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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Bomberling saß in seinem Büro und sichtete die Morgenpost.

Einige Telegramme, die er hastig geöffnet hatte, bestätigten ihm, was er längst fürchtete. Sein Lebenswerk war nicht mehr zu halten.

Der europäische Friede blieb brüchig. Es gab keine Schuldbriefe und kein bares Geld, um über diese schwere Zeit hinwegzukommen.

Langsam öffnete er Frau Bomberlings letzten römischen Brief.

In allen diesen sorgenschweren Wochen hatte Anna nur von Dingen geschrieben, um die er sich nie im Leben gekümmert, die ihn noch keinen Gedanken gekostet hatten. Diese Briefe handelten alle von Badegelegenheiten alter römischer Kaiser, von Wasserleitungen, die zerbröckelt waren und seit Christi Geburt nicht mehr funktioniert hatten. Oder von lädierten Marmorfiguren.

Und leider auch stets von liebenswürdigen jungen 142 Männern. Das heutige Schreiben war nicht anders als die frühern. Zuerst erzählte Anna von den herrlichen Badeanlagen eines Kaisers Hadrian, dann wurde neben dem italienischen Conte, der immer erwähnt wurde, ein scharmanter junger Doktor gerühmt.

Geheilt schien Anna noch nicht zu sein. –

Draußen klatschte der Regen nieder. Der Himmel war grau wie im Herbst. Es hätte längst Frühling sein müssen, aber in diesem Jahr war nichts, wie es sein sollte.

Mutlose Ermattung beschlich Bomberling. Nirgends sah er einen tröstlichen Schimmer. Nur die unerbittlichen Forderungen des unersättlichen Alltags standen vor ihm.

Anna und Babette würden als noch feinere Damen zurückkommen, als sie es schon bei der Abreise waren. Irgendein geschniegelter Fremder würde Babette aus dem Haus holen und Geld fordern. Das Geld, das nicht mehr da war. Und Hermann? Am Ende des Monats wird er ihm wieder fröhlich eine neue kleine Schuldenlast gestehen, die der Vater bezahlen sollte. Dem Jungen sagen müssen: es ist alle? Annas furchtbaren Schrei hören, wenn sie erfahren würde, daß sie wieder daständen wie damals, als sie die Ehe begonnen? Er war nicht mehr jung genug dazu.

Langsam öffnete Bomberling den Schreibtisch. Er holte die Urkunde hervor, die sein Leben für eine hohe Summe versicherte. Es gab in diesen Zeiten manchen, der es verstand, den Seinen rechtzeitig diese einzige Rettung zu verschaffen.

Er begann die Bedingungen zu durchlesen. Aber die Buchstaben setzten sich in Bewegung, drehten sich durcheinander.

143 Wie durch einen Schlag empfand er plötzlich, was er niemals bisher bemerkt hatte. Das ganze große Gebäude, in dessen Mitte er saß, war mit wartenden Särgen angefüllt.

Ein wahnwitziges Verlangen nach Luft und Licht, nach der verlorenen Behaglichkeit, nach Annas blondem Haar, nach dem Lachen seiner Kinder preßte ihm die Kehle zusammen. Siedend schnellte das Blut in den schmerzenden Kopf, wo sich Zahlen auf Zahlen türmten, um sich zu Exempeln zu ballen, die nicht aufgehen wollten . . .

Als der Buchhalter die Depesche brachte, worin Anna und Babette ihre baldige Ankunft meldeten, fand er Bomberling, schwer atmend, auf dem Boden liegen.

 

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