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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Man kann auch des Guten zu viel bekommen.

Bomberlings Behaglichkeit war dahin.

Sobald sich Frau Anna, ledig aller formellen Beengtheit, wohlig im Lehnstuhl streckte, das Lorgnon auf dem Toilettentisch ruhte und eine bequeme Brille die Betrachtung einer bunten Zeitschrift erleichterte, klingelte es, und der Herr Regierungsrat kam.

Sobald sich Bomberling einmal recht zu Haus fühlte, rauchend, oder, die Hände in den Taschen, auf und ab ging in dem großen Eßzimmer, sich über Anna freute, über das appetitliche Bild an der Wand, über den hüpfenden Napoleon, dem er höflich die Zuckerstückchen aufhob, die er aus dem Bauer warf – klingelte es, und der Herr Regierungsrat kam.

Dem Herrn Rat waren diese Besuche eine liebe Gewohnheit geworden. Es behagte ihm, in den hellen, hohen Räumen zu sitzen, eine gute Zigarette nach der anderen zu rauchen und sich an Babettes siebzehn Jahren zu erfreuen. Daß ihm das schöne Mädchen, wie seine Tante beteuerte, keinen Korb geben würde, versetzte ihn in eine Erregung, die nicht unangenehm war.

Je früher gefreit, desto besser.

Er überlegte ernstlich, ob er nicht seinem bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag durch eine Hochzeit die rechte Weihe geben sollte.

45 Indessen stand Frau Anna voll Ergebenheit vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers und schraubte sich noch einmal in das enge Schneiderkleid.

In der Küche richtete man kleine Leckerbissen an. Alle Lichter im Kulturgebiet wurden aufgedreht. Napoleon bekam ein Tuch über das Bauer geworfen.

Babette freute sich sichtbar über die Besuche des Regierungsrats. Sie waren eine Unterbrechung des dumpfen Familienfriedens, der ihr jetzt schwerer zu ertragen war als je. Ihr war zumut wie im Frühling, wo man es in den stillen Zimmern nicht aushalten kann, aber auch draußen im Lärm der Straße nicht froh wird, weil man nur Steine sieht statt Gras und Blumen.

Sie saß am Flügel und spielte. Wenn sie ihr Spiel unterbrach, lächelte sie den Herrn Regierungsrat an und fragte, mit wieviel Jahren ein Leutnant Hauptmann werden könne. Oder ob man, um General und Exzellenz zu werden, noch etwas anderes tun müsse, außer alt zu werden?

Man freut sich, wenn man um etwas gefragt wird, was man weiß. Der Herr Regierungsrat gab gern und ausführlich Auskunft. Endlich einmal ein Mädchen, das Wissenstrieb hatte und nicht von Bällen und Theaterstücken sprach.

Mit einem glücklichen Lächeln auf das plaudernde Paar betrat Frau Anna, etwas außer Atem, das freundliche Musikzimmer.

Sie entschuldigte ihr spätes Erscheinen mit großer Umständlichkeit. Der Herr Regierungsrat versuchte sie so bald als möglich zu unterbrechen; er blies hoch über ihrer 46 runden Hand, die das Lorgnon hielt, einen Kuß in die Luft und sagte, daß sie sich durch sein Erscheinen in nichts hätte stören lassen sollen. – Auch Höflichkeit ist manchmal ehrlich. –

Bomberling hatte stets das Pech, erst ins Zimmer zu kommen, wenn sich der liebe Besuch verabschiedete, um in den Klub zu fahren. –

So war der Winter gekommen, der richtige Winter mit Schneeflocken und Glatteis. Dergleichen hatte vielleicht noch in den Bergen, als Sport, eine gewisse Berechtigung, hier in der Großstadt war dieses Wetter nichts als ein abscheuliches Verkehrshindernis.

Darüber waren sich Frau Bomberling und Herr Regierungsrat einig, wenn sie sich jetzt allein gegenübersaßen; denn Babette lief Schlittschuh mit Hilde Wegner.

Es war warm und hell in den stillen Räumen. Die Teemaschine summte, draußen pfiff der Wind gegen die Scheiben.

»Man friert, wenn man es hört,« sagte der Herr Regierungsrat. »Ist es nicht leichtsinnig, daß Ihr Fräulein Tochter – – –«

Da klingelte es laut, wie wenn die ganze Jugend Alarm läutete. Man hörte Schlittschuhe klirren, und gleich darauf steckte Babette ihren Kopf mit der verschneiten Pelzmütze hinein.

»Welch himmlisches Wetter heute,« sagte sie und schlug die Tür wieder zu.

Nur ein Hauch frischer Winterluft blieb zurück. Der Herr Regierungsrat strich sich, unangenehm berührt, über den kugelglatten Kopf.

47 Babette hatte sich nur überzeugen wollen, daß der gewohnte Besuch an seinem Platze war. Nur heute nicht allein mit den Eltern zu Tisch sitzen. Und sie bat den Regierungsrat herzlich, doch heute einmal zum Abendbrot zu bleiben.

Denn mitten im Gewühl der Straße, als man die neuen Abendblätter ausschrie, alle Lichter aufflammten, und es statt dunkler nur um so heller wurde, hatten sich Leutnant Wegner und sie, in dem kurzen Augenblick, wo sich Hilde eine Briefmarke kaufte, ewige Treue geschworen. Nun war sie Braut . . .

Erschreckt sah Babette auf. Man saß um den Tisch, aß Lachs mit brauner Butter und achtete auf die Gräten. Es war Babette gewesen, wie wenn jemand laut Braut geschrien hätte.

Aber der Herr Regierungsrat bemerkte nur, daß Fisch ein gutes und leicht bekömmliches Essen sei. Frau Anna aber berichtete, daß heute eine der russischen Tassen ihren Henkel verloren habe. Wenn dies Malheur auch keinen Unbemittelten betraf, ein Schade bliebe es.

Bomberling aß schweigend. Er sah abgespannt aus. In dieser Jahreszeit häuften sich die Bestellungen fast ins Unausführbare. Er sagte nur einmal aus seinen Gedanken heraus, daß es wieder viel Influenza zu geben scheine.

»Daran muß man nicht denken,« antwortete der Regierungsrat, peinlich betroffen.

Hermann war nicht da. Er war bei einem Freund, der ihm beim Studium half. Dieser Freund hieß Liane Violetta und war der Stern eines Varietees, wo er und der Regierungsrat Stammgäste waren.

48 Auch Frau Anna war heute müde. Bei diesem Wetter quälte die Gicht sie, und das neue Kleid war besonders eng. Sie nahm sich zusammen und lächelte. Ihr schönes Mädchen sollte glücklich werden und vornehm. –

Babette spielte weiche Frühlingslieder. Der Herr Regierungsrat folgte ihr ins Musikzimmer.

Da unterbrach Babette ihr Spiel und sagte, daß ihre rechte Hand schmerze.

Der Herr Regierungsrat wollte das kranke Händchen sehen. Er umfaßte es, und plötzlich hatte er seinen Zeigefinger weit in den weichen Seidenärmel gesteckt.

Babette schrie auf und riß sich los. Frau Anna kam herein und fragte, was geschehen sei.

Babette rieb sich die Hand unter dem Ärmel und sagte, ein ekliges Tier habe sie gestochen.

Frau Anna errötete. Sie erinnerte Babette daran, daß es in einem so reinlichen Haushalt wie dem ihrer Eltern keine ekligen Tiere gäbe.

Babette aber rieb weiter ihren Arm und ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.

Der Herr Regierungsrat lächelte und sagte, die gnädige Frau brauche sich nicht zu genieren, so etwas könne schließlich in den besten Familien vorkommen.

Aber bald darauf verabschiedete er sich.

 

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