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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Viele tänzelnde Lichtkugeln verrieten im Nebeldunst Bomberlings Fabrik. Babette betrat den großen Laden, der die Vorderseite des langgestreckten Gebäudes einnahm.

Der herbe Geruch des vielen Holzes erinnerte an Wald und Erde. Der Vater war nicht da. Aber gleich bei der Tür standen zwei Herren vor einem großen Prachtsarg. 60 Ihre Köpfe mit den Zylinderhüten waren, überlegend, auf eine Seite geneigt.

»Viel Geld für so ein Ding,« flüsterte der eine. »Aber schließlich, er hat sich im Leben so wenig gegönnt.«

Der andere nickte.

»Nehmen wir nur den größeren,« sagte er und seufzte.

Sie sahen sich nach dem Lagerchef um, der, ein Stück davon, mit einer schmächtigen Dame flüsterte. Sie wollte gern, mit Rücksicht auf den Trauerfall, eine kleine Preisermäßigung haben. Er aber versicherte ihr, daß alle Preise schon für Trauerfälle berechnet wären. Nur beim Einkauf eines halben Dutzends ließe sich ein kleiner Rabatt ermöglichen.

Er erkannte jetzt Babette. Mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung sagte er, daß sich der Herr Papa in seinem Kontor befände. Dann eilte er zu den wartenden Herren.

Bomberling war nicht allein. Babette blieb wartend im Vorzimmer stehen. Sie hörte deutlich die Stimmen hinter dem Vorhang.

Es war ein langweiliges Gespräch. Ein alter Herr erkundigte sich nach den Kosten eines erstklassigen Begräbnisses, um in seinem Testament alles genau bestimmen zu können.

Der Vater riet ihm zur Verbrennung und rechnete ihm vor, um wieviel rascher dann alles vorbei wäre.

Der Besucher antwortete, daß er zu alt für neue Moden sei und es überhaupt nicht so eilig habe. Er kicherte, und Bomberlings breites Lachen fiel ein.

Dann hörte man nichts weiter als das Gemurmel von Zahlen. Der alte Mann ließ sich alles auf das 61 ausführlichste auseinandersetzen. Er hatte nichts mehr zu tun. Diese kleine Zerstreuung war ihm angenehm.

Babette wurde ungeduldig. Sie dachte, wo Paul wohl sein möge? Und verließ auf Zehenspitzen den Raum.

Als sie zögernd den großen Mustersaal betrat, öffnete sich auch drüben die Tür, und Paul kam herein.

Babette eilte über den schmalen Gang, den die vielen Reihen der Särge frei ließen, auf ihn zu.

»Usch,« sagte sie, »die vielen gräßlichen Dinger. Weißt du, auch wenn man jung ist, kann man sterben. Aber wenn man alt ist, dann muß man. Ich möchte nicht alt werden.«

Sie schmiegte sich ängstlich an Pauls Kontorrock.

»Komm rasch heraus,« flüsterte sie.

Paul konnte sich im Augenblick keinen schöneren Ort der Welt denken. Er sagte, daß nur das Halbdunkel es hier ein wenig ungemütlich mache, und drehte das volle Licht aus. Das schwarze Ebenholz spiegelte Babette von allen Seiten wieder. Paul fragte, ob Babette ihm etwas Besonderes zu erzählen habe.

Sie sagte, daß sie nur gekommen sei, um den Vater abzuholen, weil sie ihn den ganzen Tag nicht gesehen hätte.

Dann schwieg sie.

Es ist nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn man etwas nicht sagen will.

Aber schließlich waren sie doch ins Schwatzen gekommen.

Jeder auf einer Ecke des großen Prunkkatafalks, der die Mitte des Saales schmückte, saßen sie sich lächelnd gegenüber.

62 Paul fragte, ob Babette einen Begleiter auf dem Eise habe.

Babette antwortete, daß da manchmal ein Freund von Hermann neben ihr herliefe. Und dann fragte sie, ob man die moralische Verpflichtung habe, jemanden wieder zu lieben, dem man Liebe einflöße, ohne es zu wollen.

Paul sah sie an. Diese Frage war nicht leicht zu beantworten. Er fragte, ob sie an jemanden Bestimmten dabei denke, wobei er sich bückte, um eine Schnitzerei des Katafalks zu studieren.

Babette sagte, daß sie nur so aus allgemeinem Interesse an der Sache gefragt habe. Paul sah wieder auf und meinte, daß man so etwas nur von Fall zu Fall entscheiden könnte.

Und dann fragte er, ob sie Hildes Bruder noch öfter sehe.

Babette rümpfte die Nase und sagte, daß der längst wieder abgereist sei. Aber was hielt Paul von Verlobungen? Fände er es sehr verächtlich, wenn man sie nach kurzer Zeit wieder auflöse, weil man den andern nicht leiden könne?

Paul lachte und meinte, daß es in solchem Falle besser sei, sich gar nicht erst zu verloben.

Aber da wurde Babette heftig.

»Du redest immer so klug und von oben herab,« rief sie. »Als ob man sich nicht auch irren könnte.«

Zwei Tränen kugelten plötzlich über ihre Backen. Paul erschrak.

»Ist es der alte Regierungsrat?« fragte er behutsam.

Da mußte Babette wieder lachen.

63 »Du bist auch zu dumm,« sagte sie und rutschte von dem hohen Sarg herunter.

»Ich spreche doch nur ganz im allgemeinen.«

Paul sah sie forschend an.

Dann sagte er, langsam nach den Worten suchend, daß er es, auch rein theoretisch gesprochen, immer praktischer fände, wenn ein weibliches Wesen keinen entscheidenden Schritt täte, ohne sich mit ihrem besten Freunde beraten zu haben. Die Verlobungen, wo man den andern nicht leiden kann, wären rücksichtslos aufzulösen.

Das war Pauls ehrliche Meinung. Aber Aufrichtigkeit und Hinterlist sind oft schwer voneinander zu trennen, und ausführlicher konnte Paul nicht werden. Denn Bomberling störte hier das Gespräch.

Nachdem er seinen Besuch zur Tür begleitet und auch den schwarzgekleideten Herrn gebeten hatte, ihn wieder zu beehren, hatte er vom Lagerchef erfahren, daß sein gnädiges Fräulein Tochter hier sei. Da war er seine Babette suchen gegangen.

Er zog ihren Arm unter den seinen und fragte, ob sie wirklich nur gekommen wäre, um ihren alten Vater abzuholen, oder ob sie wieder etwas mit Paul zu tuscheln gehabt hätte.

Darüber lachten Paul und Babette sehr belustigt.

Man ging ins Kontor.

Während der Vater einige Briefe unterschrieb, bewunderte Babette eine Schreibmaschine, die eben, neu und blank, geschickt worden war. Sie spielte ein wenig darauf und meinte, wenn keine Eisbahn sei, könnte es Spaß machen, hier zu sitzen und Geld zu verdienen.

Paul sagte, daß er sie unterrichten würde, und 64 Bomberling rief herüber, daß er sie sofort engagieren werde, wenn sie's gelernt hätte.

Babette war ganz erfüllt von dieser neuen Idee. Am ersten Tage, wo es taute, wollte sie kommen. Ganz sicher. Sie klopfte zur Beteuerung fest an ihre rote Seidenbluse. Aber da knisterten die fünfzehn Briefe von Leutnant Wegner. Mit der Pauschalsumme von fünfzehntausend Küssen. Babette zuckte zusammen und verstummte.

Paul sagte, daß sie zu leichtsinnig mit ihren Versprechungen sei. Er sähe es ihr an, daß sie schon wieder alles bereue.

Bomberling klappte das Tintenfaß zu und sagte, daß jeder Tag seine Sorge habe. Sie sollten weiter darüber reden, wenn das Eis geschmolzen sei.

Eine Weile später waren Vater und Tochter davongefahren. –

Paul kehrte in den Mustersaal zurück. Um den hohen Katafalk wehte ein Duft von Blumen. Es war wirklich ein hübsches Plätzchen. Er setzte sich auf die Seite, wo Babette geschaukelt hatte und holte die Abendzeitung aus der Rocktasche.

Zeitunglesen beruhigt. Man kommt in Kontakt mit den ganzen Chancen der Welt. Es scheint so einfach, eins dieser zahllosen Glücksbänder zu fassen . . .

 

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