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Die Branntweinpest

Heinrich Zschokke: Die Branntweinpest - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDie Branntweinpest
pages297-394
created20031013
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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1. Der Reisegefährte.

Auf meiner Reise von England machte ich eines Tages angenehme Bekanntschaft, in einem Gasthof, mit einem liebenswürdigen jungen Herrn. Er fiel mir eben so sehr auf durch seine männliche Schönheit und durch Anmuth seines Betragens, als durch sein niedergeschlagenes Wesen. Er sprach wenig. Als er aber zufällig hörte, daß ich ein Schweizer sei, reichte er mir mit traurigem Lächeln die Hand, nannte mich Landsmann, und lud mich zuletzt sogar ein, ihm bis in die Schweiz Gesellschaft, in seinem bequemen Reisewagen, zu leisten. Ich nahm es mit Vergnügen an.

Unterwegs erfuhr ich, daß er Fridolin Walter heiße, und Arzt sei. Er hatte einen reichen Lord und dessen Familie vier Jahre lang auf Reisen durch Europa begleitet, und war durch dessen Dankbarkeit und Freundschaft nicht nur im Besitz eines unabhängigen Vermögens, sondern auch eines lebenslänglichen Jahrgehaltes. Er hatte dem Lord und einer Tochter desselben, durch seine Kunst, das Leben gerettet.

»Da Ihr das gekonnt habt, lieber Doktor,« sagt' ich: »so könntet Ihr mir vielleicht auch helfen.« Ich klagte ihm, daß ich seit geraumer Zeit Beschwerden des Magens, schlechte Verdauung, öfters am Morgen Reiz zum Erbrechen verspüre. – Meine Klage gab zu einem sonderbaren Gespräch Anlaß. Denn er sah mich eine Weile mit seinen schwarzen Augen fest an, als wollt' er mich durch und durch schauen; dann sagte er ganz trocken: »Es kann mit Euch, Herr Landsmann, noch ärger kommen!«

– Das verhüte Gott! – rief ich erschrocken: Ich weiß nicht, was Schuld daran ist.

Er antwortete: »Aber ich weiß es schon seit einigen Tagen, da wir mit einander reisen. Der Schnapps, den ihr zuweilen nehmt, ist Schuld, wiewohl Ihr, Herr Landsmann, eben nicht zu viel trinkt, z. B. nur Morgens nüchtern etwa ein Gläschen Rum; nach dem Mittagessen ein Glas Kirschwasser zum Kaffee; Abends noch einmal zum Schlaftrunk eins.«

– Ei, Ihr treibt wohl Euern Spaß mit mir Doktor! entgegnete ich: ein Glas guten Likörs zuweilen kann nicht schaden, da ich sonst einfach zu leben gewohnt bin. Das bringt mir ein leichtes Wohlbehagen; stärkt und wärmt mir den Magen; regt meine Lebensgeister etwas an, und Alles geht zehnmal besser von statten. Ich schwör' Euch, die ganze Welt sieht nach einem mäßigen Schnapps viel freundlicher aus, als vorher.

Der Doktor erwiederte: »Ganz recht! Das ist allezeit die gute und die erste Wirkung von gebrannten Wassern. Darum liebt man dies Getränk auch allgemein. Aber die unfehlbare, zweite Wirkung ist nicht so gut; es macht Euch hintennach schläfrig, schlaff und abgespannt; schwächt Magen und Eingeweide; überreizt dabei die Nerven; zersetzt endlich das Blut in den Adern, daß es mit der Zeit wie geronnen wird; macht bei herrschenden Fiebern und Seuchen im Lande den Körper für dieselben weit empfänglicher, und wenn den Menschen irgend einmal eine Krankheit befällt, wird sie gefährlicher, als bei andern Leuten, die keiner hitzigen Getränke gewohnt sind.«

– Ei, ei, Doktor, Ihr müßt es nicht zu arg machen! rief ich: das mag bei Trunkenbolden der Fall sein.

»Nein, gar nicht, Herr Landsmann!« versetzte er: »es ist wirklich schon bei Euch der Fall. Der Himmel verhüte, daß die Cholera kömmt; Ihr wäret wahrscheinlich ihr Opfer. Zu London starben von den Cholerakranken sieben Achtel unrettbar weg, und zwar von denen, die sowohl in den höhern Ständen als in der ärmern Volksklasse, täglich gern ihren Schnapps nahmen. Ihr könnt Euch darauf verlassen und die Erfahrung hat es bewiesen, daß von zehn jungen Männern, die vom zwanzigsten bis dreißigsten Jahre alltäglich nie mehr, als ein oder zwei Spitzgläser Likör trinken, nach Verlauf von zehn Jahren über die Hälfte gestorben sind und die andern vor der Zeit kränklich werden.«

– Aber, bester Doktor! rief ich: Es gibt doch nicht nur Trinker, sondern Säufer, die bei ihrem Brannteweinglase alt und grau geworden sind!

Der unerschütterliche Doktor erwiederte: »Dies alte Vieh aber, seht es nur recht an, hat sich nicht nur um die besten Leibeskräfte, sondern auch um die Verstandeskräfte gebracht. Seht ihren verworrenen, starren Blick; das Zittern ihrer Hände! Diese Einzelnen machen eine Ausnahme von den Frühsterbenden, aber keine Ausnahme von den Folgen ihrer Sünde. Was dem saufsüchtigen Vater nicht geschieht, das müssen die Kinder büßen. Betrachtet die Kinder! Sie sind schwächlich, gliedersüchtig, bleich; haben Drüsengeschwülste und andere Leibesschaden. Machen sie es mit dem Branntewein dem Vater nach, so sterben sie vor dem dreiundzwanzigsten Jahr.«

– Nun, nun! sagt' ich: da habt Ihr freilich Recht. Ich kenne dergleichen. Aber man muß Gebrauch vom Mißbrauch unterscheiden.

»Allerdings, Herr Landsmann!« antwortete er: »Auch ist der Gebrauch gebrannter Wasser häufiger, als der sogenannte Mißbrauch. Darum aber hören beide nicht auf, ihre schädliche Wirkung für den menschlichen Leib zu äußern, wie Ihr schon an Euch selber verspüret. Branntewein ist unter allen Umständen Gift. Merkt Euch das! Er dient nicht, als Getränk, zur Löschung des Durstes; sondern umgekehrt, er vermehrt den Durst. Er dient nicht zur Nahrung, denn er hat durchaus keine nährenden Theile; sondern umgekehrt, er schwächt Euch offenbar Magen und Eingeweide. Er nützt also nichts zur Erhaltung unserer Gesundheit, sondern hilft zur Zerstörung derselben. Schon die Gesichter der Trinker, wenn Ihr ein wenig aufmerksam darauf seid, verrathen das. Die, welche in der ärmern Volksklasse nur Branntewein von Korn, Erdäpfeln, Reiß trinken, haben ein blasses, mißfarbenes, schwächliches Ansehen. Wohlhabendere, die Kirschwasser, Franzbranntewein, ausländische, starke Weine und Liköre genießen, bekommen davon ein röthliches, aufgetriebenes, kupferiges Gesicht. Gott zeichnet die Sünder

– Doktor, sagt' ich: Ihr macht mir fast bange für mein hübsches Gesicht. Ich meine, das Schädliche im Wein und Branntewein sei der Mißbrauch und bleibe dabei. Nur Mißbrauch macht ihn zum Gift.

»Nein, Landsmann, der nicht allein!« rief der Doktor: »sondern der Weingeist ist das Gift! Mit einem bis zwei Trinkgläsern voll reinen Weingeistes kann man einen gesunden Menschen, der sonst keine starken Getränke nimmt, geradezu tödten. Vermischt mit Anderm, setzt der Weingeist Krankheitsstoffe im Leibe an. Wein und Bier, sehr mäßig getrunken, sind weniger nachtheilig, als bloßer Branntewein, weil sie weniger Weingeist enthalten. Denn in hundert Maß Bier sind höchstens nur bis 2 Maß Weingeist; in unsern Landweinen enthalten 100 Maß etwa 4 bis 8 Maß Weingeist; aber gute französische Weine gleicher Menge haben 10 bis 19 Maß jenes Giftes; spanische und portugiesische aber 19 bis 25 Maß; hingegen Branntewein, Likör, Kirschwasser, Zwetschgen-, Erdäpfelbranntewein und Rum haben, in 100 Maaß, 24 bis 53 Maß Weingeist. Das macht einen Unterschied!«

– Ihr glaubt also im Ernst, Doktor, der Weingeist sei das Verderbliche, oder Giftige? Und doch braucht man ihn ja sogar zu Arzneien?

»Ganz gewiß. Landsmann, so gut, wie man Quecksilber zu Arzneien gebraucht, aber nicht zur Nahrung, oder zum täglichen Gebrauch. Weingeist ist und bleibt Gift, wie Quecksilber; durchdringt Blut und Knochen, wie Quecksilber; wird von allen innern Theilen, die er angreift, abgestoßen und verworfen, wie Quecksilber; und geht zum Theil unverändert wieder ab und bleibt zum Theil unverändert im Leibe, wie Quecksilber.«

– Der Henker hole alle Weingeist- und Quecksilberkuren! schrie ich: Was rathet Ihr mir für meinen Magen, und gegen mein Uebelbefinden. Ich muß doch trinken. Verschreibt mir etwas.

»Nichts,« rief der unbarmherzige Arzt: »Ihr dürfet wohl bescheidener Weise Wein und Bier trinken; besser aber noch, für Eure Gesundheit gutes, reines Wasser. Um Euch wieder kerngesund zu machen, nehmt Morgens nüchtern einige Gläser frischen Wassers und eben so viel Abends vor Schlafengehen; und zwar alle Tage. Trinket keinerlei gebranntes Wasser, denn es ist ein künstlich fabrizirtes Getränk, kein natürlicher Trank. Ich verspreche Euch, Landsmann, Ihr sollt schon nach einem halben Jahre wieder gesunden Magen, gesunde Eingeweide haben und die besten Wirkungen davon für Eure Gesundheit empfinden. Ich bitte, folgt meinem Rath. Unsere Vorfahren waren stärkere Leute. Sie tranken den Branntwein nicht, weil sie ihn nicht hatten und nicht kannten. In den Apotheken fand man ihn unter dem Namen aqua vitae, d. h. Lebenswasser. Er diente zum Heilmittel Jetzt heißt er bei den Wilden in Amerika Tollwasser, und die Wilden haben Recht.«

Ich merkte mir's, wie es Herr Fridolin Walter gesagt hatte. Aber ich füge noch, zur Ermunterung vieler Tausende, die über Unpäßlichkeit meiner Art klagen, dies bei: daß ich, von dem Tage an, des Doktors Rath befolgte; Morgens und Abends ein Paar Glas frischen Wassers nahm, und nur bei Tisch Bier oder Wein; daß ich schon nach einem Vierteljahr die guten Wirkungen für meine Gesundheit davon mit Freuden spürte, und daß ich seitdem in meinem Hause alle gebrannten Wasser abgeschafft habe und sie gänzlich meide. Seit drei Jahren brauch' ich weder Doktor noch Apotheker.

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