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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Am andern Morgen ging ein eisiger Zug durch Bomberlings Wohnung.

Alle Fenster waren geöffnet, der Staubsauger fauchte, die Klopfer klopften. Besonders der verdächtige Orientale auf dem Boden der Diele bekam sein Teil. Ungeziefer 49 duldete Frau Anna nicht. Die Kälte, die von draußen hereindrang, war peinigend und schmerzhaft. Aber wo man seine Pflicht sieht, muß man sie tun.

Der gestrige Vorfall sollte sich nicht wiederholen. Frau Anna wollte dem Herrn Regierungsrat sagen dürfen, daß er ohne Unruhe seinen Tee bei ihr trinken konnte. In Bomberlings Wohnung gab es nichts Kribbelkrabbliges. Sie wollte ihn darauf aufmerksam machen, daß ein Mensch nirgends so geborgen sei wie im eigenen Heim.

Aber die wenigsten Pläne lassen sich verwirklichen. Die meisten sind nur da, um uns in Atem zu halten.

Der Herr Regierungsrat kam gar nicht am Nachmittag, auch am nächsten Tage blieb er Bomberlings Häuslichkeit fern. Frau Anna wartete den ganzen Tag vergeblich auf sein Klingeln, sie wagte es nicht, es sich eine Minute bequem zu machen.

Am dritten Morgen lag auf dem Frühstückstisch ein Brief, der einen beschönigenden Hauch von Heliotrop über die Leberwurst wehte.

Als Frau Anna ihn geöffnet hatte, schien es ihr, wie wenn nichts als ausgerissene Käferbeine das Büttenpapier bedeckten. Eilig griff sie zur Brille. Da erinnerte sie sich noch rechtzeitig, von wem dieser Brief sein könnte, und erschreckt warf sie die Brille beiseite und erfaßte das mit Edelsteinen besetzte Lorgnon.

Wie leicht kann der Mensch eine Ungeschicklichkeit begehen. Der Brief war wirklich von dem Herrn Regierungsrat. Die großen, dünnen Buchstaben teilten mit, daß eine plötzliche Sehnsucht nach reiner Bergluft den Herrn Regierungsrat in das Engadin treibe. Sie sprachen seinen 50 Dank aus und die Hoffnung, daß man wieder einmal das Vergnügen einer Begegnung haben würde.

Frau Anna war blaß geworden. Die reine Bergluft traf sie als bitterer Vorwurf. Hätte sie nicht einen einzigen Tag früher die Teppiche klopfen lassen können? Ein kleines Tier hatte ihren großen Plan vernichtet. Oder waren es doch wieder die Särge gewesen? Sie grübelte und grübelte.

Auch Hermann war bestürzt, als er den Brief zu lesen bekam. Er hatte gerade einen Kauklub gegründet. Jedes Mitglied war verpflichtet, jeden Bissen, den er im Kauklublokal genoß, 74mal im Munde herumzudrehen.

Hermann hatte den angesehenen Freund des Hauses zum Ehrenmitglied ernennen wollen, um den Klub von vornherein auf ein höheres Niveau zu heben.

»Das ist mir sehr unangenehm,« sagte er und roch an dem Brief.

»Mir auch,« sagte Frau Anna und sah ihren großen Jungen liebevoll an. Sie waren jetzt so selten ein und derselben Meinung.

Nun kam Babette herein. Ein traurigernster Mutterblick glitt von dem Brief auf das hohe, schöne Mädchen.

Babette trug zwei Bündel Tannenzweige, die sie soeben einer alten Frau auf der Küchentreppe abgekauft hatte.

Sie drückte der Mutter einen kräftigen Morgenkuß auf die Backe und sagte, die Alte habe ihr erzählt, daß der Schnee draußen vor der Stadt einen Meter hoch liege.

»Da mußte ich an Großvaters Schmiede denken,« sagte sie. »Als ich klein war, hast du mir oft erzählt, wie 51 ihr am roten, warmen Feuer saßet, während sich um euer Haus eine dicke Schneemauer zog.«

Frau Anna hatte sich mehrmals geräuspert. Das Dienstmädchen konnte jeden Augenblick hereinkommen, stand vielleicht schon vor der Tür.

Sie war ärgerlich auf Babette und noch mehr auf sich selbst. Wann hatte sie dem Kinde alles das vorgeschwatzt? Es mußte in den ersten Jahren geschehen sein, als sie das Hammergeklapp der großen Stadt immer wieder an den Amboß daheim erinnert hatte. Kinder haben ein unbarmherziges Gedächtnis.

»Wie schön muß das gewesen sein,« sagte Babette verträumt, »das rote Feuer und draußen der weiße, kalte Schnee.«

Ein Verdacht stieg in Frau Anna auf.

»Babette, hast du vielleicht auch dem Herrn Regierungsrat von der Schmiede erzählt?« fragte sie.

Babette wiegte nachdenklich den Kopf und antwortete, daß sie sich an nichts dergleichen erinnern könne.

Da gab ihr die Mutter den Brief. Ängstlich beobachtete Frau Bomberling das glatte, rosige Kindergesicht.

Es verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln.

»Ich möchte den guten Herrn auf Schneeschuhen über einen Abhang flitzen sehen,« sagte sie und sah noch vergnügter aus.

Das war alles. Damit war die Sache für sie erledigt. Sie bastelte an den Tannenbündeln und versprach, die Wohnung bald in einen Winterwald zu verwandeln.

Frau Anna war froh und betrübt. Sie wollte gewiß nicht, daß das Kind Kummer empfinden sollte, aber hatte 52 es nicht ganz so ausgesehen, wie wenn diese Besuche Babette große Freude bereiteten?

Wie schwer wird es einer Mutter gemacht, ihre Kinder zu verstehen!

Sie grübelte bekümmert. Aber der Alltag forderte sein Recht.

Die große Rechnung beim Delikatessenhändler war kein Traum. Alle die süßen Weine, Hummerschnittchen und Kaviarbissen wollten bezahlt sein.

Als sie Bomberling um eine kleine Extrasumme bat und dabei bedauerte, daß so viel Aufwand vergebens angewandt worden wäre, lachte er und gab ihr ohne Vorwurf das Geld. Er riet ihr nur, das Heiratstiften sein zu lassen. Was kommen solle, käme von selbst. Dann kniff er sein Mäuschen in die rechte Backe, wie es beide gewohnt waren, und ging.

Auf weitere Erörterungen konnte er sich nicht einlassen. Die Fabrik wartete.

Frau Anna seufzte. Man spricht sich doch gern ein bißchen aus. Wozu ist man schließlich verheiratet?

Wehmütig barg sie das Geld in dem silbernen Täschchen. Es war traurig, daß Bomberling so wenig für die Seinen übrig hatte.

 

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