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Die blutige Arena

Vincente Blasco Ibañez: Die blutige Arena - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleDie blutige Arena
publisherEuropäischer Phönix-Verlag
printrunDritte Auflage
translatorStefan Hofer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidb4111919
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III

Wenn Gallardo den Winter nicht auf La Rinconada verbrachte, ging es im Hause des Stierfechters lustig her. Die Freunde des Toreros versammelten sich zu einer Tertulia, welche im Speisezimmer gleich nach dem Abendessen stattfand. Unter den ersten stellte sich der Schwager Juans mit seiner Frau ein, deren zwei Söhne noch immer im Hause Juans weilten. Wie um ihre eigene Kinderlosigkeit zu vergessen und das Schweigen des Hauses zu bannen, behielt Carmen die jüngeren Söhne ihrer Schwägerin bei sich. Und die Kinder umschmeichelten, teils aus eigenem Antrieb, teils auch auf Geheiß der Eltern ihre schöne Tante und den edelmütigen, berühmten Onkel. Encarnacion, die durch ihre aufeinander folgenden Geburten so dick wie ihre Mutter geworden war, lächelte ihre Schwägerin hinterlistig an und bedauerte sie wegen der Arbeit, welche die Kleinen verursachten. Doch ehe Carmen antworten konnte, kam ihr der Riemer mit der Antwort zuvor: »Lass sie nur, Mutter, sie haben ihren Onkel so gerne. Die Kleinen können ohne ihre Tante nicht leben. So blieben also die zwei wie in ihrem eigenen Hause, wobei sie in ihrer kindlichen Schlauheit genau errieten, was ihre Eltern von ihnen erwarteten. Deshalb übertrieben sie ihre Liebkosungen und die Ehrfurchtsbezeugungen vor ihren reichen Verwandten, von denen sie immer mit solcher Achtung sprechen hörten. Sobald das Nachtmahl kam, küßten sie Angustias und ihrem Vater die Hand und umarmten Gallardo und seine Frau, wenn sie den Speisesaal verließen, um schlafen zu gehen.

Großmutters Lehnstuhl war der Ehrenplatz des Tisches, doch die gute Alte weigerte sich, wenn der Stierfechter Gäste bei sich versammelte, welche alle eine gewisse soziale Stellung einnahmen, diesen Ehrensitz zu beanspruchen. »Nein,« erklärte Gallardo, »die Großmutter übernimmt den Vorsitz. Nimm Platz, Mutter, oder wir essen nicht.« Und er führte sie mit einem Arm zum Tisch, mit dem anderen liebkoste er sie, als ob er sie für die Jahre seiner Vagabundenfahrten, welche ihr so viel Kummer verursacht hatten, entschädigen wollte.

Wenn der National zum Nachtmahl kam, um gewissermaßen aus dem Gefühl der Subordination in der Nähe seines Herrn zu bleiben, schien sich die Gesellschaft zu beleben. Gallardo empfing seinen Banderillo mit scherzhaftem Spott und freundlichen Fragen: Was gab es im Kreise seiner Anhänger Neues? Welche Gerüchte schwirrten umher? Wie stand es mit der Republik? – »Garabato, gib ihm ein Glas Wein.« Doch der Diener fand keinen Abnehmer, denn der National wies den Wein zurück. Er trinke keinen Wein, war er doch die Schuld am Niedergang der arbeitenden Klassen. Bei solchen Worten brach die ganze Gesellschaft in lautes Lachen aus, als hätte er etwas Lustiges gesagt, auf das man schon gewartet hatte. Nur der Riemer blieb schweigsam und warf die National feindliche Blicke zu. Er haßte ihn, da er in ihm einen Feind sah. Denn er hatte viele Kinder und die zwei kleinsten waren vom Stierkämpfer und seiner Frau aus der Taufe gehoben worden, so daß sie dadurch in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Gallardo standen. Jeden Sonntag brachte er seine zwei Kinder, die er aufs beste herausgeputzt hatte, in das Haus der Paten, denen sie die Hand küßten, während der Riemer vor Neid erblaßte, wenn sie Geschenke bekamen. Beraubten sie doch dadurch seine eigenen Kinder und außerdem gehörten sie nicht einmal zur Familie.

Wenn er die Äußerungen des Nacional nicht mit einem feindseligen Schweigen und abweisenden Blicken beantwortete, versuchte er sie zu tadeln und zeigte sich als unbedingter Anhänger derer, welche die Ansicht vertraten, die Verbreiter falscher Nachrichten als eine Gefahr für anständige Leute sofort erschießen zu lassen.

Der Nacional war um zehn Jahre älter als sein Herr. Als dieser seine Laufbahn begann, war er schon Banderillo und eben aus Amerika herübergekommen. Er erfreute sich einer gewissen Beliebtheit, da er jung und flink war. Auch ihn hatte man als eine kommende Berühmtheit betrachtet und in Sevilla hoffte man, daß er die Toreros der anderen Provinzen in Schatten stellen werde. Doch man sah sich in diesen Erwartungen getäuscht. Als er mit dem Rufe ungewöhnlicher bravouröser Taten zurückkehrte, stürmte die Menge den Zirkus, um ihn zu sehen. Doch im entscheidenden Momente gebrach es ihm an Mut, der Instinkt der Selbsterhaltung war stärker als sein Wille und hinderte ihn, den Stier mit dem Degen anzugehen und die Vorteile seiner Größe und Stärke auszunützen. So verzichtete also der Nacional darauf, den letzten Grad zu erreichen, er blieb Banderillo und begnügte sich damit, ein Handlanger seiner Kunst zu sein, anderen zu dienen, um das bißchen Geld für den Unterhalt seiner Familie zu gewinnen und soviel beiseite zu legen, daß er einen kleinen Handel anfangen konnte. Seine Gutmütigkeit und sein ehrenhafter Charakter waren unter seinen Kameraden bekannt. Carmen schätzte ihn sehr, da sie in ihm einen Schutzengel für die Treue ihres Gatten sah. Wenn Gallardo im Frühling mit seinem ganzen Anhang in ein Konzertcafé der Stadt, wo er gerade weilte, ging, da bewahrte der Nacional allen Lockungen der Frauen gegenüber sein ernstes, gemessenes Betragen.

Er machte keine Äußerung des Tadels und des Unwillens, doch dachte er traurig an seine Frau und an seine Kinder in Sevilla. Alle Fehler und Laster der Welt waren für ihn nur das Ergebnis mangelnder Bildung. Er war überzeugt, daß diese bedauernswerten Frauen weder lesen noch schreiben konnten. Ihm ging es ja ebenso, und weil seine Unwissenheit und die Lücken seiner Bildung auf diese Fehler zurückgingen, leitete er alles Unglück, alle Erniedrigung auf der Welt von dieser einzigen Ursache ab.

Er war in seiner Jugend Gießer gewesen, außerdem ein eifriger Anhänger der sozialistischen Partei und ein gläubiger Zuhörer seiner Kameraden, welche, glücklicher als er, lesen konnten und ihm nun alles mitteilten, was die Zeitungen für das Wohl der Leser schrieben. Dann ging er zur Zeit der Nationalmiliz unter die Soldaten und gehörte jenen Abteilungen an, welche zum Zeichen der föderalistischen Unnachgiebigkeit rote Kappen trugen. Er verbrachte ganze Tage vor den Tribünen der Plätze, wo die Klubs ihre Dauersitzungen abhielten und Redner Tag und Nacht mit südlicher Beredsamkeit über die Gottheit Christi und die Preissteigerung der wichtigsten Lebensmittel sprachen, bis er endlich, als die Ruhe wieder hergestellt war, nach einem Streik als gefährlicher Aufwiegler bezeichnet und von allen Werkstätten ausgeschlossen wurde. Da ihm die Stiergefechte gefielen, wurde er mit 24 Jahren Torero. Er hatte schon viel mitgemacht und sprach deshalb mit Geringschätzung von der Gesellschaft. Man hörte nicht umsonst Jahre hindurch die Zeitungen predigen. Die Leute gaben ihm mit Rücksicht auf seine Vergangenheit, in der er mit der Waffe in der Hand für seine Anschauungen gefochten hatte, den Spitznamen »Der Nacional«.

Er sprach mit einer Art Gewissensbisse über seinen Beruf, trotzdem er ihm schon so lange Jahre angehört hatte, und entschuldigte sich sogar, ihn auszuüben. »Ich weiß,« sagte er im Speisesaal Gallardo, »dass der Beruf der Toreros etwas Reaktionäres ist. Das Volk braucht die Kunst des Lesens und Schreibens wie einen Bissen Brot und soll sein Geld nicht für unsere Spiele ausgeben, während es keine Schulen hat. Geradeso schreiben auch die Zeitungen aus Madrid. Doch meine Parteigenossen schätzen mich und das Komitee hat mir erlaubt, trotz meiner Beschäftigung weiter der Partei anzugehören.«

Seine bedächtige, unerschütterliche Ruhe, welche auch vor den ausgelassensten Späßen, mit denen Gallardo und seine Freunde solche Äußerungen beantworteten, stets die gleiche blieb, zeigte bei solchen Gelegenheiten den Stolz über diese Ausnahme, mit welcher ihn seine Parteigenossen geehrt hatten. Das Bestreben, Anhänger zu gewinnen, veranlaßte ihn, seine Überzeugungen bei jedem Anlasse kundzugeben, ohne sich um die Spötteleien seiner Kameraden zu kümmern. Auch hier bewies er seinen gutmütigen Charakter, der sich niemals zu Ausfällen hinreißen ließ. Für ihn waren alle, welche dem Schicksal des Landes gegenüber teilnahmslos blieben und nicht seiner Partei angehörten »arme Opfer der nationalen Unwissenheit«. Die Rettung bestand darin, daß die Leute lesen und schreiben lernen sollten. Er für seinen Teil verzichtete bescheiden auf diese Regeneration, da er es schon zu beschwerlich fand, sich mit dem Lernen abzugeben. Doch machte er die ganze Welt für seine Unwissenheit verantwortlich.

Wenn im Frühling die neue Cuadrilla von einer Stadt in die andere fuhr und Gallardo zu seinen Leuten in die zweite Klasse einstieg, da geschah es nicht selten, daß sich ein Landpfarrer oder ein paar Ordensgeistliche zu ihnen gesellten. Die Banderillos stießen sich heimlich an und zwinkerten mit den Augen, wobei sie den Nacional anschauten, der in Gegenwart des Feindes noch ernster und zurückhaltender schien. Einige Kameraden fingen an, ihn leise aufzuhetzen. Doch Gallardo runzelte mit all seiner Autorität als Führer, der keinen Widerspruch verträgt, die Augenbrauen und der Nacional bezwang sich gehorsam. Doch stärker als das Gefühl der Unterwürfigkeit brannte in seinem Herzen der Wunsch, Anhänger zu gewinnen. Und es genügte ein unbedeutendes Wort, daß er in das Gespräch der Reisenden eingriff, um sie zur Wahrheit zu bekehren. Diese bestand bei ihm aus allen möglichen konfusen Ideen, wie er sie im Laufe der Zeit von den Führern seiner Partei gehört hatte. Seine Kameraden schauten sich voll Bewunderung über das Wissen ihres Gefährten an und waren zufrieden, daß einer von ihnen den studierten Leuten entgegentreten und sie in die Enge treiben konnte. Die Geistlichen, welche über die gezwungenen Folgerungen und Schlüsse des Nacional und das zustimmende Lachen der anderen Toreros ganz betroffen waren, nahmen schließlich zu einem letzten Mittel ihre Zuflucht. Wie konnten denn Leute, welche ihr Leben so oft aufs Spiel setzten, nicht an Gott glauben oder sich solchen Anschauungen anschließen? Wie anders würden in solchen Stunden ihre Frauen und Mütter beten! Da wurden die Gesichter der anderen Toreros ernst, sie dachten an die geweihten Skapuliere und Medaillen, welche Frauenhände an ihr Galakleid genäht hatten, ehe sie Sevilla verließen. Selbst Gallardo, dessen schlummernder Aberglaube durch solche Worte geweckt wurde, wandte sich zornig gegen seinen Gefährten, als ob er in dessen Ungläubigkeit eine Gefahr für sein eigenes Leben sehe. »Sei ruhig und laß diese albernen Bemerkungen! – Sie verzeihen schon, er ist ein guter Kerl, doch haben sie ihm den Kopf mit diesem dummen Zeug verdreht.« Und um die Leute, welche er sozusagen als Schutzgeist seiner Zukunft ansah, zu beruhigen, überhäufte er den Banderillo mit Drohungen und Schimpfworten.

Doch der Nacional hüllte sich in verachtungsvolles Schweigen. Alles war ja nur Aberglauben, Unwissenheit: Mangel an Lesen und Schreiben. Und fest in seinen Anschauungen, mit der Einfachheit des Mannes aus dem Volke, der nur zwei oder drei Ideen kennt und sie trotz aller Widerlegungen nicht aufgeben will, nahm er, unbekümmert um den Zorn seines Herrn, nach kurzer Zeit die Diskussion von neuem wieder auf.

Seine freien Anschauungen begleiteten ihn sogar bis in die Arena, inmitten seiner Kameraden, welche nach ihren Gebeten in der Hauskapelle des Zirkus mit der Überzeugung hinauseilten, daß die geweihten Gegenstände, die sie an ihrem Körper trugen, sie vor jeder Gefahr beschützen würden.

Wenn ein gewaltiger Stier mit schwarzem Fell, gedrungenem Halse, in seiner Masse einem wandelnden Fleischkoloß gleichend, an die Reihe kam, mit den Wurflanzen angegangen zu werden, da stellte sich der Nacional mit erhobenen Armen und die Wurflanzen in den Händen haltend, in kurzer Entfernung vor ihm auf und rief ihm unter Schmähungen zu: »Vorwärts Pfaffe!« Und der Stier raste auf ihn zu, während der Nacional, wenn das Tier vorbeischoß, mit aller Kraft die Lanzen in den Rücken stieß und dabei laut rief, als hätte er einen Sieg erfochten: »Für die Geistlichen!«

Gallardo lachte schließlich über diese Überspanntheiten des Nacional: »Du machst mich lächerlich, man wird von der Cuadrilla sagen, daß wir alle Ketzer sind. Du weißt, daß manche es nicht gerne sehen.« Doch war er dem Nacional aufrichtig zugetan, denn er erinnerte sich an seine Anhänglichkeit, welche manchmal bis zur Selbstaufopferung gegangen war. Dem Banderillo war es ganz gleich, wenn ihn das Publikum manchmal wegen der Art und Weise, wie er bei gefährlichen Stieren seinen Lanzenwurf anbrachte, auspfiff. Er suchte keinen Ruhm, er arbeitete nur für seinen Taglohn. So oft aber Gallardo mit dem Degen in der Hand gegen einen gefährlichen Stier losging, blieb der Nacional hinter ihm, bereit, ihn mit seinem schweren Mantel und seinem kräftigen Arm zu helfen. Als Gallardo schon zweimal nahe daran war, aufgespießt zu werden, da hatte sich der Banderillo, ohne an Weib und Kinder zu denken, zwischen seinen Herrn und den Stier geworfen, bereit, zu sterben, um Juan zu retten.

Wenn er abends in den Speisesaal Gallardos kam, wurde sein Eintreten wie das Kommen eines Familienmitgliedes begrüßt. Er sprach über seine häuslichen Angelegenheiten und sein Geschäft, das er vergrößern wollte. Er hätte gern einen Tabakladen gehabt, der Meister könnte ihm diesen durch seine Verbindungen wohl verschaffen, doch hinderten ihn seine Grundsätze, diesen Weg einzuschlagen. Die alte Angustias geriet über solche Rücksichten in keine kleine Entrüstung. Er hätte nur dafür zu sorgen, das er soviel als möglich für seine Familie verdiente. Doch Gallardo und Don José, welche an der anderen Seite des Tisches saßen und rauchten, hörten den Nacional gerne reden, um über seine Worte zu lachen, und sie hetzten ihn noch auf, indem sie sich über den Führer seiner Partei, Don Joselito, abfällig äußerten: Er sei ein Lügner, der sich über solche Dummköpfe wie er einer sei, nur lustig mache. Der Banderillo hörte die Scherze des Toreros und seines Vertreters ruhig an. Er sollte an seinem Führer zweifeln? Diese Zumutung konnte ihn nicht einmal reizen. Das war gerade dasselbe, wenn man sich an seinem zweiten Ideal, an Gallardo durch die Behauptung, vergriffen hätte, er könne keine Stiere töten.

Doch wenn Gallardos Schwager, der ihm eine unwiderstehliche Abneigung einflößte, an diesen Scherzen teilnahm, verlor er seine Ruhe. Wer war dieser Nimmersatt, der das Gnadenbrot seines Herrn aß und sich mit ihm einlassen wollte? So nahm er denn seine ganze Fassung zusammen, und ohne der Mutter oder der Frau des Toreros zu antworten, entwickelte er mit dem gleichen Eifer seine Ideen, als ob er vor seinen Parteigängern spreche. Mangels besserer Argumente antwortete er mit Ausfällen auf die Einwendungen jener Spaßvögel: »Die Bibel – ein Unsinn. Die Erschaffung der Welt in sechs Tagen – ebenfalls ein Unsinn. Die Geschichte von Adam und Eva – gleichfalls. Alles Lüge und Aberglaube.« Die Erzählung von Adam und Eva war für ihn der Anlaß, sich in sarkastischen Äußerungen zu ergehen. Er hatte über diesen Punkt in den Stunden einsamer Dämmerung, wenn er mit der Cuadrilla reiste, nachgedacht und auf Grund seiner Überlegungen ein unwiderlegliches Argument gefunden. Wie konnten alle Menschen Abkömmlinge eines einzigen Paares sein? »Ich heiße Sebastian Venegas und du Juan Gallardo und Sie Don Jose. Und jeder hat einen anderen Namen, nicht einmal die Namen der Verwandten sind gleich. Wenn wir alle Söhne Adams wären, müßten wir doch alle den gleichen Namen haben. Ist das nicht klar? Da jeder anders heißt, muß es viele Adams gegeben haben, und was die Pfarrer erzählen, ist unwahr, Aberglaube und Täuschung. Da wir keine Bildung haben, tischen sie uns solche Märchen auf.«

Gallardo, der bei diesen Diskussionen vor Lachen fast nach rückwärts fiel, hetzte seinen Banderillo dadurch auf, daß er das Gebrüll eines Stieres nachmachte. Der Vertreter, der ernst blieb, reichte ihm die Hand. Die alte Angustias aber wurde bei solchen Reden ärgerlich, wie es bei Leuten der Fall zu sein pflegt, die sich ihrem Lebensende nahe fühlen.

»Schweige, Sebastian, rede nicht so unchristlich, oder verlaß dieses Haus. Hier will ich solche Worte nicht hören. Wenn ich dich nicht kennen würde und wüßte, daß du ein braver Mensch bist...«

Schließlich versöhnte sie sich wieder mit dem Banderillo, weil sie sich erinnerte, wie sehr er an Juan hing und was er in Augenblicken der Gefahr für ihn getan hatte. Denn für sie und Carmen bedeutete es eine große Beruhigung, diesen ernsten Mann mit seinem zurückhaltenden Betragen im Kreise der Kameraden um Gallardo zu wissen, der, wenn er allein war, etwas leichtsinnig lebte und sich im Wunsche, von den Frauen bewundert zu werden, gerne fortreißen ließ.

Der Feind der Geistlichkeit, Adams und Evas hütete ein Geheimnis seines Herrn, das ihn noch ernster werden ließ, wenn er den Torero zu Hause zwischen seiner Mutter und Carmen sah. Wenn diese Frau wüßte, was er ihr verschwieg. –

Trotz des Respekts, den jeder Banderillo vor seinem Herrn haben muß, hatte es der National eines Tages gewagt, offen mit Gallardo über diese Sache zu sprechen, indem er das Vorrecht seines Alters und seiner alten Freundschaft hiefür als Grund anführte.

»Höre, Juan,« sagte er, »in Sevilla weiß man alles, man spricht dort nur von deiner Liebschaft und man wird es auch in deinem Hause erfahren. Das wird ein böses Gerede geben, daß Gott erbarm ... Denke doch an die Sängerin und da war doch eigentlich gar nichts dahinter!«

Gallardo stellte sich, als ob er diese Worte nicht verstünde, obgleich er darüber nicht wenig betroffen war, daß die ganze Stadt das Geheimnis seiner Liebschaften wußte.

»Von wem spricht man und was für ein Gerede soll das werden?«

»Nun, wer wird es denn sein? ... Doña Sol, die Nichte des Marquis de Moraima.« Und da der Torero, geschmeichelt über die genauen Informationen des Nacional, still vor sich hinlächelte, fuhr sein Warner mit der Miene eines Mannes, der von der Nichtigkeit der Welt durchdrungen ist, fort: »Ein verheirateter Mann muß vor allem den häuslichen Frieden wahren. Was hast du von den Frauen? Sie sind ja alle gleich und es ist die größte Dummheit, sich das Leben zu verbittern, indem man von einer zur anderen eilt. Ich habe während der vierundzwanzig Jahre, die ich mit meiner Teresa lebe, nicht einmal an eine andere gedacht, obgleich mir in meinen jungen Jahren manche Schöne Augen machte.«

Gallardo lachte schließlich über den Banderillo, der wie ein Prediger sprach. »Nacional, sei doch kein Spaßverderber. Wenn die Frauen kommen, dann lasse sie. Man lebt ja nur einmal und ich kann jeden Tag tot aus der Arena getragen werden. Und dann weißt du nicht, was eine richtige Dame ist. Wenn du wüßtest, was das für eine Frau ist.« Und gleich darauf fügte er, als ob er der Bewegung des Unwillens und der Traurigkeit, welche sich im Gesichte des Nacional ausdrückte, zuvorkommen wollte, hinzu: »Ich liebe Carmen, verstehst du, ich liebe sie so wie früher, ich liebe aber auch die andere, es ist etwas Besonderes, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Geh nun!« Und der Banderillo konnte nicht mehr aus Gallardo herausbringen.

Der Torero hatte vor einigen Monaten, als mit dem Herbste das Ende der Saison gekommen war, in der Lorenzokirche ein Zusammentreffen gehabt. Er weilte einige Tage in Sevilla, ehe er mit seiner Familie auf sein Gut Rinconada ging. Was Gallardo in dieser Periode am meisten freute, war das ruhige Leben zu Hause, frei von den fortwährenden Reisen in den Zügen. Der Kampf mit hundert Stieren, mit all seinen Gefahren und Ermüdungen nahm ihn nicht so her, wie das monatelange Fahren von einem Ort Spaniens in den anderen. Er reiste da im Frühling unter einer drückenden Hitze in alten Waggons, deren Dächer zu glühen schienen. Der Wasserkrug, der in jeder Station neu gefüllt wurde, reichte nicht hin, den Durst seiner Gefährten zu stillen. Außerdem waren die Züge überfüllt von Leuten, welche zu den Veranstaltungen in die Städte fuhren und die Stierkämpfe sehen wollten. Oft eilte Gallardo, in der Furcht, seinen Zug zu versäumen, noch im Torerokostüm zur Station, wo er wie ein Meteor von Licht und Farben unter den Reisenden hervorstach. Unter den bewundernden Blicken der anderen, die zufrieden waren, mit solch einer Berühmtheit zu fahren, stieg er dann in ein Abteil I. Klasse und schlief die Nacht hindurch auf den Kissen, während sich seine Reisegefährten zusammendrückten, um ihm so viel als möglich, Platz zu lassen. Alle achteten seine Ruhe, weil sie daran dachten, daß er ihnen am nächsten Tag mit Gefahr seines eigenen Lebens das Vergnügen eines Nervenkitzels verschaffen würde. Wenn er ganz gerädert in eine Stadt kam, wo er auftreten sollte, da verspürte er auch die Nachteile der enthusiastischen Bewunderung. Seine Anhänger und Verehrer erwarteten ihn am Bahnhof und begleiteten ihn zu seinem Hotel. Sie waren ausgeschlafen und voll Fröhlichkeit und setzten voraus, ihn in gleicher Verfassung zu finden, denn sie glaubten, daß er beim Zusammentreffen mit ihnen ein außergewöhnliches Vergnügen empfinden würde. Oft mußte er nicht nur einmal auftreten, denn die Corrida dauerte drei bis vier Tage. Da setzte sich Gallardo dann am Abend, überwältigt von Müdigkeit und den verflossenen Aufregungen, ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Regeln in Hemdärmeln vor die Tür des Hotels, um sich an der frischen Luft zu erfreuen. Die Kameraden der Cuadrilla, welche im gleichen Gasthofe untergebracht waren, blieben bei ihm, als wären sie durch ein stillschweigendes Übereinkommen dazu verpflichtet. Manchmal erbat sich einer die Erlaubnis, durch die Straßen zu bummeln oder einen Zirkus in Augenschein zu nehmen. Wenn sie nach getaner Arbeit einige Tage bis zum nächsten Auftreten frei waren, dann verzögerte die Cuadrilla den Aufbruch. Nun begannen, fern von der Familie, die Schwelgereien mit Wein und Weibern in der Gesellschaft ihrer begeisterten Anhänger, die sich das Leben ihrer Helden nur auf diese Weise vorstellen konnten. Die verschiedenen Daten der Veranstaltungen zwangen den Torero oft zu unsinnigen Fahrten. Er reiste von einer Stadt weg, um sich in eine andere am Ende Spaniens zu begeben. Und vier Tage später mußte er wieder zurück, um in der Nähe der ersten aufzutreten. Das Frühjahr, in welchem die meisten Stiergefechte stattfanden, verbrachte er sozusagen nur im Zuge in einem fortwährenden Hin und Her auf den Eisenbahnen, um am Tage Stiere zu erlegen und in der Nacht im Zuge zu schlafen. »Wenn man die Strecken«, sagte Gallardo, »die ich im Frühjahr durchfahre, zusammenlegte, käme man bis zum Nordpol.«

Die erste Reise am Beginn der Saison bedeutete ihm freudige Spannung, denn er dachte an das Publikum, welches von ihm das ganze Jahr sprach und sich auf seine Ankunft freute. Er dachte voll Vergnügen an allerlei unerwartete Zusammentreffen, an Abenteuer, die ihm die weibliche Neugierde einbringen würde. Er war schon in der Erwartung des Hotellebens, mit seinen Aufregungen und Beschwerden, ein Leben, das zu seinem ruhigen Dasein in Sevilla und den Tagen der ländlicher Einsamkeit auf La Rinconada im schärfsten Gegensatze stand. Doch während dieser wenigen Wochen seines Zigeunerlebens, in denen er 5000 Peseta für jedes Auftreten erhielt, begann Gallardo wie ein Kind über sein Alleinsein zu klagen. Er vergaß Sevilla nur in den Nächten vor den Tagen, an welchen er keine Stiere zu erlegen hatte. Dann ging die ganze Cuadrilla, umgeben von ihren Freunden, die ihnen ein gutes Andenken von der Stadt mitgeben wollten, in ein Konzertkaffee, wo die Frauen und Tänzerinnen nur für den Meister da waren. Wenn er dann nach Hause zurückkehrte, um sich während des restlichen Jahres zu erholen, fühlte Gallardo die Befriedigung eines Fürsten, der, auf seine Ehren verzichtend, sich am Alltagsleben erfreut.

Er schlief bis spät in den Tag hinein, ohne sich über Fahrpläne und Abfahrtszeiten den Kopf zu zerbrechen oder mit dem Gefühle der Angst an den bevorstehenden Kampf denken zu müssen. Seine Reisen erstreckten sich von seinem Hause bis zum Kaffeehaus. Die Familie schien ihm verändert, fröhlicher und gesünder, da er nun einige Monate in ihrer Mitte blieb. Im Vorzimmer erwarteten ihn jeden Morgen zahlreiche Leute, deren Antlitz von der Sonne verbrannt war, die nach Schweiß rochen und deren Bluse Schmutzflecken aufwies, genau so wie der Hut, dessen Krempe ganz ausgefranst war. Einige waren Landarbeiter, die es auf ihrer Durchreise für selbstverständlich hielten, den berühmten Stierfechter, den sie »Señor Juan« ansprachen, in Sevilla zu begrüßen. Andere wieder waren aus der Stadt und duzten den Torero. Gallardo erkannte mit Leichtigkeit eines Mannes, der gewohnt war, vor der Menge zu stehen und sich an Gesichter zu erinnern, jeden seiner Besucher und erlaubte ihnen diese Vertraulichkeit. Es waren Schulkameraden oder Genossen seiner Vagantenjahre. Doch ehe sie in ihrer Vertraulichkeit weitergingen, wendete er sich an Garabato, der mit dem Stock in der Hand hinter ihm stand: »Sag meiner Frau, sie soll dir einige Pesetas für jeden geben«. Und pfeifend, voll Zufriedenheit mit seiner Freigebigkeit und den Annehmlichkeiten des Lebens, trat er auf die Straße. Auf der Schwelle der nächsten Schenke standen mit lächelndem Munde und bewunderndem Blicke, als hätten sie ihn noch niemals gesehen, die Gäste und Burschen des Bezirkes. »Guten Tag, meine Herren ... Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, doch ich trinke nicht.« Mit diesen Worten verabschiedete er seine Bewunderer, die mit einem Glas in der Hand an ihn herangetreten waren und ging weiter, um jedoch in der nächsten Straße wieder von einigen alten Freundinnen seiner Mutter aufgehalten zu werden. Sie ersuchten ihn, für einen ihrer Enkel Taufpate zu sein. Er riet ihnen, sich mit seiner Mutter zu besprechen, und ging dann weiter, wobei er noch einige Vorübergehende grüßte oder mit anderen stehen blieb, welche sich dann voll Stolz aufblähten, vor den Augen aller anderen so ausgezeichnet zu werden.

Während eines solchen Spazierganges, es war an einem Freitag abends, fühlte Gallardo, als er so die Sierpesstraße hinabschlenderte, den Wunsch, in die San Lorenzokirche einzutreten. Auf dem kleinen Platz standen hintereinander zahlreiche vornehme Wagen. Die Elite der Stadt kniete an diesem Tage vor dem Gnadenbilde »Jesus del Gran Poder«. Die Damen stiegen in schwarzer Kleidung, in reicher Mantilla aus dem Wagen und die Herrenwelt beeilte sich, angelockt durch den zahlreichen Besuch der Frauen, in die Kirche einzutreten.

Gallardo tat es auch. Ein Torero muß die Gelegenheit benützen, sich mit hochgestellten Personen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Sohn der Frau Angustias verkostete den Stolz des Triumphators, wenn ihn die reichen Herren begrüßten und die Damen seinen Namen flüsterten, wobei sie mit ihren Augen auf ihn hinwiesen. Außerdem war er ein gläubiger. Sohn des Allmächtigen. Er duldete die Ansicht des Nacional, Gott und die Natur einander gleichzusetzen, ohne sich daran zu stoßen, denn die Gottheit war für ihn etwas Unbestimmtes, Unklares, ähnlich dem Dasein eines Herrn, über den man in aller Gelassenheit die verschiedensten Gerüchte hören kann, da man sie nur durch das Gerede der Leute kennt. Doch die Jungfrau und Jesus del Gran Poder hatte er seit frühester Jugend vor Augen gehabt und an ihnen ließ er nicht rühren.

Die weichen Regungen seines rauhen Charakters wurden durch den theatralischen Schmerz des unter dem Kreuze gebeugten Christus, durch sein schweißbedecktes, gequältes, blasses Antlitz, das ihn an das bleiche Gesicht mancher Kameraden auf ihrem Schmerzenslager erinnerte, geweckt. Er mußte sich mit dem Allmächtigen gut stellen und so murmelte er inbrünstig zahllose Gebete vor dem Gnadenbilde herunter, das durch den flackernden Schein der rotglühenden Flammen mit geheimnisvollem Leben erfüllt zu sein schien.

Eine Bewegung der vor dem Bilde knienden Frauen lenkte seine Aufmerksamkeit, die sozusagen auf ein übernatürliches Eingreifen zu Gunsten seines gefährdeten Lebens wartete, auf realere Dinge ab.

Eine Dame ging durch die Schar der Betenden, deren Augen sie auf sich zog. Es war eine große schlanke Gestalt, ihre auffallende Schönheit kam durch die hellen Farben ihrer eleganten Toilette nur noch stärker zur Geltung. Unter dem mit Federn geschmückten Hute leuchtete das glänzende Gold ihrer Haare hervor.

Gallardo kannte sie, es war Doña Sol, die Nichte des Marquis de Moraima. Ohne sich um die Bewegung der Neugier zu kümmern, ging sie zwischen den anderen Frauen weiter, zufrieden über das Aufsehen und die leisen Bemerkungen, welche sie erregte, als ob das alles eine natürliche Huldigung wäre, die sie überall bei ihrem Erscheinen erwecken mußte. Ihre gesuchte Eleganz und der große Hut ließen sie aus der Menge der anderen Frauen, welche alle den dunklen nationalen Kopfputz trugen, hervorstechen. Sie kniete sich nieder, neigte den Kopf, als ob sie einen Augenblick betete, und dann schweiften die Blicke ihrer leuchtenden Augen, deren helles Blau wie im Reflex des Goldes schimmerte, ruhig durch die Kirche, als wäre sie in einem Theater, wo sie Bekannte suchte. Diese Augen schienen zu leuchten, wenn sie das Antlitz einer Freundin erblickten, und weitergehend trafen sie plötzlich die Blicke Gallardos, der sie starr betrachtete.

Der Torero war nicht gerade bescheiden. Gewohnt, sich in der Arena im Mittelpunkt des Interesses von tausend und abertausenden zu sehen, glaubte er, daß er überall dort, wo er sich zeigte, die Blicke der Anwesenden auf sich ziehen müsse. Viele Frauen hatten ihm in Stunden der Vertraulichkeit die Erregung gestanden, welche sie fühlten, als sie ihn das erste Mal in der Arena erblickten. Die Augen der Doña Sol senkten sich nicht, als sie die seinen trafen. Sie blieben vielmehr in der ruhigen Sicherheit der großen Dame kühl und gelassen, so daß der Torero welcher den Reichen gegenüber noch immer das Gefühl der Abhängigkeit hatte, den Blick abwandte.

»Was für eine Frau,« dachte Gallardo in seiner Eitelkeit, »wenn sie mir gehörte!« Außerhalb der Kirche empfand er den zwingenden Wunsch, sich nicht zu entfernen, sie noch einmal zu sehen, weshalb er sich an die Kirchentüre stellte. Seine Ahnung verkündete ihm etwas Außergewöhnliches, genau so, wie er es an Tagen seiner Erfolge empfand: Es war das Gefühl, welches ihn trotz der Einsprache des Publikums über alle Tollheiten glücklich hinweg kommen ließ.

Als sie aus der Kirche trat, schaute sie ihm ohne jedes Befremden entgegen, als hätte sie erwartet, ihn an der Türe zu finden. Sie stieg in einen offenen Wagen, und als der Kutscher die Pferde antrieb, wandte sie den Kopf, um nach dem Torero zu sehen, während ihr Mund ein leises Lächeln zeigte.

Gallardo war den ganzen Tag hindurch zerstreut. Er dachte an seine früheren Liebschaften, an seine Erfolge und Eroberungen, die ihn mit Stolz erfüllten und ihn dazu verleiteten, sich für unwiderstehlich zu halten, ihm jetzt aber das Gefühl der Beschämung erweckten. Eine Frau wie jene, eine große Dame, welche in der Welt herumgekommen war und nun in Sevilla wie eine entthronte Königin lebte, das wäre eine Eroberung. Zu der Bewunderung ihrer Schönheit gesellte sich ein gewisser Respekt, den sich der ehemalige Straßenjunge für die Reichen und vornehmen Adeligen bewahrt hatte. Welcher Triumpf, wenn es ihm gelang, die Aufmerksamkeit jener Frau zu erwecken!

Sein Vertreter, der ein guter Bekannter des Marquis de Moraima war und die ganze Gesellschaft Sevillas kannte, hatte ihm einigemale von Doña Sol erzählt.

Sie war nach mehrjähriger Abwesenheit nach Sevilla zurückgekehrt, wo sie die Begeisterung der Herrenwelt erregte. Nach ihrem langen Aufenthalt in der Fremde kam sie voll Verlangen, die Eigenart ihrer Heimat wieder auf sich wirken zu lassen, nach Sevilla zurück, wo sie die volkstümlichen Gewohnheiten nachahmte, die sie alle interessant und »künstlerisch« fand. Sie ging im Spitzenschal zu den Stiergefechten und kleidete sich in der Tracht jener anmutigen Frauengestalten, welche Goyas Pinsel so meisterhaft festgehalten hat. Kräftig, sportlustig und eine begeisterte Reiterin, durchstreifte sie oft zu Roß die Umgebung Sevillas. Dann trug sie über dem schwarzen Sportrock ein Herrenjackett, um den Hals eine rote Krawatte und einen weißen Hut über der schweren Masse ihres goldroten Haares. Ein andermal ritt sie mit einer Schar Freunde, welche die Tracht der Piqueros (Lanzenwerfer) angelegt hatten, auf die Weiden, um Stiere zu hetzen, ein Vergnügen, das ihr die damit verbundenen Gefahren nur noch steigerten.

Das war keine Mädchennatur. Gallardo erinnerte sich dunkel, sie als Kind auf dem Korso an der Seite ihrer Mutter, in weiße Spitzen gehüllt, wie eine Puppe sitzen gesehen zu haben, während er zwischen den Wagen herumlief und Zigarren verkaufte. Beide waren ohne Zweifel gleich alt. Sie mußte am Beginn der Dreißig stehen und dennoch war sie so schön, ganz anders wie die übrigen Frauen...

Sie glich einem fremden Vogel, einem Papagei, der in eine Schar gutgefütterter Hennen gefallen war.

Don José, Gallardos Vertreter, kannte ihre Geschichte. Sie war ein ganz verdrehter Kopf, diese Dona Sol. Ihr Name, der an das romantische Drama erinnerte, paßte zu der Eigenart ihres Charakters und der Unabhängigkeit ihrer Gewohnheiten.

Nach dem Tode ihrer Mutter, die ihr ein großes Vermögen hinterließ, heiratete sie in Madrid einen Diplomaten, welcher älter als sie war, jedoch einer Frau, die in der Gesellschaft hervortreten wollte und nach Abwechslung strebte, die Möglichkeit bot, an den bedeutendsten Höfen Europas zu glänzen. »Was diese Frau aufgeführt hat, Juan!« sagte Don José. »Und die Köpfe, die sie während zehn Jahren in ganz Europa verdreht hat! Stelle dir ein Geographiebuch mit geheimen Anmerkungen auf jeder Seite vor! Sie kann sicherlich nicht an eine Hauptstadt denken, ohne sich nicht dabei an eine Grausamkeit zu erinnern, Und der arme Gesandte starb ohne Zweifel vor Verdruß, weil er nirgends mehr hin konnte. Der gute Mann war kaum unser Vertreter an einem Hofe geworden, als die Herrscherin dieses Landes schon nach Spanien schrieb, den Gesandten mit seiner Gemahlin, welche man die ›unwiderstehliche Spanierin‹ nannte, abzuberufen ... Wieviele gekrönte Häupter hat diese Teufelin nicht konfus gemacht! Die Königinnen und Kaiserinnen zitterten, wenn sie kam, als brächte sie die Pest. Schließlich sah der arme Gesandte nur mehr die Republiken Amerikas für seine Tätigkeit frei. Aber da er ein Mann von Grundsätzen und ein Freund der Könige war, zog er es vor zu sterben ... Doch man darf nicht glauben, daß sie sich nur mit den Leuten, welche in den königlichen Palästen tanzten, zufrieden gab. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man erzählt, dann ... Diese Frau ist durch und durch extrem: Entweder alles oder nichts. Sie strebt ebenso schnell nach dem Höchsten als sie tief unter ihren Rang hinab steigt. Man erzählte mir, daß sie in Rußland hinter einem jener Bären her war, welche Bomben werfen: Es war ein Bursch mit dem Antlitz einer Frau, der sich um sie gar nicht kümmerte, da sie ihn in seinem Vorhaben störte. Doch sie ließ nicht locker, bis sie ihn schließlich aufhängten. Dann wieder soll sie einen Maler in Paris gehabt haben, der sie ohne Kleider malte und nur das Gesicht mit einem Arm verdeckte, um sie unkenntlich zu machen. Und dieses Bild wurde auf den Zündholzschachteln verkauft! Doch das müssen Übertreibungen sein. Am wahrscheinlichsten ist noch die Behauptung, daß sie die Freundin eines deutschen Musikers war, der Opern komponierte. Wenn du sie nur einmal Klavierspielen hörtest. Oder gar erst singen. Dazu kann sie nicht nur italienisch, sondern auch noch englisch, französisch und deutsch. Ihr Onkel, der Marquis de Moraima sagt, daß sie sogar Lateinisch beherrscht. Ah, was für eine Frau, Juan, was für ein interessantes Weib!«

Gallardos Vertreter sprach mit Begeisterung von Doña Sol. Er betrachtete alle Vorfälle in ihrem Leben, die bezeugten als auch die zweifelhaften, als außerordentliche und eigenartige Illustration ihres Wesens. Ihre Abstammung und ihr Reichtum flößten ihm, geradeso wie Gallardo, Achtung und Verehrung ein. Man sprach von ihr mit dem Lächeln der Bewunderung, während die gleichen Abenteuer im Leben einer anderen Frau sicher Anlaß zu scharfen Kommentaren gegeben hätten. »In Sevilla«, fuhr Don José fort, »führt sie ein musterhaftes Leben. Deshalb glaube ich, daß alles, was man von ihrem Aufenthalt im Ausland erzählt, Lüge oder Übertreibung, wenn nicht gar Verleumdung von Seiten gewisser junger Herren ist, die bei ihr abgeblitzt sind.«

Und über die Launen dieser Frau, welche in gewissen Augenblicken mutig und entschlossen wie ein Mann war, lächelnd, erzählte er die Gerüchte, welche man in gewissen Klubs der Sierpesstraße über sie verbreitete. Als die »Gesandte« nach Sevilla kam, hatte sich die ganze Herrenwelt um sie geschart.

»Stell dir vor, Juan, eine so elegante Frau, wie man sie hier überhaupt nicht findet, mit ihrer Pariser Eleganz, ihren Parfüms aus London, eine ehemalige Freundin so mächtiger Könige! Alle waren wie verrückt hinter ihr her. Sie erlaubte ihnen gewisse Freiheiten, da sie mit ihnen sozusagen als Kamerad leben wollte. Doch einige überschritten die Grenzen, verlangten diese Vertraulichkeit auch für andere Dinge und wurden sogar handgreiflich. Es gab Ohrfeigen und noch mehr. Dieses Weib versteht es, sich zu verteidigen, sie handhabt den Säbel, boxt wie ein englischer Matrose und kennt außerdem die Kniffe des Jiu-Jitsu. Seither hat sie Ruhe, doch dafür auch umsomehr Feinde, welche gerade nicht schöne Dinge von ihr erzählen. Einige erklären alles für Lüge, andere stellen sie wieder als leichtfertig hin.«

Nach der Behauptung des Vertreters war Doña Sol von ihrem Aufenthalt in Sevilla begeistert. Nach ihrem langen Verweilen in kalten und nebligen Ländern bewunderte sie den ewig blauen Himmel, den frühlingsfrischen Boden und pries das Leben in diesem so pittoresken Lande. Sie zeigte ihre Begeisterung ganz offen und schien vergessen zu haben, daß sie in Sevilla geboren war. Sie erklärte, den Frühling im Auslande und den Winter in Spanien verbringen zu wollen. Sie war des Lebens in Palästen und an Höfen überdrüssig. Sie hatte es durchgesetzt, in einen Klub aufgenommen zu werden und die Weinrechnung für ihre Klubfreunde kostete ein Heidengeld. Einigemale in der Woche lud sie Gitarrespieler und Tänzerinnen ein. Alles, was in Sevilla tanzen und singen konnte, traf sich bei ihr. Die Lehrer und alle Verwandten, sogar die entferntesten durften mitkommen. »Die Gäste werden mit Oliven, Würsten und Wein bewirtet. Doña Sol sitzt wie eine Königin in diesem Kreise und läßt sich alle Tänze unseres Landes vorzeigen. Sie sagt, daß sie das gleiche Vergnügen empfinde, wie jener König, dessen Namen ich vergessen habe, der sich im Theater allein die Oper vorspielen ließ. Ihre Lakaien, welche sie mitgebracht hat, warten den Tänzerinnen große Tabletts mit Wein auf und die Frauen zupfen die Bedienten am Bart oder werfen ihnen die Olivenkerne an den Kopf. Jetzt lernt Doña Sol die Gitarre spielen, jeden Morgen kommt ein alter Zigeuner zu ihr, und wenn ihre Besucher sie nicht mit der Gitarre antreffen, hält sie eine Orange in der Hand. Was hat sie schon seit ihrer Ankunft an Orangen gegessen und sie hat noch immer nicht genug ...«

So erzählte Don José seinem Torero die Eigenheiten der Doña Sol.

Vier Tage nach dem Zusammentreffen in der Kirche setzte sich Don José mit einer geheimnisvollen Miene zu Gallardo, den er im Kaffeehause getroffen hatte.

»Kerl, du bist ein Glückspilz. Weißt du, wer mit mir über dich gesprochen hat?« Und er neigte sich zum Ohr des Torero und sagte leise: »Doña Sol«. Sie habe ihn über seinen Torero ausgefragt und den Wunsch geäußert, ihn kennen zu lernen. Er sei ein so origineller Bursche, ein echter Spanier. »Sie sagte, daß sie dich öfters in der Arena gesehen habe. Sie war ganz begeistert von dir und erklärte, daß du ein tüchtiger Bursche seiest.« Gallardo lächelte bescheiden und schlug die Augen nieder, dabei aber streckte er sich im Bewußtsein seiner Schönheit, als ob er die Verwirklichung der versteckten Andeutungen seines Gefährten nicht für unmöglich halten würde.

»Doch darfst du dir keine Illusionen machen, Juanillo«, fuhr jener fort, »Doña Sol bringt dir als Torero das gleiche Interesse entgegen wie ihrem alten Zigeuner, der sie im Gitarrespiel unterrichtet. Sie will Lokalkolorit und sonst nichts. ›Bringen sie ihn übermorgen nach Tablada‹, sagte sie mir. Der Marquis gibt nämlich ein Stiertreiben, um seiner Nichte ein Vergnügen zu bereiten. Auch ich bin dazu eingeladen.«

Zwei Tage später begab sich Don José mit seinem Schützling zum Feste der Doña Sol. Der Torero hatte das alte bizarre Kostüm angelegt, das seinem Stande früher eigen war, ehe die moderne Zeit ihn hierin mit den andern Sterblichen auf gleiche Stufe gestellt hatte. Ein breiter Samthut bedeckte seinen Kopf und wurde durch ein Sturmband unter dem Kinn festgehalten. Der Hemdkragen war mit zwei Brillantknöpfen geschlossen und zwei andere größere blitzten im Brustteile des faltenreichen Vorhemdes. Das kurze Jäckchen und die Weste waren aus rotem Samt mit schwarzen Knopflöchern und mit dunklen Quasten besetzt. Er trug eine Schärpe aus roter Seide, eng anliegende Kniehosen mit dunklen Nähten zeigten die kräftigen und schöngeformten Beine des Stierkämpfers. Die braunen Gamaschen trugen in den Öffnungen Lederfransen, die Schuhe, welche zur Hälfte in den hohen, arabischen Steigbügeln steckten, waren mit silbernen Sporen versehen. Am Sattelbogen lag auf einer prächtigen Decke, deren Quasten zu beiden Seiten des Pferdes herabhingen, ein graues Jackett mit schwarzem Besatz und rotem Futter. Die zwei Reiter setzten sich in Bewegung und überall, wo man sie sah, rief man ihnen Grüße zu, während die Frauen mit den Händen winkten.

In der Straße, in welcher Doña Sol in einem der herrschaftlichen Häuser wohnte, trafen sie andere Gäste, welche den Torero mit Herzlichkeit begrüßten und sich freuten, dass er den Ausflug mitmache. Der Marquis kam aus dem Hause und stieg gleich zu Pferde. »Noch immer nicht da! Ja, die Frauen, sie können nicht pünktlich sein. Er sagte dies mit seinem gewöhnlichen Ernst, als würde er ein Orakel verkünden. Er war ein großer, knochiger Mann mit weißem Backenbart und treuherzig blickenden Augen. Höflich und gemessen in seinen Worten, imponierend in seinen Gebärden, sparsam mit seinem Lächeln, war der Marquis de Moraima der große Herr vergangener Tage. Da er dem Stadtleben nichts abgewinnen konnte, verbrachte er fast das ganze Jahr bei seinen Hirten, welche er mit kameradschaftlicher Freundlichkeit behandelte. Er hatte mangels an Übung fast das Schreiben vergessen. Doch wenn man von Rindern, Stieren, Pferden oder andern landwirtschaftlichen Fragen sprach, dann belebten sich seine Augen mit dem Interesse des Kenners.

Er stellte sich sogleich zu Gallardo, mit dem er über die kommende Saison sprach.

Doña Sol erschien. Sie hielt mit einer Hand ihren Rock und zeigte so die Schäfte ihrer hohen Reitstiefel. Sie trug ein Herrenhemd mit roter Krawatte, Jackett und Weste aus violettem Samt und einen Samt Hut, der graziös auf ihrem Lockenkopfe saß.

Trotz ihrer vollen Formen stieg sie leicht zu Pferde, dann begrüßte sie die Freunde und entschuldigte sich wegen ihres Zögerns, während ihre Blicke zu Gallardo schweiften. Don José wollte Juan vorstellen, doch Doña Sol kam ihm zuvor und näherte sich dem Torero. Dieser fühlte sich durch die Nähe dieser Frau verwirrt. Was sollte er nur sagen?

Er sah, daß sie ihm die Rechte zum Gruße entgegenstreckte, und in der Hast seiner Verlegenheit umspannte er sie mit seiner harten Hand, welche gewohnt war, Stiere niederzustrecken. Doch die weißen, rosigen Finger schlossen sich, statt unter diesem brutalen Drucke, der einer anderen einen Schmerzensschrei entlockt hätte, nachzugeben, fest in seine Faust und befreiten sich dann ohne Mühe aus dieser Klammer.

»Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und freue mich, Sie kennen zu lernen.«

Gallardo, der in seiner Verwirrung die Notwendigkeit fühlte, etwas zu sagen, stotterte, als würde er einen Bekannten begrüßen, seine gewöhnliche Formel: »Danke. Und wie geht es zu Hause?«

Doña Sols diskretes Lächeln blieb im Getümmel des Aufbruchs unbemerkt. Sie setzte sich an die Spitze des Zuges, der ihr wie eine Eskorte folgte. Gallardo hielt sich rückwärts, ohne seine Verwirrung unterdrücken zu können, und mit dem beschämenden Gefühl, eine Dummheit gemacht zu haben.

Als sie sich Tablada näherten, sahen sie vor der Umzäunung, welche die Weide von dem Gehege der Herden trennte, eine schwarze Masse von Leuten und Wagen.

Der Guadalquivir floß hinter Tablada vorüber. Gegenüber erhob sich San Juan de Aznalfarache, überragt von den Ruinen eines alten Schlosses, unter welchem sich die Häuser weiß von dem Grün der Olivenpflanzungen abhoben. Auf der anderen Seite des weiten Horizontes sah man vor dem blauen, von Schäferwolken durchsetzten Hintergrund das Häusermeer von Sevilla mit der wuchtigen Masse seiner Kathedrale aufsteigen.

Die Treiber drängten sich durch die Menge. Die Neugierde, welche die Launen der Doña Sol erregte, hatte fast alle Damen der Stadt herausgelockt. Die Freundinnen begrüßten sie aus ihren Wagen und fanden sie in ihrem Sportkostüm ganz reizend. Ihre Verwandten, die Töchter des Marquis und Bekannte, welche ihre Männer begleiteten, empfahlen ihr Vorsicht.

Die Treiber betraten das Gehege und wurden von den Zurufen der Menge, welche dem Schauspiel von draußen zusah, begrüßt. Als die Pferde die Herden der Stiere erblickten, wollten sie sich den Händen der Männer, welche sie führten, entreißen, sie begannen auszuschlagen und unter dem festen Griff, der sie hielt, zu wiehern.

In der Mitte des Geheges drängten sich die Stiere zusammen. Einige grasten ruhig, andere standen unbeweglich auf dem grünen Teppich der frühlingsjungen Wiese. Andere wieder näherten sich dem Flusse. Die alten, erfahrenen Bullen folgten ihnen unter dem Geläute der an ihrem Halse hängenden Schellen nach.

Die Reiter blieben einige Zeit unbeweglich, als würden sie unter den erwartungsvollen und ängstlichen Blicken der Zuschauer, welche irgend etwas Außergewöhnliches erwarteten, Rat halten.

Der Marquis eröffnete, begleitet von einem seiner Freunde, das Spiel. Die zwei Reiter galoppierten bis zu den Stieren, vor denen sie ihre Pferde anhielten, während sie ihre Wurflanzen schwangen und laute Schreie ausstießen, um die Tiere wild zu machen. Ein schwarzer Bulle löste sich aus der Gruppe der weidenden Herde los und lief nach rückwärts.

Die zwei Reiter eilten hinter dem Stiere her und verlegten ihm, sich an seiner Seite haltend, den Weg, wenn er zu dem Flusse abweichen wollte. Dann spornte der Marquis seinen Klepper, holte den Stier ein und rannte mit der Lanze auf ihn los. Er bewirkte durch den doppelten Stoß seiner Lanze und des Pferdes, daß der Bulle das Gleichgewicht verlor und auf den Boden hinstürzte, wo er mit seinen Hörnern tiefe Furchen riß.

Die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der der Marquis dieses gefährliche Spiel ausführte, erweckten einen Orkan von Beifall und Zurufen. Keiner verstand es so, mit den Stieren umzugehen, wie der alte Herr. Es schien fast, als ob sie seine Söhne wären, denn er betreute sie vom ersten Tage an bis zu dem Augenblick wo sie ihn verließen, um in der Arena wie Helden zu fallen.

Andere Reiter wollten nun ihre Geschicklichkeit beweisen, aber der Marquis widersetzte sich ihrem Vorhaben und gab seiner Nichte den Vorzug, da er sie noch vor dem Augenblicke antreten lassen wollte, ehe die Stiere durch das fortwährende Gejage wild geworden waren.

Doña Sol spornte ihr Pferd, das, durch die Gegenwart der Herde erschreckt, ausreißen wollte. Der Marquis schickte sich an, sie auf ihrem Ritt zu begleiten, doch sie widersetzte sich und forderte Gallardo auf, da er ein Torero war. Er gehorchte, und ohne ein Wort zu sagen, da er noch immer über seine Ungeschicklichkeit mit sich haderte, gesellte er sich an ihre Seite.

Beide ritten im Galopp auf die Stiere los. Das Pferd der Doña Sol stellte sich mehreremale fast senkrecht auf die Hinterfüße, als weigerte es sich, weiter zu laufen. Doch die starke Hand der Reiterin zwang es immer wieder nach vorwärts.

Sie brauchten nicht lange, um einen Stier von der Herde abzutrennen. Ein starkes weißes Tier mit braunen Flecken, gedrungenem Hals und weit geschwungenen Hörnern lief vor den Reitern her. Hinter ihm galoppierte Doña Sol, gefolgt von dem Torero.

»Achtung,« rief Gallardo, der als alter Stierfechter alle Kniffe der Tiere kannte, »Achtung, daß er sich nicht plötzlich umdreht.« Und so geschah es in der Tat. Als sich Doña Sol anschickte, das Beispiel ihres Onkels nachzuahmen und den Stier mit der Lanze anzugehen, da wendete sich das Tier, als hätte es diese Bewegung geahnt, plötzlich um und stellte sich den Verfolgern mit drohend gesenkten Hörnern entgegen. Das Pferd schoß an dem Stier vorbei, ohne daß es Doña Sol möglich gewesen wäre, den Lauf zu hemmen und nun wurden die Rollen vertauscht, indem der Stier seinerseits die Verfolgung aufnahm. Doch Doña Sol wollte nicht fliehen. Tausende von Personen schauten auf sie, sie fürchtete den Spott ihrer Feindinnen und das Bedauern der Männer. Daher zügelte sie den Lauf ihres Pferdes und stellte sich dem Stiere entgegen. Sie hielt die Lanze wie ein Picador unter dem Arm und stieß sie in den Hals des Stieres, der mit gesenktem Kopfe brüllend vorwärts stürmte. Der gewaltige Schädel färbte sich unter dem herabströmenden Blute rot, doch das Tier eilte, ohne zu fühlen, dass es seine Wunde vergrößerte, weiter, bis es seine Hörner unter den Leib des Pferdes senkte und es in die Höhe warf, so dass seine Füße den Boden verließen.

Die Reiterin wurde aus dem Sattel geschleudert, während im gleichen Augenblick ein tausendstimmiger Schreckensschrei zu ihr drang. Das Pferd, welches sich von den Hörnern losgemacht hatte, lief mit blutendem Bauche und zerrissenen Zügeln wie von Sinnen herum.

Der Stier schickte sich an, ihm nachzueilen. Doch im gleichen Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit von Doña Sol angezogen. Statt unbeweglich auf dem Boden liegen zu bleiben, hatte sie sich aufgerichtet und nach ihrer Lanze gegriffen, um aufs Neue den Stier anzugehen. Es war ein wahnsinniges Unterfangen und mehr mit Rücksicht auf die Zuschauer in Szene gesetzt. Sie wußte, daß sie dem Tode ins Auge schaute, doch wollte sie eher sterben als den Anschein der Furcht oder Lächerlichkeit zu erregen.

Hinter dem Zaune regte sich kein Laut. Die Menge hielt den Atem an, gebannt durch das Schweigen des Schreckens. In schnellstem Galopp und von einer Staubwolke eingehüllt, jagte die Reiterschar einher. Doch mußte die Hilfe zu spät kommen. Der Stier wühlte mit seinen Vorderfüßen den Boden auf und senkte bereits das Haupt, um die tollkühne Gestalt, die ihn mit der Lanze bedrohte, anzugreifen. Ein kurzer Stoß mit seinen Hörnern und sie war verschwunden. Doch im gleichen Augenblick lenkte ein wildes Gebrüll die Wut des Stieres ab und ein roter Schein flog wie eine Feuergarbe an seinen Augen vorbei.

Es war Gallardo, der sich von seinem Pferde geworfen hatte. Er ließ die Wurflanze fallen und griff nach dem Jackett, welches über dem Sattel lag. »Eeh . ... vorwärts, vorwärts.«

Und der Stier lief hinter dem roten Futter der Jacke her, angezogen von diesem Gegner, der seiner würdig war, ohne an seine frühere Angreiferin zu denken, welche ihm in der Verwirrung der Gefahr mit der Lanze unter dem Arm nachlief.

»Keine Furcht, Doña Sol, der gehört mir,« rief der Torero noch ganz bleich vor Erregung, jedoch lächelnd im Gefühle seiner Überlegenheit.

Ohne jede weitere Waffe, nur seine Jacke in den Händen haltend, trat er dem Stiere gegenüber und zog ihn von Doña Sol ab, während er sich mit leichten, anmutigen Sprüngen vor den wütenden Angriffen des gereizten Tieres in Sicherheit brachte.

Die Menge, welche den vorhergehenden Schreck schon vergessen hatte, begann vor Begeisterung Beifall zu klatschen. Was für ein glücklicher Zufall, einem wirklichen Stierkampf mit Gallardo gratis zusehen zu können.

Erregt durch die Wildheit, mit welcher ihn der Stier angriff, vergaß der Torero in wenigen Sekunden Doña Sol und alles andere und richtete seine ganze Aufmerksamkeit nur mehr darauf, den Stößen und Sprüngen des Tieres auszuweichen. Der Bulle drehte sich wütend im Kreise herum, da der Mann immer unverwundbar seinen Hornstößen entschlüpfte und er bei jedem Sprunge das rote Futter des Jacketts vor seinen Augen spürten. Schließlich blieb er mit schäumendem Maule, gesenktem Haupte und zitternden Füßen stehen. Diesen Augenblick der Ermattung benützte Gallardo, den Hut vor dem erschöpften Tiere abzunehmen und damit dessen Hals zu berühren. Ein tosender Beifall erhob sich hinter dem Zaune und grüßte diese Verwegenheit.

Rufe und Schellengeläute ertönte hinter Gallardo und Hirten und Reiter tauchten um den Stier auf, den sie endlich wegbrachten, indem sie ihn langsam zu der Herde trieben.

Gallardo ging zu seinem Pferde, das ruhig stehen geblieben war. Er hob den Spieß auf, stieg in den Sattel und ritt in leichtem Galopp bis an den Zaun, wobei er durch die langsame Gangart seines Pferdes die Genugtuung verlängerte, den lauten Applaus der Menge entgegenzunehmen.

Die Reiter, welche Doña Sol in ihre Mitte genommen hatten, empfingen ihn mit allen Zeichen größter Begeisterung.

Doña Sol stand außerhalb des Zaunes in dem Wagen der Töchter des Marquis. Ihre Cousinen umgaben sie voll Angst, betasteten sie und suchten nach Spuren ihres Falles. Man brachte ihr einige Becher Weins, um den Schreck zu paralysieren, doch sie lächelte überlegen über all diese Beweise weiblicher Fürsorge.

Als sie Gallardo erblickte, der mit seinem Pferde durch die dichtgedrängte Menge kam, vertiefte sie ihr Lächeln.

»Kommen Sie näher, mein Held, reichen Sie mir ihre Hand!«

Und wiederum streckte sie ihm die Rechte entgegen, die er mit langem Druck umschloß.

Am Abend wurde im Hause des Stierkämpfers des langen und breiten über diesen Vorfall gesprochen, der bereits in dem ganzen Bezirke lebhaft erörtert wurde. Frau Angustia war zufrieden wie nach einem großen Stierkampfe. Ihr Sohn hatte einer jener großen Damen, zu denen sie in Erinnerung an die langen Jahre ihrer untergeordneten Stellung noch immer voll Bewunderung aufblickte, das Leben gerettet.

Carmen blieb ruhig, da sie nicht wusste, was sie über diesen Erfolg denken sollte.

Es vergingen mehrere Tage, ohne dass Gallardo von Doña Sol Nachricht hatte. Sein Vertreter weilte außerhalb der Stadt, doch führte ihn eines Abends der Zufall in einem Kaffeehaus der Sierpesstraße, wo Stierkämpfer verkehrten, mit Gallardo zusammen. Er war vor zwei Stunden zurückgekehrt und hatte sich auf einen Brief der Doña Sol sogleich in ihr Haus begeben.

»Mensch, du bist ja ärger als ein Wolf!«, sagte der Vertreter, als er den Stierkämpfer aus dem Kaffeehaus herauszog. »Doña Sol erwartete deinen Besuch. Sie ist die letzten Nachmittage überhaupt nicht fort gegangen, da sie glaubte, du würdest jeden Augenblick erscheinen. So geht das nicht. Du bist ihr vorgestellt und schuldest ihr nach all dem, was vorgefallen ist, einen Besuch. Gebrauche den Vorwand, dich nach ihrem Befinden zu erkundigen.«

Der Stierkämpfer blieb stehen und strich sich die Haare unter seinen Hut zurück.

»Alles recht schön«, murmelte er voll Unentschlossenheit, »Sie wissen, daß ich gerade kein Neuling bin und mit Frauen umzugehen weiß. Doch mit der da, nein. Sie ist eine vornehme Dame, und wenn ich sie sehe, kommt es mir zum Bewußtsein, daß ich ein wilder Kerl bin. Da bleibt mir das Wort in der Kehle stecken. Nein, Don José, ich gehe nicht hinauf, ich darf nicht zu ihr gehen!«

Doch sein Vertreter führte ihn in der Überzeugung, seinen Widerstand bald zu überwinden, bis zum Hause der Doña Sol, während er ihm von seiner letzten Zusammenkunft mit der Dame erzählte. Sie sei über Gallardos Fernbleiben etwas beleidigt. Ganz Sevilla hatte sie unter dem Vorwand, Erkundigungen über ihren Unfall einzuholen, besucht, nur er nicht.

»Du weißt ganz gut, daß sich ein Torero mit einflußreichen Leuten gut stehen muß. Er soll zeigen, dass er Erziehung hat und nicht ein hergelaufener Stallbursche ist. Eine so einflußreiche Dame, welche dich auszeichnet und auf dich wartet... Kein Wort, ich werde mit dir gehen.«

Und Gallardo seufzte bei diesen Worten tief auf, als würde ihm ein Zentnergewicht von der Brust fallen. Sie betraten das Haus der Doña Sol. Der Hof war in arabischem Stil gehalten und erinnerte mit seinen bunten, feingearbeiteten Bogen an die gleiche Vorlage der Alhambra. Der Strahl eines Springbrunnens, in dessen Becken Goldfische schwammen, plätscherte mit sanfter Eintönigkeit in der abendlichen Stille. In den vier Gängen, deren Decke mit Stuckarbeit verziert war und welche durch die marmornen Stützpfeiler von dem Hofe getrennt wurden, sah der Torero alte Kommoden, dunkel gewordene Bilder, Heiligenstatuen mit bleichem Antlitz, ehrwürdige, verrostete Eisenmöbel und wurmstichiges Holz, das zahllose Löcher wie von Schrottschüssen aufwies.

Ein Diener führte sie über die breite Marmortreppe und da erblickte der Torero mit neuem Erstaunen verblaßte Bilder auf Goldgrund, Marienstatuen, die mit der Axt aus dem Holz herausgehauen zu sein schienen, Bruchstücke alter Altäre, Teppiche in der matten Farbe trockenen Laubes, deren Rand mit Blumen und Früchten umsäumt war. Die einen zeigten in kunstvoller Webearbeit Szenen der Passion, auf anderen bemerkte man mythologische Bilder.

»Da sieht man erst, was es heißt, ungebildet zu sein!« sagte der Torero ganz erstaunt zu seinem Begleiter. »Und ich war der Meinung, daß das alles nur in die Klöster passe. Es scheint, daß die Reichen diese Sachen sehr hoch einschätzen!«

Als sie den Salon betraten, flammten sogleich die elektrischen Lüster auf, während durch die Fenster der letzte Schein der untergehenden Sonne hereinfiel.

Gallardo empfand eine neue Überraschung. Er war stolz auf seine aus Madrid bezogenen, prächtigen, geschnitzten Möbel, welche dem Besucher wuchtig und aufdringlich den Reichtum ihres Besitzers und den hohen Anschaffungspreis begreiflich zu machen schienen. Doch hier in diesem vornehmen Palaste fühlte er sich ganz desorientiert. Er sah leichte Sessel in weißer und grüner Farbe, Tische und Schränke von einfachen Linien, die Wände einfarbig ohne weiteren Schmuck als mit kleinen Bildern, welche in ziemlich gleichen Abständen voneinander verteilt waren und an starken Schnüren herabhingen, kurz, ein abgetönter und feiner Luxus, welcher das Werk von Feintischlern zu sein schien, »Da sieht man, was mangelnde Bildung ist«, sagte er beschämt und setzte sich behutsam nieder, als ob er fürchtete, den Stuhl unter seinem Gewichte zusammenzudrücken. Das Eintreten der Doña Sol verdrängte diese Gedanken. Sie kam, wie er sie früher noch niemals gesehen hatte, ohne Mantel und Hut, mit ihrem leuchtenden Haare, welches den romantischen Namen »Sol« (Sonne) zu erklären schien. Ein alabasterweißer Arm trat plastisch aus dem japanischen Kimono hervor, der sich mit seinen Hälften über der Brust kreuzte und noch den Ansatz ihres Halses sehen ließen, dessen Adern in der Ambra farbige Haut wie das Halsband der Venus schimmerten. Wenn sie ihre Hände bewegte, glänzten die buntfarbigen Edelsteine der Ringe, welche in seltsamen Formen ihre Finger umwanden. An den schlanken Vorderarmen klirrten goldene Reifen, von denen Amulette und fremdartige Figuren, Erinnerungen aus fremden Ländern, herabfielen. Sie hatte beim Sprechen in burschikoser Ungezogenheit ein Bein über das andere gekreuzt und so sah man auf der Spitze ihres Fußes einen zierlichen roten Hausschuh mit hohem Absatz auf und ab tanzen.

Gallardo summten die Ohren, sein Blick trübte sich. Er sah nur ihre Augen auf sich gerichtet, die ihn mit einem Ausdruck anblickten, der zwischen Zuneigung und Ironie schwankte. Um seine Bewegung zu verbergen, lächelte er, wobei er seine Zähne zeigte. Es war die unbeholfene Maske eines jungen Mannes, der liebenswürdig sein wollte.

»Vielen Dank, Señora, es war nicht der Rede wert.« So lehnte er die Dankesbezeugungen der Doña Sol ab.

Langsam gewann Gallardo seine Ruhe und Heiterkeit wieder. Doña Sol und sein Vertreter sprachen von Stieren und das gab ihm plötzlich sein Selbstbewußtsein wieder zurück. Sie hatte ihn oft in der Arena gesehen und konnte sich noch genau an die bemerkenswertesten Zwischenfälle erinnern. Gallardo fühlte sich nicht wenig stolz beim Gedanken, daß diese Frau so viel Interesse für seine Taten zeigte.

Sie hatte ein lackiertes Kästchen mit exotischer Blumenmalerei geöffnet und bot den beiden Männern Zigaretten mit goldenen Mundstücken an. Ein stechender und fremdartiger Geruch kam aus den feinen Papierhülsen und dem dunklen Verpack, der sie füllte.

»Sie enthalten Opium und schmecken sehr gut.« Sie zündete ihre Zigarette an und folgte mit ihren glänzenden Augen, welche im Lichte den schönen Glanz flüssigen Goldes annahmen, den entschwebenden duftenden Rauchwolken.

Der Torero, welcher den starken Havannatabak gewohnt war, sog mit Neugier an dieser Zigarette. Das war ja nur Stroh und für feine Herren berechnet. Aber der seltsame Duft des Rauches schien langsam sein Unbehagen zu verscheuchen.

Doña Sol, welche ihn aufmerksam betrachtete, bat ihn um Einzelheiten aus seinem Leben. Sie wünschte die Niederungen des Ruhmes, das elende Vagabundenleben des Torero, ehe dieser eine Größe geworden war, kennen zu lernen. Und von plötzlichem Zutrauen erfasst, sprach Gallardo von seinen Anfängen, verweilte mit stolzer Befriedigung bei der Erzählung seiner armseligen Herkunft, wobei er aber manches verschwieg, was er beim Bericht seiner abenteuerlichen Jugend für wenig geeignet hielt.

»Sehr interessant, sehr originell«, sagte die schöne Frau. Und ihre Augen von dem Torero abkehrend, versank sie in ein tiefes Sinnen, als ob sie etwas Unsichtbares betrachtete. »Der erste, wirkliche Mann!« rief Don José mit brutaler Begeisterung aus. »Glauben Sie mir, Doña Sol, es gibt keine zwei Burschen so wie diesen da. Und seine Widerstandsfähigkeit gegen Verwundungen!«

Voll Stolz auf die Kraft Gallardos zählte er, als wäre er dessen Vater, alle Verwundungen auf, die sein Held empfangen hatte, und beschrieb sie, als würde er sie durch die Kleider hindurchgehen. Die Augen der Hausfrau folgten ihm bei dieser anatomischen Exkursion mit aufrichtiger Bewunderung. Das war ein wirklicher Held: furchtsam, schüchtern und einfach, wie alle starken Männer.

Don José wollte aufbrechen, denn es war schon 7 Uhr vorbei und man erwartete ihn zu Hause. Doch Doña Sol stand auf und nötigte sie lächelnd zu bleiben. Sie würden mit ihr essen, es sei nur eine ganz intime Einladung. Sie erwartete diesen Abend keine Gäste, der Marquis weilte mit seiner Familie auf dem Lande. »Ich bin allein, kein Wort mehr. Ich will es.« Und als ob ihr Befehl keinen Widerspruch duldete, verließ sie das Zimmer.

Don José protestierte, nein, er konnte nicht bleiben. Er war erst diesen Abend angekommen und seine Familie hatte ihn kaum gesehen. Außerdem sei er von zwei Freunden eingeladen worden. Doch was den Torero betreffe, so müsse er natürlich annehmen. Denn in Wirklichkeit galt ja diese Einladung nur ihm.

»Bleib doch,« sagte Gallardo ganz ängstlich, »laß mich nicht allein. Ich weiß ja gar nicht, was ich tun oder reden soll.«

Nach einer Viertelstunde kehrte Doña Sol zurück, diesmal in Gesellschaftstoilette ohne die exotische Nachlässigkeit, mit welcher sie ihre Besucher empfangen hatte. Don José beteuerte aufs neue, nicht bleiben zu können. Bei Gallardo wäre es etwas ganz anderes. Er wolle seine Familie benachrichtigen, ihn heute abends nicht zu erwarten. Wieder machte Gallardo eine ängstliche Gebärde, beruhigte sich aber unter dem Blicke seines Freundes. »Keine Angst,« sagte dieser leise bei der Tür, »glaubst du, dass ich ein Tölpel bin? Ich werde sagen, dass du mit einem Bekannten aus Madrid speise.«

Die Qual, welche der Torero in den ersten Augenblicken der Mahlzeit empfand, lässt sich schwer beschreiben. Die gediegene und herrschaftliche Pracht des Speisezimmers, in welchem die beiden sich zu verlieren schienen, obwohl sie einander gegenüber in der Mitte des großen Tisches neben dem hohen silbernen Leuchter saßen, drückte ihn nieder. Die Diener flößten im mit ihrem eindrucksvollen Gehaben, ihrem gemessenen, unpersönlichen Wesen, das offenbar durch die unwahrscheinlichsten Launen ihrer Herrin nicht aus der Ruhe gebracht werden konnte, Bewunderung ein. Er schämte sich über sein Äußeres und sein Betragen, da er den starken Gegensatz zwischen seiner Umgebung und sich selbst empfand.

Doch langsam schwand dieser Eindruck von Furcht und Befangenheit. Doña Sol lachte über seine Zurückhaltung beim Essen und über die Ängstlichkeit, mit welcher er Schüsseln und Becher berührte. Gallardo bewunderte sie immer mehr. Gewohnt an die Ziererei und Enthaltsamkeit der Damen, welche er bis jetzt kennen gelernt hatte und welche es für unschicklich hielten, viel zu essen, staunte er nun über den gesunden Appetit der Doña Sol und über die Hingebung mit welcher sie sich dem Mahle widmete. Ein Bissen nach dem anderen verschwand hinter diesen rosigen Lippen, ohne eine Spur zu hinterlassen, ihre Kinnbacken arbeiteten, ohne daß diese Bewegung die Schönheit ihres Antlitzes beeinträchtigte. Sie hob das Glas an ihre Lippen, ohne diese auch nur mit einem Tropfen zu benetzen. Solche Bewegungen konnten sicherlich nur Göttinnen eigen sein.

Ermutigt durch ihr Beispiel, aß Gallardo fest drauf los und verlegte sich vor allem auf das Trinken, da er in der Auswahl der schweren Weine ein Mittel sah, seine Ungelenkigkeit und Schüchternheit, welche ihm nur ein Lächeln und ein linkisches »Danke« erlaubten, abzulegen.

Die Konversation wurde lebhafter. Der Stierkämpfer, der sich langsam angeregt fühlte, sprach von den glücklichen Zufällen des Torerolebens, erzählte die Eigenheiten des National und seines Picadors Potaje und Doña Sol hörte lächelnd diese Details aus dem Leben der Männer an, welche beständig dem Tode ins Antlitz schauen und die sie schon seit langem aus der Ferne bewundert hatte.

Der Champagner brachte Gallardo völlig aus seiner Reserve heraus, und als er sich vom Tisch erhob, reichte er seiner Dame den Arm, während er innerlich über seine eigene Kühnheit staunte. Tat man es nicht so in der vornehmen Welt? Er war doch nicht so ungebildet, wie er es auf den ersten Blick zu sein schien.

In dem Salon, wo man ihnen den Kaffee kredenzte, sah der Torero eine Gitarre, die gleiche ohne Zweifel, auf welcher der alte Lechuto seine Stunden gab. Doña Sol reichte sie ihm hin und bat ihn, ihr etwas vorzuspielen.

»Ich kann nicht spielen. Außer Stiere töten kann ich nichts.«

Beide blieben schweigend sitzen, Gallardo auf einem Sofa, die dicke Havanna paffend, welche ihm ein Diener angeboten hatte. Doña Sol rauchte eine ihrer Zigaretten, deren Duft sie in eine Art von Betäubung versetzte. Die Schwere des genossenen Mahles lastete auf dem Torero, verschloß ihm den Mund und erlaubte ihm kein anderes Lebenszeichen als ein steifes, gekünsteltes Lächeln.

Müde von diesem andauernden Schweigen, in welchem sich ihre Worte verloren, setzte sich Doña Sol an das Klavier und entlockte den Tasten die heitere Weise eines Tanzliedes.

»Oh, das ist schön, sehr schön«, sagte der Torero, seine Lässigkeit überwindend. Nach dem Tanz kam ein Lied aus Sevilla und andere andalusische, melancholische, orientalische Weisen, welche Doña Sol als eine Eigenheit des Landes gesammelt hatte.

Gallardo unterbrach die Musik mit seinen Zurufen, als ob er in einem Konzertcafé wäre.

»Gefällt Ihnen diese Musik?« fragte die Hausfrau.

»Oh ja, sehr.« Gallardo hatte sich diese Frage zwar niemals selbst gestellt, doch war er augenscheinlich ein Freund solcher Weisen.

Doña Sol ging unmerklich vom schnellen Rhythmus der Volkslieder in eine langsamere, getragene Melodie über, welche der Stierkämpfer bei der Tiefe seiner musikalischen Kenntnisse als »Kirchenmusik« bezeichnete. Nun verhielt er sich still, er empfand ein angenehmes Vor-sich-Hinträumen, seine Augen schlossen sich, er fühlte, daß ihn dieses Konzert, wenn es noch länger dauerte, einschläfern würde. Um dem zu entgehen, betrachtete Gallardo das schöne Weib, das ihm den Rücken zukehrte. Was für ein Körper, heilige Mutter Gottes! Seine glühenden Blicke hafteten an dem Nacken, den ein Kranz goldiger, widerspenstiger Locken umspielte. Ein toller Gedanke schoß durch sein Hirn und hielt ihn mit dem Kitzel der Versuchung fest. »Was würde sie tun, wenn ich aufstünde und sie auf den Nacken küßte?«

Doch gingen die Gedanken nicht über den Wunsch hinaus. Diese Frau flößte ihm eine unüberwindliche Achtung ein. Er erinnerte sich auch der Worte seines Vertreters, mit welcher Arroganz sie sich alle Zudringlichkeiten fern gehalten hatte und wie sie sich auf das Spiel verstand, jeden Mann wie eine Puppe tanzen zu lassen. Er verfolgte die Konturen des weißen Nackens, der wie ein Mond hinter goldenen Wolken durch den Nebel leuchtete, den ihm der Schlaf vor die Augen legten. Er wollte einschlafen und fürchtete, daß ein rauhes Schnarchen diese ihm unverständliche Musik, welche aber gleichwohl etwas Schönes sein mußte, stören würde. Er kniff sich in die Beine, um wach zu bleiben, streckte die Arme aus und bedeckte den Mund mit einer Hand, um das Gähnen zu ersticken.

Es verging eine lange Zeit und Gallardo war nicht sicher, sie schlafend oder träumend verbracht zu haben. Plötzlich vernahm er die Stimme der Doña Sol. Sie hatte ihre Zigarette bei Seite gelegt und sang leise die Melodien mit, welche sie auf dem Klavier spielte. Der Torero lauschte, um etwas zu verstehen, doch war das Bemühen vergeblich, sie sang Lieder in einer fremden Sprache. Zu dumm! Warum nicht einen Tango oder eine lustige Weise? Bei so ernster Musik sollte er wach bleiben!

Doña Sol legte die Finger auf die Tasten. Während ihre Augen in die Höhe blickten, senkte sich das Haupt nach rückwärts und ihre Brust hob sich beim Atmen. Sie sang Elsas Klage, die Sehnsucht der blonden Frau nach dem fernen Beschützer, der, unbesiegbar für die Männer, süß und furchtsam vor den Frauen war.

Sie sang nun mit voller Stimme und erfüllte die Worte mit dem Hauche der Leidenschaft, während ihre Augen in rührender Hingebung leuchteten. Der starke und doch so unbeholfener Mann, der Krieger, war diesmal hinter ihr. Er entsprach nicht dem Bilde des anderen, er war rauh und schwerfällig. Doch sah sie mit der Klarheit ihres willensstarken Gedächtnisses die Kühnheit, mit welcher er ihr vor einigen Tagen zu Hilfe gekommen war, die lächelnde Zuversicht, mit der er das wütende Tier hingehalten hatte, genau so, wie andere Helden mit dem Drachen kämpften. Ja, es war »ihr« Krieger.

Und durchbebt vom Scheitel bis zur Sohle von einer wollüstigen Furcht, sich schon im Voraus für besiegt erklärend glaubte sie, die süße Gefahr zu erraten, welche sich ihrem Nacken näherte. Sie sah den Helden, den Paladin, wie er sich langsam vom Sofa erhob, die leuchtenden Augen auf sie gerichtet. Sie hörte seinen vorsichtigen Schritt, sie fühlte, wie sich seine Hand auf ihre Schultern legte, ein feuriger Kuß als Beweis seiner Leidenschaft ihren Nacken versengte und sie zu seiner Sklavin machte ... Doch sie sang zu Ende, ohne daß dergleichen geschah, ohne daß sie auf ihrem Rücken etwas anderes verspürte, als das Schaudern ihres furchtsamen Begehrens.

Enttäuscht über diese Achtung, ließ sie die Akkorde ausklingen. Ihr Krieger saß in der Sofaecke und versuchte es das vierte Mal, mit einem Zündholz das Feuer seiner Zigarre zu erneuern, wobei er die Lider aufriß, um sich gegen seine Betäubung zu wehren.

Als Gallardo ihre Augen auf sich gerichtet sah, sprang er auf die Füße. Ah, der letzte Augenblick war gekommen. Der Held war im Begriffe, sich ihr zu nähern, sie mit Leidenschaft zu umschlingen, sie im Sturme wilder Begierde zu bezwingen ...

»Gute Nacht, Doña Sol. Ich gehe, es ist schon spät, Sie werden sich ausruhen wollen.«

Unter dem Eindrucke der Überraschung und des Unwillens sprang sie gleichfalls auf, und ohne zu wissen, was sie tat, streckte sie ihm die Hand entgegen. Ungeschickt und einfältig wie ein Held! Blitzschnell übersah sie noch einmal alles, was die Frau nach geschriebenem und ungeschriebenem Gesetze auch in den Augenblicken der größten Hingabe beobachten oder unterlassen mußte. Ihr Wunsch war unerfüllbar ... noch dazu beim ersten Besuche. Und konnte sie ihm entgegen kommen? ... Doch als sie dem Torero die Hand reichte, blickte sie in seine Augen, die sie mit leidenschaftlicher Starrheit betrachteten und in ihrer stummen Beharrlichkeit alle ihre furchtsamen Hoffnungen, ihre stillen Wünsche zum Ausdruck brachten.

»Nein, geh' nicht fort. Komm ...«

Und sie sagte nicht mehr ...

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