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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Aber schließlich war Babette doch eingeschlafen. So friedlich, wie man mit siebzehn Jahren schläft, nachdem man sich tüchtig ausgeweint hat.

Es war nicht mehr früh, als sie erwachte, weil man an ihre Tür klopfte.

Hermann stand davor und fragte auf französisch, ob ihm Babette zwanzig Mark geben könne. Er bediente sich dieser Sprache stets, wenn er seiner Schwester etwas mitteilen wollte, was die Eltern oder die Dienstboten nicht hören sollten.

Babette war erschreckt aufgefahren. Diese Sprachlaute hatten sie sofort an alles erinnert.

»... Je ne vous aime pas, je ne...«

»Hörst du, Babette, oder schläfst du?« rief Hermann mit erhöhter Stimme.

»Ich wäre dir sehr verbunden, si tu pouvais me donner vingt mark.«

Babette sagte:

»Oui, ich werde sie dir an den Frühstückstisch bringen.«

»Tu es une ange, ma chère,« rief Hermann zurück und schlug als Bekräftigung einen derben Fausthieb gegen die verschlossene Tür. –

Das runde Goldstück verhinderte, daß Hermann beim 78 Frühstück bemerkte, wie verweint seine soeur war. Man sieht jemandem, von dem man Geld bekommt, nicht unnütz lange ins Gesicht.

Er schob das Geldstück in die Tasche, steckte sich eine Zigarette an und sagte:

»Sobald ich das Perpetuum mobile erfunden habe, bekommst du's mit Zinseszinsen zurück. Servus.«

Dann ging er. Liane Violetta sollte Blumen und Schokolade bekommen. Sie liebte nicht die trüben Wintersorgen.

Babette blieb am Kaffeetisch. Es war nicht hell und nicht dunkel im Zimmer. Napoleon hockte mit halb geschlossenen Augen auf der Stange und rührte sich nicht. Ein Duft von Kaffee, Leberwurst und Tannenzweigen wehte durch den Raum.

Babette wünschte beinahe, daß die Mutter hereinkommen würde, um sie auszuforschen, warum sie traurig sei und geweint habe. Daß sie sie umarmen möchte und nicht eher loslassen würde, bis Babette ihr alles gesagt hätte, ihr weinend verraten hätte, daß alle Männer schlecht wären und sie immer, immer bei ihrer geliebten Mutter bleiben wollte.

Sie sehnte sich sehr nach jemandem, an den sie alle ihre Zärtlichkeit verschwenden konnte.

Vielleicht hätte dieser Augenblick Mutter und Tochter fürs Leben zu Freundinnen machen können.

Wenn Frau Anna nur nicht so ganz beschäftigt mit Babettes Wohl gewesen wäre, daß sie keinen Blick für sie übrig haben konnte.

Sie zählte die Minuten, bis die Frau Baronin wieder 79 da sein würde. Und mit ihr die Antwort. Die Antwort eines Adligen.

Sie war erregt, wie wenn sie selbst Braut werden sollte.

Den gestrigen Abend würde sie nicht vergessen, solange sie lebte. Das wußte sie bestimmt.

Das ganze Theater schien mit Bräutigamen besetzt zu sein. Jeder Herr hatte sie angesehen. Scharf, lächelnd, prüfend, abwägend. Aus schmalen Augen und aus runden, aus Brillen, Kneifern und Monokeln hatte man sie mit Blicken durchbohrt.

Sie hatte sich nicht zu rühren gewagt. Nicht zu räuspern, nicht zu husten. Kaum zu atmen. Aber immer gelächelt. Immer.

Und wie eng war sie geschnürt gewesen.

Sie hatte ein Recht auf eine freudige Antwort. Ihre Unruhe war begreiflich. Erregt lief sie aus einem Zimmer ins andere. Suchte den Schlüsselkorb, konnte das Lorgnon nicht finden, ärgerte sich über ein Staubkorn. –

Babette hatte nichts anderes anzufangen gewußt, als die Schlittschuhe zu nehmen und auch einmal des Vormittags auf die Eisbahn zu gehen.

Zu ihrem Erstaunen traf sie ihren Bruder dort.

Auch Hermann suchte Trost in der Natur.

Liane hatte Blumen und Schokolade empfangen. Aber nicht ihn. Jeder Stand hat seine Moral. Sie hatte ihm sagen lassen, wenn man jemand für den Nachmittag bestellt hat, so empfängt man ihn nicht am Morgen. Ordnung muß sein.

Hermann mußte ihr recht geben. Ordnung muß sein. Warum studierte er sonst Jura?

80 Aber wenn er nur wenigstens die blanken Gummischuhe, die neben dem Garderobenhalter gestanden hatten, noch einen Augenblick länger hätte sehen können. Sie schienen ihm so unheimlich groß? Wie wenn sie an Herrenfüße gehörten?

Schweigend liefen die Geschwister nebeneinander her.

Nach einer Weile kam ihnen der Ökonom auf der glatten Fläche entgegen. Mit einer kunstvollen Arabeske schloß er sich ihnen an.

Er begann bald von der M. V. zu reden. Und von der F. L. Von den moralischen Verpflichtungen und der freien Liebe. Nur ganz im allgemeinen sprach er. So wie man eben über die Probleme des Lebens spricht, wenn man die Welt zu verbessern hat.

Aber Hermann verbat sich das. Er sagte, das wären keine Gespräche für Schwestern. Diese Weisheiten könne er vor seinen Freundinnen auskramen. Aber nicht vor Babette.

Der Nationalökonom sagte, daß er Babette zu seinen Freundinnen zähle.

Da hieb ihm Hermann eine Ohrfeige herunter.

Sein Freund war auch Mitglied des Kauklubs. Also satisfaktionsfähig. Er hieb zurück.

Eis ist noch glatter als der gewöhnliche Boden des Lebens. Bald wälzten sich beide, eng verschlungen, auf dem gefrorenen Wasser.

Als sie wieder aufstanden, hatte ihre Freundschaft einen Knacks bekommen. Ohne sich zu grüßen gingen sie voneinander.

Babette half den Schnee von Hermanns Mantel abklopfen. Dann verließen sie die Eisbahn.

81 »Nun weißt du, daß du einen Bruder hast,« sagte Hermann zufrieden.

Vor der Tür der nächsten Konditorei blieb er stehen.

»Du könntest mir einen Grog spendieren,« sagte er.

Babette war nicht abgeneigt, auf all ihren bittern Kummer ein Stück Apfelkuchen mit Schlagsahne zu essen. Sie gingen hinein.

»Eigentlich könntest du einmal bezahlen,« sagte sie. »Ich habe noch keinerlei Weihnachtsgeschenke besorgt.«

»Unmöglich,« sagte Hermann.

Was er von dem Goldstück noch übrig hatte, wollte er für Liane verwenden.

Denn er hatte es vorhin bewiesen. Er hielt genau auseinander, was einer Freundin zukam und was einer Schwester gebührte.

 

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