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Die Bršutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bršutigame der Babette Bomberling - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bršutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bršutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Eine Mutter geht von Pflicht zu Pflicht.

Frau Bomberling sagte sich, daß sie etwas tun müsse, um dünner zu werden. Noch einmal wollte sie Babettes Glück nicht aufs Spiel setzen.

Helene hatte gestern einen Arzt genannt, der die Wohlhabenden mager kurierte. Sie mußte ihn aufsuchen.

Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachtsabend.

Babette half der Mutter bei dem Ausschmücken. Ihr Arbeitsfeld war der Gipfel der Tanne. Frau Bomberling wagte nicht zu klettern, Babette aber stand auf einem Stuhl, der auf den Tisch gehoben war. Sie befestigte an die Baumspitze einen großen Stern, und darunter kam ein Wachsengel, der aus einer gläsernen Trompete ›Friede auf Erden‹ blies.

94 Behutsam begann Babette bei dieser Beschäftigung von ihren Plänen zu reden. Von Arbeit und Selbständigkeit.

Frau Bomberling hatte den Kopf auf eine Seite geneigt und sah, ob das Flittergold gut verteilt war. Immer noch schüttete sie ein Goldpäckchen mehr auf die Zweige.

Babettes Worte nahm sie nicht schwer.

Sie wußte aus dem Wohltätigkeitskränzchen, daß jetzt alle Mädchen in Babettes Alter diese Sprache führten. Alle Damen hatten darüber geklagt.

Man muß sie nicht zum Widerspruch reizen und dafür sorgen, daß bald der Rechte kommt, hatte Frau Geheimrat gesagt.

»Paß auf, wie tüchtig ich mich erweisen werde,« sagte Babette hoch vom Baum herab und gab dem dicken Engel noch einen kleinen Schaukelschwung.

»Das wirst du alles nicht nötig haben,« sagte Frau Anna sanft und reichte Babette noch einen großen Packen Rauschgold hinauf.

»Wenn es dir Spaß macht, kannst du ja ein bißchen Buchführung bei Paul lernen. Wer weiß, wozu es gut ist,« und sie dachte, daß Babettes Hausstand einmal so groß sein würde, daß eine doppelte Buchführung dazu nötig sein könne.

Am Nachmittag rief sie durch den Fernsprecher den berühmten Arzt an.

Seine Wirtschafterin meldete sich und sagte, daß der Herr Medizinalrat nur am Vormittag zu sprechen sei.

Seine Praxis wäre so groß, daß er am Nachmittag immer einer Beerdigung beizuwohnen habe.

Frau Bomberling sagte sich für den anderen Vormittag 95 an. Trotz des Weihnachtsabends. Sie wollte bis Neujahr schon ein wenig kuriert werden.

Arztbesuche war Frau Bomberling nicht gewohnt. Sie war immer gesund gewesen, selbst ihre Zähne saßen noch in lückenloser Reihe.

Das alles sah der Arzt sofort, als Frau Bomberling ihm gegenüber Platz genommen hatte.

Frau Bomberling war sehr verlegen. Sie hatte einen Herrn mit grauem Bart erwartet, die Augen hinter der Brille. Statt dessen saß ihr jemand gegenüber, der sie aus einem glattrasierten Gesicht mit scharfen Augen musterte.

Er sagte auf ihre Klagen, daß sie in der Jugend gewiß körperliche Arbeit verrichtet hätte, wahrscheinlich auch nicht aus der Stadt sei.

Frau Bomberling zögerte mit der Antwort und drehte an der goldenen Kette des Lorgnons.

Der Herr sagte, daß man einem Arzt alles mitteilen könnte und Vertrauen hier die erste Pflicht sei.

So gestand Frau Bomberling die väterliche Schmiede ein, das Waschen der Wäsche am Bach und schließlich auch die übrige Hausarbeit. Aber das läge nun alles weit zurück.

»Das sehe ich,« sagte der Arzt.

Frau Anna wußte nicht, ob sein Blick der Zobelgarnitur galt oder ihr selbst.

Der Arzt sprach nun längere Zeit. Ruhig und sachgemäß sagte er, daß es eine unglückliche, nicht zu leugnende Tatsache sei, daß das Wohlleben ungesund und schädlich sei. Jede Seele brauche ihren Leib. Aber es sei unangenehm, wenn dieser unaufhörlich zunähme.

96 Er lächelte, während gräßliche Worte wie Herzverfettung und Arteriosklerose über seine Lippen kamen und noch viele andere Fremdwörter voll unheimlicher Geheimnisse folgten.

»Muß ich sterben?« stammelte Frau Bomberling, die hellen blauen Augen dick voll Tränen.

»Das hängt ganz von Ihnen ab,« sagte der Arzt mit höflicher Verbeugung.

Über solche Worte würde sich jeder gefreut haben.

Frau Bomberling trocknete die Tränen und hörte voll Vertrauen zu, was man ihr sagte.

Sie wurde gefragt, ob sie nicht einfach wieder viele Hausarbeit verrichten könne.

Aber sie mußte antworten, daß dies unmöglich sei. Die Dienstmädchen würden keinen Respekt mehr vor ihr haben. Und sie entlassen konnte sie auch nicht. Was würde die Welt dazu sagen? Der Portier und ihre Freundin, die Frau Geheimrat, ihre Bekannte, die Frau Baronin?

»Dann müssen wir also Gymnastik anwenden,« unterbrach sie der Arzt – »Rumpfbeuge, Kniebeuge.«

Der Arzt notierte eine Reihe von Übungen auf und erklärte sie.

»Als hervorragend wirksam hat sich auch das Kriechen auf allen Vieren erwiesen,« fuhr er fort.

»Kriechen Sie jeden Morgen, Mittag und Abend einmal um Ihr Schlafzimmer herum.«

»Kriechen?« fragte Frau Bomberling erschreckt.

»Sie brauchen sich nicht geniert zu fühlen,« sagte der Arzt ruhig, »die Damen der besten Gesellschaft tun es. Es ist vollkommen fashionabel.«

97 Er blätterte dabei in seinem Notizbuch. Er suchte etwas.

»Ich komme nun zum Speisezettel,« sagte er dann, wieder lebhafter werdend.

»Essen Sie gern Schokolade, Süßigkeiten?«

»Sehr gern,« sagte Frau Bomberling erfreut.

»Ausgezeichnet,« sagte der Doktor.

»Aber ich hörte doch, daß gerade Süßigkeiten –«

Frau Bomberling sah schüchtern fragend zu dem Arzt hinüber.

»So gut wie ganz zu vermeiden sind, sehr richtig,« fiel der Arzt ein. »Aber ich wollte Ihnen raten, vor jeder Mahlzeit ein Stück Schokolade zu essen. Das verlegt Ihnen vollkommen den Appetit. Das ist die Hauptsache. Wenig und nichts Fetthaltiges essen. Und wenn Sie Durst haben, trinken Sie nichts, sondern spülen Sie den Mund aus.«

Frau Bomberling bekam auch einen Speisezettel. Er war nicht so lang wie die Aufzeichnung der Turnübungen.

Dann zahlte sie und war entlassen.

Ehe sie zur Tür hinausging, drehte sie sich noch einmal um und fragte, ob dies alles auch sicher helfen werde.

»Zweifellos, meine Gnädigste. Ein Elefant würde davon abmagern,« sagte der Arzt und quittierte ihren flehenden Blick mit noch einer höflichen Verbeugung, die allerdings etwas flüchtiger ausfiel.

Denn er hatte die Uhr in der Hand und war schon an der Tür des Wartezimmers.

 

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