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Die blutige Arena

Vincente Blasco Ibañez: Die blutige Arena - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleDie blutige Arena
publisherEuropäischer Phönix-Verlag
printrunDritte Auflage
translatorStefan Hofer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidb4111919
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VII

Als die Karwoche kam, bereitete Gallardo seiner Mutter eine große Freude.

In früheren Jahren war der Torero in der Prozession der Pfarre San Lorenzo im Festzuge des Gnadenbildes Jesus del Gran Poder mitgegangen. Es war die Brüderschaft der Reichen und unser Torero, der damals in die Höhe kam, trat hier ein. Er sprach mit Stolz von dem Eifer dieser religiösen Vereinigung. Alles ging hier wie am Schnürchen. Wenn in der Nacht des Gründonnerstages die Uhr der San Lorenzokirche den letzten Schlag der zweiten Morgenstunde tat, öffnete sich die Tür und vor den Augen der draußen harrenden Menge erschien das Innere der hell beleuchteten Kirche, in deren Mitte sich die Brüderschaft versammelt hatte. Alle trugen schwarze Kappen und gingen, zu zwei gepaart, langsamen Schrittes vorwärts, während sie in der einen Hand die Kerze trugen und mit der anderen ihren langen Talar aufrafften. Die Menge betrachtete mit der allen südlichen Völkern eigenen Erregbarkeit den Zug der vermummten Männer, welche, obwohl sie große Herren waren, dennoch aus tief eingewurzelter Frömmigkeit in diesem Bußgange, der sich erst beim Sonnenaufgang auflöste, einherschritten.

Es war eine Brüderschaft des Schweigens. Die Teilnehmer durften nicht sprechen und gingen im Zuge der Stadtwache, welche sie vor Belästigungen der Neugierigen schützen sollte, denn es gab Betrunkene mehr als genug. Unermüdlich schritt die Prozession durch die Straßen, in welchen sie als fromme Christen die Passion des Herrn nachahmten. Ihre Wanderung hörte erst am Karsamstag auf, nachdem sie in so und so viel Straßen vor den Stationen des Leidensweges ihre Andacht verrichtet hatten.

Wenn die Brüder, welchen das Gebot des Schweigens jede Äußerung untersagte, allein in der Prozession einherschritten, da drängten sich jene Freigeister, welche der Wein jede Achtung vergessen ließ, an sie heran, um ihnen die schwersten Beleidigungen gegen ihre Person und ihre Familie ins Ohr zu murmeln. Die Brüder duldeten dies schweigend und betrachteten diese Schmähungen als ein dem Herrn gebrachtes Opfer. Doch der andere, den diese Haltung ermutigte, verdoppelte seine Lästerungen, bis endlich der Beleidigte in der Erwägung, daß ihm wohl das Wort, aber nicht die Handlung verboten war, ohne ein Wort zu sagen, die schwere Kerze hob und ihm mit deren Ende ein paar tüchtige Schläge gab, sodaß die für die heilige Zeremonie nötige Sammlung jäh unterbrochen wurde. Wenn im Verlauf der Prozession die Träger des Gnadenbildes rasteten und das schwere mit Lichtern besteckte Bild ruhig auf seinem Sockel stand, genügte ein leichter Pfiff, um die Kapuzenträger zum Halten zu veranlassen. Dann standen sich die Paare gegenüber, stützten die Wachskerzen auf einen Fuß und blickten durch den Augenschlitz auf die Menge. Man konnte sie für Personen aus einem Autodafé halten, für Fratzen, deren schwarze Schleppen beim Dahingleiten den Geruch von Weihrauch und den Gestank des Scheiterhaufens entströmen ließen. Die Stöße der Trompeten durchdrangen die Nacht, über den Spitzen der Kapuzen schwankte das Banner der Brüderschaft und zeigte in golddurchsticktem, mit Fransen umränderten Tuche die vier Buchstaben: »S. P. Q. R.« um den Anteil des römischen Statthalters am Tode Christi zu versinnbildlichen.

Das Bild des allmächtigen Jesus (Señor del Gran Poder) stand auf einer schweren Unterlage aus getriebenem Metall, worüber ein Tuch gebreitet war, dessen Quasten bis zur Erde herabhingen und so die Füße der zwanzig schweißbedeckten, halbnackten Männer verdeckten, welche das Ganze trugen. An den Ecken glänzten goldene Engel, welche Kerzen hielten, und in der Mitte stand Jesus, ein schmerzbeladener, blutender, dornengekrönter Büßer, den die Last des Kreuzes zu Boden drückte und dessen Tränen über das bleiche, verzehrte Gesicht zur Erde flössen. Schwerer, mit Goldblumen durchwirkter Samt bedeckte seine Gestalt und verlor sich im dichten Faltenwurf der Umhüllung.

Die Statue stand auf dem großen Platze inmitten des Kreises, den die Brüderschaft gebildet hatte, und die fromme Gläubigkeit des andalusischen Volkes äußerte sich in Gesang und in langen Klagen. Die Männerstimmen fielen mit ihren schweren und rauhen Klang in den Chor der Frauen ein, alle sangen und blickten dabei das Gnadenbild an, als würden sie ganz allein vor der Statue stehen und auf alle Betenden, welche ringsum waren, vergessen. Taub gegen die anderen Stimmen, ohne den Faden zu verlieren oder sich in den schwierigen Läufen des Weihegesanges gegenseitig unsicher zu machen, beendigte jeder seinen Part. Die vermummten Männer hörten unbeweglich zu und blickten inzwischen auf Christus, der die drei Strophen des Liedes über sich ergehen ließ und unter dem peinigenden Druck des Kreuzes und dem Schmerz der Dornenkrone seine Tränen vergoß. Endlich läutete der Führer des Zuges ein Silberglöckchen, um das Ende des Gesanges anzuzeigen, die Statue wuchs in die Höhe und die Füße der Träger begannen wie Fühlhörner sich am Boden in Bewegung zu setzen.

Nach dem Bilde Christi kam die schmerzensreiche Jungfrau, Nuestra Señora del Mayor Dolor. Unter einem Thronhimmel aus Samt schwankte die Krone der schmerzensreichen Gottesmutter, deren Antlitz von Kerzen umstrahlt war. Die Schleppe des Mantels fiel in einer Länge von mehreren Metern über das Gerüst herab und schimmerte im Glänze ihrer schweren, leuchtenden Fransen, in welchen sich die Geschicklichkeit und Geduld einer ganzen Generation erschöpft hatte.

Die in ihre Kapuzen vermummten Männer begleiteten das Gnadenbild und das Licht ihrer Kerzen spiegelte sich in den Goldfäden des Mantels, der seine Umgebung mit hellen Farben belebte. Nach den Trommlern kam eine Schar von Frauen. Es waren Greisinnen, welche mühsam daherwankten, eine Auslese müder und kranker Menschen, die ihr Gelübde erfüllen wollten.

Nachdem die Brüderschaft langsam durch die Straßen gezogen war und manchen Umweg gemacht hatte, betrat sie wieder die Kathedrale, deren Tore die ganze Nacht offen blieben. Der Schein der Kerzen flog durch das riesenhafte Schiff und ließ die gewaltigen, mit Samt umwundenen Pfeiler wie in goldenen Strahlen hervortreten, ohne aber die dichte Finsternis der Wölbung durchbrechen zu können. Der Zug der Kapuzen kroch wie eine Schar schwarzer Insekten im Scheine der Kerzen und Fackeln am Boden dahin, während oben alles in Finsternis gehüllt war. Ein andermal zogen sie beim Sternenschein aus und die Sonne überraschte die Prozession auf offener Straße, wo ihr Glanz den Schein der Lichter und Fackeln dämpfte, dagegen das Gold auf den Mänteln, die Tränen und den Todesschweiß auf den Gesichtern der Statuen hell erglänzen ließ.

Gallardo war ein begeisterter Anhänger der Brüderschaft Jesus del Gran Poder und ihres majestätischen Schweigens. Man konnte über alle anderen Aufzüge lachen, da ihnen der Ernst und die Disziplin fehlte. Die seinige dagegen war über all das hoch erhaben. Er fühlte einen Schauer, wenn er das Gnadenbild des Erlösers betrachtete und den Ernst sah, mit welchem die vermummten Anhänger der Brüderschaft daherzogen. Außerdem traf man in dieser Gesellschaft mit sehr feinen Leuten zusammen. Trotz dieser Erwägung entschloß sich der Torero, dieses Jahr aus seiner Brüderschaft auszutreten und die der Macarena, welche die schmerzensreiche Maria verehrt, um Aufnahme zu bitten. Die alte Angustias freute sich sehr, als sie seine Absicht vernahm. Er tat recht, sich der Jungfrau so zu weihen, denn sie hatte ihn bei seinem letzten Unglück gerettet. Außerdem schmeichelte dieser Schritt ihrer plebejischen Einfachheit.

»Jeder hält es mit den Seinigen, Juan. Es ist ja recht schön, daß du mit den vornehmen Herren verkehrst, aber bedenke, daß die Armen dich doch immer gern hatten und schon gegen dich loszogen, weil sie sich von dir vernachlässigt glaubten.«

Der Torero wußte dies nur zu gut. Der wilde Sinn des Volkes, das damals in der Arena die billigeren Plätze besetzt hatte, zeigte ihm gegenüber, da es sich zurückgesetzt fühlte, eine gewisse Feindseligkeit. Man bekrittelte seinen Verkehr mit den Reichen und die Abkehr von denen, die seine ersten Bewunderer waren. Um diese Feindseligkeit zu beschwichtigen, bediente sich Gallardo mit der Skrupellosigkeit derer, welche von dem Beifall der Menge leben, aller erdenklichen Mittel. Er hatte den einflußreichsten Mitgliedern der Macarena seine Absicht mitgeteilt, an der Prozession teilzunehmen. Doch sollten sie ja nichts weitererzählen, er tue es aus gläubigem Empfinden und seine Teilnahme solle geheim bleiben. Doch schon nach einigen Tagen sprach man im ganzen Bezirk über diesen Entschluß Gallardos und fühlte sich stolz über diesen Teilnehmer.

Gallardo und seine Frau überließen an diesem Tage dem Gnadenbilde ihren ganzen Schmuck. In den Ohren sah man ein paar Gehänge, welche Juan in Madrid mit dem Verdienste einiger Stiergefechte bezahlt hatte. Die Brust der Statue umspannte eine goldene Kette, von der die Ringe und Brillantknöpfe des Torero herabhingen.

Über den Grund seiner Handlungsweise befragt, lächelte der Torero bescheiden vor sich hin und betonte, wie sehr er die Jungfrau von jeher verehrt habe. Sie sei ja die Patronin des Bezirkes, in welchem er das Licht der Welt erblickt hatte, und außerdem habe sein Vater jedes Jahr als Soldat den Zug mitgemacht. Es war dies eine Ehre, welche seiner Familie vorbehalten blieb, und wäre er kein Torero, so würde er sich gerne das Kleid des römischen Legionssoldaten angezogen haben, um mit der Lanze in der Hand hinter dem Wagen herzugehen, wie es so viele Gallardos, welche schon in der Erde moderten, getan hatten.

Diese Volkstümlichkeit schmeichelte ihm. Er wollte, daß alle von seiner Teilnahme an diesem Zuge wußten und gleichzeitig fürchtete er, daß sich die Nachricht davon durch die Stadt verbreite. Er glaubte an die Jungfrau und wollte sich, mit Hinblick auf die kommenden Gefahren, mit ihr gut stellen, doch zitterte er vor den Späßen seiner Freunde, welche sich in dem Kaffeehaus der Sierpesstraße versammelten.

Am Gründonnerstage hörte er mit seiner Frau das nächtliche Miserere in der Kathedrale an. In der großen Kirche brannten nur ein paar Kerzen, die gerade so viel Helligkeit verbreiteten, daß die Menge der Gläubigen nicht im Dunkeln tappen mußte.

In den Seitengängen standen die Angehörigen der besseren Gesellschaftskreise, welche sich der Berührung mit der schmutzigen Volksmenge im Schiff entziehen wollten.

Auf dem dunklen Chor flackerten, roten Sternen gleich, die paar Kerzen der Musiker und Sänger. Das Miserere von Eslava sandte seine süßen Weisen in diese furchterregende Umgebung von Nacht und Schweigen. Als die Tenorstimme die letzte Strophe beendigte und ihre Klage sich mit dem Rufe: »Jerusalem, Jerusalem!« an der Wölbung verlor, zerstreuten sich die Andächtigen, um in die Straßen zu kommen, welche mit ihren elektrischen Lampen, ihren Sesselreihen und den beleuchteten Balkonen den Eindruck eines Theaters machten.

Gallardo kehrte nach Hause zurück, um sich die Kapuze anzulegen. Angustias hatte sich voll Rührung, die sie in ihre eigene Jugend zurückversetzte, um sein Kleid gekümmert. Ah, ihr armer Mann, auch er war in dieser Nacht mit seinen kriegerischen Geräten fortgeeilt, um erst am nächsten Tage mit eingebeultem Helm zurückzukommen, da er mit seinen Waffengefährten alle Weinstuben Sevillas durchgekostet hatte.

Der Torero widmete seiner Vermummung die gleiche Sorgfalt, als ginge er in den Kampf. Er legte seidene Socken und Lackschuhe an, nahm dann das lange Überkleid aus weißem Satin und darüber die hohe spitze Kapuze aus grünem Samt, welche bis über die Schultern herabfiel. Auf der einen Seite prangte das Wappen der Brüderschaft in leuchtenden Farben und sorgfältiger Ausführung. Der Torero zog Handschuhe an und griff nach einem langen Stock, dem Zeichen der Brüder in ihrer Korporation: er war aus Stahl, mit grünem Samt beschlagen und endigte oben in einen silbernen Knopf.

Es war schon 12 Uhr vorbei, als diese elegante Kapuze durch die belebten Straßen nach der San Gil-Kirche ging.

Der Schein der Kerzen und das aus den offenen Türen der Schenken fallende Licht warf einen zitternden Glanz auf die Wände, welche wie im Reflex eines Brandes erglühten.

Ehe Gallardo zur Kirche kam, begegnete er in der engen Straße, durch welche die Prozession kommen mußte, die Gesellschaft der »Juden« und die Truppe der »römischen Soldaten«, welche, um ihre militärische Disziplin zu zeigen, den Marschschritt auf der Stelle einübten, wo sie standen, während der Trommler unermüdlich seinen Wirbel schlug.

Es waren junge und alte Männer, welche sich den Helm über ihr Haupt gestülpt hatten und einen braunen Kittel trugen. Die Beine steckten in fleischfarbigen Trikots, um die Füße waren Sandalen gewunden. Im Gürtel hing das römische Schwert, die Lanze baumelte, durch eine Schnur festgehalten, über die Schulter. Vor der Schar flatterte das römische Banner mit seiner lateinischen Aufschrift und bewegte sich mit der übrigen Schar im Takte des Trommelwirbels. An der Spitze der Soldaten stand, den Degen in der Hand, der Hauptmann, welcher sich Chivo nannte.

Er war ein Zigeunersänger, der diesen Morgen aus Paris gekommen war, um sich an die Spitze seiner Soldaten zu stellen. Ein Versäumen dieser Pflicht würde Verzicht auf den Hauptmannstitel bedeutet haben, ein Rang, den Chivo auf allen Plakaten der music-halls in Paris, wo er mit seinen Töchtern sang und tanzte, führte. Die Mädchen waren graziös und beweglich wie Eidechsen und setzten die Männer durch ihre feurigen Augen, ihre zarten Körper und ihre unheimliche Beweglichkeit in helle Begeisterung. Die ältere hatte ein großes Glück gemacht, indem sie mit einem russischen Fürsten durchging, worauf die Zeitungen von Paris tagelang von der Verzweiflung des »braven Offiziers der spanischen Armee« sprachen, welcher seine Ehre mit Blut rächen wollte Auf einem Boulevardtheater hatte man sogar eine Operette über den Raub der Zigeunerin gespielt und Torerotänze mit anderem Lokalkolorit auf die Bühne gebracht. Der Chivo versöhnte sich schließlich mit diesem Schwiegersohn zur Linken. Sein Hauptmannstitel lockte vielen Fremden ein bedeutungsvolles Lächeln auf die Lippen: »Ja, ja, Spanien ist weit heruntergekommen, da es seine Soldaten nicht bezahlt und sie zwingt, ihre Töchter tanzen zu lassen«. Wenn die Karwoche kam, trennte sich der Hauptmann mit der Geste eines strengen Vaters von seinen Töchtern, eilte nach Sevilla und dachte voll Stolz an seine Vorfahren, welche alle Anführer der »Juden« gewesen waren.

Bei einer Ziehung der Stadtlotterie fiel der Treffer von 10 000 Pesetas auf sein Los und er gab das ganze Geld für eine Uniform aus, die seinen Rang zum Ausdruck brachte. Die Frauen des Bezirkes liefen ihm nach und gafften ihn an, wenn er in seiner Rüstung und mit dem Helm, von dem ein weißer Federbusch herabhing, dastand, während der große, polierte Schild die Lichter der ganzen Prozession reflektierte. Unter dem Helm, der durch den weißen Federschmuck das dunkle Zigeunergesicht noch deutlicher hervortreten ließ, sah man den Backenbart, das Kennzeichen der Zigeuner. Das war nicht militärisch, sogar der Hauptmann gestand es offen ein, aber er mußte nach Paris zurück und war gezwungen, seinem Berufe Konzessionen zu machen.

Der Chivo schaute rechts und links herum und gab dann seine Befehle, worauf die Schar der Soldaten langsam vorwärts rückte. In jeder Gasse fand man Schenken und in der offenen Tür zeigten sich fröhliche Zecher, welche durch Becherleeren den Leidensweg des Herrn und seinen Tod zu vergessen suchten. Sobald sie aber den stattlichen Krieger sahen, grüßten sie ihn und boten ihm einen guten Trunk aus ihrem Becher an. Der Hauptmann verbarg seine Verwirrung, wandte den Blick ab und reckte sich in seiner metallenen Rüstung höher auf. Ja, wenn er keinen Dienst hätte! Andere, welche dreister waren, liefen über die Straße und hielten ihm das Glas unter den Helm, um ihn so durch den Duft des Weines zu verlocken. Aber der unbestechliche Zenturio bog sich nach rückwärts und streckte ihnen die Spitze seines Schwertes entgegen. Er mußte seine Pflicht tun. Dieses Jahr durfte es nicht so hergehen wie in den vergangenen, wo die Kompagnie sich gleich nach ihrem Auszug aufgelöst hatte und auf ihren schwankenden Füßen kaum mehr Schritt halten konnte.

Der Marsch durch die Straßen bedeutete für den Hauptmann einen wahren Leidensweg. Er spürte die Hitze unter seiner Rüstung und dachte schließlich, daß sich die Disziplin wegen eines einzigen Schluckes nicht lockern würde. Er nahm ein Glas an, dann ein zweites und bald lösten sich die Reihen auf, so daß man zahlreiche Nachzügler sah, welche bei jeder Schenke kürzeren oder längeren Aufenthalt nahmen.

Die Prozession ging, wie es Brauch war, nur langsam durch die Straßen und hielt ganze Stunden vor den Stationen des Kreuzweges. Sie hatte keine Eile, es war Mitternacht und der Zug der Macarena kehrte erst nächsten Mittag heim.

Zuerst kam der Wagen mit der Szene der Verurteilung Christi. Man sah da Pilatus, umgeben von zahlreichen Figuren, auf goldenem Throne sitzen, Soldaten und Troßknechte in buntfarbigen Kitteln und buschigen Helmen drängten sich um den Erlöser, welcher mit einer dunklen Samttunika bekleidet war und eine Aureole von drei vergoldeten Federn über der Dornenkrone trug. Da diese Szene so viele Figuren hatte und mit Äußerlichkeiten überladen war, erregte sie weniger Aufmerksamkeit und wurde gleichsam durch das nachfolgende Bild verdrängt: Es war die Königin des gläubigen Volkes, die Virgen de la Esperanza, la Macarena.

Wenn das Gnadenbild mit seinem lächelnden Antlitz und langen Augenwimpern die Kirche San Gil verließ, da begrüßte ein immer stärker werdendes Gemurmel der auf dem Platze versammelten Volksmenge die Gottesmutter. Wie schön war sie, ihr taten die Jahre nichts an.

Der glänzende weite Mantel, der mit reicher Stickerei verbrämt war und die Maschen eines Netzes nachzeichnete, fiel wie der schillernde Schweif eines gigantischen Pfaues nach rückwärts über den Tragrahmen herab. Die gläsernen Augen der Statue erglänzten, als würden sie aus Rührung über die Zurufe der Gläubigen weinen. Dazu kam das Glitzern der Kleinodien, welche den Körper bedeckten und sozusagen einen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Panzer über den Samt legten. Die Jungfrau schien in einem Regen von funkelnden Tropfen, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten, zu stehen. Um den Hals wanden sich Perlenschnüre und Goldketten, an denen Dutzende von Ringen hingen, welche bei jeder Erschütterung ein magisches Glitzern sehen ließen. Die Tunika und der vordere Teil des Mantels waren mit Geschmeide bedeckt, unter denen Smaragde Brillantgehänge und Ringe mit großen Steinen das Auge blendeten. Alle Gläubigen liehen ihren Schmuck her, um ihn auf dem Bilde der Himmelskönigin leuchten zu sehen. Die Frauen verzichteten für diese Nacht auf ihre Ringe und freuten sich, daß die Jungfrau ein Geschmeide tragen würde, das sonst ihr Stolz war. Die Zuschauer kannten diese Schmuckstücke, da sie sie alle Jahre sahen, und teilten sich ihre Wahrnehmungen mit, sobald sie neue bemerkten. Diesmal konnten sich die Blicke der Frauen kaum von zwei selten großen Perlen und einer Reihe von Ringen trennen. Sie gehörten einem Mädchen, das vor zwei Jahren nach Madrid gegangen und mit einem alten, reichen Manne zurückgekommen war. Was die Kleine für ein Glück hatte ...

Gallardo ging mit verhülltem Antlitz, in der Hand den Stock, im Zuge seiner Mitbrüder dem Gnadenbilde voran. Andere Mitglieder der Vereinigung trugen große, mit goldenen Quasten geschmückte Trompeten. Sie hoben das Mundstück ihrer Instrumente zum Ausschnitt, der die Lippen freiließ, und herzzerreißende Töne durchschnitten das Schweigen. Aber dieses durchdringende Geblase erweckte kein Echo in den Herzen der Zuhörer, noch weniger ließ es die Versammelten an den Tod denken. Aus den einsamen und dunklen Gassen brachte der Wind den Duft der frühlingsprangenden Gärten, Blüten und Blumen, welche in Töpfen und Vasen die Balkone schmückten. Der Himmel erglänzte im hellen Lichte des Mondes, der sein rundes Antlitz zwischen den weißen Schäfchenwolken zeigte, Der düstere Zug schien sozusagen gegen die Strömung der Natur anzukämpfen und mit jedem Schritt seine ernste, an ein Begräbnis gemahnende Feierlichkeit einzubüßen. Umsonst jammerten die Trompeten ihr Gestöhne in die Nacht und leierten die Sänger ihre Noten herunter, vergeblich zeigten die rohen Soldaten ihr finsteres Henkergesicht. Die Frühlingsnacht lachte und verbreitete überallhin ihren süßen Duft. Niemand konnte an den Tod denken.

Die Statue der Jungfrau war von ihren begeistertsten Verehrern umgeben. Man sah Landleute und Gärtner aus der Umgebung der Stadt mit ihren Frauen, welche Kinder an der Hand führten. Daneben standen Burschen des Bezirkes in ihrer Sonntagskleidung und mit herausfordernden Mienen, als ob sich jemand fände, der dem Bilde seine Ehrerbietung verweigern wollte und die Jungfrau des Schutzes ihrer Fäuste bedürfte. Sie gingen alle durcheinander, drückten sich in den Straßen zwischen dem Bilde und der Mauer hindurch, hatten aber immer ihre Augen auf die Jungfrau gerichtet, riefen sie an und sagten ihr Sprüchlein über ihre Schönheit und Wunderkraft her, all das mit der Ungezwungenheit ihres vom Wein erhitzten Gemütes und der Einfalt ihrer kindlichen Denkungsart.

Der Zug hielt mit dem Bilde alle 50 Schritte an. Man hatte keine Eile, die Nacht war lang. In vielen Häusern verlangte man, daß das Bild stehen bleibe, um es mit Muße zu betrachten.

Als der Gesang verstummte, brachen die Zuhörer in begeisterte Rufe aus. Der Wein kreiste am Fuße des Gnadenbildes und die wildesten der Zuhörer schwenkten ihm den Hut entgegen, als wäre die Statue ein hübsches Mädchen. Vor dem Wagen ging ein Bursche in brauner Tunika und mit einer Dornenkrone auf dem Haupte. Er war barfuß und keuchte unter der Last eines schweren Kreuzes. Wenn er nach längerer Rast das Bild der Jungfrau wieder einholen wollte, halfen ihm mitleidige Seelen, seine drückende Bürde zu tragen.

Die Frauen seufzten, als sie ihn sahen und bemitleideten ihn. Armer Kerl! Mit welch heiligem Eifer war er bei seinem Bußwerke. Alle im Bezirke gedachten noch seines gotteslästerlichen Frevels. Der verdammte Wein war schuld daran gewesen. Als vor drei Jahren die Prozession der Macarena in die Kirche zurückkehrte, da hatte jener Sünder das Gnadenbild vor einer Schenke des Marktplatzes halten lassen. Er sang der Jungfrau zu Ehren ein Lied und sagte ihr dann in seiner heiligen Begeisterung zärtlichste Liebesworte. Er verehrte sie mehr wie seine Braut. Um seinem Glauben mehr Ausdruck zu verleihen, wollte er ihr das, was er in den Händen hielt, vor die Füße werfen. Er glaubte, es sei sein Hut, doch ein Glas zerbrach auf dem Antlitz der Gottesmutter. Man brachte ihn wimmernd in den Kerker ... Er zitterte vor Furcht beim Gedanken an die langjährige Kerkerstrafe, die ihn wegen Religionsfrevels erwartete. Er weinte vor Reue über sein Vergehen, und als sich schließlich auch die Geistlichkeit für ihn verwendete, kam er gegen das Versprechen einer schweren Buße ohne Strafe davon.

Schweißbedeckt und keuchend schleppte er sein Kreuz, welches er, sobald die Last auf der einen Schulter zu schwer wurde, auf die andere legte. Die Weiber weinten mit der dem Süden eigenen Erregbarkeit, die sich gerne in dramatischen Manifestationen äußert, über diesen Beweis demütiger Bußfertigkeit. Seine Kameraden bemitleideten ihn, ohne es zu wagen, seiner zu spotten, und boten ihm Wein an. Er sei ja schon nahe daran, vor Ermüdung umzufallen, er brauche eine Erfrischung, sie wollten ihn ja nicht verspotten, sondern helfen. Der Büßer aber wendete seine Augen ab von den Gaben, die man ihm anbot, und richtete sie auf die Jungfrau. Er würde am nächsten Tage trinken können, wenn die Macarena wieder in der Kirche thronte.

Das Gnadenbild stand noch in einer Straße des Feriabezirkes und die Spitze der Prozession hatte bereits das Zentrum von Sevilla erreicht. Die Kapuzenträger und die Schar der Soldaten waren mit kriegerischer Schlauheit, wie ein Heer, das zum Angriff geht, vorangeeilt, sie wollten die Campana und mit dieser die Sierpesstraße gewinnen, ehe sich noch eine andere Brüderschaft hier ausbreitete. Befand sich diese Straße einmal in ihrem Besitz, konnten sie ruhig warten, bis der Zug mit dem Gnadenbilde kam. Ihre Brüderschaft besetzte alle Jahre diese Straße und hielt sie dann, ohne sich um die Proteste der anderen Vereinigungen zu kümmern, abgesperrt. Denn deren Bilder konnten sich mit der Macarena nicht vergleichen und waren deshalb infolge ihrer Bedeutungslosigkeit dazu verurteilt, hinter ihr zu kommen.

Die Trommeln der Truppe des Hauptmannes Chivo rasselten beim Eingang in die Campanastraße, als gleichzeitig die schwarzen Kapuzen einer anderen Brüderschaft, welche sich ebenfalls ihre Rechte sichern wollte, auftauchten. Die Menge zwischen den beiden Prozessionen wartete neugierig, denn es mußte gleich zum Kampfe kommen. Die »Macarenos«, welche die Prozession begleiteten, eröffneten die Feindseligkeiten mit Kerzen und Stöcken. Inzwischen aber ließ der Hauptmann Chivo, schlau wie ein Eroberer, eine strategische Schwenkung ausführen und besetzte die Campanastraße, während seine Trommler unter dem Beifall der Hilfstruppen des Stadtviertels diesen Erfolg mit fröhlichem Gerassel begleiteten.

Die Sierpesstraße war in einen Salon verwandelt. Auf den Balkonen drängten sich Zuschauer, elektrische Lampen hingen von den Kabeln, welche zwischen den beiden Häuserreihen gespannt waren, herab, alle Kaffeehäuser und Geschäfte erstrahlten in hellstem Lichte, aus den Fenstern blickten Zuschauer und an den Mauern standen lange Sesselreihen, in denen sich die Leute zusammendrängten und über die Sitzenden hinwegstolperten, wenn ein ferner Trompetenklang und Trommelwirbel das Herannahen der Gnadenbilder verkündete.

Diese Nacht schlief niemand und alle blieben auf, um bei Tagesanbruch den Zug der zahllosen Prozessionen zu sehen.

Es war schon drei Uhr früh und nichts deutete auf eine so vorgerückte Stunde hin. Die Leute warteten eifrig plaudernd in den Kaffeehäusern und Schenken auf das Eintreffen der Prozession, Verkäufer boten Erfrischungen und Leckereien an, ganze Familien saßen seit 2 Uhr nachmittags da und betrachteten den Zug der vielen Brüderschaften mit ihren Prunkmänteln und Statuen, deren reicher Schmuck Ausrufe der Bewunderung auslöste. Es war eine ganz eigene Welt, welche mit ihren seltsamen Bildern, den blutigen oder weinenden Gesichtern, kraß mit dem Luxus der Kleider und dem prachtvollen Schmuck, den sie trugen, kontrastierte.

Die Fremden, welche durch diese seltsame Tour, bei der eigentlich nur die Bildwerke das Element der Trauer versinnbildlichten, angelockt worden waren, hörten von den Sevillanern die den Zug betreffenden Erklärungen und Namen. Sie sahen die Bilder der verschiedenen Prozessionen und Kirchen langsam vorüberziehen. Auf dem San Franciscoplatz blieben alle Träger stehen und grüßten die vornehmen Fremden und Würdenträger, welche das Fest durch ihre Gegenwart beehrten, mit tiefen Verbeugungen.

Gleich hinter den Bildergruppen kamen Burschen mit Wasserkrügen. Hielt der Zug an, so hob sich ein Zipfel des samtenen Überwurfes und es zeigten sich 20 bis 30 schweißbedeckte, halbnackte Männer, deren Gesichter vor Anstrengung hochrot gefärbt waren und äußerste Erschöpfung erkennen ließen. Es waren die Träger, welche gierig nach Wasser verlangten. Wenn sich zufällig eine Schenke in der Nähe befand, so revoltierten sie gegen den Führer und wollten Wein. Sie waren gezwungen, viele Stunden in dem engen Traggehäuse zu bleiben und konnten nur gebückt essen oder trinken.

Diese Defilierung einer schwerfälligen Prunkentfaltung dauerte die ganze Nacht hindurch. Doch umsonst sandten die Trompeten ihre klagenden Töne in die Luft und forderten das Mitleid über den ungerechten, rührenden Tod Gottes heraus. Die Natur blieb ungerührt. Der Fluß plätscherte leise unter den Brücken und breitete seine glänzenden Flächen zwischen den schweigenden Wiesen aus. Die Orangenblüten öffneten tausend weiße Kelche und versandten einen süßen Duft. Die Palmenbäume wiegten ihre Fächerkronen über den maurischen Zinnen des Alcazar, die Giralda stieg wie ein blaues Gespenst zum Himmel auf und verdeckte ihn durch ihre Konturen. Der Mond schien, trunken von diesen nächtlichen Düften, auf die Stadt herabzulächeln, deren Bewohner unter dem Vorwand, die Erinnerung an einen längst vergangenen Todestag zu begehen, endlose Feste veranstalteten.

Jesus war tot: für ihn kleideten sich die Frauen in Schwarz und legten die Männer diese spitzzulaufenden Mäntel an, welche ihnen das Aussehen von seltsamen Insekten verliehen. Die Trompeten verkündeten diese Botschaft mit ihrem theatralischen Klageton, die Kirche tat es durch ihr finsteres Schweigen und ihre schwarzverhüllten Türen. Und der Fluß plätscherte leise weiter, als würde er einsame Paare einladen, sich an seinem Ufer niederzulassen. Die Palmen schaukelten ungerührt ihre breiten Wipfel und die Orangen hauchten ihren verführerischen Duft aus, als würden sie nur die Welt der Liebe, welche allein Leben und Freude betont, anerkennen. Der Mond blieb teilnahmslos, der Turm, welchem die Nacht einen bläulichen Schimmer verliehen hatte, verlor sich im Geheimnis der Dunkelheit und dachte mit dem einfältigen Sinn der unbelebten Wesen, daß die Ideen der Menschen sich mit den Jahrhunderten verändern, denn diejenigen, welche ihn aus dem Nichts geschaffen hatten, waren einem anderen Glauben ergeben.

Die Menge drängte sich mit fröhlicher Neugier in die Sierpesstraße. Die Bilder der Macarena, welche jetzt eine kompakte Prozession bildeten, marschierten mit Musikanten vorbei. Doppelt laut rasselten die Trommeln, schmetterten die Trompeten und lärmte die unruhige Schar der »Macarenos«. Die Leute in den Sesseln standen auf, um den Zug besser zu sehen.

Die Straße füllte sich plötzlich mit jungen Burschen, welche ihre Stöcke schwangen und der Jungfrau Hochrufe darbrachten. Ärmlich gekleidete Frauen gestikulierten mit ihren Armen, als sie sich plötzlich im Mittelpunkte Sevillas, der Sierpesstraße, sahen, durch welche sie sonst nur manchmal am Abend gingen. Ihr Schreien holte in dieser Nacht nach, was ihnen an anderen Tagen verwehrt war. Alle riefen, indem sie in die Kaffeehäuser und Klubs drangen: »Wir sind die Macarenos, Ruhm und Ehre der Jungfrau!« Einige Frauen zogen ihre Männer, die ihnen auf schwankenden Beinen und mit gesenktem Haupte folgten, hinter sich her. »Nach Hause!« ... Aber der schwankende Macareno sträubte sich mit seiner weinschweren Stimme: »Laß mich, Frau, ich will vorher noch ein Lied singen«. – Er hustete, hob die Hand zu seiner Kehle und begann, die Augen auf das Bild gerichtet, zu singen. Es schien, als ob eine Woge des Wahnsinns durch diese enge Straße geflutet wäre, als hätte sich dort eine Horde Betrunkener niedergelassen. Hundert Stimmen sangen gleichzeitig, jede in einer anderen Tonart und in einem anderen Rythmus. Bleiche, schweißbedeckte Burschen schleppten sich, auf die Schulter ihrer Kameraden gestützt, als gingen sie ihren letzten Gang, bis an das Traggestell des Bildes und fingen nun mit ersterbender Stimme ihr Preislied an.

Beim Eingang der Sierpesstraße lagen zahlreiche Macarenos auf dem Bauche, als wären sie die Toten dieser ruhmreichen Expedition.

Der Nacional betrachtete von der Tür eines Kaffeehauses mit seiner Familie den Zug der Brüderschaft. »Aberglaube und Rückständigkeit.« Doch auch er folgte der Gewohnheit und schaute sich alle Jahre den Zug der Macarenos an. Gallardo blieb ihm infolge seiner hohen Gestalt und der etwas theatralischen Art, mit der der Torero diese an die Inquisition gemahnende Kleidung trug, nicht lange verborgen.

»Juan, die Leute sollen Halt machen, im Kaffeehaus sind fremde Damen, welche gerne das Bild der hl. Jungfrau sehen möchten.«

Die Plattform, auf welcher das Bild thronte, blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, dann begann die Musik einen lustigen Marsch zu spielen und zugleich fingen die unter dem Samtteppich verborgenen Träger an, nach dem Takte der Musik zu tanzen, so daß die Plattform mit dem darauf befindlichen Bild in schwankende Bewegung geriet und die Leute rechts und links an die Wand drückte. Die Jungfrau tanzte mit all der Last ihres Geschmeides und der Blumen, die sie trug. Die Macarenos hatten dieses Kunststück sorgfältig eingeübt und waren auch nicht wenig stolz darauf. Die wackeren Burschen des Stadtviertels hielten den Rahmen an beiden Seiten fest und riefen, während sie allen Bewegungen folgten, voll Genugtuung über ihre Geschicklichkeit und Kraft aus: »Aufgepaßt, das ist der Tanz der Macarenos!«

Und als die Musik schwieg und das schwere Bild zur Ruhe kam, da brach der Beifall roh und wild los, man ließ die Statue der Macarena, der Heiligen, der Einzigen, immer wieder hoch leben.

Die Brüderschaft setzte ihren Weg fort, wobei sie in allen Schenken Nachzügler und auf allen Straßen schwer berauschte Männer liegen ließ. Als die Sonne aufging, überraschte sie den Zug am anderen Ende Sevillas. Das Bild und seine Begleiter glichen im hellen Lichte des Morgens einer zügellosen, von einer Orgie heimkehrenden Schar. Die Träger hatten nämlich die zwei Statuen inmitten des Marktplatzes stehen lassen und begrüßten nun den Morgen in der Schenke, wo sie Branntwein auftischen ließen.

Gallardo verließ die Prozession gleich nach Sonnenaufgang. Er hatte der Jungfrau während der Nacht genug Gefolgschaft geleistet und war überzeugt, sie würde sich dessen sicherlich erinnern. Außerdem bedeutete dieser letzte Teil des Festzuges, die Rückkehr nach San Gil, den unangenehmsten Teil der langen Feier. Die Leute, welche eben aufgestanden waren, verspotteten die Vermummten, welche im Sonnenlicht doppelt lächerlich aussahen und deutliche Spuren des Weingenusses und der durchtollten Nacht aufwiesen. Es war nicht ratsam, daß man den Torero in der Schar dieser Trunkenbolde zu sehen bekam. Frau Angustias erwartete ihn im Hofe des Hauses und half ihm beim Umkleiden. Er mußte sich ausruhen, nachdem er seine Pflicht der Jungfrau gegenüber erfüllt hatte. Ostersonntag war der erste Stierkampf nach seinem Unglücksfall. Welch entsetzlicher Beruf! Man kam niemals zur Ruhe und nach dieser kurzen Periode des Ausspannens und des Friedens sahen die armen Frauen ihre Martern aufs neue erstehen.

Während des Karsamstages und am Sonntag in der Frühe empfing der Torero die Besuche seiner Freunde und Anhänger, welche von auswärts nach Sevilla gekommen waren. Alle versicherten ihm ihre feste Zuversicht und freuten sich auf seine heutigen Taten. Gallardo teilte ihre Stimmung, der lange Aufenthalt auf dem Lande hatte ihn gestärkt. Er war wieder so kräftig, wie vor seinem Unglücksfall, an den ihn nur eine zeitweilige Schwäche in dem getroffenen Bein erinnerte. Doch auch diese spürte er nur nach langen Märschen.

»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht«, versprach Gallardo mit falscher Bescheidenheit. »Ich glaube, daß ich nicht schlecht abschneiden werde.«

Doch das Gespräch wandte sich einem anderen Gegenstande zu und selbst die Anhänger Gallardos vergaßen einen Augenblick auf den Stierkampf und erörterten ein Gerücht, das die Runde durch die Stadt machte.

Gendarmen hatten auf einem Berge der Provinz Cordoba einen stark verwesten Leichnam gefunden, dessen Kopf durch einen Gewehrschuß fast ganz zertrümmert war. Es war unmöglich, den Toten zu erkennen, doch seine Kleider und sein Karabiner wiesen darauf hin, daß es Plumitas war.

Gallardo hörte schweigend zu. Er hatte den Banditen seit seiner Verletzung nicht mehr gesehen, ihn jedoch in gutem Angedenken behalten. Von seinen Leuten auf dem Hofe wußte er, daß der Plumitas während seiner Rekonvaleszenz zweimal nach La Rinconada gekommen war, um sich nach ihm zu erkundigen. Und als er dann später auf seinem Landgut wohnte, berichteten ihm seine Hirten und Taglöhner verstohlenerweise vom Plumitas, der ihnen begegnet war und ihnen Grüße für Señor Juan aufgetragen hatte.

Armer Teufel. Gallardo bemitleidete ihn, da er sich seiner Ahnungen erinnerte. Die Behörden hatten ihn nicht erwischt. Er war während des Schlafes von einem seiner Freunde oder »Vertrauten« ermordet worden, von einem derer, die ihm auflauerten, um sich den ausgesetzten Preis zu verdienen.

Am Sonntag war Gallardos Gang in den Zirkus ungleich aufregender wie sonst. Carmen machte Anstrengungen, um ruhig zu erscheinen und blieb sogar im Zimmer, als Garabato seinen Herrn ankleidete. Sie lächelte mit schmerzgequältem Ausdruck. Sie zwang sich zur Heiterkeit, weil sie bei ihrem Manne die gleiche Absicht zu erkennen glaubte. Die alte Angustias hielt sich in der Nähe des Zimmers auf, um ihren Juan, gleichsam als ginge er für immer weg, noch einmal zu sehen.

Als Gallardo in den Hof kam, schlang die Mutter die Arme um seinen Hals, während sie Tränen vergoß. Sie sprach kein Wort, doch ihre tiefen Seufzer schienen ihre Gedanken zu enthüllen. Er trat zum erstenmale nach seiner Verwundung, und dazu noch am selben Platze, vor das Publikum. Ihr abergläubisches Gemüt bäumte sich gegen diese Herausforderung des Schicksals auf. Ach, wann würde er doch endlich dieses verfluchte Handwerk aufgeben? Hatte er denn noch immer nicht Geld genug?

Carmen war stärker, sie weinte nicht. Sie begleitete ihren Gatten bis an die Türe und suchte ihn aufzuheitern. Denn da nach Juans Unglücksfall ihre Liebe wieder entstanden war und sie in neuem Eheglück mitsammen lebten, glaubte sie nicht, daß ein zweiter Schlag sie treffen würde. Der erste war ein Werk Gottes gewesen, der oft Gutes aus Bösem erstehen ließ und sie durch diese Tage des Schmerzes wieder zusammengebracht hatte. Juan würde wieder wie früher auftreten und gesund nach Hause kommen.

»Viel Glück auf den Weg!«

Und mit liebevollen Blicken schaute sie der Kutsche nach, die, gefolgt von Straßenjungen, welche von der prunkvollen Kleidung der Stierfechter begeistert waren, schnell davonrollte. Als sie allein war, ging die arme Frau auf ihr Zimmer und zündete eine Kerze vor dem Bilde der hoffnungsreichen Mutter Gottes an.

Sie kamen in den Zirkus und eine lärmende Ovation, ein endloses Händeklatschen empfing die Cuadrilla. All das galt Gallardo. Das Publikum grüßte sein erstes Auftreten nach seinem furchtbaren Sturze, der die ganze Halbinsel in Aufregung versetzt hatte.

Als der Moment für Gallardo kam, dem ersten Stier entgegenzutreten, steigerte sich der Beifall zum Enthusiasmus. Die Frauen in weißer Mantilla folgten seinem Einzug mit dem Opernglase, die Besucher auf den billigen Plätzen begrüßten ihn mit derselben Wärme wie die Reichen. Selbst seine Feinde fühlten sich durch diesen plötzlichen Ausbruch der Begeisterung fortgerissen. Armer Bursche, er hatte so viel gelitten ... Der ganze Platz war für ihn. Niemals hatte Gallardo das Publikum so für sich gehabt wie jetzt.

Er hob die Kappe vor der Präsidentenloge um die Zuschauer zu begrüßen und wieder brach die Begeisterung los. Niemand verstand, was er sagte, doch mußten es schöne Worte gewesen sein, die er da gesprochen hatte. Und der Applaus begleitete ihn, als er sich dem Stier näherte, und machte dem Schweigen der Erwartung Platz, als er in der Nähe des Tieres stand.

Er streckte die Muleta aus und blieb vor dem Stiere stehen, ohne sich jedoch, wie früher, bis an die Hörner zu wagen, eine Kühnheit, die das Publikum immer in Aufregung versetzt hatte. Im Schweigen der Zuschauer machte sich ein Erstaunen bemerkbar, doch keiner sagte ein Wort. Gallardo stampfte mehrmals mit dem Fuße auf, um das Tier anzueifern, und es griff endlich an, wobei es jedoch kaum die Muleta streifte, da der Torero mit sichtlicher Eile zurückgesprungen war. Auf den Tribünen machte sich eine Bewegung bemerkbar, viele blickten sich fragend an. Was war das?

Der Espada sah neben sich den Nacional und einige Schritte weiter rückwärts einen anderen seiner Cuadrilla stehen, doch befahl er ihnen nicht wie früher, ihn allein zu lassen.

Im Zuschauerraum erhob sich infolge der erregten Bemerkungen ein dumpfes Gemurmel. Die Freunde des Torero hielten es für nötig, ihn zu entschuldigen.

»Er ist noch nicht ganz hergestellt. Er hätte nicht auftreten sollen. Er hinkt ja noch! Sehen Sie nicht?

Die Mäntel der beiden Stierfechter halfen Gallardo bei seinen Angriffen. Der Stier sprang wütend zwischen den roten Tüchern hin und her, und kaum ging er auf die Muleta los, spürte er schon den Mantel des anderen Toreros, der ihn vom Espada abzog.

Wie um aus dieser Lage herauszukommen, richtete sich Gallardo mit erhobenen Degen auf und warf sich auf den Stier.

Ein Murmeln des Staunens begleitete den Stoß. Der Degen war kaum bis zu einem Drittel seiner Länge eingedrungen und schwankte derart hin und her, daß er jeden Augenblick herunterfallen konnte. Gallardo hatte sich aus den Hörnern losgemacht, ohne, wie früher, den Degen bis zum Griff hineinzustoßen.

»Der Stoß war gut gezielt«, riefen seine Anhänger auf den Degen deutend und applaudierten eifrig, um mit dem Lärm der Kundgebung ihre geringe Zahl zu verdecken.

Die Kenner lächelten geringschätzig. Der Bursche da unten war im Begriffe, das Einzige zu verlieren, was ihn noch auszeichnete: Seine Unerschrockenheit, sein wildes Draufgehen. Sie hatten wohl bemerkt, wie er im Augenblicke, als er den Stier traf, instinktiv den Arm zurückzog und sein Antlitz mit jener Bewegung der Furcht, welche die Leute im Augenblicke der Gefahr wegblicken läßt, zur Seite wandte.

Der Degen rollte auf den Boden hin und Gallardo, der einen anderen genommen hatte, eilte, von seinen Leuten begleitet, hinter dem Stiere her. Der Mantel des Nacional war bereit, sich neben ihm zu entfalten, um das Tier auf sich zu ziehen. Außerdem machte das Geschrei des Banderillo den Stier ganz verwirrt und bewirkte, daß er von Gallardo abließ.

Ein zweiter Degenstoß hatte denselben Erfolg, die Klinge drang kaum bis zur Hälfte in den Körper ein. Die Zuschauer begannen zu protestieren und Gallardo öffnete, vor dem Stiere stehend, kreuzweise die Arme, um dadurch dem Publikum anzuzeigen, daß das Tier mit diesem Stoße erledigt sei und jeden Augenblick stürzen werde. Doch der Stier blieb auf den Füßen und bewegte den Schädel hin und her. Der Nacional brachte ihn durch das Spiel mit dem Mantel wieder in Lauf und schlug ihn dabei, so stark er konnte, auf den Hals. Das Publikum, das seine Absicht erriet, begann zu protestieren. Er ließ den Stier laufen, damit sich der Degen durch die Erschütterung stärker einbohre. Seine Schläge sollten die Waffe tiefer hineinstoßen. Man schrie ihm Schimpfworte zu, überall auf den Tribünen schwenkte man drohend die Stöcke, Orangen und Flaschen flogen gegen ihn in die Arena. Doch teilnahmslos, als wäre er blind und taub, ertrug er diesen Hagel von Beschimpfungen und Wurfgeschoßen und trieb mit der Befriedigung eines Mannes, der seine Pflicht tut und einen Freund rettet, den Bullen weiter durch die Arena.

Plötzlich stieß der Stier einen Blutstrom aus dem Maul aus, ließ sich auf die Knie nieder und blieb so unbeweglich, hielt jedoch das Haupt hoch, bereit, sich zu erheben und anzugreifen. Ein Stierfechter, dessen Aufgabe es war, den verletzten Tieren den Gnadenstoß zu geben, näherte sich, um dieser für Gallardo peinlichen Szene ein Ende zu machen. Der Nacional half ihm dabei, indem er verstohlen den Degen bis zum Griff hineindrückte.

Die Zuschauer der Sonnenseite sprangen voll Entrüstung auf, als sie diese Bewegung des Banderillo bemerkt hatten.

»Räuber, Mörder.«

Sie ereiferten sich für das arme Tier. Sie drohten dem Nacional mit den Fäusten, als hätte er ein Verbrechen begangen, und der Banderillo eilte schließlich gesenkten Blickes aus der Arena.

Gallardo war inzwischen zur Präsidentenloge gegangen, um seinen Gruß abzustatten und seine bedingungslosen Anhänger begleiteten ihn mit umso lauterem Beifall, je kleiner die Schar war.

»Er hat kein Glück gehabt,« sagten sie mit unerschütterlichem Glauben, »doch die Stöße waren gut gezielt, keiner kann es bestreiten.«

Der Espada lehnte sich einen Augenblick an die Brüstung der Tribüne, auf der seine Anhänger saßen. Er gab ihnen Erklärungen über sein Verhalten. Der Stier taugte nichts, er hatte keine Möglichkeit gehabt, mit ihm etwas anzufangen.

Seine Freunde, Don José vor allen, bestätigten diese Erklärungen, welche sich mit den ihrigen deckten.

Gallardo blieb den größten Teil der Corrida im Schutze der Barriere. Solche Entschuldigungen konnten vielleicht seine Anhänger befriedigen, doch er fühlte in seinem Innern einen grausamen Zweifel, ein Mißtrauen gegen sich, das er niemals gekannt hatte. Die Stiere erschienen ihm größer, mit einer bisher ungekannten Lebenskraft begabt, die dem Tode einen stärkeren Widerstand entgegensetzte. Früher fielen sie unter seinem Degen mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Zweifellos hatte man für ihn das schlechteste Vieh ausgewählt, um ihm einen Mißerfolg zu bereiten. Wieder Intrigen seiner Feinde!

Ein anderer Gedanke stieg langsam aus diesen widerstreitenden Gefühlen auf, doch er wollte ihn nicht aufkommen lassen. Sein Arm kam ihm kürzer vor, wenn er den Degen nach vorwärts stieß. Früher traf er den Hals mit Blitzesschnelle, jetzt schien ihm der Zwischenraum unerträglich lang und er wußte nicht, wie er sich dieses Gefühles erwehren sollte. Auch seine Füße gehorchten ihm nicht so wie früher, es dünkte ihm, als ob sie ihren eigenen Willen hätten. Umsonst befahl er ihnen, ruhig und fest, wie sie es gewohnt waren, zu stehen. Sie wollten nicht. Sie schienen Augen zu haben, die Gefahr zu sehen, und sprangen mit ungewöhnlicher Leichtigkeit zurück, als ob sie die Schwingungen der Luft vor dem Stoß der Bestie fühlten.

Gallardo kehrte sein Schamgefühl über sein Mißgeschick und die Wut wegen seiner plötzlichen Schwäche gegen das Publikum. Was wollten denn diese Leute? Sollte er sich zu ihrem Vergnügen töten lassen? Er trug mehr als einen Beweis seiner Kühnheit am Körper, er brauchte seinen Mut nicht wieder aufs neue zu beweisen. Es war ein Wunder, daß er noch lebte, und er hatte dies der Gnade des Himmels, den Gebeten seiner Mutter und seiner armen Frau zu verdanken. So knapp wie er war keiner dem Tode entgangen und er wußte besser wie alle anderen, was es hieß, zu leben. Er wollte nun, wie so viele seiner Kameraden es taten, den Beruf ausüben, einmal gut, das andere Mal schlecht. Auch der Stierkampf ist nur ein Geschäft und hat man einmal den Anfang gemacht, so handelt es sich darum, am Leben zu bleiben und sich so gut als möglich aus der Affäre zu ziehen. Er wollte sich nicht zum Vergnügen der Leute aufspießen lassen, um dann einen ehrenvollen Nachruf zu erhalten.

Als der Augenblick kam, den zweiten Stier zu erlegen, flößten ihm diese Gedanken eine ruhige Zuversicht ein. Er würde sein Möglichstes machen, um sich nicht dem Bereich seiner Hörner auszusetzen.

Als er sich dem Stiere näherte, trug er wieder die Geste seiner großen Zeit zur Schau, als er dem Nacional sein: »Zurück!« entgegenrief.

Die Menge ließ ein Murmeln der Anerkennung vernehmen. Er hatte seine Leute weggeschafft, nun würde er wieder seine alte Tollkühnheit zeigen.

Doch die Erwartungen der Zuschauer wurden gleich am Beginn enttäuscht, da sich der Nacional nicht abhalten ließ, mit dem Mantel auf dem Arm seinem Herrn zu folgen, dessen theatralische Pose er wohl durchschaut hatte.

Gallardo streckte die Muleta nach vorwärts, hielt sich aber dabei in ziemlicher Entfernung von dem Stier und versicherte sich dabei der Hilfe seines Banderillos.

Als er einen Augenblick mit gesenkter Muleta dastand, machte der Stier eine Bewegung, als wenn er ihn angreifen wollte, ohne jedoch die Absicht auszuführen. Der Espada ließ sich durch diese Bewegung täuschen und sprang mit Riesenschritten vorschnell zurück, ohne daß ihn das Tier angegangen wäre. Die Nutzlosigkeit dieses Rückzuges wahrnehmend, blieb er verdutzt stehen und ein Teil des Publikums lachte, während die anderen Ausrufe des Erstaunens hören ließen. Man vernahm sogar Pfiffe und höhnische Zurufe.

Gallardo wurde rot vor Zorn. Das mußte ihm und noch dazu in Sevilla passieren. Er fühlte das Draufgängertum seiner ersten Jahre, das blinde Verlangen, sich auf den Stier zu werfen und das Weitere dem Geschicke zu überlassen. Aber sein Körper verweigerte ihm den Gehorsam. Sein Arm schien schwer zu werden, seine Beine zögerten, den Forderungen seines Willens nachzukommen.

Doch das Publikum, das seine Aufwallung bedauerte, kam ihm zu Hilfe und gebot Schweigen. Wie konnte man nur einen Mann, der noch Rekonvaleszent nach einer derart schweren Verletzung war, so behandeln. Das war Sevillas unwürdig. Ruhe also!

Gallardo benützte diese Stimmung der Zuschauer, um sich seiner Aufgabe zu entledigen. Er näherte sich seitwärts dem Stiere und stieß ihm heimtückisch den Degen in die Seite. Wie vom Schlage getroffen stürzte der Stier zu Boden, während ihm ein Blutstrom aus dem Mund quoll. Einige applaudierten, ohne zu wissen warum, andere pfiffen, die Mehrheit dagegen blieb stumm.

Als Gallardo den Zirkus verließ, bemerkte er das Schweigen der Menge. Gruppen zogen an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen, ohne ihm wie sonst nach glücklich bestandenen Stierkämpfen zuzujubeln. Auch die Schar der Neugierigen, die draußen auf den Nacional warteten und noch vor Schluß der Veranstaltung von allen Einzelheiten unterrichtet waren, ließ seinen Wagen, ohne ihn wie sonst zu begleiten, vorüberziehen.

Gallardo verkostete zum erstenmale die Bitterkeit des Mißerfolges. Sogar seine Banderillos waren verdrossen und schweigsam wie Soldaten auf dem Rückzuge. Doch als der Torero zuhause seine Mutter umarmte, Carmens Freude sah und die weichen Wangen der Kinder küßte, da fühlte er, wie diese Traurigkeit verschwand. Zum Teufel mit allen Skrupeln! Die Hauptsache war, zu leben und die Ruhe seiner Familie zu sichern, das Geld so wie andere Stierfechter zu verdienen, indem er schön vorsichtig war und allen Tollkühnheiten, die früher oder später zum Tode führten, bedachtsam aus dem Wege ging.

In den folgenden Tagen fühlte er das Bedürfnis, sich zu zeigen, und seine Freunde in den Kaffeehäusern und in den Klubs der Sierpesstraße aufzusuchen. Er glaubte, wenn er durch seine Gegenwart die bösen Kritiker zu einem höflichen Schweigen veranlaßte, die Kommentare über seinen Mißerfolg vermeiden zu können. Er verbrachte ganze Abende in Gesellschaft jener kleinen Leute, die er seit langem verachtet hatte, um die Freundschaft der Reichen zu gewinnen. Dann ging er in den Klub der »Fünfundvierzig«, wo sein Vertreter durch die Kraft seiner Stimme und seiner Gestikulationen den Ruhm Gallardos verteidigte.

Braver Don José. Sein Enthusiasmus war unerschütterlich, er glaubte bombenfest, daß sein Torero immer der bleiben mußte, für den er ihn hielt. Nicht eine Kritik, nicht ein Tadel kam wegen dieses Mißerfolges über seine Lippen. Im Gegenteil, er nahm es auf sich, ihn zu entschuldigen, wobei er ihm noch gute Ratschläge gab.

Das Spiel tröstete Gallardo und ließ ihn an andere Dinge denken. Er setzte sich mit neuer Leidenschaft an den grünen Tisch und verlor daselbst sein Geld im Kreise jener jungen Lebewelt, die über seinen Mißerfolg hinwegging, weil er ein eleganter Torero war. Eines Abends speisten sie mit einigen fremden Damen, Bekanntschaften dieser Herren aus Paris, in der Eritana. Die Frauen waren nach Sevilla gekommen, um die Feste der Karwoche und den Stierkampf zu sehen, außerdem wollten sie die pittoresken Seiten des Landes kennen lernen. Ihre Schönheit war schon etwas verblüht und wurde durch Kunst und Eleganz gehoben. Die jungen Leute des Klubs umschwärmten sie, da sie durch den Zauber des Fremdartigen angezogen wurden und ihre Bemühungen, ihnen durch ihren Reichtum den Aufenthalt zu verschönern, keine Zurückweisung erfuhren. Die Gäste wollten einen berühmten Torero kennen lernen, jenen Gallardo, dessen Bild sie so oft in den Zeitungen und auf Zündholzschachteln betrachtet hatten. Statt ihn in der Arena zu sehen, war es ihr Wunsch, seine Bekanntschaft im Kreise ihrer Freunde zu machen.

Die Reunion fand im großen Speisesaal der Eritana statt, in einem Salon, der inmitten eines Gartens stand und eine ziemlich klägliche Nachahmung der Alhambra war. Man trank unter stürmischer Beredsamkeit auf die Größe des Vaterlandes, die Frauen tanzten den Tango und in den Ecken hörte man zwischen Becherklang und Flaschenklirren ein sinnliches Frauenlachen oder erstickte Küsse.

Gallardo wurde von den drei Frauen wie ein Halbgott empfangen. Sie vergaßen ganz auf ihre Freunde, verschlangen ihn mit den Augen und stritten sich um die Ehre, neben ihm sitzen zu können. Sie erinnerten ihn an Doña Sol, die er fast vergessen hatte, an diese Frau mit dem Goldhaar, dem eleganten Auftreten und diesem berückenden Duft, der ihrem verführerischen Körper entströmte und ihn in einen Rausch der Wollust versenkt hatte.

Die Gegenwart seiner Kameraden trug noch dazu bei, die Erinnerung lebhafter werden zu lassen. Alle waren Freunde der Doña Sol, einige gehörten sogar ihrer Familie an und er hatte sie sozusagen als Verwandte betrachtet ...

Sie aßen und tranken mit jener wilden Unmäßigkeit nächtlicher Feste, deren Wahlspruch »Genießen« ist. In einer Ecke des Salons spielten Zigeuner auf ihren Gitarren melancholische Lieder. Eine der Frauen sprang mit der Begeisterung der Anfängerin auf den Tisch und begann schwerfällig die Hüften zu bewegen, um die spanischen Tänze nachzumachen und ihre Fortschritte, die sie in einigen Tagen unter der Leitung eines Sevillanischen Lehrers gemacht hatte, bewundern zu lassen.

Die Herren verspotteten ihre Schwerfälligkeit, betrachteten aber mit gierigen Augen die Linien ihres Körpers. Sie dagegen nahm, voll Stolz auf ihre Kunst, diese unverständlichen Zurufe für Beifall auf und setzte den Tanz fort, wobei sie noch die Arme in steifer, gezwungener Haltung über den Kopf hob.

Nach Mitternacht waren alle betrunken. Die Frauen, welche jede Zurückhaltung abgelegt hatten, umschmeichelten den Torero mit ihrer Bewunderung. Er ließ sich teilnamslos die Liebkosungen ihrer Hände gefallen, während ihm ihre Lippen heiße Küsse auf Wangen und Hals drückten. Er war betrunken, aber seine Trunkenheit war traurig. Ah, die andere, die echte Blonde. Das Blond dieser Haare, die sich da um ihn herumwanden, war falsch und bedeckte eine grobe, durch chemische Essenzen verhärtete Haut. Die Lippen rochen nach parfümiertem Fett, ihre Körper schienen ihm hart wie Stein zu sein. Durch ihre Parfüms erriet er den ursprünglichen Geruch der niedrigen Herkunft. Ah, die andere ...

Ohne zu wissen wie, fand er sich plötzlich im Garten unter dem nächtlichen Schweigen der Bäume, deren Laub wie Silber im Mondenschein glänzte. Die Fenster des hellbeleuchteten Saales glühten wie offene Höllenschlünde, vor welchen, Dämonen gleich, schwarze Schatten hin- und herhuschten. Eine Frau zog ihn am Arm und Gallardo ließ sich, ohne sie anzusehen, wegführen, während seine Gedanken weit, weit fort waren.

Nach einer Stunde kehrte er in den Speisesaal zurück. Seine Gefährtin, deren Augen feindselig funkelten, sprach mit ihren Freundinnen. Diese lachten und zeigten ihn mit einer geringschätzigen Bewegung den übrigen Männern, welche ebenfalls spöttische Bemerkungen machten ... Oh Spanien, Land der Enttäuschungen, wo alles, selbst das Herz der Helden, nur ein Trug ist.

Gallardo trank immer mehr. Die Frauen, welche ihn früher mit ihren Liebkosungen überhäuft hatten, wandten sich nun den anderen zu.

Der Torero war eben im Begriff, auf einer Bank einzuschlafen, als ihm einer seiner Freunde den Vorschlag machte, ihn im Wagen heimzuführen. Er mußte nämlich früher zu Hause sein, ehe sich seine Mutter erhob, um wie alle Tage in die Frühmesse zu gehen.

Die Nachtluft konnte die Trunkenheit Gallardos nicht zerstreuen. Als ihn der Freund in seiner Straße absetzte, ging der Torero schwankenden Schrittes bis zum Hause. Bei der Tür blieb er stehen, hielt sich mit beiden Händen an der Wand und ließ das Haupt auf seinen Arm sinken, als würde er das Gewicht seiner Gedanken nicht ertragen können.

Er hatte seine Freunde, das Souper in der Eritana, und die drei Frauen, die sich um ihn gestritten hatten, ganz vergessen. Etwas anderes war in seinem Gedächtnis geblieben... jedoch ganz unbestimmt und nur an einem Faden haftend. Jetzt beschäftigten sich seine Gedanken durch einen jener Sprünge, wie die Trunkenheit sie liebt, mit den Stierkämpfen. Er war der erste seiner Zunft, versicherten ihm sein Vertreter und alle Freunde, so war es auch wirklich der Fall. Er wollte seinen Gegnern das nächstemal schon zeigen, was er leisten könne. Letztes Mal hatte er Pech gehabt, das Glück war ihm abhold gewesen.

Und im Bewußtsein der gewaltigen Kraft, die ihm die Trunkenheit in diesem Augenblicke verlieh, betrachtete er alle Stiere wie schwache Ziegen, die er mit einem Schlage seiner Hand niederschlagen konnte.

Der letzte Mißerfolg zählte nicht, denn, wie der Nacional sagte: »Auch der beste Sänger kann einmal umschmeißen«.

Und dieser Ausspruch, den ehrwürdige Vertreter der Stierfechtkunst in den Tagen des Mißerfolges zu wiederholen pflegten, erfüllte ihn plötzlich mit unwiderstehlicher Lust zu singen und mit seiner Stimme die schweigende Straße zu erfüllen.

So begann er, ohne den Kopf von den Armen zu heben, ein Lied seiner eigenen Erfindung. Es war ein Lobgesang auf seine Verdienste. »Ich bin Gallardo und mutiger als Gott«, und da er keine Steigerung auf diesen ersten Vers fand, wiederholte er mit rauher und eintöniger Stimme die gleichen Worte, die das Schweigen der Straße unterbrachen und das laute Gebell eines Hundes hervorriefen.

Das Erbe seines Vaters erwachte in ihm: Die Sangeslust, welche seinerzeit auch den Flickschuster Juan zu seinen nächtlichen Ständchen begeistert hatte.

Die Türe des Hauses öffnete sich und Garabato streckte noch ganz verschlafen den Kopf heraus, um nach dem Trunkenen zu sehen, dessen Stimme ihm bekannt vorgekommen war.

»Ah, du bist's,« sagte der Torero, »warte, bis ich die letzte Strophe gesungen habe.«

Und er wiederholte das eintönige Loblied auf den Preis seiner Tüchtigkeit, bis er sich endlich entschloß, ins Haus zu gehen.

Er wollte sich nicht zu Bette legen. Da er seinen Zustand fühlte, schob er den Augenblick hinaus, in das Zimmer zu treten, wo ihn Carmen, die gleichfalls wach war, erwartete.

»Geh nur schlafen, Garabato, ich habe hier noch viel zu tun.«

Er wußte nicht was, aber es zog ihn in sein Zimmer, wo all die Bilder mit ihrem aufdringlichen Schmuck und den Erinnerungen an frühere Stierkämpfe seinen Ruhm verkündeten.

Als die Birnen des Lüsters erglühten und der Diener sich entfernt hatte, blieb Gallardo in der Mitte des Zimmers stehen und blickte, während er das Gleichgewicht zu halten suchte, voll Bewunderung umher, als würde er dieses Museum seines Ruhmes das erstemal betreten.

»Großartig, wunderbar,« murmelte er, »dieser prächtige Bursche, das bin ich, dort ebenfalls und dort wieder, nur ich allein ... Und doch gibt es Leute, die ... Verdammt sollen sie sein ... Ich bin der erste unter meinesgleichen. Don Jose sagte es und er spricht die Wahrheit«.

Er warf seinen Hut auf den Diwan, stützte sich dann schwankend mit den Händen auf den Schreibtisch und starrte auf das gewaltige Stierhaupt, welches die gegenüberliegende Wand einnahm.

»Holla, gute Nacht, mein Bursche, was machst du da? Muh, muh muh.«

Er begrüßte ihn mit der kindischen Nachahmung des Gebrülles der Stiere. Er erkannte ihn nicht und konnte sich auch nicht erinnern, warum dieses zottige Haupt mit seinen drohenden Hörnern dort oben hing. Doch langsam kehrte sein Gedächtnis zurück. »Ich kenne dich ... Ich erinnere mich ganz gut an das, was ich deinetwegen ausstehen mußte. Die Leute pfiffen und warfen mir Flaschen nach. Und du freutest dich, du Hund ...«

Sein trunkener Blick glaubte ein höhnisches Nicken des glänzenden Schädels und das Funkeln der gläsernen Augen zu sehen, als ob sein alter Feind diese Worte bekräftigte.

Da fühlte der Trunkene, der bis jetzt lachend und gutmütig geblieben war, wie bei der Erinnerung an diesen mißlichen Tag der Zorn in ihm aufstieg. »Was, du lachst noch immer?« ... Diese heimtückischen, falschen Bestien waren Schuld, daß ein Mann wie er beschimpft und ausgelacht wurde. Ah, wie Gallardo sie haßte. Voll Wut trafen seine Blicke die gläsernen Augen des gehörnten Kopfes. »Was, du lachst noch, du Hundesohn? Zum Teufel mit dir!«

Im Banne eines Wutanfalles lehnte er sich über den Tisch, streckte die Arme aus und öffnete die Lade. Dann richtete er sich auf und hob eine Hand bis zum Schädel des Stieres ...

Zwei Revolverschüsse krachten. Ein Glasauge sprang in Splitter und in der Stirne der Bestie klaffte, umgeben von versengten Haaren, ein rundes schwarzes Loch.

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