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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Frau Bomberling befand sich auf fremdem Boden. Das spürte sie deutlicher von Stunde zu Stunde.

Nicht nur, wenn sie mit den ordnungsliebenden Augen der Hausfrau auf das Durcheinander des Forum Romanum starrte, oder im Kolosseum erfuhr, daß man hier Spaß daran gefunden hatte, lebendige Menschen vor hungrige Löwen zu werfen. Nicht wie heutzutage auf dem Film, sondern in wirklicher Wirklichkeit.

Mehr als bei all diesen Sonderlichkeiten merkte sie es bei den Mahlzeiten, daß sie weit fort von ihrem Bomberling war. Trotzdem man hier Deutsch sprach.

Seit über zwanzig Jahren war sie gewohnt gewesen, bei Tisch zu schwatzen, was ihr in den Sinn kam, und Bomberling hatte schön gefunden, was seine Anna erzählte.

Hier wagte sie nicht mehr den Mund zu öffnen. Was sie sagte, schien falsch zu sein.

Babettens Platz war am anderen Ende des Tisches. Neben Hilde Wegner, durch die sie in diese feine Pension gekommen waren.

Frau Bomberling aber gegenüber saß Hildes Tante. Die vornehme Frau Rittergutsbesitzer, mit der man sich durch ein schwarzes Hörrohr verständigte. Und rings um sie herum plauderten andere Leute von Rang und Titel. Mit spitzen Mündern, die alles wußten, die auch im Traum kein Fremdwort mehr verwechseln würden.

Die Frau Rittergutsbesitzer redete von den regierenden Fürsten wie von Blutsverwandten.

»Hoffentlich erholt sich Wilhelm auf seiner Nordlandsreise,« sagte sie.

Und meinte damit den deutschen Kaiser.

129 Wenn Lachs gereicht wurde, seufzte sie:

»Das war einmal Eduards Lieblingsspeise.«

Und meinte damit den verstorbenen König von England.

Als sich aber auch Frau Bomberling weltgewandt zeigen wollte und durch das Hörrohr mitteilte, daß Augusta in ein Stahlbad reisen werde, wies die Gnädige das Hörrohr entrüstet zurück vom tauben Ohr und rief:

»Sie wollen wohl sagen: Ihre Majestät, die deutsche Kaiserin.«

Eines schickt sich nicht für alle.

Aber was waren die vielen regierenden Fürsten von Hildes Tante gegen all die römischen Kaiser, von denen die anderen Tischgenossen sprachen. Vertraut und geläufig wie von Vereinsbrüdern

Frau Bomberling fühlte, daß sie diese vielen Namen niemals auseinanderhalten würde. Und wenn sie auch nie wieder in ihr feines, sauberes Heim zurückkehren durfte. Selbst auf den Gipsbüsten, die hier alle aus echtem Marmor waren, konnte sie diese Kaiser nicht unterscheiden. Alle hatten dieselben wulstigen Lippen und geringelten Haare.

Nur ein Name war ihr geläufig. Das war Nero. Denn so hatte des Nachtwächters Hund in ihrem und Bomberlings Heimatsdorf geheißen.

Mit Freude hatte sie heute eine Kinderbüste dieses Nero betrachtet. Er lächelte. Ganz, wie es Hermann als Fünfjähriger getan, wenn man ihm ein Äpfelchen zeigte.

Daher glaubte sie ein Wörtchen mitsprechen zu können, als man sich bei der Nachspeise fürchterliche Greueltaten dieses Nero erzählte.

130 »Wie dem auch sei,« schaltete sie ein, »er muß ein reizendes Kind gewesen sein.«

Aber auch nach dieser Einwendung zeigte sich auf den fremden Gesichtern das Lächeln, das jetzt jede ihrer Bemerkungen hervorbrachte. Seit sie gedacht hatte, daß das Kolosseum ein antiker Kinematograph gewesen sei.

Alles zu sehen war schwer, aber alles sich zu merken war noch schwieriger.

Eine furchtbare Anstrengung war diese Reise. Von morgens bis abends lief man in kleinen Trupps umher, um immer wieder andere zerbrochene Figuren anzustaunen. Selbst die wenigen jungen Herren, die dabei waren, hatten nur Augen für dieses Gerümpel statt für Babette, die mit jedem Tage schöner wurde. Ohne daß es Sinn hatte: denn auch der Conte zeigte sich nur bei den Mahlzeiten. Er sagte, daß er Rom kenne wie seine eigene Tasche. Er hätte auch sagen können, so gut wie die Taschen anderer. Aber das sollte Frau Bomberling erst später erfahren.

Es war begreiflich, daß Frau Bomberling bei diesem steten Umherlaufen unter der heißen Sonne mit immer größerer Milde an Babettes abgewiesenen Freier, den jungen Herrn Kippenbach, und seine Klavierfabrik dachte. War nicht Musik die Quelle aller Freuden?

Sie standen vor dem Apollo von Belvedere, den die Frau Rittergutsbesitzer als Urbild männlicher Schönheit pries.

Der Genuß an einem Bilde ist verschieden.

Frau Bomberling sagte: »Ich weiß nicht, der junge Herr Kippenbach gefällt mir besser. Wir könnten ihm wenigstens eine Ansichtspostkarte schicken.«

131 Sie steuerte das Lorgnon nach rechts und suchte Babette. Aber diese stand gar nicht neben ihr, sondern ein Stück davon, ganz im Anschauen versunken . . .

Aber es gab auch Marmorbilder, die auf Frau Bomberling tiefen Eindruck machten.

In einer Nische der Peterskirche sah sie sich plötzlich einer Maria gegenüber, die den toten Christus auf den Knien hielt. Sie starrte lange auf Mutter und Sohn. Sie mußte an den Neujahrsmorgen denken, an dem Hermann nicht heimgekommen war. Heiße Tränen rannen aus ihren Augen.

Obwohl sie nicht wußte, daß es ein Meisterwerk Michelangelos war. –

Vor der Gruppe des Laokoon packte sie banges Grausen. Der bärtige Mann, der sich vergebens bemühte, den gräßlichen Schlangen zu entrinnen, hatte Ähnlichkeit mit Bomberling. Voll Angst und Schrecken starrte sie auf die Gruppe, während die Frau Rittergutsbesitzer ihr leise zuflüsterte, daß dies etwas ganz besonders Schönes wäre.

Als sie wieder in ihrem Zimmer war, heiß und erschöpft, las sie in dem Reiseführer nach, was über diesen Schlangenmann erklärt war.

Einer von den vielen Göttern, die es früher gegeben haben sollte, hatte ihm und seinen jungen Söhnen diese Schlangen auf den Hals geschickt. Aus reiner Rache.

Sie bangte sich nach Bomberling, der so allein war.

Und als sie sich zur Mittagsruhe ausstreckte, war es ihr eine rechte Beruhigung, daß man heutigentags nur einen Gott hatte.

Und Schlangen nur in den fernsten wilden Ländern.

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