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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Babette hatte nun Paul den großen Freundschaftsdienst geleistet und ihn in einem langen Schreiben vor der Ehe gewarnt. Sie hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die meisten Mädchen in der Ehe dick und zänkisch würden, daß ein Ehemann überhaupt kein Mann mehr wäre.

Nachdem dieser Brief fortgeschickt war, wurde ihr wieder fröhlich zumut. Erfüllte Pflichten machen Freude.

Hilde Wegner dagegen ging mit verweinten Augen umher.

Sie hatte den schlimmen Streich ihres Bruders erfahren. Als sie weinend Babette von diesem Unglück erzählte, begann auch Babette zu weinen.

Sie saßen vor dem chinesischen Schirm unter einigen Palmentöpfen in dem Salon der Pension, und Babette beichtete schluchzend der Freundin, welche böse Erfahrungen auch sie mit Leutnant Fritz erlebt hatte. Wie sie seinetwegen geschworen habe, nie mehr einem Manne zu trauen.

»Arme Babette,« sagte Hilde gerührt. »Aber du wirst mit jemand anderem um so glücklicher werden. Ich aber« – und sie weinte wieder – »ich werde mein ganzes Leben lang das fünfte Rad am Wagen sein müssen. Mit diesem Schandfleck auf der Familienehre bekomme ich nie mehr einen Mann.«

»Wetten, daß Sie doch einen bekommen?« sagte da eine kräftige Stimme hinter dem chinesischen Schirm, und gerührt über soviel Mädchenkummer stampfte Christian Sebold aus seinem Versteck hervor. Ohne viel Umstände zu machen, zog er die schmale Hilde an seine breite bunte Weste.

138 Niemals vorher hatte die Frau Rittergutsbesitzer mit so viel Liebenswürdigkeit und Gleichgestelltheit in Frau Bomberlings Gesicht gelächelt als in dem Augenblick, wo sie Frau Annas Glückwunsch entgegennahm.

Aber das war nur ein schlechter Trost für Frau Bomberling. Man hatte ihre Babette zurückgesetzt, das tat bitter weh.

In Ciceros Tuskulum erklärte sie dem Conte wie dem jungen Herrn Doktor noch einmal ausführlich, wie ungeheuer groß die Fabrik ihres Gatten sei. Daß Babette daheim von Freiern umschwärmt sei wie hier die Blumen von Mücken und Fliegen.

Und nach der Rückkehr von diesem Ausflug sandte sie auf einer Ansichtskarte, wo ganz Rom zu sehen war, einen freundlichen Gruß an den jungen Herrn Kippenbach.

Am Abend aber nahm sie wieder einmal alle Kraft zusammen, um wenigstens einmal um das Zimmer zu kriechen. Sie hatte ihre Kur in letzter Zeit ein wenig vernachlässige. Mit Schrecken war ihr dies heute eingefallen, als der Conte sagte, daß es in seiner Familie keine Korpulenz gäbe. Denn feine Rassen setzten kein Fett an.

Atemlos lag die treue Mutter endlich im Bett.

Aber nach einer Weile zündete sie das Licht wieder an. Sie nahm das Reisehandbuch und versuchte die Namen der sieben römischen Hügel zu lernen: Avertin, Esquilin, Kapitol . . .

Es war schwer. Aber auch der Doktor Hilpert war ein feingebildeter Mann. Er legte gewiß auf dergleichen Wissen Wert.

139 Babette wollte der Mutter noch einen Gutenachtkuß geben. Aber als sie an der Tür das Gemurmel der Lernenden vernahm, kehrte sie auf Zehenspitzen wieder um. Sie glaubte, die Mutter bete, und da wollte sie nicht stören.

»Avertin, Esquilin, Quirinal –« murmelte Frau Bomberling weiter.

Endlich löschte sie das Licht. Sie dachte, daß es doch viel einfacher gewesen wäre, wenn man dieses Rom auf flachem Felde erbaut hätte, wie so viele andere nette Städte. Der Name des siebenten Hügels war ihr schon wieder entfallen. Im Bemühen, ihn wiederzufinden, schlief sie ein.

Träume führen uns in fremdartige Gegenden. Doch hatte Frau Bomberling die Wirklichkeit noch nicht ganz vergessen, als sie erschreckt aus dem Schlummer fuhr. Es hatte sich etwas im Zimmer bewegt.

Im Schein des Nachtlichts sah sie den Grafen Spina-Spontelli aus der Tür hinter dem Schrank hervortreten.

»Sie sind es, Herr Graf?« fragte Frau Bomberling schlaftrunken, aber liebenswürdig. Und wunderte sich dabei, daß der Graf zu dieser wunderbaren Stunde um Babettens Hand zu bitten kam. Denn nicht im Traum hätte sie etwas anderes für möglich gehalten.

Da sah sie mit Entsetzen, daß der Conte einen Revolver aus der Tasche zog.

Im gleichen Augenblick aber trat aus der Schranknische ein anderer Mann hervor. Babettes zweiter Freier, der liebenswürdige Herr Doktor Hilpert. Ehe Frau Bomberling sich klar war, wen von beiden sie als Schwiegersohn vorziehen würde, hatte Doktor Hilpert dem Conte 140 Spina-Spontelli den Revolver entwunden und seine beiden Hände gefesselt.

»Entschuldigen Sie die kleine Störung, morgen früh werden Sie alles erfahren,« sagte er mit einer Verbeugung gegen Frau Bomberlings Bett.

Dann waren beide Männer verschwunden.

Aber Frau Bomberling hatte nicht Zeit zu warten. Sie schrie und klingelte, bis die ganze Pension wach geworden war. Noch in der Nacht erfuhren alle die volle Wahrheit. Der Conte war ein gesuchter Hochstapler mit dem leicht auszusprechenden Namen Weber. In Doktor Hilpert aber hatte man einen geschickten Geheimpolizisten zum Nachbar gehabt. Ja, auf Reisen kann man was erleben.

Alle umringten Frau Bomberling und gratulierten ihr zu der glücklichen Errettung. Mit Tränen in den Augen empfing sie die vielen Freundlichkeiten.

Andre Ursachen, andre Glückwünsche.

Niemand ging in dieser Nacht wieder schlafen. Es wurde Tee gemacht, und allmählich entfaltete sich das Zusammensein zu einem kleinen Vergnügungsfest. Die Unterhaltung war von Anfang an angeregt. Jeder wußte eine besondre Anekdote über Hochstapler und Hoteldiebe zu erzählen.

Hilde Wegner schmiegte ihre schmalen Hände in Sebolds große Fäuste. Sie wußte nun, daß sie einen Beschützer auf dieser unsichern Erde habe.

Nur Frau Bomberling und Babette hatten nichts von dieser allgemeinen Freude. Sie packten. Mit dem ersten Morgenzug wollte Frau Bomberling fort. Hier hatte sie nichts mehr zu suchen.

141 Das Telegramm an den guten Bomberling war schon geschrieben.

Der Morgen kam herauf. Es wurde hell. Aber erst als man in der Bahn saß, wurde Frau Bomberling ruhiger. Als die Räder endlich anrückten, wurde sie von Rührung überwältigt. Das Gesicht im Taschentuch, schluchzte sie:

»Selbst Napoleon wird sich verändert haben. In dieser langen, langen Zeit.«

Babettes Blicke suchten den hohen Schwung einer Kuppel, die in dem Glanz der Sonne weiter und weiter zurückblieb.

 

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