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Die Bräutigame der Babette Bomberling

Alice Berend: Die Bräutigame der Babette Bomberling - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Bräutigame der Babette Bomberling
authorAlice Berend
year1915
firstpub1915
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDie Bräutigame der Babette Bomberling
pages155
created20090728
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Bomberlings warteten.

Erst schien es, wie wenn alle die Einladung vergessen hätten. Aber dann kamen sie rasch hintereinander.

Zuerst Hilde Wegner und ihr Bruder Fritz in Uniform. Dann Paul mit schönen Blumen. Hinter ihm Bomberlings Lagerchef, ganz frisch vom Frisör. Am Arm führte er seine junge Frau, die in Trauer war. Sie sagte entschuldigend, daß sie ihre Großmutter verloren habe und eigentlich noch keine Festlichkeiten mitmachen dürfe. Aber diese kleine Abendgesellschaft sei ja kein großes Vergnügen.

Inzwischen war ein Studienfreund Hermanns gekommen, der vor jedem eine tadellose Verbeugung mit Hackenklappen gemacht hatte. Und endlich die Frau Geheimrätin mit ihrem Neffen, dem Geheimen Regierungsrat Gustav Koberstein.

Wenn es nicht nötig gewesen wäre, noch auf Onkel Albert und Tante Helene zu warten, hätte man sofort zu Tisch gehen können.

Babette saß auf einer Stuhllehne und beobachtete den neuen Bekannten, der sich neben den Vater gesetzt hatte und sich mit diesem unterhielt.

Er war groß und hager. Seine Nägel waren blank wie seine Lackschuhe. Seine Stirn reichte bis ins Genick.

Babette schnupperte ein wenig in die Luft. Dann 39 rutschte sie rasch vom Stuhl. Sie wollte Hilde Wegner erzählen, daß sich der Herr Regierungsrat parfümiere.

Hermann und sein Freund verständigten sich mit einem Blick der Bewunderung über das Monokel des Herrn Rats, das fest, wie angeleimt, unter den Augenbrauen saß. Der Kerl war ein Kavalier. Ohne Frage. Inzwischen erzählte der Herr Regierungsrat, lässig in seinen Stuhl zurückgelehnt, diesem Sargfabrikanten vor allen Dingen erst einmal, daß er ein Kerl sei, der unglaublich schnell Karriere gemacht habe. Mit fabelhafter Fixigkeit, die ihm sobald keiner nachmachen werde.

Das war nicht zu Unrecht behauptet. Der Zufall läßt sich schwer wiederholen, und er war es gewesen, der den Herrn Koberstein so rasch hatte avancieren lassen. An einem Vormittag nämlich, als sich Herr Koberstein wieder einmal bodenlos langweilte, hatte er auf die leere Hälfte eines Aktenstückes, das er bearbeiten sollte, ein großes schönes Fragezeichen gezogen. Mit einem dicken Buckel, wie ein Gläubiger, und einer schlanken Taille, wie ein hübsches Mädchen. Und darunter einen Punkt, voll und rund wie die Erde. Gerade als er fertig damit war, wurde die Tür aufgerissen, und sein Vorgesetzter kam herein. Vergebens versuchte Herr Koberstein die Frucht seiner unverlangten Zeichenkunst zu verstecken.

»Sie haben etwas Fragwürdiges gefunden? Geben Sie her.«

Was einmal über uns verhängt ist, geschieht auch. Die Akten wurden geprüft. Herr Koberstein hatte eine große Unterschleifung aufgedeckt und seiner Behörde einen großen Dienst geleistet.

40 Es gehört zu den meisten Dingen viel weniger Verstand, als wir glauben.

Aber das war schließlich eine persönliche Angelegenheit des Herrn Regierungsrats. Es ist begreiflich, daß er nicht auf diese Einzelheiten zurückkam.

Außerdem wurde er durch das Erscheinen der letzten Gäste unterbrochen. Onkel Albert und Tante Helene waren gekommen.

Frau Bomberling hätte sie von Herzen gern nicht eingeladen. Sie paßten nicht in diese Gesellschaft. Aber Albert war Augusts Bruder, und wenn man Helene gebeten hätte, ihren Geburtstagsbesuch auf einen anderen Tag zu verschieben, wäre sie gerade gekommen. Denn Tante Helene war eine von denen, die nicht einsehen, warum man es allen Menschen recht machen sollte.

Von ihrem Mund schrägten sich zwei kleine Falten ab, die ein dauerndes Lächeln auf ihr Gesicht zeichneten. Das war eine Täuschung. Sie lächelte nie.

Als sie jetzt in den Salon trat, sagte sie, daß sie nicht zu spät gekommen wäre, wenn sie sich wie gewisse andere Leute ein Auto hätte leisten können. Dann begrüßte sie mit scharfen Augen die übrigen Gäste. Einen Schritt hinter ihr machte Albert in kurzen Stößen seine Verbeugungen. Sein langer schwarzer Rock hing auf seinen eckigen Schultern wie auf einem harten Kleiderbügel. Ein langer Bart, grau und wohlgepflegt, gab ihm ein würdiges Ansehen. Er war Beamter einer Lebensversicherung, und so waren auch die Berufe der Brüder gewissermaßen verwandt.

Herr Schütte schob die Türen auseinander. Man ging zu Tisch.

41 Als Frau Bomberling sah, daß die Pastete auf der Schüssel tadellos lag, atmete sie erleichtert auf.

Neben ihr sprach der Herr Regierungsrat von den entzückenden Variationen, die man heute bei den Autohupen fände. Sein Freund hatte jetzt eine Hupe, die wie ein alter Hund hustete. Ein ganz bezauberndes Dings.

»Hochinteressant,« flüsterte Frau Bomberling und flehte zu Gott, daß er die Forellen nicht zerfallen lasse.

Schließlich waren alle im lebhaften Gespräch. Es war wie sonst im Lärm des Lebens, man verstand die anderen besser als sich selbst.

Man hörte Frau Bomberling sagen, daß nur ein Mann, der seinen eigenen Hausstand habe, seine volle Manneswürde besitze.

Und Tante Helene die Schoten tadeln, weil sie so leicht vom Messer rollten.

Und Paul dem Leutnant zurufen, daß ein junges Mädchen noch nicht sein Herz verstände.

Dazwischen klirrten die Gläser und klapperten die Teller. Herr Schütte bediente den Herrn Regierungsrat mit besonderer Aufmerksamkeit. Er hatte Erfahrung. Immer der Älteste sollte der Bräutigam werden. Die jungen Pflänzchen waren nur zum Ausputz da. Plötzlich sagte Tante Helene laut und schrill:

»Nun wird's mir aber zu bunt. Sobald der Kerl mir Wein eingießt, flüstert er mir eine Unanständigkeit ins Ohr.«

Herr Schütte ging ruhig weiter, flüsterte dem Nächsten »Pißporter« ins Ohr und goß Wein ein.

Die jungen Leute lachten. Frau Rätin sah stumm auf 42 ihren Teller, nur ihre langen grauen Augenwimpern fächelten auf und nieder. Der Herr Regierungsrat klemmte sein Monokel ein und sah sich Tante Helene an, bis man sie von allen Seiten über ihren Irrtum aufgeklärt hatte.

»Alle Tage kommt etwas Neues auf,« sagte sie unwirsch, während ihr Gesicht nur lächeln konnte.

Frau Anna hatte zwei rote Nelken auf den Backen, sie ließ Tante Helene und Onkel Albert noch einmal die Speisen anbieten.

Kauen ist dem Gespräch hinderlich.

Dafür belebt der Wein die Zunge, und Herr Schütte schüttete Tante Helenes Glas aufs neue voll bis zum Rand, sobald sie nur daran genippt hatte. Man rächt sich mit den Mitteln, die einem zu Gebote stehen.

So kam Tante Helene ins Schwatzen. Sie erzählte dem Herrn Regierungsrat und jedem, der es hören wollte, daß auch sie sich nicht ihrer Herkunft zu schämen brauche. In der kleinen Stadt, aus der sie stammte, war ihre Mutter die erste Frau gewesen, die ein echtes falsches Gebiß hatte. Der ganze Ort sprach noch heute davon. Sie setzte es nie im Hause ein, sondern, wenn sie fortging, rief sie vor der Tür der Magd zu, daß sie ihr geschwind ihr Mundwerk bringen solle, und vor aller Augen hakte sie es ein. Denn die Menschen waren damals schon so wie heut. Was sie nicht sehen, das glauben sie nicht . . .

Frau Anna hob die Tafel auf. Das Obst konnte in den anderen Zimmern gereicht werden.

Jemand setzte sich an den Flügel und spielte. Die Musik wirkte angenehm nach dem guten Essen. Die Herren rauchten. Unter dem Kupferstich stand der Herr Regierungsrat 43 und sagte Babette Schmeicheleien. Sie hörte lächelnd zu, und ihre Augen trafen sich mit den Blicken des Leutnants, der aus dem anderen Zimmer herübersah.

Frau Rätin flüsterte der Freundin zu, daß alles vortrefflich gelungen sei.

Paul kam zu Babette und fragte sie, ob sie ihn überhaupt noch kenne.

Sie faßte ihn unter dem Arm, zog ihn beiseite und fragte, ob er Hildes Bruder nicht kolossal schneidig fände. Er sagte, daß um des Leutnants Mund ein frivoler Zug läge. Babette lachte und sagte, daß sie da nur einen blonden Schnurrbart sähe und Paul gar keine Menschenkenntnis habe.

Schütte reichte Kaffee und Likör.

Tante Helene wischte sich den Mund und mahnte zum Aufbruch. Sie wollten nicht die letzte elektrische Bahn versäumen. Frau Anna nahm es ihr nicht übel, ihre Kräfte waren zu Ende.

Küsse streiften Babettes Hände.

Die Stimmen verhallten.

Herr Schütte bat, sich verabschieden zu dürfen, und verließ über die Hintertreppe das Haus.

Bomberlings blieben in den leeren Räumen zurück, die groß und öde erschienen, wie wenn die lauten Gäste sie ausgeweitet hätten.

Die Lichter verlöschten. Man sagte sich gute Nacht.

Im Schlafzimmer sagte Bomberling:

»Du hast deine Sache großartig gemacht, mein Mäuschen. Nur der Bräutigam war etwas altbacken.«

Er lachte, denn er war froh, diese Sorge los zu sein. Diesen Kerl nahm sich sein Kind nicht, so sicher sie Babette Bomberling hieß.

Anna hatte nichts geantwortet.

Die müde Mutter war eingeschlafen.

 

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