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Die Brautnacht

Adolf Pichler: Die Brautnacht - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleJochrauten- Neue Geschichten aus Tirol, 2. Band
authorAdolf Pichler
year1897
firstpub1886
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleDie Brautnacht
pages13
created20150104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Brautnacht.

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Jochrauten – Neue Geschichte aus Tirol, 2. Band
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Um alle persönlichen Deutungen zum Vorhinein abzuschneiden, unterlasse ich es, die Namen, den Ort und die Zeit dieser Geschichte anzugeben und beschränke mich überhaupt darauf, sie mit den einfachsten Umrissen zu zeichnen, weil jeder Schmuck ihre Wirkung stören könnte.

Der Tod hatte einen Professor von einer unglücklichen Ehe befreit und obschon er die vierzig überschritten, war er gar wohl noch für eine zweite Heirat geeignet, aber nicht dazu geneigt. Da ist eine Nichte seiner Frau; erst noch zwischen Kind und Jungfrau, wächst sie allmählich in seine Liebe hinein, ohne daß er es ahnt. Er wird sich derselben bewußt, als ein Freier auftritt, aber einen Korb erhält. Das 186 schlichte Mädchen gewinnt auch ihn lieb; er erfährt es, als er sich vor einer kleinen Reise verabschiedet und ihr, wie es bei den Verwandten Sitte, einen Kuß giebt, der nicht mehr vom Kinde, sondern von der Jungfrau erwidert wird. Rasch entschlossen von Natur sagt er: »Du sollst mich begleiten, in drei Tagen ist Hochzeit«. Die Mutter, eine Witwe, war erst verwundert, stimmte aber sogleich freudig zu, denn vor dem Professor wären die Thüren der besten Häuser aufgeflogen, wenn er als Werber angeklopft hätte. Das Mädchen erschrak zwar anfangs, aber der Mund widersprach dem Herzen nicht. Der Professor, ein Feind jedes Gepränges, wollte, daß die Feier so schlicht als möglich abgethan werde und so vereinigte abends nach der Trauung ein kleines Mahl die Verwandten. Auch einen Vetter konnte man nicht umgehen, der, nachdem ihm der Trunk zu Kopf gestiegen, eine Glocke zu ziehen begann, die man nicht bei der Messe zu läuten pflegt und dadurch der jungen Frau die Röte bis zur Stirn emportrieb. Um ihr aus 187 der Verlegenheit zu helfen, verfiel eine Base auf das Brautstehlen. Da ich nicht weiß, ob dieser Brauch überall besteht, will ich ihn hier schildern, wie er in manchen Gegenden Süddeutschlands geübt wird. Man versucht, die Braut hinter dem Rücken des Bräutigams zu entführen und er muß sie dann einzuholen trachten. Hat er sie endlich gefunden, so geht die lustige Gesellschaft in ein nahes Wirtshaus und beginnt dort aufs neue zu trinken und zu schwärmen. Das war nun hier allerdings nicht beabsichtigt. Die Base ging in die Küche und ließ durch eine Magd die junge Frau unbemerkt hinausrufen. Es gelang ihr leicht, sie zu bereden, auf den Spaß einzugehen, den sie von den Hochzeiten ihrer Freundinnen gar wohl kannte, sie führte dieselbe aber nicht in die eigene Wohnung, wo man sie bald erwischt hätte, sondern zu einer Freundin.

So war die Zeit des Aufbruches der geladenen Gäste gekommen; als man nach der jungen Frau rief, erschien sie nicht, und man zerstreute sich unter allgemeinem Gelächter. 188 Der Gatte suchte sie nun in den Zimmern und setzte sich, als er sie nicht fand, noch einmal zur Mutter an den Tisch, über deren Antlitz bereits eine Wolke leisen Unmutes flog. Da schlug es zehn Uhr; er stand auf: »Das Haus bleibt nicht mehr lang offen; ich muß hinüber, sonst werden wir hinausgesperrt und das wäre doch zu komisch; geleite sie, wenn sie kommt allsogleich zu mir. Sind das alberne Späße, soll ich erst bei allen Verwandten anklopfen?« – Er wünschte gute Nacht. Erst wartete er auf dem Flur seines Hauses, dann wurde er nach und nach aufgeregt und trat auf die Gasse, um nach allen Richtungen auszuschauen, aber niemand kam. Elf Uhr! – Er hörte die Pantoffeln des Hausmeisters über den Gang schlürfen; um jeder Frage auszuweichen, eilte er die Treppe hinauf, wo ihn die Magd mit dem Licht erwartete. Er hieß sie, das Schloß in die Klinke zu legen und schlafen zu gehen. Die Hausthüre schlug dröhnend zu, seine Finger schlossen sich krampfhaft. Eine Weile ging er auf und ab, dann öffnete er die Thür seines 189 Schlafgemaches angelweit, um ja das Schellen der Hausglocke sogleich zu hören – zwölf Uhr! sie läutete, er sprang hinaus, ein Offizier kam aus dem Kaffeehause, er verwunderte sich sehr, den neuvermählten Professor in vollem Anzug auf der Schwelle zu treffen und bot ihm lächelnd: Gute Nacht.

Die Base, um ihren Spaß zu haben, suchte die Frau durch allerlei Reden hinzuhalten und diese zögerte auch, vielleicht aus Schalkhaftigkeit oder weil sie das, was sie erwartete, mit banger Ahnung erfüllte. Endlich drang die junge Frau darauf, fortgeführt zu werden. Sie hoffte, ihren Gatten noch bei der Mutter zu finden und wurde sehr betroffen, als sie diese mit heftigen Vorwürfen empfing: Jetzt möge sie die Base zu ihrem Mann geleiten. –

Sie kamen an die geschlossene Thüre, schon wollte die junge Frau läuten, die Base hielt sie zurück. »Weil er dich nicht erwartet, soll er dich heute gar nicht haben. Du übernachtest bei mir!« Die Frau wagt aus Schamgefühl 190 nicht zu widersprechen, zögert zwar, geht aber dennoch mit.

Eins, zwei! Der Professor steht beim offenen Fenster, weit vorgebeugt schaut er die Straße auf und ab, alles schweigt; er hört den Schlag jeder Viertelstunde, zur Unruhe gesellt sich endlich der Zorn. Um fünf Uhr morgens, als es schon zu dämmern beginnt, schlägt er klirrend das Fenster zu, bricht die Bettstatt seiner Frau ab, ruft die Magd und befiehlt ihr, alles in die Dachkammer zu tragen. Diese gehorcht verwundert, getraut sich aber nicht zu fragen. Dann sperrt er die Zimmer, steckt die Schlüssel ein und erteilt den gemessensten Auftrag, daß niemand die Wohnung zu betreten habe. Nachdem er noch einiges angeordnet, nimmt er seinen Handkoffer und geht auf den Bahnhof, von wo er unmittelbar nach Italien fährt.

Aber auch die junge Frau hatte kein Auge geschlossen. Kaum war es licht, erhob sie sich und weckte die Base. Diese meinte: »Jetzt kannst du ihn beim Frühstück überraschen!« 191 Nachdem sie endlich jede Masche angenadelt, ging sie mit Anna, denn so viel dürfen wir vom Namen nachträglich verraten, auf die Straße. Obwohl ihr der Boden unter den Füßen brannte, folgte sie doch der Base, die den Professor noch aufziehen wollte, nicht in das Haus desselben, sondern eilte beklommenen Herzens zur Mutter. Als diese beide eintreten sah, erschrak sie auf das heftigste, schob die Base, ohne auf ihre abgeschmackten Witzeleien zu hören, heftig beiseite, warf einen Shawl über den halben Morgenanzug und führte die Tochter allsogleich am Arm zur Wohnung des Gatten. – Sie läutete. Nun erzählte die Magd alles, was geschehen. – Anna erblaßte, die Mutter rief: »Recht geschieht dir, da hast du es, diese dumme Gans von einer Base, ich könnte sie zerreißen! Nun sieh zu, wie diese Sache noch in Ordnung kommt.« – Sie kannte ihren Schwager, sie wußte, wie ihn manchmal die Aufwallung hinreiße und daß er kaum je zu bewegen war, einen Schritt, den er so gethan, zurückzuthun.

192 Nun folgten sehr traurige Tage: die beiden Frauen konnten nicht ausgehen, ohne zwischen den bösen Zungen Spießruten zu laufen, man munkelte allerlei Ehrenrühriges; da müsse es einen Haken ganz eigener Art gehabt haben und die Schadenfreude, daß eine so gute Partie gescheitert, labte sich am gemeinsten Klatsch. Besonders leisteten die edlen Frauen hier das Erdenklichste, wie es denn überhaupt nichts Ungroßmütigeres, nichts Grausameres giebt, als das Weib gegen das Weib.

So vergingen etliche Wochen. Die Mutter erwartete, daß schließlich doch die wahre und aufrichtige Liebe zu ihrer Tochter siegen werde, sie erwartete einen Brief mit den gereiztesten Vorwürfen, wie der Landmann ein Donnerwetter nach langer Trockenheit. Entschuldigungen konnten ihn, wie es bei solchen Temperamenten nicht selten der Fall ist, noch mehr aufregen; sie bedachte nicht, daß es Wunden giebt, die stumm schwären und so den ganzen Leib unheilbar vergiften. Die junge Frau, so sehr sie ihr Unrecht einsah, konnte doch ein Gefühl der 193 Bitterkeit nicht unterdrücken, daß er sie auf so brüske Weise sitzen gelassen und es steigerte sich noch. als ihr wohlwollende Freundinnen all das Geschwätz zutrugen, das in der Stadt umlief. Die Base durfte sich nicht mehr blicken lassen; ihre Pflicht wäre es eigentlich gewesen, den Sachverhalt aufzuklären und Verzeihung zu erbitten; sie trotzte aber, wie dumme Weiber stets zu thun pflegen, wenn sie unrecht haben. Wohl ging der Professor zu Florenz nie aus, ohne auf den Briefträger gewartet zu haben; er war ja der Gekränkte, der tief Beleidigte und hatte daher das Recht, zu fordern, daß man sich ihm nähere, ihn versöhne, ja er wollte bereits schreiben, da hielt ihn die Erinnerung an die Erlebnisse seiner ersten unglücklichen Ehe ab; er sagte sich, wenn du den ersten Schritt thust, dann bist du für immer geschlagen. – Seine Phantasie malte ihm allerlei Spuk vor, er erinnerte sich an Äußerungen von Freunden: »Das kleine Ännchen kann froh sein, daß du sie nimmst, wo dürfte sie je Anspruch auf eine solche Partie machen?« – Er 194 schüttelte zwar den Kopf und meinte: »Das gleicht sich aus, weil sie mich, den älteren Mann, liebt und – redet, was ihr wollt – sie ist ein prächtiges Mädel, wie es keiner von euch verdient.« – Das fiel ihm nun leider ein, das drängte sich in den Vordergrund des Gedankens und endlich gewann es der böse Dämon über ihn: »Sie hat nicht dich, sondern die glänzende Partie angenommen.«

Es war gerade ein Monat verflossen. Die Frauen saßen traurig beisammen und überlegten, daß endlich doch etwas geschehen müsse. Da klopfte es, der Geschäftsfreund des Professors trat ein, mit pochenden Herzen erwarteten sie, was er zu eröffnen habe. Aus seiner Förmlichkeit konnten sie schließen, daß es etwas Wichtiges sei. Er zog aus der Brusttasche ein Schriftstück: »Sein Klient habe ihn angewiesen, der Frau Anna, gebornen Meyer – der Name lautet anders! – monatlich eine Summe auszuzahlen, wie sie eine solche als Witwe zu standesgemäßem Unterhalt bekäme.«

Die junge Frau ließ die Hände in den 195 Schoß sinken und sagte tonlos: »Also ist er tot für mich.« Die Mutter schrie auf: »Diese namenlose Beleidigung haben wir nicht verdient, jetzt ist es aus für immer.«

Beide lehnten das Anerbieten kurz ab. Der Geschäftsfreund, trocken und kühl wie immer, erwiderte, er habe das wohl vorausgesehen, den Verzicht von seinem Kanzlisten gleich aufsetzen lassen und erlaube sich, denselben hiermit zur Fertigung zu überreichen. Anna unterschrieb, wenn auch zitternd, doch trockenen Auges, und zwar nicht den Namen ihres Gatten, sondern den angebornen ihres Vaters. Sie lebte von nun an zurückgezogen wie eine anständige Witwe; er ließ seine Professur an eine andere Universität übertragen, man trifft von ihm hier und da in juridischen Fachschriften einen gelehrten Aufsatz, so daß sein Ruf allmählich sich überall verbreitete. Den Namen seiner Frau hörte niemand von ihm, wie er auch keinen Trauring trug. Später einmal versuchten Freunde einen Ausgleich herbeizuführen, er schnitt ihnen bitter lächelnd das Wort ab: »Ich habe das fünfzigste Jahr 196 überschritten und brauche jetzt überhaupt keine Frau mehr.«

Ich besitze die Photographien des unglücklichen Paares, wie sie zwei oder drei Tage vor der Hochzeit angefertigt wurden. Welche Ruhe, welche Befriedigung schimmert in dem dunklen, cholerischen Auge des Professors, welche Süßigkeit schwebt auf ihren bräutlichen Lippen! Arm in Arm! – Jetzt wandeln sie einsam und kein Gruß fliegt mehr von einem zum andern. Das ist das Elend des Lebens.

Ohne Zweifel wird diese Geschichte Widerspruch erfahren. Nicht wegen ihrer Glaubwürdigkeit, sondern wegen des Verhaltens des Ehepaares, in dem die einen für den Mann, die anderen für die Frau Partei nehmen: – die Männer und die Frauen!

Ein Freund, der für die Katastrophe leider zu spät kam, meinte unwillig: »Wär' ich dabei gewesen, so hätt' ich beide beim Schopf genommen und zusammengestoßen, bis sie sich geküßt hätten.«

Den Beifall der Leser werde ich mir wohl 197 kaum erworben haben, denn ich schließe mit einem Mißklang. Mir kann das gleichgültig sein, indem Gefühle dieser Art jenseits jeder künstlerischen Aufgabe liegen. Die moralische Rechnung zu ziehen, verbietet ohnedem die moderne Ästhetik und so könnte man höchstens noch die Legende des heiligen Alexius, dessen Fest wir am 17. Juli feiern, zum Vergleich herbeiziehen. Auch dieser verließ die Braut vor dem Hochzeitsbette, ohne sie zu berühren; er wanderte durch die Welt, um dann als Bettler unter der Stiege des väterlichen Hauses zu sterben und als Leiche den Geruch eines Heiligen zu verbreiten. Das Mittelalter ist jedoch allen Konkordaten und dem Kulturkampf zum Trotz so ziemlich vorüber; für den modernen Menschen ist eine solche Askese unverständlich und bleibt als Grund des Handels ausgeschlossen; so lassen wir den Knoten, welchen Schuld, Dummheit und Bosheit der Menschen und des Schicksals geschlungen, ungelöst; möge jeder die Sache deuten, wie es ihm beliebt.

 


 








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