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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Siebzehnjährige saß in ihrem Zimmer, über Hefte und Bücher gebeugt. Auf der Mitte des Tisches stand eine gläserne Schale mit Schneeglöckchen.

Die Bücher, die vor Babette lagen, hatte Paul auf der Handelsschule benutzt. Auf manchem Blatt waren kleine Zeichnungen am Rand. Nachdenken oder Zerstreutheit mochten damals Pauls Hand geführt haben. Sie machten Babette großen Spaß. Auf einer Seite war eine kleine Puppe, die aus einer Flasche sog. Paul hatte gesagt, daß diese sie selbst vorstellen sollte. So klein war sie gewesen, als er aus diesen Büchern las.

Babette lernte und rechnete fleißig. Sie wollte von Paul gelobt werden. An jedem Nachmittag rühmte er 118 aufs neue ihre rasche Auffassungsgabe, wogegen sie sein weites und klares Wissen sehr bewunderte. Sie waren durchaus miteinander zufrieden.

Erstaunt blickte Babette auf, als Vater und Mutter zusammen zu ihr hineinkamen. Als sie ihre ernsten Gesichter sah, erschrak sie.

Nun hatten sie gewiß ihr Erlebnis mit Fritz Wegner erfahren. Dieser Zwischenfall ihres Lebens peinigte ihr Gewissen unaufhörlich.

»Seid mir nicht böse,« sagte sie und stand auf.

»Wir sind dir doch nicht böse.« Frau Anna schluchzte auf und umschlang Babette.

Bomberling aber kehrte um, eilig, wie auf der Flucht vor einer Springflut, drehte er allen Tränen den Rücken und lief hinaus.

Mit großen Schritten wanderte er auf und ab. Von Napoleon bis zur Uhr, von der Uhr bis zu Napoleon, ohne im geringsten auf das appetitliche Bild zu achten, das zwischen ihnen hing.

Seine Gedanken erhitzten ihn. Gern wäre er in Hemdärmeln umhergelaufen.

Eine Wut gegen das Vornehmtun überfiel ihn. Ein Vermögen verlangte dieser Klimperkastenfabrikant als Zugabe, daß er ihm sein Kind aus dem Hause stehlen durfte. Aber die Särge, die es brachte, blieben eine Schande. Als er noch mit seinesgleichen verkehrte, hatte er sich vor keinem zu verstecken brauchen. Einfache Menschen wissen: wer lebt, muß sterben. Wer stirbt, braucht einen Sarg; denn wer kauft, muß zahlen. Aber die feinen Leute möchten das Leben ohne den Tod. Sie lieben den Kredit.

119 Und nun sprangen Bomberlings Gedanken zu seinen Geldverlusten.

Er siedete jetzt. Er riß den Stehkragen ab. Wenn sich auch Anna darüber entsetzen würde. Er war hier Herr im Hause.

Trotzdem griff er rasch wieder nach dem fortgeschleuderten Kragen, als jetzt Anna hereinkam, gefolgt von Babette.

Doch sie bemerkte gar nicht, wie unordentlich er aussah.

Sie hatte erfahren, daß Babette niemals heiraten würde, daß sie für die nächsten Jahre nichts weiter im Sinn hatte, als bei Paul zu lernen.

Als sie verlegen an Babettes Liebe für kleine Kinder erinnert hatte, hatte sie den Plan des Waisenhauses zu hören bekommen. Sie war entsetzt. Erschöpft und mutlos.

Nun erfuhr Bomberling alles. Er hörte vor allem heraus, daß dies ein Aufschub sei. Das Mädchen blieb ihm und die Sorge um die Mitgift war auch hinausgeschoben. Die Hoffnung war wieder da.

Er lächelte und gab Babette einen Kuß.

Babette wiederholte:

»Seid mir nicht böse.« Dann ging sie eilig zurück zu Pauls Büchern.

An diesem Abend kam der junge Herr Kippenbach nicht . . .

Aber am andern Morgen saß der alte Herr Kippenbach wieder vor Bomberling.

Jede Tat läßt sich verschieden auslegen. Er sah in Babettes klarer Abweisung den Beweis dafür, daß Babette maßlos verliebt in seinen Sohn war.

120 »Sie ist ein Trotzköpfchen. Sie will es nicht eingestehen,« sagte er.

Und dann legte er eine Abschrift seines Hauptbuches vor und zeigte aufs neue, wie gut die Kinder zueinander paßten.

Er machte den Vorschlag, daß Bomberling die Kleine ein wenig auf Reisen schicken solle. Man täte das gern in solchem Falle. Reisen lehrt am besten, wohin man gehört.

Bomberling versprach nichts. Aber die Worte wirkten weiter.

Nicht, daß er dem Klavierfabrikanten einen Gefallen zu erweisen dachte. Er fürchtete nicht, daß Babette auf einer schönen Reise plötzlich Frau Kippenbach zu werden wünschte.

Aber auf Annas Gemüt konnte eine Reise heilsam wirken. Verordneten die Ärzte doch immer dergleichen.

Die Luft daheim war voll lauernder Unruhe.

Täglich wollte er es Anna sagen, daß man sich ein wenig einschränken sollte, um für ein Auto zu sparen. Diesen Vorwand hatte er unter langem Grübeln herausgefunden. Aber er war besorgt, daß er bei dem Hin und Wider der Rede die Wahrheit verraten würde. Unaufrichtigkeit gegen Anna war nicht seine Gewohnheit.

Nun wollte er mit allen ernsten Unterredungen warten, bis Anna wieder gesund war. Eine Reise konnte gut sein und gab ein Stück Vorsprung.

So kam es, daß, als Babette eines Mittags, nicht ohne Erregung, erzählte, daß Hilde Wegner als Begleiterin ihrer Tante nach Rom reisen wollte, Bomberling sie fragte, 121 ob sie auch eine solche Reise machen möchte, zusammen mit der Mama.

Frau Bomberling erinnerte sich sofort an die Worte der Baronin. An alle Glücksmöglichkeiten des internationalen Lebens. Ihre Augen begannen zu glänzen.

Babette sprach erregt von Nero, von der Peterskirche und den Katakomben. Dann fiel ihr ein, daß dort im Frühling alle Blumen auf einmal blühten. Veilchen und Maiglöckchen, Flieder und Rosen. Und jetzt wurde es dort Frühling.

Sie schwatzte erregt.

Ein Wunsch nach Ausruhen kam bei ihren Worten über Bomberling. Nach Rechnungslosigkeit. Seine Augen sahen weit ins Leere.

Dann kehrten die Blicke zurück zu den beiden blonden Frauenköpfen. Frau Anna sprach schon von einem entzückenden Reisekostüm.

So wurde die Reise eine beschlossene Sache.

Den Unterricht bei Paul gedachte Babette brieflich fortzusetzen.

 

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