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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Aber was dem einen wenig scheint, ist dem andern viel.

Babette wurden diese Briefe von Tag zu Tag schwerer.

Sie drückten sie. Sie hinderten sie beinahe daran, sich richtig auszulachen, wenn Hermanns Freund, der jetzt ihr Begleiter auf dem Eise war, seine lustigen Witze erzählte.

Ein Groll gegen Hilde stieg auf. War es so nötig gewesen, daß sie damals die Briefmarke kaufte?

Nur wenn die Militärmusik einen ganz weichen Walzer spielte und sie schweigend mit Hermanns Freund durch die frische Winterluft flog, fand sie es wunderschön, eine 56 heimliche Braut zu sein. Dann wünschte sie, daß es niemals anders werden würde als heute.

Aber leider ist Glück nichts Dauerhaftes.

Eines Tages schrieb Fritz, daß er zurückkehren würde.

Der breite Zobelschal, den sich Mucki zu Weihnachten wünschte, zwang ihn dazu. Aber die Ursachen unserer Taten liegen im Verborgenen . . .

Babette war sehr bestürzt. Sie las diesen Brief mehr als einmal. Die Buchstaben galoppierten diesmal so rasch über das Papier, wie wenn Fritz selbst schon auf dem Wege wäre.

Ihre Unruhe trieb sie zu Hilde, wo sie vielleicht näheres erfahren konnte, ohne sich zu verraten.

Es war das erstemal, daß Babette zu Wegners ging, seit sie, im geheimen, mit ihnen verwandt geworden war. Als sie die breite Treppe hinauflief, deren Stufen außen Marmor und innen Holz waren, sagte sie sich, nicht ohne Schreck, daß Hildes heftiger Papa nun auch ihr Papa war. Daß Hildes schmale, an den Nerven leidende Mama nun auch ihre Mama sein sollte. Sie seufzte. Eine große Zärtlichkeit für Vater und Mutter ergriff sie.

Hilde war allein zu Haus. Sie stand in der Badestube und packte einen kleinen Manöverkoffer: sie sollte zu ihrer Tante reisen, der sie jedes Jahr beim Marzipanbacken half.

Eigentlich war es schon eine Tante ihres Papas. Hilde sagte, daß sie sich als Kind sehr vor ihr gefürchtet hätte. Sie habe die knochigen Finger ihrer großen, mageren Hände für verzauberte Kneifzangen gehalten. Aber die Tante besaß einen wahren Schatz an altem Porzellan, an Silber und Leinen. Darum hielt Hildes Vater streng 57 darauf, daß sie die Weihnachtstage bei der Tante verbrachte.

»Wenn ich da bin, ist es langweilig,« sagte Hilde. »Aber vorher die Bahnfahrt. Mitten durchs verschneite Land.«

Sie sah verträumt auf die matte Scheibe des Fensters, die dem kleinen Baderaum wenig Licht und viel Verschwiegenheit gab.

Babettes unruhige Augen hatten zwischen den japanischen Papierfächern und der Brause die Photographie eines jungen Mannes entdeckt.

Hilde lachte und erklärte, daß es Fritz in Zivil sei. Sein neuestes Bild.

Babette nahm es in die Hand und sah erstaunt auf den fremden Mann. Sie sagte, daß sie Hildes Bruder ohne die Uniform kaum wieder erkennen würde. Aber er käme wohl auch so bald nicht zurück?

Hilde versuchte, ob der Koffer schloß. Die Frage fiel ins Gepolter.

So ging Babette, ohne etwas erfahren zu haben, wieder fort – – –

Sonst, wenn Babette eine Überraschung für die Eltern vorbereitete, war Paul, ihr Vetter, der Vertraute gewesen. Sie konnte vor ihm kein Geheimnis haben. Er hatte sogar erfahren dürfen, daß große Schauspieler Zwiebeln aßen und also keiner besonderen Verehrung wert waren.

Vielleicht konnte sie sich auch jetzt einen Rat von ihm erlisten? Vielleicht konnte sie mit ihm reden, ohne ihm etwas zu sagen? –

Als Bomberling durch den Fernsprecher melden ließ, daß er heut nicht zu Tisch käme, sondern erst am Abend 58 zurückkehren würde, beschloß sie, den Vater aus der Fabrik abzuholen. Dabei würde sich eine kleine Unterhaltung mit Paul schon finden lassen.

Aber erst ging sie zur Eisbahn. Es war sonniges Frostwetter . . .

Hermanns Freund, der sie dort erwartete, hatte nicht nur ein großartiges Gedächtnis für Witze, er war auch unermüdlich mit der Verbesserung der Weltordnung beschäftigt. Er verabscheute den Staat, die Kirche, die Ehe, den Handel und was es sonst noch so gibt. Sein Fach war die Nationalökonomie, und er beabsichtigte, in einigen Jahren den ganzen faulen Weltkrempel umzukrempeln.

Aber er war doch nicht glücklich und verlangte Mitgefühl von Babettes Herzen.

Babette hörte ihm zu. Ein wenig zerstreut, denn sie dachte an Fritz und mehr noch an Paul.

Erst als der tüchtige Ökonom auf das Militär zu sprechen kam, war sie ganz bei der Sache.

Er rechnete Babette vor, wieviele Kinder man für eine einzige Kanone großziehen könnte. Er war für die Abrüstung des ganzen Heeres.

»Weg damit,« sagte er.

So wundervoll männlich war er. Babette hatte das Empfinden, als wären schon alle Soldaten von der glatten Erdkugel heruntergestoßen. Fritz auch. Wenn es so nötig war zur Verbesserung der Welt, Babette wollte sich fügen.

Aus einem Fabrikschornstein zog ein langer Pfiff. Babette löste ihre Schlittschuhe und sagte Lebewohl.

Hermanns Freund hielt ihre Hand fest und sagte, daß er sie den ganzen Nachmittag lang hatte fragen wollen, 59 ob sie sich erhaben genug fühlte, eine freie Ehe einzugehen. Eigentlich habe sie die moralische Verpflichtung dazu. Denn es gab jemanden, der alles verachten mußte und nur sie lieben konnte.

Babette versuchte ihre Hand zu befreien. Aber es gelang ihr nicht.

»Sie haben die moralische Verpflichtung dazu, Babette,« wiederholte der Nationalökonom. »Die M. V. Vergessen Sie das nicht. Ich lasse Ihnen Bedenkzeit.«

Er drückte Babettes Hand, die steif vor Frost war, so heftig, daß sie schmerzte. Dann gab er sie mit einer Schleuderbewegung frei.

Babette lief über den schmalen Brettersteg, der das glatte Eis mit dem festen Boden verband.

In den Straßen lag ein feiner Nebel, in dem die Laternen wie Irrlichter tanzten. Wagen und Menschen waren geheimnisvoll umschleiert. Der Lärm des zu Ende eilenden Tages dämpfte sich zu einem surrenden Gesumm.

Babette saß im Auto. Um sie herum surrte und schnurrte es: »M. V.« –

Sie ahnte, daß erst die moralischen Verpflichtungen das Leben kompliziert machen.

 

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