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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zwischen diesen Räumen mit eigner Atmosphäre und dem stummen Kulturgebiet auf der anderen Seite lag, als freundlicher Vermittler, das große Speisezimmer.

16 Es war der Raum, der am häufigsten alle Bomberlings vereint sah. Eichenmöbel und Lederstühle machten es behaglich. In einer Ecke tickte, fest und bestimmt, die große Standuhr. Am Fenster hüpfte ein Kanarienvogel im Bauer, den Hermann Napoleon getauft hatte, worauf Frau Bomberling stolz war.

Am Umgang erkennt man den Menschen.

Es lag Würde in ihrem Ton, wenn sie dem Mädchen sagte:

»Geben Sie Napoleon frisches Futter.«

An der Wand hing ein großes Stilleben, ein delikates Bild. Es war nicht nur von einem Maler gemalt, der weltberühmt war, es stellte eine echte Straßburger Gänseleberpastete vor, umgeben von Austern, roten Hummern, frischen Spargelbündeln und einem Strauß ausgewählter Rosen.

Der Geschmacksspezialist hatte Frau Bomberling auf dieses vornehme Bild aufmerksam gemacht, das aus dem Nachlaß eines Bankiers billig zu erstehen war. Frau Anna hatte es eigentlich teuer gefunden. Sie meinte, daß es der Maler zu einer Jahreszeit gemacht haben müsse, in der diese Delikatessen gerade besonders hoch im Preise gestanden hätten. Aber sie konnte sich nicht davon losreißen. So wurde es gekauft und dem Eßtisch gegenüber gehängt. Wo es gewiß am Platz war. Denn Kunst soll anregend wirken.

Der erste, der jeden Morgen, sobald der Frühstückstisch gedeckt war, dieses freundliche Zimmer betrat, war Bomberling selbst. Er war ein Frühaufsteher und genoß das Behagen eines kurzen Alleinseins an jedem Morgen aufs neue.

17 Erst ging er zum Fenster und sah nach dem Wetter, das er immer schön fand. Dann zwängte er einen seiner runden Finger in das Vogelbauer und lockte Napoleon, den er so früh am Morgen einfach Hänschen nannte. Und dann ging schon die Tür auf, und das Mädchen mit reiner Schürze und reinem Häubchen kam herein, sagte freundlich guten Morgen und stellte die blanke Kaffeekanne auf den sorgsam gedeckten Tisch.

Kaffeeduft gibt Behagen wie Sonnenschein.

Lächelnd setzte sich Bomberling an den Tisch, steckte sich die kleine Frühstücksserviette in den Kragen, der wie ein weißer Ring den vollen Hals mit dem Doppelkinn zusammenhielt, und packte das Messer zum Angriff . . .

Früher, als die Kinder noch klein waren, hatte er sie sich oft als fröhliche Morgengäste ins Zimmer geholt. Er hatte sich Babette aufs Knie gesetzt, ihr gelbseidenes Haar gestreichelt, ihre kleinen weißen Finger auf den breiten Rücken seiner behaarten Hand gelegt und sich immer wieder gewundert, wie zierlich solche kleinen Mädelchen gearbeitet waren. Oder er hatte sich den dicken Hermann auf den kräftigen Rücken gebuckelt und war mit ihm um den Tisch herumgerannt. Das hatten sie Karussellfahren genannt.

Aber jetzt waren die Kinder groß und redeten gebildet. Er steckte seine Bissen gern ungeniert in den Mund.

Mit sicherer Hand faßte Bomberling die Leberwurst und säbelte sich ein dickes Stück herunter. Dann warf er die Wurst zurück und griff in das volle Semmelkörbchen. Ehe er Brot und Wurst vereinte, nahm er mit lautem Schlürfen einen großen Schluck des starken Kaffees. 18 Wohlig wärmend rann die heiße Flüssigkeit ihren dunklen Weg.

Aber unser Wohlbehagen hängt nicht allein von unseren eigenen Anstrengungen ab.

Gerade als Bomberling, Brot und Wurst kauend, innen und außen gewärmt, in dem illustrierten Teil der Morgenzeitung den Katafalk eines aufgebahrten Milliardärs studierte, ging hinter seinem Rücken die Tür auf, und Frau Anna, im hellblauen Schlafrock, jedoch noch ohne die moderne Haarfülle, kam herein. Klirrend setzte sie das Schlüsselkörbchen neben die Leberwurst. Dann nahm sie Bomberling gegenüber Platz und begann, sich mit auffallend viel Geklapper dem Frühstück zu widmen. Mehrere Mal räusperte sie sich laut und klopfte mit dem Löffel gegen die Tasse, wie wenn sie eine öffentliche Ansprache halten wollte. Aber Bomberlings Aufmerksamkeit blieb bei Leberwurst und Katafalk.

Selbst als Frau Anna, langsam und nicht ohne Betonung, gesagt hatte:

»Wir sind im Oktober, mein August –« wendete er nicht den Kopf, sondern sagte kauend, die Augen in der Zeitung, daß er die Miete schon vom Geschäft aus bezahlt habe.

Das Selbstverständliche vergißt man zu achten.

Die hellblauen Schlafrockschultern zuckten geringschätzend, und Frau Anna sagte, daß sie, um das zu hören, nicht so früh aufgestanden wäre.

Bomberling legte rasch die Serviette fort, erhob sich und steckte sich eine Morgenzigarre an. Er war überzeugt davon, daß Frau Anna, wie immer, wenn sie einen Augenblick allein zusammen waren, ohne müde zu sein, ihm 19 wieder einmal mitteilen würde, wie und was sie in all den Jahren gelitten habe, die Frau eines Sargmachers zu sein, und daß sie nicht eher ruhen werde, bis die Lebensbahn ihrer Kinder in ein höheres Milieu gelenkt wäre.

Daher beeilte er sich, rasch die Krümel von dem runden Hügel der Weste, über dem sich die dicke goldene Uhrkette schlängelte, abzuschütteln und sagte:

»Mein altes Mäuschen, ich muß leider schleunigst fort. Wenn du mir noch etwas zu sagen hast, telefoniere, du weißt: 8182.«

Er kniff Frau Anna in gewohnter Weise in die rechte Backe und beeilte sich, aus dem Zimmer zu kommen.

Aber ein Ehemann ist selten sein eigener Herr.

»Ich habe mit dir zu reden,« sagte Frau Anna sanft, aber fest. Und Bomberlings Füße waren gebannt.

Frau Anna begann. Aber sie hielt sich nur kurz bei dem vielen Leid auf, das sie durch die Art von Bomberlings Beruf gelitten. Sie sprach von Babette. In ernstem Ton erinnerte sie ihren Gatten daran, daß das Kind in diesem Oktober siebzehn Jahre alt werde. Und ehe noch Bomberling hatte einwenden können, daß er zu jedem Geschenk bereit sei, hatte sie ihm feierlich erklärt, daß viele Mädchen aus guter Familie in diesem Alter schon verlobt wären.

Sie schöpfte ein wenig Atem, und es gelang Bomberling zu sagen, daß ein Mädchen warten müsse, bis der Rechte kommt.

Dabei hatte er sich schon wieder zum Gehen gewandt, denn er wußte nicht, daß die Unterhaltung erst jetzt begann.

Ohne von seinen Worten Notiz zu nehmen sprach Frau Anna weiter, ohne Aufenthalt, ohne zu stocken.

20 So wie man redet, wenn man weiß, was man will. Sie teilte Bomberling mit, daß die Eltern für das Glück der Töchter zu sorgen hätten. Daß dies in seinen Kreisen zu den ersten Pflichten der menschlichen Natur gehöre.

Napoleon schmetterte in seinem Bauer einen langen Triller, und Frau Anna unterbrach sich und rief:

»Halt den Schnabel, Napoleon.«

Aber auch die Zwiesprache zwischen den Gatten wurde nun heftiger. Denn Frau Anna war etwas außer Atem gekommen, und Bomberling fand Zeit zu antworten.

Bis Frau Anna den Namen und das Einkommen eines Geheimen Regierungsrates über den Frühstückstisch schleuderte.

Erst nach einer Weile fragte Bomberling leise und verdutzt:

»Liebt sie ihn denn?«

»Sie kennt ihn doch noch gar nicht,« sagte Frau Anna, nun wirklich ärgerlich über so viel Schwerfälligkeit.

Sie goß sich Eau de Cologne auf das Taschentuch und tupfte sich hörbar atmend die Stirn.

Das war eine Wendung des Gesprächs, die Bomberling nicht fremd war. Er atmete erleichtert auf, zündete seine Zigarre, die bei dem schnellen Wortwechsel ausgegangen war, noch einmal an und maß dabei die teppichbelegte Strecke bis zur Tür. Da läutete es draußen.

Für den Großstädter ist die Flurklingel die Stimme des Schicksals. Es wollte offenbar Bomberling zur Hilfe kommen.

Frau Anna zuckte zusammen, griff ohne Zögern zum Schlüsselkorb und verschwand. 21

 

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