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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Als Babette zurückkam, goß sie sich stehend ein wenig Kaffee ein und biß in ein braunes Semmelchen. Kauend ging sie hin und her, mit ihren Blumen beschäftigt.

Sie hatte nie Geduld, sich schon am Morgen feierlich vors Essen zu setzen, und heut besonders nicht.

Sie hatte beschlossen, den berühmten Schauspieler zu besuchen, der als Romeo und Hamlet, als Don Carlos und Faust teils über ihrem Waschtisch hing, teils hinter ihrem Spiegel steckte. Sie wollte ihn um ein Autogramm bitten. 25 Ob er die Blonden leiden mochte? Man sagte, daß er ein Südländer sei. In der italienischen Stunde mußte sie stets an ihn denken. Io t'amo = ich liebe dich.

Sie fuhr ertappt zusammen. Hermann war ins Zimmer gekommen und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen.

»Vater schon bei seinen Särgen?« fragte er und gähnte.

Babette fragte zurück: ob etwa sein Frühaufstehen bedeute, daß er ins Kolleg ginge?

»Unsinn, Frühschoppen,« knurrte Hermann, gähnte wieder und klingelte nach warmem Kaffee.

Babette suchte den Rest der Blumen zusammen, nickte dem Bruder freundlich zu und ging hinaus. Sie mußte in den Unterricht zu Fräulein Grisheim hinaus.

Ehe sie die Wohnung verließ, suchte sie die Mutter auf.

Mißtrauen ist die Tugend der Hausfrau. Frau Bomberling saß in der Küche und beobachtete durchs Lorgnon das Kochen der Quittenmarmelade.

Babette gab ihr einen herzlichen Kuß und dachte zärtlich: »Wie stolz würde die Gute sein, wenn sie die Schwiegermutter des berühmtesten Schauspielers wäre.«

Die Mutter streichelte lächelnd Babettes weiche Wangen und dachte gerührt: Meine Geheime Frau Regierungsrat.

Hoffnung hat verschiedene Gesichter . . .

Zwischen den Büchern und Heften ein Bild ihres Romeo betrat Babette bald darauf mit fröhlichem Morgengruß Fräulein Grisheims Schulzimmer. Sie tauschte mit Hilde Wegner, ihrer Vertrauten. einen Blick des Einverständnisses. Heute also.

Dann begann der Unterricht.

Auch Mädchen müssen für den Kampf des Lebens 26 gerüstet werden. Fräulein Grisheim führte die jungen Damen in die Sprache und Kunstgeschichte Italiens ein, damit sie auf der Hochzeitsreise Vergnügen hatten. Die Mädchen kicherten viel. Bei den einfachsten Sätzen lachten sie.

»Kellner, ist dieses Zimmer verschließbar?« sollte übersetzt werden, aber nichts war zu hören als das Gequietsch unterdrückten Lachens.

Fräulein Grisheim sah wütend in die blauen Augen und glatten Gesichter und suchte eilig die nächste Reihe des Vokabelbuchs. Mit ihrer harten Altmädchenstimme, die nie hatte Liebesworte sagen dürfen, schrie sie nun:

»Sie brauchen uns morgen früh nicht zu wecken.«

Auch das schien nicht das Richtige zu sein. Das Gequietsche verstärkte sich.

Aber auch die längste Stunde hat nur sechzig Minuten. Von einer nahen Fabrik pfiff es Mittag. Die Bücher klappten zu.

Das war die einzige Minute am Tage, wo Fräulein Grisheim lächelte . . .

Arm in Arm gingen Babette und Hilde Wegner durch die Straßen.

Sie waren Freundinnen, seit sie sich bei Fräulein Grisheim kennen gelernt hatten. Die tiefsten Gründe aller Freundschaft verbanden sie. Sie taten sich gegenseitig leid und sie beneideten einander.

Babette bewunderte an Hilden, daß ihr Vater ein höherer Beamter und ihr Bruder Offizier war, und sie bedauerte sie, weil sie schon zweiundzwanzig Jahr alt und gar nicht hübsch war. Hilden tat Babette leid, weil ihr Vater diese gräßliche, unheimliche Fabrik hatte und weil sie überhaupt 27 nicht aus feiner Familie war. Aber sie beneidete sie um ihr blondes Haar, nach dem sich jeder auf der Straße umsah, und beinahe noch mehr um ihr behagliches, helles Mädchenzimmer.

Seit Hildes Bruder das Leutnantspatent hatte und nie mehr mit seinem Monatswechsel auskam, war die Wohnung ihrer Eltern sehr zusammengeschrumpft.

Nur die Repräsentationsräume waren geblieben.

Hilde schlief auf einem Ausziehsofa im Speisezimmer, und ihr kleines, buntes Hab und Gut aus Schleifen, Schleiern, Spitzenkragen und Ansichtskarten mußte sie in einem Tischkasten der Badestube aufbewahren, die zugleich ihr Ankleidezimmer vorstellte. Sie hatte keinen Fleck, der ihr gehörte.

Darum sehnte sie sich im geheimen, zu heiraten.

Babette und Hilde sprachen eifrig von dem großen Schauspieler, auf dessen Wohnung sie jetzt zuschritten. Bei jeder Anschlagsäule machten sie halt, um seinen Namen auf dem Theaterzettel zu lesen. Babette empfand, daß sein Ruhm auch sie anging. In wenigen Augenblicken würde sie vor ihm stehen.

Hilde sollte vor der Haustür warten. Sie bot sich an, mit hinaufzukommen, aber Babette nahm diesen Freundschaftsdienst nicht an. Mit dem zierlichen Kopfnicken, das sie immer anwandte, wenn sie jemanden nicht mehr brauchte, verschwand sie im Haus.

Ein Dienstmädchen, das einen dicken, kleinen Jungen auf dem Arm hatte, öffnete ihr die Wohnungstür und führte sie in ein buntes, mit Büchern und Bildern beladenes Zimmer.

Hier wartete Babette in großer Erregung.

28 Wie mochte seine Stimme klingen, wenn er guten Tag sagte? Konnte er überhaupt etwas anderes als Verse sprechen?

Aber auch Götter sind von Haus aus Menschen.

Im Nebenzimmer klapperten Teller und jemand sagte unwirsch:

»Kannst du denn dem Rindvieh von Köchin nicht beibringen, daß sie die Zwiebeln ordentlich braun brät?«

Babette zuckte zusammen. Das war seine Stimme. Deutlich hatte sie ihren Klang im Ohr, wie sie jubelte: »O Königin, das Leben ist doch schön.«

Jetzt wurde drinnen ein Stuhl beiseite geschoben. Schritte näherten sich der Tür.

Ohne zu überlegen lief Babette aus dem Zimmer. Flinker als eine Eidechse war sie aus der fremden Wohnung verschwunden.

Als Hilde sie mit vielen Fragen empfing, sagte sie, daß man über ein solches Erlebnis nicht sprechen könne.

Hilde blickte die blonde Freundin bewundernd an. In tiefem Schweigen schieden sie.

Aber als Babette nach Hause kam, nahm sie sämtliche Photographien dieses Mannes von der Wand und warf sie in einen schwarzen Kasten. Sie war wütend, daß ihr dabei die Tränen über die Backen kugelten.

Was ging sie ein Mensch an, der Zwiebeln aß.

 

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