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Die blutige Arena

Vincente Blasco Ibañez: Die blutige Arena - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleDie blutige Arena
publisherEuropäischer Phönix-Verlag
printrunDritte Auflage
translatorStefan Hofer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidb4111919
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VI

»Ich kann es nicht glauben, Sebastian. Wie kann ein Mann wie du, der Frau und Kinder hat, sich zu solchen Kuppeleien hergeben ... Wohin sind denn deine Grundsätze und deine Religion gekommen?«

Der Nacional, auf den die Entrüstung der Mutter Juans und die Tränen Carmens, welche leise in ein Taschentuch hineinweinte, starken Eindruck machten, verteidigte sich nur schwach. Aber bei den letzten Worten richtete er sich mit fast priesterlicher Würde auf.

»Frau Angustias, laßt meine Ansichten in Ruhe, ich war auf La Rinconada, weil mein Herr es mir befahl. Wisset Ihr, was eine Cuadrilla ist? Dasselbe wie ein Heer: Disziplin und Gehorsam. Der Torero befiehlt und ich folge. Wir müssen so gehorchen, wie seinerzeit die Diener der Inquisition.«

»Schwindler,« schrie Frau Angustias, »schöne Ausreden, deine Inquisition. Vor allem hast du diese arme Frau getötet, welche den ganzen Tag wie eine mater dolorosa weint. Dir ist es aber lieber, die Streiche deines Herrn zu verdecken, weil er dir zu essen gibt.«

»Ihr habt es gesagt, Frau Angustias, Juan gibt mir zu essen. Und da ich mein Brot von ihm empfange, muß ich ihm gehorchen ... versetzet Euch doch in meine Lage. Mein Herr sagt mir, ich solle nach La Rinconada gehen. Gut. Ferner, daß wir mit einer sehr schönen Dame im Automobil hinausfahren. Was soll ich da machen? Der Herr will es so. Außerdem war er ja nicht allein. Der Potaje ging auch mit und er ist trotz seines bäuerlichen Aussehens ein ehrenwerter Mann.«

Die Mutter des Torero geriet über diese Entschuldigung in noch größeren Zorn.

»Was, Potaje? Das ist der größte Lump, den Juan, wenn er nur auf Anstand hielte, nicht in seiner Cuadrilla behalten dürfte. Sprich mir nicht von diesem Säufer, der seine Frau prügelt und seine Kinder verhungern läßt.«

»Gut, weg mit Potaje ... Ich sage, daß ich jene Dame sah. Und was ist dabei? Sie ist keine Straßendirne, sondern die Nichte des Marquis, eine Bewunderin des Herrn. Und Ihr wißt, daß die Toreros mit solchen Leuten gar freundlich sein müssen. Wir leben ja vom Publikum. Was ist also Schlechtes dabei? Und dann noch dazu im Hof. Sie sprachen sich mit ›Sie‹ an, jedes schlief in seinem eigenen Zimmer, nicht ein schlechter Blick, nicht ein schlechtes Wort, Anstand zu jeder Stunde. Und wenn der Potaje kommt, wird er sagen ...«

Aber Carmen unterbrach ihn mit böser, vom Schluchzen unterbrochener Stimme:

»Das alles geschah in meinem Hause, in unserem Hofe! Sie schlief außerdem noch in meinem Bett! Ich wußte alles und war ruhig. Aber er! In ganz Sevilla ist kein Mann, der sich so etwas traut.«

Der Nacional sprach mit klugen und gütigen Worten auf sie ein:

»Beruhigt Euch, Frau Carmen, auch das hat nichts zu sagen. Es war nur ein Besuch einer Frau, welche Euren Mann bewundert und sehen wollte, wie er eigentlich seine Ferien verbringt. Diese Damen, welche durch ihre Erziehung zu halben Fremden geworden sind, stecken immer voll Launen. Wenn ihr erst die Französinnen gesehen hättet, als wir in Nimes und Arles waren.«

Doch ohne auf die beruhigenden Worte des Nacional zu achten, setzte Carmen ihre Anklagen fort, während Frau Angustias in dem Lehnstuhle, den sie ganz ausfüllte, wie eine Rachegöttin dasaß, die Augenbrauen runzelte und sich zu neuen Vorwürfen anschickte.

»Schweige, Sebastian, und lüge nicht. Ich weiß alles. Ein schamloses Beginnen, diese Reise nach La Rinconada, ein wahres Zigeunerlager! Man erzählt sogar, daß der Räuber Plumitas mit euch war.«

Diese Worte gaben dem Nacional einen Riß. Er glaubte, einen schäbigen Reiter mit speckigem Filzhut in den Hof kommen zu sehen, er sah ihn absteigen und mit dem Gewehr auf ihn zielen. Dann war ihm, als kämen Gendarmen, er glaubte Fragen zu hören und Hände zu sehen, welche schrieben, und dann ging die ganze Cuadrilla in ihrer Galakleidung ins Gefängnis. Da mußte er ganz energisch leugnen und die alte Angustias glaubte schließlich, überzeugt durch die Proteste des Nacional und überdies bezüglich dieser Nachricht nur auf Gerüchte angewiesen, den Beteuerungen des Banderillo. Gut, mit Plumitas war es nichts, aber dafür wog das andere, der Besuch jener Frau auf dem Hofe, umso schwerer. Und blind in ihrer Mutterliebe, welche für alle Schritte ihres Sohnes die Gefährten verantwortlich machte, überhäufte sie den Nacional weiter mit ihren Vorwürfen. Der Banderillo lief ihr schließlich davon, denn trotz ihrer Entrüstung hatte sie nichts von der Zungenfertigkeit der ehemaligen Fabriksarbeiterin eingebüßt. Er traf Gallardo auf der Straße. Der Torero schien schlechter Laune zu sein, doch als er seinen Banderillo sah, zwang er sich zu einem Lächeln, als ob der häusliche Zwist keinen Eindruck auf ihn machte.

»Juan, ich komme nicht mehr zu Euch, und wenn man mich herschleppen müßte. Frau Angustias beschimpft mich, als wenn ich ein Zigeuner wäre, und schaut mich an, als hätte ich die Schuld allein. Laßt mich das anderemal freundlichst aus dem Spiel, sucht Euch einen anderen, wenn Ihr mit Frauen geht.«

Gallardo lächelte vergnügt. Das alles mache nichts, die Sache werde schnell vorbeigehen, er hätte schon größere Stürme überstanden.

»Du mußt mit mir nach Hause gehen, vor Leuten streiten sie nicht.«

»Ich?« rief der Nacional, »eher gehe ich in die Kirche!«

Nach dieser Beteuerung hielt es der Torero für unnötig, noch ein weiteres Wort zu verlieren. Er verbrachte den größten Teil des Tages außer Haus, um so dem mürrischen, oft von Tränen unterbrochenen Schweigen der Frauen zu entgehen, und wenn er heimkehrte, war er immer von Freunden oder seinem Vertreter begleitet.

In dieser Zeit war der Schwager ein wertvoller Bundesgenosse. Zum erstenmal betrachtete er den Torero als einen sympathischen, durch sein Äußeres beachtenswerten Mann, der ein besseres Los verdiente. Er unternahm es während der Abwesenheit des Stierfechters, die wütenden Frauen, auch die seinige gehörte dazu, etwas zu beruhigen.

»Sehen wir doch einmal,« sagte er, »was ist das Ganze? Eine Kinderei. Juan ist eine Persönlichkeit und soll mit einflußreichen Leuten verkehren. Was ist dabei, wenn jene Dame auf dem Hofe war? Er muß sich um die Gunst der Vornehmen bemühen, denn dadurch hilft er auch seiner Familie. Es ist ja nichts vorgefallen. Der Nacional war dabei und das ist doch auch ein Mann von Charakter. Ich kenne ihn genau.«

Das erstemal in seinem Leben lobte er den Banderillo. Da er den ganzen Tag zu Hause war, bedeutete seine Intervention eine große Hilfe für Gallardo. Ihm allein gelang es durch sein fortwährendes Geschwätz, die Frauen zu besänftigen und auf andere Gedanken zu bringen. Der Torero zeigte sich nicht undankbar. Der Riemer hatte sein Geschäft aufgelassen und Gallardo übernahm die Sorge für die Familie, die ganz zu ihm ins Haus zog, weil er die arme Carmen so lange nicht allein lassen wollte.

Eines Tages erhielt der Nacional von der Frau seines Herrn die Aufforderung, sie zu besuchen. Die Frau des Banderillo, welche Carmen getroffen hatte, richtete ihm diese Botschaft aus.

Carmen empfing den Nacional im Zimmer ihres Mannes. Dort waren sie allein, ohne befürchten zu müssen, von Angustias oder den Verwandten gestört zu werden. Gallardo war im Klub der Sierpesstraße. Er mied sein Haus und speiste um einem Zusammentreffen mit seiner Frau auszuweichen, tagelang auswärts.

Der Nacional saß auf dem Divan und richtete den Blick auf die Erde, um der Frau seines Herrn nicht ins Angesicht sehen zu müssen. Wie hatte sich die Arme verändert! Ihre Augen waren ganz rot und von dunklen Ringen umgeben. Wangen und Nasenflügel verrieten durch ihren rötlichen Schimmer, wie oft das Taschentuch mit ihnen in Berührung gekommen war.

»Sebastian, sagt mir die Wahrheit, Ihr seid gut und der beste Freund Juans.«

Der Banderillo nickte mit dem Kopfe und wartete auf die Bitte, welche kommen sollte. Was wünschte Carmen zu erfahren?

»Sagt mir, was sich auf La Rinconada ereignete, was Ihr saht und was Ihr darüber denkt.«

Ah, der gute Nacional, mit welch' edlem Stolz hub er den Kopf, voll Freude, Gutes tun und dieser Unglücklichen Trost gewähren zu können ... Er hatte nichts Schlechtes gesehen.

»Ich schwöre es beim Andenken meines Vaters, bei meinen Ideen.«

Er leistete diesen Schwur reinen Gewissens, da er tatsächlich nichts gesehen hatte und er daher mit Stolz seiner scharfsinnigen Folgerung glauben konnte, daß nichts vorgefallen war.

»Meiner Ansicht nach sind sie nur gute Bekannte. Und ob früher etwas zwischen ihnen war, weiß ich nicht. Die Leute reden viel herum und erfinden gerne solche Lügen. Achtet nicht darauf, Frau Carmen.«

Doch sie drang weiter in ihn. Warum war sie gerade auf den Hof gekommen? La Rinconada war ihr Haus und das empörte sie, da sie neben der ehelichen Untreue noch etwas mehr, sozusagen einen gegen ihre Person gerichteten Schimpf, erblickte.

»Halten mich denn diese zwei für blind, Sebastian? Ich sehe ja alles. Seitdem er sich dieser Frau oder was sie ist, anschloß, weiß ich, was Juan im Sinne hat. Am Tage, als er ihr zu Ehren den Stier tötete und mit dem Brillantring nach Hause kam, erriet ich, was zwischen beiden vorgefallen war, und ich hatte Lust, den Ring zu nehmen und ihn mit Füßen zu treten ... Nun ist mir alles klar. Es gibt immer Leute, die einem Neuigkeiten zutragen, wenn diese Schmerz verursachen ... Außerdem waren sie unvorsichtig genug, überall hinzugehen, als wären sie Mann und Frau, geradeso wie Zigeuner, welche von Markt zu Markt ziehen. Als wir noch in Rinconada waren, erfuhr ich genau, was Juan machte, und so war es auch der Fall, als wir in Sanluca weilten.«

Der Nacional hielt es für notwendig einzugreifen, da er sah, wie sich Carmen bei diesem Rückblick immer mehr in Aufregung hineinredete und in Tränen ausbrechen wollte.

»Und Ihr glaubt diesen Tratsch? Seht Ihr denn nicht, wie sehr das alles Erfindung von Leuten ist, die Euch kränken wollen? Der Neid spricht aus ihnen und sonst nichts.«

»Nein, ich kenne Juan. Glaubt Ihr denn, daß es das erstemal geschah? Er ist so und kann nicht anders. Verflucht sei dieser Beruf, welcher die Leute verrückt macht. Zwei Jahre nach unserer Hochzeit fing er eine Liebschaft mit einer Frau eines Fleischers an. Was litt ich nicht, als ich es erfuhr ...

Doch ich sprach kein Wort. Er glaubt heute noch, daß ich nichts weiß. Und wieviele hat er nachher gehabt. Tänzerinnen aus Kaffeehäusern, Mädchen, welche die Gasthäuser unsicher machen, und sogar Weiber, welche in öffentlichen Häusern leben. Ich weiß nicht, wieviele es waren und ich schwieg, weil ich den Frieden meines Hauses bewahren wollte. Aber diese Frau ist nicht wie die anderen. Juan ist ganz verrückt in sie, ganz toll nach ihr. Ich weiß, daß er sich vor ihr demütigt und alles einsteckt, nur damit sie ihn nicht beim Gedanken, daß sie eine Adelige und er nur ein Stierkämpfer ist, auf die Straße wirft ... Jetzt ist sie fort... Ihr wißt es nicht? Sie ging, weil sie sich in Sevilla langweilte. Oh, ich habe Leute, die mir alles erzählen. Sie verließ Sevilla, ohne sich von Juan zu verabschieden, und als er sie unlängst aufsuchte, fand er verschlossene Türen. Nun geht er ganz krank herum und mit einem Gesicht, als wollte er jemanden begraben, er trinkt, um sich aufzuheitern, und wenn er nachhause kommt, ist ihm alles zuwider. Nein, er vergißt diese Frau nicht. Er war stolz darauf, daß ihn ein Weib dieser Klasse liebte, und leidet nun in seinem Selbstbewußtsein, weil er sich verlassen fühlt. Oh, wie ekelt mir! Ich glaube fast, er ist nicht mein Mann. Wir sprechen nur, um miteinander zu streiten. Gerade, als ob wir uns nicht kennen würden. Ich bin allein oben und er schläft unten. Wir kommen gar nicht mehr zusammen, ich schwöre es. Früher ging alles vorüber. Es waren die üblen Gewohnheiten seines Berufes, der Wahn des Stierfechters, welcher sich allen Frauen gegenüber für unwiderstehlich hält. Aber jetzt will ich ihn nicht mehr sehen, ich verabscheue ihn.«

Sie sprach mit Leidenschaft und ein Blitz des Hasses leuchtete aus ihren Augen.

»Ah, diese Frau, wie unheilvoll war ihr Einfluß! Juan ist ganz anders geworden. Er will nur mehr mit den reichen Herren gehen, die Leute seines Bezirkes und die Armen von Sevilla, welche seine Freunde waren und ihm halfen, als er anfing, beklagen sich über ihn und werden ihn eines Tages vor lauter Verdruß im Zirkus auspfeifen. Hier strömt das Geld haufenweise herein und es ist nicht leicht, es zu zählen. Nicht einmal er weiß, wieviel er hat, aber ich sehe alles. Er spielt viel, um sich bei seinen neuen Freunden einzuschmeicheln, und das Geld, das bei einer Tür hereinkommt, fliegt bei der anderen heraus. Ich sage ihm nichts. Schließlich verdient ja er das Geld. Doch mußte ich bei Don José Schulden machen, als Anschaffungen für den Hof notwendig waren, und die Olivenwälder, welche er dieses Jahr kaufte, wurden für fremdes Geld erstanden. Fast alles, was er in nächster Zeit verdienen wird, muß herhalten, um Schulden zu bezahlen. Und wenn ihm nun ein Unglück zustößt, wenn er plötzlich, wie so viele andere, vor der Notwendigkeit stünde, seinen Beruf aufgeben zu müssen? ... Sogar mich will er ummodeln. Ihr wißt, daß er, ehe Doña Sol ihn kannte, seine Mutter und mich mit unserem Schleier und unserem Hauskleid, wie alle Einheimischen, herumgehen ließ. Nun hat er mich gezwungen, diese Hüte aus Madrid zu tragen, welche mir, ich weiß es, schlecht stehen, so daß ich wie ein Affe darin aussehe. Und die Mantilla ist doch so schön ... Dann hat er diesen Teufelswagen, das Automobil, gekauft, in welches ich mich nur mit Angst setze und das wie die Hölle stinkt. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte er neulich der alten Mutter sogar einen Hut mit Hahnenfedern aufgesetzt. Er ist ein Prahler, der an die anderen denkt und uns alles nachmachen läßt, um sich seiner Leute nicht schämen zu müssen.«

Der Banderillo protestierte energisch. Oh nein, Juan war ein guter Kerl und tat das alles nur, weil er seine Familie lieb hatte und ihr Luxus und Bequemlichkeit schaffen wollte.

»Juan sei, wie er wolle, Frau Carmen, doch Ihr müßt ihm etwas zu Gute halten ... Schaut, wie viele Frauen sterben vor Neid, wenn sie Euch sehen. Ist das nichts, die Frau des berühmtesten aller Stierkämpfer zu sein, Geld in Überfluß zu haben, dazu dieses schmucke Haus und außerdem über alles verfügen zu können, da Euch der Herr nach freiem Ermessen schalten und walten läßt?«

Carmens Augen wurden feucht und sie hob das Taschentuch empor, um die Tränen zurückzuhalten.

»Ich will lieber die Frau eines Flickschusters sein. Wie oft habe ich daran gedacht: Hätte Juan nur sein Handwerk gelernt, statt diesen elenden Beruf zu ergreifen. Ich wäre glücklicher, wenn ich ihm sein Essen in einem ärmlichen Tuch in den Laden bringen könnte, wo er wie sein Vater arbeitete. Er würde keine Liebschaften haben, sondern mir allein gehören, wir müßten wohl sparen, aber am Sonntag könnten wir in ein Wirtshaus gehen. Ach, der Schreck, den mir diese verfluchten Stiere einjagen. Das ist ja kein Leben. Ja, er verdient viel Geld, aber glaubt mir, Sebastian, für mich ist es, als wenn Gift in dies Haus käme, und je mehr ich erhalte, umso schrecklicher ist es mir, umso mehr erstarrt mir das Blut in den Adern. Für wen kauft er den Putz und all diesen Luxus? Man glaubt, daß ich glücklich bin, und man beneidet mich, doch meine Augen folgen den armen Weibern, die ihre Kinder auf den Armen tragen und allen Kummer und alle Sorgen vergessen, wenn sie mit ihren Kleinen lachen und scherzen... Ach, die Kleinen! Ich weiß wohl, was mein Unglück ist. Ja, wenn wir Kinder hätten, wenn Juan ein eigenes Kind im Hause sähe.«

Carmen schluchzte, aus den Falten des Taschentuches rollten langsam die Tränen herunter und netzten ihre vom Weinen roten Wangen. Es war der Schmerz der unfruchtbaren Frau, welche mit jedem Atemzug die glücklicheren Mütter beneidete, aus ihr sprach die Verzweiflung der Gattin, welche sieht, wie der Gatte sich ihr entfremdet, die alle möglichen Ursachen zu beargwöhnen scheint, im Grunde ihres Herzens aber der eigenen Unfruchtbarkeit die Schuld gibt. Oh, hätte sie nur einen Sohn, der sie zusammenbrächte... Und Carmen, welche durch die vergangenen Jahre über die Nutzlosigkeit ihrer Wünsche und Hoffnungen belehrt worden war, bäumte sich gegen ihr Geschick auf und blickte voll Neid auf ihren schweigenden Gast, dem die Natur die Kinder geschenkt hatte, welche sie selbst so sehnsüchtig wünschte.

Der Banderillo ging traurig weg und suchte seinen Herrn auf, den er vor der Tür des Klublokals der »Fünfundvierzig« fand.

»Juan, ich habe deine Frau gesehen. Es wird immer schlimmer mit ihr und du sollst sie besänftigen, dich mit ihr versöhnen.«

»Zum Teufel! Das ist ja kein Leben mehr, wollte Gott, daß mich am Sonntag ein Stier erwische. Denn jetzt ...«

Er war ein bißchen berauscht. Die stumme Auflehnung, welche er in seinem Hause fühlte, brachte ihn zur Raserei und noch mehr, obgleich er es niemand gestand, jene Flucht der Doña Sol, welche, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Zeile zu hinterlassen, abgereist war. Man hatte ihn wie einen Bettler von der Türe gewiesen. Niemand wußte, wo sie war. Der Marquis hatte sich um die Reise seiner Nichte nicht gekümmert, sie würde schon aus der Fremde Nachricht geben. Gallardo gab sich im eigenen Hause keine Mühe, seine Verzweiflung zu verhehlen. Vor dem Schweigen seiner Frau, welche die Augen gesenkt hielt oder ihn finster anblickte, während sie sich gewaltsam zurückhielt, um nicht ihrerseits die Aussprache herbeizuführen, brach der Torero in Verwünschungen aus: »Zum Teufel mit diesem Leben. Wenn nur endlich ein Stier ein Ende machte.«

Der Sonntag brachte für Gallardo das letzte Stiergefecht des Jahres. Er erhob sich des Morgens ohne die gewöhnlichen Angstbeklemmungen und kleidete sich früh an, mit einer nervösen Spannung, welche die Kraft seiner Glieder zu erhöhen schien. Welche Freude, durch die Arena zu laufen und mit seiner Tollheit und seinen kühnen Streichen 12 000 Zuschauer in Aufregung zu halten... Seine Kunst allein war Wahrheit, alles übrige, Familie, Liebschaften, diente nur dazu, das Leben schön und angenehm zu machen. Ach, wie wollte er sich heute auf den Stier werfen! Er fühlte die Kraft eines Riesen in sich. Er war ein anderer Mensch ohne Furcht und Empfindung, ja, er zeigte, ganz im Gegenteil zu seinem sonstigen Verhalten, schon Ungeduld, noch nicht die Arena betreten zu können.

Als der Wagen kam, durchschritt Gallardo, ohne sich wie sonst bei den Frauen aufzuhalten, den Hof. Carmen zeigte sich nicht. Bah, die Frauen! Sie sind nur dazu da, einem das Leben zu verbittern. Dauernde Gefühle und fröhliche Gesellschaft kann man nur bei Männern finden. Da stand sein Schwager, der, obwohl eine lächerliche Plaudertasche, mehr wert war als die ganze Familie. Der verließ ihn niemals.

Der Zirkus war bis auf den letzten Platz gefüllt, das große Stiergefecht am Ende der Saison hatte viele Leute, besonders vom Lande, angelockt. Gallardo zeigte gleich vom ersten Augenblick an die nervöse Spannung, die ihn ergriffen hatte. Er lief dem Stier entgegen und hielt ihn mit dem Spiel des Mantels hin, während die Lanzenreiter den Augenblick erwarteten, daß sich das Tier auf ihre Pferde stürzte.

Im Publikum bemerkte man eine gewisse Voreingenommenheit gegen den Torero. Man applaudierte ihm wie immer, aber die Beifallsbezeugungen kamen nur von den Schattenzelten, wo die vornehmen Schichten saßen, während auf der Sonnenseite, wo die ärmeren Zuschauer in Hemdärmeln dem Kampfspiel zusahen, Stille herrschte.

Gallardo erriet die Gefahr. Mißglückte ihm heute das Wagnis, den Stier gleich tödlich zu treffen, so war er sicher, daß sich die Hälfte des Zirkus gegen ihn erheben, ihn der Undankbarkeit und Vergeßlichkeit gegen diejenigen zeihen würde, die ihn emporgebracht hatten. Er streckte seinen ersten Stier mit etwas mittelmäßigem Geschick zu Boden. Er hatte sich, wie gewöhnlich zwischen die Hörner geworfen, aber der Degen traf den Knochen und glitt ab. Man applaudierte, der Stich war gut gezielt, der Mißerfolg nicht seine Schuld. Er schritt das zweitemal zum Angriff. Die Waffe blieb stecken, doch der Stier schleuderte sie bei seinen Sprüngen bald aus der Wunde. Da nahm er aus der Hand Garabatos eine neue Klinge und ging bis zum Stier, aus dessen Halse das Blut herausfloß, während sein geiferndes Maul den Sand berührte.

Der Stierfechter warf seine Muleta über die Augen des Stieres und bog mit der Degenspitze nachlässig die Schäfte der Lanzen, deren Bänder über dem Schädel des Schlachtopfers herabhingen, zurück. Er drückte die Stahlspitze oben auf das Haupt, um die empfindliche Stelle zwischen den Hörnern zu suchen. Er machte eine Bewegung der Anstrengung, um den Degen hineinzustoßen und der Stier zuckte vor Schmerz zusammen, blieb aber stehen und warf den Degen mit einer wilden Kopfbewegung zurück. »Eins« riefen die Zuschauer der Sonnenseite mit spöttischer Betonung.

Zum Teufel, weshalb hatten die Leute plötzlich diese Voreingenommenheit gegen ihn?

Aufs neue setzte er den Degen an und war ziemlich sicher, den richtigen Fleck getroffen zu haben. Der Stier fiel auch sogleich zu Boden, als hätte ihn der Blitz gefällt und blieb mit ausgestreckten Füßen, die Hörner in den Sand gewühlt, bewegungslos liegen.

Die Zuschauer unter dem Sonnenzelt applaudierten alle, während die Leute auf der Sonnenseite in Pfeifen und Schmähungen ausbrachen. Gallardo, der ihnen den Rücken zukehrte, grüßte seine Anhänger mit der Muleta und dem Degen. Die Schmähungen des Volkes, das immer zu ihm gehalten hatte, schmerzten ihn tief und ließen seine Hände vor Wut sich zusammenballen. Er verbrachte einen großen Teil des Stiergefechtes an der Barriere, von wo er geringschätzig auf seine Kameraden blickte, welche er im Gedanken beschuldigte, diese Mißstimmung inspiriert zu haben. Daneben verwünschte er den Stier und den Hirt, der ihn aufgezogen hatte. Er war so entschlossen gewesen, etwas Ungewöhnliches zu vollführen, und diese Bestie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Die Viehzüchter, welche solche Tiere in die Arena schickten, sollten alle geprügelt werden.

Als er das zweitemal antrat, befahl er dem Nacional und einem seiner Burschen, den Stier zu den Tribünen der Sonnenseite zu treiben. Eine Bewegung freudiger Überraschung begrüßte dieses Beginnen. Der Augenblick der größten Spannung, der Fall des Stieres, sollte sich diesmal hier und nicht, wie es gewöhnlich geschah, in weiter Entfernung abspielen.

Als der Stier so allein auf dieser Seite der Arena stand, stürzte er sich auf den Leichnam eines Pferdes. Er grub seine Hörner in den Bauch des Tieres und schleuderte es weit von sich. Der Kadaver fiel schwer zu Boden und der Stier blieb unschlüssig stehen, um sich dann nochmals auf die blutende Fleischmasse zu stürzen, die er von neuem mit seinen Hörnern bearbeitete, während das Publikum über diese sinnlose Hartnäckigkeit lachte. Doch plötzlich wandte sich alle Aufmerksamkeit Gallardo zu, der gemessenen Schrittes durch die Arena kam. Von allen Tribünen der Sonnenseite erscholl der Beifall, den das Kommen des Toreros ausgelöst hatte. Man winkte ihm von allen Seiten zu, ein jeder wollte, daß der Torero den Stier vor seiner Tribüne erlege, um ja keine Einzelheiten zu verlieren. Gallardo blieb unschlüssig vor den vielen Tausenden der Zurufenden stehen. Mit einem Fuß auf die Barriere gestützt, überlegte er, wo er den Stier am besten zu Boden brächte. Er mußte ihn mehr nach vorwärts locken. Doch behinderte ihn der Kadaver des Pferdes, das mit seinem klaffenden Bauch den Platz vor den Tribünen versperrte.

Er wollte gerade dem Nacional sagen, das Tier wegschaffen zu lassen, als er hinter seinem Rücken eine Stimme. vernahm, von der er nicht wußte, wem sie gehörte, die ihn aber veranlaßte, sich sofort umzudrehen. »Guten Abend, Señor Juan, wir werden jetzt Eurer Klinge applaudieren.« In der ersten Reihe der Zuschauer blickte ihm unter einer breiten, tief herabgezogenen Krempe ein feistes, frisch rasiertes Gesicht entgegen. Es schien ein Bauer aus einem Dorfe zu sein, doch Gallardo erkannte ihn sofort: es war Plumitas.

Er hatte sein Versprechen gehalten, Gallardo zu sehen, und saß nun ruhig unter diesen 12 000 Personen, welche ihn nicht kannten. Er grüßte den Torero, welcher eine gewisse Freude über diesen Beweis des Zutrauens empfand. Gallardo staunte über seine Kühnheit, nach Sevilla zu kommen, sich in den Zirkus zu setzen, all das nur, um ihn zu sehen. Von ihnen beiden war der Räuber der Mutigere. Er dachte an seinen Hof, der dem Plumitas ausgeliefert war, an den Landaufenthalt, der nur dann ungestört verlief, wenn er mit diesem Mann gute Beziehungen unterhielt. Für ihn wollte er den Stier erlegen. Er lächelte dem Banditen zu, schwenkte die Mütze und rief, zur Menge gewandt, jedoch dem Räuber bedeutungsvoll in die Augen blickend, laut aus: »Euch zu Ehren.« Er warf die Kappe auf die Tribüne und aller Hände streckten sich wetteifernd aus, das Pfand zu erhaschen. Gallardo gab dem Nacional ein Zeichen, den Stier zu ihm zu treiben. Er streckte seine Muleta vor und das Tier eilte mit dumpfem Schnauben darauf los, doch glitt das Tuch durch eine geschickte Bewegung Gallardos über seine Hörner hinweg. »Bravo!« brüllte die Menge, welche schon wieder mit ihrem alten Liebling versöhnt war. Er ließ den Stier an sich vorüberschießen, während ihm die Menge zurief, vorsichtig zu sein. Sein Gegner durfte sich nicht zwischen ihn und die Barriere stellen. Der Rückzug mußte offen bleiben.

Der Stier war ungewöhnlich groß und vorsichtig, so daß er ihn nicht recht herankommen ließ. Außerdem kehrte er, als ob er durch den Blutgeruch des zerfleischten Pferdes angelockt würde, immer wieder zu dem Kadaver zurück.

Das Spiel mit der Muleta hatte Gallardo in eine etwas ungünstige Stellung gebracht. Das tote Pferd lag hinter ihm, während sein Gegner ruhig vor ihm stand. Er mußte diesen Augenblick benützen, auch das Publikum trieb ihn dazu an. Unter den Zuschauern, welche auf der Rampe standen und sich weit vorbeugten, um nur keine Einzelheiten des entscheidenden Angriffes zu verlieren, erkannte er viele Anhänger aus dem Volke, die er sich schon entfremdet hatte und welche ihm nun aufs neue zujubelten.

Gallardo wandte leicht den Kopf zur Seite, um Plumitas zu begrüßen, der ihm mit seinem Mondscheingesicht über den aufgelümmelten Armen freundlich zulächelte. »Für Euch, mein Kamerad.«

Er wollte sich mit dem Degen zu dem entscheidenden Stoße nach vorwärts beugen, doch im gleichen Augenblicke glaubte er, daß die Erde zitterte und der Zirkus nach unten versank, während alles um ihn schwarz wurde. Sein Körper, von oben bis unten erschüttert, schien bersten zu wollen. Der Kopf dröhnte, als würde er zerspringen. Eine Todesangst drückte ihm die Brust zusammen ... und er versank, ohne Widerstand leisten zu wollen, in eine schwarze, unergründliche Nacht.

Der Stier war im selben Augenblick, als Juan zum Angriff übergehen wollte, gegen ihn losgestürzt, um nochmals das Pferd, das hinter Gallardo lag, zu zerfleischen. Es war ein furchtbarer Zusammenstoß und der in Gold und Seide glänzende Körper rollte in der nächsten Sekunde unter die Füße des wildgewordenen Stieres. Dieser hatte ihn nicht mit der Spitze der Hörner getroffen, aber dennoch war der Zusammenprall fürchterlich, denn Kopf und Hörner, die stärksten Stoßflächen des Stieres, schleuderten den Torero wie eine leichte Feder auf die Erde.

Die Bestie, welche es nur auf das Pferd abgesehen hatte, spürte plötzlich ein Hindernis zwischen den Füßen und ließ ihre Wut an der glänzenden Puppe aus, die nun unbeweglich im Sande lag. Ein Horn hob das leblose Bündel in die Höhe, schüttelte es hin und her und ließ es nach einigen Schritten fallen, worauf sich dasselbe Spiel nochmals wiederholte.

Entsetzt über die Schnelligkeit, mit der alles geschehen war, blieben die Zuschauer wie unter der Last eines Zentnergewichtes atemlos, ohne einen Laut auszustoßen, sitzen. Diesmal mußte er daran glauben! – Plötzlich durchbrach ein Schrei des Publikums dieses angstvolle Schweigen. Ein roter Mantel, von zwei unerschrockenen Armen gehalten, wurde zwischen die Bestie und ihr Opfer geworfen, um den Stier noch im letzten Augenblicke abzulenken. Es war der Nacional, der, ungeachtet dieser furchtbaren Gefahr, vor den Stier gesprungen war, um diesen an sich zu ziehen und seinen Herrn zu retten. Tatsächlich ging das Tier auf ihn los und ließ den Gestürzten unbeachtet. Der Banderillo lief mit dem Mantel vor den Hörnern des Stieres hin und her, ohne zu wissen, wie er sich aus dieser gefahrvollen Lage befreien würde, jedoch zufrieden, seinen Herrn vor neuen Angriffen gerettet zu haben.

Das Publikum vergaß über den Ernst dieses Augenblickes fast ganz den Torero. Auch der Nacional mußte jede Sekunde fallen. Er konnte sich vor den Hörnern nicht mehr flüchten, der Stier hatte ihn sozusagen schon eingegabelt. Die Männer schrien, als könnten ihre Rufe dem Verfolgten helfen, die Frauen weinten vor Angst und verbargen ihr Gesicht in den Händen. Doch der Banderillo sprang im letzten Augenblicke, als der Stier schon den Kopf senkte, um ihn aufzuspießen, zur Seite, während das Tier mit dem Mantel auf den Hörnern blind weiterlief.

Die ausgestandene Aufregung machte sich in einem betäubenden Applaus Luft. Die Menge, welche noch im Banne der glücklich abgewendeten Gefahr stand, jubelte dem Nacional laut zu. Es war einer der schönsten Augenblicke seines Lebens. Das Publikum achtete bei diesem Beifall nicht einmal auf den leblosen Körper Gallardos, der im Sande lag, während sich die anderen Toreros und Angestellte des Zirkus um ihn bemühten.

Am Abend sprach man in der Stadt nur vom Sturze Gallardos. In vielen Städten wurden Extraausgaben veranstaltet und die Zeitungen von ganz Spanien berichteten ausführlich über das schreckliche Ereignis. Der Telegraph arbeitete gerade so, als wenn eine hervorragende Persönlichkeit das Opfer eines Anschlages geworden wäre.

In der Sierpesstraße erzählte man sich die übertriebensten Nachrichten. Der arme Gallardo war schon gestorben, derjenige, welcher diese traurige Nachricht erzählte, hatte ihn selbst im Krankenhause mit gefalteten Händen auf dem Totenbette gesehen. Andere brachten weniger alarmierende Botschaften. Er sei noch nicht gestorben, jedoch müsse man sein Ableben jeden Augenblick erwarten.

Wache hatte den Platz vor dem Zirkus umstellt, um die Menge abzuhalten, in das Innere des Gebäudes einzudringen. Die Wartenden baten alle Leute, welche aus dem Zirkus kamen, um Auskunft über den Zustand des Toreros.

Der Nacional, welcher noch sein Galakleid trug, zeigte sich mehrmals mit allen Zeichen immer größerer Aufregung, weil noch nichts für den Transport seines Herrn nach Hause geschehen war. Als die Leute den Banderillo sahen, vergaßen sie den Verletzten und brachten ihm neuerliche Ovationen dar. Doch der bescheidene Mann wies jedes Lob zurück. Was war das, was er getan hatte? Der arme Juan, der auf seinem Schmerzenslager mit dem Tode rang, war die Hauptperson. Beim Anbruch der Nacht wurde Gallardo auf einer Bahre aus dem Zirkus getragen. Die Menge folgte schweigend. Der Weg war lang. Der Nacional, der noch immer sein Galakleid trug, beugte sich jeden Augenblick über den Röchelnden und bat die Träger, halt zu machen.

Die Ärzte des Zirkus gingen hinterher, mit ihnen der Marquis de Moraima und Don José, Gallardos Vertreter, der halb ohnmächtig in den Armen einiger Klubmitglieder der »Fünfundvierzig« einherwankte. Die Menge war ganz außer sich, als ob einer jener Schicksalsschläge niedergesaust wäre, welcher die ganze Nation trifft und alle Menschen unter dem gleichen Unglück zusammenführt.

»Welch' ein Unglück, Herr Marquis«, sagte ein pausbackiger roter Bauer, welcher die Jacke über die Schulter geworfen hatte. Zweimal hatte er seine Dienste angeboten, um die Bahre zu tragen oder nach seiner Art behilflich sein zu können. Der Marquis schaute ihn voll Sympathie an. Es war sicher einer von den vielen Landleuten, welche ihn auf seinen einsamen Ritten zu begrüßen pflegten.

»Ja, mein Lieber, ein großes Unglück.«

»Und glauben Sie, daß er sterben muß?«

»Es ist zu befürchten, wenn ihn nicht ein Wunder rettet.«

Und der Marquis legte seinen Arm auf die Schulter des Unbekannten und schien die Trauer zu teilen, welche sich auf dessen Gesichte deutlich ausdrückte.

Die Ankunft im Hause Gallardos war eine traurige Szene. Verzweiflungsschreie drangen aus dem Innern, auf der Straße weinten andere Frauen, Nachbarinnen oder Freunde der Familie, da sie Juan schon für tot hielten.

Potaje mußte mit anderen Kameraden die Türe versperren, und die Leute mit Püffen und Stößen davon abhalten, in das Innere des Hauses zu dringen. Die Menge blieb auf der Straße und besprach das Ereignis. Alle schauten nach dem Hause, als suchten sie einen Blick durch das Fenster zu werfen.

Die Tragbahre wurde in ein Zimmer des Erdgeschoßes gestellt und der Torero mit unendlicher Sorgfalt in ein Bett gehoben. Er war in blutige Tücher und Binden eingewickelt, welche nach starken, antiseptischen Mitteln rochen. Das Gesicht des Verwundeten war bleich wie ein Blatt Papier. Er öffnete die Augen als er eine Hand in der seinigen spürte und lächelte ein wenig, als er Carmen erblickte, welche ebenso weiß wie er war, deren Augen brannten und einen solchen Ausdruck des Schreckens zeigten, als ob dies ihre letzte Stunde wäre. Die besonneren Freunde des Toreros legten sich klugerweise ins Mittel. Carmen mußte sich zurückziehen. Man hatte die Wunden nur notdürftig behandelt und den Ärzten blieb noch viel zu tun.

Man brachte die Frauen schließlich dazu, das Zimmer zu verlassen. Der Verletzte gab dem Nacional ein Zeichen mit den Augen, der Gerufene beugte sich über ihn und lauschte auf den leisen Hauch seiner Worte. Als er das Zimmer verließ, sagte er: »Juan will, daß man um Dr. Ruiz telegraphiere«. Doch der Vertreter des Torero erwiderte ihm, diesem Wunsche schon am Nachmittage zuvorgekommen zu sein, als er sich von der Schwere der Verwundung überzeugt hatte. Er war sogar sicher, daß sich der Doktor schon unterwegs befand.

Hierauf schickte Don José um die Ärzte, welche dem Verletzten die erste Hilfe im Zirkus geleistet hatten. Nach ihren anfänglichen Befürchtungen zeigten sie sich jetzt hoffnungsvoller. Es war möglich, ihn vielleicht doch durchzubringen ... Am gefährlichsten war der Chok, den er erlitten hatte, der fürchterliche Stoß, der jeden anderen unfehlbar auf der Stelle getötet hätte. Doch hofften sie, er werde aus der Ohnmacht erwachen, obwohl seine Schwäche sehr groß war ... Die Verletzungen machten ihnen weniger Sorge. Vielleicht würde der Arm etwas steif bleiben. Dagegen waren die Wunden am Bein nicht unbedenklich, da Gallardo infolge des mehrfachen Knochenbruches ein kürzeres Bein behalten könnte.

Don José, der vor einigen Stunden, als man den Tod des Torero als unabwendbar hinstellte, alle Anstrengungen gemacht hatte, ruhig zu bleiben, geriet bei dieser Nachricht in die größte Aufregung. Was, sein Torero sollte lahm bleiben? Da konnte er ja nicht mehr auftreten!

Er wurde über die Ruhe, mit der die Ärzte diese Möglichkeit besprachen, förmlich tobsüchtig. Das durfte nicht sein. Glaubten sie denn, daß Juan leben könne, ohne den Degen zu führen? Wer würde seinen Platz einnehmen?

Er wachte die ganze Nacht mit den Männern der Cuadrilla und Gallardos Schwager am Krankenbette. Am nächsten Tage eilte er in der Frühe auf die Station. Der Expreß aus Madrid brachte den so sehnlichst erwarteten Dr. Ruiz. Als er in das Zimmer des Torero trat, öffnete Juan, der am Ende seiner Kräfte zu sein schien, die Augen und ein schwaches, vertrauensvolles Lächeln begrüßte den Arzt. Nach einer kurzen Beratung mit seinen Kollegen trat Dr. Ruiz mit zuversichtlicher Miene an das Bett.

»Mut, mein Freund. Alles wird wieder gut werden. Du hast Glück gehabt.«

Und gleich darauf fügte er hinzu, indem er sich an seine Kollegen wandte:

»Ein Prachtkerl, dieser Juan, ein anderer würde uns jetzt wohl keine Arbeit mehr geben.«

Er untersuchte ihn mit größter Gründlichkeit. Es war ein heikler Fall, doch hatte er deren ähnliche schon oft unter der Hand gehabt. Bei Erkrankungen war er nicht recht sicher, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Aber die Verletzungen bei Stierkämpfern waren seine Spezialität und hier hatte er die überraschendsten Erfolge.

»Wer nicht gleich auf der Stelle stirbt,« pflegte er zu äußern, »kann sagen, daß er davonkommt. Die Heilung ist nur eine Frage der Zeit.«

Während dreier Tage mußte Gallardo qualvolle Operationen erdulden, bei denen er vor Schmerz brüllte, da seine Schwäche keine Betäubungsmittel erlaubte. Aus dem einen Bein mußten zahlreiche Splitter des zertrümmerten Schenkelknochens entfernt werden.

»Wer sagt, daß du nicht mehr auftreten kannst?« rief der Doktor voll Zufriedenheit aus. »Du wirst weiter Torero bleiben, mein Sohn, und noch viel Applaus vom Publikum ernten.«

Don Jose nickte zu diesen Worten. Dasselbe hatte er auch behauptet.

Auf Anordnung des Dr. Ruiz war die Familie des Torero in das Haus des Don José übersiedelt. Die Gegenwart der Frauen war in den Stunden der Operationen unerträglich geworden. Ein Schrei des Torero genügte, um wie ein Echo die Klagen der Mutter, der Frau oder der Schwester auszulösen und man mußte Carmen, die sich wie eine Wahnsinnige gebärdete, gewaltsam zurückhalten, an das Bett ihres Gatten zu eilen. Der Schmerz hatte ihren Groll ausgelöscht. Oft trieben ihr die Gewissensbisse Tränen in die Augen, da sie sich als mitschuldig am Unglücksfalle betrachtete.

»Ich habe ihn dazu getrieben,« erklärte sie dem Nacional voll Verzweiflung, »wie oft sagte er, ein Stier solle ein Ende mit ihm machen. Ich bin gar schlecht zu ihm gewesen, ich habe ihm das Leben verbittert.«

Umsonst schilderte der Nacional alle Einzelheiten des Vorfalles, um ihr zu beweisen, daß hier ein unglückliches Ereignis vorliege. Es war vergeblich. Nach ihrer Überzeugung hatte Gallardo ein Ende machen wollen, und wenn der Banderillo nicht gewesen wäre, so hätten sie ihn tot vom Platze getragen.

Nach den Operationen kehrte die Familie wieder ins Haus zurück. Leisen Schrittes und mit gesenkten Augen, als würde sie ihre frühere Feindseligkeit bereuen, betrat Carmen das Zimmer. »Wie geht es dir?« fragte sie und nahm eine Hand Juans in die ihrige. So blieb sie, still und furchtsam, in Gegenwart des Dr. Ruiz und der anderen Freunde, welche nicht vom Bette des Kranken wichen. Wäre sie allein gewesen, so hätte sie sich vor ihrem Gatten niedergekniet und ihn um Verzeihung gebeten. Sie hatte ihn mit ihrer Grausamkeit gereizt und in den Tod getrieben. Das alles sollte vergessen sein. Und ihre Augen blickten ihn mit dem Ausdrucke der Liebe und mütterlicher Zärtlichkeit an.

Gallardo schien durch den Schmerz klein geworden zu sein und lag bleich und hilflos wie ein Kind da. Nichts war von seinem Selbstbewußtsein geblieben, das früher oft zu einer Tollheit ausgeartet war, welche die Leute nicht selten in Raserei versetzt hatte. Er beklagte sich über seine erzwungene Ruhe, über die Unbeweglichkeit, zu der ihn sein Bein verurteilte. Er schien durch die furchtbaren Operationen, die er bei vollem Bewußtsein hatte überstehen müssen, ganz eingeschüchtert worden zu sein. Seine frühere Unempfindlichkeit Schmerzen gegenüber war verschwunden und er klagte bei der leisesten Bewegung.

Sein Zimmer war in diesen Tagen ein Rendezvous für alle Freunde der Stierfechtkunst geworden. Der Zigarrenrauch vermischte sich mit dem durchdringenden Geruch des Jodoforms und anderer Essenzen. Zahlreiche Weinflaschen, aus denen die Besucher bewirtet wurden, standen zwischen Arzneifläschchen, Wattepäckchen und Verbandstoffen auf dem Tische herum. »Mach dir keine Sorgen«, riefen die Freunde, welche den Torero mit ihrem Optimismus aufzuheitern suchten, »in ein paar Monaten stehst du wieder in der Arena. Du bist in gute Hände gekommen, Dr. Ruiz wirkt Wunder.«

Auch sein Arzt war zufrieden. Er blieb mit Don Jose und den Männern der Cuadrilla bis spät in die Nacht am Bette des Verwundeten. Wenn Potaje kam, setzte sich dieser an den Tisch, wo er die Flaschen in Reichweite seiner Hände hatte.

Dr. Ruiz, Don José und der Nacional sprachen nur von Stieren. Es war unmöglich, mit Don José zusammenzukommen, ohne nicht dieses Thema zu erörtern. Sie kritisierten die Leistungen aller übrigen Stierfechter, besprachen ihre Vorzüge und ihr Einkommen, während der Torero ihnen zuhörte oder durch ihr Gespräch in einen unruhigen Halbschlaf versenkt wurde. Meistens sprach der Doktor allein, während ihn der Nacional bewundernd anblickte. Was dieser Mann alles wußte! Er sprach, ein volles Glas vor sich, ohne Unterbrechung und hielt nur inne, um seine Kehle durch einen Schluck zu erfrischen. Er erzählte von der jahrhundertalten Vergangenheit des nationalen Festspieles. Nur bei seltenen Anlässen, wenn sich z.B. Könige verheirateten, Friede geschlossen oder eine Kapelle eingeweiht wurde, veranstaltete man solche Feste, welche damals noch nicht regelmäßig wiederholt wurden und auch keine berufsmäßigen Stierkämpfer kannten. Die in Seide gekleideten Reiter stellten sich im Zirkus unter den Augen der Damen den Stieren entgegen, um sie mit den Lanzen zu necken oder umzureiten. Wenn der Stier sie aus dem Sattel schleuderte, zogen sie den Degen und töteten das Tier, ohne sich jedoch an bestimmte Regeln zu halten, wie und wo sie ihn treffen sollten. Wenn der Stierkampf vom Volke veranstaltet wurde, lief die Menge in den Zirkus und stürzte sich auf das Tier, bis es ihnen gelang, es niederzureißen und zu töten.

»Die heutigen Stierkämpfe«, fuhr der Doktor fort »waren damals unbekannt, denn die Leute hatten in jenen Tagen andere, der Zeit angemessene Belustigungen. Der kriegerische Sinn des Spaniers konnte sich damals in allen Ländern Europas betätigen und in Amerika gab es immer Platz für tüchtige Leute. Außerdem bot die Religion aufregende Schauspiele genug, bei denen man den Nervenkitzel, sich an den Qualen anderer zu weiden, verkosten und noch dazu einen Nachlaß der Sünden gewinnen konnte. Die Ketzerverbrennungen waren Schauspiele, welche die Stierkämpfe an Interesse weit übertrafen. Die Inquisition wurde das größte Nationalfest.«

»Doch kam der Tag,« fuhr Dr. Ruiz mit feinem Lächeln fort, »an welchem die Inquisition ihre Macht verlor. Ja, alles geht in dieser Welt zugrunde. Sie starb an Altersschwäche, ehe sie noch von den revolutionären Gesetzen unterdrückt wurde. Sie war unzeitgemäß geworden und ihre Veranstaltungen konnte man etwa mit dem Erfolge vergleichen, den unsere Stierkämpfer in Norwegen, unter Schnee und grauem Himmel finden dürften. Man schämte sich, Menschen zu verbrennen und dies mit dem Aufputz von Predigten, lächerlicher Kleidung, Beschwörungen und anderem Firlefanz zu umgeben. Die Inquisition begnügte sich, die Leute hinter verschlossenen Türen durchzupeitschen. Gleichzeitig begannen die Spanier, der Kriegsfahrten überdrüssig zu werden und zu Hause zu bleiben. Die vollendete Eroberung Amerikas hatte den Zustrom der Abenteurer eingeschränkt und so konnte sich die Stierfechtkunst entwickeln. Man baute ständige Häuser, um die Stiergefechte darin abzuhalten, es bildeten sich Vereinigungen von Leuten, welche die Kunst der Toreros bestimmten, da die Regeln aufkamen und die einzelnen Klassen der Stierkämpfer, die Banderillos und Toreros, nebeneinander hervortraten. Die Menge fand diese Veranstaltungen nach ihrem Geschmack. Die Reiter, welche früher Adelige waren, wurden nun durch bezahlte Leute ersetzt und das Volk strömte in Massen zu diesen Veranstaltungen. Die Söhne derer, welche früher mit religiös-fanatischer Begeisterung dem Flammentod der Ketzer beigewohnt hatten, begrüßten nun mit lärmender Freude den Kampf der Menschen mit dem Stiere, ein Ringen, das früher oder später mit dem Tode des Menschen enden mußte. War das nicht ein Fortschritt?

Ruiz entwickelte seine Ideen weiter. »In der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Spanien aufhörte, im Auslande Kriege zu führen oder neue Kolonien zu erwerben, als ferner die religiöse Begeisterung mangels neuer Nahrung erlosch, war die Zeit für die Stierkämpfe gekommen ... Die Volkskraft brauchte neue Wege zur Betätigung ihrer schlummernden Energien, die Wildheit der Menge verlangte nach einem anderen Nervenkitzel, nachdem es durch Jahrhunderte gewohnt war, das aufregende Schauspiel der Ketzerverbrennungen zu sehen. Die Autodafés wurden durch Stiergefechte ersetzt. Derjenige, welcher sich noch vor einem Jahrhundert für Flandern oder Amerika hätte anwerben lassen, wählte den Stierkämpferberuf. Das Volk, welches seine Ausbreitungsmöglichkeit verschlossen sah, gewährte all denen, welche sich Ruhm und Anerkennung erwerben wollten und Mühe oder Gefahren nicht scheuten, die Möglichkeit öffentlicher Betätigung und Anerkennung.

»Es ist dies«, erklärte der Doktor, »ein Fortschritt, der ganz unleugbar ist. Der Mensch braucht den Reiz des Bösen, um der Eintönigkeit des Lebens zu entfliehen. Wir wissen sehr wohl, daß der Alkohol ein Übel ist, und dennoch trinken wir ihn fast alle. Die Brutalität läßt in uns innere Kräfte erstehen, welche man nicht verkümmern lassen soll. Zugestanden, die Stierkämpfe sind barbarisch, doch sie sind nicht die einzigen Feste dieser Art auf der Welt. Das Gefallen an grausamen und wilden Spielen ist eine menschliche Eigenheit, welche bei allen Völkern gleichmäßig ausgebildet ist. Deshalb ärgere ich mich, wenn die Fremden nach Spanien blicken, als ob hier allein grausame Veranstaltungen zu finden wären.«

Und der Doktor ereiferte sich gegen die Pferderennen, bei denen viel mehr Menschen stürzen als bei Stiergefechten, gegen die modernen sportlichen Veranstaltungen, von denen die Teilnehmer mit gebrochenen Beinen und Nasen weggetragen werden müssen.

»Die Stiere und Pferde«, rief er aus, »finden bei diesen Leuten Mitleid, doch in ihrem Lande sehen sie kaltlächelnd zu, wie bei den Rennen die Pferde sich mit gebrochenen Beinen auf dem Rasen herumwälzen, oder sie verteidigen die Grausamkeit des zoologischen Gartens.«

Der Doktor ereiferte sich dagegen, daß im Namen der Zivilisation gegen die Stierkämpfe gewettert werde, während gleichzeitig unter dem Deckmantel der gleichen Zivilisation die schädlichsten und unnützesten Tiere in den Tiergärten gehegt, aufgezogen und mit allem Luxus umgeben würden. »Warum das? Die Wissenschaft kennt sie und hat sie studiert. Wenn ihre Ausrottung mancher empfindsamen Seele Schmerz bereitet, weshalb treten diese dann nicht gegen die stillen Tragödien auf, welche sich täglich in den Käfigen der zoologischen Anstalten abspielen? Die zitternden Ziegen werden dem Panther vorgeworfen, der ihre Knochen zermalmt und mit seinem Rachen in ihrem aufgerissenen Bauche herumwühlt. Die armen Kaninchen, welche man den ruhigen und würzigen Bergen entrissen hat, zittern vor Entsetzen unter dem Blicke der Riesenschlange, welche sie mit ihren Augen zu hypnotisieren scheint, um dann ihren Kreis immer enger um sie zu ziehen. Tausende von armen Tieren müssen für den Unterhalt der Raubtiere, die zu nichts dienen, ihr Leben lassen. Und aus diesen Anstalten, welche die Raubtiere zur größeren Ehre der Zivilisation hegen und pflegen, kommen diese Angriffe gegen die spanischen Barbaren, weil mutige und gelenkige Männer einem stolzen und furchtbaren Tiere nach den Regeln einer alten Kunst in offenem Kampfe gegenübertreten und unter lachender Sonne vor den Augen zahlloser Zuschauer ihr Können zeigen. Beim Himmel! Man beschimpft uns, weil wir jetzt wenig gelten. Die Welt ist wie ein Affe, der die Gebärden und Bewegungen seines Herrn nachmacht, jetzt ist England oben und daher sind die Pferderennen in der Mode. Die wirklichen Stierkämpfe kamen zu spät auf, als es mit uns bereits bergab ging, denn sonst würde ganz Europa diesem Spiele huldigen. Man lasse mich mit den Fremden in Ruhe. Ich bewundere sie, weil sie Revolutionen vollbracht haben, was aber die Stiere betrifft, so reden sie nur Unsinn.«

Und der leicht erregbare Dr. Ruiz stieß gegen alle Völker, welche das nationale Fest der Spanier verurteilen und dabei gleichzeitig selbst andere blutige Vergnügungen als gerechtfertigt betrachten, ohne sie anders, als durch den Vorwand ihrer Schönheit zu rechtfertigen, die stärksten Verwünschungen aus. Nach zehntägigem Aufenthalte in Sevilla kehrte der Doktor nach Madrid zurück, da die Heilung Gallardos nun rasch vor sich ging. Als das Bein nach einem Monat aus seiner erzwungenen Ruhe befreit wurde, konnte sich der Torero, obwohl er noch hinkte und ziemlich schwach war, schon auf einen Sessel begeben, wo er seine Freunde empfing.

Auf seinem Krankenlager und in seinen Fieberträumen hatte ihn ein Gedanke im Wachen und Träumen beherrscht. Er dachte an Doña Sol. Wußte sie von seinem Unglück? Als er sich eines Tages mit Don Jose allein im Zimmer befand, erkühnte er sich, über sie zu sprechen.

»Ja,« antwortete der Gefragte, »sie hat sich nach dir erkundigt. Drei Tage nach deinem Unglücksfall hat sie mir ein Telegramm aus Nizza gesandt, wie es dir gehe. Sie hat die Nachricht zweifellos aus den Zeitungen gelesen, denn diese haben überall von dir gesprochen, als wärest du ein König gewesen.«

Gallardo war über diese Nachricht einige Tage in guter Laune, doch begann er wieder mit der Dringlichkeit eines Kranken, der glaubt, daß sich die ganze Welt nur um ihn drehe, weitere Fragen zu stellen. Hatte sie nicht geschrieben? Nicht noch einmal nach ihm gefragt? Sein Vertreter wollte das Schweigen der Doña Sol entschuldigen und wies darauf hin, daß sie immer auf Reisen war. Wer weiß, wo sie gerade weilte.

Doch die Traurigkeit des Toreros, der sich vergessen wähnte, veranlaßte Don José zu frommen Lügen. Vor einigen Tagen hatte er eine Karte aus Italien mit der Bitte um Nachricht über Gallardo erhalten. »Zeige sie mir«, sagte der Torero ängstlich. Und als sich der Vertreter ausredete, er habe sie zu Hause vergessen, begann er zu bitten:

»Bring sie her, ich würde mich so freuen ihre Schrift zu sehen, mich zu überzeugen, daß sie sich meiner erinnerte.«

Um aber bei seinen Lügen neuen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, erfand Don José eine Korrespondenz, welche niemals in seine Hände gelangte. Seinen Worten zufolge schrieb Doña Sol ihrem Onkel in Angelegenheiten ihres Vermögens und bat ihn dabei um Nachrichten über Gallardo. Ein andermal waren diese Schreiben an ihren Vetter gerichtet und auch hierin hatte sich ein Gruß an den Torero befunden.

Gallardo hörte diese Erzählungen ruhig an, schüttelte aber gleichzeitig zweifelnd das Haupt. Wann würde er sie wohl sehen? Ah, diese launenhafte Frau, welche ihn ohne jeden Grund, nur unter dem Zwang ihrer Unstetigkeit verlassen hatte.

»Du sollst weniger an Doña Sol und mehr an das Geschäft denken«, sagte ihm sein Vertreter. »Du bist nicht mehr im Bett und schon fast gesund. Wie fühlst du dich? Wirst du wieder auftreten? Du hast den ganzen Winter vor dir, um wieder in Form zu kommen. Wirst du Kontrakte abschließen oder setzt du ein Jahr aus?«

Gallardo hob stolz den Kopf, als würde man etwas Unehrenhaftes von ihm verlangen. Er sollte nicht auftreten? Ein ganzes Jahr verstreichen lassen, ohne sich in der Arena zu zeigen? Konnte sich denn das Publikum mit einer so langen Abwesenheit zufrieden geben?

»Unterschreibe nur. Bis zum Frühjahre habe ich Zeit. Ich nehme alles an, was man mir bietet. Ich glaube zwar, daß mein Fuß noch lange empfindlich sein wird, aber ich werde, wenn es darauf ankommt, stehen, als wäre er von Eisen.«

Zwei Monate vergingen, ehe sich der Torero wieder stark fühlte. Er hinkte leicht und spürte einen gewissen Schmerz in den Armen. Doch lachte er über diese Beschwerden, da er fühlte, wie die Kraft in seinen starken Körper zurückkehrte.

Wenn er allein in seiner Wohnung war, stellte er sich vor einen Spiegel und übte die Bewegungen, die er in der Arena vor dem Stier zu machen hatte. Und dabei lächelte er vergnügt, wenn er an die Enttäuschung seiner Feinde dachte, welche ihm seine Berufsunfähigkeit prophezeit hatten.

Die Zeit wurde ihm zu lange, er sehnte sich wie ein Anfänger nach dem Beifall der Menge. Um sich zu kräftigen, beschloß er, den Rest des Winters mit seiner Familie auf La Rinconada zu verbringen. Die Jagd und kräftige Märsche kräftigten seine geschwächten Beine. Außerdem wollte er viel reiten, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, die Hirten, Herden und Felder zu inspizieren. Die Verwaltung des Hofes war keine gute. Sie kostete ihn mehr als den anderen Grundbesitzern und der Ertrag warf weit weniger ab. Es war eben die Besitzung eines Toreros, der an Ausgaben gewöhnt war, ohne aber trotz seiner großen Einnahmen sparsame Einschränkungen durchzuführen. Seine Reisen während des Jahres und der Unglücksfall, der das ganze Haus in Unordnung und Verwirrung gestürzt hatte, waren der Anlaß zu diesem Rückgang gewesen.

Sein Schwager Antonio, der eine Zeitlang mit der Miene eines Diktators auf dem Hofe herumgegangen war, hatte nur den Gang der Arbeiten verzögert und den Unwillen der Arbeiter erregt. Zum Glück konnte Gallardo mit dem Einkommen aus seinen Veranstaltungen diese Lücke verstopfen.

Ehe die alte Angustias La Rinconada verließ, bat sie ihren Sohn, am Tage der großen Prozession vor dem Bildnisse der Jungfrau Maria niederzuknien. Es war ein Gelübde, das sie an jenem Abend gemacht hatte, als sie ihn bleich und bewegungslos wie einen Toten auf der Tragbahre erblickt hatte. Wie oft war sie weinend zu dem Bilde der Himmelskönigin gekommen, sie möge ihren Juan nicht vergessen.

Das Marienfest wurde ein Ereignis für das Volk. Die Gärtner des Stadtviertels waren von der Mutter des Toreros herangezogen worden, die Kirche mit Blumen auszuschmücken. Der Altar verschwand fast unter der duftenden Last, die Wölbung wurde von Girlanden umspannt und dichte Sträuße hingen an den Lampen herab. Es war ein sonniger Morgen, als Gallardo den Kirchgang antrat. Obwohl es ein Arbeitstag war, füllte sich die Kirche mit den Bewohnern des Bezirkes ; die Bettler hatten sich, als. würde eine Hochzeit gefeiert werden, in doppelten Reihen vor der Türe aufgestellt. Die Mütter erwarteten mit ihren Kleinen auf den Armen ungeduldig die Ankunft Gallardos und seiner Familie. Man zelebrierte ein Hochamt mit Orchester- und Gesangsbegleitung. Hierauf stimmte der Priester das Tedeum an, um Gott für die Rettung Juan Gallardos zu danken, geradeso, als wenn der König nach Sevilla gekommen wäre.

Der Zug trat in die Kirche ein und bahnte sich langsam den Weg durch die Menge. Die Mutter und die Frau des Torero gingen voran und die schwere Seide ihrer Röcke knisterte bei jedem Schritte, während sie selbst voll Befangenheit unter ihrem Schleier lächelten. Hinter ihnen kam Gallardo, umgeben von einer großen Schar von Freunden und Toreros, welche alle in helle Farben gekleidet waren. Gallardo war ernst, denn er war ein guter Christ. Er dachte zwar wenig an Gott und fluchte mehr aus Gewohnheit als aus bösem Herzen, doch jetzt war es anders, er wollte der Mutter Gottes danken und so trat er mit der demütigen Miene des Schuldners vor ihr Bild.

Alle hatten sich in die Kirche begeben, nur der Nacional nicht. Er war mit seiner Frau und dem Kinde bis vor die Tür gegangen und wartete nun draußen.

»Ich bin ein Freigeist,« glaubte er einer Gruppe von Freunden versichern zu müssen, »ich achte einen jeden Glauben, doch was die da drinnen tun, ist für mich wertlos.«

Die Klänge der Instrumente und des Gesanges drangen durch die offene Tür, eine sanfte, einschmeichelnde Melodie ertönte, während Blumen und Weihrauch schwer dufteten.

Als der Zug die Kirche verließ, stürzten die Armen nach vorwärts und balgten sich um die Geldstücke, welche man ihnen aus vollen Händen zuwarf. Es gab für alle etwas aufzulesen, Gallardo war nicht knauserig.

Der Torero erschien in der Kirchentür und führte stolz und lächelnd seine Frau am Arm. Carmen zitterte vor Rührung und zerdrückte eine Träne in ihren Augen. Sie hatte die Empfindung, als würde sie nochmals Hochzeit feiern.

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