Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alice Berend >

Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Man muß der Zeit nur Zeit lassen. Es kommt alles zurecht.

Als Bomberling am anderen Morgen nach dem Wetter sah, saß auf dem Thermometer ein Kanarienvogel.

Zweifellos war dies Napoleon der Erste. Er kam in sein Bauer. Die Untergeschobenen verschwanden wieder. Babette hatte einen neuen Beweis für die Falschheit der Männer.

Aber sie fand, daß etwas Besondres aus Napoleons Gesang töne, seit er dieses Erlebnis hinter sich hatte. Die anderen jedoch konnten nichts andres bemerken, als daß er heiser war.

Hermanns Wertsachen waren nicht zurückgekommen. Sie hatten eben keine Flügel. Auch Christian Sebold blieb fern. Vielleicht aus ähnlichen Gründen.

113 Dafür war Herr Kippenbach da. Beinahe jeden Abend. Man wußte längst, daß er Wilhelm hieß und daß er einen Sarg für kein schlimmeres Holzmöbel hielt als ein selbsttätiges Klavier. Geschäft ist Geschäft.

Jedesmal, wenn er kam, sagte er:

»Eine Empfehlung von Papa und Mamachen.« Das flocht ein sanftes Band zwischen Familie und Familie . . .

An jedem Nachmittag kam Babette in ihres Vaters Fabrik, um bei Paul zu lernen.

In den ersten Tagen hatte Bomberling erstaunt gefragt, ob Paul des Abends ausgebeten sei. Paul ging plötzlich nach der neuesten Mode gekleidet, Schlips und Strümpfe von demselben hellen Lila, und eine Weste, stutzerhaft wie die des Herrn Kippenbach. Aber eingeladen war er nirgends.

So liefen Tage und Hoffnungen weiter. Man riß den Kalender ab und kümmerte sich nicht mehr darum, ob das Jahr alt oder neu sei.

Aber auf Bomberlings Gesicht schob ein nachdenklicher Gram die breite Heiterkeit mehr und mehr beiseite.

In Europa war Krieg, und wenn dieses Handwerk auch niemals der Sargfabrikation geschadet hätte, Bomberling sollte es zum Schaden gereichen. Tante Helene hatte recht. Wenn man Pech hat, konnte man sich den Finger in der Nase abbrechen. Große Forderungen blieben unbezahlt. Die Wertpapiere fielen.

Aber beinah schlimmer quälte Bomberling ein häusliches Mißgeschick, dies drohte ihn um allen Frieden zu bringen. Über die Lage Europas konnten ihn die Zeitungen aufklären. Hier aber stand er vor einem Rätsel.

114 Eines Morgens war er früher erwacht als gewöhnlich. Mit geschlossenen Augen überdachte er die verwickelten Angelegenheiten seiner Fabrik. Da hob Anna leise den Kopf und fragte:

»Schläfst du, August?«

Um nicht gestört zu werden, schwieg er.

Da geschah etwas Fürchterliches.

Anna schlich leise aus dem Bett heraus und begann schwerfällig und doch mit einer gewissen Übung im Zimmer herumzukriechen. Als sie wieder am Bett angelangt war, stieß sie einen kleinen Seufzer aus und legte sich wieder schlafen.

Eiskalte Nadeln strichen über Bomberlings Haut. Vergessene Märchen wurden wach. Verzauberte Kröten oder kronentragende Frösche. Er wußte nicht mehr die Zusammenhänge. Aber er empfand dasselbe Gruseln wie einst als Kind.

Am nächsten Morgen und noch an vielen andern konnte er dasselbe gräßliche Schauspiel beobachten, das nun den ganzen Tag lang seine Gedanken beschäftigte.

Am hellen Tage aber glaubt man nicht an Märchen. Bomberling sagte sich mit Entsetzen, daß Anna gemütskrank sein müsse.

Er begann über die verflossenen Wochen nachzudenken. Er erinnerte sich eines Theaterabends, wo sich Anna eingebildet hatte, daß alle jungen Männer sie ansähen. Ein irres Lächeln hatte damals beständig auf ihrem Gesicht gelegen. War dies der Anfang gewesen? Er begann Anna zu beobachten. Sie war blasser und magerer als früher. Sie aß fast gar nicht. Wenn er mit ihr ausging, 115 sah sie sich alle jungen Männer an. Es konnte vorkommen, daß sie lebhaft aufschrie:

»Sieh nur, wie distingiert. Wer mag das sein?«

Er brachte in Erfahrung, daß am Neujahrstage ein fremder Herr mit einem Rosenstrauß bei Anna gewesen war. Sie hatte ihm nichts davon erzählt. Sie war viel liebenswürdiger zu Herrn Kippenbach, als es Babette war, und bedauerte täglich, daß sich Christian Sebold nicht wieder zeigte.

Bomberling hatte niemand, dem er sich mitteilen konnte. Zu den Kindern durfte er nicht sprechen. Zu Paul vermochte er es auch nicht. An einen Arzt dachte er nicht.

Er begann die Geschäftsfreunde ein wenig nach dem Seelenleben ihrer Frauen auszuforschen.

Was er da zu hören bekam, war oft nicht schön.

Es sollte ein Alter geben, wo die Herzen der Frauen wieder mehr als jung wurden. Wo die Frauen aller Torheiten fähig waren. Diese zweite Jugend fiel gewöhnlich in das Alter, wo die ersten grauen Haare ausgerupft wurden. In die Zeit, wo man zu Wohlstand gekommen ist, die Kinder ihre eigenen Wege gehen und die Dienstboten den Haushalt besorgen. Die Langeweile war das Unglück.

So erklärte ein reichgewordener Holzhändler sich und Bomberling diese physischen Rätsel.

»Das Beste für den Mann ist, wenn sie dann sportwütig werden,« fügte er hinzu. »Die meine läuft den ganzen Tag auf unserer Terrasse Rollschuh. Das ist noch nicht das Schlimmste.«

»Nein, das ist noch nicht das Schlimmste,« sagte Bomberling und starrte weit über den breiten Mann hinweg.

116 Ein anderer sagte:

»Alles geht vorüber. Wenn sie Großmütter werden, wird alles wieder gut.«

Da ersehnte auch Bomberling Babettes Verheiratung. Wenigstens mit einer Seite seines beunruhigten Herzens. Die andere wünschte, die Tochter niemals fortgeben zu müssen.

So kam er in eine schwierige Lage, als sich eines Vormittags ein älterer Herr bei ihm melden ließ, sich als Kippenbach senior vorstellte und nach einigen einleitenden Worten für seinen Sohn Wilhelm um Babettes Hand bat.

Herr Kippenbach war überzeugt davon, daß die Kinder zusammen paßten. Obwohl er zugeben mußte, daß der Umsatz seiner Fabrik ein wenig hinter dem des Bomberlingschen Unternehmens zurückstand. Er erläuterte bedauernd, daß auf jeden in der Welt zwar ein Sarg käme, aber noch kein selbsttätiges Klavier.

Doch, was nicht ist, kann noch werden. Immerhin, die jungen Herrschaften Kippenbach würden zu leben haben. Und er nannte die Summe, die er sich als Mitgift des Fräulein Bomberling gedacht hatte.

Es war eine hübsche vielstellige Zahl mit sehr viel Nullen. So eine, die man als Hauptgewinn dick und schwarz auf den Losen tanzen sieht.

Zwei scharfe Augenpaare prüften sich. Zwei schlaue Geschäftsgesichter lächelten sich an.

»Wir müssen meine Tochter fragen. Und meine Frau,« antwortete Bomberling ruhig.

»Gewiß, gewiß,« beeilte sich der andre zu sagen. Er hatte seinem Gegenüber nicht das geringste Staunen 117 ansehen können, als er die erhebliche Summe vorschlug. Die Fabrik mußte noch besser stehen, als er schon durch die geheime Auskunft erfahren hatte. Er war zufrieden und imponiert. –

Als Anna diese große Mitteilung erfuhr, war sie zuerst erfreut. Dann wurde sie nachdenklich. Und dann betrübt. Ihre Wünsche waren überholt worden. Die Wirklichkeit war zu plötzlich.

Nun sollte es entschieden sein, daß es kein Adliger war? Jetzt, wo sie schon zehn Pfund weniger wog.

Es sollte Tatsache werden, daß Babette nicht mehr bei ihr und August daheim war? Babette Kippenbach?

Frau Anna begann zu weinen. Und schob alle Entscheidung Bomberling zu.

Bomberling aber sagte, daß niemand zu bestimmen habe als Babette.

 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.