Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Wenn die Mutter schlummerte, schrieb Babette ihre Reiseeindrücke nieder. Und zwar für Paul. Mit einigen Ansichtskarten war man einander wieder näher gekommen. Man wechselte jetzt täglich einen Brief.

Paul wußte unter den Denkmälern der Kunst Bescheid, wie wenn er in Rom geboren wäre. Seine Briefe waren ausführliche Wegweiser. Babette fühlte aus ihnen die Sehnsucht heraus, die ihr Freund nach dieser Stadt der Wunder hatte. Daher kam es, daß sie bei allem Schönen; das sie sah, an Paul denken mußte.

Nach dem Besuch der Sixtinischen Kapelle hatte sie ihn gefragt, ob er etwas über Michelangelos Mutter wisse? Es müsse ein unermeßliches Glück sein, einen solchen Mann der Welt geschenkt zu haben. Aber dazu müsse man wohl selbst erst etwas Bedeutendes werden.

Heute hatte Paul geantwortet. Er glaubte, daß ganz einfache Menschen bedeutende Kinder haben können. Wenn nur ihre heimlichen Wünsche nicht niedrig, sondern groß und herrlich wären. Denn Kinder seien die lebendig gewordene Sehnsucht der Eltern.

Er für seinen Teil könnte es sich zum Beispiel denken, daß sein Sohn die große Gabe des künstlerischen Könnens, um die er selbst vergebens gefleht hätte, schon fix und fertig mitbringen könnte auf diese Welt.

Und dann entschuldigte er sich, daß er so ausführlich geworden sei über ein Thema, das Babette, die niemals heiraten würde, nur rein theoretisch interessieren könne.

Babette aber hatte diesen Brief mehrmals gelesen. Er hatte ihre heiter angeregten Gedanken ganz in Unordnung gebracht.

133 Daß Paul für seine Person an Liebe und Ehe und gar Kinder denken konnte, war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn dazu für viel zu feinfühlig gehalten.

Jetzt argwöhnte sie, daß er heimlich verlobt sei.

Sie holte seine früheren Briefe hervor und setzte sich damit an das Fenster, das ihr einen breiten Blick auf die ernste Campagna gab.

Richtig. In jedem Brief fand sich eine Bemerkung über Liebe und Zusammengehörigkeit. Es war klar. Er liebte jemanden.

Babette sah ein, daß es ihre Freundespflicht erfordere, Paul auf die Gefahren einer Ehe aufmerksam zu machen und ihn zu verhindern, ein simpler Familienpapa zu werden. Dazu war er zu schade.

Ein ehrlicher Ärger über die Heiratslustigkeit der jungen Mädchen stieg in ihr auf.

Sie verschob einstweilen die Beantwortung dieses wichtigen Briefes. Statt dessen schrieb sie in ihr Tagebuch mit kräftigen Buchstaben:

»Das Los der Einsamkeit ist mir bestimmt.«

Als sie den schön klingenden Satz noch einmal überlesen wollte, klopfte es an die Tür.

Das Zimmermädchen meldete, daß ein Bekannter der Damen Bomberling angekommen sei.

Neugierig betrat Babette das Empfangszimmer der Pension. Da stand Christian Sebold in seiner schönsten bunten Weste und packte ihre kleine Hand zu freudiger Begrüßung.

Durch Tante Helene hatte Christian Sebold erfahren, daß Babette einen Korb ausgeteilt hatte. Also war ihr 134 Herz nicht mehr frei. Tante Helene hatte dies sehr verwundert, denn Babette kannte außer jenem jungen Mann niemanden anders als Herrn Sebold.

Christian hatte seinen dicken Schnurrbart hochgebürstet und sich gesagt, zwischen Bologna und Neapel, zwischen der Mortadella und der Salamiwurst liegt Rom. Er hatte eine kleine Geschäftsreise unternommen. Nun war er da.

Frau Bomberling wurde geweckt. Sie war sehr gerührt, als sie hier in der Fremde jemanden sah, der Bomberling kannte und Tante Helene und ihr ganzes feines Zuhaus.

Voll Herzlichkeit drückte sie Sebolds gewaltige Hände. Am liebsten hätte sie gleich ja gesagt: denn was sonst konnte den braven jungen Menschen so weit in die Ferne geführt haben.

Sebold gedachte drei Tage in Rom zu bleiben. Er wußte genau, was er sich ansehen wollte.

Erstens die Büffelhorden in der Campagna. Zweitens die schauerlichen Christengräber unter der Erde. Drittens ein richtiges italienisches Varietee.

Gleich jetzt am Nachmittag wollte er einige der Katakomben sehen. Möglichst solche, wo es auch noch Skelette gab.

Als er beim Tee die Bekanntschaft mit Hilde Wegner erneuerte und ihrer Tante, der Frau Rittergutsbesitzer, vorgestellt wurde, forderte er auch diese beiden Damen auf, an der Spazierfahrt teilzunehmen.

Als man die Via appia zurückfuhr, sagte die Frau Rittergutsbesitzer traurig:

»Wie gern fuhr Lätitia hier um diese Stunde.«

135 Und meinte damit die vor dreiviertel Jahrhunderten gestorbene Mutter Napoleons.

Christian Sebolds Blicke folgten einem fliehenden Büffel. Er schätzte laut die Kilo Wurst ab, die ein solches Stück Vieh hergeben würde.

Frau Bomberling sah beunruhigt zu der Frau Rittergutsbesitzer hinüber. Sie fürchtete, daß dieses derbe Thema die feine Dame beleidigen könne.

Aber die gnädige Frau behielt den Hörer am Ohr und lächelte, wie wenn sie etwas ganz besonders Reizendes erfahren habe. Denn dieser Herr Sebold kam ihr sehr gelegen.

Heute früh hatte man ihr geschrieben, daß Hildes Bruder Fritz seinen Abschied erhalten habe und fort nach Amerika sei. Ohne Geld und Ehre, aber mit einer Konfektionöse.

Damit war der armen Hilde eine standesgemäße Heirat einstweilen verschlossen. Man mußte froh sein, wenn man sie überhaupt noch unter die Haube brachte.

Dieser Wurstfabrikant hatte Vermögen, das heutzutage beinahe praktischer war als Ahnen. Man selbst aber hatte Beziehungen. Man würde ihn einfach Kommerzienrat werden lassen.

Und wieder zu Herrn Sebold hinüberlächelnd, sagte sie:

»Auch Georg interessiert sich außerordentlich für Viehzucht.«

Und meinte damit den König von Sachsen.

Christian Sebold schmeichelte es ungeheuer, mit den höchsten Herrschaften in so enge Beziehungen gebracht zu werden.

136 Hilde Wegner gefiel ihm stündlich besser.

Er wünschte, auch ihr zu gefallen. Auf eine Mitgift konnte er verzichten. Wenn er dafür zur Familie jener feinen Leute gehören sollte, denen seine Mutter noch niedrige Dienste hatte leisten müssen.

Aus deren Küchen er als Kind heißhungrig die Überbleibsel verschlungen hatte.

Er verlängerte seinen Aufenthalt. Man machte Ausflüge. Es wurde von Tag zu Tag heißer.

Frau Bomberling litt sehr unter der Hitze. Sie wäre gern heimgekehrt. Aber sie wollte nicht selbst einen Strich durch ihre Hoffnungen machen. Daß sich Christian Sebold viel mit Hilde beschäftigte, beunruhigte sie nicht. Begehrenswerter als Babette war niemand. Aber sie war sehr im Zweifel, ob der Herr Wurstfabrikant nicht seine weite Reise vergeblich gemacht haben würde; denn jetzt war auch der Conte mit dem schwer zu behaltenden Doppelnamen stets mit dabei. Und wo er war, tauchte auch stets ein anderer junger Mann auf, der sich Doktor Hilpert nannte.

Contessa Babette . . . Frau Doktor Babette . . .

Viele Stunden vergrübelte Frau Bomberling mit Plänen und Wortspielen, überlegte sich, was besser sei, was besser klänge.

Bomberling hatte schon mehrmals geschrieben, ob sie nicht zurückkehren wolle. Er fühle sich müde und fürchtete krank zu werden, ohne seine Anna bei sich zu haben. Frau Anna wurde das Herz schwer. Aber abreisen konnte sie nicht. Eine Woche wenigstens mußte noch hier geblieben werden.

Mutterliebe ist stärker als alles. 137

 

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.