der Patient kennt seinen Zustand nicht und verpufft ahnungslos seine letzten Kräfte. Exitus, ehe er sich's versieht.

Ich höre interessiert zu und frage boshaft, wem er eigentlich diesen unzeitgemäßen Vortrag hält. Wehlen unterhält sich krampfhaft mit Mama.

Der Kreisphysikus erwidert mit schneidendem Hohn: »Für die Leidenschaften alter Herren haben Sie natürlich nicht das mindeste Interesse?«

Ich horche auf. Ich glaube, dieser Mensch bildet sich ernstlich ein, daß zwischen Wehlen und mir etwas im Gange ist. Wer lacht da? ...

Gottfried nimmt mich beiseite und fragt, wann er mich sprechen könne.

Ich betrachte meinen jüngsten Bruder mit Wohlgefallen. Er ist schlank wie ein junges Bäumchen. Er hat etwas so Jünglinghaftes, so Unberührtes, sein Blick ist hell, und man spiegelt sich in ihm wie in einem klaren Bergwasser.

»Wenn die anderen schlafen gehen, plaudern wir noch eine halbe Stunde.«

»Ich danke dir«, antwortet er und schüttelt meine Hand, daß ich leise aufschreie.

Es dauert nicht lange, und wir sind allein in der großen Gaststube.

»Also,« beginnt er, »um mich bei der Vorrede nicht lange aufzuhalten, ich nehme unbedingt meinen Abschied.«

»Schön!« erwidere ich. »Und was geschieht dann? Du mußt dir doch einen festen Plan gemacht haben, nehme ich an.«

Nun schießt ihm das Blut zu Kopfe. Rot und verlegen wird er wie ein wohlerzogenes, junges Mädchen, das zum ersten Male anzügliche Reden hört.

»Allerdings, allerdings,« stottert er, und man merkte, wie ihm das Reden sauer wird. Dann gibt er sich einen gewaltsamen Ruck: »Kurz und gut«, stößt er hervor, »ich will Schauspieler werden.«

Ich muß ein so verdutztes, verstörtes, völlig ratloses Gesicht gemacht haben, daß er tief betroffen ist.

»Schauspieler?« wiederhole ich nach einer endlosen Pause, »das kann doch nicht dein Ernst sein, Gottfried!«

»Mein vollkommener Ernst.«

»Dich mit Flittern und bunten Lappen behängen, dich schminken, mit einem angeklebten Bart vor einer Herde sattgefressener Menschen den Bajazzo machen, nein, das glaube ich dir nicht. Ein Frauenzimmer kann es danach gelüsten, ein Frauenzimmer, das Entladungen braucht, so oder so, das kann ich begreifen, nachfühlen, aber ein Mann, schauerlich. Mir wird übel, Gottfried!«

»Höre mich einmal ruhig an, Schwesterchen«, sagt er mit einem unwiderstehlichen Liebreiz und nimmt dabei zärtlich meine Hand. »Höre mich einmal ruhig an und gib dir ein bißchen Mühe, mich zu verstehen! Du bist der einzige Mensch, mit dem ich mich aussprechen kann. Ich habe ein so uneingeschränktes Vertrauen zu dir. Alle meine Hoffnung habe ich auf dich gesetzt. Ich sehe das alles ganz anders wie du. Was dich schreckt, sind leere Äußerlichkeiten, die für mich nicht in Betracht kommen. Es sitzt bei mir viel tiefer. Die Geschichte mit Rolf hat schließlich die Sache zum Klappen, den Stein ins Rollen gebracht.«

»Was hat denn Rolfs Angelegenheit damit zu schaffen?«

»Mehr als du ahnst, Schwesterchen! In mit sind nämlich auch alle Möglichkeiten. Ich fürchte, ich könnte über die Familie noch mehr Schande bringen als Rolf. In mir wuchern so viel böse Triebe, daß ich rettungslos verfallen bin, wenn ich mir nicht einen Weg bahne.«

»Und was sind das für Triebe, wenn ich fragen darf?«

Mein Bruder Gottfried riß die Augen weit auf.

»Schwesterchen, laß es bei dem, was ich sage, bewenden. Mit einem Wort: ich bin ein Unhold. Ich ersticke, wenn ihr mich nicht ins Freie laßt. Rolf ist durch und durch Disziplin im Vergleich zu mir!«

»So, und die Komödianterei wird dich kurieren, aus dem Dilemma befreien?«

»Ja«, antwortet er redlich. »Denn siehst du, das ist das Wunderbare an der Sache, daß man heute einen König, morgen einen Bettler, übermorgen einen Wucherer macht, daß man sozusagen Gelegenheit hat, alles Verbrecherische sich vom Leibe zu spielen. Was geht mich die Horde im Parterre an? Wenn ich auf meine Kosten kommen will, vergesse ich sie, und sie wiederum vergißt genau so, daß alles nur ein Spiel ist, kommt ebenfalls zu einer Auslösung ihrer Lüste, zu einer Befreiung ihrer Sinne. Diese Wechselwirkung, Schwesterseele, ist das Befreiende.«

Ich hatte ihm angespannt zugehört und wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte. Er sprach wie in einem Rausch, wie in einer Verzückung. Sein Gesicht glühte.

»Und das ist dir alles erst durch Rolfs Bachanal zum Bewußtsein gekommen? Ohne seinen Zusammenbruch wärst du Offizier geblieben?«

»Nein, Schwesterchen! Ganz so liegen die Dinge nicht! Innerlich war ich mit meinem Entschluß längst fertig! Nur die Ausführung ist durch ihn beschleunigt worden.«

»Und wer sagt dir, daß du überhaupt Talent besitzest?«

Er lächelt auf eine höchst geheimnisvolle Art.

»Liebstes,« erwidert er schüchtern, »erstens fühle ich das und zweitens wäre die Frage des Talents nicht einmal ausschlaggebend. Das Schlimmste, was mir widerfahren könnte, bestünde darin, daß ich mich zeitlebens auf kleinen Schmieren herumtreiben müßte. Glaubst du, daß mich das schreckt? Hast du nicht begriffen, worauf es mir ankommt? Ein Ventil muß ich öffnen, atmen, oder ich ende in irgendeinem Zuchthaus. So und nicht anders steht es mit mir! Das war alles so dunkel und verworren in mir, nun weiß ich Bescheid, weiß, wo meine Rettung liegt. Und du mußt mir helfen, Ulrike, du darfst in meiner Not mich nicht allein lassen.«

Es war das erste Mal während unseres Gesprächs, daß er mich bei meinem Vornamen nannte. Ich fühlte, in welchem Aufruhr er war, fühlte, welche Ängste ihn schüttelten. Und als er jetzt demütig hinzufügte: »Gerade weil du unschuldig und rein bist, wirst du über mich nicht den Stab brechen«, wandte ich mich erschüttert ab.

Er glaubte offenbar darin eine Absage zu sehen, denn er erhob sich, um wortlos hinauszugehen. Er sah in diesem Moment übernächtig und verstört aus, gerade als ob er einen Exzeß hinter sich hätte. Ein unruhiges Flackern in seinen Augen verriet, daß er an jener Grenze angelangt war, wo jedwede Selbstbeherrschung aufhört.

Lieber, geliebter Junge ... Ich nahm ihn wie ein Kind in meine Arme, und er ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sah jammervoll aus, welk, gealtert.

»Ich helfe dir, Gottfried,« sagte ich, »unbedingt helfe ich dir. Nur eines mußt du mir versprechen: eine Weile mußt du dich noch gedulden. Wenn du jetzt zu Papa davon sprichst, bricht er zusammen. Papa ist ohnehin nicht auf dem Posten. Durch Rolfs Abenteuer hat er einen Knax. Und auf ein Jahr früher oder später kann es nicht ankommen! In der Zeit mußt du dich von Grund auf prüfen; hörst du, Gottfried?!«

Mein Bruder lächelte traurig. Dieses Lächeln will ich nie vergessen.

 

3. Juli.

Die Gesellschaft ist in corpore nach Flinsberg gegangen; ich bin allein. Ich strecke mich auf der Wiese aus, die hart an die Baude stößt, und die ich die Iserwiese getauft habe; man könnte sie auch als den Sattel des Gebirges bezeichnen.

Ich trinke die Einsamkeit.

Ich danke Gott für die nächsten Stunden. Sie gehören mir allein, mir und den bösen Gedanken.

Das Haus der Brandts brennt lichterloh. Nomen est omen. Gott hat genau gewußt, warum er uns auf den Namen Brandt getauft hat. Rolf, Gottfried und ich, wir bilden die Trias.

Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis ins siebente Glied.

Wir sind das siebente Glied.

Und dabei sind die Sünden der Mütter nicht einbezogen.

Auch die Heilige Schrift hat ihre Galanterie.

Wernicke interpretierte neulich einmal: Der Sündenfall ist das Glockenzeichen der Erkenntnis, bis dahin kannten sich die Geschlechter nicht. Es hat vieler Jahrtausende bedurft, ehe Mann und Frau die Witterung füreinander hatten. Der Geschlechtsinstinkt hat a priori nicht existiert, mit ihm erst setzten alle bösen Lüste ein. Es gab also einmal einen Zustand unbedingter Reinheit, für den der Dichter der Bibel das geniale Sinnbild des Paradieses gefunden hat.

Dabei fixierte mich dieser Bursche auf eine seltsame Manier und fügte hinzu: Schade, daß wir beide zu spät auf die Welt gekommen sind! Damals hätten wir uns besser vertragen. Ich stellte mich, als ob ich seine Worte überhört hätte.

Seine stachligen Ironien und seine geistreichen Redereien enervieren mich auf die Dauer. Ich weiß, er spricht für mich; hinter jedem seiner Worte soll ich eine Andeutung, eine Beziehung suchen. Das ist die Methode gewisser Menschen, mit der sie um einen werben.

Ich komme mir wie ein Wild vor, das von drei Seiten gestellt wird.

Auch Wehlen wünscht eine Entscheidung herbeizuführen; zwischen ihm und Christine muß eine Auseinandersetzung stattgefunden haben. Meine Schwester hat eine Attacke auf ihn gemacht, ich fühle es, ohne dafür strikte Beweise zu haben. Das arme Kind hat tiefumränderte Augen, ein zum Erbarmen scheues und gedrücktes Wesen. Sie meidet Wehlen, sie hat sich offenbar eine Niederlage geholt und möchte vor Scham in die Erde kriechen. Wehlen muß ihr irgendetwas angedeutet haben, denn mich behandelt sie mit eisiger Verachtung, wie eine, die gegen Treu und Glauben gehandelt, ein feierlich gegebenes Versprechen nicht eingelöst hat!

Schwesterchen, wenn du mit sehenden Augen blind bist, so vermag ich dir nicht zu helfen. Der Unterschied zwischen dir und mir besteht ja zum nicht geringsten Teil darin, daß unsere Geschmacksrichtungen so weit auseinandergehen. Ein Mensch wie Wehlen käme für mich nie in Betracht. Er hat die komische Gangart eines Hahns, die nämlichen kurzen, trippelnden Schritte. Und nach Hahnenart ist er selbstbewußt und trägt den Kopf hoch. Seine Selbstachtung ist offenbar auf Grund der Begebnisse zwischen ihm und Christine noch wesentlich gestiegen. Wenn die Jüngere ohne mein Zutun mir in die Arme läuft, warum sollte mir die Ältere nicht ins Garn gehen?!

Er mag inzwischen auch Erkundigungen über uns eingezogen und unsere materielle Lage in Erfahrung gebracht haben. Er ist von Hause aus Diplomat, und sein Grundsatz ist: Geduld und noch einmal Geduld.

Die Eitelkeit einer Frau lasse ich mir noch gefallen; sie mag als ein Bestandteil ihres Geschlechts hingehen, die des Mannes hat etwas Fatales. Bilde ich mir das alles ein, aber mir ist, als ob er seit Christinens Zusammenbruch den Kopf höher trägt, sich noch mehr als früher bläht. Sein Mannesgefühl hat eine Stärkung erfahren.

Mir ist im Grunde meines schwesterlichen Herzens lieb, daß Christine nicht an diesen Menschen kommt. Brandtsches Blut ist trotzdem für ihn zu schade. Nun aber nimmt er mich aufs Korn, spricht in einem Atem mir von seiner Mutter, vom Minister, von seiner Karriere und seiner Einsamkeit.

Mein Gott, wir haben alle mehr oder weniger eine gute Meinung von uns, sehen eher den Splitter im Auge des anderen als den Balken im eigenen, aber es ist doch eine Sache des guten Geschmacks, diese innere Überzeugung nicht so geflissentlich zur Schau zu tragen, sie mehr für sich zu behalten.

Weshalb notiere ich diese Dinge? Ist es nicht etwas ganz Belangloses, daß Wernicke, Wehlen und Borck um mich werben? Mich interessiert dabei lediglich die Feststellung, daß ich in jeder Weise unbeteiligt bin. Vor ein paar Tagen sagte Christine in zorniger Aufwallung: »Die Männer fliegen auf dich, weil du sie mit deinen Augen unablässig lockst«, sie schrie das mit fast heiserer Stimme, und eine Art von sexuellem Neid lag sichtbar auf ihren verzerrten Zügen.

Ich hätte ihr die billige Antwort geben können: wenn meine Augen locken, so ist das Gottes und nicht meine Schuld. Ich bin unschuldig an der Konstruktion meiner Pupillen. Indessen ich schwieg; denn im stillen fluchte ich mir ja selbst. Nach den Erfahrungen meiner zweiundzwanzig Jahre gehöre ich zu dem Typ, den die Frauen hassen, und in dem die Männer gewissermaßen den Extrakt des weiblichen Geschlechts spüren. Die Schwachen dieses Schlages werden Dirnen, gleichgültig ob inner- oder außerhalb der Ehe, die Starken verbluten an einer Sehnsucht, die keine Erfüllung hat; sie streben etwas Unmögliches an: sie wollen über ihre Natur und ihre Kraft hinauswachsen. Das endet in der Regel mit Hysterie oder Emanzipation. Beides ist nach meinem Geschmack gleich scheußlich. Aber vielleicht sind die Schwachen die Starken, und die Starken die Schwachen, und nur unsere unnatürliche Art, zu denken, bringt uns zu Trugschlüssen.

Lieber Gott, befreie mich von meinen Zweifeln, gib mir Klarheit, Wahrheit, Einfalt!

Die Sonne brennt, die Einsamkeit breitet ihre Flügel aus, Mücken, Fliegen, Drohnen surren und schwärmen um mich, auf dem blauen Himmel sind kleine Wolken wie weiße Segel gespannt und ziehen gleich Fahrzeugen auf dem Meere dahin. Das helle Grün der Wiesen wird mit dem dunklen Grün der Fichten eins, und dieses wiederum verschmilzt mit dem noch dunkleren der bewaldeten Berge.

Ich versinke, alles Grübeln fällt wie Staub von mir, und eine süße Müdigkeit durchdringt mich. Die Wiese, der Wald und die Berge und ich sind eins. Unser Atem strömt vereint zu Gott. So aufgelöst, und doch des Bewußtseins voll, mit jungen, unverbrauchten Gliedern hinüberschlafen, zum Vater hinübergleiten, einmünden wieder in das All, den Tod als süßen Führer, welch eine Seligkeit!

Weshalb wird uns das Sterben so sauer gemacht, warum müssen wir morsch werden und zerfallen, auf unserer Matratzengruft erst zum Gerippe werden, uns krümmen und winden vor Schmerzen, den Unseren zur Pein, ehe die Erlösung naht? Warum ... warum? ...

»Fräulein Ulrike!« ruft jemand; ich fahre schreckhaft auf. Hundert Schritte von mir entfernt steht Borck. Ich ordne meine Kleider, und er eilt mir entgegen. Seine Züge sind in Freude getaucht.

»Gott sei Dank, daß ich Sie gefunden habe«, ruft er und streckt mir die Hand entgegen. Und ich erwidere seinen Druck. Die Ängste weichen, ein Mensch ist in meiner Nähe.

»Woran haben Sie gedacht?«

Er blickt mich befremdet an. »So seltsam, ganz anders wie sonst, sehen Sie aus«, fügt er leiser hinzu.

Ich überhöre seine Frage. Ich fahre mit der Hand glättend über meine Stirn und mein zerzaustes Haar.

»Um Gotteswillen,« sagt er, »lassen Sie den Schmetterling da unberührt, er steht Ihnen so gut zu Gesicht!« Und nach einer kleinen Pause: »Ich habe mich von den übrigen getrennt, Sie gesucht, meine Gnädigste, denn Sie weichen mir aus, meiden mich, als ob ich Aussatz hätte. Habe ich Ihnen etwas getan, Sie beleidigt?«

Ich schüttelte den Köpf.

»Nun gut, so reden wir von etwas anderem. Ich habe eine Frage an Sie zu stellen.« Und trotz meines sichtbaren Schrecks, fährt er unbeirrt fort: »Ist es wahr, daß Sie im Begriff sind, sich mit Herrn von Wehlen zu verloben?« Vielleicht nahm er mein verblüfftes Gesicht als eine Bestätigung der ihm zugetragenen Mitteilung.

»Es liegt mir natürlich fern, mich in Ihre innersten Angelegenheiten zu mischen,« fährt er fort, »und ...«

»Und tun es doch«, ergänze ich lachend.

Er atmet befreit auf. Meine Fröhlichkeit beruhigt ihn offenbar.

»Sobald es soweit ist, erhalten Sie die Verlobungskarte, Herr von Borck. Mein Wort darauf. Von wem haben Sie übrigens die Neuigkeit, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«

»Ich schloß es aus einer Andeutung des Kreisphysikus.«

»Hm«, mache ich und ziehe die Augenbrauen zusammen.

»Haben die Herren keinen anderen Unterhaltungsstoff als mich?«

»Nein,« entgegnete er ehrlich, »die ganze Zeit wurde nur von Ihnen gesprochen.«

»Schmeichelhaft! Indessen, wie gesagt, der Verlobungskuchen wird noch nicht gebacken!«

»Freut mich, freut mich riesig, hätte es mir übrigens auch nicht denken können. Sie, und Frau von Wehlen« – er lacht in unbändiger Heiterkeit.

»Na, na«, unterbreche ich ihn, »was daran so komisch wäre, leuchtet mir nicht ohne weiteres ein. Elegantes Äußere, ausgezeichnete Familie, repräsentative Stellung mit der Aussicht, Minister zu werden, was wollen Sie eigentlich mehr?«

»Nichts als mit Ihnen über die Wiesen laufen, sehen, ob Sie noch so leichtfüßig sind, wie vor sechs Jahren, als Rolf und ich Sie vergeblich zu haschen suchten. Also bitte, ich gebe Ihnen einen kleinen Vorsprung.«

Einen Moment zaudere ich, dann fange ich wirklich an zu laufen. Sein frischer Ton hat mich angesteckt. Er jagt hinter mir her. Mitten im Lauf halte ich inne. Es macht mir Spaß, ihn ganz nahe herankommen zu lassen, um ihm dann wieder mit einer Wendung zu entschlüpfen. Und dieses Spiel wiederhole ich mehrere Male. Wir sind beide außer Atem und haben rote Köpfe bekommen.

»Sie kriegen mich doch nicht,« rufe ich ihm aus einiger Entfernung zu.

»Doch, unter allen Umständen!« Er nimmt einen Ansatz und läuft, so rasch er kann. Und ehe ich mich's versehe, hat er mich am Handgelenk gepackt: »So, und was erhalte ich zum Lohn, wenn ich Sie freigebe?«

»Nur Bediente fordern Löhnung.«

Er läßt meine Hand frei, aber eine tiefe Enttäuschung gräbt sich in seine ehrlichen Züge. Er tut mir leid. Ich hänge mich in seinen Arm ein, und so schlagen wir die Richtung nach den Kammhäusern ein.

»Ach, Ulrike,« sagt er, und bleibt mitten auf der einsamen Fahrstraße stehen, »wenn ich nur wüßte, wie ich den Weg zu Ihnen fände.« Dabei suchte er mir unwillkürlich näherzukommen.

Ich lasse ihn gewähren, aber ganz ruhig, mit sachlicher Kühle entgegne ich: »Der Weg zur Kameradschaft liegt offen vor Ihnen.«

Er schnitt ein bitterböses Gesicht. Ein hartes Wort lag ihm auf den Lippen. Mit einer gewaltsamen Bewegung unterdrückte er es. Im stillen schalt ich mich. Was sollte ich indessen tun? Ihn dir nicht nahe kommen lassen, nicht Hoffnungen wecken, die du nicht erfüllen willst und kannst.

»Woran denken Sie?«

»Ich denke, daß man so leicht die Kontrolle über sich selbst verliert und dann anders erscheint, als man ist, man hat zu wenig Hemmungen, man müßte gegen sich und andere viel strenger und aufrichtiger sein; immer noch ist man durch Vorurteile und feige Rücksichtnahmen gebunden.«

Er sah mich fragend an und schien mich nicht so recht zu verstehen. Aber ich wollte nicht mehr sagen. Er dachte angestrengt nach, ehe er langsam erwiderte: »Ich glaube, Ulrike, Sie führen einen Kampf gegen Ihre eigene Herzensgüte.«

Diese Antwort befremdete mich, und gefiel mir zugleich. Aber trotzdem gab ich zurück: »In mir ist keine Spur von Herzensgüte. Glauben Sie mir, in mir ist nur der eine Wunsch, innerlich frei zu werden.«

»Und was stellen Sie sich darunter vor?«

Ich zögerte. Dann blickte ich ihn fest und durchdringend an. »Um es klar auszudrücken: Man wird von der Nabelschnur, an der man hängt, losgeschnitten, um ein Eigendasein zu führen, eine Existenz für sich, um frei zu werden. Statt dessen wird man gebundener als im Mutterleibe. Wie ein Hund an die Kette, so wird man an fremde Meinungen und Vorurteile gelegt, und wenn man sich dagegen auflehnt, erhält man Peitschenhiebe. Gegen all das Dumme, Falsche und Verlogene möchte ich mich auflehnen, gegen diese vorgefaßten Urteile und Meinungen, die man mit der Muttermilch schluckt. Ich möchte mit einem Worte, nicht wahr«, unterbrach ich mich, »zuerst durchschneidet der Doktor oder die Hebamme die Schnur, die uns an das Dunkel bindet. Dann, heißt es, erblicken wir das Licht der Welt, wie voll und brausend das klingt: das Licht der Welt. Aber das Licht wird mit Vorsatz uns ferngehalten wir geraten in eine Stockfinsternis, im Vergleich zu der unser Dasein im Mutterleib erleuchtet war. Und alles kommt nun darauf an, ob man die Kraft, den Mut und den Willen hat, sein eigener Geburtshelfer zu werden, die Schere in die Hand zu nehmen und die zweite Nabelschnur, die viel zäher und fester ist als jene zarte erste, zu durchschneiden. Und wenn einem das schon gelingt, ob man dann noch lebensfähig ist, oder verbluten muß.«

Ich weiß, daß ich eine Art von Bekenntnis abgelegt hatte, und ich fragte mich im stillen verwundert, warum ich es gerade jetzt, in dieser Stunde und diesem Menschen gegenüber getan hatte. Ich war mir auch bewußt, daß ich mich einer im landläufigen Sinne unkeuschen Redeweise bedient hatte, die zwischen einem jungen Mann und einem jungen Mädchen zum mindesten nicht üblich ist. Es war mit guter Absicht geschehen; ich wollte jener Vertraulichkeit, die zwischen ihm und mir sich anbahnte, ein Ende bereiten. Mein langer Vortrag hatte auf ihn offenbar gewirkt.

»Das mag alles gut und schön sein,« sagte er leichthin, »aber in der Beziehung zwischen Mann und Weib kommt es doch lediglich darauf an, ob man sich lieb hat.«

Diese naive, oberflächliche Art, die nur das Erotische sah und, ohne den Zusammenhang des Gesprächs zu achten, dahin übergangslos strebte, hatte etwas Entwaffnendes und Rührendes zugleich.

»Gut,« sagte ich mit großem Ernst, »das ist das Entscheidende, ob man sich lieb hat. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Heiraten Sie niemals eine Frau, die Sie nicht von ganzem Herzen liebt!«

Und er: »Solch eine Frau, von der Sie sprechen, werde ich heiraten. Und sie wird mich eines Tages von ganzem Herzen lieben, obwohl sie heute das Gegenteil behauptet. Denn,« fuhr er fort, »um ebenfalls einmal etwas Sinnreiches zu sagen: es gibt überall einen Ausgleich der Kräfte, also auch in der Liebe. Ich bin Landmann und weiß, daß man mit der Erde ringen muß, um sie ertragsfähig zu machen. Und ein Stück Erde ist auch die Frau.«

Sein Gesicht zeigte eine zähe Entschlossenheit, und wieder finde ich nicht den Mut zu dem, was ich tun müßte; einfach und klar zu sagen: Trugschlüsse über Trugschlüsse. Aus magerem Boden wird kein fetter Boden, und aus einer Frau, die ohne Gefühl in die Ehe geht, wird nie und nimmer ein liebendes Weib.

»Sprechen wir von etwas anderem,« erwidere ich, »wann haben Sie Rolf zuletzt gesehen?«

Er sieht mich starr und verlegen an, verschüchtert durch meine brutale Art. Dann entgegnet er: »Seit einer Ewigkeit nicht. Sobald ich ihn aufsuchte, ließ er sich verleugnen. Es ist Ihnen vielleicht nicht unbekannt, daß er jeden Verkehr mit den Kameraden abgebrochen hat. Eine gewisse Person hat vollkommen Beschlag auf ihn gelegt. Etliche Male traf ich ihn bei Hiller, aber ich sah, daß es ihm unangenehm war, gegrüßt zu werden, und so ließ ich es.«

»Sie wissen, in welche schiefe Lage er sich gebracht hat?«

»Ich sprach erst hier mit Gerhart darüber. Er sagte, alles sei geordnet.«

»So ist es«, antwortete ich erleichtert. »Und wollen Sie wirklich, wie man mir erzählte, den Abschied nehmen?«

Er nickte eifrig, ist durch das bißchen Anteilnahme wieder völlig mit mir ausgesöhnt: »Ich bin genötigt dazu, und es entspricht auch vollkommen meinen Wünschen. Seit dem Tode meiner Mutter geht alles drunter und drüber. Sie selbst hat übrigens in den letzten Jahren nichts sehnlicher gewünscht.« Und nun wird Herr von Borck lebhaft. Er erzählt von seinem Gut, von seinen ausgedehnten Wäldern und Feldern, von Viehzucht und Rübenbau, von Jagd und Fischfang, von Schlittenfahrten im Winter, von tausend Dingen, die mit dem Landleben zusammenhängen. Und er schildert das alles in hellen, lichten Farben, in dem sichtlichen Bestreben, Eindruck auf mich zu machen. Er spricht mit so viel Frische und Offenheit, mit solcher Eindringlichkeit und Liebe, daß es mir im stillen leid tut, so und nicht anders zu ihm zu stehen. Und es gibt einen Augenblick, in dem ich mich frage: »Warum schlägst du nicht ein? Hier steht ein redlicher Mensch, bereit, dich auf den Händen zu tragen, gesund und innerlich sauber. Was zögerst du also? Und wie viele Ehen sind mit ruhigem, abwägendem Verstand geschlossen worden und nahmen den glücklichsten Verlauf! Meinst du ernstlich, daß Frau Aja dem geheimen Rate m blinder Liebe folgte, und dennoch, dennoch. Wer kennt das Geheimnis der Paarung?! ... Und auf der anderen Seite: was mit Leidenschaft und Liebe begann, wie endete es so häufig jammervoll und kläglich ...

Mag sein! Ich gehe den Handel nicht ein. Mich lockt kein Wohlleben. Mich warnt eine innere Stimme. Und wer auf seine innere Stimme nicht hört, dem kann Gott nicht helfen.

In Herrn von Borcks Herzen schwingen meine Gedanken mit, denn er verfärbt sich plötzlich und sagt: »Oh, wie weh Sie mir tun, Ulrike! Das zarte, kleine Gefühl, das eben für mich aufblühen wollte, vernichten Sie mit einem harten Griff. Warum tun Sie das?«

»Weil ich zu viel Achtung vor Ihnen habe, um Sie zu belügen.«

»Seien Sie bedankt für diesen Grad von Achtung, mit etwas weniger wäre mir mehr gedient«, entfährt es ihm, und sein Gesicht ist böse geworden, um seine Mundwinkel zuckt es unaufhörlich.

»Und dann geschieht es aus Selbstachtung. Es widerstrebt mir, zu nehmen, wo ich nicht zu geben vermag. Lieber, lieber Herr von Borck, lassen Sie uns gute Kameraden sein! Glauben Sie mir, ich erweise Ihnen einen Freundschaftsdienst, für den Sie mir einmal danken werden. In mir ist so viel Zwietracht und Unausgeglichenheit, daß Sie keine Freude an mir hätten.«

Er schüttelt heftig den Kopf. »So leichten Kaufes kommen Sie mir nicht davon! Ich bin nicht einer, der sich mit Almosen abspeisen läßt. Denn, mein gnädiges Fräulein, Sie scheinen noch immer nicht begriffen zu haben: Ich liebe Sie! Und so tief sind Sie in mich hineingewachsen, so sehr Besitz von mir geworden, daß ich nicht daran rühren lasse, von niemandem, auch von Ihnen nicht!« Das sagt er mit herausforderndem Ernst und sieht mich dabei fast drohend an.

»Wissen Sie, wie man das nennt?« frage ich gereizt.

»Festhalten an dem, was man als seine Lebensnotwendigkeit erkannt hat, man könnte es auch als Selbsterhaltungstrieb bezeichnen«, erwidert er prompt.

Ich lache laut auf. »Und ich nenne es Ideenflucht! Nenne es Wahnsinn! Glauben Sie allen Ernstes ...«

»Es kommt ja auf die Bezeichnung schließlich und endlich nicht an«, unterbricht er mich. »Es kann für das gleiche Ding verschiedene Namen geben. An der Tatsache wird dadurch nichts geändert.«

Ich starre ihn verblüfft an. Ist dieser Mensch bei Troste? »Wissen Sie, was man unter einer überwertigen Idee versteht?«

Nein, er wisse es nicht, er sei gänzlich ungebildet. Über Kartoffeln und Mais könne er allenfalls Auskunft geben, von so gelehrten Dingen verstünde er nichts, rein gar nichts.

»Gut, so werde ich Ihnen die notwendigen Lektionen erteilen: wenn ein Mensch sich derartig in einen Gedanken verbissen hat, daß er darüber all sein gesundes Denken vergißt, wenn dieser Gedankengang obendrein von Grund aus falsch und verkehrt ist, das heißt von Voraussetzungen ausgeht, die nicht zutreffen, so sagt man, er ist von einer überwertigen Idee beherrscht, der mit Vernunft nicht mehr beizukommen ist. Ein solcher Mensch gehört in die Behandlung des Arztes.«

Abgesehen davon, daß diese Erklärung auf seinen Fall ganz und gar nicht zuträfe, so habe er an und für sich nichts gegen eine fach- und sachgemäße Behandlung. Er müßte nur darauf bestehen, daß die Probe auf das Exempel gemacht wird.

»Und welches wäre die Probe?«

»Einfach, daß der Arzt die Kur damit beginnt, daß er Sie mir verschreibt.«

Ich unterbreche ihn mit einer heftigen Bewegung.

»Bitte, bitte, lassen Sie mich ausreden! Stellt sich nach diesem Experiment heraus, daß ich auch nur die leiseste Torheit begehe, irgend etwas tue, was gegen die Vernunft ist, oder gegen die guten Sitten verstößt, so soll man mich meinethalben unter Vormundschaft stellen, oder zeitlebens in ein Irrenhaus sperren. Ich werde nicht mit einer Silbe Einspruch erheben.«

»So, und nun sind Sie am Ende? ...«

»Ich könnte über den Gegenstand mit Ihnen mich bis in die tiefste Nacht hinein unterhalten und mit dem Morgengrauen wieder beginnen.«

»Und ich, Herr von Borck, lehne jede weitere Diskussion ab.«

Der Mensch neben mir zittert, schnappt eine Weile nach Luft, ringt nach Worten, will sich gegen die ihm widerfahrene Beleidigung wehren, grüßt dann stumm und geht eilends, so schnell die Füße ihn tragen, davon.

Was war das? Bin ich brutal gewesen? Bin ich über etwas, das blühte, schonungslos hinweggestampft? Habe ich ihm ein Leid zugefügt, für das es keinen Laut des Schmerzes mehr gibt? Ich stehe betäubt da. Ich vermag nicht anders, kann mich nicht auf Kosten meiner selbst opfern, kann mich nicht verschachern lassen, weder aus Mitleid für die Meinen noch aus Mitgefühl für ihn. Um mein Dasein geht es! Basta!

 

Nachts.

Nun habe ich es glücklich so weit gebracht, daß alles durcheinander gerüttelt und geschüttelt ist. Und wo vorher eine wenigstens äußere Harmonie spürbar war, herrscht jetzt Verstimmung. Herr von Wehlen ist nervös, wünscht eine Entscheidung herbeizuführen. Der Kreisphysikus liegt wie ein Fuchs auf der Lauer, und Herr van Borck ist blaß und verstört. Papa und die Brüder sind ahnungslos, wissen nicht, was vorgeht, aber die allgemeine Mißstimmung hat ansteckend auf sie gewirkt. Bin ich der schuldige Teil, weil ich die Wechsel, die die anderen präsentieren, nicht begleichen will? Freier, die erfolglos werben, machen sehr leicht eine komische Figur, und vergebliche Liebesmüh bringt neben dem Schaden nach Spott. Und gerade, weil alle Beteiligten mich verantwortlich zu machen suchen, bin ich geneigt, die Sache van der humoristischen Seite zu betrachten. Denn daß zwei Hagestolze, die das Leben nach allen Richtungen genossen haben, bei einem jungen Mädchen abblitzen, kann ich, beim besten Willen, mich in den Seelenzustand anderer zu versetzen, nicht eben tragisch finden. Herrn von Borcks Fall dagegen beunruhigt mich. Ich komme zu dem leidigen Schluß, daß die Identität der Begriffe, von der Papa öfter als einmal zu mir gesprochen hat, nicht zu den fixen Vorstellungen gehört. Recht ist Unrecht. Oder um mich vorsichtiger auszudrücken: die Absage an Herrn von Borck, die mein gutes selbstverständliches Recht war, wird durch das ihm zugefügte Leid in seinen und der anderen Augen zu einem Frevel. Eine Auffassung, die sich bis zu dem Grade auf mich überträgt, daß auch ich mir schuldbeladen vorkomme. Wenn das nicht die verkehrte Welt ist, in der aus Klarheit Verschwommenheit wird, so will ich nicht mehr Ulrike Brandt heißen.

Vor dem Abendbrot hat Papa mich abgefangen. Er ist eine Weile mit mir auf und nieder gegangen und hat seinen Arm in den meinen gelegt, und diese Zärtlichkeit, die seinem kargen, zurückhaltenden Wesen fremd ist, hat mich bewegt. Mir bangte, denn ich fühlte, daß sein Herz beschwert war und er sich erleichtern wollte. Und nach einer Weile sagte er denn auch: »Kind, ich spüre, daß es mit mir abwärts geht, nein, ich bin auf absteigender Linie. Warum soll man sich das nicht gerade und ehrlich eingestehen? Und lassen wir einmal meinen körperlichen Zustand ganz beiseite, ich muß darauf gefaßt sein, meinen Abschied zu erhalten.«

Mir schien es, als ob er schwerer als sonst atmete, und als ob der Ausdruck seiner Züge trotz aller Selbstbeherrschung bitterer wurde. Er sah in mein trauriges Gesicht, und in seinem gütigen Ton, als wollte er mich trösten, fuhr er fort: »Es ist ja keine Gewißheit, sondern nur eine Möglichfeit, mit der man indessen rechnen muß. Nur nicht den Kopf im Sand verstecken und Vogelstraußpolitik treiben! Tritt dieser Fall ein, so ist meine Lage nicht gerade aussichtsvoll. Du kennst die Verpflichtungen, die ich Rolfs wegen auf mich genommen habe. Ich sage dir das alles ganz ruhig, ernst und aufrichtig, aber ich füge ebenso hinzu, daß es nicht ausschlaggebend für unsere Unterredung gewesen ist. Und wenn ich dir versichere daß die Entscheidung lediglich in deinen Händen liegt, so kannst du getrost noch den Rest mit abhören. Du weißt, zu welchem Zweck Herr von Borck hierher gekommen ist. Ich würde es für einen Segen halten, wenn du ja sagen könntest. Du bist ein ernstes, gescheites Möbel, hast mehr gelernt, als die meisten anderen, aber Kind, in dir ist auch ein gefährlicher Hang, ein Drang zum Ausschweifenden, ein Trieb, über die Grenzen zu gehen und dich zu verlieren. Davor möchte ich dich bewahrt sehen, möchte, daß du Wurzeln schlägst. Und Borck ist ein Mensch, vor dem ich Achtung habe ... So, das wollte ich dir sagen.« »Papa, lieber Papa, ich glaube, es wird nicht gehen«, entgegne ich und habe nicht den Mut, ihm einzugestehen, daß Borck vor einigen Stunden einen regelrechten Korb von mir erhalten hat.

Ein Schatten geht über sein Gesicht. Papa kennt mich und fürchtet, daß hinter meinen Worten sich eine tiefe Entschlossenheit verbirgt.

»Nun gut, nun gut«, murmelte er. »Zwischen uns ist alles klipp und klar«, und als wollte er mich besänftigen, mir jede Spur von Sorge nehmen, fährt er mit der Hand über meinen Scheitel. Und diese Zärtlichkeit, die er mir zuteil werden ließ, als ich noch ein kleines Mädel war, erschüttert mich, die Tränen stürzen mir aus den Augen.

Papa gibt sich den Anschein, als sähe er das nicht. Er besitzt einen Herzenstakt ohnegleichen, mein lieber, tapferer Papa, dessen Leben nur seinem Dienst und der Sorge für seine Familie gehört hat. Pflichten über Pflichten, Sorgen über Sorgen! Was Freude, Wohlleben, Luxus ist, hat er niemals kennengelernt, und vielleicht auch nie entbehrt. Und ob Mama ihn für alle seine Entbehrungen unbedingt hat schadlos halten können, ist eine Frage, die ich nicht ohne weiteres bejahen möchte. Wollte ich Papa mit einem einzigen Worte kennzeichnen, so müßte ich sagen: er ist preußisch. Und dieser Begriff, durch ihn verkörpert, flößt mir Ehrfurcht ein, so primitiv er sein mag. Er hat einen ehernen Klang!

Übrigens notiere ich, daß, kurz bevor wir unsere Zimmer aufsuchten, Herr von Borck Gelegenheit fand, mir leise zuzuflüstern: »Sollten Sie durch meinen haltlosen Zustand heute zu der Ansicht gelangt sein, ich hätte mich mit Ihrem Bescheid abgefunden, so wäre das ein glatter Irrtum. Ich lasse Sie nicht.«

Ich täte gut daran, Kreisphysikus Wernicke auf Borcks Verfassung aufmerksam zu machen.

 

Am nächsten Morgen.

Dummheiten, wirres Zeug, das ich zusammengeträumt habe. Wie ist es denkbar, daß man jede Kontrolle über sich verliert, daß einem der Schlaf Dinge offenbart, die man im wachen Zustand mit gerechtem Zorn von sich weisen würde? Was ist Schlaf? Die Alten haben ihn den Zwillingsbruder des Todes genannt. Aber wie verschieden sind Brüder! Ich möchte in meinem ewigen Schlaf zwischen meinen vier Brettern nicht von ähnlichen Träumen heimgesucht werden.

Der Kreisphysikus hielt mich in seinen Armen und küßte mich. Wehlen stieß eine gellende Lache aus, und Herr von Borck hielt sich die Augen zu. Er konnte es nicht mit ansehen, daß ich stillschweigend dies mit mir geschehen ließ, ohne mich mit allen Kräften zu wehren. Schauderhaft! Und nun frage ich mich, wenn einem der Traum, solche Gebilde vorgaukelt, ohne daß man zu hemmen vermag, so muß doch im Untergrunde der Seele eine Bereitschaft zu den entsetzlichsten Dingen vorhanden sein. Unsere Tugend ist wurmstichig. Sobald es dunkelt, tun sich Abgründe auf, und wir versinken. Träume sind keine Schäume. Sie sind der Abschaum unseres Selbst; im Schlafe sind wir außerhalb des Weichbildes aller Vernunft, aller reinen Vorsätze. Mitten im dunkelsten Bezirk unseres Herzens, wo unsere unheilvollen Möglichkeiten wachsen, befinden wir uns. Die Hebräer hätten recht, wenn sie sich auf die Traumdeuterei legten. Die modernen Ärzte, die wie die katholischen Geistlichen auf das »Sichaussprechen« den größten Wert legen, haben von ihnen gelernt.

 

Eine Stunde später.

Ich habe schwarz auf weiß eine Möglichkeit von Möglichkeiten unterhalb meiner Bewußtseinsschwelle eingeräumt, die ich nachträglich leugne. Ich habe gar nicht Wernicke im Traum geküßt, sondern, Papa. Wernickes Schatten huschte nur einen Moment vorbei, drängte sich zwischen Papa und mich. Ich rekonstruiere: die aufregenden Gespräche des vorangegangenen Tages hatten ein Gefüge unseliger Vorstellungen hervorgerufen, und im Dämmerzustande des Schlafes verschoben sich die Teile, gingen durcheinander. So, das ist Klarheit! Ich habe keine Ursache, mich weiter zu beunruhigen. Das viele Grübeln taugt nicht. Aber darin hat Papa recht: ich muß vor mir selber auf der Hut sein!

 

Am Nachmittag.

Gerhart, Gottfried und Herr von Borck haben eine Kammpartie unternommen, Papa spielt mit dem Kreisphysikus eine Partie Schach. Ich trete einen Augenblick zu den Spielenden. »Ich habe mir fest vorgenommen zu gewinnen«, sagt Wernicke. »Ich fordere mein Schicksal heraus. Von dem Ausgang der Partie mache ich meine Zukunftsentschließungen abhängig.« Er stößt das in einem leisen, anzüglichen Ton hervor und blickt mich von der Seite an.

Papa meint gutmütig lachend: »Ich hätte nie geglaubt, daß ein Mann der exakten Wissenschaften an solchen Aberglauben hängen könnte.«

»Mein verehrter Herr Oberst, in gewissen Dingen hört die Exaktheit und die Wissenschaft auf. An die Stelle der Methode, Voraussicht und Berechnung tritt der Zufall.«

Langsam stellt er die Figuren auf. Papa hört nur zerstreut zu, und ich weiß, daß seine Aphorismen an meine Adresse gerichtet sind.

»Nämlich,« fährt er fort, »wir bilden uns ein, wir mischen die Karten und spielen das Spiel, während in Wahrheit die Karten längst gemischt sind und das Spiel mit uns spielt. So, nehmen Sie die schwarzen oder die weißen?«

»Die weißen«, antwortet Papa. »Übrigens glaube ich Ihnen nur bedingt. Sie kennen doch die Redensart: Gott ist mit den stärksten Bataillonen!«

Papa hat den ersten Zug.

»Ich möchte die Herren nicht stören.« Ich nicke Papa zu und will mich entfernen. Der Kreisphysikus hält mich noch einen Moment mit seinem Blick zurück.

»Vielleicht denken Sie ein wenig über das nach, was ich mir eben zu bemerken erlaubte, mein Fräulein,« und ohne jeden Zusammenhang setzt er hinzu, »es könnte unter Umständen für Sie von Segen sein!«

Wenn Papa nicht zugegen gewesen wäre, er hätte wegen seiner versteckten Andeutung, deren Sinn ich nicht fassen kann, und deren Spitze ich spüre, die gebührende Antwort erhalten.

Draußen vor der Baude steht zu meinem Staunen Herr von Wehlen und wartet auf mich. Er hält seine Stunde für gekommen, kaut nervös an seiner Unterlippe und eröffnet mir unter Beiseitelassung aller diplomatischen Künste, daß er nach einer ihm soeben zugegangenen Mitteilung des Auswärtigen Amtes voraussichtlich genötigt sein dürfte, seinen Ferienaufenthalt abzubrechen.

»Meine Eltern werden das bedauern«, antwortete ich zurückhaltend und möchte alles tun, um der gefürchteten Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen. Herr von Wehlen ist nicht gewillt, meinen Wünschen Rechnung zu tragen.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagt er unvermittelt, »lassen wir für eine Weile konventionelle Redensarten beiseite. Für mich steht zu viel auf dem Spiele. Sie erinnern sich an jene Unterhaltung und jenen Brief, den ich Ihnen geschrieben.«

Er macht eine kleine Kunstpause, ich nicke lautlos.

»Nun gut. Ich bin nicht mehr der Jüngste, und allzuviel Zeit habe ich nicht zu verlieren. Dies Eingeständnis ist für eine Werbung gewiß kein glücklicher Anfang, aber mir ist so ernst zumute, daß ich mich nur an das Tatsächliche halten kann.«

Er zieht ganz langsam und tief von unten herauf den Atem ein, als brauchte er frische Kraft, um fortzufahren. Sein Antlitz hat etwas Feierliches.

»Ich habe mich während dieser stillen Wochen in die Vorstellung hineingelebt, das Leben gleichsam noch einmal zu beginnen. Sie wären es, mein Fräulein, die mich – nein, nein«, unterbricht er sich, »ich will nicht sentimental werden, ich will ehrlich und offen fragen, könnten Sie mir ein wenig gut sein, ich verlange keine große Leidenschaft,« setzt er hastig hinzu, »keine romantische Neigung, ich dachte lediglich, Sie und ich könnten vielleicht ausgezeichnete Kameraden werden.«

Er hat zu Ende gesprochen, ist stehen geblieben und hält den Blick nun erwartungsvoll auf mich gerichtet. Es ist das zweitemal innerhalb weniger Tage, daß die Entscheidung über ein Schicksal in meine Hand gelegt ist. Ich könnte größenwahnsinnig werden, wenn mich das Ganze nicht so unendlich traurig stimmen würde. Wehlen steht mir ungleich ferner als Borck, ich habe gar keine Berührungspunkte mit ihm, aber ich weiß, daß mein Nein eine ungewohnte Demütigung für ihn bedeutet. Ich möchte eine Form finden, die ihn nicht verletzt, und bin in hilfloser Angst. Dabei reizt mich sein Gedankengang. Er sagt sich: dieses kleine Fräulein ist eine relativ gescheite Person, die sich nicht mit überflüssigen Gefühlen herumschlägt, die engen Verhältnisse im Hause, meine äußere Position, nicht zu vergessen meine geistige Veranlagung ...

Ich gebe mir einen Ruck. Am weitesten kommt man mit der Wahrheit, und schließlich, ich leide unter diesen Geschichten ebenso wie meine Bewerber, wenn auch auf eine andere Art.

»Ich kann nicht, Herr von Wehlen, weil ich nicht zu den Menschen zähle, die mit einem bißchen Gutsein, wie Sie es ausdrücken, in die Ehe zu gehen vermögen. In diesem Punkte haben Sie mich falsch gesehen, und Ihnen eine Leidenschaft vorzulügen, aus irgendeiner Berechnung heraus Ihren Antrag anzunehmen, bin ich außerstande ... Ach, lieber Herr von Wehlen, blicken Sie mich nicht so böse an, ich bin weder der kluge Mensch, für den Sie mich halten, noch das gütige Wesen, das Sie etwa in mir sehen möchten«, und in einem unsinnigen Gedankensprung, als könnte ich der Sache noch ein gutes Ende bereiten, entfährt es mir: »Heiraten Sie Christine, die Ihnen zugetan ist!«

Er verbeugt sich zeremoniell. »Ich bin Ihnen für die Anregung dankbar, indessen, wen es nach Austern gelüstet, der läßt sich nicht mit Backobst abspeisen. Im übrigen bedarf es in diesem Falle nicht Ihrer freundlichen Vermittlung; denn Ihr Fräulein Schwester war bereits so gütig, mir einen Antrag in diesem Sinne zu machen.«

Hatte ich mich in meiner Zerfahrenheit zu einer Unschicklichkeit hinreißen lassen, die ich bitter bereute, sobald sie geschehen war, so quittierte er dies mit einer Taktlosigkeit ohnegleichen. Und in dem Ärger, den ich über mich selbst empfand, sah ich darin eine Herzensroheit, die mich jeder weiteren Schonung enthob. Nein, als Kavalier durfte er so nicht handeln, durfte er eine Frau nicht so skrupellos preisgeben, die in überwallendem Gefühl ihre Selbstachtung verleugnet und sich ihm an den Hals geworfen hatte. Herr von Borck hätte das nie und nimmermehr getan. Ich spürte, wie mich der Zorn schüttelte, wie ich mich in dieser Stunde mit meiner Schwester eins fühlte.

»Ich denke,« stieß ich mit harter Stimme hervor, »da Sie bereits in der Lage sind, Ihre witzigen Vergleiche aus der Speisekarte zu beziehen, werden Sie meine Antwort leicht verwinden.« Ich wollte noch ein Wort über seine perfide Indiskretion hinzufügen, aber ich unterdrückte es und wandte ihm den Rücken. Mir war es, als hörte ich hinter mir sein grelles Lachen, aber vielleicht war dies nur eine Sinnestäuschung.

Zum Erstaunen aller verließ Herr von Wehlen noch am selben Tage die Iserbaude. Ein paar nichtssagende Zeilen hatte er für meine Eltern hinterlassen.

Als der Kreisphysikus wegen der plötzlichen Abreise Wehlens sich mir gegenüber eine Anspielung erlaubte, unterbrach ich ihn schroff.

»Mit welchem Rechte«, fragte ich, »verbreiten Sie das Gerücht, daß zwischen mir und dem Geheimrat eine Beziehung besteht?«

»Pardon, hier liegt ein Mißverständnis vor. Über eine Beziehung zwischen Ihnen beiden habe ich kein Wort verloren. Ich habe lediglich gesagt, daß Herr von Wehlen die Absicht hatte, Ihnen einen Antrag zu machen. Zu dieser Konfidenz hielt ich mich für berechtigt, da mir der Geheimrat kein Stillschweigen auferlegt hatte.«

»Darf ich Sie dann bitten, sich in Zukunft mit meiner Person etwas weniger zu befassen!«

»Das kann ich Ihnen nicht ohne weiteres versprechen, meine Gnädigste. Übrigens gratuliere ich zu der Operation, sie ist allem Anschein nach radikal gelungen.«

Ich fürchte, diesem Menschen ist nicht beizukommen!

 

4. Juli.

Zu Dir muß ich sprechen, in Deine Hundeaugen blicken, den Schlag Deines Herzens spüren, Deine Hand fassen, Deine liebe, gute Hand, um zu wissen, daß ich wache, daß ich bin, daß kein Traum mich narrt. Die Sonne scheint, das Korn beginnt zu reifen, und in mir ist Seligkeit, in mir lacht alles, in mir strömt Freude und Dankbarkeit. Gott ist in mir. Ich falte die Hände fromm und demütig wie in meiner frühesten, reinsten Kindheit und sinke in die Knie.

Laß Dir erzählen, liebste, traute Freundin, was sich zugetragen, seit ich das letztemal dieses Buch aufschlug.

Es war am Abend des zweiten Juli. In später Stunde hatte sich ein mächtiges Gewitter entladen, der Donner kam mit unheimlichem Getöse und rollte krachend von den Bergen ins Tal. War noch ein paar Stunden vorher aus Wald und Wiese der Dampf emporgestiegen, um dann dem dichten Nebel zu weichen, der wie ein undurchdringliches Gewebe vom Himmel stürzte, um Felder, Wälder, Berge einzuhüllen, unsichtbar zu machen, so daß die Welt im wörtlichsten Sinne nur noch eine Vorstellung war, so prasselte jetzt der Regen nieder, und Blitz auf Blitz zuckte und warf sein grelles Licht durch die Fenster der Baude.

In der Schankstube saßen der Förster, ein Jäger, ein Waldarbeiter und der Wirt, tranken Wachholder, hatten rote, heiße Köpfe und schimpften laut auf die Verwaltung und den Kameraldirektor, der den Lohn drückte und die Leute, wenn sie alt geworden waren, mit allerhand feinen Mittelchen zu beseitigen wußte. »Arbeiten muß man wie das Vieh, und den Bissen im Mund gönnen sie einem nicht« klang es zu uns herüber.

Es ging bereits in die elfte Stunde, aber niemand dachte daran, schlafen zu gehen. Wir Frauen hatten Angst vor dem Gewitter, und die Männer sprachen, fieberhaft erregt, von Politik.

Gerhart hatte am Nachmittag die neuesten Zeitungen aus Flinsberg heraufgeholt, und die lagen ausgebreitet vor ihnen.

Wind und Sturm rüttelten am Tor, das der Wirt bereits vorsichtshalber geschlossen hatte. Denn der Förster und der Jäger wollten des Unwetters wegen in den Bodenkammern übernachten und erst mit dem Morgengrauen weiterziehen. Das Donnern wollte nicht enden, der Regen klatschte unaufhörlich an die Scheiben.

Da auf einmal hört man ein lautes Pochen an der Tür und eine tiefe Stimme fordert Einlaß.

Unwillkürlich fahren wir alle in die Höhe. Der Schlüssel klirrt, und unmittelbar darauf tritt nasser als der nasseste Pudel ein hochgewachsener Mensch, in einen Lodenmantel gehüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen, auf die Schwelle.

Unser aller Augen sind auf den späten Gast gerichtet, der im Dunkel der Nacht, dem Unwetter trotzend, über die Berge gewandert ist. Er schlägt die Haube zurück, entledigt sich des Rucksacks, wirft den vom, Regen triefenden Mantel ab. Und Gestalt und Kopf enthüllten sich.

Ich sehe zunächst nur das lichte, blonde Haar und eine mächtig ausladende, gewölbte, eherne Stirn, unter ihr die Augen tief zurückfallend, hell und von einer Leuchtkraft, die wehe tut. Die von der Anstrengung des Marsches geröteten Wangen scheinen mir etwas eingefallen, das bartlose Gesicht hat einen mönchhaften Zug, und die feinen, schmalen Lippen steigern noch den asketischen Eindruck. Aber in dem Moment, in dem er den Mund auftut, uns guten Abend wünscht und mit der Hand über sein zerzaustes, feuchtes Haar fährt, zeigt dies Antlitz eine Sanftheit, Anmut und Lebensfreude, daß mir der Atem vergeht.

Liebes, lächle nicht, begreife meinen Überschwang! Wie ein Wesen höherer Art, wie ein Sendbote Gottes erschien er mir auf den ersten Blick.

Er war wie ein Bergwanderer schlicht, eher ärmlich gekleidet und wirkte zunächst wie eine befremdliche Mischung zwischen Landmann und Geistesmensch.

Und nun kommt das Seltsame.

Sein und des Kreisphysikus Auge treffen sich, beider Gesichter hellen sich vor Überraschung auf. Wernicke eilt ihm entgegen, sagt laut und fröhlich: »Mensch, sind Sie es wahr- und wahrhaftig, sind Sie wirklich aus Ihrem Schlupfwinkel hervorgekrochen? Ja, Sie sind es,« fügt er lachend hinzu, »denn kein zweiter sucht sich zum Aufstieg solchen Wind und solches Wetter.«

Der Fremde läßt sanft und still diesen Redeschwall über sich ergehen. Auch der Kreisphysikus scheint wie verwandelt; so etwas von unbedingt bejahendem Respekt liegt in seinen Worten und in seinen Augen.

»Darf ich Ihnen, meine Herrschaften, den Freiherrn von Rechlin, außer vielem andern, Kollege von mir«, die letzten Worte sind von einem feinen Lächeln begleitet, vorstellen?«

Herr von Rechlin verbeugt sich leicht und nimmt auf Papas Einladung hin an unserem Tische Platz, bestellt sich ein Glas heißen Grog und ein Butterbrot, falls es noch zu haben ist.

Nichts Unirdisches haftet ihm an. Ganz Natur, ganz Einfachheit, erzählt er, daß er acht Stunden unterwegs sei, hierher gewollt und in Gewitter und Dunkel kein Hindernis erblickt habe, an sein Ziel zu gelangen. Und dabei leuchten diese Augen, strahlen eine Helligkeit, einen Glanz wider, den ich in mich aufsauge, so wie heiße, trockene Erde strömenden Regen trinkt. Und dann sehe ich, wie seine vorher leicht geröteten Züge die ihnen eigene Blässe wieder annehmen, und dann begegnen sich unsere Augen wie aus einer inneren Notwendigkeit, frei, ohne Scheu, einige flüchtige Sekunden nur, aber in so heiligem Ernst, daß es ein Erkennen aus der Tiefe des Herzens ist.

Unmittelbar darauf erhebt er sich und sucht sein Zimmer auf.

Wer ist Herr von Rechlin? Ein Landmann? Ein Mönch? Ein Arzt?

»Einer von den liebenswerten Narren,« sagt der Kreisphysikus, »ohne die die Welt keinen Bestand hätte, einer der mit knapper Not und Mühe dem Irrenhaus entsprungen ist, den man öfter als einmal hinter Schloß und Riegel hat tun wollen, und der allem Hohn und Spott, allen Anfeindungen zum Trotz das Dasein auf seine Art lebt, auf die Art, die er allein vor sich verantworten kann, wie er behauptet.«

Papa gibt das Zeichen zum Aufbruch; der Kreisphysikus dreht sich den Knebelbart zurecht, der während des Sprechens in eine schiefe Stellung geraten war. Er zwinkert unmerklich zu mir herüber, und zugleich spüre ich, daß Herr von Borck seine weit aufgerissenen Augen angstvoll auf mich richtet.

Der Sturm hat sich gelegt, die Nebel sind gefallen. Christine schläft, ich liege mit wachen Augen da, und sein Auge ist über mir.

Am anderen Morgen ist Herr von Rechlin verschwunden. In aller Herrgottsfrühe hat er sich auf und davon gemacht. Hätte man mir gesagt, ja, hätte man mir das Ungeheuerlichste, das Unfaßbarste gesagt, es würde mich nicht so lähmen, mir nicht so die Kehle zuschnüren können. Nein, nein, nein, es ist nicht denkbar. Ich muß mich halten, sonst sinke, versinke ich.

Liebstes, bestes Mädchen, mir ist zumute, wie nur einem Blinden zumute sein kann, der eine flüchtige Minute in das Licht schauen durfte und dann wieder in das Dunkel geworfen wird. Es wird so finster um mich, es zieht an meinem Herzen, ein Klingen, aus weiter, weiter. Ferne, ein einziger, leiser, dünner Ton trifft mein Ohr.

Dann schwinden meine Sinne. Ich liege in meinem Bett. Der Kreisphysikus hält meinen Puls, Papa und Mama stehen ratlos daneben.

»Was machen wir für Dummheiten«, sagt Wernicke, und zu meinen Eltern gewandt: »Kein Grund zur Sorge, unser Fräulein ist wieder wohlauf, kann in einer Stunde auf die Berge gehen!«

Er gibt Papa und Mama einen Wink, und sie verlassen das Zimmer. Der Kreisphysikus geht ein paarmal auf und nieder, ehe er sich wieder an mein Bett setzt. Und in einem beinahe väterlichen Tone, den ich nicht an ihm gewohnt bin, hebt er an: »Kind, danken Sie Gott, wenn er nicht wiederkommt, und wenn Sie ihm noch einmal begegnen, so gehen Sie ihm aus dem Wege, meiden Sie ihn, ich rate Ihnen gut! Wenn Sie ihm zu nahe kommen, meine Gnädige, so brennen Sie lichterloh, und mit ein paar lumpigen Brandnarben ist es dann nicht getan; das ist einer der gefährlichsten Menschen, die heute frei herumspazieren; ein Segen und ein Schaden zugleich.«

»Und was sagten Sie gestern?« frage ich leise und blicke ihn dabei angsterfüllt und scheu an. Ich weiche ihm nicht aus, denn von dem Zustand meiner Schwäche abgesehen, es wäre sinnlos, ihm gegenüber leugnen zu wollen.

»Ich sagte,« antwortet et langsam, jede Silbe betonend, »daß er zu den liebenswerten Narren gehört, notwendig wie das Salz zur Speise. Andere sind anderer Ansicht, meinen, daß man Menschen seines Schlages mit Stumpf und Stiel ausrotten müßte. Das sind Dinge der Auffassung. Eines aber, meine Gnädigste, steht für mich fest: die Frau, die sich mit ihm einläßt, müßte über Abgründe tanzen können, sonst ist sie verraten und verkauft. Und darum seien Sie gewarnt!«

Ich starre ihn verständnislos an.

»Sie sind außerstande, das ohne weiteres zu begreifen. Er ist einer von denen, die alles, uneingeschränkt alles, hergeben, aber auch das Letzte fordern würden, wenn sie eine Gemeinschaft eingehen. Er gehört zu jenen, die auf der äußersten Grenzlinie stehen, und es gibt Ärzte, die seinen, Zustand als eine Art höheren Schwachsinns bezeichnen. Es gibt nämlich auch die » dégénérés inférieurs«, müssen Sie wissen.«

Ich fahre in meinen Kissen auf, der Kreisphysikus betrachtet mich voll aufrichtigen Mitleids.

Und in jenem gutmütigen Ton, in dem man zu einem Patienten spricht, sagt er: »In einer Viertelstunde hole ich Sie ab. Wir machen einen kurzen Spaziergang, dann sollen Sie das Wesentliche über ihn erfahren. Er ist nämlich ein berühmter, vielleicht noch gar nicht einmal abgeschlossener Fall, an dem ich selbst gewissermaßen beteiligt war.«

Er verläßt das Zimmer, und ich werfe in nervöser Hast die Kleider um mich und erwarte ihn. Mein Herz schlägt laut, meine Pulse klopfen im Takte. Pünktlich auf die Sekunde tritt Wernicke wieder ein, und wir verlassen gemeinsam die Baude.

»Ich bin notabene nicht im mindesten überrascht«, hebt er nach einer Weile an. »Ich habe das gestern abend mit tödlicher Sicherheit kommen sehen und hoffe nur, daß er. auf Nimmerwiederkehr verschwunden ist.«

Dies Wort löste mir die Zunge. Alle Bangigkeit ist von mir genommen.

»Er kommt wieder, Herr Kreisphysikus, noch heute kommt er wieder, ich weiß es, so wahr die Sonne scheint.«

Und der Ausdruck meiner Miene muß in diesem Augenblick ein so übersinnlicher gewesen sein, daß der Arzt ein höchst bedenkliches Gesicht zieht und offenbar auch an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln beginnt.

Und nun, liebes Herz, sollst Du die Geschichte des Herrn von Rechlin erfahren, deren Kenntnis ich Wernicke verdanke.

Herr von Rechlin ist in Südamerika als Sohn eines deutschen Auswanderers geboren. Sein Vater, ehemaliger Offizier, mußte den Dienst quittieren wegen irgendeiner Affäre, über die ich nichts Näheres weiß. Er hat drüben als Farmer Geld gemacht und ist nach dem Tode seiner Frau als begüterter Mann mit seinen beiden Kindern, einem Sohn und einer Tochter nach Deutschland zurückgekehrt. In seiner schlesischen Heimat hat er dann Grund und Boden erworben, ein Gut von zirka 6000 Morgen, dessen Wert er, dank seiner landwirtschaftlichen Erfahrungen, wesentlich zu steigern vermochte. Als er starb, war seine Tochter bereits etliche Jahre verheiratet, sein Sohn gerade im Begriff, die Universität zu beziehen, um Theologie zu studieren.

Der junge Herr war damals achtzehn Jahre alt und stand unter der Vormundschaft seines Schwagers, eines schlesischen Großindustriellen. Zwischen ihm und seiner Schwester war ein Altersunterschied von etwa sechs Jahren.

An den bereits zu Lebzeiten des Vaters getroffenen Dispositionen wurde nichts geändert. Er bezog die Universität, sein Schwager übernahm nicht nur die Verwaltung des Vermögens, sondern auch des kleinen Rittergutes, das dem Sohne zugefallen war. Bruder und Schwester waren völlig entgegengesetzte Naturen, aber es herrschte zwischen ihnen ein durchaus herzliches, geschwisterliches Einvernehmen, in das auch der Schwager mit einbegriffen war.

So standen die Dinge. Herr von Rechlin studierte ein Semester in Heidelberg, und bezog alsdann die Berliner Universität, die er nicht mehr verlassen hat. Niemand wußte recht, unter welchen Einflüssen er stand. Die Ferien brachte er regelmäßig in der Schweiz zu, mied es jedenfalls, in die Heimat zurückzukehren. Knappe Briefe trafen von ihm ein, und wurden ebenso beantwortet. Die zu Hause hatten mit sich und ihren vielen Kindern genug zu schaffen; sein Schwager, der sich in große, industrielle Unternehmungen eingelassen, hatte den Kopf voll und weder Zeit noch Neigung, sich viel um sein Mündel zu kümmern, dessen theologische Neigungen im übrigen eine Gewähr dafür zu bieten schienen, daß er von allen gefährlichen Versuchungen verschont blieb.

Eines Tages erhielten sie von ihm ein Schreiben, in dem er ihnen mitteilte, daß er sein theologisches Examen bestanden habe und aus der Landeskirche ausgetreten sei, da er die Absicht hätte, er war damals zweiundzwanzig Jahre alt, von vorn zu beginnen und Medizin zu studieren. Gleichzeitig ersuchte er seinen Schwager, die Verwaltung des Gutes weiter in Händen zu behalten. Seine Geschwister wurden stutzig und beschlossen kurzerhand, nach Berlin zu reisen. Sie fanden ihn äußerlich nicht sehr verändert, obwohl sein Gesicht den Ausdruck geistiger Überarbeitung zeigte und sein Blick ihnen zuweilen verdüstert erschien.

Trotzdem es ihn Überwindung kostete, gab er ihnen kurze Rechenschaft über seine veränderten Anschauungen. Er sagte, daß er gerade durch das Studium der Theologie in schwere Gewissensnöte geraten sei, die schließlich mit seinem Austritt aus der Kirche geendet hätten.

Und er fügte hinzu, es wäre ganz falsch; aus diesem Schritt etwa auf eine Ungläubigkeit seines inneren Menschen zu schließen; denn sein religiöses Empfinden hätte sich gerade während dieser Zeit vertieft und gesteigert, und eben deshalb sei es für ihn Gewissenspflicht gewesen, bestimmte Folgerungen zu ziehen. Je näher er Gott gekommen sei, um so weiter hätte er von der Kirche abrücken müssen. Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften hätte schließlich zu dem Entschluß geführt, umzusatteln.

Das alles leuchtete den Geschwistern ein, klang einfach und plausibel, und wenn er lächelnd hinzufügte, er sei ja noch jung genug, um nach einem neuen Ziel zu streben, und dank der Fürsorge des verewigten Vaters nicht in der Zwangslage, frühzeitig einen Brotberuf ergreifen zu müssen, so ließ sich im Grunde genommen dagegen nicht das mindeste einwenden. Dazu kam noch, daß sein Schwager sich als freidenkender Mann fühlen mochte und von vornherein nicht gerade von dem theologischen Studium seines Mündels sehr erbaut gewesen war. Ein junger, unabhängiger Mensch hatte andere Wege vor sich. Das einzige, was ihn abstieß, war dieser offizielle Austritt aus der Landeskirche. Denn trotz seiner Freigeisterei ging er allem aus dem Wege, was einem öffentlichen Ärgernisse nahe kam. Seine Gesinnung hielt er für Privatsache. Nach außen hin wünschte er mit Kirche und Staat auf gutem Fuße zu stehen. Indessen, es war nun einmal geschehen und brauchte ja nicht an die große Glocke gehängt zu werden. Im übrigen war Herr von Rechlin großjährig, und niemand hatte das Recht, in seine Entschlüsse hineinzureden. Damit schien die Angelegenheit erledigt.

Etwas sonderbar fühlten er und seine Frau sich allerdings von der unsagbar bescheidenen Lebensweise dieses jungen Menschen berührt, die eigentlich in gar keinem Verhältnis zu den großen Wechseln stand, die er allmonatlich von Hause bezog. Er bewohnte ein einziges Zimmer, das obendrein in einem Gartenhause lag und nur notdürftig eingerichtet war. Auch seine Kleidung war äußerst bescheiden, wenngleich von peinlicher Ordnung und Sauberkeit. Als er auf eine diesbezügliche Frage mit einer verschmitzten Miene antwortete, er hätte das Geld sehr gut und solide angelegt, es trüge ausgezeichnete Zinsen, drang man nicht mit weiteren Fragen auf ihn ein. Wozu sollte man sich auch über Dinge, die einen nichts angingen, den Kopf zerbrechen! Offenbar schlug der junge Mensch nach dem Vater, der auch ein großer Sparer gewesen war und jeden Groschen dreimal umgedreht hatte, bevor er, ihn ausgegeben. Herr von Rechlin machte gewiß nicht den Eindruck, als ob er kostspieligen Leidenschaften frönte, und so unternahm man auch nicht den geringsten Versuch, in das Geheimnis seiner ökonomischen Verhältnisse tiefer einzudringen. Man reiste ziemlich beruhigt nach Hause, war letzten Grundes mit dem Berufswechsel durchaus einverstanden und schrieb sich nach wie vor die kurzen, regelmäßigen Briefe. Darüber gingen wieder Jahre ins Land, bis sie eines Tages die überraschende Nachricht erhielten, er hätte sein medizinisches Staatsexamen bestanden und gedächte in allernächster Zeit heimzukehren und sein Gut zu übernehmen. Schwager und Schwester hatten nichts dagegen einzuwenden, im Gegenteil, sie freuten sich auf sein Kommen und waren voller Neugier, wie er sich inzwischen wohl entwickelt haben mochte. Neffen und Nichten, die herangewachsen waren, erwarteten voll Spannung den Onkel, über den sie mancherlei Seltsames gehört hatten, ohne ihn während der langen Zeit jemals zu Gesicht bekommen zu haben.

Was hatte Herr von Rechlin in diesen letzten Jahren getrieben? Nun, zunächst mit unerhörter Energie sein medizinisches Studium zu Ende geführt und daneben noch Muße gefunden, sich mit Volkswirtschaft, Genossenschaftswesen, kurz, mit den sozialen Ideen der Zeit zu befassen. Irgendeiner politischen Partei hatte er sich nicht angeschlossen. Ganz im Gegenteil fühlte er den schärfsten Gegensatz zwischen sich und den bestehenden Gruppen. Er sah zumeist nur politische Geschäftemacher und leugnete mit aller Entschiedenheit, daß die Not und der Gram des Volkes durch soziale Reformen, politische Agitation, staatliche Hilfe oder durch religiöse und naturwissenschaftliche Forschungen zu einer höchst persönlichen Auffassung über Mensch und Gott gelangt, die für sein ganzes Leben entscheidend würde. Aber es ist vielleicht logischer ausgedrückt, wenn ich sage, er mußte auf Grund seiner geistigen und sittlichen Veranlagung diejenigen Forschungen anstellen, durch die er sein innerstes Wesen, seine eigenste Natur bestätigt fand. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit hatte er aber auch einen seelischen Prozeß durchzumachen, ein persönliches Schicksal abzuschließen. Herr von Rechlin hatte damals bereits, als Schwager und Schwester ihn in Berlin aufsuchten, Beziehungen zu einem Mädchen, das durch eine unheilvolle Verkettung von Umständen sich in der Gewalt eines früheren Liebhabers befand. Sei es, daß sie aus Furcht, Herrn von Rechlin zu verlieren, nicht den Mut fand, ihm ein offenes Geständnis abzulegen, sei es, daß rätselhafte andere Dinge noch mitspielten; genug, Herr von Rechlin sollte erst durch die Katastrophe erfahren, daß er all die Jahre hindurch die ihm widerfahrene Gunst noch mit einem anderen geteilt hatte. Alles dies kam in einem höchst peinlichen Prozeß, in dem Herr von Rechlin als Zeuge erscheinen mußte, ohne daß glücklicherweise sein Name damals in der Öffentlichkeit genannt wurde, zum Vorschein. Das unglückselige Geschöpf, das seine zwiespältige Lage nicht länger ertragen konnte, hatte nämlich vergeblich versucht, von jenem Menschen sich zu befreien, und nachdem Bitten, Flehen und Beschwören vergeblich gewesen waren, einen verzweifelten Entschluß gefaßt. Die Neigung zu Herrn von Rechlin, der sie ein ganz neues Dasein gelehrt, dessen Menschlichkeit sie erschütterte, hatte sich innerhalb der Jahre so vertieft, daß sie unter der Last der Dankbarkeit, unter dem Druck der Scham nicht weiter atmen zu können glaubte. Als sie mit dem verhaßten Liebhaber wieder zusammentraf, und der letzte Versuch von ihm loszukommen mißlang, schoß sie den Ahnungslosen nieder und suchte dann dem eigenen Leben ein Ende zu machen. Die erste Kugel hatte ihr Ziel erreicht, sie selbst fand man in bewußtlosem Zustande auf. Der Prozeß, der sich daran schloß und eine Tragödie der Verwirrung, Verängstigung und Scham zutage förderte und zudem in das dunkelste Erpressertum hineinleuchtete, endete durch die freundliche Hilfe der Psychiater und auf Grund der Zeugenaussage des Herrn von Rechlin mit Freispruch, nachdem er wochenlang die öffentliche Meinung in Atem gehalten hatte. Die Richter hatten Herrn von Rechlin mit der äußersten Achtung behandelt und zu verhindern gewußt, daß sein Name durch die Presse geschleift wurde. Es hieß in allen Berichten nur: der Zeuge Dr. R. Selbst sein Adelsprädikat war fortgelassen worden. So war es erklärlich, daß damals weder Schwager noch Schwester seine Rolle in diesem Prozeß ahnten.

Und nun ereignete sich das Seltsamste. Hatte Herr von Rechlin schon bei einem Teil der sogenannten öffentlichen Meinung durch seine Zeugenaussage Befremden erregt, so konnte man sich vor Staunen nicht fassen, als man erfuhr, daß er dieses »verworfene Geschöpf«, das ihn Jahre hindurch systematisch Hintergangene wieder bei sich aufgenommen hatte.

Trotz der sorgfältigsten Pflege, die er ihr angedeihen ließ, vermochte sich die Ärmste nicht mehr recht zu erholen. Die Wunde, die verheilt schien, war doch bedenklicher gewesen, als man anfänglich gemeint hatte. Sie brach wieder auf und wurde lebensgefährlich, als später noch ein Nierenleiden hinzukam. Kurz, die Unglückliche kränkelte noch ein halbes Jahr, ehe sie ihr Dasein endete. Und jetzt erst wurde es bekannt, daß Herr von Rechlin sie etliche Monate vor ihrem Tode in aller Stille geheiratet hatte. Seine Angehörigen sollten auch dies viel später erfahren. In dieser ganzen Zeit hat Herr von Rechlin nur seiner Arbeit gelebt, mit niemandem verkehrt; menschenscheu ist er seinen Weg gegangen, bis er nach bestandenem Examen plötzlich sich entschied, sein Gut zu übernehmen.

Zu welcher Lebensauffassung Herr von Rechlin sich in seiner Einsamkeit durchgerungen hatte, in welchem Sinne er sich von nun an zu betätigen gedachte, das war es, was er zunächst Schwester und Schwager mitzuteilen für notwendig hielt. In den ersten zehn Minuten dieser Bekenntnisstunde glaubten seine Geschwister, daß er mit ihnen sein Spiel treibe. Als sie aber in sein vor der Zeit durchfurchtes Gesicht blickten, in seine Augen, deren strahlender Glanz ihnen, unheimlich war, da zweifelten sie keinen Augenblick mehr, daß sie es mit einem Geisteskranken zu tun hatten!

Welche tatsächlichen Dinge waren es nun, die sie in solche Bestürzung versetzt hatten? Liebes Herz, es war freilich nichts Alltägliches, was Herr von Rechlin den guten Menschen zumutete, deren Sinn auf praktischer Wirklichkeit beruhte. Er setzte ihnen klipp und klar auseinander, daß das Land denjenigen gehöre, die es bestellten, und ferner, daß niemand einen größeren Anspruch auf Besitz erheben dürfe, als unbedingt zur Befriedigung seiner leiblichen Bedürfnisse notwendig sei. Wer sich auf Grund von Erbschaft oder Verträgen zum Herrn gemacht habe, der müsse als ein Räuber am Eigentum des Volkes angesehen werden. Aus dieser Erkenntnis heraus sei er zu dem Entschluß gelangt, sein Gut zu parzellieren und aufzuteilen und für sich nur den auf ihn entfallenden Teil zurückzubehalten.

Nachdem sich die beiden Eheleute einen vielsagenden Blick zugeworfen hatten, hielten sie es für klüger, ihn durch keinen Widerspruch zu reizen, sich vielmehr den Anschein zu geben, als ob ihnen sein Plan durchaus einleuchte.

Herr von Rechlin atmete erleichtert auf, er fühlte sich von einer tiefen Sorge befreit. Denn im stillen hatte er damit gerechnet, auf heftigen Widerstand zu stoßen; er war darauf gefaßt gewesen, in Zerwürfnis und Unfrieden von ihnen zu scheiden. Besser so! Die Bande des Blutes hatten sich bewährt, hatten stichgehalten. Und nach den schweren Kämpfen, die hinter ihm lagen, weitete zum ersten Male wieder eine freudige Zuversicht sein Herz. Der Ärmste ahnte nicht, was ihm bevorstand.

Noch am nämlichen Tage begab sich der Schwager zu seinem Rechtsbeistand, um den Fall mit ihm zu beraten. Und während man ihn im Hause festhielt, ihn immer wieder bat, noch einige Tage den Besuch auszudehnen, ließ der Anwalt in Berlin Erkundigungen über sein früheres Leben anstellen. Denn sein Austritt aus der Landeskirche, der jähe Wechsel des Studiums waren jetzt in ein ganz anderes Licht gerückt, erschienen auf einmal als verdächtige Vorboten einer beginnenden Umnachtung. Die Dinge, die aus Berlin gemeldet wurden, klangen so phantastisch, so unglaublich, daß Schwager und Schwester ernstlich glaubten, dieser Bursche von Advokat wolle sich einen üblen Scherz mit ihnen erlauben. Als dann aber die aktenmäßigen, handgreiflichen Beweise vorlagen, als jeder Zweifel ausschaltete, drohten sie zusammenzubrechen. Sie hielten die Ehre ihrer Familie für besudelt, glaubten, man hätte die ganzen Jahre hindurch, ohne daß sie es geahnt, mit Fingern auf sie gewiesen, und nur der Gedanke, daß es sich hier um einen Schwerkranken handelte, der all diesen Gram ihnen zugefügt, konnte ihren Zorn in Trauer und Schmerz wandeln.

Es wurde nun beraten, was jetzt zu geschehen hätte. Denn daß diese wahnsinnige Idee nicht zur Ausführung gelangen dürfte, darüber waren sich beide Gatten klar. Und nachdem ihnen ihr Anwalt in langen, eingehenden Beratungen bewiesen hatte, daß es nur den Weg der Entmündigung gäbe, um das Unglück zu verhüten, beschloß man, auch nicht einen Tag mehr ungenützt verstreichen zu lassen. Der Hausarzt wurde ins Vertrauen gezogen und in die Vergangenheit des Unglücklichen eingeweiht, und obwohl nach Ansicht der Beteiligten das Material erdrückend war und hinlänglich reichte, um das beabsichtigte Verfahren einzuleiten, hielt man es dennoch aus Gewissenhaftigkeit, und um in jedem Falle der Öffentlichkeit gegenüber gedeckt zu sein, für angebracht, den Patienten unauffällig mit dem Arzte zusammenzubringen, damit dieser noch durch eigenen Augenschein sich von der geistigen Zerstörung des ärmsten Menschen überzeugen konnte.

So saß man denn gemeinsam beim Abendbrot beisammen, und es gelang ohne jede Mühe den Ahnungslosen auf das Gebiet seiner fixen Idee zu locken. Der Arzt spielte den höchst angeregten Zuhörer, und auf raffinierte Art verstand er es, durch immer neue Fragen den jungen Kollegen zu weitgehenden Bekenntnissen zu bringen.

Wenn man bedenkt, daß Herr von Rechlin zu jener Zeit sich in einem Zustand geistiger Erregung befand, daß er seinen ganzen Willen in die Idee seines Zukunftsplanes eingespannt hatte, und wenn man noch hinzufügt, daß er nach schweren seelischen Leiden und aus vollkommener Abgeschlossenheit in den Kreis seiner Verwandten getreten war, so wird man es vielleicht begreifen, daß er während dieser Abendunterhaltung nicht den mindesten Verdacht schöpfte und arglos wie ein großes Kind ausschüttete, was auf seinem Herzen lastete. Als Herr von Rechlin sich zurückgezogen hatte, erklärte der Arzt dem Ehepaar, daß von einem Irrtum ihrerseits leider keine Rede sein könne; eine schwere, geistige Erkrankung, deren Entwicklung noch unabsehbar sei, läge vor. Selbst ein Laie, der von den Dingen nichts verstünde, müßte stutzig werden, wenn er den übersinnlichen Ausdruck in Herrn von Rechlins Augen wahrnähme. Um es kurz zu machen, ehe es sich der Ärmste versah, befand er sich in einer Irrenanstalt, und das Entmündigungsverfahren wurde gegen ihn eingeleitet.

Daß in dieser Lage selbst ein Gesunder leicht um seinen Verstand kommen kann, wirst Du ohne weiteres zugeben. Wenn Herrn von Rechlin zuerst zumute sein mochte wie einem Menschen, der hinterrücks einen furchtbaren Schlag erhält und betäubt niedersinkt, so hielt dieser Zustand bei ihm nur ganz kurze Zeit an. Er hatte so viel in seinem Dasein durchgemacht, daß er auf Kampf und Leiden gestellt war. Ja, er mochte es für seine Bestimmung ansehen, immer auf neue Widerstände zu stoßen; denn er begriff, daß sein Wesen die anderen herausforderte.

Nicht einmal Zorn gegen seine Geschwister erfüllte ihn. Sie hatten in gutem Glauben gehandelt, sie verstanden ihn nicht. Mit einer ungewöhnlichen Mischung von Energie und Sanftheit nahm er den Kampf um seine Freiheit auf. Es gelang ihm trotz strenger Bewachung den Weg zu Wernicke zu finden, der, wie ihm bekannt war, neben seiner Kreisphysikustätigkeit im Rufe eines bedeutenden Psychiaters stand. Wernicke besuchte ihn und hatte den Eindruck, einem seltsamen, höchst eigenartigen Menschen gegenüberzustehen, dessen Gedanken sich vollkommen von der allgemeinen Straße entfernten und von einer ursprünglichen Kraft waren, die ihn in Staunen setzte. Die Ansichten des Herrn von Rechlin waren gewiß in jeder Hinsicht den seinigen entgegengesetzt. Man mochte sie schrullenhaft finden, aber die konsequente Reinheit der Ideen, wie er es nannte, zeigte nirgends Spuren oder Merkmale, die auf eine Erkrankung des Gehirns schließen ließen.

Seiner Energie war es zu danken, daß Herr von Rechlin aus der Anstalt entlassen wurde, und auf Grund seines Gutachtens mußte auch das Entmündigungsverfahren eingestellt werden. Dabei hatte sich Wernicke noch einer sehr vorsichtigen Ausdrucksweise beflissen und von einem Grenzfall gesprochen. Er hatte zugegeben, daß ein oberflächlicher Beobachter unter Umständen hier ein Krankheitsbild feststellen konnte. Indessen, würde man sämtliche Kranke dieser Art einsperren, so wären auch die Gesunden beeinträchtigt und gefährdet. Wie er dies näher begründete, was er unter der Gefährdung und Beeinträchtigung der Gesunden verstanden wissen wollte, braucht Dich im Augenblick ebensowenig zu interessieren wie die Einzelheiten des umfangreichen, an und für sich nicht uninteressanten Aktenstückes.

Rechlin hat das Gutachten, das ihm seine Freiheit wiedergab, abgelehnt und Wernicke gegenüber daraus nicht den geringsten Hehl gemacht. Er hat ihm geschrieben, daß die Medizin gänzlich versage und vom Muckertum beherrscht sei, wenn sie nicht im engsten Zusammenhange mit den übrigen Geisteswissenschaften stünde, und nicht einmal dies reiche aus, eine vollkommene Vorurteilslosigkeit müsse hinzukommen und eine eherne Kraft, sich von der eigenen Besessenheit loszulösen.

Wernicke hat nach diesem Brief bedenklich den Kopf geschüttelt und im stillen sich gefragt, ob nicht am Ende die andere Partei doch im Recht wäre; denn so weit vermochte er Rechlin nicht zu folgen.

Aber lassen wir das. Dich werden die späteren Ereignisse tiefer berühren.

Herr von Rechlin führte seinen Plan sofort aus. Das Gut wurde parzelliert, aus einem Großgrundbesitz wurden sechshundert Landwirtschaften von je zehn Morgen. Herr von Rechlin nahm für sich kein Sonderrecht in Anspruch, er bezog wie die übrigen eines der kleinen Bauernhäuser, die er mit seinen reichen Mitteln hatte bauen lassen. Auf die Menschen selbst nahm er keinen Einfluß. Er lebt unter ihnen als ihr Arzt, der sich für seine Tätigkeit nicht entschädigen läßt. In seinen freien Stunden beschäftigt er sich mit den Kindern, forscht sie aus, sucht von ihnen zu lernen, wie er sagt. Um die Großen kümmert er sich nicht. Trotzdem sind die Behörden auf ihn äußerst schlecht zu sprechen, seine Kolonie ist ihnen ein Dorn im Auge. Und obwohl er von seiner Person kein Aufhebens macht, sehen sie in ihm eine öffentliche Gefahr. Sein Austritt aus der Landeskirche wird ihm um so weniger verziehen, als manche seinem Beispiel gefolgt sind. Außerdem steht er in dem Rufe, nicht nur die Kirche, sondern auch den Staat zu leugnen und jeden moralisch und materiell zu unterstützen, der im Streite mit höheren Gewalten sein Recht durchzusetzen sucht. Da er sich selbst im übrigen ruhig schikanieren läßt und die kleinen Sticheleien des täglichen Daseins ihn offenbar gar nicht berühren, so konnte ihm bisher niemand recht beikommen. Denn sein großes Verbrechen besteht darin, daß er unaufhörlich Gutes tut, sich verschwendet, ohne jemals eine Gegenrechnung aufzumachen. Auch fürchtet man Auseinandersetzungen mit ihm, denn seine geistige Überlegenheit, seine ruhige Selbstwürde sind unbequeme Eigenschaften. Man hat sich schließlich daran gewöhnt, in ihm einen Sonderling zu sehen, den man sich am liebsten vom Leibe, hält. Und da dies seinen eigenen Wünschen entspricht, und er auch innerhalb der Kolonie, von seiner ärztlichen Tätigkeit abgesehen, nach wie vor sein einsames Dasein für sich führt, hat sich mit der Zeit ein für ihn immerhin erträglicher Zustand herausgebildet. Die Befürchtungen, er würde eine demagogische Politik treiben, auf dem Lande agitieren, haben sich rasch als gegenstandslos erwiesen. Und in der Regierung gibt es schließlich ebenfalls Leute, die einen aufrechten Körper haben, denen Reinheit der Gesinnung Achtung einflößt.

Das ist in großen Zügen die Geschichte des Herrn von Rechlin, die ich von Wernicke erfuhr. Dies ist der Mensch, der bei klatschendem Regen unter jäh auszuckenden Blitzen und rollendem Donner über die Berge ging und an jenem Abend in die Iserbaude trat, um mit dem Morgengrauen wieder zu verschwinden.

Dies ist der Mensch, bei dessen Anblick ich fühlte, daß er mein Schicksal bedeute, daß mein Dasein durch ihn erst ins Bewußtsein gerückt werde. Das Feuer seiner Augen fiel in meine Seele, und was dürr und trocken in mir war, geriet in hellen Brand. Ich brenne lichterloh.

Dies ist der Mensch, der den Brand in mir entfachte, der ihn allein auch löschen kann.

Wernicke hatte seine Erzählung beendet. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war Mittag, und von Rechlin war nichts zu sehen, nichts zu hören. Und dennoch trug ich die unabweisbare Gewißheit in mir, daß er zurückkehren würde.

Als wir der Baude bereits nahe waren, sahen wir von dem steilen Weg, der auf die äußerste Hohe des Kammes führt, eine merkwürdige Gestalt herunterkommen. Der Mann, der gleichzeitig mit uns am Eingang des Hauses anlangte, war wunderlich genug anzuschauen. Es war ein untersetzter Mensch mit übervollem, braunem Haar, das fast bis zu den Schultern reichte, glanzlos und ungepflegt war. Er trug einen mächtigen Kalabreser, dessen breite Krempe zum Lachen reizte und einen zerschlissenen, langen Mantel, dessen ursprüngliche Farbe niemand hätte feststellen können. Unter einer niedrigen Stirn hatte er kleine, aber äußerst lebhafte, dunkle Augen und eine auffallend breite, ziemlich gerötete Nase. In der Rechten hatte er einen festen Gebirgsstock, in der linken einen Geigenkasten, der durch einen braunen, ledernen Überzug geschützt war.

Dieser Mensch blieb vor der Baude stehen, schöpfte tief Atem, lüftete ein wenig den Hut und fragte dann etwas von oben herab, ob dies die Iserbaude sei.

Wernicke bejahte es.

»Gut, so wären wir endlich am Ziel, wir kommen nämlich aus dem Österreichischen und haben einen tüchtigen Weg hinter uns.«

Der Kreisphysikus schien nicht geneigt, sich in eine Unterhaltung mit ihm einzulassen, und als ob der Mann das sofort begriffen hätte, lächelte er verächtlich und wandte sich an mich.

»Das Fräulein kann mir wohl sagen«, begann er von neuem, »ob hier im Hause ein Herr von Rechlin, Freiherr, wohlverstanden Freiherr, und seines Zeichens Medizinmann eingetroffen ist?«

Ich überhörte seine gezierte, lächerliche Redeweise, ich sah nicht mehr den sonderlichen Menschen, in meinen Ohren klang nur der Name Rechlin.

»Herr von Rechlin war gestern abend hier und hat heute in der Frühe die Baude wieder verlassen«, antwortete ich prompt und gewissenhaft, als stünde ich vor meinem Richter, und dabei hörte ich mein Herz schlagen.

»Abgedampft, den Teufel noch einmal!«

Der Mann schlug mit seinem Stock auf dem Erdboden und schien uns einen Moment vergessen zu haben. Dann lachte er kurz auf, und seine ärgerlich gewordene Miene nahm wieder einem heiteren Ausdruck an.

»Possen, Narrenpossen, mein Fräulein, durch die Sie mich nicht irreführen. Freiherr von Rechlin hat hier in der Iserbaude ein Rendezvous mit mir, also kommt er wieder.«

»Wollen Sie dann nicht nähertreten?« frage ich, ohne mich um Wernickes strafende Blicke zu kümmern.

»Unbedingt will ich das, unbedingt!«

Er reißt die Tür auf und läßt mit einer galanten Bewegung mir den Vortritt.

»Und mit einem solchen Gesindel läßt sich der Mensch ein«, brummte der Physikus und machte sich ärgerlich davon.

Der Fremde legte ungeniert seinen, breitkrempigen, nicht gerade appetitlichen Filzhut auf einen der Tische, stellte seinen Kasten daneben und sank dann erschöpft auf einem Stuhle nieder.

»Ach, bin ich durstig und müde«, sagte er, und indem er mit halb zugekniffenen Augen mich prüfend anblinzelte, fügte er hinzu: »Und das schlimmste ist, der Freiherr trägt meine ganze Barschaft bei sich; mit Verlaub, junges Fräulein, würden Sie für mich bürgen?«

»Trinken Sie, soviel Ihnen beliebt, bis Sie Ihren Durst gelöscht haben.«

»Oho«, rief er, »das möchte Ihnen teuer zu stehen kommen. Bis ich meinen Durst gelöscht«, und er lachte tief auf, »das ist ein Zustand, den noch keiner bei mir gesehen hat. Also was trinken wir! Heda, Verehrungswürdige!« er winkte der kleinen Kellnerin und bestellte einen doppelten Korn und einen Liter offenen Weines.

Das Mädchen stutzte. Ich gab ihr ein Zeichen, und sie brachte ihm das Gewünschte.

Mit einem Zuge trank er den Schnaps, dann leerte er in großen Zügen die Weinkaraffe. Ein Glas nach dem anderen stürzte er herunter. Jetzt erst fand er Zeit, ein etwas fragwürdiges Taschentuch hervorzuholen, um sich den perlenden Schweiß von der Stirn zu wischen. Er schmunzelte.

»Was wären wir ohne dies feuchte Naß, mein Fräulein?« Dabei wies er auf die leeren Gläser, und ein sehnsüchtiger Blick traf das Büfett.

»Trinken Sie, solange es Ihnen mundet!«

»Sind Sie vom Himmel herniedergeflogen, mein Fräulein, oder sind Sie«, fragte er zögernd, »von der gleichen Fakultät?«

»Vielleicht«, entgegnete ich und dachte im stillen: Du kommst in seinem Namen, so will ich deinen Durst löschen.

Er schien nicht willens zu sein, sich länger über meine Beweggründe den Kopf zu zerbrechen. Der goldene Wein stand wieder vor ihm, und seine Gedanken schweiften weit ab.

»Zum Wohle«, er hob das Glas und trank mir zu. Und dabei entdeckte ich, daß er eine wunderschöne, lange, schmale Hand hatte, die von seinem sonst ungepflegten Körper merkwürdig abstach.

Wieder füllte er sein Glas: »Der Freiherr von Rechlin soll leben«, sagte er plötzlich.

»Soll leben«, wiederholte ich und wurde blutrot.

»Ist der einzige Mensch, der mich richtig sieht. Trinken Sie, mein Freund, hat er zu mir gesagt, das Trinken hat für Sie einen Sinn. Wenn Sie wiederkehren, werden Sie nach anderem Stoffe verlangen. Alles hat seine Zeit. Gut gesagt, mein Fräulein, wie? Ein feiner Kopf, dieser Medizinmann! In uns ist Geist, und der Geist muß zusammenkommen. Das hat der Mann begriffen!«

»Wie lange kennen Sie ihn?« frage ich scheu.

»Seit einer Ewigkeit, Madame. Ich traf ihn gestern zum ersten Male, da oben auf dem Hochstein! Aber wir spürten a tempo, daß wir alte Bekannte waren, von Ewigkeit her. Sie werden ja sehen, wie er mich begrüßen wird. Mein Teuerster wird er sagen« ...

In diesem Augenblick trat Herr von Rechlin über die Schwelle.

Dem Musikanten bleibt das Wort in der Kehle stecken. Sein vom Wein gedunsenes Gesicht wird noch um einen Ton bläulicher. Die dunklen Augen bekommen etwas Starres, Gläsernes. Der Alkohol ist ihm zu Kopf gestiegen. Er weiß im ersten Augenblick offenbar nicht, ob er halluziniert, oder ob tatsächlich Herr von Rechlin in leiblicher Gestalt vor ihm steht. Ein rührend blöder Ausdruck tritt in seine Züge. Mit einer hilflosen Bewegung tasten seine Finger unsicher durch das struppige, glanzlose, ungepflegte Haar.

Rechlin nimmt seine Rechte und schüttelt sie: Und diese Bewegung gibt ihm seine Sinne wieder. Über sein Gesicht, das wie gelähmt schien, gleitet ein bedeutsames Lächeln, und zugleich gluckst aus seiner Kehle ein befreiender Laut. Dann schüttelt er sich heftig und richtet sich straff auf, als wolle er salutieren. Und mit einer Handbewegung auf mich: »Freiherrliche Gnaden, die Dame hat mich in dero Abwesenheit bewirtet.«

Rechlin mißt mich mit einem vollen, ungeteilten Blick, und ich, ich suche ihm standzuhalten, und friere. In einem blinden, dumpfen Gefühl schießt es mir durch das Hirn: wenn du seine Augen erträgst, gehört er dir. Ich will ... ich ... ich will! ... Und mein Wille wird auf einmal so dünn, so schmächtig, so schwindend, so müde und matt, so lahm, so siech. Ich reiße verzweifelt die Augen weit auf und spüre eine Kälte vom Herzen bis zu den Fußspitzen gleiten. Ich fange zu blinzeln an, während seine Augen sich weiten, heller und heller werden, mich durchdringen, sich in mich senken wie Lote, die so lange fallen, bis sie den Grund erreicht haben. Ich kann nicht mehr, ich schlage die Augen nieder vor Pein und Scham, ich bringe keinen Laut hervor, ich renne davon, ich habe nur das eine Empfinden: dieser Mensch hat dich erwischt, hat dich erkannt, weiß, wie es um dich steht, sieht in dich hinein, sieht deine Unreinheit ... und alles Leugnen ist dumm, einfältig, lächerlich.

Christine begegnet mir, will mich anreden. Ich blicke sie so drohend, so haßerfüllt an, daß sie mir entsetzt ausweicht. Ich taumele an ihr vorbei, stürze in mein Zimmer, riegele hinter mir zu.

Was ist mit mir geschehen? Bin ich in Flammen? Sehe ich mich plötzlich in meiner Unfreiheit und Erbärmlichkeit? Bin ich vor mir selbst nackt, splitterfasernackt? Gott ... Gott ... Gott ...

Ohne eine Bewegung stehe ich eine Weile da, ich lausche, alles still.

Ich berge mein Gesicht in den Händen, als müßte ich meine feigen Augen, die seinen Blick nicht aushielten, bedecken. Ich presse die Finger an meine Lider, und unter dem Druck erblicke ich leuchtende, satte Farben, Smaragdgrün und Violett gehen ineinander über, und plötzlich sehe ich auf dem Grunde wieder seine wasserhellen Pupillen, die wie messerscharfe Bohrer unaufhaltsam durch die Materie dringen. Wie weh das tut, ich schreie auf, lasse die Arme schlaff herunterfallen.

Bin ich von Sinnen, von Wahnvorstellungen geschüttelt und zerrissen? Was habe ich eigentlich getan, weshalb schäme ich mich? ...

An der Tür klopft es laut. Ich halte den Atem an. Mamas Stimme wird vernehmbar: »So öffne doch um Gottes willen!« Ich antworte nicht.

»Willst du uns denn alle um den Verstand bringen?« ruft Christine. Ich rühre mich nicht.

Mama fängt an zu weinen; ich höre, wie sie zu Christine sagt: »Am Ende hat sie sich etwas angetan, man muß die Tür gewaltsam öffnen.«

Mein Widerstand ist gebrochen, ein ohnmächtiger Zorn steigt in mir auf. Ich spüre es mit grauenvoller Deutlichkeit: die Gemeinschaft des Blutes kann zu einem Martyrium werden. Was haben diese Weiber mit meinen Qualen zu schaffen, weshalb drängen sie sich mit ihrer Teilnahme, ihrem Mitleid an mich heran?

Mitleid ... gibt es nicht! Nur Leid gibt es, und das muß jeder für sich allein herunterwürgen. Es hat etwas Unsauberes, wenn andere an unserem Schmerze schnüffeln, von ihm naschen, ihn auskosten, mit leiden wollen. Mit dabei sein ... mit laufen ... mit tun. Die Präposition deutet unverhüllt auf die Disposition zur Schamlosigkeit. Trösten ist eine aufdringliche Angelegenheit, Sache unzarter Menschen.

Noch einmal wird mit Fäusten an die Tür geschlagen; ich bin mürbe.

Ich öffne. Lag auf meinen Zügen jene Verlassenheit, jener Ausdruck furchtbarer Einsamkeit, der selbst dem Redseligen für einen flüchtigen Augenblick die Zunge lähmt?

Genug, Mama und Christine starren mich einen Moment ratlos an, dann klappt Mama zusammen, aber nicht in stillem Sichfügen, in geräuschvollem Jammer löst sich ihr Gefühl auf. Sie sagt: wären nicht die letzten Reste kindlicher Ehrfurcht in mir ausgemerzt, müßte Papas Anblick mich erschüttern. Von sich wollte sie gar nicht reden, aber, wenn nach alledem, was sie mit Rolf durchgemacht, Gott auch noch diese Prüfung ihr auferlegte, so würde sie sich auf und davon machen, weil das über ihre Kraft und über ihren Verstand ginge.

Ich höre kaum ihre Worte, nicht eine Spur von Mitgefühl bringe ich auf. Ich bin verhärtet bis auf die Knochen.

Da bricht Mama los wie ein künstlich gedämmtes Wässerlein, das plötzlich freien Lauf bekommen: ob ich etwa ernstlich daran dächte, mit diesem gehirnkranken, gottverlassenen Menschen in Beziehung zu treten, mit diesem Habenichts, der über seine Familie Schimpf und Schande gebracht. Sie sieht mich dabei drohend, haßerfüllt an, und ihre glanzlosen Augen funkeln bitterböse auf. Dieses erbärmliche Aufflacken ertrage ich, ohne mit der Wimper zu zucken, und beinahe schadenfroh frage ich: »Also nichts besitzt er?«

Mama lacht grell auf.

»Nicht das Strohdach über dem Kopfe«, erwidert sie triumphierend, »denn falls du es noch nicht wissen solltest: den letzten Fetzen Land, den er bei der lächerlichen Aufteilung seines Besitzes für sich und seine Notdurft noch zurückgehalten, hat der Narr jetzt weitergegeben.«

»Hat er –« wiederhole ich.

»Allerdings,« entgegnet Mama. »Wernicke hörte es von ihm selbst. Und weißt du, wie er es begründete? Nun gut, auch das sollst du erfahren! Er sagt, dieser lächerliche Mensch sagt, seine Anwesenheit, ja so sagt er, belaste die Menschen. Derjenige, der gibt, müßte unsichtbar werden, der Beschenkte dürfte nicht durch den Anblick des Schenkenden bedrückt werden.« Und als wollte sie ihren letzten Trumpf ausspielen: »Und nun besitzt er weder Halm noch Haus, ist obdachlos! Und so einem möchte sich unser Kind an den Hals werfen, so einem, der nicht weiß, wovon er morgen existieren wird, der Gott danken kann, wenn er in irgendeiner Provinzialirrenanstalt eine Zuflucht findet.«

Bei diesen Worten lachte Christine leise und teuflisch auf, und ich, ich schlage ihr nicht ins Gesicht.

Zwischen ihnen und mir richtet sich eine Mauer auf.

»Wenn er also noch seine Millionen besäße«, erwidere ich langsam und zögernd, nicht um diese Unterhaltung fortzusetzen, sondern um Mama zur letzten Wahrheit zu, nötigen, damit zwischen uns auch nicht das Restchen eines Restes übrig bleibt, »wenn er also seine Millionen noch besäße«, wiederhole ich, »hättest du nichts dagegen, wenn ich meine Fangarme nach ihm ausstreckte, denn darin hast du vollkommen recht, ich bin entschlossen, mich ihm an den Hals zu werfen, so wahr ich Ulrike Brandt heiße.«

»Er besitzt sie eben nicht«, schreit Mama, indem sie absichtlich alles andere überhört, und ihre Stimme klingt heiser, »nicht einen roten Heller besitzt er.«

»Möchtet ihr mich jetzt allein lassen, mir ist so übel, ich muß allein sein, hört ihr.«

Die ärmsten Menschen verlassen das Zimmer. Ihr Elend hat sie ausgelaugt. Sie besitzen keine Selbstachtung, keinen Stolz mehr, sie werten den Menschen nach Halm und Habe. Armut macht so gemein wie Besitz. Wenn wir nicht in Not wären, würde Mama auf Kuppelgeschäfte Verzicht leisten. Die reichen Leute soll man totschlagen, denn sie lösen die letzten und niedrigsten Triebe der Armen aus, nein noch mehr, sie züchten sie erst! Herr von Rechlin hat dreimal recht, man muß sich zu allererst seines Besitzes entblößen, damit der Weg zu anständiger Gesinnung wieder frei wird. Stünde er jetzt vor mir, ich würde mir die Kleider vom Leibe reißen und sagen: nimm mich, nackt wie ich bin, mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Und diese meine Schamlosigkeit würde meine Scham sein – brr! – und wenn er mir den Rücken kehrte, ich ertrüge es nicht, und wenn er mich auslachte, auslachte ... eine Peitsche her, damit ich meine Ängste schlage wie tolle Hunde.

 

9. Juli.

Nach stundenlangem Regen war die Sonne durch das Gewölk gebrochen. Ich gehe den schmalen Weg zum Heufuder hinauf, den Weg, der zu beiden Seiten von ragenden Tannen umsäumt ist. Ich atme den scharfen Geruch der Nadeln ein und beschleunige meine Schritte. Ich will Herrn von Rechlin einholen, ich bin ihm nachgegangen, nachgeschlichen, wie man es nennen mag. Es drängt und treibt mich zu ihm, seine Nähe ist mir Notwendigkeit. Es brennt in meinem Blute. Zurückhaltung, Stolz, Keuschheit sind für mich bunte, lächerliche Begriffe geworden, die der Wahrheit zuwiderlaufen. Ein liebender Mensch kennt sie nicht, denn er fühlt, daß er bei seinem Müssen angelangt ist. An sein Müssen ist man gebunden; alles andere ist dagegen belanglos.

Und da taucht Herr von Rechlin auf, und all mein Spintisieren ist wie fortgeblasen. Ich empfinde seine bloße Nähe als eine namenlose Seligkeit, ich weiß, daß mein ganzes Dasein vorher dumpf, schal, ungelebt war, daß, wenn meine Existenz überhaupt einen Sinn hat, sie diesen Sinn allein durch ihn erhält.

Herr von Rechlin lüftet leicht den Hut, und ich strecke ihm meine Hand entgegen, die er kaum ergreift, als scheute er jede körperliche Berührung. Die seinige ist kühl wie Marmor. Ich zucke ein wenig, als fröstelte es mich. Er sieht mich einen Moment flüchtig an, und in dem sachlichen Ton des Arztes fragt er, ob mir nicht wohl sei.

»Ganz wohl ist mir«, erwidere ich rasch.

Wir gehen stumm nebeneinander. Herr von Rechlin schreitet umsichtig und lauschend.

Mir wird es klar: dies ist ein Mensch, der nicht an sich vorbeigeht. Er sieht, daß die Gräser sich bewegen, sieht, daß ein Falter ein Falter, eine Ameise eine Ameise ist. Er hört die Einsamkeit des Waldes, er atmet mit Bewußtsein die Bergluft ein. Seine Sinne sind geöffnet. Gottes Welt ist ihm allgegenwärtig, das Leben hat ihn nicht mürbe und stumpf gemacht.

»Wie lange werden Sie noch bleiben?« unterbreche ich die Stille, und eine Todesangst schnürt mir bei dieser Frage die Kehle ab.

»Ich weiß es nicht,« antwortet er, »ich lasse mich vom Winde treiben, mein Gepäck ist leicht ...« Er bricht mitten im Satze ab, als hätte er bereits zu viel gesagt.

Ich sollte schweigen, aber eine innere Stimme ruft: Frage ... frage!

»Ist es wahr, daß Sie den letzten Flecken Erde, Haus und Hof, alles, was Sie noch besaßen, weggegeben haben?«

Er schüttelt leise den Kopf, und sein eingefallenes Gesicht wird durch ein sanftes Lächeln heller.

»Nein, das ist nicht wahr«, entgegnet er. »Fremdes Gut habe ich zurückerstattet, das ist alles.«

Ich schäme mich meiner Frage. Sie kommt mir so plump, so einfältig vor. Nur ein enges Herz, an Wahnvorstellungen geklammert, konnte sie stellen. Herr von Rechlin hat die morschen Brücken, die unsere Füße tragen, abgebrochen. Er lebt in der Idee des Sittlichen, wir aber sind Philister, gebunden an unsere Fürchte, Ängste, Hoffnungen – oder anders ausgedrückt – Rechlin ist im Geheimnis, wir sind in der Materie. Besitz ist eine Angelegenheit des Unreifen, Besitzen heißt Besessensein. Ich begreife, daß die Reichen fern von Gott sind; sie sind von dieser Welt, ihrer ist das Reich Gottes nicht.

Alles das begreife ich; eine reine Flamme leuchtet in mein Herz. Aber zugleich fühle ich, daß die einsame Straße, auf der Rechlin geht, weit von meinem Wege liegt. Sein Blick ist nach innen gekehrt, mein Auge auf sichtbare Ziele gerichtet. Ich lebe von den Schulden, die Vater, Großvater, Urgroßvater und Ururgroßvater gemacht. Seine Reinlichkeit fordert, daß man die Verbindlichkeiten der Voreltern einlöst, aufsteht von dem unreinen Tisch, an dem sie gesessen. Zurückerstatten, darauf läuft es hinaus. Ohne Phrasen die einfachen Formeln des Menschlichen zurückgewinnen, fremdes Eigentum von sich werfen, auf sein Ureigenes sich besinnen, seinen Weg durchmessen, ohne sich um das Gelächter der Satten zu kümmern. Ich möchte mitten auf dem Wege stehen bleiben und um den liebsten Menschen, den die Welt einen Narren schilt, weil er den Mut zur Liebe und zur Wahrheit hat, die Arme tun. Namenlose Scheu hält mich zurück. Von ihm geht eine eisige, unirdische Atmosphäre aus, als stünde er in einer anderen, für mich unerreichbaren Region. So unbeteiligt, so abseitig blickt er mich an. Vielleicht ist dies seine Wahrheit, daß die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht unter den Begriff jener Liebe fällt, die für ihn das Gebot des befreiten Menschen ist.

Und ich liebe ihn nicht, nur mit dem Herzen, mein Körper drängt zu ihm, mein Blut wirbelt ihm entgegen, ich dürste und hungere nach ihm, ich kenne keine Hemmungen mehr. Ein übermächtiger Trieb rührt alles in mir auf, hohnlacht Brauch und Sitte. Ist das Unnatur? Nein, und tausende mal nein! Was bedeuten Gefühl, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gehör gegenüber dem Geschlecht. Alberne Schulweisheit unterschlägt uns den sechsten Sinn, auf den der Mensch mehr als auf alle äußeren Wahrnehmungen gestellt ist: Geschlechtssinn, hat Rechlin ihn getötet? Leugnet er ihn? Ist für ihn die Vereinigung von Mann und Frau nur das Tier mit zwei Rücken? Nein, das hieße Gott und die Kreatur leugnen. Umarmung muß das Höchste sein, denn das Ergebnis ist das Wunder der Wunder, ist der Mensch. Wird das geleugnet, so beginnt das Wirrsal. Denn noch in dem armseligsten und kältesten Wesen, das sich gattet, liegt eine Schöpferkraft ohnegleichen. Wenn es in meinem Blute gärt, so ist das Heiligkeit und Seligkeit zugleich. Ich lasse mir mein brennendes Blut nicht verunglimpfen.

Sinnlichkeit ist die Summe aller Sinne, meine Sinnlichkeit ist meine Gotteskraft. Gott – Wahrheit – Liebe – verschiedene Namen nur für das Urschöpferische von Anbeginn. Nicht das Wort, nicht die Tat; am Anfang stand die Liebe. Und Herr von Rechlin vereinigt sich mit einer Dirne und umarmt sie ...

Herr, zeige meiner Seele, zeige mir die Schranken.

Während des ganzen Weges haben wir kein Wort mehr gewechselt. Einmal streifte meine Hand die seinige. »Verzeihen Sie,« sagte ich leise, er überhörte es und schritt ruhig weiter. Er hat den kleinen Kniff nicht einmal bemerkt, oder wollte ihn nicht bemerken.

Vor der Baude lüftete er den Hut und sah mich eine Sekunde in so reiner Güte an, daß ich beschämt den Blick senkte.

Ich stehe verdutzt da, alles in mir ist unklar und wirr, ich bin in einer Verfassung, die mir selber ungesund oder kitschig erscheint. Mich beherrscht die ängstliche Vorstellung, als fiele ich ihm mit meiner Dringlichkeit auf die Nerven. Eine Frau, deren Gefühl nicht erwidert wird, wirkt wie ein Bajazzo, nur daß ihre Komik ungewollt ist. Ich will meine Liebe nicht ins Sentimentale und Weichliche herabgesetzt sehen. Ich will aus ihm keinen Heiligen machen. Eine solche Vorstellung allein, ich weiß es, müßte ihn anwidern. Er steht mit beiden Füßen auf dieser Erde, hat Arme und Beine wie ich. Lehnt er mich ab, so gibt es irgendwo einen Strick oder eine dunkle Tiefe, wo die Qual ein Ende hat. Mein Dasein ist von ihm abhängig, die Konsequenzen ergeben sich von selbst.

Mein Bruder Gottfried tritt mir in den Weg. Ich nehme seinen Mund und küsse ihn wie im Taumel, ich drücke ihn an mich mit der Kraft meiner zweiundzwanzig Jahre. Ich beiße in seine Lippen wie in junge, schwellende Frucht. Er starrt mich verständnislos an, die Röte schießt ihm ins Gesicht, das einem blutigen Tuche gleicht. Ich laufe davon, ich brauche Einsamkeit, um mit mir fertig zu werden.

 

11. Juli.

Herr von Rechlin sitzt mit dem Musikanten weit von uns entfernt am äußersten Tisch des großen Baudenzimmers. Sein Gast trinkt und trinkt, und er schenkt ihm immer von neuem ein, während er selbst nicht einen Tropfen zu sich nimmt. Sie feiern offenbar Abschied. Der Musikant ist in gerührter, weinseliger Stimmung. Seine Augen schwimmen, seine Hand ist unsicher und vermag das Glas kaum noch zu halten. Und plötzlich erhebt er sich, umklammert mit beiden Händen krampfhaft den Römer und tritt zu unser aller Entsetzen feuerroten Kopfes mitten in den Saal.

» Silentium, meine Damen und Herren! Wir sind auf der Hochzeit von Kanaan. Der Wein fließt in Strömen. Unser Herr und Heiland spendet ihn. Wein und Blut sind eines. Beim Abendmahl wird uns der Kelch gereicht. Dies ist der letzte Kelch; er rinnt in unser Blut, und säuert uns den Abschied nicht. Leeret den Becher, bevor ihr von hinnen geht. In unserer Mitte weilet der Meister. Wer Augen hat zu sehen erkennt ihn, wer Ohren hat zu hören, höret ihn. Denn sein ist die Liebe, ihr Brüder und Schwestern. Vier Bretter harren euer. Und nichts nehmt ihr mit als euren Geist. Haltet den Geist rein. Alles andere ist fleckig, eitel, irdisch und zerfällt. Aber euer Geist wird auferstehen und Zeugnis ablegen. Wer vom Geiste voll ist, der höret Gottes Stimme.«

Bei den letzten Worten bewegte er sich langsam an unseren Tisch. Er stand jetzt in unmittelbarer Nähe von meinem Vater. Ich sah deutlich, wie sein schwerer Körper zitterte und sich nur mühsam aufrecht hielt, wie auf sein Gesicht plötzlich ein qualvoller, lächerlicher, demütiger Ausdruck trat, wie sein Hirn martervoll nach Worten suchte, wie er die Arme plötzlich emporstreckte, wie sein Glas klirrend zu Boden fiel, und er selbst unmittelbar darauf dumpf und schwer zur Erde sank.

Mama und Christine schrien wie aus einem Munde auf. Papa, Gottfried, Herr von Borck, der Kreisphysikus und Rechlin sprangen gleichzeitig dem Musikanten bei, während ich meinen Blick gespannt auf Rechlin gerichtet hielt. Ich hatte den Unglücklichen völlig vergessen. Ich starrte nur auf den rätselhaften Menschen, den ich nicht zu begreifen vermochte.

» Exitus«, sagte der Kreisphysikus in sachlich kaltem Tone und fixierte dabei auf eine niederträchtige Art Rechlin, der schwelgend nickte und im Anblick des Todes nicht einmal erschüttert, eher fröhlich und gefaßt schien.

Ich trat dicht an ihn heran. Sein Blick fiel auf mich, und unbekümmert um die anderen sagte er: »Sehen Sie nur, welch edle Züge er hat; diese steile Stirn und dieser reine, sanft geschwungene Mund!«

Ohne eine Antwort von mir zu erwarten, wandte er sich an den Baudenwirt: »Helfen Sie mir, ihn auf sein Lager zu schaffen!«

Der Wirt ergriff die Beine des Toten, während Rechlin mit einer kräftigen Bewegung ihn bei den Schultern packte. Die Wirtsfrau hielt die Türe geöffnet.

Eine flüchtige Sekunde verharrten wir stumm.

Dann brach Mama das Schweigen.

»Empörend,« sagte sie, und ungeheuchelte Entrüstung belebte ihr Gesicht. »Das ist kein Arzt, das ist ein Tollhäusler! Animiert so einen armen Teufel beständig zum Trinken, bis ihm die Augen überquellen, und das Herz ihm stehen bleibt. Einsperren sollte man ihn, die Zwangsjacke ihm anlegen, damit er ...«

Ich trete dicht vor Mama, die vor Zorn krebsrot geworden ist. »Höre auf!«, stoße ich ganz leise und mit drohender Stimme hervor, daß sie gegen ihren Willen mitten im Satze abbricht.

Entsetzt und gleichsam verschüchtert blinzelte sie mich eine kleine Weile an, ehe sie ein unartikuliertes, dünnes, hohes Lachen ausstößt, wie ich es ähnlich niemals von ihr vernommen hatte, und sich an Papa wendet.

»Möchtest du nicht die Güte haben,« sagte sie tiefgekränkt, »und ihr klarmachen, daß dieses unerhörte Benehmen denn doch alle Grenzen überschreitet!«

Papas Mund verzog sich schmerzlich. Es lag nicht in seiner Gewohnheit, in Gegenwart anderer den Erzieher zu spielen.

Der Kreisphysikus enthob ihn der Antwort: »Gnädige Frau sind in einem kleinen Irrtum befangen«, meinte er mit verbindlicher, kühler Höflichkeit. »Die paar Gläser Wein mögen dem Burschen den Rest gegeben haben, mit seinem Ende haben sie keinesfalls etwas zu schaffen. Ob er statt heute morgen sich davongemacht hätte, ist doch im Grunde ganz ohne Belang. Vielleicht hat ihm der Kollege sehr bewußt den Alkohol verschrieben, wie man einem Todkranken die Morphiumdosis etwas reichlicher zumißt, um die Qual abzukürzen. Denn daß es sich hier um einen schweren Apoplektiker gehandelt hat, steht wohl außer jedem Zweifel, selbst wenn ich ohne weiteres zugebe, daß die Kur auch nach meinem Gusto etwas radikal gewesen ist.«

»Bravo!« rufe ich. »Nun haben Sie beiden Teilen zum Munde geredet. Sie sind ein Hexenmeister!«

Der Kreisphysikus lächelt verschämt. Er hat eine höhnische Anspielung auf der Zunge, aber ich schneide ihm das Wort ab.

»Sie werden nicht auf Ihre Kosten kommen. Bemühen Sie sich nicht! Es gibt Hexen, die sich nicht fangen lassen.«

 

14. Juli.

Ich bin mir meiner Unduldsamkeit Mama gegenüber im Innersten bewußt. Sie und Christine, die ihr getreues Abbild ist, reizen mich mit jedem Laut, mit jeder Bewegung. Papa erscheint mir wie ein Märtyrer. Achtundzwanzig Jahre an der Seite dieser Frau, für die Kochtopf, Windel und Nähnadel plus Beförderung Papas Inbegriff des Daseins sind, müssen für ihn ein Zuchthaus gewesen sein, in dem er seine und der Väter Sünden abgebüßt hat. Er hätte dieses Leben wohl nicht ertragen können, wäre er durch den strengen Dienst nicht abgelenkt worden. Oder überschätze ich Papa? Ist diese Demut vielleicht ein Zeichen der Schwäche und Entartung? Ist sie Resignation, ein Mürbe- und Müdesein, das nicht mehr die Kraft zur Auflehnung besitzt? Wäre ich Mann, ich würde die Frau, die so am Staube klebt, totschlagen! Ich ließe mich nicht herabzerren, mir nicht von diesem Gejammer das Haar bleichen und das Mark aus den Knochen stehlen. Das ist ein Zustand der Verkümmerung, der Entfaltung und Entwicklung ausschaltet. Gott hat mich in die Welt gesetzt, damit ich in meinem Innern schaufle und grabe, grabe und schaufle, wie in einem dunklen Schacht, und allen Reichtum, der in mir verborgen ist, emporfördere. Kommt nun einer, der mir den Spaten aus der Hand reißen will, so muß ich mich mit allen Kräften des Leibes und der Seele wehren, oder ich versündige mich gegen den heiligen Geist, der in mir ist.

Ach mein armer, geliebter Papa, ich klage dich bitter an, daß du die Ehe nicht zerbrochen hast, daß du unter das Joch gegangen, daß du ein Lasttier und kein Adler bist. – Und dir, allerärmste Mutter, werfe ich vor, daß du kriechst wie eine Schnecke, langmütig wie eine Henne bist, Korn auf Korn aufpickst, damit deine Küken nicht verhungern. Ist das nicht sinnlos? Ist euer beider Dasein nicht eine Opferung?

Und nun das klägliche Resultat. Euch habt ihr an Pfähle gebunden – und aus uns bricht die Lebensgier. Ausgedörrt und ausgebrannt lodert unter eurer Asche unser Brandtsches Blut hervor, und die Flamme, die ihr in euch erstickt zu haben wähntet, schlägt über uns lichterloh zusammen. Was wird übrigbleiben?

Alle meine Nachdenklichkeit führt zu dem Schluß, daß diese Welt auf morschem Grunde aufgebaut ist – – daß wir die Wahrheit vergessen – oder verloren haben. Wir schleppen uns mit unseren Irrtümern herum, zahlen mit falscher Münze und haben nicht den Mut, den Schwindel aufzudecken. Wir laufen wie gefangene Tiere gegen unseren Käfig. Und was für Vernunft ausgegeben wird, ist Irrsinn. Und tritt in dieses Tollhaus einer, dem die Augen wieder sehen würden, der uns zuruft: Ihr geht in Finsternis, ich zeige euch das Licht der Welt!, so werfen wir mit Steinen nach ihm, um ihm die Schädeldecke zu zertrümmern. Wer von uns abrückt, gilt als ver-rückt.

Warum will ich Mama nicht verstehen, die aufschreit, wenn ein Mensch wie Rechlin in ihren Dunstkreis tritt. Ihr Reinlichkeitssinn geht so weit, daß sie den Staub von den Möbeln wischt, aber wenn ihr jemand den Schutt unter den Füßen wegräumen will, so wird sie tobsüchtig. Herr von Rechlin hat an die Frage des Besitzes gerührt, will sagen, er hat sie für seine Person gelöst; und so weit ist bei Mama die Verwirrung aller Begriffe gediehen, daß er, der ohne jede Geste ganz still und abseits seiner Habe sich entäußerte und dabei es verschmähte, etwa nach außen hin eine große und bedeutende Figur zu machen, für sie alles Ruchlose verkörpert. Besitz ist für sie etwas Geheiligtes. Mit Mein – Dein – und Sein fängt bei ihr die Sprache und das Denken an. Daß mit diesen Begriffen alles Bedenkliche verwachsen ist, alles Niedrige und Gemeine, alle Gier und aller Neid, mit einem Wort die Entartung des Menschen, ist für sie ein Buch mit siebenmal siebenundsiebzig Siegeln. Ihr Mann und ihre Kinder ... Bei Basen und Vettern stoppt bereits ihre Menschenliebe.

So verkalkt ein Herz und Hirn.

Und das Vaterunser, in dem es heißt: »Vergib uns unsere Schuld«, wird sinnlos, weil unsere Lippen es ohne Bewußtsein stammeln, und wir uns weder unserer Schuld noch des Vaters bewußt sind.

Alles das hat erst in mir Wurzeln geschlagen, seit Herr von Rechlin in unseren Kreis getreten ist. Ich habe ähnliche Ideen wohl lange vorher gehört und gelesen, ohne daß sie mich sonderlich beeinflußt hätten, aber hier steht ein Mensch, der nicht redet, sondern schmucklos handelt, der Hohn und Spott auf sich nimmt, ohne den Helden zu spielen.

Das ist es, was mich erschüttert, was mir Denken und Fühlen umgeworfen, was mir die Richtlinie des Sittlichen gezeigt, die Christlichkeit in mir ausgelöst hat.

Ich liebe Herrn von Rechlin – über alles in der Welt liebe ich ihn.

Er geht über die Berge und findet einen Trunkenbold, der eine Geige trägt. Und hinter einem zerstörten Geist und einem sterbensmüden Körper leuchtet ihm eine reine Seele auf, in der das Göttliche eine Heimstätte hat. Und diesen Menschen lädt er zum Mahle und zum Weine. Und spricht gut und milde zu ihm wie ein Bruder. Und immer wieder füllt er ihm den Becher, damit dem ewig Dürstenden der Abschied leichter werde, damit ein Schein des funkelnden Weines auf dieses Wanderers Sterben fällt wie ein Abglanz geheimnisvoll wirkender Kraft.

 

Zwei Tage später.

Christine ist abgereist, tut Samariterdienste bei einer weitläufigen Verwandten, auf deren kleine Erbschaft wir spekulieren. Mama hat sie mit den besten Segenswünschen entlassen. Ob ihre frommen Geleitworte dem Genesen oder dem Sterben der Erbtante gegolten haben, blieb bei ihrer verschleierten Ausdrucksweise zum mindesten unklar.

Genug, ich bin allein, allein in meinem Schlafgemach, meine Atemzüge werden nicht mehr belauscht, ich selbst werde durch keine Bewegung, keinen Laut eines fremden Wesens aufgeschreckt. Denn fremd bist du mir, mein armes Schwesterchen, obwohl eine Mutter uns getragen hat.

Ich bin allein und mache von meiner neuen Freiheit reichlichen Gebrauch. Ich lese bis in die späte Nacht hinein, um meiner Unruhe Herr zu werden, oder ich gehe, nur mit dem Hemd bekleidet, im Zimmer auf und nieder, wenn der Schlaf mich flieht oder ich aus Angstträumen jählings emporfahre. Ich lausche auf die dunkle Stille und Einsamkeit, und zuweilen unterbreche ich meine eintönigen Gänge, halte den Atem an und wähne dicht vor meiner Tür Schritte zu hören, Schritte, die ich inbrünstig herbeisehne. Trugvorstellungen, Gehörshalluzinationen, die mich narren. Ich werfe die letzte Hülle ab – das Hemd drückt mich – mir ist so heiß, als ob die helle Mittagssonne meinen Scheitel sengen würde. Ich stelle mich vor die Spiegeltür des Schrankes und betrachte meinen Körper mit sachlichem Ernst, prüfe ihn mit feierlicher Scheu auf irgendein Fehl hin, diesen Körper, den Gott für ihn geschaffen hat. Mein Leib ist ohne Fehl. Die Kleider verbergen keinen Makel.

Bis zu den Haarwurzeln schießt mir die Röte ins Gesicht. Welch erbärmliches Geschöpf ist die Frau, auf die niedrigsten Lockungen und Künste gestellt, nur um zur Erfüllung ihrer Natur zu gelangen.

Ich will nicht in unfruchtbares Grübeln versinken, ich will mich meines geraden Wuchses von Herzen freuen, wenn er Wohlgefallen an ihm hat. Alle meine Gedanken kreisen um ihn, und dabei erfüllt mich eine Todesangst, daß dieses Menschen Augen mich nicht sehen, daß er allem Körperlichen entrückt ist.

Wer Gott dient, meidet das Weib. Der Prinz Sidharta floh vom Weine und den Weibern in die Wüste und Christus hat nie eine Frau berührt. Wer des heiligen Geistes voll ist, leugnet das Geschlecht. Damit ist dem Weibe das Todesurteil gesprochen. Wir sind das Gefäß für alle Lüste, wir sind außerhalb des Geistes. Hier liegt der tiefste Sinn des Muttergottesgedankens. Christus, der Reine, durfte nicht aus der Vereinigung zweier Körper erwachsen, Maria mußte vom Heiligen Geist beschattet werden. Geh in ein Kloster, Ophelia! Das Geschlecht ist der Urgrund des Übels.

Ich weiß jetzt, warum ich an jenem Tage seinen Blick nicht ertragen konnte. Ich wollte nicht von ihm erkannt sein. Ich fühlte, daß er mich auf mein Innerstes prüfte, auf die Reinheit des Herzens, und ich wollte auf meinen Körper taxiert sein. Er wollte meine Seele, und ich bot ihm meinen Leib.

Der Handel war ungleich; er hat ihn abgelehnt.

 

19. Juli.

Während ich diese Zeilen hinwerfe, ist alles in mir aufgerührt, und die Hand, die schreiben soll, gehorcht nur mühsam meinem Willen. Bei jedem Laut schrecke ich zusammen, die Angst packt mich, das Furchtbare könnte sich wiederholen. Ich laufe zur Tür und überzeuge mich, daß sie verriegelt ist. Ich verbarrikadiere sie noch obendrein mit allen Stühlen, die im Zimmer sind.

Ich will versuchen, die letzten Ereignisse in ein paar knappen Sätzen wiederzugeben.

Herr von Borck hatte in den letzten Tagen wiederholt versucht sich mir zu nähern. Immer wieder war es mir gelungen ihm auszuweichen. Ich spürte, wie seine Augen mich verfolgten, die bald drohend und verlangend, bald in lächerlicher Demut unablässig auf mich gerichtet waren. Einmal verlor er seine Selbstbeherrschung, und ohne Rücksicht auf meine Angehörigen, ohne Wernickes zu achten, der mit einem anrüchigen, indiskreten Lächeln den Vorgang verfolgte, rückte, er dicht an mich heran und sagte leise: »Ich muß Sie unter allen Umständen sprechen.«

Ich sah, wie Mama mit kleinen, heftigen Stößen die Nadel führte, wie ihre Backenknochen rot wurden, wie sie sich den Anschein gab, als merkte sie nichts von alledem, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielte. Diese Komödie erbitterte mich aufs äußerste. Ich schüttelte den Kopf und erwiderte in dem gleichen Tone: »Ich bitte Sie inständig Ruhe zu geben, wir haben uns nichts mehr zu sagen.«

Mir schien es, als ob bei meiner Antwort sich seine Augen unnatürlich weiteten. Ich sah, wie sich seine Lippen beständig bewegten, und er doch außerstande war ein Wort hervorzubringen.

Ich erhob mich plötzlich; ich vermochte diesen Anblick nicht länger zu ertragen.

»Kommen Sie!« sagte ich laut. Und zu Papa gewandt: »Ich möchte noch eine Minute Luft schöpfen, ich bin gleich wieder da.«

»Was wünschen Sie von mir,« fragte ich ihn in kurzem, barschem Tone, als wir draußen im Flur standen.

Er maß mich mit einem langen, schmerzhaften Blick.

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte er und zog dabei die Mundwinkel tief herab, »ich werde Sie kaum eine Minute in Anspruch nehmen. Ich will Sie lediglich warnen: Wenn Sie diesem geistigen Hochstapler ins Garn laufen, so schieße ich den Menschen wie einen tollen Hund nieder. Das wollte ich Ihnen sagen.«

Ich fühlte, wie mein Blut stockte, wie mir die Glieder schwer wurden. Dennoch raffte ich mich auf: »Ich glaube, Sie sind einem Narrenhause entsprungen. Ich finde keine andere Erklärung für Ihr Benehmen.«

Er hob die Achseln ein wenig empor. »Ich bin niemals mehr bei Sinnen gewesen.«

»Und meinen Sie im Ernste, Sie würden mich auf diese Weise unter Ihren Willen beugen? Ich könnte jemals einem Mörder –«

»Ich werde Sie unter meinen Willen beugen,« unterbrach er mich. »Ich werde vor nichts zurückschrecken.«

Ich starrte ihn fassungslos an. Auf seinen Zügen lag die furchtbare Entschlossenheit eines Besessenen.

»Ich möchte Ihnen dringend raten, den Kreisphysikus zu konsultieren. Wenn ich nicht irre, ist er Psychiater von Fach, im übrigen haben wir uns nichts mehr zu sagen.«

Er nickte stumm und ließ jetzt erst die emporgezogenen Schultern wieder fallen; dabei lächelte er eigentümlich, und sein offenes Gesicht wurde von einem hinterhältigen, verschlagenen Ausdruck beherrscht. Ich wandte ihm den Rücken. Als ich wieder in das Wirtszimmer trat, spürte ich den stechenden Blick, mit dem mich der Kreisphysikus fixierte.

»Schicken Sie Herrn von Borck in eine Kaltwasserheilanstalt!« flüsterte ich ihm zu.

»Reisen Sie schleunigst ab!« antwortete er, nur für mich hörbar.

Papa erhob sich und gab das Zeichen zum Aufbruch. Mit einem kurzen »Gute Nacht« eilte ich auf mein Zimmer. Ich sinke auf den nächsten Stuhl, eine Schwäche überkommt mich, mein Hirn ist blutleer, alles Denken ist ausgeschaltet.

Aus dem dumpfen Zustand der Haltlosigkeit reißt mich die Angst um Rechlin. Soll ich zu ihm eilen, ihn warnen, soll ich den Kreisphysikus ins Vertrauen ziehen, oder soll ich seinem Rat folgen, das Haus, in dem ich nichts als Unheil gestiftet, so rasch wie möglich verlassen, Christine ablösen, die Krankenschwester spielen?

Ich kann nicht, ich kann nicht, ich muß in Rechlins Nähe bleiben. Sein Schicksal ist mein Schicksal. Und Hunde, die bellen, beißen nicht, und Rechlin ist Manns genug, um sich seiner Haut zu wehren – und – und – ich will nicht grübeln, vergehe vor Müdigkeit. Ich brauche Ruhe ... Ruhe ... morgen ist auch noch ein Tag!

Wie lange habe ich in bleiernem Schlafe gelegen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich plötzlich emporfahre, laut aufschreien will und keinen Laut aus der Kehle bringe: auf dem Bettrand sitzt Leutnant von Borck, halb entkleidet.

Wache ich, träume ich ... sind es Gesichte, die mich peinigen? ... Hat das Fieber mich gepackt? ... Dreht sich alles um mich? ... Beginnen Stühle, Schrank und Waschtisch zu tanzen, beginnt der weiße Ofen zu wackeln, lösen sich die Kacheln, um wie Heuschrecken zu hüpfen?

»Pst«, macht Herr von Borck und legt den Zeigefinger an den Mund. Und jetzt versucht er mich zu umklammern, jetzt mich an sich zu ziehen.

Da löst sich mein Krampf, ich wehre mich nicht, ich stoße ihn nicht von mir, ein leises, jammervolles Weinen, ein Todesausdruck auf meinen Zügen bringen ihn für einen Augenblick zum Bewußtsein.

»Hören Sie mich eine Weile ruhig an!« sagt er, und seine Stimme ist so trocken wie ausgedörrte Erde. »Ich bin am Ende meiner Kraft. Geben Sie Ihren Widerstand auf, hören Sie, ich kann nicht anders, Sie sind es, durch die ich krank, besinnungslos, wahnwitzig, wie Sie es nennen mögen, geworden bin.«

Und auf einmal schnappt diese trockene, ausgedörrte Stimme über, nimmt einen fistelhohen Ton an.

»Wollen Sie, daß ich mich hier auf der Stelle vor Ihnen erschieße? Sehen Sie mich nicht so an, ich ertrage es nicht! Da, auf dem Tisch liegt der Revolver. Hören Sie, ich mache ein Ende! Ich habe alles vorweg bedacht. Ich bin fertig. Ich kann nicht weiter!«

Ich streichle seine Hand, wie man einen Kranken streichelt, ich vergesse, daß dieser Mensch halbangezogen vor mir steht, wie ein Unhold mich überfallen hat. Ich sehe nur sein von Leiden verzerrtes Antlitz, seine hervorquellenden, brennenden Augen, seine blutleeren, weißen Lippen, die unaufhaltsam zucken. Ich leide, leide wie er und kann nicht helfen.

»Soll ich Sie belügen?« frage ich in tiefer Trostlosigkeit, und der Mensch klammert sich an das, armselige Wort und antwortet feierlich und ernst: »Belügen Sie mich, aber stoßen Sie mich nicht von sich!«

Ein Grauen überfällt mich, ich friere, ein Kältestrom zieht vom Herzen bis zu den Fußspitzen.

»Tun Sie, was Sie wollen,« sage ich tonlos, »aber geben Sie mir Ihr Wort, daß dieser Revolver dann mir gehört!«

Herr von Borck hat mich verstanden. Ein gurgelnder, undefinierbarer Laut kommt aus seiner Brust. Er schnalzt kaum hörbar mit der Zunge, blinzelt ein wenig, als wenn ihm etwas in die Äugen gekommen wäre, wendet sich von mir ab, und eine Minute später bin ich allein.

Die Nacht rauscht um mich. Ich liege mit offenen Augen da, bis der Morgen dämmert, und am Morgen klopft das Zimmermädchen an meine Tür und bringt mir ein versiegeltes Schreiben; der Absender ist Herr von Borck.

Ich atme auf. Ich wiege den Brief in den Händen, der nichts anderes als ein Abschiedsbrief sein kann. Ich öffne ihn langsam, und während ich ihn überfliege, flimmert es vor meinen Augen. Die großen, ungelenken Buchstaben fallen, wirbeln durcheinander. Ich muß ihn noch einmal lesen, um seinen Inhalt zu fassen.

Herr von Borck schreibt:

»Mein ungnädiges und doch über alle Vernunft geliebtes Fräulein! Die Vorgänge der vergangenen Nacht bedürfen einer Erklärung. Sie irren, wenn Sie glauben sollten, ich hätte mich in einem Anfall von Wahnsinn zu Ihnen geschlichen. Ich habe gehandelt nach einem durchdachten Plane. Ich weiß, daß Sie am Rande eines Abgrundes stehen, im Begriff sind, sich, ihre Familie und mich elend zu machen. Ich sah nur noch einen Ausweg: Sie ohne Hochzeit und Standesamt zu meiner Frau zu machen. Lassen wir einen Augenblick alle Sentimentalitäten und Förmlichkeiten beiseite. Form und Sitte werden gleichgültig, wenn es um Leben und Sterben geht. »Vergewaltigen« bedeutete in diesem Falle für mich unlösliches Vereinigen; war eine sittliche Forderung, die ich erfüllen mußte, wenn ich vor Gott, Ihnen und mir bestehen sollte. Gibt es einen Grund zur Reue, einen Vorwurf, so ist es der, daß ich in der entscheidenden Stunde versagte. Ihre Augen waren es, die mich feige machten. Als ich mir in der Lautlosigkeit der Nacht dessen bewußt wurde, mußte ich an Simsons Schicksal denken. Denn auch Sie haben mir meine Kraft und meinen Willen gestohlen. Und so schreie ich wie jener: Philister über dir!

Es ist ein Irrtum, wenn Sie etwa annehmen, ich würde weichen. Ich liebe Sie und warte auf meine Stunde. Ich umarme Sie und lasse Sie nicht. Ich küsse Sie mit aller meiner Leidenschaft, so wie ich Sie in dieser Nacht umarmen und küssen wollte. Gott ist in mir und mit mir und zuletzt war es Simson, der über die Philister siegte.

Ihr H. v. B.«

Dies ist der Brief des Herrn von Borck, der Brief eines durch mich außer Rand und Band geratenen, zerquälten und zerrissenen Menschen. Er sieht in seinem Wahn sich als Simson und Siegfried, mich als Delila und Brunhilde.

Wen kommt ein Lachen an? Ich weine in mich hinein. Ich lehne es ab, mich sittlich zu entrüsten.

 

24. Juli.

Drückend heiße Luft. Kein Stäubchen regt sich. Die Iserwiese, meine Iserwiese ist dem Verdürsten nahe. Die Fichten und Tannen starren bewegungslos in den Aether. Gewitterschwüle, aber der Himmel will sich nicht entladen.

Es ist später Nachmittag, unsere kleine Gesellschaft sitzt am Kaffeetisch. Herr von Rechlin neben mir. Um meinetwillen hat er sich unserem Kreise angeschlossen, ich weiß es, mein Herz weitet sich, alles blüht in mir.

Wir sind uns in den letzten Tagen nahegekommen. Und zwar auf ganz schlichte und selbstverständliche Art. Mein verstörtes, seit jenem nächtlichen Vorfall verändertes Wesen ist ihm aufgefallen. Sein Instinkt, sein Ahnungsvermögen hat ihm gesagt, daß ich in einer Krise, in Nöten bin, aus denen er allein mir helfen könne. Er hat keine Frage gestellt. Ganz zart wie mit einer Schwerkranken ist er mit mir umgegangen. Ich danke es ihm und trete selbst so behutsam auf, als ob die Erde aus Glas bestünde, und ein einziger unvorsichtiger Schritt mein Glück in Scherben schlagen könnte. Ich dämme meine Leidenschaft ein, ich glaube, seine Nähe löst in mir alles Gute, Reine, Schlichte aus. Dann wiederum frage ich mich in tiefem Mißtrauen, ob das nicht elende Versuche sind, ihn zu blenden, mein wahres Gesicht vor ihm zu verstecken und letzten Endes mich selbst zu betrügen. Roßtäuscherkünste, um bei dem Handel zu gewinnen. Spiele ich etwa die durchtriebene Komödie des unschuldigen Mädchens, das wissender als eine Dirne ist? Wo stecken meine Möglichkeiten, im Guten oder im Bösen? In Ihrer Hand, Herr von Rechlin, liegt mein Schicksal. Zum Guten wie zum Bösen liegen in mir die Voraussetzungen. Ich klebe an der Erde, mein Blut ist lüstern, ich bin gebunden an engherzige Vorurteile, an Schamlosigkeiten jeder Art, aber in mir ist auch ein Drang und eine Sehnsucht, frei zu werden. Helfen Sie mir, Herr von Rechlin, daß meine Seele stärker wird als mein Fleisch!

Ich höre Rolfs Stimme: In dir ist das gleiche Blut wie in mir, Brandtsches Blut, das sich austoben muß, wolllüstiges, verdorbenes Blut, das keine Hemmungen duldet!

Nein und tausendmal nein, mein Weg darf nicht abschüssig sein. Ich will nicht versinken.

Ich erwache aus meinen Selbstquälereien.

Mama hat sich an Herrn von Rechlin gewandt. Außerhalb jeden Zusammenhangs fragt sie ihn plötzlich, weshalb er eigentlich die Theologie an den Nagel gehängt habe; es interessiere sie lebhaft. Denn fügt sie mit bewußter Anzüglichkeit hinzu, dieser Beruf hätte doch nach allem, was sie über ihn gehört, seinen Neigungen entsprechen müssen.

Ich wäre am liebsten aufgestanden, um meine Hand auf ihren Mund zu legen und sie am Weiterreden zu hindern. Ich hatte nicht die Kraft dazu.

Aller Augen waren auf Rechlin gerichtet.

Er schwieg eine geraume Weile. Er sah Mama durchdringend an, so daß sie unwillkürlich die Augen senkte. Dann entgegnete er mit großem Ernste: » Weil ich erkannt hatte, daß man den Weg zu Gott nicht weisen kann. Jeder muß diesen Weg von sich aus finden

Eine tiefe Stille trat ein.

Herr von Borck erhob sich. Er ließ die Hände in den Hosentaschen verschwinden, trat in dieser lässigen Haltung dicht vor Herrn von Rechlin, und mit vor Erregung vibrierender Stimme sagte er: »Sollte das ein Angriff auf die Landeskirche sein?«

Ich hatte sofort erkannt, daß er Streit suchte, daß er eine Gelegenheit vom Zaune brechen wollte. Aber Rechlin sah ihn kummervoll an, und indem er seinen herausfordernden Ton völlig zu überhören schien, antwortete er liebreich: »Ich habe mich in meinem Leben bisher jeden Angriffs enthalten. Für mich persönlich nehme ich allerdings Freiheit des Handelns in Anspruch.«

Der Leutnant von Borck wollte sich mit dieser Abfuhr nicht zufrieden geben. »Ich für mein Teil,« rief er und gab dabei jedem Worte eine besondere Schärfe, »würde mir das auch ernsthaft verbitten. Denn, um es glatt herauszusagen, ich bin ein gläubiger Christ und weise jede Attacke auf die Kirche zurück.«

Bei den Worten »ich bin ein gläubiger Christ« umschatteten sich Rechlins Züge. Einen Moment schien es, als ob er auffahren wollte, dann aber fuhr er mit der Hand durch sein gelichtetes Haar und sagte mit vollkommener Beherrschung: »Ich nehme das zur Kenntnis, Herr von Borck.«

»So sind sich ja, die Herren einig,« mischte sich jetzt der Kreisphysikus in das Gespräch. Und mit einem trüben, unanständigen ... Lächeln fuhr er fort: »Es hat mich im Grunde allerdings immer gewundert, daß Sie, Herr Kollege, niemals vor der Welt für Ihre Ideen eingetreten sind, zumal ich Sie doch,« setzte er mit verbindlicher Vorsicht hinzu, »als einen beherzten Menschen zu kennen glaube, den Widerstände nicht schrecken.«

Herr von Rechlin geriet in Verlegenheit. Er wollte sich offenbar auf keine Diskussionen einlassen; die Erörterung dieser Dinge schien ihm peinlich zu sein, und nun wurde er gegen seinen Willen zur Verteidigung genötigt.

Ich vernahm, wie er kaum hörbar seufzte.

Unsere Augen trafen sich. Und mit einem Schlage waren wir im Kontakt. Wir hatten, ich wußte es, in der gleichen Sekunde den nämlichen Gedanken. Beide erinnerten wir uns an jene traurige Stunde, von der ich freilich nur durch Berichte wußte, an jene Stunde, in der man ihn auf eine infame Art getäuscht, ihn in seinem gläubigen Vertrauen ausgehorcht und zu Bekenntnissen getrieben hatte, die dann als Beweise für seine Unzurechnungsfähigkeit ausgebeutet wurden.

Und trotzdem entschloß sich Herr von Rechlin, Rede und Antwort zu stehen. Er neigte ein wenig den Kopf und sagte dann ganz langsam etwa folgendes: »Ich glaube nicht so sehr an die Kraft des Wortes. Ich glaube an das Handeln. Ich vermag niemanden zu überreden, ein Christ zu werden. Den mühseligen Pfad muß jeder allein gehen. Das Wort hat für mich nur Gültigkeit im Zusammenhange mit der Tat. Ehe wir tun, wie wir tun müssen, verstreicht eine lange Zeit. Wir gehen wohl durch viele Tore, ehe wir auferstehen. Und wir müssen immer wieder umkehren, bis es uns wahrhaftig ernst mit unserer Reue ist. Darum heißt es wohl auch, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der Buße getan, als über zehn Gerechte. Denn die Gerechten sind weit in der Überzahl. Alle sind gerecht, aber die Zahl derer, die Buße tun, ist verschwindend klein.«

Ich hatte atemlos auf seine Worte gelauscht, ich suchte sie zu ergründen, denn daß hinter jedem dieser Worte der Sinn seines Lebens stand, darüber war ich mir klar.

Ich wollte eine Frage an ihn richten, aber der Kreisphysikus kam mir zuvor. Ich konnte nur feststellen, daß Rechlin auf alle sichtlich Eindruck gemacht hatte. Meine Mutter sah scheu zu Boden, als spürte sie, einen höheren Willen, mein Vater hörte angespannt zu und von der Miene meines Bruders Gottfried las ich Ergriffensein. Nur der Leutnant von Borck schien mir bewegungslos.

Der Kreisphysikus also schnitt mir das Wort ab, und während er seinen Kneifer putzte, sagte er: »Ich finde doch einen kleinen Widerspruch bei Ihnen. Sie waren doch in der Lage, für Ihre Lehren einzutreten, da Sie tatsächlich zuvor Ihre Theorien über Besitz und Vermögen in die Praxis umgesetzt hatten.«

Rechlins Gesicht hellte sich auf. »Ich muß mich wohl sehr unbeholfen ausgedrückt haben,« erwiderte er, »denn ich vermag darin keine Tat zu erblicken, daß ich gestohlenes Gut zurückgab.«

»Das ist ja lächerlich,« rief Mama. »Das ist ja der helle Irrsinn, der das Unterste zuoberst kehrt! Wenn diese Ansichten Hand und Fuß hätten, wären wir anderen ja alle Verbrecher, Diebe! Ich halte das nicht aus, ich lasse mich nicht auf diese Weise insultieren, ich lasse mir nicht Ordnung und Gesetz zertreten. Das sind Umsturzideen. Das sind –« sie brach mit einem hysterischen Lachen ab, denn Papa hatte ihr Handgelenk umklammert. Unter diesen seinem Druck verstummte sie.

»Und welche Forderungen stellen Sie an den Menschen?« Dabei hielt Papa seine Blicke unverwandt auf Herrn von Rechlin gerichtet.

»Ach, ich stelle überhaupt keine Forderung. Das ist ja der Grundirrtum, daß wir mit Forderungen die anderen erziehen, ihr Wesen ändern zu können wähnen. Die Forderungen muß jeder an sich selbst stellen.« Und leise, als spräche er mehr zu sich: »Jeder muß sich selbst reinigen, den Schutt, der in ihm lagert, abtragen, bis er auf seine Erde stößt und wieder pflanzen kann. Die Erde muß man um und um werfen, sie wieder urbar machen. Es kommt mit einem Worte darauf an,« fuhr er tiefernst fort, »mit den ungeheuerlichen Dingen aufzuräumen, die in dem sogenannten Staat als Sitte und Norm gelten. Diese Form des Staates muß zerschlagen werden, denn sie ist ein Gefäß, das vergifteten Inhalt birgt, aber,« sagte er, und ein schüchternes, vergrämtes Lächeln huschte um seinen Mund, alles das ist ja erst denkbar, wenn die Menschen sich ausgegraben haben, wenn an die Stelle der Gerechten diejenigen treten, die gewandelt, die heimgekehrt sind, die, um es in eine letzte Formel zu fassen, durch alle dunklen Tore geschritten sind und die Kraft zur Liebe wiedergefunden haben.«

»Und zu welcher Kategorie zählen Sie sich?« fragte der Kreisphysikus.

Herr Rechlin erwiderte: »Ich zähle zu den Gerechten, denn ich habe den Weg verfehlt.«

Bei den letzten Worten sah er jeden einzelnen von uns fest und ernst an, dann stand er auf, verbeugte sich leicht, und ohne Scheu vor den anderen reichte er mir allein die Hand, ehe er uns verließ.

Als er hinter sich die Tür geschlossen hatte, sagte Papa: »Ich werde aus dem Menschen nicht ganz klug, vielleicht hat er mehr Courage als wir zusammen genommen.«

Wernicke lachte auf: »Lassen Sie sich doch nicht bluffen, Herr Oberst! Das ist einer von jenen sonderbaren Schwärmgeistern, die es zu allen Zeiten gegeben hat. Sie stehen hart an der Grenze des Normalen. Herr von Rechlin ist ein für den Arzt ausgesprochener Zwischenfall. Wenn ich morgen höre, daß der Kollege wegen dementia praecox in eine Anstalt gebracht worden ist, werde ich ebensowenig verwundert sein, als wenn er noch zehn Jahre frei unter uns herumspaziert. Für Staat und Kirche sind Menschen seiner Art allerdings Schädlinge, ich stimme darin mit Herrn von Borck überein. Sie bringen eine Verwirrung der Begriffe hervor und sind gefährlich, denn sie spielen mit dem Glorienschein des Märtyrers. Das ist eine Methode, die immer noch gewirkt hat.«

Mama stimmte heftig bei und wollte sich in einem neuen Redestrom ergießen.

Ich hörte diesem Disput wortlos an. Ich hätte Papa umarmen mögen. Aus seinen Worten sprach die ganze Ehrlichkeit seines untadeligen Charakters, den ich von Kindesbeinen an immer rückhaltlos bewundert hatte. Nicht weil ich Rechlin leidenschaftlich ergeben war, machte seine Stellungnahme auf mich Eindruck. Denn zwischen mich und Rechlin kann kein Mensch mehr treten. Wenn man mir sagte, er ist ein Mörder, so würde ich mit den Achseln zucken und erwidern: »Gut, er ist ein Mörder.« Nein, was mich beseligte, war, daß mein Glaube an Papas Unbestechlichkeit seine höchste Bestätigung gefunden hatte. Obwohl seine Auffassung von Staat und Kirche der Rechlins schnurstracks zuwiderlief, obwohl allein die Gegenwart dieses Menschen alle Familienkreise empfindlich störte, bekannte er sich zu ihm.

Mein lieber Papa, nicht im Tode will ich es dir vergessen, daß du in dieser Stunde stich- und standgehalten hast.

 

25. Juli.

Rechlin und ich sind Freunde, nein, wir sind mehr als Freunde, wir sind Liebende, obwohl kein Wort, keine Erklärung zwischen uns gefallen ist.

In mir ist ein Rausch von Freude; ach, wie kümmerlich ist das gesagt. Rausch ist etwas, dessen man sich nicht bewußt ist, ich aber bin im Bewußtsein tiefer, eingeborener Freude. Ich bin geboren, weiß zum ersten Male, daß ich – ich bin – ich, Ulrike Brandt. Ich fühle unter mir Erde, aber die Erde ist leicht, ich bin in Raum und Zeit. Die Zeit fliegt dahin. Stunde um Stunde. Ich weiß, daß jede Minute, jede Sekunde von mir ausgekostet wird.

Lieber Gott, laß mich leben, rufe mich nicht vor der Zeit von dem Fest, zu dem du mich geladen hast!

 

26. Juli.

Rechlin hat mir ins Gewissen geredet. Er sagte zu meinem Schrecken, zwischen ihm und mir sei eine abgründige Kluft, weil ich ihn falsch sähe, aus ihm in meinen Vorstellungen ein Wesen höherer Art machte, während er von allen Süchten besessen sei.

Ich wollte ihm zurufen: so danke ich meinem Schöpfer, daß du mir nahe bist, aber ich wagte es nicht, ihn zu unterbrechen.

Er fuhr fort, er ertrüge es nicht, anders zu scheinen, als er in Wirklichkeit sei. In Wirklichkeit aber gehöre er zu denen, die Kompromisse eingingen, zu den Lauen, die davor zurückschreckten, die letzten Schlüsse zu ziehen.

Seine Miene war bei diesen Worten unsagbar ernst und traurig, so daß auch mich eine tiefe Kümmernis ergriff. Aber dennoch fühlte ich mich begnadet, daß ich an seinem Leide teilnehmen durfte, daß ich bis zu dem Grade von ihm abhängig war, daß ich unter dem Druck seiner Stimmung meinen eigenen Willen aufgab.

Als er dann aber nach längerem Schweigen leise wieder anhub, daß er zuweilen eine Stimme vernähme, die eindringlich von ihm forderte, sein ganzes Leben von Grund auf zu ändern, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, sich vielmehr in jene Abgeschiedenheit zu flüchten, in der man allein auf Gott und sich gestellt sei, wurde mir angst und weh. Die Möglichkeit, ihn zu verlieren, warf mich nieder. In meiner Selbstsucht vergaß ich, daß es für ihn Notwendigkeiten geben könnte, denen gegenüber jede andere Empfindung zu schweigen hatte. Ich wußte nur, daß ich ohne ihn nicht mehr sein konnte. Was ich niemals begriffen hatte, wurde mir klar: Es gibt ein so enges Verknüpftsein zwischen Mann, und Frau, ein solches Ineinanderverwachsensein, daß, wenn der Tod oder ein anderes elementares Ereignis sie trennt, der übriggebliebene Teil entwurzelt ist und elend verkommt.

Herr von Rechlin mochte ahnen, was in mir vorging. »Lassen Sie sich vor mir warnen,« sagte er, »und meiden Sie mich! Ich gehöre zu den Gezeichneten. Wer sich mit mir einläßt, hat das Spiel verloren.«

»So habe ich verloren,« entgegnete ich ohne Besinnen. »Niemals werde ich Sie verlassen, Sie stießen mich denn von sich.«

Seine Augen weiteten sich; mir war, als ob sie heller, als ob sie durchsichtig würden. In der Tat, Gott hat ihn gezeichnet; er hat ihm das Mal der Reinheit auf die Stirn gebrannt, er hat ihn geschieden von allen Philistern, Pharisäern und Geschäftemachern. '

 

In der Nacht des 26. Juli.

Rechlins Andeutungen rauben mir den Schlaf. Ich liege in meinen Kissen, und das Dunkel ist über mir. Eine angstvolle Vorstellung treibt die andere. Rechlin hört Stimmen. Was will er damit ausdrücken? War es rein bildlich gesprochen, bedeutet es lediglich, daß er in sich hineinhört, sich über sein Tun und Lassen Rechenschaft gibt, oder ist ein übersinnlicher Zustand gemeint? Glaubt er in Beziehungen zu einer anderen Welt zu stehen?

Es fröstelt mich. Ich bin noch nicht so weit, um ihm bis dahin folgen zu können. Meine Sehnsucht, mein Drang nach Vereinigung, meine Begehrlichkeit, mein Verlangen, von ihm erkannt zu werden, beherrschen mich. Mein Blut brennt, ich kann mich mit keiner geistigen Kameradschaft begnügen. Ich will seinen Körper fühlen, ich will durch ihn Frau werden, mit allen heimlichen Zärtlichkeiten ihn beglücken – ich will – ich will – ich will ... Gott hat mich für ihn geschaffen. Die Mutter ist in mir lebendig. Ich will das Wunder durch ihn erleben. Und ein Haß gegen jene andere erfüllt mich, die ihn besessen hat. Ich brauche seinen Körper wie seine Seele, ich kann mich nicht begnügen ...

Und wenn Rechlin seine Sache über alles stellt, wenn die Phänomene, die ihn aufwühlen, übermächtig sind und seine Flucht aus dem sinnlichen Dasein bedingen, wenn er das Weib meidet, wenn Enthaltsamkeit und Einsamkeit die letzte Konsequenz seiner Kraft und seines Willens sind, wenn er so von schmerzhafter Melancholie durchsetzt ist, daß es für ihn keine Bejahung des Lebens mehr gibt ... wenn ... wenn ... wenn ...

Einen Hammer her oder besser eine Zange, ich reiße das Wenn aus meinem Schädel, oder ich verliere meinen Verstand!

Die Zweifel lassen mich nicht mehr los.

Es zieht an meinem Herzen ...

Die Finsternis sengt wie heiße Mittagssonne mein Haar, meine Schläfen hämmern, meine Pulse klopfen taktmäßig.

Ich drehe das elektrische Licht an. Die Helle tut mir wohl.

Mit dem kalten Gebirgswasser kühle ich meinen Körper, und Ruhe zieht in mir ein, ein schmerzlich süßes Entsagen.

Die Daunen des Hochzeitsbettes sind gerüttelt und geschüttelt.

Der Bräutigam ist nahe.

Ich bin im Vater. Ich bin im Heiligen Geiste.

Ich töte mein Fleisch, aber ich lasse nicht von Rechlin.

Die Augenlider werden mir schwer. Ich kann nicht weiter schreiben. Mich schläfert. So müde bin ich, todmüde. Rechlin, ich küsse deinen sanften, zarten Mund, und nun will ich schlafen, ausruhen von allen bittersüßen Ängsten.

Tu deine Hand auf mein Herz, Rechlin, hörst du!

Mein Herz will mir die Brust sprengen.

Deine Hand!

So, nun wird mir leicht und gut ...

 

Am folgenden Morgen.

Erst im Traume lassen wir unsere Hüllen fallen, und die Seele offenbart sich in ihrer Nacktheit mit allen ihren schrankenlosen Lüsten.

In dieser Nacht träumte ich: Die Frau war plötzlich ins Haus gekommen. Ein weißer Schleier fiel leicht und lose von den Schultern bis zum Saum ihres Kleides. Ohne einen Menschen zu fragen, hatte sie den Weg in Rechlins Zimmer gefunden. Sie glich einer Mondsüchtigen, ihre Bewegungen waren unwirklich, schattenhaft. Wenn ich sage, ihre Augen glänzten überirdisch, und auf ihren Zügen lag ein übersinnliches Lächeln, so gibt das nicht das Wesentliche der Erscheinung wieder. Ihr Lächeln hatte etwas frauenhaft Wissendes – es war erprobt – es hatte etwas Lockendes, nach meinen Begriffen sogar etwas Gemeines.

Und Rechlin war wie umgewandelt. Er war lebendig, freudig. Das Kummervolle, das sonst auf seinen Zügen lag, war weggeblasen, all die seinen Linien, die innere Leiden in sein Gesicht gezeichnet hatten, waren fortgewischt.

Mit ihren dünnen, schmalen Schultern schmiegte sie sich eng an ihn, und mit ihren dürftigen Kinderarmen umhalste sie ihn.

In dem Augenblick trat ich in das Zimmer. »Pfui Teufel!« rief ich und spuckte aus. Da verschwand, entglitt das wesenlose Geschöpf. Rechlin aber blickte mich mit solchem Entsetzen an, daß ich zunächst nicht wagte, mich ihm zu nähern. Er sah wieder vergrämt und gealtert aus, der jugendliche Ausdruck war geschwunden.

»Das ist ja eine schöne Geschichte,« sagte ich und gab mir den Anschein, als. hätte ich ihn auf frischer Tat ertappt. Meine Stimme klang wie die Mamas trocken, gereizt, ranzig, hart.

Rechlin entgegnete nichts. Er stand wie ein Verlorener, Verirrter, geistig Abwesender da.

Dieses Schweigen steigerte mich. Und mit einer ausschweifenden Geschwätzigkeit fuhr ich fort: »Ja, merken Sie denn, nicht, daß diese Frau eine Dirne, eine ausgemachte Dirne ist?«

Rechlin gab einen leisen, animalischen Laut von sich und hob beschwörend die Hände.

»Nein, ich kann nicht länger an mich halten. Sie peinigen mich,« stieß ich hervor, »weil dieses Frauenzimmer – um Gottes willen« unterbrach ich mich – »ist sie eine Heilige, weil sie Ihnen Hörner aufgesetzt, mit Ihnen lebte und es zugleich mit einem anderen hielt?«

Da reichte mir Rechlin wortlos einen Spiegel, und ich sah, daß ich um wenigstens zwanzig Jahre gealtert war, Mama zum Verwechseln glich, genau, ihre eifernden, immer auf ein handgreifliches Ziel gerichteten Züge angenommen hatte.

»Sind Sie das wirklich?« fragte er traurig.

Ich schüttelte entsetzt den Kopf.

In diesem Moment erwachte ich und hörte über mir Schritte – seine Schritte.

Ich horchte angespannt. Ich rieb mir die Augen, um mich von meinem wachen Zustand zu überzeugen.

Und auf einmal hatte ich die unabweisbare Vorstellung, daß hinter meinen Träumen eine dunkle Wahrheit stand, daß Rechlin jetzt, gerade jetzt im Begriffe war, sich für immer von mir zu trennen, daß das Bild jener anderen zwischen ihn und mich getreten war.

Das Bett verlassen und die Kleider um mich werfen, war eins.

War es denkbar, daß er mitten in der Nacht ohne Abschied aus dem Hause schlich, und ich in dunkler Einsamkeit zurückblieb?

War das das Ende?

Ich stieg zitternd die finstere Treppe hinauf, leise auf den Fußspitzen, blieb einmal stehen und dachte an Leutnant von Borck, der vielleicht genau unter den gleichen Umständen bei mir eingebrochen war.

Vor Rechlins Türe machte ich halt, zauderte. Mit welchem Rechte wollte ich ihn halten? War ich nicht von dem nämlichen Wahn besessen wie Borck? Hatte er sich auch nur mit einem Worte mir gegenüber gebunden? Das Gegenteil war der Fall. Mit eindringlicher Güte hatte er mich gewarnt, ihm nahe zu kommen.

Ich klopfte leise.

Herr von Rechlin öffnete. Er sah übernächtig aus und stutzte.

»Verzeihen Sie,« sagte ich hastig, »ich konnte nicht schlafen. Böse Träume quälten mich, ich mußte zu Ihnen kommen. Und da merkte ich, daß auch Sie –« ich brach ab, und obwohl er mich nicht aufforderte, ließ ich mich erschöpft auf dem kleinen Sofa nieder.

Er setzte sich neben mich und streichelte meine Hand, leicht und unpersönlich.

Mein Auge fiel auf das kleine Bild im verblichenen Goldrahmen, das auf dem viereckigen Tische stand. Es hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit der Erscheinung, die ich im Traume gesehen hatte. Wenigstens kam es mir so vor. Sie blickte mit hilflosen, wissenden Augen ins Leere. Sie sah bedrückt und kummervoll aus. Aber nichts Dirnenhaftes lag auf ihrer Miene. Ihr Hals war auffallend dünn, ich konnte mir vorstellen, daß er mit seiner langen, schmalen Hand ihn hatte umspannen können. Ich wußte sofort, daß es seine Frau war, und als er es mir ungefragt bestätigte, nickte ich stumm.

»Sie wollten diese Nacht fort?« brachte ich nach einer Weile scheu hervor.

Er war auf das tiefste bestürzt.

»Wie konnten Sie das wissen?« fragte er leise.

Da war es um alle meine Selbstbeherrschung geschehen. »So wollten Sie von mir gehen, so konnten Sie gehen?«

Ein Schluchzen schüttelte mich. Ich nahm meine ganze Willenskraft zusammen, trocknete rasch meine Augen und erhob mich.

»Gute Nacht, Herr von Rechlin! Alles, alles Gute wünsche ich Ihnen. Und nun leben Sie wohl!«

»Nein, so trennen wir uns nicht!« antwortete er. Er hielt mich mit seinem Blicke fest. Das Sprechen wurde ihm sauer; ich sah, wie er das Wort suchte und nicht fand.

»Ich kann Sie nicht in meine Heimatlosigkeit reißen,« sagte er endlich, schwer atmend. »Zu dieser Heimatlosigkeit habe ich mich durchgekämpft, Sie aber sind gebunden an Haus und Heimat, an tausend Vorstellungen, die hinter mir liegen. Hören Sie?«

»Ich höre.«

»Nun gut,« fuhr er langsam fort; »meine Freiheit wäre für Sie ein böses Abenteuer, und weil ich Sie liebe,« setzte er ganz leise hinzu, und sein abgemagertes, eingefallenes Gesicht leuchtete wunderbar auf, »sollen Sie nicht an meinem Schicksal tragen.«

»Sie lieben mich, Sie lieben mich?« wiederholte ich und spürte, wie ich taumelte, wie mein Körper leicht wurde, als höbe er sich. Lieber Gott, laß mich jetzt nicht von Sinnen kommen, hilf mir!

»Und mit ihr,« sagte ich endlich und wies zitternd auf das Bild, »wären Sie den mühseligen, steilen Weg gegangen?«

»Ja,« entgegnete er, »denn dieses Geschöpf hatte alles Elend ausgekostet und war reif für meinen Weg.«

Darauf ich: »Es steht bei Ihnen, in Nacht und Nebel davonzugehen, aber niemand wird mich hindern, Ihnen zu folgen. Und wenn ich mir die Füße wundlaufe, ich werde Sie zu finden wissen. Ja, ich bin an tausend unselige Dinge gebunden, bin innerlich unfrei, in mir ist so viel Trübes, Unausgeglichenes, ein solcher Widerstreit zwischen leidenschaftlichem Begehren und dem Willen, ein guter Mensch zu werden, daß ich an mir selbst verzweifeln möchte. Nun aber, wo Sie sagen« – ich hielt unwillkürlich inne, als hätte ich Furcht, das Wort zu wiederholen, an dem mein Dasein hing. Dann aber fuhr ich in starker Bewegung fort: »Nun, wo Sie sagen, Sie lieben mich, klammere ich mich an Sie, lasse ich Sie nicht mehr los.«

Ich konnte nicht weitersprechen, alles in mir war gelockert, aufgelöst, ich selbst in meiner jähen Freude dem Zusammenbruch nahe. Ich hatte mir mit äußerster Anstrengung die Worte abgerungen, ich fühlte, daß von dieser Stunde mein ferneres Schicksal abhing, und daß, wenn ich nicht jetzt vor dem geliebtesten Menschen Bekenntnis ablegte, meine Seligkeit, meine Seele auf dem Spiel stand.

Ich wandte mich von ihm ab.

Rechlin beugte sich zu mir, und seine Stimme war so zärtlich, so liebreich, daß ich meine Selbstbeherrschung verlor und, hingerissen von seinem Ernst, von seiner Güte, seiner zauberhaften Anmut, von dem Klange seiner Stimme, von der Leuchtkraft seines Auges, nach seiner Hand griff, um sie zu küssen.

Er erschrak sichtlich, wich einen Schritt zurück, und sein Gesicht war von einem vollkommenen Ausdruck der Enthaltsamkeit und Demut beherrscht.

»Um Gottes willen nicht,« sagte er fast ängstlich, dann aber, als fürchte er mich zu verletzen, strich er mit seiner Hand ganz behutsam über meinen Scheitel.

Und diese Berührung, die kaum mein Haar traf, flutete in mein Blut, brachte es in Aufruhr, machte mich trunken, versetzte mich in einen Rausch, für den das Wort fehlte. War er mit höheren Kräften begabt, ging von ihm eine so mächtige Bewegung aus, daß der andere, wenn sie sich ihm mitteilte, aus seinem trägen Beharren gerissen wurde?

Das sind Gedanken, die mir erst später kamen. Im Augenblick hatte kein Grübeln in mir Raum. Alles war Gefühl, dem ich mich schrankenlos hingab. Strom und Gegenstrom warm vereinigt.

Ich schloß die Augen, um nicht jählings zu erwachen. Ich tat es aus einem süßen Zwange heraus.

In diesen Sekunden erfuhr ich die höchste Steigerung meines Erlebens! Ich erlebte mich. Irgendwie war ich zu jenen dunkelen Tiefen gelangt, wo das Geheimnis, das Mysterium beginnt. Noch eine kleine Strecke weiter, und der letzte Sinn des Daseins, des Zusammenhangs zwischen Mann und Frau mußte sich aufdecken. Rechlins Stimme weckte mich.

»Geben Sie mir die Hand,« sagte er; »denn jetzt will ich fort! Nein, erschrecken Sie nicht! In wenigen Tagen bin ich zurück. In der Zwischenzeit mögen Sie noch einmal bedenken, sich klarmachen, daß mein Weg, ein einsamer Weg mit Mühsal und Entbehrung ist, und wenn Sie dann noch gleichen Willens sind, so bereiten Sie alles vor, um mit mir zu gehen!«

Meine Hand ruhte in der seinen. In tiefem Frieden und Gelöbnis ruhte sie in der seinen.

Ich hätte entgegnen können, daß es für mich keiner Überlegung mehr bedürfe, daß ich ohne jedes Zaudern bereit sei, jetzt mitten in der Nacht, so wie ich ging und stand, das Haus zu verlassen. Ich tat es nicht. Sein Entschluß war für mich bindend.

Noch einmal sah er mich mit voller Klarheit, mit durchdringenden, prüfenden Blicken an. Und diesmal hielt ich stand.

Dann wandte er sich mit einer raschen Bewegung ab und verließ mich eilends.

Ich riß die Fenster weit auf und sah noch, wie sein Schatten mit der Dunkelheit sich verwob.

Lange stand ich bewegungslos da, und in der Stille der Nacht hörte ich mein Herz bis zum Halse schlagen. Es schlug in Freiheit und Freude.

»Gott erhalte ihn mir,« betete ich, und Gläubigkeit, tiefer, frommer Glaube erfüllte mich. Noch einmal betrachtete ich das verblaßte Bild jener Frau, die ihn begriffen hatte, suchte in ihren Zügen zu lesen. Dann erst ging ich in mein Zimmer.

Ich lag mit weit geöffneten Augen in meinen Kissen, ich wachte über meinem Glücke. Erst als der Morgen, dämmerte, versank ich in wunderbar süße Müdigkeit.

 

28. Juli, vormittags.

Mein Tag ist hell und klar, meine Nacht voll tiefer, satter Ruhe. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch kommen mag. Ich habe Boden unter den Füßen, nun mein Schicksal sich erfüllen soll. In wenigen Tagen verlasse ich meine Iserbaude, verlasse ich Vater, Mutter und Geschwister, um mit Rechlin die große Wanderung anzutreten. Nun bin ich am Ziele, so ziellos das Leben vor mir liegen mag. Mein Gepäck wird leicht sein, und Mama und Christine werden der Sorge um meine Aussteuer enthoben sein. Es wird nicht vom Morgen bis zum Abend zugeschnitten und genäht werden, es wird keine Brautzeit geben, kein Verlobungskuchen wird gebacken werden. Ganz still und unbemerkt werden wir uns davonmachen. Unsere Hochzeit wird nicht unter den lüsternen, neugierigen Blicken von Vettern und Basen gefeiert werden. Es wird einzig und allein meine und Rechlins Angelegenheit sein. Ich verberge mein Glück, niemand soll und darf daran rühren. Kein Staub von außen darf es treffen. Mein Glück darf nicht unrein werden.

Ernst und bewußt bereite ich die Reise vor. Und wie leicht wird mir der Abschied, wie leicht die Trennung von allen bürgerlichen Gewöhnungen und Sicherheiten. Ich brauche den eingebildeten Tand nicht. Ich brauche ihn – ihn allein. Ich glaube an meine Entwicklung zu entschlossener Güte. Mein Leben soll rein werden.

Ich darf es aussprechen: trotz allem inneren Zwiespalt und Widerstreit habe ich nach mir gesucht, um mich gekämpft und gerungen. Den starren Anschauungen und Vorurteilen um mich herum habe ich mich stets entgegengestellt, oft mit leidenschaftlichem Trotz, der nur zertrümmern wollte, ohne zu ahnen, oder gar zu wissen, was er an die Stelle des Vernichteten hätte setzen mögen.

Aber immer leitete und trieb mich das wahrhaftige Gefühl, aus der Finsternis und dem Dunkel mich herauszuretten, meinen eigenen Weg zu finden, den Weg zu meinen Erkenntnissen. Fremde Überzeugungen habe ich von mir gewiesen, und fremde Gebete habe ich nicht nachgebetet. Das sind freilich in der Bilanz meines früheren Daseins die einzigen Aktiva, die ich ehrlicherweise buchen kann. Und wenn mir Rechlin nicht begegnet wäre, wer weiß, wohin ich mich hätte drängen lassen. Ich mußte ihn treffen. Das stand im Buche meines Schicksals. Und wenn ich ihn vom ersten Augenblick an so unweigerlich, so unbedenklich, so selbstverständlich liebte, so habe ich dafür die unfehlbare Erklärung: Mein Instinkt leitete mich, meine innere Stimme rief laut und vernehmlich: Dies ist der Mensch, der das Wirre in dir schlichten, das Unklare klären, das Gefühl von Scham und Verantwortlichkeit in dir wecken wird.

Ja, ich liebe ihn mit meinen Sinnen, und alles Bräutliche in mir jubelt, meine Nacktheit sehnt sich nach ihm. Aber auch meine Seele, meine ganze Seele ist im Spiele; denn alles, was starr und verhärtet in mir war, will sich in Demut lösen.

Heute rede ich mit den Eltern. Ich weiß, ich werde das rechte Wort finden, das Wort, aus dem mein unbeugsamer Wille deutlich wird, aber es soll nicht kalt und lieblos sein, soll nicht zu wehe tun.

 

Am Nachmittag.

Ich komme nicht dazu Papa unter vier Augen zu sprechen. Denn ihm muß ich mich zuerst mitteilen. Die Ereignisse der letzten Stunden, unter deren Banne wir alle stehen, nehmen mich gefangen. Telegramme aus dem Großen Generalstab sind plötzlich an ihn gekommen: Er solle sich reisefertig halten. Wenn nicht alle Zeichen trügen, stünden wir unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges.

Ich bin gelähmt, versteinert. Das Nahende, Große, Unheimliche wirft seinen dunklen Schatten über mein Glück. Die Erregung in unserem engen Kreise ist übermächtig. Ein Taumel hat alle ergriffen.

Papas leise gebeugter Körper hat wie mit einem Ruck seine alte Straffheit wiederbekommen, seine Pupillen funkeln. Er sieht sich bereits an der Spitze seines Regiments, hört Gewehre knattern, Kugeln pfeifen, Granaten sausen, Kanonen donnern, Trompeten schmettern.

Und Mama ist wie verwandelt. Sie sieht ihren Lebenstraum, den sie bereits eingesargt, der Erfüllung nahe. Papa wird General, wird Exzellenz, erhält den Adel, und die Jungen Rolf, Gerhart, Gottfried steigen empor. Die ganze Misere hat ihr Ende erreicht.

Aus den Augen der Brüder schlagen Flammen. Borck glüht, und auch den Kreisphysikus hat es aufgerüttelt. Er ist Oberstabsarzt und organisiert bereits im Geiste sein Lazarett.

Das Kriegsfieber arbeitet und rumort in unserem Blute. Die Herren haben die heißen Köpfe über die Landkarte gebeugt, Papa setzt ihnen die militärische Lage auseinander, beweist ihnen, daß Deutschland gerüstet, marschbereit ist, nichts zu fürchten hat. Deutschland kann jeden Augenblick losschlagen, die Schicksalsstunde trifft es vorbereitet.

Papa ist ein anderer Mensch geworden, jung, feurig, elastisch. Die Worte brechen unaufhaltsam aus ihm, seine Brust arbeitet mächtig, er zieht langsam den Atem ein und stößt ihn kraftvoll wieder heraus. Ich habe den Eindruck, als ob ein gefangenes Tier seinen Käfig gesprengt hätte und mit erwartungsvoller Begierde nur auf den Moment lauert, wo es sich schadlos halten, seinen Durst nach Blut stillen könnte. In die große Erregung, den tiefen Ernst meines Vaters zittert etwas wie Raubtierfreude hinein. Ich wenigstens habe den Eindruck.

Die Menschen meiner Umgebung haben ein völlig verändertes Gesicht, sind nicht mehr wieder zu erkennen. Man wartet mit brennender Ungeduld auf die Entscheidung, matt rennt nach Flinsberg herunter, telephoniert beständig, läuft dem Postjungen entgegen, um ihm die letzte Zeitung, das den Krieg verkündende Telegramm abzujagen.

Die Koffer sind gepackt, wir sind darauf gestellt, jede Stunde in den Zug zu steigen.

Und Rolf hat plötzlich gedrahtet, daß er unterwegs sei. Was er getan, ist ausgelöscht. Papas und Mamas Arme sind weit geöffnet, um ihn zu empfangen. Was bedeutet das armselige Einzelschicksal, wenn es um das Land geht!

Ich stehe verwirrt, benommen da. Um mich herum alles im Rausch, im Wirbel, und ich nur von dem Gedanken an Rechlin beherrscht. Was wird aus ihm, was wird aus mir?!

Soll dies das Ende sein? Das Ende unserer Wanderung? Auseinandergerissen werden, noch bevor wir uns vereinigt?

Und unser Schicksal gilt nichts, gar nichts? Alles das Land, nur das Land?

Der Einzelwille hört auf, wird mechanisiert, geht unter das Joch eines Gesamtwillens. Persönliche Freiheit ist ein Spuk von gestern, die Feuer färben den Himmel.

Und Rechlin schreitet über den Kamm und ahnt nicht das Verhängnis ... Und ich verzehre mich in Sehnsucht, schaue stundenlang nach ihm aus und warte, warte ...

Spürt er in der Ferne meine Not?

Hört er die Signale?

Der Leutnant Borck umschleicht mich, und der Kreisphysikus sucht mich mit zweideutigen Blicken – und – und – und – – –

 

Am Abend.

Es liegt hinter mir; ich habe mit Papa gesprochen. Einen Augenblick schien er fassungslos, und seine Miene nahm wieder den alten, versorgten Ausdruck an. Er schüttelte, während ich sprach, bedenklich den Kopf, dann blieb er mit verschränkten Armen ein paar Minuten mitten im Zimmer stehen, als hätte er mich gänzlich vergessen. Was er endlich sagte, war korrekt und von soldatischer Knappheit. Er respektiere Rechlin, obwohl er seine extremen Anschauungen nicht teile. Rechlins Verbindung mit mir empfinde er jedoch, gerade herausgesprochen, als ein Unglück. Ich sei von Hause aus eine gefährliche, ausschweifende Natur, ein Mensch, der ständig Gefahr laufe, die Grenze zu überschreiten und Freiheit mit Hemmungslosigkeit zu verwechseln. Gerade ich hätte der Führung eines Mannes bedurft, der das Bestehende anerkenne und durch seine Selbstzucht vermocht hätte, mich in meine Schranken zurückzuführen. Nun sei ich an einen Schwärmer geraten, und alles, was in mir hätte zurückgedrängt werden müssen, würde sich ausbreiten, überhandnehmen. So blicke er mit Sorge in meine Zukunft. Indessen, fügte er hinzu, da ich über ihn und Mama hinweg meine Entscheidung getroffen, ihn also vor eine vollendete Tatsache gestellt habe, wäre ja seine warnende Stimme kaum von praktischer Bedeutung. Er trete mir nicht in den Weg, aber darüber, fügte er hinzu, müsse ich mir klar sein, daß ich allein die volle Verantwortung trüge.

»Das tue ich,« erwiderte ich hart und fest. Ich spürte plötzlich einen so weiten Abstand zwischen mir und Papa. Er schien mir so entsetzlich an Norm und Herkommen gebunden. Die ganze Engherzigkeit und Überheblichkeit des uniformierten Menschen, der nur sein Maß kennt, seine Sittlichkeit für unbedingt nimmt, trat in einer für mich peinlichen Art zutage.

Ich bat ihn, Mama das Notwendige mitzuteilen, ehe ich von ihm ging. Dabei konnte ich den Verdacht nicht von mir weisen, daß er vielleicht nur mit halbem Ohre mir zugehört hatte. Denn im Grunde genommen, war sein Widerstand lau gewesen, er hatte sich die Sache ein wenig bequem gemacht, zu sehr mit den großen Dingen da draußen beschäftigt. Ich war dessen froh und zürnte ihm nicht.

Als ich Mama später begegnete, ging sie mit eisiger Miene an mir vorüber. Eine solche Verachtung lag auf ihren Zügen, als wollte sie ausdrücken: Du bist das verlorene Kind, bist für mich gestorben und verdorben.

Ich sehe ihr eine kleine Weile stumm nach. Mit ihrem Leibe war ich eines. Und nun gibt es keine Gemeinschaft mehr. Und weshalb? Weil ihr verkümmertes, kleines Hirn es nicht fassen kann, daß ich mit meinen Notwendigkeiten über ihre Vernunft und guten Absichten hinweggestampft bin, daß mein Versorgtseinwollen anders ausschaut, als sie es sich geträumt hatte. Wenn ich jemals Mutter werden! sollte, so ist dies ein Gelübde: Vor dem Willen meines Kindes werde ich Ehrfurcht haben ...

 

Am Morgen.

Mitten in der Nacht ist Rechlin gekommen. Mit Rolf zugleich ist er über die Schwelle getreten. Ich hörte die Tür schlagen, ich wußte, daß er es war, und eine Minute später hielt ich ihn umschlungen, unbekümmert um Rolf, der in brüderlicher Verlegenheit sich seitwärts schob.

»Er ist,« brachte ich endlich hervor – und stockte.

»Ja, ja,« murmelte Rolf, nickte stumm und reichte Rechlin die Hand.

Der Schein der Lampe fiel auf beider Gesichter.

Wie sie dicht nebeneinander standen, entsetzte ich mich vor dieser Gegensätzlichkeit. Rechlins Züge ganz durchgeistigt, und die Rolfs von äußerster Brutalität. Dabei hatten sich die Mundwinkel meines Bruders offenbar unter dem Drucke seiner Erlebnisse tief herabgezogen, sein Blick flackerte unstet, eine Welt von Bitterkeit, Verachtung, von Fertigsein mit allem und mit jedem drückte seine Miene aus.

Und doch hatten diese beiden ungleichen Köpfe etwas Gemeinsames: auf ihren Stirnen lag die nämliche Willenskraft und Todesentschlossenheit.

»Es gibt Krieg,« sagte Rolf und lächelte dabei höchst seltsam und befriedigt.

Mein Blick suchte Rechlin, aber seine Züge waren vollkommen undurchsichtig.

Wir haben miteinander gesprochen noch in derselben Nacht. Ich bin auf seinem Zimmer gewesen bis zum Aufgang der Sonne.

Alles, was er sagte, war der Ausdruck eines gerade gewachsenen, bedeutenden und einfachen Menschen.

Er habe gewußt, daß ich nicht anderen Sinnes geworden sei, ebenso wie er bei der ersten Begegnung gleich mir gefühlt habe, daß wir uns nahe treten müßten. Er habe jedoch eine tiefe Scheu gehabt, mich in seine Einsamkeit zu ziehen, oder gar an sein Dasein zu ketten, das dunkel, voll Unsicherheit und für ihn selbst so ganz unberechenbar sei. Er spüre meine Tapferkeit, wisse, daß mein Blut und Hirn mächtig bewegt seien, daß alles in mir gäre und nach Entwicklung dränge, aber, setzte er mit erschütterndem Ernst hinzu, ich müßte mir darüber klar sein, daß für ihn das Zusammenleben mit einer Frau auch nur ein Weg zu Gott sei, daß das, was er im tiefsten Innern unter Liebe verstünde, nicht durch körperliche Vereinigung seine Erfüllung fände. Und mit demütigem Gesichtsausdruck fuhr er fort: es kommt darauf an, Gott im niedrigsten Geschöpf zu suchen und zu finden, allen Dünkel, alle Überheblichkeit von sich zu tun, den Mut zur Einfalt und zum Bekennen zu haben, herabzusteigen, um von ganzem Herzen zu lieben.

Seine Züge wurden plötzlich vergrämt. »Das sind alles leere Worte,« sagte er leise, »leere Worte, die nichts bedeuten, denn nur mit der Seele, nicht mit dem Verstand kommt man Gott und der Liebe nahe.«

Er hielt einen Augenblick inne, dann ergriff er meine Hand: Welche Wandlungen ich auch immer durchzumachen hätte, vielleicht schon in der allernächsten Zukunft, immer würde er mich verstehen. Nur dies eine erwarte und fordere er von mir, daß ich zu jeder Stunde unter voller Freiheit des Entschlusses handeln, allein meiner inneren Stimme folgen würde. Niemals dürfte das Gefühl des Gebundenseins in mir aufkommen.

Wie waren wir uns nahe, wie flogen die Stunden dahin, wie kostete ich sie aus in ihrer Süße, Schwere und Trächtigkeit!

Ich küßte ihn mit bezähmten Lippen, dämmte alles leidenschaftliche Begehren zurück, ergriffen von seiner Reinheit und Keuschheit.

Vielleicht ist das Bild, das ich von ihm gebe, falsch und verzeichnet; vielleicht bin ich zu ungeschickt, um sein Wesentliches auszudrücken. Sein Wesentliches wurzelt in der absoluten Schlichtheit und Wahrhaftigkeit; und wenn er vor mir steht als ein Mensch ganz abseits von Welt und Markt, so hat er doch niemals die Geste des Apostels oder Heiligen, der sich in eine höhere Rolle hineingedacht und dementsprechend gesteigert hat. Er ist demütig und seines Willens sich bewußt, er will sein, und nicht scheinen. Seine Augen strahlen in die Ferne und können sich verdüstern, dem Verlöschen nahe. Sein feingeschwungener Mund ist kraft- und entsagungsvoll zugleich, seine Stirn klafft heraus, ihre Form hat er ihr gegeben, die großartige Form des schöpferischen Menschen.

Er ist in dem gemeinen Sinne gewiß kein schöner Mensch, er scheint körperlich eher im Verfall, der innere Gram hat merklich an ihm gezehrt. Mir aber ist er ein Bild der Vollkommenheit. Unter Tausenden hätte ich ihn herausgefunden und gewußt: das ist der Mensch, von Gott gesandt, dich zu lösen und zu wecken!

Und wenn in dieser Nacht sein Blick aufleuchtete, und sein blasses, eingefallenes Gesicht hell, heiter, ja freudig wurde, so war Gott in mir, und ich war in Gott ...

Als ich wieder in meinem Zimmer war, drückte ich das heiße Gesicht an die Scheiben. Ich sah in den dämmernden Tag, und es kam mir auf einmal in den Sinn, daß Rechlin kein Wort über die drohenden Ereignisse hatte verlauten lassen. Nur zwischen seinen Sätzen glaubte ich leise, dunkle Andeutungen von kommenden Dingen zu vernehmen. Aber greifbar waren diese Dinge gewiß nicht.

Ein kaum hörbares Pochen traf mein Ohr und unmittelbar darauf Rolfs Stimme: »Bist du wach, Ulrike?«

Ich öffnete ihm die Tür.

Einen Moment schien er erstaunt, mich völlig angekleidet zu sehen. Dann aber sagte er ganz sachlich: »Es geht dir wie mir, ich kann auch nicht schlafen.«

»Hast du Papa und Mama schon gesprochen?« fragte ich, ohne auf seine Worte einzugehen.

»Nein, ich wollte niemanden wecken. Habe es mit dem Wiedersehen auch nicht so eilig.«

Er setzte sich, und eine Weile waren wir beide still.

Rolf fing von neuem an: »Das also ist dein Auserwählter?«

»Ja, Rolf.«

»Gottfried hat mir über ihn geschrieben, mir schwante sofort, daß das dein Typ sein mußte. Mama ist nicht erbaut, kann ich mir vorstellen. Gestattest du übrigens?«

Er zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch langsam durch die Nase.'

»Und wie nimmt Borck die Geschichte?«

Ich zuckte die Achseln. Das Gespräch mit ihm begann mir peinlich zu werden. Es schien mir, als ob er innerlich, gänzlich uninteressiert an meinem Schicksal war und ins Leere redete.

»Höre mal,« sagte er und blinzelte ein wenig, »du könntest Papa und Mama zu verstehen geben, daß ich keine irgendwie geartete Auseinandersetzung möchte. Ich bin nicht als der verlorene Sohn heimgekehrt, ich habe einfach euch alle noch einmal sehen wollen.«

»Was heißt das?«

»Das heißt kurz und bündig, daß ich in den ersten Wochen fallen werde.«

»Bist du von Sinnen, bist du übernächtig, daß du so tolles Zeug von dir gibst? Vorläufig sind wir noch nicht so weit, es kann noch alles anders kommen.«

»Nein!« entgegnete er, »es kann nicht anders kommen, und du selbst glaubst nicht an deine Worte. Es gibt Krieg, und alles übrige ist gleichgültig.«

»So, meinst du, und woher weißt du, daß du fallen wirst?«

Er unterbrach mich und machte mit der Hand eine leicht abwehrende Bewegung.

»Einfach, weil ich fallen will, Schwesterchen. Dies ist der einzige Ausweg, den ich für mich sehe. Ich bitte, nur keine Traueranzeige, nur nichts von Heldentod, schon der Gedanke widert mich.«

Er lachte kurz auf. »Letzten Endes ist das auch einerlei! Nach mir die Sintflut.«

»Und so willst du hinaus?«

»Ja, Schwesterchen! Und nun wollen wir doch noch eine Stunde die Decke über die Ohren ziehen. Gute Nacht, Ulrike!«

Ich wollte seine Hand nicht loslassen, ich wollte diesen armen Ausgebrannten aus meinem bis zum Rande gefüllten Becher trinken lassen, aber er entzog sich mir mit sanfter Gewalt. Er mochte auch nicht einen Rest von Gefühlsseligkeit aufkommen lassen.

Sein Durst war gestillt, er hatte das Leben einmal in großen Zügen getrunken und einen üblen Nachgeschmack zurückbehalten. Er war fertig, so gründlich fertig, daß er nur noch eine Brücke suchte, die zu dem anderen Ufer führte.

Die um mich herum im Rausche – er todesnüchtern. Seine einzige Sehnsucht die Kugel, um von diesem Dasein befreit zu werden.

Mein Bruder Rolf Brandt wollte fallen. Vater, Mutter, Geschwister, das Land wogen ihm leicht.

Und ich, Ulrike Brandt, will leben. Und sein umschatteter Blick schneidet mir ins Mark, und das Wort »fallen« macht mich frösteln.

Wenn Rechlin ... ich kann es nicht ausdenken ...

Sollten die nächsten Stunden das Unheil bringen, was wird dann aus mir? Die Zähne zusammengebissen, das Land, das Land! Und Tausende und Abertausende müssen die Tränen herunterwürgen, müssen stark sein, mit dem Schicksal sich abfinden.

Kriegsbraut – Kriegstrauung – – Heil dir im Siegerkranz! Und beim Abschied: Deutschland, Deutschland über alles! ...

Was gehen mich die übrigen an. Der Jammer der anderen ist für mich schaler Trost.

Ich bin so lange im Dunkeln gesessen, nun, wo das helle, weiche, warme Licht des Lebens weckend zu mir dringt, kann ich nicht wieder in die Finsternis geschleudert werden.

Zu Hause bei Mutter und Christine hocken. Brustwärmer und Socken stricken, die deutsche Jungfrau machen – es schüttelt mich. Für dieses Heldentum fehlt mir der Sinn ... Und Krankenschwester spielen ... aufhören, nicht weiter schreiben! Es gibt keinen Krieg, darf keinen geben, ich ziehe mit Rechlin über die Berge, dem Leben entgegen!

 

Drei Tage später.

Seit ich die letzten Zeilen in dieses Buch geschrieben, ist die Welt aus den Fugen. Das Grauenhafte ist Wirklichkeit! Krieg – – Krieg – das Land in Bewegung – Abbruch und Aufbruch überall.

In fliegender Eile notiere ich die Geschehnisse.

Man hat mich aus dem Schlaf gerissen. Mein Bruder Gottfried steht an meinem Bett.

»Aufstehen, Ulrike, die Sachen packen! Der Krieg ist erklärt. Heute abend, spätestens morgen früh wird gereist!«

Stoßweise bringt er die Sätze hervor.

Und von unten rufen Stimmen herauf, gedämpfte und laute.

»Was ist mit Rechlin?«

»Packt ebenfalls. Muß sich sofort stellen.«

»Laß mich allein, Gottfried!«

Zehn Minuten später bin ich unten.

Papa steht mit seinen drei Jungen da, alle in Uniform. Vier Brandts, die hinausziehen.

Borck spricht leise mit Mama. Der Kreisphysikus gesellt sich zu ihnen.

Ich bleibe einen Moment ratlos an der Tür. Mein Auge sucht Rechlin. Da ist er. Ich gehe auf ihn zu, kümmere mich um nichts und niemanden, suche seine Hand; die ist eiskalt. Aber seine Züge sind straff gespannt.

»Um Gottes willen,« sagte er, »geh' jetzt aus meiner Nähe, meine Nähe bringt Gefahr.«

Ich verstehe ihn nicht. Was meint er? Ich sehe ihn flehend an.

Aber er noch einmal: »Ich bitte dich ...«

Ich trete zitternd zurück. Mir ist, als ob er mir einen Schlag versetzt. Und zugleich fühle ich des Kreisphysikus und Borcks Augen auf mir ruhen.

Was wollt ihr von mir?

Was starrt ihr mich an? Glaubt ihr, ich fürchte mich, bin feige, hätte Angst, mich zu bekennen?

Ich sehe die beiden in wildem Trotze an, höre, wie Wernicke ein abscheuliches, niederträchtiges Lachen von sich gibt.

Höre ich es oder bilde ich mir das alles ein?

Und da steht Rechlin ganz für sich, meidet geflissentlich meinen Blick. Das Herz schnürt sich mir zusammen.

Langsam, ganz langsam schleiche ich mich zu Papa und den Brüdern.

Die Tür der Baude geht unablässig.

Das große Zimmer füllte sich im Nu.

Phantastische Gestalten drängen sich: Alte Männer und verhutzelte Frauen, unter der Wucht der Jahre gebeugt, hagere und untersetzte Menschen, mehr Haut als Fleisch und Knochen, wie sie das Gebirge zeitigt; die Männer mit krausen, ungepflegten Bärten, die Frauen ausgemergelt, vom Leben verschandelt, mit großen Warzen auf den Backen und Haarbüscheln unter dem Kinn.

Mit ihren verängsteten, aufgerissenen, irren, fiebrigen Augen, den fahrigen, spitzen Bewegungen, mit den unaufhaltsam zuckenden Lippen, die wirre, unverständliche Laute hervorstoßen, wirken sie unheimlich, hexen- und gespensterhaft.

Burschen mit ihren Mädchen tauchen auf, jungen Stämmen ähnelnd, noch unverbraucht und doch schon kraft- und saftlos.

Und zwischen die Alten und Jungen zwängen sich verwahrloste Kinder wie dürftige Pflänzchen, die nicht leben und nicht sterben können.

Und an allen klebt grünes Moos und kräftige, schwarze Erde, als wollten sie ihren Jammer, ihr Elend bedecken und in die enge, bretterne Baude noch eine Spur von Wachstum und Natur hineintragen.

Und hinter ihnen wird der Wald auf einmal lebendig, gerät in unheimlichen Aufruhr.

Es ist, als ob Buchen, Birken, Tannen sich samt ihren saftigen Wurzeln, an denen die Erde wie schweres, lastendes Gewicht hängt, losgerissen hätten und gravitätisch, feierlich, langsam in dichten Kolonnen dem armen Volke auf den Fersen folgten.

Wer sind die Menschen mit den roten Köpfen, den aufgerührten Gesichtern, den trunkenen Gebärden? Waldarbeiter und Beamte der Schaffgotschen Herrschaft, dazwischen Landleute aus den umliegenden Dörfern und Badegäste, die aus Flinsberg heraufgekommen sind.

Man weiß, der Oberst Brandt ist da oben auf der Baude, von dem wird man Näheres hören.

Sie alle starren erwartungsvoll auf Papa.

Die Biergläser klirren, der Schnapsgeruch steigt mir in die Nase, und vom Qualm der Tabakpfeifen und Zigarrenstummel wird die Luft schwer, dick, undurchsichtig.

Tragen die Männer statt Bärten struppige Wurzeln im Gesicht? Dringen auf einmal die Nebelmassen des Gebirges durch Fenster- und Türritzen in den Raum, um ihn ganz und gar auszufüllen?

Und immer neue Menschen kommen. Es ist zum Ersticken.

Am Büfett klappern die Bierseidel, das Stimmengewirr geht auf und nieder, bald lauter, bald leiser, bald nur noch ein Geflüster.

Man stößt sich im Raume, kann sich nicht mehr rühren, Schenkel an Schenkel gedrängt steht man da.

Die Züge der einzelnen sind nicht mehr zu unterscheiden.

Der Saal hat ein Gesicht, ein furchtbar ernstes Gesicht, aus dem die weit aufgerissenen Augen auf Papa in tiefer Erwartung gerichtet sind.

Und nun wird es totenstill.

Ich suche mit verstörter Miene Rechlin, ich finde ihn nicht.

Und jetzt spricht Papa.

Hart, fest, metallen, jeder Laut vernehmbar, klingt seine Stimme zu den Menschen des Gebirges. Ein Volk, ein Mann, um das Land, das überfallen ist, zu schützen. Mit Gott, für Kaiser und Reich!

Die Leute des Gebirges sind wie unter einem Druck ... ein dunkles, lastendes Schweigen ...

In dieser Sekunde taucht plötzlich Rechlin auf, steht in kerzengrader Haltung, allen sichtbar, hochaufgerichtet da und fängt dann ganz leise zu reden an.

Er sagt, man solle Gott aus dem Spiele lassen; Gott ist nicht bei Mord und Totschlag.

Er sagt und sein Gesicht ist tief umschattet, man solle das Volk aus dem Spiele lassen; das Volk hat so viel Gram, so viel schwere Last zu tragen, es will zu alledem nicht obendrein noch Blutschuld auf sich laden.

Er sagt, man solle das Land aus dem Spiele lassen; das Land will blühen und wachsen. Die dunkle, schwarze Erde will nicht mit Blut gedüngt werden.

Er sagt, ein Christ legt nicht Hand an den Bruder, ein Christ mordet nicht ...

Da ruft jemand kreischend: Feigling! Verräter am Vaterland!

Und Fäuste ballen sich. Es tost durch die Baude. Stöcke sausen. Die Frauen schreien. Klägliches Kinderweinen geht durch die Luft.

Und einer hat sich auf Rechlin gestürzt, würgt ihn bereits.

Und plötzlich stehen ich und mein Bruder Rolf Brandt an seiner Seite.

Ich weiß nicht, wie ich mir den Weg zu ihm gebahnt, wie ich durch diese Menschenmauer zu ihm gedrungen bin.

Ich will mich schirmend vor ihn stellen, ihn schützen vor der Wut dieser zügellosen Masse, aber Rolf ist mir zuvorgekommen, hat den Angreifer an den Schultern gepackt und mit einer kraftvollen Bewegung zurückgeschleudert. Nun deckt er Rechlin mit seinem Leibe.

Drohende Rufe werden laut.

Eine Unzahl gestreckter Arme richtet sich gegen Rolf.

Rechlin hat meinen Bruder fortgedrängt, die Arme über die Brust verschränkt und steht mit einem strahlenden Lächeln, das sagen will: »Ihr armen, verblendeten Narren,« vor der tobenden Menge.

In diesem Augenblick trifft eine geballte Faust dicht unter dem rechten Auge sein Gesicht.

Ich sehe, wie er taumelt, höre schrille, gellende Laute und dann die Kommandostimme meines Vaters, die in diesem wahnsinnigen Lärm sich Gehör zu schaffen sucht.

Das alles fliegt an mir vorbei; denn wenige Sekunden später stieben die Menschen auseinander, und wie durch ein unfaßbares Gotteswunder ist die Baude plötzlich menschenleer.

Der Kreisphysikus, Rolf und ich beugen uns über Rechlin, der das Bewußtsein verloren hat. Aber er erwacht sofort und sieht uns mit einem unbeschreiblich sanften Ausdruck an. Das Auge ist blau unterlaufen, aber es leuchtet in einem wunderbaren Glanze.

Er weist jede Hilfe zurück, drückt fest meine Hand und streift mit einem höchst sonderbaren Blick den Kreisphysikus. ›Um mein Augenlicht sorgst du dich, aber die Flamme, die aus meinem Herzen schlägt, willst du ersticken; mein Leib kümmert dich, aber meine Seele trittst du mit Füßen, und ehe der Hahn dreimal kräht, wirst du Bekenntnis wider mich ablegen.‹

So und nicht anders deute ich den höchst sonderbaren Blick Rechlins.

Mein Bruder Rolf läßt uns keine Zeit. Er drängt uns zur Tür hinaus, am Kreisphysikus vorbei.

»Sie müssen heute noch fort, je eher, desto besser,« stößt er leise und bestimmt hervor, »ich bürge sonst für nichts.«

»Ja, ich muß fort,« erwidert Rechlin bedeutungsvoll.

Ohne den seltsamen Ton zu beachten, wendet sich Rolf an mich: »Papa erwartet dich. Es ist wohl das beste, du sprichst sogleich mit ihm.«

Ich nicke stumm. Dann ergreife ich Rechlins Hand.

»Ich gehe mit dir,« sage ich und sehe ihn dabei ernst und entschlossen an.

Und er: »Ich warte auf dich.«

Wir steigen stumm die Treppe hinauf. Vor Papas Zimmer trennen wir uns.

Eine flüchtige Sekunde bleibe ich vor der Tür stehen. Ich höre, wie Papa mit großen, schweren Schritten den Raum durchmißt und drücke mit festem Griff die Klinke herunter.

»Gut, daß du kommst,« sagt Papa. »Wir haben keine Zeit zu verlieren,« setzt er kurz hinzu.

Unsere Augen begegnen sich. Ich lese in den seinigen eine Härte, die keinen Widerspruch duldet, und ich weiß, daß es zwischen uns kein Verstehen mehr gibt, daß wir aneinander vorbeireden und als Feinde uns trennen werden. Ich weiß es, und eine Todestrauer erfüllt mich.

Und Papa scheint das gleiche zu fühlen. Sein Blick hat etwas Starres, Bewegungsloses. Er hat die Schultern ein wenig emporgezogen und kaut an seinen Lippen. Er möchte seine Erregung vor mir verbergen und kann es nicht.

Nach einem langen Schweigen rafft er sich endlich auf.

»Dieser Mensch,« sagt er ganz langsam und müht sich dabei, seiner Stimme einen schneidenden Ton zu geben, »ist entweder ein Feigling oder einer, der sein Vaterland verrät oder ein Verrückter. In jedem Falle muß nach dem, was sich da unten soeben abgespielt hat, dein Weg von dem seinen sich trennen. Ich nehme an, daß hierüber eine Diskussion zwischen uns überflüssig ist.«

Er hielt den Blick feindselig auf mich gerichtet und wartet gespannt auf meine Antwort.

Allerärmster Papa! Ich muß den Schlag gegen dich führen, ich habe keine andere Wahl. Aber noch einmal jagen durch mein Hirn alle Eindrücke der Jugend, noch einmal fühle ich mich dir dankschuldig für alles, was du mir gegeben. Und dann empfinde ich mit einer Schärfe ohnegleichen nur das, was uns beide scheidet, spüre, daß nur das Blut uns bindet, und daß dieses Blut dünn und wässerig ist und keine Kraft und Macht mehr über mich hat.

»Recht hast du in allem,« sage ich. »Dieser Mensch ist feige, denn er ist demütig, er verrät nach deinen Begriffen das Vaterland, denn er ist gläubig; Gott und die Ewigkeit gehen ihm über das Land, und er ist ein Verrückter, denn er ist weit von euch abgerückt und leugnet jede Gemeinschaft.«

»Höre auf!« unterbricht mich Papa. »Alles an dir ist verlogen und verstiegen. Das Einfache und Schlichte drehst du um und um, führst Gott im Munde und bist vom Teufel besessen, bist ...«

Er hört mitten im Satze auf. Ein Ausdruck des Ekels beherrscht seine Züge, die blutleer und todesblaß geworden sind.

Und plötzlich spuckt er aus und wendet mir den Rücken.

Ich warte, eine kurze Spanne Zeit, aber die Sekunden, schleichen so träge und langsam davon, als ob sie unendlich wären. Ich möchte einen verstehenden Blick von ihm erhaschen, möchte, daß wir als ehrliche Feinde kurzen Abschied nehmen, aber Papa kennt keine Halbheit, er ist fertig mit mir, hat mich mit Stumpf und Stiel aus seinem Herzen gerissen. Mein ganzer Stolz bäumt sich gegen ihn auf. Mein Körper reckt sich in die Höhe. Ich lache in mich hinein und verlasse das Zimmer. Ein Vater hat seine Tochter, eine Tochter hat ihren Vater erschlagen! Basta!

Das Leben fängt von vorn an! Es gibt kein Rückwärts mehr.

 

Mehrere Tage später.

Wie Diebe haben wir uns fortgeschlichen.

Rolf hat gedrängt. Er, der sein Leben so gering veranschlagt, ist für das unsrige bis zu einem Grade besorgt, der mich verängstigt. Mir kam es vor, als ob er gleichsam mit der Peitsche hinter uns stünde.

Kurz bevor wir die Baude verließen, nahm er mich beiseite.

»Das ist ein ganzer Mensch,« sagte er kaum hörbar. »Ich gönne dich ihm.«

Er drückte meine Hand und fuhr mit warmem Ton fort: »Schwesterchen, wenn ich dir eines raten darf, nütze die Zeit! Danke deinem Herrgott auf den Knien für jede gute Stunde. Das Leben ist etwas so Miserables, eine so verzweifelte Angelegenheit, daß man die paar Augenblicke, die ein bißchen. Glück bringen, auskosten, hemmungslos auskosten muß. Verstehst du mich?«

Er wollte weiterreden, aber wieder machte er jene ihm eigentümliche Bewegung und brach ab.

Noch einmal sehen wir uns in die Augen, wir beiden Brandts, und in dem Blick, den wir austauschen, liegt so viel schmerzhaftes Bekenntnis, daß ich die Zähne aufeinanderbeißen muß, um nicht loszuheulen.

Das ist das Seltsame und Geheimnisvolle, daß plötzlich in einer Sekunde unser ganzes Dasein sich zusammenballt. Jahr und Tag lebt man an sich vorbei, gedanken- und besinnungslos, und dann schlägt die Stunde, die einen zum Bewußtsein seiner selbst bringt. Ich fühle mit erschreckender Deutlichkeit, was mein armer Bruder Rolf lautlos in sich verschüttet hat.

Ich fühle, wie er an der Gebundenheit seiner Kräfte gelitten hat, wie er sich seiner Unfreiheit bis in das Mark der Knochen geschämt hat. Mitten in dem Lärm des Lebens war er ein einsamer Mensch geblieben. Gegen dunkle Gewalten hatte er sich trotzig aufgelehnt, sie zu bekämpfen gesucht, bis er sich in seinen Wurzeln erkannt und die Waffen von sich geworfen hatte.

Aber was war dieser letzten Verzweiflung nicht alles vorangegangen?

Warum gibt es so viel Trauer, so viel Ohnmacht? Warum muß ein Mensch von seiner Kraft und Schönheit kläglich zugrunde gehen?

Ich habe keine Zeit mehr, Fragen zu stellen. Ich weiß, daß wir uns das letzte Mal gesehen, ich weiß, daß seine Unbändigkeit, seine Lebensgier, die über alle Schranken sich hinwegsetzte, sein inneres Gesetz – und darum wahrhaftig gewesen ist.

Er hatte den Mut, sich zu bekennen. Das ist mehr wert, als ein guter Bürger sein. Die guten Bürger sind gut aus Feigheit und angeborenem Knechtssinn. Sie beten die alten Gebete, sie treiben Götzendienst.

Gute Nacht, Rolf! Vergiß mich nicht in deiner letzten Stunde! Vergiß nicht, daß unsere Pulse im gleichen Rhythmus schlagen!

Und jetzt trennen sich unsere Wege; mein Wandern beginnt.

Wir steigen den Berg hinunter.

Wir steigen in das Tal. Der Mond steht uns zu Häupten.

Die Nacht ist weiß und warm.

Wir steigen in die Tiefe.

Die Baude liegt hinter uns, die Iserbaude, in der mein Schicksal sich erfüllte.

Ich schmiege mich an ihn, jeder Atemzug von mir gehört ihm.

Das Licht des Mondes gießt sich über Weg und Wald und Wiese und füllt die nächtliche Stille mit seinem Glanze.

Wir gehen Hand in Hand und schweigen.

Die Nacht, der Mond, der Wald, die Einsamkeit und wir sind eines, eines.

Gibt es ein tieferes Glück?

Gott halte uns die Menschen fern, lasse uns unsere Einsamkeit!

Und während dieser Gedanke mich beherrscht, schlagen Hunde an, und die Grenzhäuser von Flinsberg tauchen auf, und mit ihnen Ängste, Kümmernisse, Sorgen.

Nein, nichts von Furcht!

Wir treten die Kelter.

Wir trinken den Wein. Mag dann das Glas in Scherben gehen!

Der erste Gasthof, den wir erreichen, ist geschlossen.

Wir hören, wie die Mägde drinnen wirtschaften, wie Stühle, und Tische polternd hin und her gerückt werden, wie die Gläser klirren.

Wir schöpfen tief Atem, ehe Rechlin mit starker Hand an die Scheiben pocht.

Eine Weile bleibt es still, dann rasselt der Schlüssel, und ein bärtiger Mann mit der Laterne in der Hand leuchtet uns ab.

»Nachtlager wollen wir!«

Der Mann hebt die Laterne etwas höher, ihr heller Schein trifft Rechlins Gesicht.

»Oho,« schreit er, »Sie sind es, Sie, der heute die Hetzrede da oben in der Baude ... nee, mein Verehrtester, da müssen Sie sich andere Leute aussuchen.«

Die Tür fällt unter schmähenden Worten krachend ins Schloß.

»Was nun?« sagt Rechlin und blickt mich sorgend an.

»Weitergehen,« antworte ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sein Gesicht hellt sich auf.

Und wenn ich zum Hinsinken müde gewesen wäre, eher hätte ich mir in die Zunge gebissen, als daß ein Laut der Klage aus meinem Munde gekommen wäre.

Wir gehen und gehen, und überall ist es das gleiche Schicksal, überall weist man uns die Tür.

Die Nacht sinkt tiefer herein, und Rechlin leidet meinetwegen unsagbar. Und mochte ich mit noch so vielem Eifer bemüht sein, ihm seine Unruhe zu nehmen, ich spüre, wie seine Qual zusehends wächst.

»Das ist erst der Anfang,« sagt er kummervoll. »Ich habe es vorausgesehen und hätte dich nicht an mich ketten dürfen. Das ist die Schuld, die ich auf mich gebürdet. Von räudigen Hunden soll man sich fernhalten und ich bin räudiger als ein Hund.«

Ich lache ihm ins Gesicht.

»Mich von dir fernhalten, ich hätte sehen mögen, wie dir das gelungen wäre. Auf Schritt und Tritt wäre ich dir gefolgt, in allem dir zu Willen, du, mein geliebter Mann, hier hättest du dich in mir getäuscht, wärst auf unbeugsamen Widerstand gestoßen.«

Da hebt mich Rechlin in die Höhe, nimmt mich in seine Arme und küßt mich mit einer Leidenschaft und Kraft, daß ich erschauere.

Und Gott hatte ein Einsehen. In einer elenden Wirtschaft fanden wir endlich Unterschlupf.

In dieser Nacht wurde ich Rechlins Frau.

Das Mondlicht fiel in unsere enge Kammer und strahlte heller als tausend Hochzeitskerzen. Und eine tiefe, reine Freude lag über unserem Fest. Kein Lärm der Gäste drang störend in unsere Einsamkeit.

 

Anfang August.

Rechlins Frau. In diesen Worten liegt die Erfüllung meines Daseins. Ich bin in seinem Hause, sein Bett ist mein Bett.

Das Haus, das er, bevor er in die Berge zog, hinter sich verriegelt hatte, birgt nur drei Räume: sein Arbeitszimmer, eine Kammer zum Schlafen und die Küche.

Wie viele Tage, wie viele Stunden sind uns beschert?

Ich weiß es nicht, und ich frage nicht. Ich denke an Rolfs Wort, ich nütze die Zeit, ich koste meine Seligkeit aus.

Achtundzwanzig Jahre, fast ein Menschenalter, haben Vater und Mutter zusammengelebt, und diese lange Zeit ist leer und schal gewesen. Innerlich einander fremd, haben sie Kinder in die Welt gesetzt, und die Notdurft des Lebens hat sie arm, bitter und leer gemacht.

Acht Tage hausen Rechlin und ich zusammen, und in dieser kargen Frist sind wir an Leib und Seele eins geworden. Kein Schicksal kann uns trennen.

Es gibt für mich kein Leben und kein Sterben ohne ihn. Das ist die letzte Erkenntnis, deren ich fähig bin; er und ich, wir gehören zusammen für alle Ewigkeit.

Was bedeuten im Verhältnis dazu Raum und Zeit?

Durch ihn glaube ich an Unsterblichkeit und Ewigkeit.

Er war es, der mir das Begreifen eines höheren Daseins gab, der den Gedanken an Erlösung und Auferstehung aus Zweifeln und Ängsten zur Gewißheit hob. Denn aus Eifern und Zürnen führte er mich zum Erfassen von Gott und dem All.

In mir ist Frieden.

Und an diesen Frieden soll mir kein Klagen rühren.

Mag kommen, was da kommen will, wir tragen unser Schicksal. Und niemals wird Rechlin ein Wort aus meinem Munde hören, das ihn von seinen Wegen drängen wird.

Sein Weg ist ihm vorgezeichnet.

Alle meine Süchte und Wünsche habe ich niedergerungen. Ich weise es weit von mir, mich ihm entgegenzustellen. Durch mich wird er nicht unrein werden. Ich will teilhaben an seiner Reinheit.

 

Am 11. Tage nach unserer Flucht.

Nun ist das Verhängnis über uns hereingebrochen.

Heute haben sie ihn geholt und hinter Schloß und Riegel gebracht, das heißt, in Untersuchungshaft.

Wir haben stumm die Hände ineinandergelegt. Wir brauchten uns nichts zu sagen.

Kein Jammern kommt aus meinem Munde. Klar sind meine Augen. Ich beuge mich nicht, aufrecht trage ich meine Last. Amen!

Ich reise zur selben Stunde, wie er. Auch ich bin vor den Untersuchungsrichter geladen, um Zeugnis wider ihn abzulegen.

Ein Lachen schüttelt mich.

 

18. August.

Ich jage durch die Straßen Berlins.

Die Stadt erscheint mir kalt und fremd und widert mich.

Die Menschen laufen wie Trunkene an mir vorbei, berauschen sich am Gegenwärtigen und am Kommenden. Wirre Worte treffen mein Ohr. Vor den Kaffeehäusern stauen sich die Massen und lauern auf die Zeitungshändler, um ihnen die Abendblätter aus den Händen zu reißen.

Ich will nichts sehen und nichts hören. In meinem Hirn ist nur ein Gedanke, und der heißt: Rechlin.

Die Erinnerung an alles Frühere ist ausgelöscht.

Habe ich jemals Vater, Mutter und Geschwister besessen? Habe ich jemals mit anderen Kindern gelacht und gespielt?

Mag sein, aber ich weiß es nicht mehr. Das liegt alles so, fern von mir, als ob es niemals gewesen wäre. Und mag ich mein Gedächtnis noch so sehr anstrengen, das Vergangene ist tot und will nicht mehr auferstehen.

Und als ich durch einen Zufall mich plötzlich vor dem Hause befinde, in dem ich jahrelang mit den Meinen gewohnt, betrachte ich dies Haus mit leeren, gleichgültigen Blicken. Nichts rührt sich in mir.

Die Gemeinschaft des Blutes ist letzten Endes etwas, das mit unserem persönlichen Dasein nichts zu schaffen hat.

 

Am folgenden Tage.

Ich stehe vor dem Untersuchungsrichter.

Frage: »In welchem Verhältnis stehen Sie zu Herrn von Rechlin?«

Antwort: »Ich bin seine Frau.«

Frage: »Wann haben Sie geheiratet?«

Antwort: »In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August bin ich seine Frau geworden.«

Der Untersuchungsrichter sieht mich mit Augen an, die an meinem Verstande zweifeln.

Ich mache kurz und entschlossen der Komödie ein Ende.

»Ich bin die Frau des Herrn von Rechlin ohne Standesamt und Kirche.«

Der Richter beugt sich tief über ferne Akten. Eine fahle Röte schießt über sein Gesicht.

»Ich muß Sie dringend bitten,« sagt er, und seine Stimme klingt scharf, »mir jede meiner Fragen unzweideutig und klar zu beantworten.«

»Das habe ich getan und werde ich weiter tun. Ich bedauere, wenn Sie mich mißverstanden haben.«

Er überhört meine Antwort.

Den Kopf noch immer über die Akten gebeugt, fährt er fort: »Sie leben also mit Herrn von Rechlin in außerehelichem Verhältnis?«

»Ich habe Ihre Frage klipp und klar beantwortet und verweigere jeden anderen Bescheid.«

Ein kalter, prüfender Blick trifft mich.

»Sind Sie in jener Nacht mit Einwilligung Ihres Vaters Herrn von Rechlin gefolgt?«

»Das ist meine Privatangelegenheit. Ich halte mich daher nicht für verpflichtet, hierüber Rede zu stehen. Im übrigen bin ich mündig.«

»Lehnen Sie es auch ab, mir Auskunft zu erteilen, ob Herr von Rechlin Sie gedrängt hat, ihm zu folgen?«

»Ich lehne das nicht ab. Herr von Rechlin hat unaufhörlich mich gewarnt, sein unsicheres Schicksal zu teilen. Ich bin es gewesen, die darauf bestanden, die sich ihm, wenn Sie wollen: aufgezwungen hat.«

»Können Sie sich der Vorgänge noch erinnern, die oben in der Iserbaude am Tage der Kriegserklärung sich abgespielt haben?«

»Ganz genau erinnere ich mich dieser Vorgänge.«

»Erzählen Sie!«

Ich folge seinem Geheiß. Verschweige nichts. Papas Rede, Rechlins Antwort, und alles, was sich daran schloß, gebe ich zu Protokoll.

Der Untersuchungsrichter hört angestrengt zu. Jedes meiner Worte wird notiert. Er ist aufs äußerste befriedigt. Mit einer höflichen Geste werde ich entlassen.

Auf dem Korridor stoße ich auf den Kreisphysikus.

Im ersten Augenblick prallt er mit betroffenem Gesicht zurück. Dann eilt er mir nach, um mit mir zu sprechen.

Ich mache eine abwehrende Bewegung, die jeden Widersprach ausschließt.

Er lüftet ein wenig den Hut und gibt den Weg frei.

Auf der Straße bleibe ich stehen und atme tief auf.

Gott sei Dank! Das ist vorbei. Keiner dieser Menschen soll mir jetzt und in Zukunft nahekommen, zwischen ihn und mich treten.

Ich meide jede Berührung mit ihnen.

Ich bin außerhalb ihrer Gesetze.

 

Eine Woche später.

Rechlin ist vor das Kriegsgericht gestellt worden.

Die Anklage lautet auf Fahnenflucht und Landesverrat.

Auf dem Gerichtsflur stehen die Zeugen. Zeugen sind mein Vater, der Kreisphysikus, der Baudenwirt, der Schulmeister und der Förster von Flinsberg.

Außerdem sprechen da noch leise zwei mir unbekannte Herren.

Und aller Augen meiden mich.

Papa hat den Kopf zurückgeworfen. Seine Züge sind starr, straff und ernst, seine Augen sind gläsern. Er stiert in die leere Luft, ich bin für ihn nicht vorhanden.

Ach, lieber Papa, wie fern sind wir voneinander, wie fremd bist du und deine Welt mir geworden! Im empfinde nicht einmal Zorn oder Bitterkeit gegen dich, ich habe ein Mitleid mit deiner Gebundenheit, ich lächle über dich.

Was nützt mir aller Anstand alle kreuzbrave Gesinnung, wenn sie an Rückständigkeit und Unfreiheit, an Geknechtetsein, an nichtswürdiges Herkommen gekettet sind. Die Braven soll man totschlagen und nicht halt machen vor Vater und Mutter, Bruder und Schwester. Es sind Schädlinge, die in Kellerlöchern hausen, die mit ihren dumpfen Hirnen die Entwicklung aufhalten, gegen Luft und Licht sich sperren.

Ich durchmesse den Korridor mit großen Schritten. Noch einmal ziehen die Erlebnisse der letzten Wochen mit allen ihren Einzelheiten an mir vorbei, von der ersten Begegnung mit Rechlin bis zu unserer Flucht aus der Iserbaude. Und plötzlich vergeht mir der Atem.

»Die Zeugen in der Sache Rechlin eintreten,« ruft der Gerichtsdiener.

Gott gebe mir Kraft, daß ich nicht zusammenbreche! Ich will und muß stark bleiben!

Die Saaltür wird geöffnet.

Ich höre den Schlag meines Herzens und bleibe wie angewurzelt stehen ...

Mein Vater geht in aufrechter Haltung voran, die anderen: folgen.

Und jetzt kommt Rechlin, von einem Unteroffizier begleitet.

Unsere Blicke treffen sich. Und sein Gesicht leuchtet in so jäher Freude aus, daß tiefe Ruhe in mir einzieht.

»Stark bleiben!« ruft er mir im Vorbeigehen rasch zu.

Ich nicke eifrig.

Hinter mir schließt sich die Saaltür.

Am Richtertische, auf dem ein schwarzes Kruzifix steht, sitzen fünf Herren in Offiziersuniform: ein Major, ein Hauptmann, ein Oberleutnant und zwei Kriegsgerichtsräte.

Rechlin steht vor der Anklagebank, die durch eine Schranke von dem übrigen Raum gesondert ist. Vor der Schranke, an einem kleinen Tisch sitzt der Offizialverteidiger, ein kleiner, dunkelhaariger Herr mit einem Kneifer auf der Nase.

Im Hintergrunde haben die Zeugen Platz genommen.

Die Sitzung wird eröffnet.

Der Vorsitzende nennt die berufenen Richter bei ihrem Namen, dann wendet er sich an Rechlin mit den Worten: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie das Recht haben, wegen Besorgnis der Befangenheit einen der Richter abzulehnen. Dieses Recht steht Ihnen aber nur bis zur Verlesung der Anklage zu.«

Rechlin schüttelt verneinend den Kopf.

Nun werden die Zeugen ausgerufen, um an die Heiligkeit des Eides gemahnt zu werden.

Und jetzt erst beginnt die eigentliche Verhandlung, die einer der beiden Kriegsgerichtsräte leitet.

Rechlins Personalien werden vorgelesen. Sein ganzes Dasein rollt sich, vom Tage der Geburt angefangen, in wenigen Minuten vor uns ab. Bis in die letzten Einzelheiten wird sein Leben festgestellt. Der Staat macht peinliche Arbeit. Für ihn ist der lebendige Mensch nichts weiter als ein Aktenbündel.

Das Zeugenverhör setzt ein.

Als erster wird mein Vater vernommen. Der Oberstleutnant Brandt wird von dem Richterkolleg mit ausnehmender Höflichkeit behandelt.

Er macht mit soldatischer Kürze, stoßweise atmend, seine Angaben und wird auf seine Bitte sofort entlassen. Beim Hinausgehen meidet er wiederum meinen Blick. Armer Papa!

Auch die übrigen Zeugenvernehmungen wickeln sich mit verhältnismäßiger Schnelligkeit ab. Es gibt keine Widersprüche.

Die Vorgänge werden von allen übereinstimmend bekundet.

Und Rechlin leugnet nicht.

Nun kommen die Sachverständigen an die Reihe.

Der Gefängnisarzt, ein hagerer Mann, mit trüben, geröteten Augen, tritt als erster vor.

In einem knarrenden Ton, der mir auf die Nerven geht, erklärt er, für ihn bestünde kein Zweifel, daß der Angeklagte nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei. Diese Überzeugung gründe er nicht allein auf seine Beobachtung Rechlins während der Untersuchungshaft, sondern auf die ganze frühere Entwicklung des Angeklagten, der von Jugend an die Merkmale eines anormalen Menschen unzweideutig gezeigt habe. Er leugne nicht, daß Rechlin von Hause aus eine religiöse Natur sei, aber seine Religiosität habe sich zu einer fixen Vorstellung verdichtet, durch die die Freiheit seiner Entschließungen ausgeschaltet würde. Zum Beweise wird die sonderbare Eheschließung Rechlins herangezogen, seine Flucht aus der Gesellschaft, seine Wahnvorstellung von der Erlösung der Menschheit, die ihn schließlich dazu geführt, sein Vermögen aufzuteilen und Staat und Kirche zu leugnen.

Der Kreisphysikus wird aufgerufen.

Ich beuge mich vornüber. Ich suche krampfhaft, meine Augen auf ihn zu richten, ich weiß, daß seine Bekundung von entscheidender Bedeutung ist.

Er weicht mir aus, aber ich spüre, daß meine Anwesenheit ihn bedrückt, ich spüre, daß er mein Feind ist, und doch klammere ich mich an ihn, wie an meine letzte Hoffnung.

Er spricht mit gedämpfter Stimme. Er schließt sich dem Kollegen in jedem Punkte an. Er führt aus, daß er in einem früheren Entmündigungsverfahren, das gegen Rechlin seinerzeit geschwebt, einen anderen Standpunkt eingenommen habe. Durch die Erfahrungen der jüngsten Zeit sei er indessen eines Besseren belehrt worden.

Ich schließe die Augen. Und meine Hände ballen sich. Nur keinen Laut von mir geben. Rechlin würde darunter leiden. Und dieser Zyniker würde noch am Biertisch sich damit brüsten. Aber ich fühle, wie ein ohnmächtiger Haß in mir aussteigt.

Warum trete ich nicht vor die Schranke und sage mit lauter Stimme: Dieser hat mir mit allen Schlichen und Kniffen nachgestellt, hat vergebens versucht, mich zu kirren, und nun legt er falsches Zeugnis wider meinen Mann ab, um sein Mütchen nachträglich an mir zu kühlen. Wo ist ein Büttel, der ihm die Türe weist!? ...

Und nun ergreift der Geistliche das Wort. Alle seine Bemühungen, sagte er, Rechlin von der Ruchlosigkeit seines Handelns zu überzeugen, seien kläglich gescheitert. Der Angeklagte habe in einem Fanatismus ohnegleichen die Pflichten gegen das Vaterland geleugnet. Aus jedem seiner Worte habe ein sektiererischer Geist gesprochen, ein Aufruhr gegen das Bestehende. Trotzdem könne er Herrn von Rechlin den Namen eines Christen nicht absprechen. Die Art, wie er sich auf den Heiland berufe, zeuge von der Reinheit seiner Gesinnung. Er habe sich allerdings ein Urchristentum zurecht gemacht, das mit dem Geiste unserer Zeit nicht in Einklang zu bringen sei. Aber, fuhr er fort, auch Christus, der uns aus dem Dunkel zum Licht geführt, hat die Welt und das Gesetz der Menschen geleugnet. Und so vermöge er nicht den Ärzten beizustimmen, die den Angeklagten als geistig unzurechnungsfähig hingestellt hätten.

Ein leiser Laut, niemanden vernehmbar, entringt sich mir. Ich spüre unter dunklen Schatten eines Menschen Seele. Und jetzt richteten sich aller Blicke voller Spannung auf den Vertreter der Anklage.

Es war dies ein auffallend junger Mensch mit einem bartlosen, scharfgeschnittenen Gesicht. Er hatte eine helle, eindringliche Stimme, an der er sich zu berauschen schien.

Er warnte zunächst die Richter, sich von den Gutachten der Sachverständigen beeinflussen zu lassen. Man habe davon gesprochen, führte er aus, daß Herrn von Rechlins religiöser Sinn in eine krankhafte Verfassung ausgeartet sei, daß er unter Zwangsvorstellungen leide, durch die er außerstande sei, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden, und daß er infolgedessen nicht mehr jene Hemmungen besitze, die einen vernünftigen Menschen davor schützen, gemeingefährliche Handlungen zu begehen. Er müsse diese Beweisführung unter allen Umständen ablehnen. Entweder ist ein Mensch religiös, und dann ist er sich auch seines freien Willens bewußt, oder aber, er ist geisteskrank, und dann wiederum könne nicht von Religiosität die Rede sein. Für das eine oder das andere ¦ aber, fuhr er mit erhobener Stimme fort, müsse man sich entscheiden. Da nun bei dem Angeklagten, wie von den Sachverständigen übrigens auch zugegeben werde, sonstige Merkmale einer Geisteskrankheit nicht aufzuweisen seien, da sein Denken, Reden und Handeln, soweit es nicht das religiöse Gebiet und seine philanthropischen Anschauungen berühre, durchaus vernünftig sei, so könne man ihn nicht als Geisteskranken ansehen. Er für seinen Teil habe im Gegenteil den Eindruck gewonnen, daß Herr von Rechlin durchaus fähig sei, folgerichtig zu handeln.

Nach diesen Worten machte er eine kleine Kunstpause, schneuzte sich und blätterte in den Akten, ehe er mit den Worten schloß: Bei der Schwere der Vergehungen – denn es handele sich um nichts Geringeres als um Fahnenflucht und Landesverrat – beantrage er, Herrn von Rechlin in die zweite Klasse des Soldatenstandes zu versetzen und zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren zu verurteilen.

Ich starre Rechlin fassungslos an, aber dessen Züge sind undurchsichtig.

Und nun wird eine neue Stimme vernehmbar.

Der kleine, dunkelhaarige Verteidiger hatte sich ruckartig von seinem Sitz erhoben.

Er sprach hastig und gleichsam ohne Interpunktion. Er schien es eilig zu haben, die ihm aufgebürdete Last abzuschütteln.

Er stellt zunächst fest, daß der Angeklagte jede Verteidigung strikte abgelehnt habe. Andererseits sei er jeder rechtlichen Ausführung enthoben, da beide Sachverständige bekundet hätten, daß Herr von Rechlin infolge seines Geisteszustandes für seine Entschließungen und Handlungen nicht verantwortlich zu machen sei. Auf Grund dieser Gutachten beantrage er daher, den Angeklagten freizusprechen.

Soll ich lachen, soll ich weinen?

Oder soll ich diesem Burschen an die Kehle fahren?

Der Angeklagte hat das letzte Wort.

Einen Augenblick war es totenstill im Saale. Rechlin hatte die Arme übereinandergekreuzt und kämpfte offenbar eine kurze Weile mit sich, ob er von dem ihm zustehenden Recht Gebrauch machen sollte. Dann hob er die Achseln ein wenig empor und begann mit klarer, fester Stimme: »Die Ausführungen des Herrn Vertreters der Anklage sind, soweit sie sich auf meine geistige Verfassung beziehen, in jeder Hinsicht zutreffend.

Ich lehne es mit aller Willenskraft ab, als ein geistig Minderwertiger von Ihnen behandelt zu werden. Ich bin im Besitze meiner Vernunft, war mir der Tragweite meines Tuns bewußt und habe unter voller Verantwortlichkeit gehandelt.

So bin ich vor dem Gesetze schuldig.

Ich habe den Staat geleugnet und über ihn das Reich Gottes gestellt.

Ich bin fahnenflüchtig, weil es gegen mein Christentum verstößt, zu töten.

Wer den Mord gutheißt – verteidigt – fordert, den Mord im Frieden oder im Kriege, tritt das Christentum mit Füßen.

Die Gesetze, unter denen Sie mich aburteilen müssen, sind menschliche Einrichtungen von gestern, die morgen durch andere ersetzt werden können.

Ich bin ein Christ und habe Bekenntnis abgelegt vor meinen gequälten Brüdern und Schwestern. Ist dies Landesverrat, so habe ich das Land verraten.«

Nach diesen Worten beugte sich Herr von Rechlin tief und demütig vor seinen Richtern und ließ sich auf der Anklagebank nieder.

Unmittelbar darauf erhoben sich die Richter von ihren Stühlen und zogen sich zur Beratung zurück.

Die Spannung löste sich.

Die Zuhörer verließen geräuschvoll den Saal, um sich im Korridor zu ergehen und über das mutmaßliche Urteil zu diskutieren.

Der Vertreter der Anklagebehörde trat dicht vor die Schranke und begrüßte einen Bekannten.

»Habe ich Ihnen zu viel gesagt? Interessanter Fall, was? Lohnte sich schon einen Vormittag daran zu wenden.«

Der Angeredete nickte eifrig. Er holte aus der Manteltasche eine Tüte Süßigkeiten und bot sie dem jungen Kriegsgerichtsrat an.

»Greifen Sie nur ruhig zu!« ermunterte er ihn, »Sie haben sich ja tüchtig ins Zeug gelegt. Donnerwetter, von Ihnen möchte ich nicht angeklagt werben. Schneidig, fabelhaft schneidig haben Sie gesprochen.«

Der Staatsanwalt lächelte, während er sich bediente, überlegen, und doch geschmeichelt.

Und im Kauen sagte er: »Sie dürfen es mir glauben, das sind die gefährlichsten Burschen. Wenn diese unklaren, wirren Köpfe gegen den Staat sich auflehnen, gibt es nur ein Mittel: Mit der ganzen Strenge des Gesetzes gegen sie vorgehen. Aber dann kommen einem die Herren Sachverständigen in die Quere und werfen alles über den Haufen.«

»Sie halten es für ausgeschlossen, daß er sozusagen einen kleinen Klaps hat?«

Der Staatsanwalt lächelte verächtlich.

»Mit diesem Trick wird jedesmal gearbeitet. Unsereiner ist längst dagegen abgebrüht. Wenn Sie wollen, besorge ich Ihnen zehn Gutachten, die es Ihnen schwarz auf weiß geben, daß Sie total verrückt sind. Das einzig Sympathische an dem Menschen ist, daß er sich auf den Schwindel nicht eingelassen hat.«

»Sie meinen, daß er verurteilt wird?«

»Ich hoffe es, auf Grund der Aussage des Kreisphysikus Wernicke. Das hat ihm den Rest gegeben.«

Er schmunzelte befriedigt in sich hinein.

»Wie lange wird es dauern, bis das Urteil verkündet wird?«

»Weiß ich nicht, kommt ganz darauf an, ob die Richter untereinander einig sind. Übrigens, der Oberst Brandt, famose Figur, kann einem leid tun, der Mann. Wir essen bei Ewest, was?«

»Selbstverständlich, ausgezeichnete Küche, Weine prima! Wann sind Sie fertig?«

Der Staatsanwalt blickte auf die Uhr. »Um ½12 Uhr ist spätestens Schluß. – Gehen wir ein bißchen heraus, schauerliche Luft hier!«

Er wandte sich an den Gerichtsdiener. »Wenn es so weit ist, rufen Sie mich!«

In dieser Sekunde trafen sich unsere Blicke. Ich hatte mit meinen geschärften Sinnen jedes Wort dieser halblaut geführten Unterhaltung aufgegriffen. Der junge Mensch vermochte mein Auge nicht zu ertragen. Er wandte sich ab und verließ hastig mit seinem Bekannten den Saal.

Es schüttelte mich. Ein Gefühl der Übelkeit stieg mir bis zum Halse empor. Und so einer nannte sich Anwalt des Staates, in seinen Händen lag das Schicksal des feinsten, besten Menschen!

Ich spürte, wie Unwillen, Aufruhr, Haß wieder, von mir Besitz ergriffen, jener Komplex sozialer Empfindungen, die, wie Rechlin sich ausdrückte, nur bis zur Oberfläche der Seele dringen. Er verlangt noch Güte und Begreifen für diese Menschen, die seiner Auffassung nach schuldlos an ihrer Entwicklung sind.

Ich stöhnte in mich hinein.

Werde ich jemals zu jener höheren Einsicht gelangen, die unbedingt fordert, daß man von dem Verschulden der anderen vollkommen abstrahiert und alle Verantwortlichkeit in sich selbst sucht?

Ist dieser Grad von Selbstentäußerung für mich erreichbar?

Mein Gott, sagte ich leise vor mich hin, ich werde nie dazu kommen, meine Feinde zu lieben. Rechlin behauptet, man kann keinen Menschen besser machen, man kann nur den Kampf gegen sich aufnehmen, und versuchen, selbst besser zu werden. Und diesen Kampf muß man bis zum Verbluten führen, man muß ihn führen um der Kinder und Kindeskinder willen, um dem Leben einen Sinn zu geben, um die Schuld der Väter von sich abzuwaschen, man muß ihn führen, um seiner Wiedergeburt willen, damit der Weg zum siebenten Tore freier wird.

Nun gut, so stehe ich noch vor dem ersten Tor.

Ich bin ohne Liebe, ich hasse das Bestehende, ich hasse die Welt, in der die Philister und Machthaber das Wort reden, in der ein Mensch, der reinen Herzens ist, gemartert und gefoltert wird. Das ist primitiv, ist rabiates Klassengefühl, wenn man will, auch ein Demagogentum, ein Volksschullehrerstandpunkt, von dem Allempfinden Rechlins tausend und aber tausend Meilen entfernt.

Hier ist meine Grenze, über die ich nicht gelange.

Was sind mir die Menschen und ihre Errichtungen?!

Ich bin gut und brauchbar mit ihm, durch ihn. Ich käme vielleicht zur Güte, wenn er mir Brücke ist, und ich bin ausgetrocknet und dürr, ohne Saft und Kraft, verhärtet und empfindungslos, wenn man ihm die Erde abträgt.

Wer hat das Recht zu richten, ihn zu richten?

Liebster Mann, habe Erbarmen mit mir, daß ich so und nicht anders bin. Ich hafte an der Erde, und du bist dem Himmel nahe.

Zu uns komme Dein Reich ... zu uns komme Dein Reich ... murmele ich beständig.

Und auf einmal wird mir der Sinn der Worte klar, die ich als Kind unzählige Male ahnungslos mit gefalteten Händen gesprochen habe.

Rechlin steht an der Schwelle des Reichs, und ich, ich möchte alles in Scherben schlagen, alles zertrümmern, um ihn zu befreien. Wer kann einen anderen befreien? fragt Rechlin.

Und plötzlich kann ich nicht weiter, es dunkelt um mich. So jämmerlich wir mir zumute, ich friere, der Atem vergeht mir.

Und nun öffnet sich die Tür des Beratungszimmers; die Richter treten wieder ein.

Der Vorsitzende verkündet das Urteil.

Es lautet: Obwohl das Gericht von der anormalen geistigen Verfassung des Angeklagten durchaus überzeugt sei, habe es sich gleichwohl den Gutachtern nicht anschließen können. Denn es habe, den Ausführungen des Vertreters der Anklage folgend, nicht einen Zustand feststellen können, durch den die freie Willensentschließung ausgeschaltet wird. – Demzufolge wird der Angeklagte wegen Fahnenflucht und versuchten Landesverrats, gemäß dem Antrage des Staatsanwalts, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, und, wie es das Gesetz vorschreibt, in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt.

Rechlin hörte in kerzengrader Haltung dies Urteil an.

Ein rätselhafter Ausdruck lag auf seinen Zügen.

Er sah mich groß und durchdringend an, bevor er aufrecht den Raum verließ.

Ich weiß, daß dieser Spruch ihn lächert.

Sie haben sein Bekenntnis verworfen, haben ihn hinter Schloß und Riegel gebracht und glauben ihn damit unschädlich zu machen.

Aber Rechlin wird leben und Bekenntnis ablegen bis zum letzten Atemzug.

Und zuletzt richten nicht die Menschen, zuletzt richtet Gott. Mein Herr und Heiland, sei ihm und mir gnädig!«








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