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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Schon in der Frühe des andern Tages hatte Babette das Briefpaket abschicken wollen. Das neue Schreiben, das kommen würde, sollte ungelesen hinzugefügt werden.

68 Aber niemand weiß, was er morgen tun wird. Als Babette den letzten Brief in der Hand hielt, sah sie, daß er nicht aus der kleinen Garnison kam. Er trug den Stempel der Großstadt, Fritz mußte schon hier sein.

Babette konnte ihrer Neugierde nicht widerstehen. Sie öffnete den Brief.

Da schrieb Fritz, daß er gekommen wäre, um sie zu überraschen. Aber vorher hätte er einen Ehrenhandel auskämpfen müssen. Er lag verwundet auf dem Krankenbett. Aus diesem traurigen Grunde sollte Babette ihm in diesen Tagen nicht schreiben. Um Verschwiegenheit und Treue bat er.

Man kann denselben Dingen verschiedne Deutungen geben. Den Ehrenhandel, durch den der Herr Leutnant verhindert war, konnte man auch Mucki nennen.

Er hatte sie mitgenommen.

Er hatte sich verpflichtet gefühlt, etwas für ihre Versorgung zu tun, ehe er Abschied nahm. Aus diesem Grunde hatte er Mucki die Sonntagsnummer der Konfektionszeitung gekauft.

Gemeinsam hatten sie die vielen Anzeigen durchstudiert. Es gab viele freie Posten, die für Mucki geeignet schienen. Und darum war Mucki, der Einfachheit halber, gleich mitgekommen . . .

Ein Held, dachte Babette, als sie den Brief gelesen hatte. Den ersten Brief von Fritz, der ihr gefiel. Und solchem Manne hatte sie Schmerz zufügen wollen?

Sie verglich ihn mit dem Freund von der Eisbahn. Jahr und Tag würden noch vergehen, ehe jener die Welt verbessern würde. Was war selbst der gute Paul, der im 69 Warmen saß und Särge für andere zeichnete, gegen einen Mann, der im Kampf auf Tod und Leben gestanden hatte? Der nun einsam und verwundet auf seinem Schmerzenslager ruhte. –

Diese traurigen Gedanken machten Babette froh und glücklich. Draußen schneite es. Sie beschloß, ihrem Helden sanfte, wundervolle Rosen zu kaufen, die irgendwo erblüht waren, wo es immer Sommer ist. In der Dämmerung wollte sie zu seiner Wohnung eilen und sie an seiner Tür für ihn abgeben. –

»Ich gehe nur ein paar Blumen kaufen,« sagte sie zu der Mutter. Sie versuchte, die verweinten Augen nach Möglichkeit zu verbergen.

Das wurde ihr nicht schwer gemacht, denn Frau Bomberling streifte ihre Babette nur mit einem flüchtigen Blick und sagte nichts weiter als:

»Sei pünktlich zu Tisch zurück, mein Kind.«

Dann eilte sie wieder in ihr Zimmer.

Sie war vollauf mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, in denen viele Wünsche wogten. Bald mußte die Baronin da sein. Vielleicht hatte sie einen unverheirateten Sohn, oder wenigstens einen Neffen. Irgendeinen jungen Menschen, der heiratsfähig war, gab es doch schließlich in jeder bessern Familie.

Es klingelte.

Das Mädchen kam mit einer Visitenkarte auf dem silbernen Tablett und sagte, daß eine Dame mit sehr viel Pelz da sei, sie habe sie daher in den Salon geführt.

Frau Bomberling nahm die Karte und sagte verbessernd:

70 »Das ist keine Dame, das ist eine Frau Baronin.«

Das Mädchen sollte merken, bei wem sie diente.

Dann eilte sie hinaus. –

Man wechselte einige Worte über das Wetter. Es war kalt. Es schneite. Wenn es wärmer würde, müßte der Schnee sicherlich schmelzen.

Bei solchen Wahrheiten taute man selbst auf. Die Frau Baronin öffnete den Pelz.

Sie sagte, der Mensch solle nicht von sich selbst reden, aber es würde Frau Bomberling vielleicht doch interessieren zu erfahren, daß sie nicht nur Baronin wäre. Sie hätte auch einen Beruf. Einen schönen, dankbaren Beruf, den in der guten alten Zeit die Götter selbst ausgeübt hätten.

Frau Bomberling verstand sie nicht gleich.

Sie sagte entschuldigend, daß in der Schule, die sie besucht habe, gerade die alten Götter einen sehr schlechten pädagogischen Vertreter gehabt hätten. Sie habe nur wenig davon behalten.

So mußte die Frau Baronin deutlicher werden.

Die Augen auf ihre große Nerzmuffe gesenkt, verriet sie, daß sie in den besten Kreisen der Gesellschaft den Amor spiele. Ehen würden im Himmel geschlossen. Aber sie vermittle sie.

»Was es alles gibt,« sagte Frau Bomberling in breiter Bewunderung.

»Ja,« sagte die Baronin nun schnell und sicher sprechend, »ich habe ein ganz ausgewähltes Assortiment. Schuldlos Geschiedene, Witwer, ledige Beamte, Ärzte, Privatiers, feine Kaufleute mit hohem und höchstem 71 Einkommen im Alter von 26–42 Jahren stehen jederzeit bei mir zur Verfügung.«

Sie holte Atem, um noch hinzufügen zu können, daß sie schon im Jahre 1896 gegründet sei.

Frau Bomberling lächelte in höflicher Bewunderung, obgleich es ihr nicht ganz klar war, wie man sich gründete. Es entstand eine kleine, nachdenkliche Pause.

Und doch war die Gründung der Baronin einfacher gewesen wie mancher andre Anfang.

Die eigenen Taten sollen den Menschen adeln. Nach diesem Grundsatz hatte sie gehandelt. Eine Bestellung auf tausend gedruckte Visitenkarten hatte sie zur Baronin erhoben. Sie waren ihr Betriebskapital geworden. Heute waren die Karten lithographiert. Man war vorwärts gekommen.

Und doch. Wie die Frau Baronin von Pryczsbitzky-Ratzoska da vor Frau Bomberling saß, mit dem vielen Puder in dem welken Gesicht und dem pompösen Firmenschild aus Nerz über dem abgetragenen Samtkleid, einen Hauch von billigem Parfüm um sich, sah es nicht so aus, wie wenn es glücklich machte, den ganzen Tag in Bewegung sein zu müssen, um das göttliche Amt, andere zu beglücken, auszuüben. Sie hätte vielleicht auf die Rangerhöhung und auf alle anderen Ehen verzichtet, wenn ihr eine einzige besser gelungen wäre, die eigene. Wenn ihr Pryczsbitzky nicht eines Tages spurlos nach Amerika verschwunden gewesen wäre, ihr nichts hinterlassend, als seinen verschnupften Namen. Es war anerkennenswert genug, was sie daraus zu machen verstanden hatte. Sie dachte wohl selbst etwas Ähnliches in diesem stummen 72 Augenblick, in dem beide Frauen ein Kaviarschnittchen kauten.

Das gummierte Lachen war von ihrem Gesicht geglitten, das hilflos, müde und alt aussah, als sie sagte:

»Jeder will leben, ehe er stirbt.«

Aber sich besinnend, lächelte sie wieder rasch und sagte, daß ein adliger Herr ihrer Kundschaft wie geschaffen dazu wäre, ein geliebtes Mitglied der Familie Bomberling zu werden.

»Adlig?« Frau Bomberling hätte das Wort fast hinausgeschrien.

Die Baronin sagte, daß sie von Frau Rat gehört habe, daß die Herrschaften heute ihre Abonnementplätze im Theater hätten. Falls es sicher sei, daß die gnädige Frau mit ihrem Gatten die Vorstellung besuchen würde, sollte sich auch der betreffende Herr ein Billett besorgen, um Frau Bomberling zu sehen.

»Mich?« fragte Frau Bomberling errötend.

»Ja,« sagte die Frau Baronin, »die jungen Leute sind so verschieden. Der eine will die Tochter sehen, der andre die Mutter. Der heute in Frage kommende junge Mann behauptet, daß er nur die Mutter zu sehen brauche. Anders hieße es die Katze im Sack kaufen.«

Frau Bomberling versuchte, sich in dem Glas des Tassenschranks zu spiegeln. Sie war sehr verlegen. Wenn es sich nicht um einen adligen jungen Mann gehandelt hätte, würde sie entschieden nein gesagt haben.

So aber konnte sie nach einigem Hin und Her diesem Vorschlag nicht widerstehen.

Die Frau Baronin bat sich höflich die Reihen und die Nummern der Theaterplätze aus, die sie rasch in ein kleines 73 Notizbuch kritzelte. Sie wollte sie sofort dem jungen Mann telegraphieren.

Die Gebühren dafür würde sie der gnädigen Frau einstweilen debitieren. Ebenso das Auto, womit sie hergekommen war. Denn es hatte, wie gesagt, leider geschneit.

Sie stand auf und begann ihren Pelz zu schließen.

»Was wird denn gespielt?« fragte sie. »Ein Trauerstück von einem der berühmten Klassiker?«

Frau Bomberling sagte, daß ein neues Lustspiel gegeben werde.

»Das trifft sich sehr gut,« rief die Baronin eifrig. »Da sind die Herren viel leichter hineinzubekommen. Es wirkt auch besser aufs Gemüt.«

Nach dem Theater wollte sie den Herrn sprechen und schon morgen vormittag Bescheid bringen. Sie hatte es nun sehr eilig. Die Geschäfte warteten.

»Vor Weihnachten,« sagte sie lächelnd, »sind meine Minuten kostbar. Am 24. abends möchte am liebsten alles verlobt sein. Ja, ja. Die Menschen sind ein sonderbares Völkchen.«

Die engen Glacéhandschuhe saßen nun so ziemlich auf ihren breiten Händen. Die Tür schloß sich laut hinter der Frau Baronin von Pryczsbitzky-Ratzoska.

Nur der gemischte Hauch eines Drogenladens wehte noch über den Möbeln des alten englischen Schlosses, die tadellos auf ihrem Platz standen.

 

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