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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Während sich auf dem Eise so heiße Vorgänge abspielten, hatte in Bomberlings durchwärmtem Salon ein recht frostiges Zusammensein stattgefunden.

Mit einiger Verspätung war die Frau Baronin endlich gekommen.

Nachdem sie höflich gefragt hatte, ob sich die gnädige Frau gestern gut unterhalten habe und ob das Stück und die Schauspieler nett gewesen wären, sagte sie endlich, daß auch der adlige Herr dagewesen wäre.

»Wo hat er denn gesessen?« fragte Frau Bomberling hastig – – –. »Es waren so viele da, die ihm ähnlich sahen.« –

»Die ihm hätten ähnlich sein können,« verbesserte sie sich rasch, als sie den erstaunten Blick der Frau Baronin bemerkte.

82 »Ja – er war da – und –«

»Und?« fragte Frau Anna laut und dringend.

»Liebe, gnädige Frau – so leid es mir tut – die Wahrheit heraus – Sie sind dem Herrn zu stark.«

Es war gesagt. Eine schwere Stille entstand.

Mit dem, was man schweigend von einander denkt, kränkt man sich nicht.

Erst nach einer langen Weile stieß Frau Bomberling mit einem Atemzug des auf- und abwogenden Busens hervor:

»Und dieser Mensch will adlig sein?«

Die Frau Baronin lächelte höflich.

»Nehmen Sie sichs nicht zu Herzen, gnädige Frau,« sagte sie. »Der Geschmack ist verschieden. Sie glauben nicht, wie anspruchsvoll die jungen Leute heutzutage sind.«

Und sie erzählte, daß die einen nur Damen ohne Blinddarm, andere nur Damen ohne Eltern und Geschwister wollten und viele sogar genau bestimmten, wie klein die Nase sein müsse.

»Nur die Mitgift solle immer groß sein,« sagte sie beleidigt. »Ich habs auch nicht leicht, Verehrteste. Glauben Sie's mir.«

Frau Bomberling schien nichts von alledem zu hören. Die gekränkte Eitelkeit pfiff um ihre Ohren.

Sie wurde erst wieder etwas anteilnehmender, als die Frau Baronin sagte:

»Ich wollte mir einen andern Vorschlag erlauben. Ich habe da einen fünfstöckigen Hausbesitzer mit sehr viel unbebautem Terrain.«

»Ach, das ist gewiß ein alter Mann,« unterbrach sie Frau Bomberling abweisend. – »Gestern im Theater 83 bekam die Tochter, die gar nicht mehr besonders jung war, einen so reizenden Flieger. Reich und jung. Bildhübsch sah er in seinem Kostüm aus.«

Die Frau Baronin wendete ein, daß Flieger meistens Leute aus niedrigen Kreisen seien, die nichts anderes im Sinn hätten, als möglichst rasch in die Höhe zu kommen.

»Allerdings, auf dem Theater,« fügte sie schmerzlich hinzu. »Das sieht alles schön aus. Aber im Leben ist es anders. Da sind die Herren, die wirklich ehrliche Absichten haben, alle ein wenig vom Leben mitgenommen. Warum sollten sie auch sonst heiraten?«

Sie zuckte die Achseln und seufzte.

Vielleicht dachte sie an ihren Pryczsbitzky. Vielleicht war sie auch nur ärgerlich, daß sie ihre kostbare Zeit vor Weihnachten hier zu vergeuden schien.

»Ihr Fräulein Tochter ist schön,« fing sie wieder an. – »Wenn Sie mehr Hausverkehr hätten – aber natürlich – dieser und jener wird sich an den Särgen stoßen, in unserer nervösen Zeit. – Vielleicht warten Sie bis zum Frühjahr – eine kleine internationale Reise –«

Sie stand auf und begann ihren Mantel zuzuknöpfen.

»Wie gesagt, der Hausbesitzer – ansehen kostet nichts. Ich werde mir erlauben, ihn Ihnen am Neujahrstage zuzuschicken. Er macht einen kleinen Besuch – bringt einen Gruß von der Rätin.«

Frau Bomberling sagte nicht ja. Aber sie sagte auch nicht nein.

Die Frau Baronin öffnete ihre blanke Handtasche und entnahm ihr einen blauen Briefumschlag, der mit einer großen roten Krone geschmückt war.

84 »Wie dem auch sei,« sagte sie. »Jedes Jahr hat seine eigenen Zahlen. Darf ich Sie bitten, mir einstweilen die kleinen Spesen von diesem zu vergüten.«

Frau Bomberling griff zum Lorgnon, öffnete den Brief und las.

Trotzdem sie die liebenswürdige Baronin erst kurze Zeit kannte, war die Rechnung lang.

Die Plauderstündchen von gestern und heute waren Konsultationen genannt und in diesem Sinne berechnet. Die Autofahrten kamen hinzu. Auch das Theaterbillett des Herrn von Adel, der sie zu stark gefunden hatte, mußte Frau Bomberling begleichen. Er hatte auf einem sehr feinen Platz gesessen.

Die Frau Baronin räusperte sich deutlich. Frau Bomberling wurde verlegen, sie unterbrach die Lektüre, griff zum Portemonnaie und bezahlte die Schlußsumme.

»Es war mir ein Vergnügen, auf Wiedersehen,« sagte die Baronin und ging mit schnellen und wiegenden Schritten hinaus.

Als Frau Bomberling jetzt vor dem Schreibtisch saß, um diese Ausgabe zu buchen, wußte sie nicht recht, wie sie sie benennen sollte.

Nach einigem Zögern schrieb sie die nicht unansehnliche Summe hinter die Rubrik: Brennmaterialien.

Sie dachte dabei, wie kostenlos sich August und sie gefunden hatten. Nachdenklich schüttelte sie den Kopf, als sie das Löschblatt sorgsam zwischen die Seiten legte.

Sie vergaß, daß damals wahrscheinlich noch die alten Götter am Werk waren. Sie konnten billig sein. Auch bei den größten Entfernungen. Sie hatten Flügel. 85

 

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